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Was hat es mit dem Satan auf sich?

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Was hat es mit dem Satan auf sich?
Überlegungen zum Teuflischen in Bibel und Gegenwart
Klaus Straßburg | 22/03/2024

Die gute Nachricht ist: Der Satan ist schon von Christus besiegt. Er übt nur noch eine befristete und von Gott kontrollierte Macht aus.

Das sollte allen Überlegungen über den Satan vorangestellt werden. Der Satan muss uns also keine Angst mehr machen. Christus ist allemal stärker als er. Darum kann er uns nicht mehr wirklich etwas anhaben.

In einem Gottesdienst habe ich folgende Geschichte gehört: Ein frommer Christ schlief nachts in seinem Bett. Plötzlich hörte er etwas und wachte auf. Und was sah er? Der Satan stand vor seinem Bett. Der Mann im Bett sagte: "Ach du bist es nur, Satan", drehte sich um und schlief weiter.

Ich weiß nicht, ob diese Geschichte sich tatsächlich so ereignet hat. Aber ich finde, das ist die richtige Weise, dem Satan zu begegnen: Wir sollten ihn im Bewusstsein, dass Christus stärker ist als er, nicht allzu ernst nehmen. Ich werde darauf noch zurückkommen.

Man muss den Satan nicht wie eine Person verstehen. Auch das wird unten noch ein Thema sein. Ich spreche aber zunächst vom Satan bzw. Teufel so, als sei er ein personales Wesen. Denn die Bibel spricht auch so von ihm.


1. Satan, Teufel und Dämonen in der Bibel

Der Satan oder, wie er auch genannt wird, der Teufel ist in der Bibel vor allem der Widersacher oder Feind. Das griechische Wort für Teufel, diábolos, kann vom Wortstamm her auch "Entzweier" und "Durcheinanderbringer" bedeuten, denn es hängt mit dem Verb diabállein zusammen, das unter anderem "entzweien, auseinanderbringen, verhasst machen, verfeinden, durcheinanderbringen, irreführen" bedeutet.1

Wenn man sich diese Wirkungen des Satans anschaut, kann man sich an die erste Schöpfungsgeschichte in 1Mo/Gen 1,1-2,4a erinnert fühlen. Die Schöpfungsgeschichte berichtet nämlich, wie Chaos und Feindschaft von Gott beseitigt werden, indem er eine lebenswerte Welt erschafft. Vor seinem Schaffen herrschte tohuwabohu, wie es im hebräischen Text heißt (1Mo/Gen 1,2). Das Wort fand sogar Eingang in die deutsche Sprache. Martin Buber übersetzte die Stelle so: "Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal"2.

Um diese Irrsal und Wirrsal, dieses unbegreiflich-chaotische Durcheinander zu beenden, erschuf Gott in einer wohltuenden Ordnung von – bildlich gesprochen – sieben Tagen eine geordnete und in den einzelnen Schöpfungswerken aufeinander abgestimmte Welt. Um Leben zu ermöglichen, ließ Gott aus der unwirtlich-kalten Finsternis und den bedrohlich lebensfeindlichen Urfluten eine Welt entstehen, die für den Menschen durch den geordneten Wechsel von Licht und Finsternis und die Trennung von Wasser und Land lebensfreundlich war. Damit war dem Chaos und der Bedrohung eine gute, nein: sehr gute Ordnung entgegengesetzt (1Mo/Gen 1,31).

Diese sehr gute und lebensfreundliche Welt wird vom Widersacher und Feind alles Guten in Frage gestellt und bekämpft. Im Alten Testament ist der Widersacher, von der hebräischen Wurzel satán her, ein Wesen, das die Menschen vor Gott anklagt und beschuldigt und so gegen die Menschen vorgeht (Hi 1,6-12; 2,1-7; Sach 3,1). Er geht aber auch gegen die Menschen vor, indem er sie zum Bösen verführt (1Chr 21,1). Dabei wird jedoch festgehalten, dass der Satan Gott untersteht und nichts tun kann, wofür er nicht von Gott die Erlaubnis bekommen hat (Hi 1,12; 2,6; Sach 3,2).

