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Über Dummheit (Teil 1)

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Veröffentlicht von in Theologie zum Weiterdenken · 21 November 2021
Tags: VerstockungWeisheitSchöpfungTat_und_FolgeMacht

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Über Dummheit (Teil 1)
Klaus Straßburg | 21/11/2021

Über die menschliche Vernunft, über unsere Intelligenz, wie man sie fördern und testen kann, und über den allgemeinen, besonders technischen Fortschritt wird viel geredet und geschrieben. Aber wenig hört und liest man über die menschliche Dummheit. Woran mag das liegen?

Vielleicht daran, dass wir die Gattung Mensch doch lieber in ein helles Licht rücken als in ein dunkles. Unsere eigene Dummheit passt nun mal nicht in ein helles Licht. Wenn es sie schon geben muss, dann möge sie lieber im Dunkeln bleiben ...

Trotzdem hat sich die Neue Zürcher Zeitung in einem längeren Artikel der Dummheit gewidmet. Dort schreibt Lea Haller:

Für die pathologischen Ausprägungen der Dummheit – die realen kognitiven Beeinträchtigungen und den Wahnsinn – sind je eigene professionelle Einrichtungen zuständig. Wir haben, so scheint es, das Dummheitsrisiko mit Vollkasko abgesichert. Ja, wir halten uns gern für so überaus vernünftig, dass wir über unsere Vorfahren lachen, die noch nicht so gescheit waren wie wir. Die bei ihren Flugversuchen mit Holzflügeln von Kirchtürmen sprangen, der Schwerkraft folgend direkt in den Tod. Die mit schlechter Ausrüstung in hoffnungslose Kriege zogen. Die Amerika für Indien hielten. Heute wissen wir alles besser. [1]

Dagegen setzt Haller die provozierende Aussage:

Insgesamt hat die Dummheit über die Jahrhunderte, so unsere Hypothese, weder zu- noch abgenommen.

Es ist gefährlich, sich über die Dummheit zu äußern. Denn dadurch versetzt man sich selbst an einen Ort oberhalb der Dummheit: Man hält sich selbst für klug. Das könnte hochmütig sein:

Hast du den gesehen, der sich selbst für klug hält? Für einen Dummen gibt's mehr Hoffnung als für ihn.
(Spr 26,12. Alle Bibelzitate sind aus der BasisBibel, die Torheit und töricht meist mit Dummheit und dumm übersetzt.)

Überheblichkeit steht vor dem Zusammenbruch, und Hochmut kommt vor dem Fall.
(Spr 16,18)

Der zweite Teil des Verses ist sprichwörtlich geworden. Jesus schließlich hat davor gewarnt, den Mitmenschen mit dem Schimpfwort „Hohlkopf, Dummkopf", heute würden wir sagen „Vollpfosten", zu verunglimpfen:

Wer zu seinem Bruder oder seiner Schwester „Du Dummkopf" sagt, gehört vor den jüdischen Rat
(Mt 5,22)

Wir versuchen also, uns der Dummheit zu nähern und dabei dem Hochmut und der Verunglimpfung aus dem Weg zu gehen.

Ich habe dabei so viel Material zusammengetragen, dass ich den Artikel in zwei Teile aufgeteilt habe. In diesem ersten Teil geht es vor allem darum, was Dummheit eigentlich ist und wie sie mit Massenbewegungen zusammenhängt. Der zweite Teil behandelt die Fragen, wie man Dummheit begegnen kann und wo sie sich gegenwärtig konkret zeigt.


1. Dummheit im Alten Testament

Vor allem die sogenannten Weisheitsschriften des Alten Testaments sprechen von Torheit / Dummheit und dem törichten / dummen Menschen. Dagegen wird die Weisheit und der weise Mensch gesetzt. Zu den Weisheitstexten zählen Hiob, Sprüche, Prediger und einige Psalmen; in der katholischen Bibel zusätzlich das Buch Jesus Sirach. Die Texte stammen von Menschen, die sich viele Gedanken über das Leben in der Welt gemacht haben, die genau beobachtet und Erfahrungen gesammelt und daraus Lebensregeln entworfen haben. Sie waren die Weisen der alttestamentlichen Zeit.

