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Warum Christen Verzicht üben können

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Veröffentlicht von in Ethik · 1 März 2024
Tags: EthikNachhaltigkeitGlückFreiheitSchöpfungTod

Warum Christen Verzicht üben können
Plädoyer für eine schöpfungsschöne Welt
Klaus Straßburg | 01/03/2024

Bei uns im Dorf ist gerade richtig was los: Es werden Glasfaserkabel verlegt. Gerade auch in unserer Straße. Gestern mussten wir unser Auto in Entfernung vom Wohnhaus parken. Überall fahren kleine Bagger mit gelbem Blinklicht durchs Dorf. Zeitweise ist es ordentlich laut und staubig. Am Straßenrand wird der Asphalt geschnitten, dann ein Kanal gegraben, das neue Kabel eingelegt, der Kanal wieder zugeschüttet und schließlich mit einem Stampfer verdichtet. Der Asphalt kommt offensichtlich später drauf.

Bei all den Arbeiten wird natürlich viel CO2 emittiert. Wenn ich mir vorstelle, dass in ganz Deutschland mit großem Aufwand Straßen aufgerissen und Kabel verlegt werden, wird mir ganz übel. Manchmal passiert das in derselben Straße sogar mehrmals. Denn wenn der erste Glasfaser-Anbieter seine Arbeit vollendet hat, kommen möglicherweise der zweite und dritte, um ihr eigenes Kabel an derselben Stelle zu verlegen, und die Straße wird erneut aufgerissen.

Ich frage mich, ob das wirklich sein muss. Ich sitze nicht selten am Internet und hatte nur selten Probleme mit der Geschwindigkeit. Und wenn es einmal der Fall ist, kann man doch wohl ein paar Sekunden warten, oder? Natürlich sollte dort, wo es noch kein schnelles Internet gibt, etwas dagegen getan werden. Aber Glasfaser überall? Um vielleicht am Ende ein paar Sekunden pro Woche zu sparen?


"Der Gedanke, das Leben angesichts des sicher kommenden
Todes auszukosten, ist ein allgemeinmenschlicher"
(Otto Kaiser)

Mir fiel dazu ein Bibelwort ein, das auf den ersten Blick gar nichts mit Glasfaser zu tun hat. In der christlichen Gemeinde von Korinth gab es Menschen, die die Auferstehung der Toten leugneten. Daraufhin schrieb der Apostel Paulus an die von ihm gegründete Gemeinde: Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann gilt Folgendes (1Kor 15,32):

Lasst uns essen und trinken, denn morgen sterben wir.

Bekannter und pointierter ist Martin Luthers Übersetzung:

Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.

Paulus will sagen: Wenn es stimmt, dass die Toten nicht auferstehen, dann muss man das Leben im Diesseits voll auskosten. Er zitiert dabei Jesaja 22,13. Dort steht dieser Satz in anderem Zusammenhang: Israel kehrt auch in unheilvoller Zeit nicht zum guten Weg Gottes zurück, indem es über sich selbst erschrickt, seine Schuld betrauert und die kommende Todesgefahr wahrnimmt, sondern im Gegenteil: Es gibt sich ausgelassenen Feiern und überschwänglicher Freude hin. Man kann das so kommentieren:

Der Gedanke, das Leben angesichts des sicher kommenden Todes auszukosten, ist ein allgemeinmenschlicher. So wird von [dem griechischen Dichter] Alkaios der Vers überliefert [...]:

"Nicht soll den Sinn man hängen an Not und Leid.
Was fruchtet es, ob du dich auch sorgst und härmst?
Das beste Mittel, Freund, bleibt immer,
Wein sich zu holen und froh zu zechen." *

Mit anderen Worten: Um das drohende Unheil nicht wahrnehmen zu müssen, gibt man sich den Genüssen des Lebens umso intensiver hin. "Lasst uns heute noch das Leben in vollen Zügen genießen, denn morgen schon werden wir tot sein."


