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Was ist Rechtfertigung?

Christsein verstehen
Veröffentlicht von Klaus Straßburg in Theologie verständlich · Montag 25 Okt 2021
Tags: GnadeFreiheitLeidReligionKultur

Was ist Rechtfertigung?
Klaus Straßburg | 25/10/2021

Wir rechtfertigen uns täglich. Wenn jemand uns etwas vorwirft, müssen wir uns rechtfertigen. Oder auch, wenn wir selbst uns etwas vorwerfen. Oder wenn auch nur ein Mangel besteht, den man uns zwar nicht vorwirft, der aber peinlich oder unangenehm für uns ist. Oder wenn die Ahnung eines Mangels besteht, wenn es uns an etwas mangeln könnte, auch wenn wir nicht wissen, ob der Mangel wirklich besteht.

Ein Beispiel sei genannt: Wir sind unsicher, ob wir gute Menschen sind. Wir möchten es gerne sein und tun alles dafür, aber es schleicht sich immer wieder der Zweifel ein: Kann man mich einen guten Menschen nennen? Wir suchen dann nach Rechtfertigungen, nach Gründen dafür, dass wir ein guter Mensch sind. Solche Gründe können sein: Die anderen sind auch nicht besser als ich, vielleicht sogar schlechter. Ich bemühe mich wenigstens aufrichtig. Ich habe doch immer die zehn Gebote gehalten.

Oder eine anderes Beispiel: Wir möchten, dass unser Leben einen Sinn hat. Wir können diesen Sinn aber nicht immer finden. Wir werden die Frage nach dem Sinn nicht los. Wir ahnen, dass ein sinnloses Leben ein wertloses Leben ist. Wir versuchen dann, unserem Leben einen Sinn zu geben, zum Beispiel durch Tätigkeiten, die uns sinnvoll erscheinen, oder dadurch, glücklich zu werden. So rechtfertigen wir unser Dasein vor uns selbst: Unser Leben kann nicht wertlos sein, weil wir doch soviel Sinnvolles tun oder weil wir schon einmal das Glück finden werden.


1. Selbstrechtfertigungen

Auch das Neue Testament spricht von Rechtfertigung. In der Theologie gibt es sogar eine Rechtfertigungslehre. Sie geht auf die Reformation zurück. Luther fragte danach, wie er mit seiner Sünde vor Gott bestehen, wie er einen gnädigen Gott finden könne: Was sollte er tun, um sein Dasein vor Gott zu rechtfertigen? Seine Antwort war: Ich brauche mich nicht um mein Heil zu sorgen und zu bemühen, weil Gott mich in all meiner Unvollkommenheit schon längst gerechtfertigt hat.

Heute fragen, jedenfalls in der westlichen Welt, wohl nur wenige Menschen nach einem gnädigen Gott. Sündenbewusstsein ist unter uns nicht allzu weit verbreitet. Dennoch werden Rechtfertigungen umfassend gesucht, und wir versuchen, sie uns selbst zu liefern. Das jedenfalls meint der Schriftsteller Martin Walser, und er hat es in seiner 2012 erschienen Abhandlung Über Rechtfertigung, eine Versuchung dargestellt.
(Martin Walser: Über Rechtfertigung, eine Versuchung. Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg, 2. Auflage 2012. Alle Zitate und Seitenangaben in diesem Artikel sind aus diesem Buch.)

Walser findet in verschiedenen literarischen Werken Belege für die Selbstrechtfertigungen von Menschen. Diese sind nötig, weil etwas im Argen liegt, ein Mangel besteht. Die Romanfiguren wissen oder ahnen es. Ihr Gewissen drückt sie. Sie sind nicht so, wie sie sein wollen oder gar sein sollen.

Josef K. soll in Franz Kafkas Roman Der Prozess dem Gericht, vor dem er angeklagt ist, alle wesentlichen Augenblicke seines Lebens nennen und bewerten. Er soll sich also für sein bisheriges Leben rechtfertigen, sein Lebensrecht beweisen. Er versucht es; doch je mehr er sich zu seiner Rechtfertigung überlegt, desto weniger fühlt er sich gerechtfertigt. Die Zweifel daran, dass er zu recht lebt, überwiegen. So wird ihm schließlich die Lebenserlaubnis entzogen, und er richtet sich selbst hin.

Walser beobachtet, dass die Rechtfertigung durch Gott heute kaum noch gesucht wird. Und zwar deshalb nicht, weil die meisten Menschen sich schon gerechtfertigt fühlen. Wer sich schon gerechtfertigt fühlt, hat es nicht nötig, sich von Gott rechtfertigen zu lassen. Man fühlt sich als guter Mensch, der für Frieden und Gerechtigkeit kämpft oder anderweitig Verantwortung übernimmt, jedenfalls auf der Seite des Guten steht. Man meint, recht zu haben, im Recht zu sein mit dem, was man sagt und tut. „Recht zu haben ist der akzeptierte Ersatz für Rechtfertigung" (S. 29).

Der Soziologe Max Weber (1864-1920) hat die These aufgestellt, der Protestantismus habe, „um jene Selbstgewissheit zu erlangen [...] als hervorragendstes Mittel rastlose Berufsarbeit eingeschärft" (S. 43). Auch durch Arbeit und den damit erworbenen Wohlstand kann man sich selbst rechtfertigen.