Viel häufiger ist vom Satan und Teufel im Neuen Testament die Rede. Hier ist der Satan bzw. Teufel einer, der die Menschen vor Gott anklagt, sie für das Lebensabträgliche vereinnahmt und versklavt, sie zur Sünde anstiftet und verführt und so ins Verderben, ins lebensfeindliche Chaos stürzt. Als Ursprung der Sünde ist er der Böse schlechthin, der "Fürst", der in der Welt herrscht, ja sogar der "Gott dieser Welt" und als solcher der Feind Christi, also der Gegenspieler Gottes, der Menschen und alles Guten. Er kämpft gegen die guten Taten der Glaubenden, gegen die Gemeinde und gegen die Verkündigung. Er wird auch als Grund von Krankheiten betrachtet und ist der Herr über die bösen Geister, die Dämonen, welche die von Gott erschaffenen Lebewesen bedrohen.3

Das ist also eine ganze Menge, was dem Satan hier angelastet wird. Dabei kann einem richtig angst und bange werden. Aber das ist gar nicht nötig. Denn die biblischen Aussagen stellen eins klar: Die Macht und Herrschaft des Satans ist schon gebrochen und er kann uns deshalb letztlich nichts anhaben.

Die Krankenheilungen Jesu, die als Dämonenaustreibungen verstanden wurden, zeigen, dass nicht der Satan mit seinen Handlangern, den Dämonen, die letzte Macht über uns hat, sondern Jesus Christus (z.B. Mt 8,28-34; 12,28; Lk 10,17-19). Mit dem Wirken Jesu auf Erden sowie mit seinem Tod und seiner Auferstehung ist der Satan mit seinem todbringenden Treiben schon besiegt (Joh 12,31; 16,11; 1Joh 3,8b). Er tobt sich zwar noch auf Erden aus, aber sein Schicksal ist schon besiegelt. Darum kämpft er nur noch Rückzugsgefechte.

Es gibt mächtige Gegenmittel gegen das Angst einflößende Wirken des Satans: die Gewissheit, dass Gott den Satan vernichten wird (Röm 16,20), das Vertrauen darauf, dass Gott die Glaubenden vor ihm bewahren wird (2Thess 3,3), die Macht über den Satan, die Jesus den Glaubenden gegeben hat (Lk 10,17-19), das Hören des Wortes Gottes (Mt 13,19.23) und das Vertrauen auf die Macht Gottes, die allemal größer ist als die des Satans (Eph 6,16; 1Petr 5,8-11).

Sicher bleibt es noch ein Kampf, den wir gegen den Satan und das von ihm angerichtete Verderben auszufechten haben. Ich werde unten noch einige Beispiele dafür nennen, wie sehr sich Entzweiung, Feindschaft und Chaos in der Welt auswirken und die von Gott gestiftete Ordnung untergraben.

Aber es gibt keinen Grund, angesichts dessen die Ohren hängen zu lassen. Denn wir kämpfen zwar gegen die Mächte der Finsternis, die uns noch sehr zu schaffen machen können (Eph 6,12). Aber zugleich führen diese finsteren Mächte kein Eigenleben, haben keine in sich selbst gründende Macht, sondern sie haben ihren Grund und ihr Ziel in Jesus Christus (Kol 1,15-17). Sie sind also, was immer sie sind, durch ihn, und ohne ihn sind sie nichts. Darum können sie, wie sehr sie auch immer toben mögen, uns niemals von der Liebe Gottes trennen (Röm 8,38f).


