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Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre

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Veröffentlicht von in Ethik · 5 Dezember 2023
Tags: EthikPolitikNächstenliebeGeboteWeltregiment

Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre
Bedeutung – Wirkung – Bewertung
Klaus Straßburg | 05/12/2023

Zu den bekanntesten Lehren Martin Luthers gehört die sogenannte Zwei-Reiche-Lehre. Sie betrifft nicht nur die Politik, wird aber meist im politischen Bereich erwähnt, wenn sich etwa folgende Fragen stellen: Wie sollen sich Christinnen und Christen angesichts des Bösen in der Welt verhalten? Sollen sie es leidend hinnehmen und nicht dagegen aufbegehren, sondern geduldig dem ewigen Leben entgegensehen? Oder sollen sie mit aller Kraft und vielleicht auch mit Gewalt das Böse zu besiegen versuchen?

Und wenn sich dann Christinnen und Christen für das Gute einsetzen: An welchen Maßstäben sollen sie sich dann orientieren? Kann man mit Nächsten- und Feindesliebe, von der in der Bergpredigt des Neuen Testaments viel gesagt wird, in der Welt etwas verändern? Oder muss man sich den Gepflogenheiten in der Welt anpassen, um mit Hilfe der in der Politik geltenden Machtstrukturen, die nicht immer einwandfrei sind, Gutes zu bewirken?

Noch anders gefragt: Soll jemand, der ehrlich für eine bessere Welt eintritt, dieser Welt das Evangelium predigen? Oder wird er mehr erreichen, wenn er ein politisches Amt übernimmt und innerhalb der politischen Machtstrukturen und unter Anwendung der weltlichen Gesetze dieses Amt führt?

Man wird wohl antworten: Allein mit dem Evangelium wird man nicht weit kommen; denn die meisten Menschen pfeifen auf diese Heilsbotschaft. Wenn man aber allein auf politische Machtausübung setzt, stellt sich die Frage, ob dabei nicht das Evangelium auf der Strecke bleibt.

So sind die Glaubenden – aber eigentlich alle Menschen – eingespannt zwischen Himmel und Erde, Gott und Welt, Kirche und Staat, und müssen in dieser Grundspannung ihren Weg durchs Leben gehen.


1. Die menschliche Grundspannung

Martin Luther hat diese Grundspannung dadurch ausgedrückt, dass er von zwei unterschiedlichen Sphären ausging, in denen alle Menschen leben: einerseits die Sphäre oder das "Reich" Gottes, in dem das Evangelium gilt, und andererseits die Sphäre oder das "Reich" der Welt, in dem die Ordnungen und Gesetze der Welt gelten.

Doch diese Formulierungen sind schon missverständlich. Denn Luther meinte nicht, dass im Reich der Welt das Evangelium nichts gelte, und er meinte auch nicht, dass es im Reich Gottes kein Gesetz gebe. Es ging Luther deshalb nicht um eine schiedlich-friedliche Trennung von Reich Gottes und Reich der Welt, etwa im Sinne der neuzeitlichen Trennung von Kirche und Staat. Und schon gar nicht wollte Luther einer Flucht der Glaubenden aus der "bösen" Welt oder einer Flucht der weltlich orientierten Menschen vor Gott das Wort reden.

Darum ist es falsch, die beiden Reiche voneinander zu trennen, so dass sie keine Beziehung zueinander hätten. Es kommt vielmehr darauf an, sie voneinander zu unterscheiden und dann in rechter Weise aufeinander zu beziehen.

Die Zwei-Reiche-Lehre ist also missverstanden, wenn man sie so begreift, dass sie ein
unumgängliches Gegeneinander von göttlichen Geboten und Notwendigkeiten des Lebens in der Welt ausdrücken will, ein Gegeneinander, das dann zu Kompromissen und Abstrichen von Gottes Geboten führt. Vielmehr gelten Gottes Gebote nicht nur bei den Glaubenden, sondern in der ganzen Welt. Denn die ganze Welt untersteht dem Regiment Gottes.


2. Die zwei Arten, mit denen Gott die Welt regiert

Weil Gott die Welt regiert, spricht man auch von Gottes Regiment über die Welt. Nach Luther regiert Gott auf zwei unterschiedliche Weisen über die Welt: Sein geistliches Regiment geschieht durch sein Wort und seinen Geist, die der Erlösung der Welt dienen. Sein weltliches Regiment aber vollzieht sich ganz anders, nämlich durch Recht und durch Gewaltanwendung, mit der dem Recht zur Durchsetzung verholfen wird. Das dient nicht der Erlösung, sondern der Erhaltung der Welt: Die Welt soll bestehen bleiben und nicht wieder ins Chaos stürzen, aus dem Gott sie erschaffen hat (1Mo/Gen 1,2).

Man kann es auch anders ausdrücken: Gott hat nach Luther zwei Arten von Regimenten in der Welt eingesetzt. In dem einen wird durch die Predigt des Evangeliums regiert und in dem anderen durch den Einsatz von Recht und Gewalt, den Einsatz des "Schwertes". Durch die Predigt des Evangeliums sorgt Gott dafür, dass viele Menschen Erlösung erfahren. Durch das Schwert hingegen sorgt Gott für Frieden und Ordnung in der Welt. Denn die Welt würde wegen des großen Unglaubens der Menschen im Chaos versinken, wenn nur das Evangelium verkündet würde und nicht zugleich mit Gewalt für Ordnung gesorgt würde.

Die Gewalt darf aber niemals in Glaubensfragen angewendet werden, denn der Glaube beruht immer auf einer freien Gewissensentscheidung des Menschen. Umgekehrt darf aber dem Bösen niemals ohne Gewalt entgegengetreten werden, weil das Böse nur gewaltsam in Schach zu halten ist.

