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Unerwartet beim Namen gerufen

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Veröffentlicht von in Theologie to go · 7 Januar 2023
Tags: HoffnungZielSehnsuchtEinsamkeitGottverlassenheit

T h e o l o g i e   t o   g o
Unerwartet beim Namen gerufen
Klaus Straßburg | 07/01/2023

Vor einigen Tagen wollte meine Frau einen Spaziergang im Wald machen. Sie fragte mich, ob ich mitgehen wolle, doch ich hatte mich gerade in eine Arbeit vertieft und ließ sie deshalb allein gehen. Etwa eine halbe Stunde später, als ich meine Arbeit beendet hatte, bekam ich auch Lust auf einen kleinen Spaziergang.

Also machte ich mich auf, nahm eine Abkürzung bergauf, weder Weg noch Pfad, eine lichte, wenig bewachsene Schneise, die etwa hundert Meter steil hinauf führt. Danach folgte ich im Wald eben dem Weg, den meine Frau gehen wollte, in der Hoffnung, sie vielleicht einzuholen oder ihr auf ihrem Rückweg zu begegnen. Doch die Begegnung blieb aus, und so setzte ich meinen Spaziergang fort ohne die Hoffnung, sie noch zu treffen. Der Wald ist eben größer und birgt mehr Wege, als man denkt, auch wenn man sich nicht allzu weit von zu Hause entfernt.

Ich wählte verschiedene Wege, die ich kannte und die ich oft schon mit Freude gegangen bin. Schließlich kam ich wieder an die Schneise, die Abkürzung, die ich zu Beginn meines Ganges bergauf gestiegen war. Weil es mich nach Hause zog und ich mit dieser Schneise ein gutes Stück des Weges abschneiden konnte, entschied ich mich für den Abstieg. Vorsichtig, Schritt für Schritt, schob ich mich den steilen Patt hinunter durch das hohe Gras. Gut unten angekommen, bog ich scharf nach links ab auf einen breiten Weg, der mich bald zurück nach Hause führen würde.

In diesem Moment hörte ich meinen Namen rufen: "Hallo Klaus!" Es war eine vertraute Stimme, ich wusste sofort, wer mich da rief. Es war die Stimme meiner Frau. Ich drehte mich um und sah sie auf dem Weg kommen, auf den ich gerade nach links eingebogen war, während sie von rechts kam.

Es war ein Stück Heimat, ohne schon zu Hause zu sein, so völlig unerwartet die Stimme meiner Frau zu hören, wie sie mich mit meinem Namen anrief. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet. Meine Gedanken waren ganz woanders gewesen. Ich fühlte mich nicht zu Hause, sondern auf dem Weg dorthin, war allein unterwegs, hatte niemanden gesehen oder gehört und glaubte nicht, dass irgend jemand sich in der Nähe aufhielt.

Und dann die liebe Stimme, die mir so vertraut und nah war, wie keine andere auf der Welt, die meinen Namen aussprach und mich zu sich rief.

Natürlich hatte diese Stimme meinen Namen schon unzählige Male ausgesprochen. Natürlich hatte sie mich tausend Mal zu sich gerufen. Aber diesmal war es etwas Besonderes. Diesmal kam diese Stimme quasi aus dem Nichts, aus dem gänzlich Unerwarteten. Sonst, wenn ich sie hörte, war mir bewusst, dass meine Frau in der Nähe war. Diesmal wähnte ich mich allein, meine Frau nicht in Rufnähe, und erst die Stimme machte mir klar, dass sie mir so ungeahnt nah war. Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, dass diese Situation einen bleibenden Eindruck in mir hinterlassen hat.

Den Rest des Weges musste ich nicht mehr allein zurücklegen. Der liebste Mensch, den ich habe, war nun – ganz unerwartet für mich – an meiner Seite.

Kurz darauf musste ich unwillkürlich an das Bibelwort aus Jesaja 43 Vers 1 denken:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Das Wort ist urprünglich den Entwurzelten des Volkes Israel, die im babylonischen Exil lebten, gesagt. Aber es beschreibt Gottes Zuwendung zu den Entwurzelten aller Zeiten und Länder. Wir können es also auf uns beziehen. Denn auch wir leben im Exil, denn wir sind in dieser Welt niemals ganz zu Hause, und auch im schönsten Zustand lebt eine Sehnsucht in uns.

Vielleicht ist es sogar so, dass Gott uns gerade dann anruft, wenn wir am wenigsten damit rechnen. Kommt doch sein Ruf oft unerwartet, vielleicht auch unserem Empfinden nach unpassend. Es kann sein, dass uns gerade etwas stark beschäftigt und unsere Gedanken bindet. Oder dass unser Gefühl und unsere Hingabe ganz einer bestimmten Sache gilt, die uns für sich einnimmt. Es mag auch sein, dass wir uns gänzlich allein fühlen mit einem Problem, dass die ganze Welt sich vor uns verschlossen zu haben scheint.