Die Weisheitsschriften gehen davon aus, dass der Schöpfer seiner Schöpfung Ordnungen eingestiftet hat, die es zu erkennen gilt und nach denen man sich ausrichten sollte. Wer das tut, dem wird es in der Regel gut gehen; wer es nicht tut, dem ergeht es in der Regel schlecht. Der dumme Mensch wird so beschrieben, dass er nicht fähig oder bereit ist, sich in diese von Gott gesetzten Ordnungen der Schöpfung einzufühlen und einzufügen.

Das führt dazu, dass dem dummen Menschen weder an Wahrheit noch an Weisheit und Bildung liegt (Spr 18,2; 1,7). Weil er meint, schon alles zu wissen, wiegt er sich in falscher Sicherheit (Spr 1,32b) und lässt sich keinen Rat geben (Spr 12,15). Aus diesem Hochmut heraus hält der Dumme alle anderen für dumm (Pred 10,3), redet schlecht über sie (Spr 11,12) und verleumdet sie (Spr 10,18b). Er redet unbeherrscht und unüberlegt daher (Spr 14,17; 29,20).

Wie kommt es zu diesem dummen Verhalten? Die Dummheit entsteht dadurch, dass sich ein Mensch nicht auf die naheliegende Weisheit konzentriert, die Gott der Schöpfung eingestiftet hat:

Einem Klugen steht die Weisheit vor Augen. Doch der Blick des Dummen schweift in die Ferne.
(Spr 17,24)

Man könnte auch sagen: Dummheit ist ein Mangel an Realismus. Daraus folgt, dass der dumme Mensch sich selber täuscht:

Die Weisheit besteht bei einem klugen Menschen darin, über seinen Lebensweg nachzudenken. Die Dummheit aber führt bei dummen Menschen dazu, sich selbst zu belügen.
(Spr 14,8)

Hinzu kommt, dass der dumme Mensch leichtgläubig, also leicht manipulierbar und verführbar ist, wenn „Frau Dummheit" mit viel Lärm und Getöse auf ihn einredet (Spr 9,13-18; 14,15).

Diese innere Haltlosigkeit des Dummen kann dazu führen, dass er unbelehrbar und seine Dummheit durch nichts zu beseitigen ist:

Rede nicht auf einen dummen Menschen ein! Denn er weiß deine klugen Worte nicht zu schätzen.
(Spr 23,9)

Du kannst einen Dummen hart anpacken, so wie man Körner in einem Mörser zerstößt – seine Dummheit wird er trotzdem nicht los.
(Spr 27,22)

Dummheit ist sogar lebensgefährlich; sie kann tödlich enden:

Ein Dummer redet sich um Kopf und Kragen. Was er sagt, wird ihm selbst zur tödlichen Falle.
(Spr 18,7)

Im Tiefsten aber gründet Dummheit in der Ablehnung Gottes.

Die Ehrfurcht, mit der man dem HERRN begegnet, steht am Anfang von allem Wissen. Nur Dummköpfe schätzen Weisheit und Bildung gering.
(Spr 1,7)

Dumme Menschen sprechen in ihrem Herzen: „Es gibt keinen Gott!" Sie handeln abscheulich und verkehrt. Es ist niemand da, der etwas Gutes tut.
(Ps 14,1)

Der Dumme ist dem Theologen Gerhard von Rad zufolge ein – durchaus intelligenter – Mensch, der sich gegen eine Wahrheit stellt, die ihm in der Schöpfung begegnet. Er vertraut sich der heilsamen Ordnung der Schöpfung nicht an, sondern sucht seinen Halt anderswo, so dass sich die Gesetze der Schöpfung schließlich gegen ihn wenden. Trotz seiner Gläubigkeit folgt dieser Mensch in seinem Verhalten einem „praktischen Atheismus". [2]


2. Dummheit im Neuen Testament

Das griechische Wort für „dumm" meint „unvernünftig". Der Dumme ist also der Unvernünftige. Das ist etwas anderes als ein Mangel an Intelligenz: Auch ein intelligenter Mensch kann unvernünftig handeln.