Auf beide Weisen regiert Gott die Welt, und zwar mit Hilfe von Menschen. Einerseits beruft Gott Menschen, die das Evangelium verkündigen, andererseits lässt er sich durch Staatslenker und ihre Bediensteten dienen, die, wie wir heute sagen, das Gewaltmonopol des Staates durchsetzen. Um den Staat zu lenken und das Gewaltmonopol durchzusetzen, muss man kein Christ sein, meinte Luther; die menschliche Vernunft reiche aus. Denn Gott gibt auch ungläubigen Menschen Weisheit, Vernunft und die Begabung zur Staatsführung.

Dennoch ist es gut, wenn auch Christinnen und Christen unter den Staatslenkern sind. Denn sie wissen, dass sie auch als Machthaber unter Gottes Regiment stehen und ihm dienen sollen, indem sie ihr Volk mit Liebe regieren. Sie wissen auch, dass nicht jedes weltliche Gesetz Gottes Gebot wiedergibt, sondern dass es auch widergöttliche Gesetze gibt.

An diesen Bemerkungen sieht man schon, dass das Reich Gottes und das Reich der Welt nicht unverbunden nebeneinander stehen, sondern dass sie ineinander verschlungen sind. Das bereits auf Erden angebrochene Reich Gottes, in dem die Christinnen und Christen leben, ist nicht frei von weltlichen Ordnungen und Gesetzen. Und das Reich der Welt, in dessen Ordnungen und Gesetzen Gott nicht unbedingt eine Rolle spielt, ist nicht von Gott verlassen, sondern es steht unter der Heilsbotschaft des Evangeliums.

Gerade diese Verflechtungen beider Reiche machen die Spannung aus, in der wir leben. Diese Spannung drückt sich auch aus in folgenden Erklärungen Martin Luthers: Christinnen und Christen haben sich im Privatleben nach dem Evangelium zu richten und deshalb Unrecht geduldig zu erleiden, wie es Jesu Bergpredigt vorgibt. Für dieselben Christinnen und Christen gelten aber im öffentlichen Leben andere Vorgaben. Als Familienvater (der damals als Oberhaupt der Familie sozusagen eine öffentliche Aufgabe wahrnahm), Soldat, Richter oder Abgeordneter hat ein Christ das Böse nicht geduldig zu ertragen, sondern im Gegenteil dem Bösen unter Anwendung von Gewalt den Garaus zu machen und so Gottes Gebot zu vollstrecken.

Luther war der Ansicht, dass die Glaubenden auf Gewalt verzichten müssen, wenn es um ihre eigene Verteidigung geht. Wenn aber einer ihrer Mitmenschen angegriffen wird, müssen sie diesen mit Gewalt verteidigen, besonders dann, wenn sie ein staatliches Amt innehaben, das den Einsatz von Gewalt erfordert.

Es ist ja auch heute noch so: Richter, Polizistinnen, Beamte, Verwaltungsangestellte und viele andere müssen die staatlichen Gesetze anwenden und üben dadurch staatliche Gewalt aus. Sie dürfen bei ihren Entscheidungen nicht nach Sympathie, Mitleid oder Nächstenliebe vorgehen, sondern müssen schlicht die staatlichen Gesetze anwenden.

Dennoch gibt es auch für sie in den meisten Fällen oder sogar immer Ermessensspielräume. Manche Richter sind für harte Urteile bekannt, andere für eher milde, obwohl beide nach denselben Gesetzen urteilen. Und jede Verwaltungsangestellte kann entweder ohne Rücksicht auf persönliche Notlagen vorgehen oder Verständnis und Empathie für ihre Klienten aufbringen.

Von daher scheint es mir sehr einseitig, wie Luther im öffentlichen Bereich jeden Einfluss von Nächstenliebe ausblendet. Deshalb leuchtet mir auch die scharfe Trennung von Privatleben und öffentlichem Leben nicht ein. Ich bin doch im Privatleben kein anderer Mensch als im öffentlichen Leben. Und ich kann doch nicht im Privatleben im Sinne der Nächstenliebe handeln, im öffentlichen Leben aber die Nächstenliebe außen vor lassen. Das ist ein Spagat, der den Menschen zerreißt und der außerdem zu einer Doppelmoral führt; die das Handeln des Menschen unglaubwürdig macht.

Luther betont hier offenbar zu stark die Unterscheidung der beiden Reiche. Er kommt damit einer Trennung der Reiche bedenklich nah. Eine Trennung würde aber bedeuten, dass in den beiden Reichen unterschiedliche göttliche Ethiken gelten, die nichts miteinander zu tun haben. Das aber würde dazu führen, dass man einen Riss in Gott selbst annimmt: Im Privatleben regiert Gott die Welt als der Gnädige und Liebende, und im öffentlichen Leben regiert er sie mit harter Hand als der Ungnädige, der von Liebe nichts wissen will.

Weil Gott aber nicht in sich gespalten ist, wollte Luther die Trennung seiner beiden Reiche ebenso vermeiden wie ihre Vermischung. Manchmal kommt er aber der Trennung so nah, dass man den Eindruck gewinnt, beide Reiche seien voneinander abgeschottet – auch wenn Luther eine solche Abschottung eigentlich nicht wollte.


3. Gehorsam und Widerstand gegenüber weltlichen Obrigkeiten

Martin Luther hat die Zwei-Reiche-Lehre in der Auseinandersetzung mit reformatorischen Bewegungen ausgebildet, die er abwertend als "Schwärmertum" bezeichnete. Dazu rechnete Luther sehr unterschiedliche Gruppierungen: Erstens Menschen, denen neben dem biblischen Wort auch ihre subjektiven Gotteserfahrungen sehr wichtig waren. Zweitens solche, die einen gewissen Druck zur Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden in sich verspürten und diesen Druck auch weitergaben, wodurch Luther die christliche Freiheit bedroht sah. Drittens Menschen, die solche weltlichen Ordnungen, die ihrer Meinung nach dem Reich Gottes widerstreiten, beseitigen wollten, und zwar notfalls auch durch einen Aufstand gegen die herrschenden Obrigkeiten.

