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Ein christlicher, weiser Mann

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie aktuell · 23 Januar 2021
Tags: WeisheitEthikWahrheitAutoritätOrientierungSegenHoffnungPolitik

T h e o l o g i e   a k t u e l l
Ein christlicher, weiser Mann
Klaus Straßburg | 23/01/2021

Er bekennt sich als katholischer Christ und ist ein regelmäßiger Kirchgänger. Einen Rosenkranz trägt er wohl immer bei sich. Manchmal betet er ihn sogar in der Öffentlichkeit. Er ist fast 80 Jahre alt, und wenn er spricht, langsam, dann wägt er seine Worte und wirkt wie ein alter weiser Mann. Was er sagt, will zusammenbinden und Hoffnung machen. Er wirbt für Respekt, Toleranz, Miteinander und Wahrheit und betont das "Wir". Nicht um Ruhm und Ehre geht es ihm, auch nicht um Macht, sondern um das Wohl aller, an dem alle mitwirken sollen. Größe sieht er in Liebe und Güte.

Vor drei Tagen wurde Joe Biden in das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika eingeführt. Ich habe seine Antrittsrede gelesen und mich ein wenig über ihn informiert. Was ich gelesen habe, hat mich beeindruckt.

In seiner Antrittsrede zitierte der Präsident eine Aussage des Kirchenvaters Augustinus (354-430), der gesagt habe, „ein Volk werde bestimmt durch die Dinge, die alle seine Mitglieder lieben." Als diese Dinge nannte Biden: „Chancen, Sicherheit, Freiheit, Würde, Respekt, Ehre, und ja, die Wahrheit."

Manche dieser Worte, wie "Würde" und "Ehre", werden, wenn ich es richtig sehe, immer weniger gebraucht und wirken geradezu wie aus der Zeit gefallen. Freiheit scheint etwas Selbstverständliches zu sein. Wahrheit hingegen hat es schwer, sich gegen Unwahrheit, die sich als Wahrheit ausgibt, zu behaupten. In der postmodernen Gesellschaft, in der man glaubt, was gefällt, muss über Wahrheit und Unwahrheit gar nicht mehr entschieden werden.

So geht die letzte Orientierung verloren und es gibt nur noch eine Schein-Orientierung. Wozu das führt, wurde uns in den letzten Jahren vor Augen geführt.

Wenn Jesus Christus die Wahrheit ist, dann ist die Lüge die große Infragestellung dieser Wahrheit; keine Lappalie, keine hinnehmbare Täuschung, kein verzeihlicher Fehltritt, sondern ein Widerspruch zu Jesus Christus. Die Wahrheit sagen würde bedeuten: Jesus Christus sagen. Die Lüge sagen würde bedeuten: Jesus Christus verleugnen.

Die Wahrheit verbindet, die Lüge spaltet. Joe Biden hat die Einigkeit des amerikanischen Volkes beschworen. Einigkeit kann es nicht geben, wenn die Lüge herrscht. Wissen wir, was wir tun, wenn wir lügen? Biden sagte: „Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich immer ehrlich zu Ihnen sein werde."

Was für ein Versprechen für einen Politiker! Ich kann es kaum glauben, dass das möglich ist. Auch das Verschweigen, auch die halbe Wahrheit ist ja eine Lüge. Kann er sein Versprechen halten? Ich wünsche es ihm von Herzen.

Einigkeit gibt es nur im Hören aufeinander. Auch das hat Biden eingefordert. Er, der selbst früh Frau und Tochter durch einen Autounfall verloren hat und später seinen Sohn durch einen Gehirntumor, will auf die Leidenden unserer Zeit hören. Auf die, die unter der Pandemie, Arbeitsplatzverlust, Rassismus und Extremismus leiden. Und er will auf das Leiden unseres Planeten hören: „Auch der Planet selbst schreit zu uns, ein Überlebensschrei, der nicht verzweifelter oder deutlicher sein könnte."

Doch Biden bleibt nicht beim vielfältigen Leid stehen. In seiner Antrittsrede zitierte er Psalm 30 Vers 6b: „Den Abend lang währt das Weinen, aber des Morgens ist Freude." So machte er Hoffnung in einer der schwersten Krisen seines Landes.

Die Hoffnung kommt nicht aus uns, nicht aus unserem Engagement, unserem Gutsein, unserer Kraft. Die Hoffnung kommt wie nach dem nächtlichen Schlaf, nach dem Aufwachen. Sie kommt von dem, der uns aufwachen lässt und uns für den neuen Tag Kraft gibt, für die Erneuerung Engagement und für unsere Taten, dass Gutes aus ihnen entsteht. Darum hat der Präsident in seine Rede ein stilles Gebet für die Opfer der Pandemie und für Amerika eingebunden. Der mächtigste Mann der Welt betet.

Ein Gebet in einer politischen Rede – bei uns undenkbar, in Amerika möglich. Haben wir uns so weit vom Christlichen entfernt? Oder ist es in Amerika nur eine Show? Bei Biden habe ich nicht das Gefühl. Und bei manchen, nein: bei wenigen deutschen Politikerinnen und Politikern kann ich mir vorstellen, dass sie im Kämmerlein für ihre Arbeit und die Bevölkerung beten.

Im Rennen ums Weiße Haus betonte Biden immer wieder seine Nähe zu Papst Franziskus und zitierte ihn. Bezüglich Einwanderungspolitik, Solidarität mit den Armen und Klimawandel stimmt er weitgehend mit dem Papst überein. Allerdings setzt er sich für die Selbstbestimmung der Frauen in der Schwangerschaft ein. Selbstbestimmung auf Kosten des ungeborenen Lebens? Das ist schwierig. Daran ändert auch nichts, dass Biden betont, er persönlich lehne Schwangerschaftsabbrüche ab.

Der neue Präsident hat eine gewaltige Aufgabe. Zerstören ist viel leichter als Aufbauen, Spalten leichter als Zusammenführen. Er hat durch seine Rede die Erwartungen an sich nicht verringert, sondern noch hochgeschraubt. Das ist mutig. Ist es auch riskant? Ist es überhaupt einem Menschen möglich, das heillos zerstrittene Volk zusammenzuführen? Einem Menschen sicher nicht. Aber seinem, unserem Gott ist es möglich. Vielleicht war das Bidens Hintergrund: „Bei Gott sind alle Dinge möglich" (Mk 10,27).

Der jüdische Geigenvirtuose und Dirigent Yehudi Menuhin (1916-1999) sagte einmal: „Wir müssen für das Unerreichbare kämpfen." Er hat recht. Wer sich resigniert zurücklehnt, unterschätzt Gott. Wer tatendurstig nach vorne prescht, überschätzt sich selbst. Doch wer betet, bekommt Kraft für das Unerreichbare: „Alles ist möglich dem, der glaubt" (Mk 9,23).

Wir sollten in unseren Gebeten an Joe Biden denken. Er wird sie brauchen. Und wir brauchen einen weisen, christlichen US-Präsidenten.


Quellen:


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