2. Dämonenglaube und das antike Weltbild

Wir haben gemerkt, dass bei den Aussagen über den Satan bzw. den Teufel und die Dämonen das antike Weltbild eine große Rolle spielte. Das antike Weltbild sah so aus: Die Welt ist voller Dämonen und böser Mächte. Überall kann man von einem Dämon angefallen werden, besonders an dunklen und geheimnisvollen Orten. Diesen dunklen Mächten hat der Mensch kaum etwas entgegenzusetzen. Und besonders der Chef dieser dunklen Mächte, der Satan, versucht beständig, alles Gute auf Erden zu zerstören und zunichte zu machen. Er will Gott und Mensch, Mensch und Mensch einander entzweien, über die Menschen Macht gewinnen, sie zum Bösen verführen, Chaos stiften und die gute Ordnung Gottes durcheinanderbringen. Darum meinte man, Krankheiten könnten vom Satan kommen, und das, was wir heute als psychische Krankheit kennen, wurde als Besessenheit von Dämonen verstanden.

Wir teilen dieses Weltbild nicht mehr. Wir würden wohl kaum sagen, dass die Welt voller Dämonen ist, die uns an jeder Ecke begegnen können. Wir führen auch psychische Erkrankungen nicht auf die Besessenheit von Dämonen zurück. Und auch, dass es sich bei Dämonen und beim Satan um personale Wesen handelt, die mit Gott reden und verhandeln und unsichtbar in der Welt ihre Taten ausführen, werden viele Menschen heute nicht nachvollziehen können.

Was wir aber kennen, ist der Umstand, dass es in der Welt Mächte und Gewalten gibt, deren wir nicht Herr werden. Ich meine damit überpersönliche Strukturen, Machtzusammenballungen, unkontrollierbare Zusammenhänge und Verstrickungen, die eine gewaltige Macht entwickeln, die uns beherrschen und deren wir uns kaum erwehren können. Es gibt nicht nur Menschen, die Böses tun und Leid hervorrufen, sondern es gibt auch Systeme und Strukturen, es gibt in den weltlichen Abläufen angelegte Gesetze, die ihre Macht unabhängig von einzelnen Menschen entfalten und denen man schwerer entgegentreten kann als einzelnen Menschen, weil sie kaum zu greifen, zu kontrollieren und zu verändern sind.

Jesus und die Verfasser der biblischen Schriften haben diese uns überlegenen Mächte und Gewalten so beschrieben, dass sie sie als unsichtbare personale Wesen verstanden, die in der Welt ihr Unwesen trieben: als Dämonen mit ihrem Oberherrn dem Satan bzw. Teufel. Sie sahen das Böse mit den Augen ihrer Zeit, die ein anderes Weltbild hatte als wir. Sie konnten als Menschen gar nicht anders, als das Böse mit den Vorstellungen ihrer Zeit zu beschreiben. Alles andere wäre damals unverständlich gewesen. Und die Vorstellungen, die sie in die biblischen Schriften einbrachten, waren damals richtig und gut.

Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen unsere Vorstellungen und Kenntnisse. Wenn wir das antike Weltbild nicht mehr teilen können, dann müssen wir die antiken Vorstellungen, die in der Bibel zum Ausdruck kommen, in unsere Zeit übertragen. Wir wollen an den biblischen Inhalten nichts streichen, aber wir wollen auch das antike Weltbild nicht einfach übernehmen und die Welt zum Beispiel als Scheibe verstehen oder psychische Krankheiten als dämonische Besessenheiten.

Wer kein Problem damit hat, den Satan oder Teufel als Person zu begreifen, der mag ihn so verstehen. Man kann aber auch seine Gefährlichkeit, seine Verführung, Entzweiung und chaotische Zerstörungskraft als unpersönliche Machtkonzentrationen in der Welt verstehen, die deshalb nicht harmloser, sondern vielleicht sogar schwerer zu domestizieren sind als ein personal verstandener Satan. Für solche unpersönlichen Mächte und Gewalten möchte ich jetzt einige Beispiele geben.


3. Chaos beim Umbau der Marktwirtschaft

Die Marktwirtschaft ist ein extrem leistungsfähiges System, das einen zuvor nie dagewesenen materiellen Wohlstand erlaubt hat. Das System ist in unserer modernen Welt hochkomplex, und ebenso komplex sind auch die Probleme, die es mit sich bringt.

