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Gott ist nicht Big Brother

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie to go · 31 August 2022
Tags: StrafeZornAngstSündeTat_und_Folge

T h e o l o g i e   t o   g o
Gott ist nicht Big Brother
Klaus Straßburg | 31/08/2022

Also die Vorstellung, Gott säße oben im Himmel auf seinem Thron und sähe sich mit allwissenden Augen an, was wir so alles an Blödsinn veranstalten, um dann sofort jede Sünde streng zu bestrafen, ist schon ziemlich schräg.

Leider haben nicht wenige Christinnen und Christen immer noch so eine Vorstellung von Gott im Kopf. Die Kirchen haben diesen Gott ja auch lange Zeit verkündigt, manche, die predigen, tun es noch heute, und, ja, die Bibel scheint in manchen Geschichten auch von einem streng strafenden Gott auszugehen.

Der strenge und strafende Vater, den wir selber vielleicht einmal hatten, mag das seine dazu beigetragen haben, dass manche nun an einen strengen und strafenden Gottvater glauben.

Ein Gott, dem nichts entgeht. Big brother is watching you. Wer nicht hören will, muss fühlen. Strafe muss sein. Sie folgt der Sünde auf dem Fuße.

Ich sage dazu mal deutlich: NEIN. Gott findet keine Genugtuung daran, uns zu strafen, weil wir uns ihm widersetzt haben. Er muss seine Kränkung nicht an uns auslassen. Er nimmt unsere Untaten hin, so wie Jesus sie hingenommen hat. Jesus hat sich ja auch nicht an denen, die ihn verfolgten, ausgelassen. Er hat ihre Untaten vielmehr an sich geschehen lassen.

Die biblische Vorstellung von Strafe ist eine ganz andere. Nach Israels Verständnis in biblischer Zeit ist nämlich die Strafe schon in der bösen Tat inbegriffen. Die Strafe ist nichts, was der bösen Tat auf dem Fuße folgt, sondern sie ist Bestandteil der bösen Tat selbst.

Man könnte auch sagen: Die böse Tat ist nicht nur die Tat selber, sondern sie hat um sich eine Sphäre (manche sagen "Aura"), die das Leben der Beteiligten prägt. Die böse Tat ist vielleicht schnell vorbei, aber die Sphäre der Tat wirkt weiter. Sie bringt nichts Gutes mit sich. Sie straft die Beteiligten mit einer leidvollen Zukunft, und zwar auch dann noch, wenn die Tat selber schon längst vergessen ist.

Ein Beispiel: Vom König David wird in 2Sam 24 erzählt, dass er einmal eine Volkszählung durchgeführt hat. Der Prophet Gad hat ihm daraufhin die Nachricht überbracht, dass Gott diese Volkszählung nicht lustig fand. Nun wird David bestraft. Er darf sich zwischen Pest, Hungersnot und Krieg eine Strafe Gottes aussuchen.

Man denkt unwillkürlich: Was für ein Quatsch! Erstens: Was hat Gott eigentlich gegen eine Volkszählung? Zweitens: Wieso wird David so schwer dafür bestraft mit Strafen, die mit einer Volkszählung überhaupt nichts zu tun haben? Drittens: Wieso muss das arme Volk darunter leiden?

Doch es gibt auch Antworten. Erstens: Die Volkszählung diente dazu, die Macht des Königs zu zeigen. Je größer die Zahl seiner Untertanen, desto größer seine Macht. David wollte sich also durch die Volkszählung seine Macht vor Augen führen. Er war machthungrig. Darüber war Gott not amused – gar nicht amüsiert.

Zweitens: Die Strafen haben sehr wohl etwas mit der Volkszählung zu tun. Denn sowohl Pest als auch Hungersnot und Krieg bringen Tod mit sich und verringern die Bevölkerungszahl. Seine Macht, an der David so viel gelegen war, wird also durch die Strafen verringert. Dadurch wird deutlich: Wenn der König auch noch so machtversessen ist – er kann seine Macht gar nicht sichern. Im Gegenteil: Machthunger führt zu Machtverlust.

Drittens: Leider leidet immer die Bevölkerung darunter, wenn die Machthaber ausrasten. Zudem wurde damals der König als Repräsentant des Volkes verstanden. Das Volk musste seine Untaten ausbaden (das ist ja heute auch nicht anders). Gott will das nicht, aber die Sphäre der bösen Tat in einer Welt, in der es Anführer gibt und geben muss, bringt das unweigerlich mit sich.

