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Wenn das Leben in der Welt des Todes aufblitzt ...

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Veröffentlicht von in Festzeiten · 29 März 2024
Tags: OsternLebenTodHoffnung

Wenn das Leben in der Welt des Todes aufblitzt ...
Wie ich das Sterben meiner Mutter erlebte
Klaus Straßburg | 30/03/2024

Kurz nach Weihnachten im letzten Jahr starb meine Mutter. Sie war über 90 Jahre alt und schon viele Jahre krank gewesen. Sie lebte aber dennoch zufrieden, und meistens sagte sie auch, dass es ihr gute gehe. Sie hatte keine Schmerzen und konnte mit ihrer Krankheit gut leben. Und als sie starb, blitzte für mich nicht etwa der grausige Tod auf, sondern im Gegenteil: das Leben.

Ostern ist ja das Fest des Lebens – nicht nur des Lebens nach dem Tod, sondern auch des Lebens hier und jetzt. Denn es geht beim Osterfest um den Sieg über den Tod, und dieser Sieg hat Auswirkungen auf unser gegenwärtiges Leben. Das, was wir von der Zukunft erwarten, bestimmt unser Leben schon jetzt. Und auch unser Sterben ist davon bestimmt, ob wir noch etwas danach erwarten oder nicht. Das wurde mir beim Sterben meiner Mutter anschaulich.


Überall kann das vom Tod ungestörte,
das ersehnte Leben aufblitzen

Bevor ich davon erzähle, möchte ich kurz daran erinnern: Jesus war am Kreuz gestorben. Danach erschien er aber seinen Jüngerinnen und Jüngern mehrfach als Lebendiger. Seitdem ist Ostern die christliche Feier des Sieges über den Tod. Der Tod hat nichts mehr zu sagen. Ja, das meine ich wirklich so. Der Tod macht sich zwar noch lautstark bemerkbar, fällt uns ins Wort, schreit uns vielleicht sogar an und gibt keine Ruhe. Aber es ist nur ein machtloses, wütendes Geschrei. Denn der Tod hat nicht mehr wirklich mitzureden. Er ist bereits besiegt und sein Ende ist besiegelt.

Wir alle möchten leben, möchten das Leben feiern. Aber immer wieder kommt uns der Tod in die Quere. Das Lebensfeindliche, das wir am liebsten aus der Welt verbannen würden, holt uns immer wieder ein. Es trägt unzählige Namen: Krieg, Krankheit, Schmerzen, Unrecht, Verachtung, Gewalt, Egoismus und viele mehr.

Und dennoch blitzt manchmal etwas auf von dem Leben, das wir ersehnen. Überall kann das vom Tod ungestörte, das ersehnte Leben aufblitzen: in der Liebe, im Glück, in der Freude über etwas, in der Kunst, im Erleben der Natur, in der gelungenen Feier und in vielem mehr. Für mich blitzte etwas vom Leben auf, als meine Mutter starb.


Sie blickte auf den gekreuzigten Jesus. Sie war schon
auf dem Weg zu dem hin, auf den ihr Blick sich richtete

Meine Mutter starb im letzten Jahr zwei Tage nach Weihnachten. Heiligabend war sie noch bei uns gewesen, war aber schon sehr schwach. Dann ging es schnell.

Am 27. Dezember legte sie sich ins Bett und atmete schwer. Der Arzt sagte, der Sterbeprozess habe eingesetzt. Als meine Frau und ich bei ihr ankamen, war sie nicht mehr ansprechbar. Ihre Augen waren halb geschlossen. Das schwere Atmen, das Ringen nach Luft hat mir am meisten zu schaffen gemacht.

Ich sprach mit ihr, aber sie reagierte nicht. Ihr Kopf war von mir abgewandt und zur Wand gerichtet. Ich fragte mich, warum sie sich nicht mir zuwendet. Warum blickte sie zur Wand statt zu mir?

Erst als wir wieder gingen, begriff ich: An der Wand hing ihr hölzernes Kruzifix. Sie blickte auf den gekreuzigten Jesus. Sie war schon auf dem Weg zu dem hin, auf den ihr Blick sich richtete. Sie hatte uns und die Welt schon hinter sich gelassen.

Meine Mutter war ihr Leben lang – ich sage mal dieses etwas verpönte und vielleicht auch missverständliche Wort: Sie war gläubig gewesen. Das trifft es einfach bei meiner Mutter. Ich kenne sie gar nicht anders. Ebenso war es mit ihrer Mutter, meiner Großmutter gewesen. Sie lebte, als ich klein war, bei uns im Haushalt und teilte mit mir das Zimmer. Meistens saß sie in der Küche und hatte vor sich die Bibel und das Gesangbuch. Darin las sie. Das waren ihre Kraftquellen. Abends, bevor sie ins Bett ging, kniete sie nieder und betete. Das hatte ich als Kind täglich vor Augen.