Zu diesen unterschiedlichen reformatorischen Bewegungen zählten zum Beispiel solche, die die Kindertaufe nicht gelten ließen, die jede Gewaltanwendung ablehnten oder die – im Gegenteil dazu – das Reich Gottes verwirklichen wollten, indem sie unter Anwendung von Gewalt gegen Fürsten kämpften, die ihrer Meinung nach Unrecht und Leid zu verantworten hatten.

Dem Aufruhr gegen die Fürsten stellte Luther die Christenpflicht entgegen, den weltlichen Obrigkeiten Gehorsam zu leisten (Röm 13,1f; 1Petr 2,13f), und zwar auch dann, wenn sie Unrecht tun. Widerstand wollte Luther nur dann zulassen, wenn die Obrigkeiten ihr Regiment auf den Glauben ausdehnten, also über den Glauben der Menschen bestimmen wollten. Doch auch dieser Widerstand darf nach Luther nur mit dem Wort geschehen, nicht mit Gewalt. Er meinte, den Glaubenden sei es in keinem Fall gestattet, Aufruhr zu stiften; stattdessen müssten sie das Unrecht, das man ihnen antut, willig erleiden (Mt 5,39).

Luther kritisierte zwar auch die Fürsten, wenn sie die Ausbreitung des reformatorischen Glaubens mit Gewalt verhinderten oder ein Unrechtsregime führten. Andererseits brauchte er die Unterstützung der weltlichen Obrigkeiten, um die Reformation der Kirche voranzutreiben. Und er erkannte wohl: Wenn die Bauern, die vom Freiheitsgedanken des neuen Glaubens ermutigt wurden, gegen die Fürsten für ihre Freiheit zu kämpfen – wenn diese Bauern eine Revolution anzetteln, wird die geistliche Dimension der Reformation von diesem Aufstand verschlungen und unwirksam gemacht.

Zwar ermahnte Luther die Fürsten wegen ihrer schlechten Behandlung der Bauern. Die Bauern aber kritisierte er viel umfassender. Er warf ihnen vor, sie vermischten das Reich Gottes und das Reich der Welt, indem sie sich für ihre politischen Ziele auf das Evangelium berufen und Gott für sich in Anspruch nehmen. Der Missbrauch fürstlicher Macht hebe ihre Gehorsamspflicht nicht auf. Sie sollten nicht gewaltsam vorgehen, sondern sich an die Bergpredigt halten und gegen das Unrecht keinen Widerstand leisten. Indem sie die Aufhebung der Leibeigenschaft fordern, verstünden sie das Evangelium als etwas Äußerliches, nicht als etwas Geistliches. Aber auch ein Leibeigener könne innerlich frei sein. Es seien eben im Reich der Welt nicht alle Menschen gleich, und darum gebe es in der Welt auch Leibeigene. Wer dagegen angeht, verwandle das Reich Gottes in ein weltliches Reich.

Wiederum fällt auf, dass Luther die beiden Reiche eher trennt als in Beziehung zueinander setzt. Betrifft denn das Evangelium nicht auch unser Handeln in der Welt, auch unser politisches Handeln (oder unsere politische Enthaltsamkeit)? Sind wir nicht aufgerufen, dem politischen Machtmissbrauch entgegenzutreten, wenn auch nicht mit Gewalt? Konnten die Bauern sich nicht auf die Frohe Botschaft Jesu vom nahe herbeigekommenen Reich Gottes berufen, wenn sie gegen die Leibeigenschaft protestierten? Auch Jesus hat sich doch gerade den Armen und gesellschaftlich Benachteiligten zugewandt, den Kranken, die betteln mussten, den Huren und Zöllnern – denen, die ganz unten in der Hierarchie standen.

Wenn Luther die Leibeigenen ermahnt, ihre Stellung als Leibeigene hinzunehmen, weil es im Reich der Welt eben Unterschiede gebe, so zeigt das ganz deutlich, dass das Reich Gottes für ihn an dieser Stelle in keiner Beziehung zum Reich der Welt steht – als sei das Reich Gottes von der Welt abgespalten und rage nicht in sie hinein. Die überbetonte Unterscheidung der beiden Reiche wird auch hier zur Scheidung der Reiche.

Um einmal zu verdeutlichen, wie scharf Luther gegen die aufständischen Bauern wettern konnte, sei ein Abschnitt aus seiner Schrift "Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern" aus dem Jahr 1525 zitiert:

Drum soll hier erschlagen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und gedenken, dass nichts Giftigeres, Schändlicheres, Teuflischeres sein kann denn ein aufrührerischer Mensch, gleich als wenn man einen tollen Hund totschlagen muss [...]. So kann's denn geschehen, dass, wer auf der Obrigkeit Seite erschlagen wird, ein rechter Märtyrer vor Gott sei, wiederum, dass ein ewiger Höllenbrand ist, was auf der Bauern Seite umkommt [...]. Solche wunderlichen Zeiten sind jetzt, dass ein Fürst den Himmel mit Blutvergießen verdienen kann, besser denn andere mit Beten [...]. Darum, liebe Herren, erlöset hier, rettet hier, helft hier, erbarmt euch der armen Leute: Steche, schlage, töte hier, wer da kann. Bleibst du drüber tot, wohl dir, seligeren Tod kannst du nimmermehr finden.*

Man sieht, dass Luther die Obrigkeit und den Bauernstand hier völlig ungleich behandelt. Er tadelt nicht nur die Gewalt der Bauern, sondern schon ihren Protest gegen das soziale Unrecht, das ihnen widerfährt. Die Obrigkeit hingegen, die für das soziale Unrecht verantwortlich ist, kann er gar nicht genug zur Gewalt anstacheln. Eine Trennung der beiden Reiche führt offenbar zu einer ungleichen Beurteilung der Menschen sowie ihrer Leiden und Taten. Bei Gott jedoch ist kein Ansehen der Person (1Petr 1,17; Jak 2,1).


