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Leben in der materiellen Welt

Christsein verstehen
Veröffentlicht von Klaus Straßburg in Ethik · Montag 11 Dez 2023

Leben in der materiellen Welt
Was Madonna, George Harrison und die Bibel dazu sagen
Klaus Straßburg | 11/12/2023

Im November konnten wir feststellen, dass aus dem Black Friday mittlerweile eine Black Week geworden ist. Und die Deutschen machen reichlich Gebrauch von den Shopping-Angeboten: 2/3 der Bevölkerung wollen den Black Friday nutzen. Allein an diesem Tag wurden durch Online-Shopping 11 Millionen zusätzliche Paketsendungen in Deutschland erwartet.

Doch nicht nur am Black Friday sehe ich junge Frauen mit mehreren vollgepackten Einkaufstüten in beiden Händen durch die City laufen. Die Männer sehen sich wahrscheinlich lieber in den Autosalons um. Dazu passt die Meldung, dass der ADAC mittlerweile mehr Mitglieder hat als die deutsche katholische Kirche.

Konsum dient offensichtlich nicht mehr nur der Beseitigung eines Mangels, sondern er ist zu einem Lebensstil geworden. Pointiert gesagt: Er dient nicht dem Leben, sondern er ist das Leben. Was einmal Lebensmittel war, ist nunmehr Lebensinhalt.

Die globale Datensammelindustrie befördert diesen Trend, indem sie uns personalisierte Werbung 24 Stunden am Tag auf die Bildschirme liefert.


Die materielle Orientierung erzeugt
Enttäuschung und Unzufriedenheit

Aber das Grundproblem ist nicht neu. Madonna hat bereits im Jahr 1984 in ihrem Song Material Girl ihre materielle Orientierung zu Markte getragen – wenn vielleicht auch bewusst provokativ, um die eigene Karriere zu befördern. Über ihr Verhältnis zu Männern hat sie singend zum Besten gegeben:

Wenn sie mir nicht genug Geld geben
geh' ich einfach weg. [...]

Der Mann mit dem richtigen Geld
ist immer Mr Right.

Denn wir leben in einer materiellen Welt
und ich bin ein materielles Mädchen.

Niemand weiß, wie viele junge Mädchen und Frauen ihre sich entwickelnde Weltsicht an diesen Zeilen orientiert haben. Dass Madonna mit ihrem Song eine Gesellschaftskritik an der materiellen Orientierung habe ausdrücken wollen, wie manche behaupten, lässt sich am Text jedenfalls nicht festmachen.

Ganz anders klang es, als der Ex-Beatle George Harrison gut zehn Jahre vor Madonna seinen Blick auf die Sache in einen Songtext fasste. In Living in the Material World bekannte Harrison:

Ich lebe in der materiellen Welt [...]
Kann nicht sagen, was ich hier tue,
aber ich hoffe, viel klarer zu sehen
nach dem Leben in der materiellen Welt.

Ich wurde in die materielle Welt hineingeboren,
bin abgenutzt worden in der materiellen Welt,
benutze meinen Körper wie ein Auto,
das mich in die Nähe und Ferne bringt,
habe meine Freunde alle in der materiellen Welt getroffen. [...]

John und Paul hier in der materiellen Welt [...]
Wir sind in der materiellen Welt gefangen.

Aus dem spirituellen Himmel,
habe ich so schöne Erinnerungen.
Zum spirituellen Himmel,
wie ich bete,
ja, ich bete,
dass ich mich nicht verlieren
oder in die Irre gehen werde.

Indem die materielle Welt mein Schicksal ist,
werde ich frustriert in der materiellen Welt,
werden die Gefühle nie befriedigt,
schwellen nur an wie eine Flut –
das könnte mich in der materiellen Welt ertränken. [...]

Während ich in der materiellen Welt lebe –
in ihr gibt es nicht viel "Geben" –,
habe ich viel zu tun,
versuche, eine Botschaft zu vermitteln,
und zurückzukommen aus dieser materiellen Welt.