2. Zerstörung der Selbstrechtfertigungen

Wenn das Neue Testament von „Rechtfertigung" spricht, dann meint es: Gott ist es, der den Menschen rechtfertigt, gerechtspricht. Er rechtfertigt die Gottlosen (Röm 4,5; 5,6). Gottlos sind für Paulus nicht etwa bekennende Atheisten, die es zu seiner Zeit noch gar nicht gab. Gottlos sind die Menschen, die sich aufgrund ihres Glaubens, ihrer Frömmigkeit oder ihrer guten Taten für Gott wohlgefällig halten (Röm 4,2-8). Dem setzt Paulus entgegen: Der Mensch wird ohne etwas ihm Eigenes, ohne ein von ihm selbst hervorgebrachtes „Werk", vor Gott gerechtfertigt, sondern allein dadurch, dass Gott ihm gnädig ist (Röm 3,28). Der Mensch muss für seine Rechtfertigung absolut nichts tun. Darin besteht die Befreiung des Evangeliums.

Aber nach dieser Rechtfertigung durch Gott wird heute gar nicht mehr gefragt. Der Mensch hat ja Ersatzrechtfertigungen an die Stelle der Rechfertigung durch Gott gesetzt. Darum meint er, er brauche die Rechtfertigung durch Gott nicht mehr. Er fühlt sich ihr gegenüber erhaben. Walser schreibt (S. 32f.41):

Wer sich heute fast instinktiv erhaben fühlt über alles Religiöse, weiß vielleicht nicht, was er verloren hat. Polemisch gesagt: Rechtfertigung ohne Religion wird zur Rechthaberei. Sachlich gesagt: verarmt zum Rechthaben. [...] Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung.

Was wir hinter uns gelassen haben: Rechtfertigung überhaupt von, sagen wir, oben zu erwarten. Heute genügt es, dass es einem gut geht, dann ist sein Rechtfertigungsbedarf schon gedeckt.

Walser stellt nun fest, dass neben dem Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900) der Theologe Karl Barth (1886-1968) alle menschlichen Rechtfertigungsversuche zerschlagen habe. Zwei Zitate aus seinem Buch Der Römerbrief aus dem Jahr 1922, das ihn berühmt machte (S. 51.53):

Fehlt deinem Leben die Rechtfertigung, die nur Gott selbst ihm geben kann, dann fehlt ihm jede Rechfertigung.

Das Christentum „sinnt nicht nach Höhen". Es liebt es nicht, von der schöpferischen Entwicklung der Welt, von den vollendeten oder geplanten Entfaltungen und Aufbauten von Wissenschaft, Technik, Kunst, Moral oder Religion, [...] von den Herrlichkeiten etwa der Ehe, der Familie, der Kirche, des Staates, der Gesellschaft allzu laut und zuversichtlich reden zu hören. [...] Es sieht die Lage des Menschen zwischen Himmel und Erde als viel zu bedroht an, als daß es [...] an den Wert aller jener Werte, an die Wichtigkeit aller jener Wichtigkeiten im Ernst glauben könnte. [...] Es sieht das Fragezeichen oberhalb jeder menschlichen Höhe. Es hört das heimliche Krachen im Gebälk.

Später hat sich Barth etwas wohlwollender gegenüber all diesen menschlichen Kulturleistungen geäußert. Er hat ihnen zugebilligt, dass sie von Gott her ein Licht in der Finsternis der Welt sein können, dass ihnen eine relative Wichtigkeit zukommen kann. Dennoch bleiben diese Kulturleistungen bedroht, und es bleibt das Fragezeichen, das Gott hinter sie setzt, sind sie doch immer menschliche, vergängliche und unvollkommene Leistungen. Sie leuchten nur dann, wenn Gott sie leuchten lässt.

Wem bei solcher Relativierung alles menschlichen Tuns übel wird, dem sei ein Satz des
Kirchenvaters Augustinus (354-430) empfohlen (S. 40f): Er hat geschrieben, dass unsere Gebete

rein gar nichts [sind und] daß wir nicht einmal das in uns mit Schmerzen erkennen. [Aber] wenn uns das auch nur schmerzt, beten wir schon.

Das Menschliche ist demnach nicht vollkommen wertlos. Der Schmerz darüber, dass unsere Gebete „gar nichts" sind, dass wir nicht wissen, was und wie wir beten sollen – der Schmerz darüber ist selbst schon ein Gebet, weil darin Gottes Geist unserer Schwachheit aufhilft (vgl. Röm 8,26). Man könnte hinzufügen: Der Schmerz über unsere Selbstrechtfertigungen ist selbst schon etwas von dem Licht, das Gott in unser Leben bringt.

Von Gott her also bekommt unser Tun einen Sinn, einen Wert, einen Segen. Von uns aus ist das nicht möglich. Der Segen ist eine für uns unmögliche Möglichkeit, nämlich eine Möglichkeit Gottes allein. Karl Barth (S. 49):

Es ist sentimentale [...] Selbsttäuschung zu meinen, daß etwa von Natur und Geschichte, von Kunst, Moral, Wissenschaft oder sogar Religion aus direkte Wege zu der unmöglichen Möglichkeit Gottes führen.

Für mich bedeutet das Befreiung: Ich bin befreit davon, irgendetwas tun zu müssen, um vor Gott gerechtfertigt zu sein. Ich kann gewiss sein, dass Gott mich schon gerechtfertigt hat – dass er mir das Recht (keinen Anspruch!) gibt, zu leben.