4. Kirche und Welt

Luther hat sich auf die zwei Regierungsweisen Gottes auch in seiner Kritik an der römischen Kirche berufen. Die Kirche verstand sich ja als die Institution, in der den Menschen das Heil vermittelt wird. Sie wollte identisch mit dem Reich Gottes sein, und weil das Heil für alle da war, strebte sie nach weltlicher Macht und beanspruchte die Herrschaft über alle weltlichen Lebensbereiche, auch über die Politik. So wird der Papst ein Fürst der Welt, kritisierte Luther. In den Augen des Papstes wird die Kirche ein Stück Welt und die Welt zum Gottesstaat, zum Reich Gottes. Dadurch aber sind die beiden Reiche heillos miteinander vermischt.

Die Reformatoren entzogen der Kirche diese Vormachtstellung zum Beispiel dadurch, dass sie den Menschen durch ihren Glauben Anteil am Reich Gottes zusprachen und nicht durch die Absolution, die ihnen von den Priestern erteilt wurde. Vielmehr konnten sich alle Glaubenden als Priester verstehen, wie es die Offenbarung des Johannes sagt (Offb 1,6; 5.10; 20,6).

Dennoch mussten auch die Reformatoren Unterschiede machen: Wenngleich alle Glaubenden Priester waren, so durften sie trotzdem nicht alle im Gottesdienst predigen. Das Predigtamt wurde vielmehr an diejenigen delegiert, die dazu ausgebildet waren. Zur Regelung der Ämter und Dienste in der Kirche gab es keine göttlichen Gesetze, die man der Bibel entnehmen konnte, sondern dazu waren Menschengesetze notwendig. Die Erfordernisse irdischer Ordnung konnten nicht unmittelbar aus dem Reich Gottes abgeleitet werden.

Man sieht an diesem Beispiel, dass sich nicht alles irdisch Notwendige bis ins Detail durch das Evangelium regeln lässt. Die Bibel enthält nicht alle Antworten auf Fragen der konkreten Weltgestaltung. Bis heute gibt es ein umfangreiches Kirchenrecht, in dem neben vielem anderen auch die Zulassung zum Predigtamt oder die Vokation zum Religionslehrer geregelt ist.

Dennoch gründet dieses Kirchenrecht nicht in einem evangeliumsfreien Raum. Es sollten vielmehr alle seine Vorschriften vor dem Hintergrund des Evangeliums gefasst werden. Das Kirchenrecht sollte nicht auf weltlichen Werten gründen, sondern auf geistlichen.

An der Wechselbeziehung zwischen Evangelium und irdischen Notwendigkeiten wird deutlich, dass das Reich der Welt Probleme aufweist, die dem Reich Gottes an sich fremd sind, und dass das Reich Gottes die Grundlage für das ist, was im Reich der Welt gilt.

Die Kunst besteht darin, die beiden Reiche, die beständig ineinandergreifen, nicht miteinander zu vermischen, aber auch nicht voneinander zu trennen.


5. Ein gegenwärtiger Missbrauch der Zwei-Reiche-Lehre

Luthers Zwei-Reiche-Lehre (die diesen Namen erst im Luthertum des 19. Jahrhunderts erhalten hat) wurde in der Geschichte vielfältig interpretiert, missverstanden und missbraucht, aber auch kritisiert. Bis heute gibt es sehr simple Deutungen dieser Lehre, vor allem, wenn es um ihre politische Dimension geht.

Man benutzt die Zwei-Reiche-Lehre dann gern, um staatliche Anordnungen oder eine ganze staatliche Ordnung zu rechtfertigen. Der Staat könne nicht mit der Bergpredigt regiert werden, heißt es dann lapidar. Auf diese Weise versucht man, dem Staat seine ihm eigene Gesetzlichkeit zuzusprechen, die mit der Botschaft Jesu nicht kompatibel sei. Man vergisst dabei gern, dass Luther auch die Obrigkeiten sehr wohl ermahnen konnte, im Sinne der Nächstenliebe das Wohl der Bevölkerung zu suchen. Denn das ist – auch nach Luther – die biblische Aufgabe der Regierenden.

Mit so einer simplen und missverstandenen Deutung Luthers hält man dann das Thema für ausreichend durchdacht und erledigt. Jeder christliche Einwand gegen das staatliche Handeln wird mit dem Hinweis auf die Zwei-Reiche-Lehre abgewehrt. Wenn die Regierenden Entscheidungen fällen, die dem Neuen Testament widersprechen, kann man sein christliches Gewissen sehr gut mit der Zwei-Reiche-Lehre beruhigen. Denn die Obrigkeit an sich sei ja eine von Gott eingesetzte Ordnung, der man auch dann zu gehorchen habe, wenn die Regierung nicht der biblischen Ethik entsprechend handeln könne.

Das wird weder den biblischen Texten gerecht noch dem Anliegen Martin Luthers. Denn Luther stellte sich eine ständige Wechselbeziehung zwischen den beiden Reichen vor, auch wenn das in seinen Äußerungen nicht immer deutlich wurde. Er meinte, die Glaubenden hätten einen dauernden Kampf zwischen dem Gehorsam gegenüber Gott einerseits und gegenüber der Obrigkeit andererseits auszufechten. Von einer schiedlich-friedlichen Trennung der beiden Reiche und einer fertigen Lösung, bei der es keine weiteren Fragen gebe, war er weit entfernt.

Ich halte es zudem für einen Irrtum, dass mit der Bergpredigt keine Politik gemacht werden kann. Die meisten Gebote der Bergpredigt betreffen gar nicht den politischen Raum. Die Weisungen Jesu, die den politischen Bereich betreffen, sind vor allem das Gebot, gegen das Böse keinen Widerstand zu leisten (Mt 5,39), und das Gebot der Feindesliebe (Mt 5,44).