Ich lebe in der materiellen Welt [...]
Ich hoffe, dass ich hier rauskomme
durch die Gnade des Herrn Sri Krishna –
meine Rettung aus der materiellen Welt.

Für George Harrison hat die materielle Welt erkennbar zerstörerische Züge. Wir werden in sie hineingeboren, insofern ist sie etwas Schicksalhaftes. Auch die Freunde können nicht helfen, denn sie leben in derselben materiellen Orientierung. Auf sich allein gestellt, muss jeder Mensch für sich eine Entscheidung darüber treffen, wie er mit dieser Situation umgeht.

Denn die Folgen sind dramatisch: Die materielle Orientierung erzeugt Enttäuschung und Unzufriedenheit. Jede Befriedigung gebiert neue Wünsche, und das endlose Wechselbad der Gefühle zwischen Erfüllung und Enttäuschung schwillt an und droht mich zu ertränken. Weil mir das Materielle nicht viel gibt, kann ich gar nicht sagen, warum ich eigentlich nach all dem Besitz strebe. Was tue ich hier eigentlich?


In der materiellen Welt gibt es nur noch Materielles,
auch ich selbst bin nichts anderes

Der Konsum kann den Hunger nach seelischem Frieden nicht stillen. Die dadurch entstehende innere Leere wird mit noch mehr Konsum zu füllen versucht. Statt Abstand von den materiellen Dingen zu gewinnen, werde ich schließlich selbst zu einem Ding, das ich benutze und das sich abnutzt. In der materiellen Welt gibt es nur noch Materielles, auch ich selbst bin nichts anderes – wie Madonna dann auch sich selbst als "materielles Mädchen" bezeichnete. So verliere ich mich selbst, verliere mein Menschsein. "Was nützt es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und sein Leben einzubüßen?" fragte Jesus (Mk 8,36).

Es besteht die Gefahr, sein ganzes Leben auf einen Irrtum zu gründen. Darum gesteht George Harrison: "Ja, ich bete, dass ich mich nicht verlieren oder in die Irre gehen werde." Er betet freilich nicht zum Herrn Jesus Christus, sondern zum Herrn Sri Krishna, einem der indischen Götter.

Es ist bekannt, dass Harrison ein spiritueller Mensch war. Im Jahr 1968 waren die Beatles auf sein Betreiben hin nach Indien gereist, um an einem Kurs für Transzendentale Meditation teilzunehmen. Obwohl der Kurs sie nicht überzeugte, hat die indische Religion offenbar einen nachhaltigen Eindruck bei Harrison hinterlassen. In ihr fand er Zuflucht, besonders beim Gott Krishna.

Immerhin setzte er nicht auf sein eigenes Vermögen, der materiellen Welt zu entkommen, sondern auf die Gnade Krishnas – sie ist für ihn die Rettung aus der materiellen Welt. Auch für den christlichen Glauben ist entscheidend, dass wir uns nicht selbst aus unseren zerstörerischen weltlichen Verflechtungen erlösen können, sondern dazu der Gnade Gottes bedürfen.

Zu der Zeit, als George Harrison seinen Song schrieb, gab es offensichtlich noch ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, wie ambivalent Konsum und Besitz sind. In den Jahrzehnten danach scheint dieses Bewusstsein weitgehend verloren gegangen zu sein. Zwar ist für jedermann erfahrbar, dass das von der Produktwerbung verheißene Glücksgefühl schnell in Enttäuschung und Depression umschlagen kann. Dennoch wird kaum entsprechend reagiert. Unsere Kultur hat die Illusion geweckt, materieller Wohlstand sei ein Glücksgarant. Konsum erscheint deshalb als Erfolgsmodell guten Lebens.


Offenbar sind Liebe zu Gott und Liebe zum Besitz
nicht kompatibel miteinander

Die antike biblische Weisheit hingegen weiß um die Ambivalenz sowohl des Reichtums als auch des wenigen Besitzes: Reichtum garantiert kein Lebensglück, und wenig Besitz muss nicht unglücklich machen.