Probleme können immer dann entstehen, wenn das System Änderungen erfährt, die von außen an es herangetragen werden. Seit vielen Jahren ist erkannt, dass unser Wirtschaften ökologisch nachhaltig sein muss, wenn wir überleben wollen. Doch die Umstellung des Systems auf diese Nachhaltigkeit schafft erhebliche Probleme.

Nehmen wir als Beispiel die Landwirte, die vor wenigen Wochen durch lang anhaltende Proteste auf sich aufmerksam machten. Die Landwirtschaft ist schon seit Jahren von immer neuen ökologischen Auflagen betroffen. Das bringt offenbar viele Betriebe in Schwierigkeiten, so dass nicht wenige Landwirte ihre wirtschaftliche Existenz in Frage gestellt sehen. Diese Existenzangst erzeugte Wut und Widerstand, der sich auch in Protesten mit illegalen Straßenblockaden Ausdruck verschaffte.

Viele divergierende Aspekte treffen hier zusammen: Die Politik bemüht sich um den nachhaltigen Umbau des Systems, ohne den das System früher oder später kollabieren wird. Die Landwirte werden durch diesen Umbau in ihrer Existenz bedroht und wehren sich deshalb massiv gegen zu viele belastende Umbaumaßnahmen. Manche schrecken auch vor illegalen Protesten nicht zurück. Das untergräbt in gewisser Weise die Demokratie. Den Protesten schließen sich offenbar rechtsnationalistische Kreise an, denen die Demokratie sowieso ein Dorn im Auge ist. Dadurch gelangen aber Landwirte in Misskredit, die mit rechtsnationalistischen Strömungen gar nichts zu tun haben wollen. Die schon vorhandene Spaltung der Gesellschaft wird dadurch vorangetrieben.

Hier wirken also verschiedene Mächte in einer Weise zusammen, die zur Entzweiung der Gesellschaft beiträgt, obwohl daran außer den rechtsnationalistischen Kreisen wohl niemandem gelegen ist. Die gesellschaftliche Ordnung, die für ein demokratisches Gemeinwesen unverzichtbar ist, wird untergraben. Das haben zwar die wenigsten gewollt, aber das im Umbau begriffene System selbst erzeugt solche Verwerfungen. Sie wären nur zu vermeiden, wenn die Existenz der Landwirte trotz des ökologischen Umbaus durch finanzielle Ausgleichszahlungen gesichert werden könnte und auch ein gewisser gesamtgesellschaftlicher Wohlstandsverlust in Kauf genommen würde, um dies zu finanzieren. Dazu fehlt aber einerseits der gesamtgesellschaftliche Wille und andererseits nähme das marktwirtschaftliche System zum Beispiel durch höhere Unternehmenssteuern selbst Schaden, so dass dem Staat die finanziellen Mittel für Ausgleichszahlungen fehlen, und zwar auch deshalb, weil die ihm zur Verfügung stehenden Mittel anderweitig eingesetzt werden.

Das Böse, Lebensfeindliche ist also schwer greifbar, schwerer noch, als wenn man es sich im Bild eines Satans oder Teufels vorstellt. Die Mächte und Gewalten, die uns bestimmen, sind nicht so leicht zu fassen und zu fixieren, wie wir es gerne hätten.


4. Lebensfeindliches Klima in der Familie

Nicht nur im Staat, sondern auch in kleineren sozialen Gruppen bis hin zur Kleinfamilie wirken mehrere Menschen und Menschengruppen aufeinander ein. Dadurch entsteht ein schwer durchschaubares Netz an Prägungen, Einflussnahmen und Abhängigkeiten. Daher ist auch eine Familie als System zu betrachten.