3. Dissonanzen

Dissonanzen stellen sich ein: Wir sollen glauben, aber wir können es nicht. Wir sollen Gutes tun, aber sind unfähig dazu. Unsere Gebete sind „gar nichts", aber wir beten dennoch. Kunst, Moral und Wissenschaft sind wunderbare Möglichkeiten, aber der Segen dazu ist nicht unsere Möglichkeit. Wir suchen Wahrheit und Glück, aber finden sie nicht. Barth zitiert den Philosophen Friedrich Nietzsche (S. 67f):

Die alten Denker suchten mit allen Kräften das Glück und die Wahrheit – und nie soll einer finden, was er suchen muß, lautet der böse Grundsatz der Natur. Wer aber Unwahrheit in allem sucht und dem Unglücke sich freiwillig gesellt, dem wird vielleicht ein anderes Wunder als Enttäuschung bereitet: [...] die Erde verliert ihre Schwere, die Ereignisse und Mächte der Erde werden traumhaft, wie an Sommerabenden breitet sich Verklärung um ihn aus. Dem Schauenden ist, als ob er gerade zu wachen anfinge und als ob nur noch die Wolken eines verschwebenden Traumes um ihn her spielten.

Leichter wird es, meint Nietzsche, wenn man die Suche nach Glück und Wahrheit aufgibt und sich dem Unglück stellt, sie nicht finden zu können. Wer das erkennt, erwacht aus seinen Träumen, Glück und Wahrheit lägen ihm zu Füßen.

Auch Martin Luther wusste um die Dissonanzen des menschlichen Lebens (S. 66f):

So du willst Miterbe sein des Herrn Jesu Christ und sein Bruder sein und ihm gleichwerden und nicht mitleiden, so wird er dich gewißlich am Jüngsten Tag [...] fragen, wo du deine Dornenkrone, Kreuz, Nägel und Geißel habest, ob du auch der ganzen Welt ein Gräuel gewesen seist, wie er selbst und alle seine Glieder gewesen sind von Anfang der Welt her.

Das soll keine Verherrlichung des Leidens sein. Aber ohne Leiden geht es nicht, betont Martin Luther. Jeder Mensch soll sein Kreuz (nicht das Kreuz Christi!) auf sich nehmen (Mt 10,38; 16,24). Die Dissonanzen gehören dazu. Leid gehört zum Christsein dazu. Es gehörte ja auch für Christus dazu.

Barth selbst dazu (S. 73):

Wenn Gott also lebendig macht, so tut er es, indem er tötet. [...] Der Glaube, sofern er in irgend einem Sinn mehr als Hohlraum sein will, ist Unglaube. [...] Denn welcher Fromme [...] träte Gott nicht zu nahe?"

Auch unser Glaube ist nichts Positives, das wir uns selbst zuschreiben könnten. Wir alle treten Gott in unserem Glauben zu nahe. Dann bleibt nur „der Ort, der überhaupt kein Ort ist, sondern nur das Moment der Bewegung des Menschen durch Gott" (S. 73). Wenn Gott uns bewegt, wenn er an uns wirkt, dann ist das kein Ort, an dem wir uns aufhalten können, sondern das unverfügbare Ereignis der Gnade Gottes.

Schon Augustinus wusste um die Unerreichbarkeit Gottes (S. 82):

Erhabenster, Gütigster, Machtvollster und Gerechtester, Verborgenster und Allgegenwärtigster, Lieblichster, Kraftvollster [...] Du stehst felsenfest und bist doch unerkennbar [...] Welchen Wert haben überhaupt unsere Worte, wenn man von Dir redet?

Auch Friedrich Hölderlin (1770-1843) schließt sich an (S. 82):

Was ist Gott? unbekannt, dennoch
Voll Eigenschaften ist das Angesicht
Des Himmels von ihm. [...]

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.

Nietzsche spricht sogar davon, dass wir die Dissonanz genießen müssen. Martin Walser ergänzt (S. 87):

Wir genießen das schlechthin Unzumutbare, die reine Verneinung unseres Fassungsvermögens. [...] Die absolute Dissonanz [...] wirkt. Verstörend. Aber eine Wirkung ist eben: Die absolute Dissonanz tut gut.


4. Befreiung

Was ist das Positive an theologischen Dissonanzen? Dass wir uns keinen Gott nach unseren Wünschen basteln. Dass wir uns nicht selbst rechtfertigen durch Glaube und Werke. Dass uns schmerzlich bewusst wird, dass Gott sich verbirgt. Dass wir erfahren, dass es eine Leerstelle gibt: Gott fehlt. Martin Walser (S. 98):

In der Welt des Atheisten hat doch die Leere keinen Platz. Leere gibt es nur dort, wo Gott fehlt. Und wo er dann durch keinen -ismus ersetzt wird. Eine Welt ohne Leere ist eine zu arme Welt.

Über Rechtfertigung, eine Versuchung nannte Walser seinen Essay. Die Rechtfertigung ist eine Versuchung. Das Rechthabenwollen vor Gott, das Wissenwollen um Gott und um die Wahrheit – das sind wohl die größten Versuchungen des Glaubenden. Wir müssen den Schmerz aushalten, dass wir dieses Wissen nicht haben. Aber dieser Schmerz führt in die Freiheit, in der wir nichts mehr von uns erwarten, alles aber von Gott.

Man mag das alles als zu extrem betrachten. Sind und können wir wirklich nichts? Wissen wir tatsächlich nichts? Wird der Mensch hier nicht klein gemacht? Ich habe es nie so empfunden. Mir war und ist es eine Befreiung. Ich muss nichts tun. Ich muss nichts wissen. Ich kann alles von Gott erwarten. Er wird mir alles geben, was ich brauche.