Die Glaubenden sind befreit davon, schon in diesem Leben
verzweifelt eine Lebensfülle anzustreben, die sie hier niemals
erreichen werden

Man könnte das für die heutige Zeit und unsere Situation angesichts des Klimawandels so übersetzen:

"Lasst uns auf keine Freude verzichten, denn wenn wir tot sind, gibt es keine Freude mehr."
"Lasst uns durch die Welt jetten und durch Europa rasen, denn im engen Sarg können wir uns nicht mehr bewegen und nichts mehr erleben."
"Lasst uns ohne Ende produzieren und konsumieren, um die Fülle des Lebens zu genießen, denn nach dem Tod gibt es nur noch leblose Leere."
"Lasst uns alles dafür tun, dass unsere Wirtschaft in immer neue Höhen wächst, damit unser materieller Wohlstand erhalten bleibt, denn nach dem Tod zerfällt alle Materie."
"Lasst uns jede neue Technik nutzen, die unsere Möglichkeiten erweitert, denn wenn wir tot sind, haben wir gar keine Möglichkeiten mehr."
"Lasst uns nur edle Güter kaufen, um einen angesehenen Status unter den Lebenden zu haben, denn die Toten haben keinen Status."
"Lasst uns so oft wie möglich neue Kleidung und eine neue Brille kaufen, und lasst uns unser Outfit optimieren, um die Blicke der anderen auf uns zu ziehen. Denn wenn wir tot sind, wird keiner mehr uns sehen und an uns denken."

Der christliche Glaube hat allerdings in dieser Sache eine ganz andere Vorstellung. Die Toten sind für Gott weder aus den Augen noch aus dem Sinn. Weil er sie schon zu Lebzeiten liebevoll ansah (1Mo/Gen 16,13), wird er sie auch im Tod nicht einfach vergessen. Gott wird vielmehr die Toten sehen (2Kor 5,10), und die Toten werden Gott sehen (Offb 1,7). Mit dem Tod ist nicht alles aus, sondern beginnt für die Glaubenden die Fülle des Lebens und der Freude (Offb 21,1-5).

Darum sind die Glaubenden befreit davon, schon in diesem Leben verzweifelt eine Lebensfülle anzustreben, die sie hier niemals erreichen werden. Sie sind frei, sich einzuschränken, zurückzunehmen und nicht mehr alle ihre Wünsche ohne Rücksicht auf die zerstörerischen Folgen zu verwirklichen.

Natürlich kann man viele Gründe dafür finden, sich nicht einzuschränken:

"Nicht ich, sondern der Staat und die Politik sind für Umweltschutz verantwortlich."
"Wir können sowieso nichts erreichen, wenn die anderen nicht mitmachen."
"Der Klimawandel kommt sowieso, daran können wir nichts ändern."
"Ich lasse mir meinen Lebensstil nicht von Moralisten und Gutmenschen schlechtreden."
"Ich tue doch schon so viel für den Klimaschutz, dann kann ich mir auch mal etwas leisten."

Auch hier hat der christliche Glaube eine andere Sicht. Denn den guten Wegweisungen Gottes folgt man nicht mit halber Kraft, sondern mit all seinen Möglichkeiten, und zwar in Ehrfurcht vor dem Schöpfer und Eigentümer der Erde und in der Liebe zu ihm, aber auch im eigenen Interesse (5Mo/Dtn 10,12-14):

Was fordert der HERR, dein Gott, von dir, als dass du den HERRN, deinen Gott fürchtest, indem du in allen seinen Wegen wandelst, ihn liebst und dem HERRN, deinem Gott, dienst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, indem du die Gebote und Satzungen des HERRN [...] hältst, auf dass es dir wohl ergehe? Siehe, dem HERRN, deinem Gott, gehört der Himmel und aller Himmel Himmel und die Erde und alles, was darauf ist.