Die Evangelien berichten, Jesus habe diejenigen als dumm bezeichnet, die seine Worte hören, aber nicht befolgen (Mt 7,24-27), die also etwas Heilsames wissen, aber nicht diesem Wissen entsprechend handeln. Außerdem sind diejenigen dumm, die nicht genug Geduld beim Warten auf das vollendete Reich Gottes aufbringen und deshalb, als das Reich dann kommt, nicht bereit für es sind (Mt 25,1-13). Es geht also um Menschen, die dem Reich Gottes durchaus positiv gegenüberstehen, aber angesichts seines Ausbleibens seiner müde und lustlos werden und ihre Lebenspraxis auf die Dauer nicht danach ausrichten. Als das Reich Gottes dann kommt, ist es zu spät für sie. Schließlich bezeichnet Jesus den als dumm, der sein Wohlergehen durch materielle Güter sichern will und dabei vergisst, sein Wohl in einer vertrauensvollen Gottesbeziehung zu suchen (Lk 12,20).

Fasst man das zusammen, kann man vielleicht sagen, dass Jesus eine Diskrepanz, eine Unstimmigkeit zwischen Wissen und Tun, Glaube und Lebenspraxis erkannte. Diese Diskrepanz hat ihren Grund darin, dass die tägliche Wirklichkeit mit ihren „harten Fakten" (gesellschaftliche, materielle und psychische) sich in den Vordergrund drängt und ein der Zukunft Gottes angemessenes Verhalten verhindert.

Noch einmal anders nähert sich Paulus dem Phänomen der Dummheit. Für ihn steht die Botschaft vom gekreuzigten Jesus Christus im Mittelpunkt. Wie diese Botschaft bei den Menschen ankommt, beschreibt er in 1Kor 1,18.20.22f:

Die Botschaft vom Kreuz erscheint denen, die verloren gehen, als eine Dummheit. Aber wir, die gerettet werden, erfahren sie als Kraft Gottes. [...] Wo sind jetzt die Weisen, wo die Schriftgelehrten, wo die wortgewaltigen Redner unserer Zeit? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt als Dummheit entlarvt? [...] Die Juden wollen Zeichen sehen. Die Griechen streben nach Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus, den Gekreuzigten: Das erregt bei den Juden Anstoß und für die anderen Völker ist es reine Dummheit.

Der Glaube an einen gekreuzigten Gott scheint tatsächlich eine große Dummheit zu sein – eine unsinnige Botschaft. Einen Gott stellt man sich immer stark und mächtig vor. Dass Stärke auch darin bestehen kann, dass Gott die Menschen trotz ihrer Bosheit leben lässt und lieber unter ihrer Bosheit leidet, als ihnen den Garaus zu machen – das kann von denen, die sich einen Gott nur unverletzlich und strafend vorstellen können, nicht verstanden werden.

Die Klugheit der so viel wissenden Weisen, der schriftgelehrten Theologen und der überzeugenden Redner wird angesichts der Weisheit Gottes zur Dummheit. Es geht bei Gottes Weisheit nicht um das, was allgemein als klug, erwiesen, unbezweifelbar und unumgänglich erscheint. Es geht vielmehr um die Weisheit der Liebe, die schwach sein kann und gerade so stark ist.

Denn was an Gott als dumm erscheint, ist weiser als die Menschen. Und was an Gott als schwach erscheint, ist stärker als die Menschen.
(1Kor 1,25)

Das kann vom Menschen mit seinen natürlichen Fähigkeiten nicht erkannt werden: Er hält das Göttliche für Dummheit. Vernunfterkenntnis ohne Gotteserkenntnis, menschlicher Geist ohne Gottes Geist führen in die Irre:

Der Mensch nimmt mit seinen natürlichen Fähigkeiten nicht das an, was vom Geist Gottes kommt. Er hält es für Dummheit und kann damit nichts anfangen. Denn nur mithilfe des Heiligen Geistes kann es richtig eingeschätzt werden.
(1Kor 2,14)

Während Jesus also die Diskrepanz zwischen Wissen und Tun in den Blick nimmt, betont Paulus die Diskrepanz zwischen menschlicher und göttlicher Weisheit. Während die menschliche Weisheit nicht nur in ihrem Wissen, sondern auch in ihrem Tun gebrochen ist, begründet die göttliche Weisheit mit ihrem Leiden um der Liebe willen das kluge und weiterführende Wissen.