Das könnte der erste Schritt sein dazu, uns beschenken zu lassen mit „Wissen" und „guten Taten". Aber auch dieser erste Schritt ist nicht von uns getan. Wir, die unter der Leere Leidenden, können nur von Gott selbst die Leere füllen lassen. Es geschehen lassen. Nur das Licht selbst kann uns erleuchten. Die Welt kann keine Erleuchtung bringen, sie ist abgeschlossen in sich selbst. Aber jedes kleine Licht in dieser Welt, von Gott entzündet, führt uns zu ihm.

Franz Kafka hat es wunderbar ausgedrückt (S. 103):

Erwachend kaum
und zugedeckt vom frommen Schnee,
sinken wir zurück zur Frühe.
Dem Kristall der schönen Not
entkommt nur Licht.
Ich möchte nichts wissen,
was die Kerze nicht weiß.
Die Welt gehört unter die Haube.


* * * * *




19
Rezensionen
Montag 25 Okt 2021
Hallo Klaus,

irgendjemand hat es mal so auf den Punkt gebracht:

Martin Luther fragte: Wie kriege ich einen gnädigen Gott?
Der heutige Mensch fragt: Ist da wer?

Vielleicht gibt es für die althergebrachte Rechtfertigungslehre keinen Markt mehr, oder nur bei Liebhabern und im Antiquariat, wie mittlerweile bei Schellack- und Vinylschallplatten.

Viele Grüße
Thomas

P.S.:

1) Zum Thema "Sinn des Lebens": Für mich trägt das Leben seinen Sinn in sich. Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.
2) Ich finde deinen Beitrag gut gemacht und lesenswert, mit den ganzen kulturellen Bezügen.
Montag 25 Okt 2021
Hallo Thomas,

vielen Dank für deine freundliche Rückmeldung. Es ist sicher so, dass die meisten Menschen heute danach fragen, ob ein Gott existiert und nicht danach, wie man vor ihm bestehen kann. Wenn man aber von der Existenz Gottes überzeugt ist, stellt sich wohl auch mit der Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit die letztere Frage ein. Insofern ist die Rechtfertigungslehre zumindest für die Glaubenden von Bedeutung. Ich fand es aber auch überzeugend, was Martin Walser über den Gott, der fehlt, geschrieben hat, auch wenn sich heute kaum jemand sein Fehlen eingesteht. Jedenfalls scheint mir der Rechtfertigungszwang in der Moderne nicht kleiner geworden zu sein. Möglicherweise ist er mit dem Wegfall des Glaubens an die Rechtfertigung durch Gott sogar größer geworden.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist für mich die Frage nach der bleibenden Bedeutung des Lebens. Diese bleibende Bedeutung kann ich persönlich nicht im Leben an sich finden. Es gibt ja z.B. das lieblose oder von anderen zerstörte Leben, das meiner Meinung nach seine Bedeutung nicht in sich selbst trägt. Und schließlich ist jedes Leben begrenzt und hat insofern gerade keine bleibende Bedeutung: Die Geschichte wird über uns hinweggehen. Darum kann ich meinem Leben diese Bedeutung auch nicht selber geben. Ich hoffe aber darauf, dass Gott ihm Bedeutung verleiht und dass es darum nicht sinnlos ist. So jedenfalle empfinde ich es.

Viele Grüße
Klaus
Dienstag 26 Okt 2021
Hallo Klaus

Final wird immer nach Werken abgerechnet, so kennen wir es aus der Offenbarung des Johannes.
In Verbindung mit Paulus erkennen wir aber auch, dass Werke nicht gleich Werke sind. Kommen sie nicht aus unserem Glauben und Vertrauen in Gott, dann ist deren Güte-Klasse gering und von minderer Qualität. Es ist alles andere als eine herzliche und liebevolle Premium-Qualität, daher kein erprobtes und bewährungsfähiges Bekenntnis. Mit den Naturgesetzen vom Schöpfer und den Moralgesetzen von Moses wurde das Bewusstsein für Verfehlungen bei der Qualität geschaffen - für eine allgemeingültige göttliche Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit erlangt der unvollkommene Mensch allerdings nur durch Glauben an den vollkommenen Gott, an seine väterliche Liebe zu uns, an die letzte Instanz, an seinen herrlichen Namen, an sein Gutes, an seinen Sohn und dessen Opfer, an seinen BeReich für uns, an seinen Weg des Lebens, an seine Erlösung für dich ... Ohne Glauben gelangt man somit unmöglich in die Liebe Gottes (obwohl sie immer da ist) und damit in Seine Gnade und Sein Wohlgefallen. Man kann sich zwar im Selbstbetrug vergeblich selbst rechtfertigen, aber weit besser ist es sich rechtfertigen zu lassen, insbesondere von jemand der über alles Bescheid weiß. Mehr noch, den man liebt und von dem man geliebt wird. In dieser innigen und gemeinsamen Liebe zum Guten, strebt das Herz hingebungsvoll nach Heiligkeit, die man auch gerne geschöpfliche Vollkommenheit bezeichnen ...
Hans-Jürgen Caspar
Dienstag 26 Okt 2021
Hallo Klaus,

Dein Artikel, theologisch,
philosoph- und psychologisch:
er macht mir, ich kann's nicht bestreiten,
bisweilen Schwierigkeiten.