Enge Beziehungen, wie es sie in der Kleinfamilie gibt, sind immer stark emotional besetzt. Deshalb sind die gegenseitigen bewussten und unbewussten Einflussnahmen und Abhängigkeiten besonders groß und können auch besonders verletzend sein. Hinzu kommt, dass lebensabträgliche Stimmungen und Verhaltensweisen mitunter über Generationen hinweg meist unbewusst weitergegeben werden. So kann in der Familie ein geradezu zerstörerisches Klima entstehen, in dem jeder einzelne Familienangehörige in seiner Weise gefangen ist. Denn die Abhängigkeiten bestehen nicht einseitig, sondern betreffen alle Beteiligten, wenngleich die schwächeren Familienmitglieder, vor allem Kinder, in besonderer Weise darunter leiden.

Das zerstörerische Klima muss sich nicht in sichtbarer körperlicher Gewaltanwendung ausdrücken, sondern kann auch in subtiler, für die einzelnen schwer erkennbarer seelischer Gewalt bestehen. Sie tut niemandem gut, vielleicht hat sie auch niemand bewusst gewollt, und dennoch ist sie unterschwellig immer da und versklavt eine ganze Familie.

Ihre schwere Durchschaubarkeit hat auch damit zu tun, dass alle Beteiligten in ihrer Weise zu ihr beitragen: Ich werde von dir in meiner Lebensgestaltung beeinträchtigt, aber ich habe durch mein Verhalten dazu beigetragen, dass du mich durch dein Verhalten unterdrückst – und umgekehrt. Mein und dein Verhalten sind außerdem möglicherweise geprägt durch das Verhalten eines dritten oder durch ein belastetes Familienklima, das seinen Grund in der Generation der Großeltern hat. In dieser schicksalhaften Verstrickung ist nicht auszumachen, wer damit "angefangen" hat. Das wechselseitige zerstörerische Verhalten ist einfach da und scheint immer schon dagewesen zu sein.

Es ist nicht verwunderlich, dass in solch einer Familie psychische Krankheiten entstehen können. Die Mächte und Gewalten beherrschen die Familie, ohne dass die einzelnen sich darüber klar sind, was hier eigentlich so stark lebenseinschränkend auf sie einwirkt und warum das so ist. Therapeuten versuchen dann, die Zusammenhänge im System der Familie bewusst zu machen. Denn sie sind für die einzelnen kaum erkennbar und auch nicht personal mit Namen wie "Satan" oder "Teufel" benennbar, worin schon eine Entlastung bestehen könnte. Gerade die Anonymität, das Unbekannt-sein der die Familie beherrschende Macht erschwert die Situation. Das scheint auch im dritten Beispiel der Fall zu sein, das jedoch ganz andere Dimensionen hat.


5. Der weltweit Chaos stiftende Krieg

Krieg ist wohl das Geschehen auf Erden, das am meisten Entzweiung und Chaos hervorbringt. Das gilt natürlich in erster Linie für die jeweiligen Kriegsparteien. Die Zerstörungswucht des Krieges fordert nicht nur viele physische und psychische Opfer, sondern richtet darüber hinaus Wirtschaften, Industrien und persönliche Lebenswerke sowie Familien und Freundschaften zugrunde, heizt den Klimawandel an und vergrößert Ungerechtigkeit und Hunger in den Ländern des globalen Südens. Das alles ist uns nur in minimalen Dimensionen direkt vor Augen, wird von vielen Menschen verdrängt und kann in all seinen weltweiten und zeitlichen Auswirkungen wohl nur geahnt werden.

Entsprechend der lebensfeindlichen und entzweienden Macht des Krieges sowie der Undurchschaubarkeit des Kriegsverlaufs und seiner Folgen sind auch die politischen Reaktionen chaotisch, verwirrend und unehrlich. Dabei zieht der Krieg weite Kreise auch dort, wo gar nicht geschossen wird. Verfolgt man das politische Tagesgeschehen, so scheint es, dass eine große Verwirrung und Orientierungslosigkeit um sich gegriffen hat: Aufgeregte Diskussionen, lautstarkes Durcheinanderreden, Meinungsstreit ohne Ende, gegenseitige schwere Beschuldigungen und eine Polarisierung der politischen Akteure sind nur einige der Folgen des Ukrainekriegs, die man in Deutschland beobachten kann. Hier seien schlagwortartig einige Beispiele für die aus meiner Sicht herrschende "Irrsal und Wirrsal" genannt, die sicher zu ergänzen sind:

Eine zögerliche oder vorsichtige Haltung des Bundeskanzlers hinsichtlich der Frage einer Kriegsausweitung wird von Beginn an diffamiert. Die ehemals pazifistische Partei der Grünen mutiert innerhalb kürzester Zeit zu einer militaristischen Partei mit extremen Befürwortern von Waffenlieferungen. Die Außenministerin Annalena Baerbock spricht davon, wir seien im Krieg mit Russland. Wie sehr der Krieg die Umwelt belastet, scheint bei der Umweltpartei in Vergessenheit geraten zu sein, spielt jedenfalls keine Rolle. Ein Leopard-II-Kampfpanzer verbraucht etwa 500 Liter Diesel auf 100 Kilometer4. Ein F-35-Kampfjet emittiert alle 80 Kilometer eine Tonne CO2. Im Krieg brennen Häuser, Fabriken, Raffinerien und Wälder, Gewässer werden durch Öl verunreinigt. Man spricht vom Wiederaufbau der Ukraine, erwähnt aber nicht, dass die zivile Bauwirtschaft für ungefähr 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich ist. Dass Krieg und Klimaschutz Zielkonflikte darstellen, ist nicht bewusst oder wird nicht erwähnt. Der Krieg bestimmt das Denken, und alles andere tritt dahinter zurück.

Wie komplett die Verwirrung und das politische Chaos ist, wird in der seit Monaten andauernden Diskussion über die Lieferung von Taurus-Raketen an die Ukraine besonders deutlich. Politikerinnen und Politiker der Regierungskoalition stimmen Entschließungsanträgen der Opposition zu, stimmen also gegen die eigene Regierung und den von ihnen gewählten Bundeskanzler. Dieser legt seine Gründe für die Weigerung, diese Raketen zu liefern, nur scheibchenweise und erst nach Wochen auf den Tisch. Der Grüne Anton Hofreiter wirft "seinem" Bundeskanzler vor, die Unwahrheit zu sagen. Aussage steht gegen Aussage, und zwar innerhalb der Regierungsparteien.

Frankreichs Präsident Macron plädiert mehrfach dafür, einen Einsatz von Bodentruppen in der Ukraine nicht auszuschließen. Das würde einer Beteiligung am Krieg gleichkommen. Was Macron nicht sagt, ist, dass Frankreich der Ukraine nur etwa 1/27 dessen an militärischer Ausrüstung zur Verfügung stellt, was Deutschland liefert. Zwar wird Macrons Äußerung weitgehend kritisiert, doch der CDU-Innenpolitiker Roderich Kiesewetter lobt den französischen Präsidenten dafür. Auch die NATO-Staaten Kanada und Finnland stimmen Macron zu. Offensichtlich spielen manche in der NATO mit dem Gedanken, mit Bodentruppen in den Krieg einzutreten, weil die Ukraine den Krieg nicht verlieren dürfe. Sie nehmen dabei also einen Krieg mit Russland und einen möglichen Atomkrieg in Kauf. Dazu passt, dass die Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) junge Menschen in den Schulen auf den Kriegsfall und andere Krisen vorbereiten möchte. Sie müssten die Bedrohungen der Freiheit kennen und mit den Gefahren umgehen können. Das klingt ein bisschen wie schulische Rettungsübungen aus den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts: Wenn alle bei einer Atombombenexplosion unter den Tisch krabbeln und sich dort verstecken, kann ihnen nichts passieren.