Besser ein Stück trockenen Brotes und dabei Ruhe
als ein Haus voller Fleisch mit Streit.
(Spr 17,1)

Wer auf seinen Reichtum vertraut, wird stürzen,
aber die Gerechten werden sprießen wie Laub.
(Spr 11,28)

Besser wenig mit Ehrfurcht vor Gott
als ein großer Schatz und dabei Unruhe.
(Spr 15,16)

Die alttestamentliche Lebensweisheit basiert auf Erfahrungen, welche die Weisen über Jahrhunderte hin machten und von Generation zu Generation weitergaben. Demnach lehrt die Erfahrung: Materieller Reichtum macht unglücklich, wenn er zum Lebensinhalt wird. Deshalb ist es fatal, von Besitz und Konsum ein erfülltes Leben zu erwarten. Stattdessen schafft die Beziehung zu Gott eine Ruhe und Lebensfülle, die kein materielles Gut zu bewirken vermag. Um zu vermeiden, dass wir ein glückliches Leben am falschen Ort suchen, warnte auch Jesus (Mt 6,24):

Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den andern lieben, oder er wird sich an den einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Offenbar sind Liebe zu Gott und Liebe zum Besitz nicht kompatibel miteinander. Die Liebe zum Besitz verdirbt den Menschen und macht eine erfüllte Gottesbeziehung unmöglich. Das bedeutet natürlich nicht, der Mensch solle sich allen Besitzes entledigen. Er soll aber nicht sein Herz daran hängen und sein Lebensglück darauf aufbauen. Er soll dem Materiellen nicht "dienen", das heißt, nicht dessen Sklave werden und seine Zufriedenheit vom Konsum abhängig machen.

Woran es zu erkennen ist, ob ein Mensch dem Materiellen dient oder nicht, zeigt Jesu Erzählung vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31): Wer den Armen nicht nur mit dem abspeist, wofür er selbst keine Verwendung mehr hat, sondern ihm mit seinem Vermögen ein gutes Leben ermöglicht, der hat sein Herz nicht an materielle Güter gehängt. Wer hingegen alles für sich haben will und den Armen darben lässt, wird einen hohen Preis dafür bezahlen.


Statt auf Überkonsum zu verzichten,
verzichtet die konsumorientierte Kultur lieber darauf,
ihr Lebensumfeld zu verbessern

Der Preis, den wir für den jahrzehntelangen Überkonsum bezahlen, ist schon jetzt hoch. Die Migrationsbewegung beruht auch darauf, dass viele Menschen in den armen Ländern keine Lebensperspektive mehr für sich sehen, während wir im Überfluss leben.

Aber auch bei uns selbst fehlt es in vielen Innenstädten an Lebensqualität, weil zementierte Konsumzonen und Straßen wenig natürlichen Raum zum Verweilen im Grünen lassen. Straßenlärm und verpestete Luft führen zu Gesundheitsschäden, Verkehrsstaus rauben Lebenszeit. Die digitale Berieselung mit nicht bestellter Werbung erzeugt unnötigen Konsumdruck. Stetige angebliche Softwareoptimierungen stressen die Nutzer, die sich auf jede Veränderung neu einstellen müssen, kosten ebenfalls Lebenszeit und fordern zudem oft die Anschaffung neuer Hardware. "Nach 4G kommt 5G, aber 6G steht schon am Start, um bald schon von 7G abgelöst zu werden."* Nach dem Sinn des Ganzen aber wird kaum einmal gefragt.

Statt auf Überkonsum zu verzichten, verzichtet die konsumorientierte Kultur lieber darauf, ihr Lebensumfeld zu verbessern – von den Auswirkungen des Klimawandels auf die Welt unserer Kinder und Kindeskinder einmal ganz zu schweigen. Bis jetzt bekommen diese Auswirkungen ja vor allem diejenigen zu spüren, die das Pech haben, in Flusstälern oder auf fernen Inseln zu leben.