3. Dummheit und Vernunft

Immanuel Kant (gest. 1804), der Philosoph der aufgeklärten Vernunft, hat Dummheit so definiert:

Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen. [3]

Wie aber entsteht ein Mangel an Urteilskraft? Ist es nur ein Problem des vernünftigen Denkens?

Dietrich Bonhoeffer (gest. 1945) hat sich Ende 1942, unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Herrschaft, im Gefängnis Gedanken über die Dummheit gemacht:

Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. [...] Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. (S. 17) [4]

Bonhoeffer sieht also das Hauptproblem nicht in der prinzipiellen Unfähigkeit eines Menschen, vernünftig zu denken, sondern in der Gefahr, dass er unter bestimmten Umständen leicht zur Dummheit verführt werden kann und sich verführen lässt.

Der Sozialpsychologe Harald Welzer hingegen führt Dummheit auf eine naturgegebene menschliche Konstante zurück, die dann auch die Gefahr in sich birgt, sich von Massenbewegungen verführen zu lassen:

Dummheit hat auch nicht das Geringste mit geringer formaler Bildung zu tun, genauso wenig mit mangelnder Intelligenz. [...] Dummheit ist quantitativ eine Konstante, etwa 20 Prozent der Menschen sind in diesem Sinn dumm. [...] Dummheit erhöht die Wahrscheinlichkeit des Mitlaufens, des Nicht-selbst-Denkens [...] Und Gruppen- oder gar Massensituationen sind schlecht für Differenzierung und Urteilskraft, aber gut für Dummheit in allgemeiner Übereinstimmung – Sigmund Freud spricht von einer „kollektiven Intelligenzhemmung", die in der Masse entsteht. Und Dummheit paart sich auch gern mit der Verachtung für alle, die anders sind. (S. 248f) [5]

Der Mensch scheint also besonders dadurch verführbar zu sein, dass er von einer Gruppe oder Massenbewegung beeinflusst wird, der er sich anschließt.


4. Dummheit und Masse

Massenbewegungen gab es in der Geschichte immer. Die einfachste Art, Massenbewegungen zu schaffen, aber auch, sich ihnen anzuschließen, scheint mir aber durch das Internet gegeben zu sein. Man braucht sich gar nicht irgendwohin zu begeben, wo sich eine Gruppe Gleichgesinnter trifft, sondern mit ein paar Klicks ist man bereits in der Gruppe drin und wird immer denselben Meinungsäußerungen ausgesetzt.

Die Soziologie weiß darum, dass ein Mensch, der einer Gruppe zugehört, die Verhaltens- und Denkweisen dieser Gruppe übernehmen wird. Er kann gar nicht anders, solange er sich in dieser Gruppe aufhält. Um sich dem zu entziehen, müsste er schon die bewusste und schwer zu erringende Entscheidung treffen, aus dieser Gruppe auszutreten. Das gelingt nur wenigen.

Doch was ist das Faszinierende daran, einer Masse anzugehören? Schon 1895 schrieb der französische Arzt Gustave Le Bon in seinem Buch Psychologie der Massen:

In den Massen verlieren die Dummen, Ungebildeten und Neidischen das Gefühl ihrer Nichtigkeit und Ohnmacht; an seine Stelle tritt das Bewusstsein einer rohen, zwar vergänglichen, aber ungeheuren Kraft. [6]

Le Bon fügte an, eine Menschenmasse sei leicht verführbar durch charismatische Führerpersönlichkeiten und neige zu irrationalem und gewalttätigen Verhalten. Dieses zerstörerische Verhalten meinte auch Elias Canetti, als er 1960 in Masse und Macht darauf hinwies, dass sich die Energie der Masse in der Gewalt entladen müsse. Von der „Entladung" gilt:

Sie ist der Augenblick, in dem alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen. [6]

Somit bestünde der Reiz der Gruppenzugehörigkeit darin, die eigene Ohnmacht durch Macht zu ersetzen, indem man sich der Kraft einer Gruppe anschließt. Diese Kraft besteht darin, dass man nicht mehr alleine steht, sondern sich mit vielen anderen zusammen derselben Sache verschrieben hat. Man fühlt sich nicht als vereinzeltes Individuum, das in der Masse unterschiedlicher Menschen bedeutungslos ist und unterzugehen droht. Stattdessen ist man in der Gruppe ein Gleicher unter Gleichen, jemand, der Bedeutung hat, etwas verändern kann und so seinem Leben Sinn zu geben vermag.

Wir erleben das alle in den Gruppen, denen wir uns zugehörig fühlen. Als soziale Wesen können wir nicht allein existieren. Wir brauchen die Gruppe, in der wir uns aufgehoben fühlen und die uns Orientierung bietet. Die Aufgabe besteht aber darin, sich trotz der Gruppenzugehörigkeit eine gewisse Eigenständigkeit zu bewahren, das Selber-Denken nicht einzustellen, die Gruppenmeinungen und -prozesse auch mit kritischem Blick würdigen zu können und im Extremfall auch der Gruppe den Rücken zu kehren.

Dummheit wird also gefährlich, wenn sie Macht entfalten kann. Kommt noch ein intelligentes Verhalten der Dummen dazu, dann ist die größte Gefahr gegeben. So schrieb der österreichische Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal (gest. 1929) im Buch der Freunde:

Die gefährlichste Sorte von Dummheit ist ein scharfer Verstand. [7]

Dietrich Bonhoeffer hat seine Erfahrungen so zusammengefasst:

Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei [...] der, [...] daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. [...] Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. (S. 17f)

Bonhoeffer stand unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Herrschaft, die in weiten Teilen des deutschen Volkes begrüßt und bejubelt wurde. Heute gibt es andere autoritäre Kräfte, die, wenn Bonhoeffer recht hat, die Dummheit von Menschen brauchen, um ihre Macht überhaupt entfalten zu können.

Nicht wenige Menschen scheinen sich lieber bequem den Aussagen anderer anzuschließen, als sich die Mühe zu machen, selber zu denken und die politische Situation zu analysieren oder religiöse Äußerungen zu überprüfen. Sie würden das natürlich vehement ablehnen und behaupten, sie hätten ihren Standpunkt durch eigenes Nachdenken gewonnen. Niemand wird zugeben, dass er „seine innere Selbständigkeit" verloren habe. Niemand wird zugestehen, er bewege sich in einer Blase, sei verblendet und „zum willenlosen Instrument geworden". Und es wird uns wohl auch nicht möglich sein, dies nachzuweisen – wir müssten ja dem anderen ins Gehirn schauen können.

Es ist ein Teil der Verblendung, sie nicht als solche zu erkennen. Sigmund Freud drückte es so aus:

Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt. [8]

Der Theologe und Philosoph Ivan Illich (gest. 2002) hat sogar behauptet, in einer dem Wahn verfallenen Gesellschaft kämpfe der Mensch darum, Teil dieses Wahns zu sein:

Wenn Verhalten, das zum Wahnsinn führt, in einer Gesellschaft als normal gilt, lernen die Menschen um das Recht zu kämpfen, sich daran zu beteiligen. [8]

Wenn das stimmt: Wie kann man dann der Dummheit begegnen? Gibt es überhaupt eine Chance, in der Dummheit befangene Menschen davon zu überzeugen, dass sie in einem Irrtum, einem Wahn gefangen sind?

Der zweite Teil dieses Artikels, der demnächst erscheint, wird sich diesen Fragen widmen und außerdem Dummheit in aktuellen Problemlagen aufdecken.