Unterdessen verliert die Ukraine zurückeroberte Gebiete wieder an Russland und schickt jetzt auch über 50jährige nach einem Monat Ausbildung in den Krieg, weil ihr die Soldaten ausgehen. Sie droht den Krieg zu verlieren, und dennoch plädieren die maßgeblichen politischen Akteure dafür, den Krieg fortzusetzen. Den Angreifer und Hauptverantwortlichen für Tod und Zerstörung Wladimir Putin kann es eigentlich nur freuen, dass der richtige Zeitpunkt für Verhandlungen, als Russland im Krieg schlechter dastand, bereits verpasst sein könnte.

Doch der Krieg soll fortgesetzt werden. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er weltweit zu Hunger führt5: Die Preise für Lebensmittel, Saatgut, Dünger und Energie sind durch den Krieg gestiegen. Und auch der durch den Krieg angeheizte Klimawandel ist ein entscheidender Faktor für Hunger. Als Ziel des Krieges wird die Rettung der Menschen in der Ukraine oder in ganz Europa vor Fremdherrschaft genannt. Dass zugleich ungenannte und ungezählte Menschen im globalen Süden unter den Kriegsfolgen sterben, wird verschwiegen.

Ich finde, da ist schon einige Verwirrung und Orientierungslosigkeit zu beobachten. Das gilt übrigens nicht nur für die Politik, sondern auch für die Evangelische Kirche in Deutschland: Sie hat kurz nach Beginn des Ukrainekriegs innerhalb weniger Wochen ihre zuvor in Jahrzehnten erarbeitete und schriftlich fixierte Friedensethik über den Haufen geworfen und arbeitet jetzt an einer neuen Friedensethik, weil ja eine neue Situation eingetreten sei – eine "Zeitenwende" etwa, also das, was doch eigentlich mit der Geburt des Messias Jesus und seiner Friedensbotschaft eingetreten ist?

Da komme ich ins Grübeln: Unterstellt man der "alten" Friedensethik, dass sie nur für den Frieden gedacht war und nicht für den Kriegsfall? War sie falsch, weil jetzt ein Kriegsfall (was ist daran eigentlich neu?) eingetreten ist? Oder hat die Kirche in der angeblich "neuen Situation" – nach der "Zeitenwende" des Krieges – dann doch nichts anderes zu sagen als das, was uns der in Deutschland herrschende mediale Mainstream sowieso täglich in die Ohren bläst? Wenn das, was eine ganze Generation von Theologinnen und Theologen mühsam erarbeitet hat, von einer späteren Generation innerhalb weniger Wochen für null und nichtig erklärt wird, dann zeugt das doch von ziemlich großer theologischer Orientierungslosigkeit und Verwirrung.

Abschließend möchte ich kurz anmerken, dass gegenwärtig im Gazastreifen 500.000 Menschen vor dem Hungertod stehen. Es ist erfreulich, dass internationale Hilfsaktionen gestartet sind, an denen auch Deutschland beteiligt ist. Das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen wird inzwischen auch kritisiert. Vor wenigen Wochen noch wurde allerdings jede Kritik an Israel schnell mit dem Vorwurf des Antisemitismus abgewürgt. Damit wird die Wahrheit doch sehr gepresst. Denn es gab und gibt viele Jüdinnen und Juden, die das Vorgehen der nationalkonservativen und in Teilen mit religiösen Extremisten besetzte Regierung Israels scharf kritisieren und die man dann ebenso als Antisemiten hätte bezeichnen müssen.


6. Geborgenheit im Glauben an den Stärkeren

Ich hoffe, es ist beispielhaft – wenn auch subjektiv – einiges von der "Irrsal und Wirrsal" deutlich geworden, in die wir verstrickt sind und der wir uns nicht entziehen können, ja, an der wir auch selbst beteiligt sind. Viele Menschen muten sich schon lange keine Nachrichtensendungen mehr zu. Sie haben ein Gespür für das Durcheinander in Politik und Medien und konzentrieren sich auf ihr Privatleben. Doch auch im Privatleben herrscht nicht selten Chaos. Das Böse erfasst alle Bereiche des Lebens, denn es erfasst die Menschen, die das Leben gestalten. Damit soll nicht alles über einen Kamm geschoren werden. Es gibt Unterschiede, auch zwischen einzelnen Menschen. Aber niemand kann sich sicher fühlen, nicht auch vom "Bösen" ergriffen und beherrscht zu werden, und niemand kann behaupten, gänzlich davon frei zu sein.