Der Kipppunkt, an dem immer mehr Güter und Erlebnisse
in immer weniger Glück umschlagen, scheint bereits überschritten

Nun wird man schnell als Spielverderber und Spaßbremse betrachtet, wenn man dazu aufruft, sich einzuschränken. Doch ich denke, das Gegenteil ist der Fall: Wir täten das im eigenen Interesse. Wir hätten nicht weniger, sondern mehr Lebensfreude, wenn wir uns einschränken würden.

Es wäre weniger laut, weniger hektisch, die Nächte weniger hell. Wir hätten mehr Ruhe und weniger Herzinfarkte. Wir würden bessere Luft atmen. Wir wären gesünder und fröhlicher. Wir hätten weniger Angst voreinander und mehr Zeit füreinander. Unsere Städte hätten mehr schöne Orte statt Beton und Asphalt – Orte, an denen man sich gerne trifft. Wir müssten nicht ständig irgendwelchen neuen Gütern und Erlebnissen nachjagen und würden wieder lernen, uns der alltäglichen Dinge des Lebens zu freuen.

Wir würden dann auch wieder einmal zum klaren Nachthimmel blicken, weil dort Millionen von Sternen und die Milchstraße zu sehen sind. Vielleicht würde uns dann unsere Winzigkeit bewusst, und wir würden uns wieder mehr auf den Schöpfer des Weltalls besinnen, dem wir Winzlinge unendlich wichtig sind.

Wir würden das Wunder seiner Schöpfung und seiner Liebe begreifen und alles daran setzen, die Schönheit der Schöpfung zu bewahren. Und wir würden begreifen, dass Weniger durchaus Mehr sein kann.

Dass wir das vergessen haben, dafür ist Glasfaser nur ein Symptom. Der Kipppunkt, an dem immer mehr Güter und Erlebnisse in immer weniger Glück umschlagen, scheint bereits überschritten. Darum wären wir in einer schöpfungsschönen Welt glücklicher als in einer mit immer mehr fragwürdigen Erlebnissen und Gütern angefüllten.


* * * * *


* Otto Kaiser: Der Prophet Jesaja – Kapitel 13-39. Das Alte Testament Deutsch, Teilband 18. Vandenhoeck & Ruprecht. 2. Aufl. Göttingen 1976. S. 117. Das Alkaios-Zitat ist dort entnommen aus: Alkaios, griechisch und deutsch. Hg. von M. Treu. 2. Aufl. München 1963. S. 67.

Foto: Sandra auf Pixabay.




2 Kommentare
2024-03-03 15:33:07
Hallo Klaus,

wie so oft kann ich es mir nicht verkneifen, ein paar kritische Anmerkungen zu deinem Beitrag zu machen.

Nicht beim dem Ziel, die von Menschen verursachte globale Erwärmung zu begrenzen, soweit das überhaupt noch möglich ist. Auch die prinzipielle Fähigkeit zum Verzicht und Wertschätzung des bewussten Verzichts halte ich für gut.

Das Christentum kennt so etwas, aber viele andere Religionen auch, und selbst Agnostiker und Atheisten sind dazu in der Lage. Ich halte es mehr für eine Charakter- als für eine Religionsfrage.

Im speziellen Bezug auf die Achtsamkeit für die Natur und das Sichbegreifen als Teil der Natur sehe ich die Kirche heute vor allem als Trittbrettfahrer an. Durchaus nicht unwillkommen, aber dieser Trittbrettfahrer soll bitte nicht so tun, als hätte er die Tram erfunden oder steuerte sie.

In diesem Zusammenhang wird heute gern der Auftrag Gottes an den Menschen zitiert, die Schöpfung (eigentlich wohl genauer den Garten Eden) zu bebauen und zu pflegen. Für mich zieht sich aber eine andere Linie durch die Bibel, von vorne bis hinten:

"Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht (1 Mo 1,28).