Und dann geschieht es, dass uns wie aus dem Nichts heraus eine Nähe zuteil wird, als rufe uns eine liebevolle Stimme, als seien wir nicht allein, als habe sich die Welt im Augenblick verwandelt. Alles erscheint in neuem Licht, und wir werden gewahr, dass wir der Welt nicht bedrückend einsam ausgeliefert sind, sondern dass jemand an unserer Seite ist, dass wir jemandem unendlich wichtig sind. Denn die Stimme ruft uns bei unserem Namen. Nicht einfach ein anonymes Licht erleuchtet unser Inneres, nichts Unpersönliches gewinnt Macht über uns, sondern wir selbst sind gemeint, wir sind zu dieser nahen Stimme gerufen.

Wir mögen sie die Stimme Gottes nennen oder die Stimme einer ewigen Kraft. Aber der uns da ruft, der kennt uns. Er weiß um unsere Freude und um unsere Not. Und er ruft uns nicht einfach, sondern er ruft uns zu sich. Er sucht unsere Nähe und bittet um eine Antwort. Er möchte, dass wir innehalten, uns ihm zuwenden und mit ihm unseren Weg fortsetzen.

Ich war bei meinem Spaziergang in keiner Notsituation. Und dennoch hat der Anruf meiner Frau meinen Horizont in diesem Moment vollkommen verschoben. Wie viel mehr wird es einem Menschen so ergehen, der sich in einer Notlage von Gott und der Welt verlassen fühlt. Denn Gott ruft uns nicht nur zu sich, damit wir mit ihm zusammen unseren Weg fortsetzen, sondern er bewahrt uns auch in den Nöten, die uns auf unserem Weg begegnen.

Das Jesajawort setzt sich so fort:

Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Retter.

Das ist natürlich symbolisch gemeint. Wasser, Ströme und Feuer stehen für das, was uns mit Schmerz, Verzweiflung oder dem Tode bedroht. Das Wasser steht uns bis zum Hals. Aber es hat keine letzte Gewalt über uns. Mögen wir auch viel erleiden müssen: Gott wird dem ein Ende machen. Mögen wir des Todes sein: Der Retter ist stärker auch als der Tod.

Israel wurde nach endlosen Jahrzehnten aus dem Exil errettet und durfte zurück in seine Heimat. Auch unsere Not mag endlos erscheinen. Aber das Licht der Hoffnung leuchtet in der Finsternis. Die Heimat liegt nicht hinter, sondern vor uns. Auch wenn die gegenwärtige Heimatlosigkeit noch so groß sein mag: Gottes Stimme ruft uns dorthin, wo Heimat schon jetzt beginnt.


* * * * *


Foto: tomwieden auf Pixabay.





4 Kommentare
2023-01-12 14:35:43
Hallo Klaus

Wenn wir Gottes Eigen-Namen benutzen würden (was leider viele nicht mehr tun, indem sie den distanzierten Begriff des "Herrn" benutzen) dann würde das eine andere Eigenschaft aber auch eine andere Einzigartigkeit der Beziehung betonen. Sie würde persönlich, weil der persönliche Namen eine persönliche Bedeutung hätte. Denn welcher Ehemann möchte von seiner geliebten Ehefrau - ständig - als "Chef" angesprochen werden?
2023-01-12 15:34:50
Hallo Pneuma,

das ist ein interessanter Gedanke. Allerdings weiß man bis heute nicht genau, wie das Tetragramm JHWH eigentlich auszusprechen ist. Und wenn man den "Herrn" zugleich als "Freund" versteht, ist er ja mehr als der "Chef". Die Anrede "Herr" ist so sehr bei uns zur Gewohnheit geworden, dass sich das wohl auch schwerlich wird ändern lassen. Schlimm finde ich, wenn in Gebeten penetrant nur von "Gott" geredet wird - als könnte man nichts Genaueres von "Gott" sagen und als gäbe es nicht viele "Götter", die in der Welt angerufen werden.
2023-01-12 21:45:54
Hallo Klaus

Wie man den Namen ausspricht ist dabei völlig zweitrangig. Allein dein Vorname Klaus wird in 100 Sprachen unterschiedlich ausgesprochen, weil Sprachen das so an sich haben. Aber ihn deshalb nicht zu benutzen ist allerdings irgendwie schon eine andere Hausnummer.
Die Eindeutigkeit ist dann noch ein anderes Thema, dem ich dir gerne zustimme.
2023-01-12 22:11:34
Hallo Pneuma,

das stimmt, die Aussprache ist zweitrangig. 👍

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