Meine Mutter und mein Vater gingen regelmäßig in den Gottesdienst und nahmen am Gemeindeleben teil. Sie sangen viele Jahrzehnte im Kirchenchor. Mein Vater war über dreißig Jahre lang in zwei Gemeinden Presbyter. Meine Mutter sang bei der Hausarbeit Kirchenlieder. Sie führte nicht ständig die Bibel im Mund, aber man merkte, dass die Bibel in ihr lebte. Der Glaube gehörte einfach zum Familienleben, ohne dass groß darüber geredet wurde. Er war ganz natürlich und selbstverständlich Bestandteil des normalen Lebens wie Essen und Trinken.

Mein Vater war übrigens eher atheistisch aufgewachsen. Aber durch meine Mutter hatte er den christlichen Glauben kennen und schätzen gelernt. Er besuchte, als sie ein Paar wurden, mit meiner Mutter zusammen die Gottesdienste. Er wehrte sich nicht dagegen, sondern ließ sich mitnehmen. So war er wohl in den Glauben hineingewachsen.


Mit dem festen Blick auf das Leben zu sterben –
das wünsche ich auch mir selbst

Ich nenne also meine Mutter gläubig im positiven Sinn. Der Arzt hatte gesagt, es könne noch einige Tage bis zu zwei Wochen dauern bis zu ihrem Tod. So blieben meine Frau und ich nicht über Nacht bei ihr. Doch am nächsten Morgen war sie tot. Als wir bei ihr ankamen, lag sie noch so im Bett, wie sie gestorben war. Ich hatte das Gefühl, dass ihr Kopf noch etwas weiter zur Wand hin geneigt war. Dorthin, wo Jesus am Kreuz hing.

Für mich war das eine sehr schöne und tröstliche Erfahrung. Es ist genau das, was ich ihr gewünscht hatte: dass sie im Glauben an Jesus sterben kann, und dass sie keinen langen Todeskampf durchstehen muss. Beides hat sich erfüllt.

Ich war nicht von großer Trauer erfüllt. In den Jahren ihrer Krankheit hatte ich schon mehrmals von ihr Abschied genommen. Jedes Mal, wenn ich sie nach einem Besuch verließ, wusste ich nicht, ob ich sie noch mal wiedersehen würde. Das habe ich mir immer bewusst gemacht. So war es ein Abschied über lange Zeit.

Im letzten Jahr wurde sie immer schwächer. Ich wusste, dass es nicht mehr allzu lange dauern würde. Mein einziger Wunsch war, dass sie nicht leiden muss.

So ist es dann auch gekommen. Das Kruzifix, das neben ihr über dem Bett hing, ist mir eine Erinnerung an ihr Sterben, in dem sie dem Leben entgegenging. Obwohl das Kruzifix nicht gerade meinem ästhetischen Geschmack entspricht, möchte ich es als Zeichen der Erinnerung in meinem Arbeitszimmer aufhängen. Mit dem festen Blick auf das Leben zu sterben – das wünsche ich auch mir selbst.


Wir feierten im Angesicht des Todes – das Leben

Die Beerdigung fand einige Tage später zu Beginn dieses Jahres statt. Ich wollte keine traurige Feier. Ich finde die meisten Beerdigungen bei uns zu sehr von Todestrauer und zu wenig von Lebenshoffnung geprägt. Ich kann das verstehen, wenn der Verlust sehr groß ist. Denn es kann für die Zurückbleibenden ein unerträglicher Zustand sein, nun ohne den verstorbenen lieben Menschen Leben zu müssen. Darüber hinaus steht uns, wenn jemand stirbt, immer auch unser eigener Tod vor Augen, und der macht uns gehörig Angst.

Bei meiner Mutter wollte ich die Trauerfeier nicht todtraurig haben. Der Organist sollte nicht zu traurig spielen, der Pastor vom Leben predigen. Ich hatte Lieder wie "In dir ist Freude in allem Leide" ausgesucht. Das entsprach meiner Stimmung.

Und genau so wurde dann auch die Trauerfeier. Bevor sie begann, standen wir mit den nach und nach eintreffenden Trauergästen in der Friedhofskapelle. Alle begrüßten sich, redeten miteinander, freuten sich, einander zu sehen. Manche hatten sich lange Zeit nicht getroffen. Nach der Beisetzung trafen wir uns zum Kaffeetrinken, und das muntere Gespräch ging weiter. Es hatte mehr von einem Freundes- und Nachbarschaftstreffen als von einer Trauerfeier. Das war das, was ich mir gewünscht hatte. Wir feierten im Angesicht des Todes – das Leben.

Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass in manchen Gemeinden Afrikas bei christlichen Beerdigungen getanzt wird. Das hat mich beeindruckt, weil damit das Leben gefeiert wird – gerade auch angesichts Todes. Christen haben allen Grund, das zu tun.

Weil ich nach dem Tod meiner Mutter nicht besonders traurig war, habe ich mich mehrmals ernsthaft gefragt: Verdränge ich die Trauer? Will oder kann ich nicht trauern? Aber die Antwort war jedesmal: Ich bin deshalb nicht traurig, weil meine Mutter ein langes Leben hatte, weil sie beim Sterben nicht leiden musste und weil sie im Glauben an Jesus Christus und das ewige Leben starb. Und weil ich diesen Glaube teile und er für mich nicht nur ein Glaube ist, sondern die Beschreibung dieser Wahrheit: Mit dem Tod ist nicht alles aus.