Doch die Gebote der Bergpredigt sind keine fixen Vorschriften für jede denkbare Situation. Sie sind vielmehr nach Jesu Wort im Sinne des Liebesgebots auszulegen (Mt 22,37-40; vgl. Röm 13,10). Die Liebe aber muss in jeder neuen Lebenssituation aufs Neue gesucht werden. Die Situation eines Menschen, der im Streit mit seinem Nachbarn liegt, ist eine völlig andere als die eines Richters. Der Nachbar kann im Streit um der Liebe willen nachgeben. Dieselbe Liebe erfordert es, dass ein Richter dem Bösen Widerstand leistet, aber auch das im Sinne der Liebe: Er kann unbarmherzig hart oder gnädig urteilen. Und sogar ein hartes Urteil kann aus Liebe gesprochen sein, wenn es dem Verurteilten zur Einsicht verhilft.

Ebenso kann die Liebe es erforderlich machen, den Feind nicht gewähren zu lassen. Man kann dennoch darauf hinwirken, den Konflikt zu entschärfen. Man kann aus Liebe dem Feind zuhören, Kompromisse suchen und auf eigene Ansprüche verzichten, um den Frieden wiederherzustellen. Ausnahmsweise kann ein Kampf unumgänglich sein, aber selbst im Kampf kann man versuchen, schweres Leid möglichst zu vermeiden. Es ist stets zu fragen: Was gebietet die Liebe? Nach dem Satz des Kirchenvaters Augustin (gest. 430): "Liebe – und was du willst, das tu!"


6. Zur Wirkung der Zwei-Reiche-Lehre

Die Zwei-Reiche-Lehre hat eine große Wirkung auf die Theologie der nachfolgenden Jahrhunderte ausgeübt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Luthertum zwei Handlungsweisen Gottes unterschieden hat: sein Heilshandeln, mit dem er die Welt zur Vollendung des Reiches Gottes führt, und sein Erhaltungshandeln, mit dem er die Welt vor dem Untergang bewahrt. Um die Welt zu bewahren, hat Gott bestimmte Ordnungen geschaffen, die jeder Mensch mit Hilfe seiner Vernunft einsehen kann.

Manche Lutheraner sprechen von "Schöpfungsordnungen": Die Schöpfung enthält bestimmte Ordnungen, die in Kontinuität mit Gottes Liebesgebot stehen und auch von nicht glaubenden Menschen in der Schöpfung erkannt werden können. Solche Ordnungen sind zum Beispiel Ehe, Familie und der Staat mit seinen Gesetzen. Diese Ordnungen sichern das Fortleben der Menschheit, und dass sie das tun, kann jeder vernünftige Mensch einsehen.

Andere Lutheraner sprechen von "Erhaltungsordnungen": Das sind "Notordnungen" Gottes. Sie sind aus der Not geboren, dass die Welt der Sünde verfallen ist. Es sind "Interimsordnungen" für die Zeit der sündigen Welt zwischen Sündenfall und Erlösung.

Das Problem dieser Ordnungstheologien besteht aber darin, dass die Ordnungen immer geschichtlich verwirklichte und deshalb dem Wandel unterworfene Kulturleistungen des Menschen sind . Es gibt keine objektiven Kriterien dafür, welche Ordnung als Schöpfungs- oder Erhaltungsordnung zu gelten hat und welche nicht. Wenn es aber keine Kriterien gibt, lösen sich diese Ordnungen von jeder christlichen Ethik ab und es kommt zu der verhängnisvollen Trennung des Reiches Gottes und des Reiches der Welt.

Die Identifikation der Schöpfungs- und Erhaltungsordnungen mit geschichtlich-gesellschaftlichen Denkgewohnheiten und Ideologien wurde besonders deutlich in der Zeit des Nationalsozialismus. Gottes Ordnungen wurden zum Beispiel mit Verschiedenheiten der Rassen und Völker oder mit dem Führerprinzip identifiziert. Besonders deutlich wurde das in dem sogenannten "Ansbacher Ratschlag" von 1934, in dem lutherische Theologen die Nazi-Ideologie rechtfertigten:

Die natürlichen Ordnungen [...] sind [...] die Mittel, durch die Gott unser irdisches Leben schafft und erhält. [...] In dieser Erkenntnis danken wir als glaubende Christen Gott dem Herrn, dass er unserem Volk in seiner Not den Führer "als frommen und getreuen Oberherren" geschenkt hat und in der nationalsozialistischen Staatsordnung "gut Regiment", ein Regiment mit "Zucht und Ehre" bereiten will. Wir wissen uns daher vor Gott verantwortlich, zu dem Werk des Führers in unserem Beruf und Stand mitzuhelfen.**

Nach dem Krieg hat der evangelische Theologe Helmut Thielicke (gest. 1986) kritisiert, dass die lutherische Theologie während der Naziherrschaft den Staat jeder Kritik entzogen habe, indem es ihn im politischen Bereich schalten und walten ließ. Dennoch hielt auch Thielicke an der Zwei-Reiche-Lehre fest. Er meinte, dass die "Notverordnungen" Gottes nach Luther zwar nicht vom Evangelium abgeleitet seien, dass der Staat aber dennoch die Pflicht habe, den Frieden zu bewahren.

Thielicke bemühte sich, die beiden Reiche Gottes zusammenzuhalten. Er kommt darüber aber zu recht widersprüchlichen Aussagen. Seine Meinung war, dass Gottes Gebote in der Welt eine "Brechung" erfahren und das Liebesgebot modifiziert werden müsse. In der sündigen Welt, die eine "Zone der Relativierungen" ist, könne das Liebesgebot nur sinngemäß angewendet werden. Was dabei herauskomme, seien keine Tugenden, sondern "Fremdgesetze".

Dem entspricht es, wenn Thielicke darauf Wert legt, dass die Modifikation des Liebesgebotes ein "Krankheitssymptom" sei, bei dem sich der Mensch niemals beruhigen und ein gutes Gewissen haben könne. Weil die in der Welt gelebte Liebe mit Hauen und Stechen, Strafen und Vergelten verbunden sei, müsse der Mensch sich, wenn er die Bergpredigt ernst nehme, ehrlich machen und sich selbst als Mörder und Ehebrecher erkennen.