Ich spreche mich nicht selbst gerecht,
erkenne meine Mängel,
bin mittelmäßig gut, nicht schlecht,
und auch bestimmt kein Engel.

Was andre dazu glaubten
wie Nietzsche, Barth und Luther,
von Gott und sich behaupten,
ist mir ganz einerlei.
Es ist für mich, den Reim verzeih',
nur mehr Papierkorbfutter.

In der Hoffnung, dass Dir das nicht allzu sehr missfällt, grüße ich Dich.

Hans-Jürgen

Dienstag 26 Okt 2021
Hallo Pneuma,

vielen Dank für deine Stellungnahme. Sie klingt allerdings sprachlich für mich sehr bedrückend. Wenn du schreibst, „final wird immer nach Werken abgerechnet" und „dann wird je nach Güte-Qualität aussortiert", denke ich an einen Gott, der mit Papier und Bleistift gute und schlechte Werke gegeneinander aufrechnet und dementsprechend einen Menschen liebevoll aufnimmt oder zornig verdammt – ein Buchhaltergott. Vielleicht meinst du es ja nicht so, aber für mich klingt es so. Von dem Gott, der die GOTTLOSEN gerechtspricht (Röm 4,5; 5,6) spüre ich dabei nichts, dafür umso mehr von einem Gott, der Angst macht.

Es erleichtert mich dann, wenn du sagst „Diese Gerechtigkeit erlangt der unvollkommene Mensch nur durch Glauben." Ich frage mich aber bei diesem Satz, ob der Glaube nicht auch wieder wie ein Werk erscheint – etwas, das wir selber geleistet haben und womit wir uns vor Gott rühmen können. „Ohne Glauben gelangt man unmöglich in die Liebe Gottes", schreibst du. Könnte es nicht gerade umgekehrt sein: Ohne Gottes Liebe gelangt man unmöglich zum Glauben? Und zwar deshalb nicht, weil schon der Glaube ein Geschenk der Liebe Gottes ist. Das lässt sich neutestamentlich umfassend belegen, nicht nur durch Eph 2,8-10.

Ich verstehe es so: Gott macht jedem Menschen das Geschenk des Glaubens. Es gibt aber unbegreiflicherweise Menschen, die dieses Geschenk ablehnen – so, wie ein Verhungernder die ihn rettende Nahrung ablehnt. Tut ein Mens...
Dienstag 26 Okt 2021
Hallo Hans-Jürgen,

vielen Dank für dein schönes Gedicht. Ich kann gut verstehen, dass dir einiges in meinem Artikel Schwierigkeiten macht. Wahrscheinlich geht es manchen anderen Lesenden auch so, ohne dass sie dies zum Ausdruck bringen. Die Gedanken Karl Barths zum Beispiel waren auch für mich, als ich sie zum ersten Mal las, eine echte Herausforderung für meinen Glauben. Erst beim wiederholten Lesen und durch langes Nachdenken haben sie bei mir ihre befreiende Wirkung entfaltet. Diese befreiende Wirkung besteht darin, dass absolut nichts, was ich selber tue, denke oder glaube, mir das Ansehen bei Gott verschafft oder sichert, sondern dass ich ganz und gar von Gottes Gnade abhängig bin. Um zu dieser Einsicht zu kommen, musste ich jede auf mich selbst gegründete Sicherheit fahren lassen. Aber gerade das führte zur Befreiung von jedem Leistungsdruck.

Wenn du mir noch konkreter schreiben würdest, was dir Schwierigkeiten bereitet, könnte ich auch konkreter darauf eingehen. Ich bin sicher, dass wir dann manche Irritation aus dem Weg räumen könnten.

Viele Grüße
Klaus
Hans-Jürgen Caspar
Dienstag 26 Okt 2021
Hallo Klaus,

danke für Deine Antwort.

Auf alle Einzelheiten, die mich irritierten, kann ich nicht eingehen; ich müsste denn sehr ausführlich werden.

Zunächst nur dies; Du schreibst: "... Wir möchten, dass unser Leben einen Sinn hat, ..., werden die Frage nach dem Sinn nicht los ..." So geht es mir nicht. Auch die Frage nach einem gnädigen Gott, wie sie Luther umtrieb, ist nicht die meine.

So weit ich sehe, ist die gesamte Rechtfertigungslehre, auf die Du in der Folge eingehst, Menschenwerk. Sie führte jahrhundertelang zu Spaltung und Zwist. Diese konnten erst vor 22 Jahren durch eine Übereinkunft leitender kirchlicher Gremien angenähert überwunden werden.

Deine sich anschließenden Ausführungen und ausgewählten Zitate sind mir zu theoretisch und abstrakt, zum Teil auch zu symbolisch-poetisch, so dass ich mit ihnen nichts anfangen kann. Im Endeffekt wusste ich nicht, worauf Du eigentlich hinaus willst.

"Befreit" fühle ich mich erst, wenn ich nicht über Deinen langen, mich verwirrenden und anstrengenden Artikel mehr nachdenke. Dass ich, wie Du in Deiner Antwort schreibst, ganz und gar von Gott abhängig bin, war und ist mir ohnehin schon seit langem klar.

Damit möchte ich schließen und grüße Dich herzlich.
Hans-Jürgen



Dienstag 26 Okt 2021
Hallo Hans-Jürgen,

vielen Dank für deine Antwort. Jetzt kann ich mir besser vorstellen, was dich an meinem Artikel irritiert hat und noch irritiert.