Deshalb fordern Greenpeace und der World Wildlife Fund den Verzicht auf schädlichen und das Umsteigen auf nachhaltigen Konsum. Und die Deutsche Umwelthilfe fordert bereits die Abschaffung der ressourcenvergeudenden und klimaschädlichen Rabatttage.


Der von Gott entfremdete Mensch lebt
in einem Gefühl der Entgrenzung

Das Grundproblem aber ist ein religiöses: Die Konsumkultur huldigt dem Materiellen und praktiziert in Folge davon einen unendlichen Verbrauch, der ausblendet, dass wir auf einem endlichen Planeten leben. Der von Gott entfremdete Mensch lebt in einem Gefühl der Entgrenzung, weil er sich durch keine göttliche Macht mehr begrenzt weiß. Das Gefühl der Entgrenzung aber führt zu Allmachtsphantasien, die den Wahn befördern, alles machen und haben zu können.

Zugleich mit diesem Wahn stellt sich ein Gefühl des Ungenügens ein, das jedoch kein Innehalten auf dem Weg zerstörerischen Überkonsums bewirkt. Denn allgegenwärtig sind die Kräfte, die diesen Überkonsum als Glücksgaranten anpreisen, weil sie ihren eigenen materiellen Wohlstand auf eben diesen Konsum gründen. So sucht der von der materiellen Welt vereinnahmte Mensch seine Seligkeit im Materiellen: Wenn der bisher erlangte Besitz mir den inneren Frieden nicht gewährt, muss ich mehr davon haben.

Inzwischen wird die materielle Kultur brüchig. Immer mehr Menschen fragen sich, ob es innerhalb des Wirtschaftssystems, das diese Kultur prägt, überhaupt möglich ist, dass eine für die gegenwärtige und zukünftige Lebensqualität relevante Anzahl von Menschen auf unnötigen Konsum verzichtet, oder ob das System selbst verändert oder abgeschafft werden muss. George Harrison hat sicherlich richtig gesehen, dass die Kultur des Überkonsums eine religiöse Dimension hat und deshalb Spiritualität einen erheblichen Beitrag zur Befreiung von dieser Kultur leisten kann.

Das größte christliche Fest war ursprünglich Ostern. In der materiellen Kultur ist Weihnachten zum größten christlichen Fest geworden. Das Weihnachtsfest beschert dem Einzelhandel bekanntermaßen 20 Prozent des Jahresumsatzes. Da einige Familienangehörige mich kürzlich nach meinen Weihnachtswünschen fragten, habe ich mir tagelang mühsam überlegt, was ich mir denn zu Weihnachten wünschen könnte. Das war nicht leicht, weil ich versuche, jeden unnötigen Konsum zu vermeiden und deshalb eigentlich keine materiellen Wünsche hatte. Ich wollte aber meine Familie nicht im Regen stehen lassen.

Leider kam ich erst zu spät auf die Idee, mir eine Spende für Brot für die Welt zu wünschen. Das ärgert mich jetzt. Aber für die nächsten Anfragen habe ich mir diesen Wunsch fest vorgenommen. Ich muss dann nicht lange darüber nachgrübeln, welche Dinge ich mir wünschen könnte – Dinge, die ich, bei Licht besehen, gar nicht wirklich brauche. Und ich kann vielleicht ein Gegengewicht zum Black Friday und der ganzen Konsumkultur mit ihren negativen Folgen setzen.


* * * * *


* Harald Welzer: Zeitenende. Politik ohne Leitbild, Gesellschaft in Gefahr. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2023. S. 107.

Foto: Steve Buissinne auf Pixabay.




9
Rezensionen
Donnerstag 14 Dez 2023
Hallo Klaus,

interessanter Beitrag. Ich hatte bei dem Titel eigentlich mehr Kritik am philosophischen Materialismus erwartet und nicht nur am relativ banalen Konsumismus.