"Und er sah einen Feigenbaum von ferne, der Blätter hatte; da ging er hin, ob er etwas darauf fände. Und als er zu ihm kam, fand er nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit für Feigen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihm: Nun esse niemand mehr eine Frucht von dir in Ewigkeit! Und seine Jünger hörten das" (Mk 11, 13-14).

"Einen neuen Himmel und eine neue Erde" (Jes 65,17 bis Off 21,1).

Hier ist die Erde und die ganze Natur Objekt, das gefälligst zu dienen hat. Ohnehin wird letzten Endes sowieso alles neu geschaffen.

Das Verständnis eines Lebens in und mit der Natur als ihr Teil finde ich viel mehr in (schon auch pejorativ) so genannten Naturreligionen.

Einen schönen, obwohl eigentlich schon zu warmen, Frühlingssonntag wünscht

Thomas Jakob
2024-03-03 22:03:09
Hallo Thomas,

danke für deine Anmerkungen. Ich finde es nur gut, wenn andere Religionen einen sinnvollen Verzicht wertschätzen oder Naturreligionen ein sorgsames Leben in und mit der Natur pflegen. An manchen Stellen können wir sicher noch etwas von ihnen lernen.

Ich sehe es auch als eine "Charakterfrage", wie man mit der Natur umgeht. Leider gibt es ja auch Christen, die einen sorgsamen Umgang mit ihr noch nicht gelernt haben oder sich dem bewusst verweigern. Warum sollten Atheisten und Agnostiker es schlechter machen als Christen, die an dieser Stelle etwas nicht verstanden haben oder ignorieren?

Dass die Kirche Trittbettfahrer ist, wie leider m.E. in so vielen anderen Belangen auch, mag sein, ändert aber nichts an der Botschaft. Es geht ja auch keinesfalls darum, die Kirche hervorzuheben, sondern es geht allein um eine christliche Ethik. Im Sinne einer solchen sollten allerdings tatsächlich die Kirchen voranschreiten und nicht der Welt hinterhereilen.

1Mo 1,28 ist leider lange Zeit falsch verstanden worden, und zwar von der Kirche selbst: Gemeint ist hier ein Herrschen im Sinne des bewahrenden Herrschens Gottes, also nicht ein zerstörendes Herrschen (1Mo 2,15). Denn der Mensch ist nach Gottes Bild geschaffen (1,26) und soll deshalb auch nach Gottes (Vor-)Bild herrschen: nicht als Unterdrücker und Ausbeuter, sondern als Bewahrer des göttlichen Schöpfungswerkes.

In Mk 11,13f geht es Jesus nicht um die Zerstörung des Feigenbaums. Es handelt sich vielmehr um ein Zeichen (eine "prophetische Zeichenhandlung", wie wir sie von den Propheten kennen), das unterstreichen soll, wie ernst die Lage für Israel ist: So wie an dem Feigenbaum keine Frucht zu finden ist, so in Israel kein Glaube (vgl. Jer 29,17; Hos 9,10; Mi 7,1-4). Ich kenne keine Auslegung, die meint, Jesus wollte den Feigenbaum zerstören.

Dass am Ende alles neu geschaffen wird, ist für mich kein Widerspruch dazu, sorgsam mit Gottes Schöpfung umzugehen, sondern ein Ansporn, die gute Zukunft schon jetzt ansatzweise zu verwirklichen. Immerhin wird es eine neue Erde geben und nicht einfach ein ewiges Leben im Himmel. Nach dem oben Gesagten kann die Schöpfung auch nicht einfach Objekt sein, mit dem man nach Belieben verfährt - wenngleich es oft auch in der Kirche so war.

Meine Frau und ich haben den warmen Tag und die Sonne heute in der Schöpfung genossen, und von daher ist es für mich völlig klar, dass dieses gute Werk Gottes zu bewahren ist. Darum kann ich immer wieder nur darum werben, dementsprechend zu handeln, und dazu gehört es auch, das Maß nicht zu überziehen und sich einzuschränken.

Liebe Grüße
Klaus

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