Die biblische Geschichte erzählt das alles so, als wenn Gott die böse Tat des Königs mit einer von ihm verhängten Strafe ahndet. Man kann die Geschichte aber auch anders lesen: Weil die böse Tat immer eine böse Sphäre mit sich führt, kann es gar nicht anders sein, als dass die Machtversessenheit des Königs in ihr Gegenteil umschlägt. Machtversessenheit bringt niemals Gutes. Das musste König David einsehen. Sein Volk musste es ausbaden. Und Gott hat nicht durch eine zweite Tat (nämlich die Strafe) die böse Tat des Königs (die Volkszählung) geahndet. Er hat es vielmehr zugelassen, dass die böse Tat des Königs die ihr gemäßen Auswirkungen hatte: Davids Machtversessenheit führte zur Verringerung seiner Macht.

Nach biblischem Verständnis bleibt demnach Gott die letzte Entscheidung darüber vorbehalten, ob wir die Sphäre der bösen Tat zu spüren kriegen oder nicht (ob eine böse Tat "bestraft" wird oder nicht). Gott bleibt in dieser Hinsicht der Herr des Verfahrens. Wir können ihm durch unsere eigenen Taten das Heft des Handelns nicht aus der Hand reißen.

Damit sind nicht alle Fragen beantwortet. Ich möchte nur mal auf ein anderes Verständnis von Strafe hinweisen. Es lassen sich auch nicht alle biblischen Aussagen über die Strafe bruchlos in dieses Schema einordnen. Mal wird der Aspekt des göttlichen Handelns stärker betont, mal der Aspekt der mit der bösen Tat sich auswirkenden Sphäre. Beides gehört zusammen, und man sollte deshalb um dieses Schema wissen, um die biblischen Aussagen über Strafe besser einordnen zu können.

Gott sitzt nicht auf seinem Thron, um alles zu beobachten und möglichst umgehend Strafen zu verhängen. Die Strafe ist vielmehr Teil der bösen Tat, die wir vollbringen. Wir bestrafen uns sozusagen mit unseren bösen Taten selbst. Und Gott lässt diese Selbstbestrafung geschehen – oder auch nicht. Wir können also nicht nach jeder bösen Tat eine Strafe feststellen. Das Schema geht nicht so auf, dass wir es in jedem Fall nachvollziehen können.

Weil das Wort "Strafe" missverständlich ist, sollte man weniger von Strafen Gottes sprechen, dafür aber umso mehr von den Folgen unserer eigenen bösen Taten. Und davon, dass Gott diese Folgen gnädig verhindern, aber auch gnädig zulassen kann. Auch das Letztere ist gnädig. Denn Gott will damit nicht seinen Zorn ausleben, sondern uns vor weiteren bösen Taten und den daraus folgenden Selbstbestrafungen bewahren. Er will uns zur Selbsterkenntnis anleiten. Bei David hat das geklappt.


* * * * *


Foto: suju-foto auf Pixabay.





12 Kommentare
Michael Kröger
2022-09-01 15:54:37
Hallo Klaus,

könnte es nicht sein, dass Gott die Folgen u serer Taten einerseits gnädig verhindert und andererseits und fatalerweise gleichzeitig auch gnädig zulässt? Dann hätten wir Menschen ja ein andauerndes (moralisches) Entscheidungsproblem und fühlten und wären im Grunde hin- und hergerissen zwischen einem verhindernden und einem zulassenden Gott. Wie könnten wir diesen inneneren Zwiespalt überwinden? Oder können wir diesen nur (an-)erkennen?

Viele Grüsse
Michael
2022-09-01 20:49:15
Hallo Michael,

vielen Dank für deine interessanten Gedanken. Um darauf eingehen zu können, muss ich zunächst eine Gegenfrage stellen: Was meinst du damit, dass Gott die Folgen unserer Taten gnädig verhindert und gleichzeitig gnädig zulässt? Für mich stehen "verhindern" und "zulassen" kontradiktorisch zueinander, schließen also einander aus.

Unabhängig davon denke ich, dass wir als Menschen permanent in moralischen Entscheidungssituationen und -problemen stehen. Und wir wissen nicht, ob Gott uns den Folgen unserer Taten gnädig überlässt (so dass wir aus den Folgen Konsequenzen ziehen können) oder sie gnädig verhindert (so dass wir nicht unter den Folgen leiden müssen). Wichtig ist mir dabei, dass Gott auch dann, wenn er uns den Folgen unserer Taten überlässt, ein gutes Ziel damit verfolgt und nicht nur einfach zornig ist und uns bestrafen will. Insofern ist für mich dann auch der Zwiespalt zwischen einem verhindernden und zulassenden Gott zugunsten des Glaubens an einen gnädigen Gott überwunden.