Mich irritiert solches Konsumverhalten auch. Ich bin mit einem anderen Lebensstil aufgewachsen. Bei "Black Friday" denke ich in erster Linie an den sog. Schwarzen Freitag 1929 als Beginn einer Weltwirtschaftskrise und nicht an eine (wiederkehrende) einmalige (Schein-)Rabattaktion, bei der sich Leute verleiten lassen, Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, mit Geld, das sie nicht haben. Ähnlich das für mich exzessive materielle Ausmaß an Weihnachtsgeschenken, wie es anscheinend üblich geworden ist. Für mich sind das Symptome einer begierig nachgeahmten US-amerikanischen Leitkultur.

Klar, Jesus sieht eine solche materialistischen und Konsumkultur lt. biblischer Überlieferung radikal anders. Doch wieso sucht jemand wie George Harrison dann seine Spiritualität nicht in der christlichen Kultur, in der er aufgewachsen ist, sondern in der indisch-hinduistischen? Vielleicht, weil dieser aus der Distanz unverdächtiger aussieht als ein Christentum, bei dem der teils obszöne Luxus im Vatikan ebenso verfehlt wirkt wie ein amerikanisch-protestantisch geprägtes Wohlstandsevangelium.

Bei meinen Kindern sehe ich übrigens durchaus konsumkritisches Verhalten. Sie verzichten bisher auf eigene Autos, kaufen gebrauchte Kleidung und runderneuerte Mobiltelefone, verzichten ganz oder teilweise auf ...
Donnerstag 14 Dez 2023
Hallo Thomas,

danke für deine Ergänzungen. In meinem Elternhaus habe ich keine Armut erlebt, aber auch keinen materiell orientierten oder gar luxuriösen Lebensstil. Es ist aber nicht selbstverständlich, dass man diesen Lebensstil beibehält. Dass deine Kinder ein so konsumkritisches Verhalten an den Tag legen, wie du es beschreibst, ist bemerkenswert und nach meinen Erfahrungen heute eher selten. Ich habe mich erst seit einigen Monaten darauf eingestellt, mir gebrauchte Kleidung zu kaufen und merke dabei, dass es nicht leicht ist, das Passende zu bekommen. Viel einfacher ist es, in einem der vielen Bekleidungsläden etwas Neues zu erwerben.

Warum George Harrison so stark vom Hinduismus angesprochen wurde, weiß ich auch nicht. Es ist ja noch heute so, dass bei vielen Menschen Buddhismus und Hinduismus eher einen Eindruck hinterlassen als das Christentum. Das hängt sicher mit den bekannten Verfehlungen der christlichen Kirchen zusammen und zugleich einer gewissen Glorifizierung von Buddhismus und Hinduismus, deren Verfehlungen (z.B. hinduistischer Nationalismus) nicht so bekannt sind oder nicht wahrgenommen werden. Außerdem ist das Exotische immer interessanter als das vermeintlich Bekannte. Und der Reichtum der christlichen Kirchen, der bei uns durch das Kirchensteuersystem gesichert wird, ist sicher auch vielen Menschen ein Dorn im Auge. Ich fühle mich bis heute in kleinen Dorfkapellen wohler als in riesigen Kathedralen mit ihrem Pomp und Goldschmuck, weil i...
Jochen
Samstag 16 Dez 2023
Hallo Klaus,
Überkonsum hat m. E. eine Ursache auch in der Digitalisierung, die in der heutigen Zeit fast unbeachtet von der Kirche in Konkurrenz zur Religion tritt, indem sie mit explodierendem Energieaufwand aufgesetzt auf die reale Welt eine virtuelle Welt aufbaut, die für sich z. B. in Anspruch nimmt, der Marktplatz der Zukunft zu sein, der überall dort ist wo Du als User (=Konsument) bist. Gib irgend einen Begriff "X" in eine Suchmaschine ein, und du findest unter den ersten Treffern "X: Riesenauswahl bei Y, beste Preise". Und der Einzelhandel in den Innenstädten hat das Nachsehen. Tatsächlich ist es ja so, dass ein großer Teil des Umsatzes bei Black Friday ja über das Internet läuft.
Deswegen wäre eine gute Idee für ein Weihnachtsgeschenk auch z. B. ein Buch bezogen über eine lokale Buchhandlung.
Samstag 16 Dez 2023
Hallo Jochen,

danke für deine Ergänzungen. Der digitale Marktplatz führt ja schon jetzt dazu, dass manche Innenstädte veröden oder große Kaufhäuser (Karstadt/Kaufhof), in denen man die Ware noch anfassen, anprobieren und sinnlich beurteilen konnte, weitgehend verschwunden sind. Wenn man nicht in einer Metropole lebt, ist man geradezu gezwungen, auf den Online-Marktplatz zurückzugreifen.