Anmerkungen:
[1] Lea Haller: Die vielen Gesichter der Dummheit.
[2] Gerhard von Rad: Weisheit in Israel, S. 90f.379.
[3] Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, A 133 / B 172. Zitiert nach Wikiquote.
[4] Alle Bonhoeffer-Zitate aus: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft.
[5] Alle Welzer-Zitate (soweit nicht anders vermerkt) aus: Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens.
[6] Zitiert nach Lea Haller: Die vielen Gesichter der Dummheit.
[7] Hugo von Hoffmannsthal: Buch der Freunde. Insel-Verlag, Leipzig 1922, S. 53. Zitiert nach Wikiquote.
[8] Zitiert nach Welzer: Alles könnte anders sein, S. 72.


Literatur:
  • Bonhoeffer, Dietrich: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Herausgegeben von Eberhard Bethge. Neuausgabe. Chr. Kaiser Verlag, 3. Aufl. München 1985.
  • Haller, Lea: Die vielen Gesichter der Dummheit. "NZZ Geschichte" Nr. 33 vom 1. April 2021.
  • von Rad, Gerhard: Weisheit in Israel. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1992.
  • Welzer, Harald: Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. S.Fischer Verlag, 2. Aufl. Frankfurt am Main 2020.
  • Welzer, Harald: Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021.


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2 Kommentare
Michael Kröger
2021-11-22 21:49:06
Hallo Klaus,

danke für deinen sehr informativen Überblick über die vielen Ausdrucksweiesen menschlicher Dummheit. Zu deiner Frage am Ende, wie man heute den vielen Menschen begegnen soll, die in ihrer Form der "Dummheit", also den Blasen ihrer geschlossenen Weltbilder gefangen sind, möchte ich auf die Systemtheorie verweisen. Der bekannte Soziologe Armin Nassehi hat gerade in der SZ (v. 19.11.2021, S. 6) darauf hingewiesen, dass biologische und soziale Systeme per se konservativ strukturiert seien. Gerade in offensichtlichen gesellschaftlichen Krisenmomenten wie heute neigen Menschen umso mehr dazu, an ihren alten Gewohnheiten, Vorurteilen und Trägheiten ängstlich festzuhalten. Es ist für uns offensichtlich sehr schwer aus diesen mentalen Routinen und alten Gewohnheiten auszubrechen. Die Idee, dass wir, indem wir etwa beim Impfen nicht nur an uns, sondern auch an alle Anderen unserer Gemeinschaft denken, ist offenbar kein allgemeines Zeichen für eine Klugheit bzw. Dummheit, sondern gibt uns nur Aufschluss darüber wie wir mit unseren jeweils eigenen Lernmöglichkeiten umgehen. Jede/r kann die "Dummheit", in die sie/er hingeraten ist, durch eine aktive Abweichung von eigenen, alten Gewohnheiten wieder "ausgleichen". Das fragile Verhältnis zwischen Klugheit und Dummheit ist also viel "skalierbarer" und wechselseitiger angelegt als wir wohl bisher gedacht haben ...

In diesem Sinne mit besten Grüßen und in der Hoffnung auf eine kollektiv zunehmende Klugheit ...

Michael Kröger



2021-11-23 10:58:58
Hallo Michael,

vielen Dank für deine interessanten Hinweise aus soziologischer Sicht. Es leuchtet mir unmittelbar ein, dass Menschen in Situationen, in denen sich viel verändert, also das Alte in die Krise gerät, gerade an dem Alten, Gewohnten und in ihrer Sicht Bewährten festhalten. Das ist wahrscheinlich eine natürliche Reaktion, weil das Alte bekannt und handhabbar, das Neue und Krisenhafte aber unbekannt und darum nicht handhabbar ist.

Die Frage ist, wie ich es schaffe, mich auf das Unbekannte und meiner Planung Entziehende einzulassen. Ich denke, hilfreich ist dabei in jedem Fall die Einsicht, dass ich mein Leben immer nur bedingt planen und steuern kann und letztlich "von guten Mächten wunderbar geborgen" bin, so dass ich mich auch auf Neues und für mich nicht Überschaubares einlassen kann. Dummheit würde dann durch Gottlosigkeit begünstigt.

Viele Grüße
Klaus
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