Aber vielleicht treffe ich damit nicht deine Fragen. Dann klär mich bitte auf.

Viele Grüße
Klaus
Michael Kröger
2022-09-01 22:47:36
Hallo Klaus,

vielleicht klingt es ja etwas spitzfindig aber möglichweise verhält es sich ja so:

Wenn Gott als der Allmächtige die Folgen unserer Taten entweder gnädig verhindert und/oder gnädig zulässt, heisst das ja, dass für ihn beides gleichermaßen - und damit füe uns ein Dilemma - möglich ist. Gott lässt uns also offenbar im möglichen Ungewissen wie e r unser Handeln kommuniziert wissen will und damit auch, dass er - gerade heute ! - die Folgen unserer Taten auch gleichzeitig verhindern u n d zulassen kann. Das wäre eine für Gott denkbare Verdoppelung aber für die Logik und die Moral von uns Menschen schlechterdings schwer auszuhaltende Paradoxie der Situation einer extremen Gegensätzlichkeit. Aber vielleicht auch eine vieldeutige Paradoxie, die Gott uns als Chance unserer Selbsterkenntnis aufgegeben hat? Was hindert mich daran, die Folgen unserer Taten als Verhinderung u n d als Zulassung zu bewerten?
Dieser gleichsam verdoppelte Blick ist möglicherweise distanzschaffender und würde uns von einem starren Entweder-Oder befreien. In diesem Fall müssten wir uns eingestehen, dass (menschliche) Moral eben auch eine Folge von unterschiedlich möglichen Optionen darstellt.


2022-09-02 10:24:13
Hallo Michael,

ich stimme dir zu darin, dass die Ungewissheit, ob Gott die Folgen unserer Taten verhindert oder zulässt, für uns ein Problem darstellen kann (sofern man überhaupt nach Gott fragt). Das Problem entschärft sich aber nach meinem Empfinden dadurch, dass beides, das Verhindern und das Zulassen, aus Gnade geschieht, d.h. dass es Gutes bewirkt. Das Gute des Zulassens besteht darin, dass wir auf die Folgen unserer Taten aufmerksam gemacht werden und deshalb die Chance haben, daraus zu lernen und unser Verhalten zu ändern. Das Verhindern könnte demgegenüber dazu führen, dass wir so weitermachen wie zuvor. Andererseits würde das Verhindern uns vor Leid bewahren, während das Zulassen Leid mit sich bringt. Beides kann also Positives mit sich bringen. Im Vertrauen darauf, dass Gott es gut mit uns meint und die für uns beste Entscheidung treffen wird, entschärft sich für mich das Problem, nicht zu wissen, wie Gott sich verhalten wird. Ich sehe deshalb auch keine für mich schwer auszuhaltende Situation, sondern stelle es Gott anheim, das für uns Beste zu tun.

Was die Gleichzeitigkeit des Zulassens und Verhinderns betrifft, kann ich mir unsere Differenz nur so erklären: Für mich ist das Zulassen oder Verhindern eine bewusste Aktion Gottes, nicht eine gleichsam unvermeidliche schicksalhafte Folge unseres Handelns. Klammern wir Gott als Handelnden aus, dann können wir durchaus zu der Einschätzung kommen, dass unsere Taten zugleich gute und schlechte Folgen mit sich bringen. Gott ist für mich aber nicht die Personifikation innerweltlicher "Gesetze", nach denen die Geschichte abläuft und unsere Taten immer gute und schlechte Folgen zugleich haben (oder zumindest haben können), sondern Gott ist ein personal und d.h. bewusst und aktiv Handelnder – ein Gott, mit dem ich reden, dem ich dankbar sein und den ich um etwas bitten kann. Der so verstandene Gott kann es verhindern, dass die Folgen unserer bösen Taten auf uns zurückfallen, wie es der Geschichtslauf vielleicht fordern würde – oder er kann sie "über uns kommen lassen". Es geht hier nicht um die Frage, wie Gott das macht, sondern nur darum, dass Gott – im Gegensatz zu schicksalhaften, also zwangsläufigen Folgen unseres Handelns – der Herr der Geschichte ist und als solcher den Geschichtslauf zum Guten oder zum Schlechten wenden kann, dabei aber immer als der gnädige Gott handelt, so dass auch die Wendung zum Schlechten positive Chancen für uns eröffnet (siehe oben).