Zunächst möchte ich klar sagen, dass ich natürlich niemandem ein Problem einreden möchte, das er nicht hat. Wenn die Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem gnädigen Gott für dich kein Problem sind, dann bist du ja vielleicht einer der glücklichen Menschen, die im Glauben bereits auf diese Fragen eine Antwort erhalten haben oder so sehr in der Einheit mit Gott leben, dass die Fragen gar nicht mehr auftauchen.

Ich will ganz ehrlich sagen, dass ich nicht zu diesen Menschen gehöre. Und ich kann mir auch kaum vorstellen, dass einem reflektierten Menschen, wie du es bist, niemals die Frage nach der Bedeutung, nach dem Zweck seines Daseins gekommen ist. Nichts anderes ist nämlich für mich die Sinnfrage. Und so denke ich, dass jeder Mensch seinem Leben eine Bedeutung zu geben versucht und dass er sich Zwecke setzt, für die sich zu leben lohnt und die seinem Dasein einen Wert geben – es sei denn, er lebt ganz aus der Einheit mit Gott und ist gewiss, dass Gott seinem Leben bereits eine bleibende Bedeutung und einen letzten Zweck gegeben hat. Vielleicht gehörst du ja zu den glücklichen Menschen, denen diese Gewissheit eigen ist.

Ähnlich verhält es sich mit der Frage nach dem gnädigen Gott. Ich denke, es ist nicht selbstverständlich, dass Gott uns armen und schuldig werdenden Geschöpfen gnädig...
Michael Kröger
Dienstag 26 Okt 2021
Hallo Klaus,

du schreibst sicher zu Recht, es gehe hier um die Frage "wie wir alle vor Gott stehen". Mir als theologisch eher wenig Gebildeten stellt sich aber auch ein eher praktisches menschliches Problem: als gläubiger Christ glaube auch ich mich vor Gott rechtfertigen zu m ü s s e n . Das gibt mir aber trotzdem auch Anlass meine prekären Rechtfertigungsversuche vor Giott auch vor mir selbst, vor meinem eigenen Leben - wie auch immer - neu rechtfertigen zu k ö n n e n . Was ich heute rechtfertigen kann, kann ich deswegen, weil ich mir einerseits die Freiheit nehmen kann, dieses alte Problem - zumindest für mich - je nach Lebenssituation anders zu bewerten und neu auszulegen. Anderersseits kann ich mit meinen Rechtfertigungsoptionen nicht beliebig handeln. Die Frage nach der Rechtfertigung ist gewissermaßen nicht beliebig skalierbar, sondern jeweils mit meinem Lebenssinn verknüpft, den ich nicht vollständig "einsehen" kann. Rechtfertigungen unterschiedliucher Art sind also die e i n e Seite meiner Lebensrealität, die Zumutung diese bewusst aushalten zu müssen oder zu können, ist die a n d e r e Seite. Für mich ist also die Frage nach der Rechtfertigung eine weithin offene Frage - und wenn ich ehrlich bin: ein unlösbares Dilemma.





Dienstag 26 Okt 2021
Hallo Michael,

vielen Dank für deine intensiven Gedanken. Ich erkenne darin einerseits den Drang, sich vor Gott zu rechtfertigen, und andererseits die Einsicht, dass diese Rechtfertigungsversuche doch immer prekär bleiben, auch, weil der Lebenssinn zumindest teilweise im Dunklen bleibt; insofern bleibt Rechtfertigung vor Gott für uns eine unmöglich Sache. Das kann auch gar nicht anders sein, weil unsere Rechtfertigungsversuche immer einen im Diesseits liegenden Wert setzen wollen, der unser Leben wert-voll macht, die Rechtfertigung Gottes aber gerade keinen im Diesseits liegenden Wert voraussetzt, sondern unser Lebensrecht allein in der Zuwendung Gottes zu uns gründet, also in einem uns nicht zugänglichen, weil jenseitigem Geschehen. Gottes Liebe zu uns ist eben (wie doch wohl jede Liebe) nicht von uns provozierbar, hervorrufbar, sondern unverdientes Geschenk.

Das meint wohl auch Paulus, wenn er davon spricht, dass wir nicht „gerecht" (Gott wohlgefällig) werden aufgrund von Werken, sondern allein dadurch, dass Gott die GOTTLOSEN gerechtspricht. Die „Gottlosen" sind im Kontext des Paulus keine Atheisten, sondern diejenigen, die sich selbst durch ihre Werke zu rechtfertigen versuchen. Der Trost besteht darin, dass wir, die wir uns beständig selbst zu rechtfertigen versuchen, dennoch von Gott gerechtfertigt werden. Die positive Folge für uns sollte sein, dass wir all unsere (immer prekär bleibenden) Rechtfertigungsversuche einstellen und allein von Gottes...
Hans-Jürgen Caspar
Dienstag 26 Okt 2021
Hallo Klaus,

zu Deiner nochmaligen Antwort an mich von heute, 18:15 Uhr:

Ich lebe sicherlich nicht "bereits in der vollkommenen Einheit mit Gott" - da überschätzt Du mich, und wer könnte das von sich schon sagen.

Dies wollte ich abschließend nur noch anmerken, damit kein falscher Eindruck von meiner Glaubensstärke und -richtung entsteht.