Wer zu Jesus geht, den wird er aufnehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er meine Mutter nicht aufnehmen wird. Und ich hoffe, er wird einst auch mich aufnehmen. Meine Mutter war nicht perfekt, und ich bin es natürlich auch nicht. Aber darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, dass Gott uns, seinen Geschöpfen, das Leben schenken will; dass er mit uns zusammen sein will über den Tod hinaus. Und dass deshalb jeder Sterbende, der den Weg zu Gott gehen will, von ihm mit offenen Armen empfangen wird. Wie Jesus sagte: "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen" (Joh 6,37).

Ich bin dankbar dafür, dass ich meine Mutter so lange hatte, dass sie so unendlich viel für mich getan hat, dass sie so liebevoll war, dass sie ihren Glauben an mich weitergegeben hat. Ich bin dankbar für ihr Sterben ohne langen Todeskampf, für das Kruzifix an der Wand, auf das sie blickte, für ihren Glauben bis zuletzt. Ich bin dankbar für die Trauerfeier, die sich nicht in Tränen und Traurigkeit erging, sondern die im Angesicht des Todes das Leben feierte – das Leben, das Gott denen verheißen hat, die es aus seiner Hand entgegennehmen.


Der Tod des Todes ist beschlossen. Sein Geschrei
ist nur noch sein eigenes Todesgeschrei

Jeder Mensch weiß, dass er einmal sterben wird, und dieses Wissen prägt sein Leben. Denn wer davon überzeugt ist, dass nach dem Tod ein neues Leben beginnt, der wird anders leben als jemand, der diesen Glauben nicht hat – es sei denn, seine Überzeugung ist nur eine fromme Floskel, die nicht wirklich bis an die Wurzeln seines Lebens reicht.

Weil unsere Lebensart davon abhängt, wie wir uns zum Tod stellen, ist es für unser Leben wichtig, ob wir den Tod als das Letzte betrachten oder nicht. Und es ist nicht nur für unser Leben wichtig, sondern auch für unser Sterben. Denn wer sich im Tod Gott anvertraut, wer sich sterbend in Gottes Hände wirft, der stirbt anders.

Jesu Auferstehung von den Toten zeigt, dass die Macht des Todes schon gebrochen ist. Der Tod des Todes ist beschlossen. Sein Geschrei ist nur noch sein eigenes Todesgeschrei, mit dem er uns in Angst und Schrecken versetzen will – was ihm auch immer wieder gelingt. Insofern ist der Tod noch unser "Feind". Aber er ist ein Feind, dessen Ende bereits besiegelt ist (1Kor 15,26). Das zeigt der auferstandene Jesus Christus.

Mir ist das Leben aufgeblitzt beim Tod meiner Mutter. Manchmal blitzt mir das Leben auch auf in der Natur, in der Liebe und im Gebet. Das Leben – und ich rede vom echten Leben, nicht von einem Zerrbild des Lebens – kann überall aufblitzen, weil der Gott des Lebens überall ist.

Er ist auch da, wo der Tod kommt. Diese Einsicht sollten wir uns immer wieder bewusst machen und nicht auf später verschieben. Denn ich habe Menschen kennengelernt, die ihr Leben lang fern von Gott gelebt haben und am Ende ihres Lebens nicht mehr zu ihm finden konnten.

Lasst uns also Ostern als das Fest des Lebens feiern! Und lasst uns das Leben feiern, wann immer es uns aufblitzt! Wir können bei unseren Trauerfeiern den Tod des Lebens betrauern, aber zugleich den Tod des Todes feiern. Lasst uns vor allem nicht zu spät damit beginnen, das Leben bei dem Gott des Lebens zu suchen! Denn er wird sich von jedem finden lassen, der ihn sucht (Jer 29,13f; Mt 7,7f).

Unser Leben und Sterben bekommen eine neue, ungeahnte Qualität, wenn wir den Gott des Lebens finden und zusammen mit ihm durch unser Leben und Sterben gehen.


* * * * *


Foto: Foundry Co auf Pixabay.




4 Kommentare
god.fish
2024-04-04 15:04:21
Danke für diesen eindrücklichen Bericht !
2024-04-04 15:36:57
Sehr gern! Ich freue mich über deine positive Rückmeldung.
Michael Kröger
2024-04-09 09:14:29
Danke! Was für ein schöner, Leben und Erinnerungen spendender Text. Und ja: wir sind und bleiben immer auch das Kind unserer Eltern ... .

Herzliche Grüsse
Michael
2024-04-09 10:02:30
Vielen Dank für deine freundliche Rückmeldung! Tatsächlich wird mir das Sterben meiner Mutter in dankbarer Erinnerung bleiben. Das Kruzifix habe ich in meinem Arbeitszimmer aufgehängt.

Herzliche Grüße
Klaus

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