Ich weiß nicht, ob ich damit deiner Meinung nach die Differenz richtig dargestellt habe oder ob sie nach deinem Dafürhalten woanders liegt. Im zweiten Fall kannst du mir ja deine Sicht mitteilen.
Michael Kröger
2022-09-02 23:14:15
Hallo Klaus,

Danke für deine Aufklärung, die ich jetzt doch besser nachvollziehen kann! Dein Verständnis Gottes, der als gnädiger Gott, die Folgen unseres schuldhaften Handelns zulassen und/ oder verhindern kann, basiert in der Tat auf einer Logik, der Gott als "Herrn der Geschichte" vorraussetzt und der uns durch seine Gnade Gutes (Selbsterkenntnis) vermitteln möchte. So gesehen hat sich die Paradoxie, von der ich oben sprach, sozusagen durch die Gnade Gottes entschärfen lassen. Meine Frage wäre dann aber, ob wir Menschen es uns dann nicht doch etwas zu einfach machen. Im Vertrauen darauf, dass wir mit der Gnade Gottes rechnen dürfen, die Folgen selbst unseres schlechten Handelns zu erkennen, wären wir ja im Grunde von unserer eigenen ethischen Bewertung (Verantwortung ) aller unserer Handlungen dauerhaft "entlastet" - kann Gott denn diese Art unserer "Befreiung" der Bewertung von den Folgen unserer Taten ohne Probleme zulassen ? Oder anders gewendet: läge eben darin vielleicht ein aktueller Sinn eines ausgeübten göttlichen Gnadenerweises ?


2022-09-03 09:16:29
Hallo Klaus,

bei dem Titel „Gott ist nicht Big Brother“ dachte ich sofort an Psalm 139. „HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wüsstest. (…) Es war dir mein Gebein nicht verborgen, / da ich im Verborgenen gemacht wurde, da ich gebildet wurde unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.“ Mehr Big Brother geht eigentlich kaum.

Aber du hast dann den Schwerpunkt mehr auf Kontrolle, Sünde und Bestrafung gelegt und wie Gott in dieser Hinsicht zu sehen ist. Dazu kann ich nur sagen: Wir wissen noch nicht einmal, ob es Gott überhaupt gibt, wir glauben es nur. Gott als Vater zu sehen und anzusprechen, ist bereits eine menschliche Projektion, die gleichwohl ihren Wert hat. Keinen Wahrheitswert zwar, aber einen pragmatischen Wert, weil sie es uns ermöglicht, Kontakt aufzunehmen. Zu einem Abstraktum kann man nicht beten. Dieser Projektion dann noch weitere Eigenschaften beizumessen, treibt das Spiel für mich zu weit. Weder Vorstellung eines strafenden Gottes noch die eines Gottes, der unsere Sünde an sich geschehen lässt sind als richtig oder falsch beurteilbar. Die Bibel enthält Beispiele für ganz verschiedene Ansätze.

Und wenn du den Umgang mit König David als Beispiel anführst für die Sphäre oder Aura der bösen Tat, denke ich an die Geschichte mit David und Batseba. David holt sich die schöne Frau, die er haben will, ganz gleich, ob sie verheiratet ist oder nicht. Eine Sünde folgt der nächsten. Weil der ehrenwerte Uria unwissentlich das Vertuschungsspiel sabotiert, wird er beseitigt. Der Prophet Nathan greift ein, weist David zurecht, David bereut, tut Buße, fastet. Das aus der Affäre hervorgegangene Kind stirbt trotzdem (Was kann das arme Kind dafür?). So weit, so schlecht. Aber wie steht David am Ende da. Er hat die attraktive Frau, mit ihr ein zweites, wohlgeratenes Kind, das einer der bedeutendsten Könige Israels wird, während Uria anscheinend kinderlos bleibt und seine Gebeine auf dem Schlachtfeld verrotten. Das muss man nicht verstehen, und ich warne vor theologischen Erklärungsversuchen.

Tut mir leid, wenn ich die Party der Gläubigen störe, aber ich finde, dass auch mal jemand die Gegenrede führen muss.