Der Kauf in einer lokalen Buchhandlung ist dementsprechend eine gute Idee, denn viele Buchhandlungen mussten ja schon aufgrund der digitalen Konkurrenz schließen. Damit entfällt auch das Stöbern, Blättern und Probelesen, um herauszufinden, ob das Buch überhaupt zusagt.
Jan-Hendrik Heydecke
Samstag 06 Jan 2024
Ein sehr schöner Artikel.

Auf die Frage, warum sich viele eher zu den östlichen "Religionen" hingezogen fühlen, lohnt sich ein kleiner Vergleich der Bhagavadgita, dem Rhajajoga (Hindu) und dem Buddhismus.
Alle Systeme haben eine tiefe philosophische und psychologische Komponente, die in der Tradition der christlichen Kirchen so eher nicht vorhanden ist.
(Die Texte des christlichen Mönchs Meister Eckhart seien hier allerdings erwähnt, ein Vergleich am Ende. Nur wurde er zur seiner Zeit als Ketzer angeklagt bzw. sein Tod kam der Anklage zuvor)
Die Texte sind von GPT und verdeutlichen die Gemeinsamkeiten recht gut:

Die Bhagavad Gita ist ein indisches spirituelles und philosophisches Textwerk, das im Rahmen des indischen Epos Mahabharata zu finden ist. Es ist ein Dialog zwischen dem Prinzen Arjuna und dem Gott Krishna, der als sein Wagenlenker erscheint. Die Bhagavad Gita besteht aus 18 Kapiteln und umfasst etwa 700 Verse. Im psychologischen Sinne können verschiedene Aspekte der Bhagavad Gita auf persönliche Entwicklung, Selbstfindung und emotionales Wohlbefinden bezogen werden:

Selbstreflexion und Selbsttranszendenz: Die Bhagavad Gita betont die Wichtigkeit der Selbstreflexion und Selbstkenntnis. Arjuna steht vor einer moralischen Krise, und die Lehren von Krishna ermutigen ihn dazu, sein inneres Selbst zu verstehen und darüber hinauszuwachsen.

Dharma und Pflicht: Ein zentraler Punkt in der Bhagavad Gita ist die Idee des Dharma, der rechten P...
Samstag 06 Jan 2024
Danke für diese umfassende Erläuterung der buddhistischen und hinduistischen Traditionen. Es gibt sicher Meditationspraktiken, die dem westlichen Menschen psychologisch hilfreich sind. Dennoch leuchtet mir nicht ein, warum viele Menschen sich zum Buddhismus hingezogen fühlen. Denn es gibt ja auch christliche und religionsfreie Meditationspraktiken, die ebenso hilfreich sein können.

Kann es sein, dass der Mensch danach strebt, sich selber zu helfen und letztlich sich selbst zu erlösen? All die geforderten Wege und Übungen des Buddhismus wecken in mir Erinnerungen an ein Leistungsdenken und erscheinen mir als Selbsterlösung. Auch dass im Buddhismus das Leben als ein einziges Leiden erlebt wird, scheint mir gar nicht attraktiv zu sein. Ebenso wenig die Erlösung vom Leiden als ein Ende des Kreislaufs der Wiedergeburten, also als ein Ende von Leben überhaupt.