Mir erschließt sich nicht, wie das Liebesgebot zu einem Fremdgesetz transformiert werden kann, das ein Krankheitssympton und keine Tugend ist, aber dennoch das Liebesgebot bleiben soll. Hier wird doch das Liebesgebot, das angeblich mit Hauen und Stechen, Strafen und Vergelten einhergeht, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, so dass es schließlich alles andere ist als ein Liebesgebot.

Zu Recht kritisierte Thielicke, dass die Fragwürdigkeit der Notverordnungen bei Luther nicht spürbar werde. Vielmehr macht Luther es uns leicht, uns mit den Eigengesetzlichkeiten der Welt guten Gewissens abzufinden.

Dem entspricht es, wenn Luther von anderer Seite die Kritik erfuhr, dass seine Unterscheidung der beiden Reiche vor allem der Erhaltung der vorhandenen Ordnung diente. Ein Impuls zur Veränderung der Verhältnisse geht von diesem Denkansatz kaum aus. So weiß Luther von der Dämonie der aufständischen Bauern viel zu sagen, von der Dämonie der Macht aber nur wenig. Zum Zweck der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung gewann bei Luther sogar der Krieg "den harmlosen Charakter einer Strafexpedition oder Polizeiaktion, wobei Justizpflege und Kriegführung bis in die Sprache hinein fast zusammenfallen":

Des Schwertes Amt sei Schützen und Strafen, Schützen die Frommen im Frieden und Strafen die Bösen mit Krieg.***

Tatsächlich hat es sich in der Geschichte gezeigt, dass die Zwei-Reiche-Lehre vor allem dazu diente, die jeweils bestehende Ordnung, die herrschende Regierung und eine konservative Politik zu stützen. Das legt den Verdacht nahe, dass sie für eine bestimmte politische Haltung instrumentalisiert wurde.

Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts besteht in der evangelischen Theologie weitgehend Einigkeit darüber, dass das Evangelium, also das Heilshandeln Gottes, das auf Erlösung zielt, der Ethik vorgeordnet werden muss. Auf diese Weise kann man, wenn man von zwei Arten des Welthandelns Gottes ausgeht, diese zusammenbinden.

Das heißt konkret: Gottes Gebote werden erst dann angemessen verstanden, wenn man sieht, dass sie im Evangelium begründet sind. Die Welt durch eine staatliche Ordnung zu erhalten, ist dann kein vom Evangelium unabhängiges Handeln, sondern es dient der Erlösung der Welt und soll die Erlösung gleichnishaft – nicht in Vollkommenheit, aber als Gleichnis des zukünftigen Himmelreichs – schon jetzt vorwegnehmen. Das Reich der Welt kann, weil Gott in ihr handelt, zum Gleichnis und zur unvollkommenen Abschattung des Reiches Gottes werden.

Die Welt birgt in sich Herausforderungen, die uns immer wieder in die Spannung stellen, zwischen weltlichen Erfordernissen und Gottes Willen einen gangbaren Weg zu finden. Dieser Weg kann nur der Weg christlicher Liebe sein.

Denn es gibt zwar eine Welt, die die Liebe immer wieder vor unfassbar schwere Aufgaben stellt und ihr manchmal nur den Weg des Schuldig-werdens lässt. Es gibt aber keine christliche Ethik, die vom Evangelium der Liebe Gottes unberührt ist und vor der Bergpredigt Jesu die Augen verschließt.


* * * * *


* Zitiert nach Heinz Zahrnt: Martin Luther, S. 167. Dort ohne Quellenangabe. Orthographisch angepasst an die neue deutsche Rechtschreibung.
** Zitiert nach Markus Mühling: Systematische Theologie: Ethik, S. 72. Dort zitiert aus Ansbacher Ratschlag. Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung 25 (1934), S. 3-4. Orthographisch angepasst an die neue deutsche Rechtschreibung.
*** Zitiert nach Thielicke: Theologische Ethik, S. 692; dort zitiert nach WA 19, 645, 13. Das Zitat im Text davor ist von Heinz Zahrnt: Martin Luther, S. 160. Das Kapitel zur Wirkungsgeschichte orientiert sich vor allem an Markus Mühling: Systematische Theologie: Ethik, S. 67-73 und Helmut Thielicke: Theologische Ethik, S. 585-610.

Verwendete Literatur:
  • Barth, Ulrich: Sichtbare und unsichtbare Kirche. Die Tragweite von Luthers ekklesiologischem Ansatz. In: Danz, Christian / Tück, Jan-Heiner (Hg.): Martin Luther im Widerstreit der Konfessionen. Historische und theologische Perspektiven. Herder-Verlag, Freiburg im Breisgau 2017. S. 288-351.
  • Ebeling, Gerhard: Dogmatik des christlichen Glaubens. Band 1: Prolegomena. Erster Teil: Der Glaube an Gott den Schöpfer der Welt. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck). 3. Auflage, Tübingen 1987. S. 234f.
  • Ebeling, Gerhard: Luther. Einführung in sein Denken. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck). 4. Aufl. Tübingen 1981. S. 198-218.
  • Enns, Fernando / Stroh, Ralf: Schwärmertum. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Band 7. Mohr Siebeck. 4. Aufl. Tübingen 2004. Sp. 1047-1050.
  • Fausel, Heinrich: D. Martin Luther. Sein Leben und Werk. Band 2: 1522-1546. Hänssler-Verlag 1996. S. 279-283.
  • Herms, Eilert: Zwei-Reiche-Lehre/Zwei-Regimenten-Lehre. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Band 8. Mohr Siebeck. 4. Aufl., Tübingen 2005. Sp. 1936-1941.
  • Mühling, Markus: Systematische Theologie: Ethik. Eine christliche Theorie vorzuziehenden Handelns. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012. S. 67-73.
  • Roper, Lyndal: Der Mensch Martin Luther. Die Biographie. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. S. 413-415.493.
  • Thielicke, Helmut: Theologische Ethik. 1. Band: Prinzipienlehre. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck). 4. Aufl. Tübingen 1972. S. 585-610.
  • Zahrnt, Heinz: Martin Luther. Reformator wider Willen. R. Piper Verlag, München 1986. S. 154-169.