Viele Grüße

Thomas
2022-09-03 10:09:13
Hallo zusammen

vielleicht sollte man sich mit der Definition des Begriff "Strafe" etwas intensiver beschäftigen:

Die Strafe ist eine Sanktion gegenüber einem bestimmten Verhalten, das im Regelfall vom Erzieher, Staat oder Vorgesetzten als Unrecht bzw. als (in der konkreten Situation) unangemessen qualifiziert wird. Der Begriff der Strafe wird insbesondere im Bereich der Rechtswissenschaft, jedoch auch in Theologie, Philosophie, Psychologie und vor allem in den Erziehungswissenschaften behandelt.
In der Lerntheorie wird Strafe oder Bestrafung in zweierlei Form benutzt, als positive und als negative Strafe, und bezeichnet einfach das Gegenteil von Verstärkung. Hier bedeutet positive Bestrafung, dass auf ein bestimmtes Verhalten als Kontingenz ein unangenehmer Reiz (z. B. sozialer Druck) folgt. Negative Bestrafung bedeutet, dass auf ein bestimmtes Verhalten als Kontingenz ein angenehmer Reiz (z. B. Nahrung, Belohnung) verhindert oder versagt bzw. weggenommen wird.

Die Rechtsordnung sieht für den Verstoß gegen die wichtigsten Regeln des Zusammenlebens Strafen vor. In der Regel wird Strafe heute nach der Vereinigungstheorie mit unterschiedlichen Ansätzen begründet:
- mit der Veränderung des zu Bestrafenden zum Besseren (Spezialprävention),
- mit dem Ziel der Abschreckung potentieller anderer Straftäter (Generalprävention),
- mit dem Ziel des Schutzes anderer (Kollektivschutzprinzip),
- mit der Wiederherstellung der Gerechtigkeit (Sühne) und von Vergeltung (Talionsprinzip).
In der Erziehung bzw. in den entsprechenden Wissenschaften galt die Strafe seit Jahrhunderten als probates Mittel der Erziehung. Erst in den letzten Jahrzehnten werden in Erziehungskonzepten bzw. in Erziehungswissenschaften und Erziehungsinstitutionen Alternativen diskutiert, nicht zuletzt beeinflusst durch die Auswertung konkreter Befunde aus Psychologie und anderen Wissenschaften.

Quelle: Wikipedia

Kann es sein, dass der Begriff zu einseitig und zu negativ genutzt wird oder geprägt wurde?
2022-09-03 10:32:47
Hallo Michael,

gute Frage: Sind wir durch Gottes Gnade von der Verantwortung für unser schlechtes Handeln entlastet? Meine Antwort wäre: Nein. Ich fühle mich insofern entlastet, als ich glaube, dass Gott mich auch mit meinem schlechten Handeln annimmt, obwohl er mein schlechtes Handeln verurteilt. Oder anders ausgedrückt: Gott liebt den Sünder, aber nicht seine Sünde. Die Liebe blickt nicht auf die schlechten Seiten des Geliebten und legt ihn nicht darauf fest, sondern sie liebt den Geliebten eben gerade mit und trotz seiner schlechten Seiten. Andernfalls gäbe es auch auf Erden keine Liebe. Die Gnade Gottes ist also eine Begnadigung des Übeltäters, ohne dessen Übeltaten zu verharmlosen oder zu ignorieren. Auf Seiten des Menschen sieht das so aus: Der Sünder, der sich trotz seiner Sünde von Gott angenommen weiß, wird gerade deshalb dankbar sein, seine Sünde bereuen und versuchen, in Zukunft besser zu handeln - in der Gewissheit, dass er, auch wenn er scheitert, von Gott angenommen ist. Gerade die Liebe Gottes verändert also den geliebten Menschen. Wir erleben das auch zwischenmenschlich, dass die Liebe uns verändert - zum Guten hin. Ich werde also, gerade weil ich mich unendlich geliebt weiß, nicht aus der Verantwortung stehlen, sondern mich ihr stellen und versuchen, verantwortungsvoll zu leben. Alles andere wäre absurd und würde Gottes Liebe, die ja auch mit Vergebung verbunden ist, nicht ernst nehmen. Will sagen: Wer die Gnade, die Vergebung ernst nimmt, wird gerade deshalb ein anderes Leben zu führen versuchen. Die Entlastung des Sünders dadurch, dass er begnadigt ist, führt gerade nicht zu einer ethischen Gleichgültigkeit, sondern, wenn er seine Entlastung ernst nimmt, zur gesteigerten Verantwortungsbereitschaft.

Eine ähnliche Frage wurde übrigens auch schon Paulus gestellt bzw. er stellt sie sich selber in Röm 6,1: Sollen wir in der Sünde verharren, damit Gottes Gnade umso größer werde (weil ja dann auch die Sünde größer ist)? Die Absurdität wird schon in der Fragestellung sichtbar. Der entlastete, befreite, erlöste Mensch kann ja nicht derselbe bleiben wollen - mit seiner Befreiung muss doch auch sein bisheriges schlechtes Leben ein Ende haben. In die Richtung geht auch des Paulus Argumentation.