Die christliche Sicht scheint mir da viel attraktiver zu sein: Das Leben ist nicht nur Leiden, sondern auch Freude und Vorfreude auf das Ziel der Erlösung. Und diese Erlösung ist nicht Befreiung vom Leben, sondern die Fülle des Lebens, erfülltes Leben. Wir müssen uns auch nicht selbst erlösen, müssen keine Übungen machen oder bestimmte Wege gehen, sondern wir sind bereits durch Gottes und Jesu Liebe erlöst worden. Für mich gibt es im christlichen Glauben überhaupt kein "Muss" mehr, sondern nur noch das dankbare Annehmen des Geschenks der Erlösung.

Alles, was dann im Glauben eines Menschen g...
Jan-Hendrik Heydecke
Montag 08 Jan 2024
Sehr gerne. Zu deiner ersten Frage ist die Tradition der Meditation, die tief in der östlichen Kultur verankert ist, denke ich ein Grund. Ich selbst habe erst über Meditationen, die losgelöst von dem Buddhismus und nur an Yoga-Techniken angelehnt waren, den Weg zur Lehre des Buddha gefunden.
Im Pali-Kanon sind direkt Techniken vom Buddha beschrieben, im Theravada gibt es über 30 Techniken, die auf bestimmte Temperamente zugeschnitten sind, wobei die einfach Atemmeditation und Einsichtsmeditation für alle empfohlen werden. Auch der Buddha hat die Meditation und das Dhamma in der Atemmeditation erlangt. Im Zen und Tibet-Buddhismus unterscheiden sich die Techniken noch etwas, aber der Kern des Buddhismus ist in allen Schulen Meditation („Die Essenz des Buddhismus“)

Die zweite Frage kann klar mit ja beantwortet werden. Buddhismus ist der Weg zur Selbsterlösung. Die Buddhas sind nur Lehrer, die den Weg (das Dhamma) aufzeigen, den dann jeder selbst gehen muss.
Meditation und ein spirituelles Leben darf man aber nicht als Leistungsdenken sehen, der westlichen Sicht widerspricht es doch stark. Eigenverantwortung trifft es wohl besser.
Allerdings spricht auch Jesus von Eigenverantwortung. Die christliche Tradition sieht nur Gott als Richter, wobei im Buddhismus das Gesetz des Karmas diese Rolle übernimmt.

In Matthäus 25,45-46 heißt es: "Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, da...
Jan-Hendrik Heydecke
Montag 08 Jan 2024
"Auch der Buddha hat die Erleuchtung und das Dhamma in der Atemmeditation erlangt." soll es am Anfang natürlich heißen
Dienstag 09 Jan 2024
Eigentlich ging es in diesem Blogpost ja um das Leben in der materiellen Welt und nicht um den Buddhismus. In meinem Artikel Jesus oder Buddha? habe ich die Unterschiede zwischen Buddhismus und Christentum herausgearbeitet. Ich will deshalb hier nur kurz auf meiner Meinung nach entscheidende Unterschiede hinweisen:

Die Bibel versteht den Menschen als unweigerlich in die Entfremdung von Gott verstrickt, aus der er sich nicht selber befreien kann. Darum scheidet jede Selbsterlösung für die Bibel aus. Wenn die Bibel dennoch von Eigenverantwortung spricht, dann geht es nicht um die Verantwortung für die eigene Erlösung, sondern um das Annehmen und Akzeptieren der durch Jesus Christus geschehenen Erlösung. Es geht also nur darum, Gottes Geschenk der Erlösung dankbar anzunehmen. Das ist etwas anderes als Selbsterlösung.

Die Bibel beschreibt Gott als den Richter, der am Ende der Zeiten über jeden Menschen ein Urteil fällen wird. Das ist deshalb wichtig, weil dann endlich die Wahrheit ans Licht kommen wird, auch die Wahrheit über uns selbst. Wenn aber die Wahrheit ans Licht kommt, werden die Übeltäter nicht in Ewigkeit über ihre Opfer triumphieren. Für mich ist dabei entscheidend, dass Gott ein gnädiger Richter ist: Er kommt nicht in Gestalt des Vollstreckers oder "Terminators", sondern in der Gestalt Jesu Christi. Der Richter ist also der liebevolle Richter, so wie Jesus liebevol...
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