Foto: Klaus Straßburg.




8 Kommentare
2023-12-05 19:12:12
Hallo Klaus,

meine Anmerkungen zu diesem Thema:

Jesus hat lt. biblischer Überlieferung gesagt, sein Reich sei nicht von dieser Welt. Das passt auch schlüssig zu anderen seiner Äußerungen, wo er wenig Rücksicht auf normale weltliche Belange nimmt. Tragischerweise ist er trotzdem als politischer Aufrührer angeschwärzt und gekreuzigt worden. Seine Botschaft ist gelebte Liebe, auch um den Preis der Selbstaufgabe. Das ist ein völlig anderes Koordinatensystem als das der Macht.

Paulus hat zur Unterordnung unter das jeweils herrschende System aufgerufen. Das war für die frühen Christen überlebensnotwendig.

Luther hat eine völlig andere Situation vorgefunden. Das Christentum war die herrschende Religion, die Fürsten hielten sich für von Gott eingesetzt. Dass die christliche gelebte Liebe und die Notwendigkeiten weltlicher Machtausübung nicht zusammenpassten, war damals wie heute evident. Luther hat versucht, die unvereinbaren Gegensätze Liebe und Macht zusammenzubringen, und es ist ihm misslungen, wie nicht anders zu erwarten.

Du hast wesentliche Schwachpunkte selbst aufgeführt. Die beiden sog. Reiche sind nicht trennscharf abgrenzbar, am Ende landet man doch wieder bei Entscheidungen von Fall zu Fall. Luthers polemische Reden und Schriften, man könnte sie auch Hetze nennen, nehme ich ihm gründlich übel. Er hat sich auf die Seite der Fürsten, seiner Förderer und Beschützer geschlagen. Mein Herz dagegen schlägt in diesem Feudalsystem für die Bauern. Auch die Gefolgschaft zur Nazi-Diktatur wurde weithin mit der Zwei-Reiche-Lehre begründet. Was braucht es noch, um ihre Unbrauchbarkeit zu zeigen?

Viele Grüße

Thomas
2023-12-06 10:18:15
Hallo Thomas,

vielen Dank für deine Ergänzungen. Du bringst es gut auf den Punkt mit dem Gegensatz von Liebe und Macht. Mir stellt sich dabei immer wieder die Frage, ob weltliche Machtausübung wirklich Liebe ausschließt oder ob man Macht nicht auch mit Liebe ausüben könnte. Ein konkreter Extremfall: Wäre der Abschuss eines der Jumbojets, die ins World Trade Center gelenkt wurden, lieblos gewesen oder hätte man ihn auch mit Liebe begründen können? Der Abschuss wäre zwar Liebe gewesen denen gegenüber, die dadurch gerettet würden, nicht aber gegenüber den unschuldigen Insassen des Flugzeugs. Kann man trotzdem von einem Erfordernis der Liebe sprechen, das Flugzeug abzuschießen, weil man dadurch mehr unschuldige Menschen rettet, als durch den Abschuss des Flugzeugs umkommen?

Das Beispiel ist ein Extremfall; in anderen Zusammenhängen wäre Liebe durchaus mit Macht zu vereinbaren, denke ich. Der Extremfall zeigt aber, wie sehr weltliche Notwendigkeiten und die Liebesbotschaft des Evangeliums miteinander verwoben sind und dass wir nicht immer schuldlos davonkommen, sicher auch in weniger extremen Zusammenhängen nicht. Aber vielleicht gibt es ja auch so etwas wie die Schuld der Liebe: Auch wenn wir Liebe üben, kann es sein, dass wir in der "gefallenen" Welt zwangsläufig schuldig werden ...

Viele Grüße
Klaus
2023-12-06 17:09:37
Hallo Klaus,

christliche Liebe und weltliche Machtausübung sind für mich unterschiedliche Koordinatensysteme. Ich bleibe dabei. Christliche Liebe ist sozusagen Anti-Macht. Sie wird durch Zusammenarbeit mit der Macht zwangsläufig korrumpiert. Machtausübung in Verbindung mit Liebe ist eine gefährliche Fiktion. Ich denke an Herrscher, die ihre Untertanen ("Landeskinder") zu lieben behaupten und gleichzeitig alle möglichen Schweinereien begehen. Ich denke an die ebenso hilflose wie lächerliche Aussage Erich Mielkes: "aber ich liebe euch doch alle".

Im Bezug auf das Jet-Beispiel hätte in kühler Abwägung gehandelt werden müssen, und das wäre wohl auch passiert, wenn man denn geahnt hätte, was kommt. Dein Fazit, dass wir in einer gefallenen Welt zwangsläufig schuldig werden, erinnert mich an Bonhoeffers Überlegungen zum Hitler-Attentat.

Viele Grüße

Thomas
2023-12-06 22:13:25
Hallo Thomas,

das stimmt, Bonhoeffer hatte diesen Gedanken auch, dass wir manchmal nur zwischen Schuld und Schuld wählen können. Wenn du hinsichtlich christlicher Liebe und weltlicher Machtausübung von "unterschiedlichen Koordinatensystemen" sprichst, erinnert mich das wieder an Luthers Zwei-Reiche-Lehre. Meiner Meinung nach gibt es einerseits die Macht der Liebe, andererseits den Missbrauch der Liebe durch Macht. Aber vielleicht sollten wir lieber von Gewalt statt von Macht sprechen. Dann kann ich dir nur zustimmen, dass sich Liebe und Gewalt ausschließen, jedenfalls meistens. Das Problem der Ethik in der von mir oben genannten Extremsituation bleibt aber.