Viele Grüße
Hans-Jürgen
Jochen
Mittwoch 27 Okt 2021
Hallo Klaus,
"Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen." (Mk. 10,52) Ich habe den Eindruck, dass sich die Theologie nicht so richtig an diese Art zu glauben heranwagen will, den Jesus hier meint. Rechtfertigung nach Luther kommt mir da im Vergleich wie eine Art Trostpreis vor, der Bartimäus zwar gerechtfertigt aber weiterhin blind zurücklässt. Ich weiss nicht ob das verständlich ist.
Das zweite ist, dass es nach meinem Verständnis in den Psalmen darum geht, dass Gerechtigkeit etwas mit dem Eintritt ins Heiligtum zu tun hat (Psalm 15, Psalm 118). In der modernen Theologie will man das Heiligtum abschaffen, behält aber dennoch die Rechtfertigung bei, was deswegen meiner Meinung nach nicht mehr dem entspricht, wie es ursprünglich gemeint war. Dafür werden dann ganz dolle jetzt alle Arten von säkularer Gerechtigkeit in die (theologische) Mitte gestellt, während die praktische Rechtfertigung, man entschuldige meine Polemik, per Smartphone-App und Gesichtserkennung (China) geschieht und den Menschen wie zu Jesu Zeiten nur jetzt auch ohne Heiligtum aus der Gesellschaft ausschließt. Wiederum weiss ich nicht, ob das noch verständlich ist.
Mittwoch 27 Okt 2021
Hallo Jochen,

vielen Dank für deine kritischen Bemerkungen. Ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstehe, aber ich lese heraus, dass es dir an den praktischen Folgen der Rechtfertigung fehlt: Der gerechtfertigte Bartimäus ist von seiner Blindheit geheilt und der gerechtfertigte Mensch allgemein lebt als einer, der die Beziehung zu Gott pflegt (damals nämlich im Heiligtum, im Tempel).

Das wäre in der Tat ein mangelhaftes Verständnis der Rechtfertigung. Es ist in der modernen Theologie, die du ansprichst, weitgehend Konsens, dass mit der Rechtfertigung des Menschen untrennbar seine Heiligung verbunden ist. Es geht also nicht nur darum, einen gnädigen Gott zu haben, sondern die Gnade Gottes führt, wenn der Mensch sie annimmt, unweigerlich dazu, dass sein Leben sich von Grund auf verändert, besser: dass es durch eben die Gnade Gottes erneuert wird. Der gerechtfertigte Mensch ist eine „neue Kreatur" (Paulus) – wenn und soweit er die Gnade Gottes in sich zur Wirkung kommen lässt.

Genau Letzteres ist aber das Problem. Es mangelt uns allen doch nicht an der Gnade Gottes, wohl aber daran, dass wir diese zwar theoretisch, aber praktisch, im konkreten Lebensvollzug dann doch nicht immer und überall für uns gelten lassen. Konkret formuliert: Ich teile zwar den angenehmen Glauben, von Gott gerechtfertigt zu sein, aber in den täglichen herausfordernden Situationen meines Lebens ziehe ich dann doch die Selbstrechtfertigung vor, weil sie mir sicherer ersc...
Mittwoch 27 Okt 2021
Hallo Klaus,

Vielen Dank für deine wirklich sehr wichtigen Gedanken, die ich sehr schätze.
Mit diesen Zeilen hoffe ich nun ein vollständigeres Bild der vorigen Gedanken vermitteln zu können.
Ich schrieb von einem Gott, der Gottlose gerecht spricht - wenn sie Glauben bekunden -, denn der Glaube kommt aus dem Herzen eines Menschen, und daraus folgt eine reue-fähige Gesinnung, die von Herzen demütig und sanftmütig macht, um die Liebe Gottes annehmen und verinnerlichen zu können, für gute Gedanken und gute Werke.
...
Der Glaube ist für mich kein Werk, sondern eine Grundlage auf der Werke erfolgen können, wobei die entscheidende Gewichtung bei solchen Werken immer im Glauben begründet ist und niemals in den resultierenden Werken. Somit gibt es Werke, die nicht auf dem Glauben an die Liebe Gottes basieren. Und gegen diese Werke und gegen deren Gewichtung argumentierte Paulus. Die Offenbarung spricht somit von Werken der Liebe, die auf Glauben basieren, als Beurteilungsgrundlage. Die Fähigkeit zu Glauben kann ich als Geschenk erkennen. Die Entscheidung etwas zu glauben, allerdings nicht, da für Gott unser freie Wille wichtig ist. Ohne diese Freiheit gäbe es keine Liebe.
...
Es ist eine Entscheidungsmöglichkeit. Es ist eine Annahme oder Ablehnung, völlig unabhängig davon ob sie begreiflich oder unbegreiflich ist oder erscheint; auch wenn es eine Vorprägung oder Präferenz zu etwas gibt ändert. Davon abgesehen, erkennt sich nicht jeder Mensch als V...
Mittwoch 27 Okt 2021
Hallo Pneuma,

vielen Dank für deine Antwort. Wie du es jetzt beschreibst, klingt es für mich schon wesentlich besser. Ich möchte dennoch erneut - auch für die Mitlesenden - auf zwei Punkte hinweisen und dabei die Unterschiede zwischen uns herausarbeiten:

1. Der Glaube ist Gabe des Geistes (1Kor 12,3.9), Gabe Gottes (Joh 6,65), Geschenk (Phil 1,29; Eph 2,8-10), und der glaubende Mensch ist neue Kreatur (2Kor 5,17), aus Gott gezeugt (Joh 1,12f). Nur der von Gott mit Glauben beschenkte Mensch kann also glauben; kein Mensch kann es von sich aus, aus eigener Kraft. Der Glaube mag sich vielleicht wie eine menschliche Entscheidung anfühlen, ist aber im Grunde eine Entscheidung Gottes für den Menschen: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht tragt ..." (Joh 15,16). Gott "hat uns in ihm [Christus] erwählt vor Grundlegung der Welt" (Eph 1,4). Gottes Erwählung, seine Entscheidung für uns geht also jeder menschlichen Entscheidung für Gott voraus. Der menschliche Glaube ist darum keine Voraussetzung der Gerechtsprechung, sondern umgekehrt ist die Gerechtsprechung Voraussetzung für den menschlichen Glauben. "Somit kommt es nun nicht auf den an, der will, noch auf den, der läuft, sondern auf Gott, der sich erbarmt" (Röm 9,16). Andernfalls würde unser Glaube einen Anspruch unsererseits eröffnen, dass Gott uns, weil wir glauben, rechtfertigen müsse. Das wäre nicht die Rechtfertigung der Gottlosen, ...
Michael Kröger
Mittwoch 27 Okt 2021
Hallo Klaus,

ständig rechtfertigen wir unsere Lebensweise vor uns selbst und so glauben wir, dass, indem wir uns angemessen rechtfertigen, wir unserem Leben einen Sinn geben. Je mehr wir uns dabei nach dem Sinn unserer Rechtfertigungen fragen, desto weniger können wir den Sinn unseres Lebens auf eine positive, gewissermaßen “selbstbestimmte” Art und Weise bestimmen - eine Ansicht, die Du vielleicht teilen kannst. Das heißt aber umgekehrt: Je weniger wir uns im Leben auf unsere eigenen Rechtfertigungsversuche besinnen können, desto mehr könnten wir uns von unserem Zwang entlasten, nach guten (theologisch angemessenen) Gründen für unsere Rechtfertigung zu suchen. Im Problem der Rechtfertigung steckt sozusagen immer auch ein Teufel im Detail. Hat dieses Suche nach einer Rechtfertigung unseren Lebens vor Gott nicht auch etwas freiwillig Selbstzwanghaftes? Nach Ansicht des Soziologen Norbert Elias entsteht Kultur durch eine mühsame Form der Selbstaufklärung. Oder, mit Elias gesprochen, durch die Verwandlung von Fremd- in Selbstzwänge. Die Frage nach der Rechtfertigung meines eigenen Lebens vor Gott spielt dabei grundsätzlich mit der Asymmetrie aller Beteiligten: Gott allein, so zumindest die Lehre, weiß letztlich um die Dimensionen von Rechtfertigung des Menschen - aber kann es nicht auch eine Art Rechtfertigung des Menschen vor sich selbst geben, der ihn vor zu zwanghaften Selbstrechtfertigungen in Schutz nimmt? Vielleicht ist meine Perspektive viel zu sehr...
Mittwoch 27 Okt 2021
Hallo Michael,

ich stimme dir voll zu darin, dass all unsere Rechtfertigungsversuche fehlgehen und dass es entlastend, befreiend wäre, alle eigenen Rechtfertigungsversuche aufzugeben. Die Frage ist nur: Können wir das? Sind wir nicht gezwungen, unser Dasein zu rechtfertigen? Könnten wir denn leben ohne die Gewissheit, dass unser Dasein gerechtfertigt ist – dass es gut ist, dass wir da sind?

Es geht eigentlich gar nicht um die Rechtfertigung vor Gott, sondern um die Rechtfertigung vor uns selbst, vor unserem eigenen Urteil über unser Dasein. Ich glaube, es hat nichts von Freiwilligkeit, Rechtfertigungsgründe zu suchen; wir entscheiden uns nicht aus freiem Willen dazu, so als ob wir auf solche Gründe auch verzichten können. Wir sind vielmehr gezwungen, unser Dasein zu rechtfertigen; würden wir darauf verzichten, würde unser Leben sinnlos.

Insofern ist es wohl menschlich, nach einer Rechtfertigung des Menschen vor sich selbst zu fragen. Aber kann es die geben? Sind das nicht alles Illusionen? Worin sollte eine solche Rechtfertigung bestehen? Wir könnten uns einreden: Ich bin ein guter Mensch. Oder: Ich habe eine wichtige Aufgabe auf Erden. Oder: Ich bin wichtig für meine Angehörigen. Das ist zu einem gewissen Grad sicher nicht verkehrt. Aber eben nur zu einem gewissen Grad. Ich bin eben nicht durchweg ein guter Mensch. Meine Aufgabe auf Erden kann nur relativ wichtig sein. Ich kann für meine Angehörigen wichtig sein, aber nur so lange, wie ihr und ...
Jochen
Freitag 29 Okt 2021
Hallo Klaus,
vielen Dank für Deine Antwort. Ich kann mich nicht erinnern, den Aspekt 'Rechtfertigung untrennbar mit Heiligung' verbunden im evangelischen Bereich herausgehört zu haben, was natürlich durchaus an mir liegen könnte.
Freitag 29 Okt 2021
Hallo Jochen,

ich habe gerade mal kurz recherchiert und einen Aufsatz des Theologen Helmut Burkhardt (siehe zu ihm auch Wikipedia) gefunden, der das Thema ansprechend darstellt und, wie ich finde, auch ganz gut lesbar ist: https://www.afet.de/download/2006/Burkhardt2006.pdf. Vielleicht interessiert dich das ja.
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
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