Der Begriff "Böses" ist vielleicht gar nicht stark genug. Denn er legt den Gedanken nahe, dass man es mit ein wenig gutem Willen und Disziplin abstellen könne. Dem ist aber nicht so. Gerade das macht das Böse so unheimlich. Darum muss es nicht falsch sein, es als "teuflisch" oder "dämonisch" zu bezeichnen. Nur sollte man dabei nicht unbedingt an personale Mächte denken, sondern an überpersonale Mächte und Gewalten, deren wir nicht Herr werden.

Wir müssen ihrer auch nicht Herr werden. Denn es gibt einen Herrn, der die Macht auch über diese Mächte und Gewalten hat. Wenn wir uns ihm anvertrauen und seine Kraft in uns wirken lassen, sorgt er dafür, dass wir nicht vollends in den Strudel dieser Mächte und Gewalten geraten. Deshalb müssen Christinnen und Christen auch angesichts der größten Irrsal und Wirrsal nicht die Hoffnung und Lebensfreude verlieren.

Der "Fürst dieser Welt" mag zwar noch toben, aber es gibt einen, der stärker ist (Joh 12,31; 16,11). Darum kann uns das teuflisch Lebensfeindliche keinen letzten Schrecken mehr einjagen. Die Welt ist in Gottes Hand. Und wenn uns das Teuflische bis in die Nacht hinein verfolgt, können wir sagen: "Ach, ihr seid es, die dunklen Mächte, die noch immer toben. Aber ihr könnt damit nichts Entscheidendes mehr ausrichten. Denn der Herr Jesus regiert die ganze Welt und führt sie seinem Ziel entgegen. In seiner Hand steht mein ganzes Leben" (Ps 31,16). Und dann dreht ihr euch um und schlaft in ihm geborgen weiter.


* * * * *


1 Duden. Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag, 2. Aufl. Mannheim u.a. 1989. S. 742.
2 Die Schrift. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. 10. Aufl., Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1976/1978/1979. Lizenzausgabe für die Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1992. Band 1, S. 9.
3 Verführer: Mt 4,3; 1Kor 7,5; 1Thess 3,5; Ankläger: Offb 12,10; Versklaver: Hebr 2,14; 1Joh 3,8.10; Anstifter: Mt 4,1; 1Thess 3,5; Verderber: Joh 8,44; Ursprung der Sünde: Joh 8,44; 2Kor 11,3; der Böse: Mt 13,19; Eph 6,16; 2Thess 3,3; der Fürst, der in der Welt herrscht: Joh 12,31; 14,30; 16,11; "Gott dieser Welt": 2Kor 4,4; der Feind Christi: Mt 13,39; Lk 10,19; Kämpfer gegen die Taten der Glaubenden: Lk 22,31; gegen die Gemeinde: Apg 5,3; gegen die Verkündigung: 1Thess 2,18; Grund von Krankheiten: Lk 13,16; 1Kor 5,5; 2Kor 12,7; Herr über böse Geister/Dämonen: Mt 25,41; 2Kor 12,7; Eph 2,2; 6,12; Offb 12,9. Quelle: Josef de Fraine / Herbert Haag: Satan. In: Bibel-Lexikon. Hg. von Herbert Haag. Benziger Verlag. 3. Aufl., Zürich u.a. 1982. Sp. 1526-1528.
4 Siehe hierzu und zum Folgenden mit vielen weiteren Fakten Harald Welzer: Zeitenende. Politik ohne Leitbild, Gesellschaft in Gefahr. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2023. S. 86-93.
5 Siehe hierzu 65. Aktion Brot für die Welt: Wandel säen. Projekte und Positionen. Berlin 2023. S. 7.

Foto: Hans auf Pixabay.




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