Ich denke, wenn ich von Liebe spreche, natürlich nicht an irgendwelche Autokraten, die ihr Volk versklaven und dann behaupten, es zu lieben. Von Liebe wird viel geredet, aber es wird wenig geliebt. Ich verstehe unter Nächstenliebe auch nicht eine Art von Sympathie oder gar ein Fasziniert-sein von jemandem. Darum kann auch sachlich-kühl abgewogen werden, worin die Nächstenliebe in einer bestimmten Situation bestehen würde.

Viele Grüße
Klaus
2023-12-07 12:53:01
Hallo Klaus,

nach meinem Verständnis ist Macht die Fähigkeit, jemand anders gegen dessen Willen zu etwas zu zwingen. Für mich bleibt Macht nach diesem Verständnis auch der richtige Gegenbegriff zu christlicher Liebe. Gewalt bewegt sich dagegen auf der Sachebene und ist neutraler. Auch das Einreißen einer Mauer ist z. B. Gewalt, kann aber durchaus aus Liebe passieren. Andererseits muss Macht nicht mit Gewalt ausgeübt werden. Wenn Gesetze erlassen und befolgt werden, ist auch das ein Akt der Macht, kommt aber ohne Gewalt aus, solange die beteiligten Seiten das gleiche Verständnis von Rechtsstaatlichkeit haben.

Christliche Liebe umfasst außer der Nächstenliebe auch die Feindesliebe. Das ist politisch definitiv unbrauchbar, weil sich ein Staat, der seine Feinde liebt, in der Tendenz abschaffen würde. Ich bleibe dabei: Luthers Zwei-Reiche-Lehre ist, ebenso wie andere Versuche dieser Art, von vorherein zum Scheitern verurteilt. Allenfalls führt so etwas zu Bigotterie.

Es ist besser, den Gegensatz zwischen christlicher Liebe und Machtausübung als unüberbrückbar anzuerkennen, Macht durch eine funktionierende Demokratie zu begrenzen, anstatt zu große Macht mit einem Zuckermantel christlicher Liebe zu überdecken.

Viele Grüße

Thomas


2023-12-07 15:29:16
Hallo Thomas,

unser Gespräch zeigt, dass es immer darauf ankommt, was genau man unter Macht versteht. Für mich ist Macht nicht per se negativ besetzt und schließt auch nicht unbedingt Gewalt ein. Darum kann ich auch keinen prinzipiellen Gegensatz zwischen Liebe und Machtausübung sehen. In bestimmten Situationen schließen sich ja nicht einmal Liebe und begrenzte Gewaltanwendung aus, auch wenn sie nur selten unter einen Hut zu bringen sein mögen.

Auf der anderen Seite sehe ich auch keinen prinzipiellen Gegensatz zwischen politischer Macht und Feindesliebe. Meine Frage wäre dann: Kann man seine Feinde lieben und sich dennoch ihnen gegenüber mit begrenzter Gewalt zur Wehr setzen? Oder anders herum: Kann man einem Feind mit Gewalt Leid zufügen und ihn dennoch lieben, indem man die Gewalt auf ein notwendiges Minimum beschränkt? Das mag zunächst absurd klingen und die Antwort ist sicher nicht leicht zu geben, aber eine reflektierte Ethik wird auch diese Frage nicht übergehen können, auch wenn sie nicht alle in gleicher Weise beantworten werden.

Viele Grüße und vielen Dank für deine Beiträge
Klaus
2023-12-09 08:33:45
Hallo zusammen

Warum scheitern so viele Christen, wenn ihnen von Satan alle Reiche der Welt angeboten werden?
Warum nehmen sie überhaupt immer noch sein Angebot an? Merken sie nicht, welche Folgen das hat für sie selbst? Merken sie nicht, was diese Reiche mit Jesus, den Apostel und den ersten Christen gemacht haben? Und warum man die Reiche nicht ändern kann?
Mit Luther sind unzählige Christen durch Gewalt gegeneinander gestorben, im Glauben mit staatlicher Gewalt ein Problem "mit Gottes Segen" lösen zu können oder durch sie geschützt zu werden. Das "ewige Missverständnis" von Römer 13. Christen gegen Christen, mit Millionen von Toten. Mit Konstantin glaubten mit deren Reich Schutz zu haben und starben im Glauben ab. Warum bleiben die Christen nicht in Gottes Reich und arbeiten dafür und darin, statt außerhalb? Man kann nicht 2 Herren dienen.
Ich sehe den Verwalter über die Menschheit und Erde: Satan, den großen Irreführer und Verführer, lachen und die Christen und Menschheit verhöhnen. Sind wir da nicht wie Schafe mitten unter Wölfe? Mir scheint wir nicht nicht vorsichtig sowie klug wie die Schlangen und einfältig sowie arglos wie die Tauben. Wir sollten nicht die Reiche der Welt verändern, sondern uns und das Reich Gottes fördern?
2023-12-09 10:46:37
Hallo Pneuma,

was du gegen Gewalt und Krieg schreibst, kann ich nur unterstützen. Und es ist ein Drama, dass viele Christen sich haben verführen lassen und bei Kreuzzügen und Kriegen mitgemacht haben. Die Kräfte der Verführung sind leider auch heute noch sehr stark. Früher gab es weder Fernsehen noch Internet, aber die Verführung hat trotzdem gewirkt. Sie findet wohl immer ihre Wege, Menschen zu täuschen und in die Irre zu leiten.

Ich sehe aber keinen Unterschied darin, das Reich Gottes zu fördern und die Reiche der Welt zu verändern. Denn das Reich Gottes will ja in der Welt wirksam werden, also innerhalb der Weltreiche. Deshalb denke ich: Überall, wo das Reich Gottes gebaut wird, werden die Welt und ihre Reiche zwar nicht vollkommen gemacht, aber ein Stück weit dem Reich Gottes angenähert.

Theologische Einsichten für ein gutes Leben
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