Ich hoffe, deine Fragestellung damit getroffen zu haben - andernfalls melde ich nochmal!
2022-09-03 11:13:05
Hallo Thomas,

Psalm 139: Ja, Gott kennt mich, kennt alles von mir. Der Psalm macht aber keine Angst, oder?

Du hältst mich hinten und vorn umschlossen, hast deine Hand auf mich gelegt. Zu wunderbar ist es für mich und unbegreiflich, zu hoch, als dass ich es fasste. ... Spräche ich: Lauter Finsternis soll mich bedecken, und Nach sei das Licht um mich her, so wäre auch die Finsternis nicht finster für dich, die Nacht würde leuchten wie der Tag. Denn du hast meine Nieren geschaffen, hast mich gewoben im Mutterschoß. Ich danke dir, dass ich so herrlich bereitet bin, so wunderbar; wunderbar sind deine Werke. ... Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne meine Gedanken. Sieh, ob ich auf dem Wege zur Pein bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Das Wissen Gottes um mich und das Kennen meiner Person ist also hier kein aus der Distanz beobachtendes, verurteilendes und strafendes Wissen und Kennen, sondern das Wissen und Kennen des Liebenden. Gott sieht mich nicht mit prüfenden Augen an (wie die Zuschauer im Big Brother TV-Format), sondern mit liebenden und helfenden Augen. Das ist der entscheidende Unterschied. Der Psalm spricht von der tiefen Geborgenheit bei dem Gott, der um mich weiß, der mich kennt und gerade deshalb annimmt und bewahrt.

Solcher Glaube mag kein Wissen sein, aber er kann eine Gewissheit werden. Glaube ist nicht das Gegenteil von Wissen (also Unwissen oder Unsicherheit), sondern eine innere Gewissheit, die durchaus von Unwissenheit (Wir können nicht alle Fragen beantworten) und Unsicherheit (Wir haben Zweifel) begleitet sein kann. Glaube ist nicht primär Wissen von etwas, sondern Vertrauen auf etwas bzw. auf einen.

Alle Aussagen über Gott sind menschliche Worte und als solche unvollkommen. Ich würde sie nicht Projektion nennen, weil dahinter Feuerbachs These steckt, menschliche Wünsche oder Unvollkommenheiten als Vollkommenheiten auf Gott zu beziehen. Ich würde daher von Metaphern sprechen. Wir können von Gott nur metaphorisch sprechen, also ihn nicht direkt benennen, definieren, sondern ihn nur in menschlich unvollkommenen und eigentlich ihm unangemessenen Worten beschreiben. Darum hat Jesus Gleichnisse erzählt, die man auch als Metaphern verstehen kann. Gleichnisse erzählen von Gott, indem sie Weltliches zur Sprache bringen. Das Wort "Vater" erzählt auch etwas von Gott, indem es an Weltliches erinnert. Darin steckt schon seine Unvollkommenheit. Denn der, den wir als weltlichen Vater erlebt haben, kann nicht angemessen Gott den Vater zur Sprache bringen. "Vater" ist deshalb eine Metapher. Metaphern sagen aber mehr aus als das, woran sie uns erinnern. Gott ist ein anderer Vater als der, den wir als leiblichen Vater kennengelernt haben. Die Metapher eröffnet ein Mehr an Wirklichkeit. Ihre Bedeutung bleibt nicht im Sicht- und Erfahrbaren hängen, sondern greift darüber hinaus – in diesem Fall auf den unsichtbaren Gott. Wir können nicht anders als in unserer unvollkommenen Sprache über Gott reden. Aber wenn die Worte von Gott her eine neue Bedeutung erhalten, können sie uns einen Blick auf Gott ermöglichen. Denn, wie du schon sagst: Zu einem Abstraktum kann man nicht beten.

Die Geschichte von David, Bathseba und Uria beschreibt eine eklatante Verfehlung des Königs. David war in keiner Weise vollkommen – er war ein Mörder, muss man ja wohl sagen. Seiner Affäre und seinem Mord folgt das Leiden und die Reue. Dennoch scheint er als Gewinner aus der Sache hervorzugehen, während das unschuldige Kind stirbt. "Das muss man nicht verstehen", schreibst du zu recht. Ich verstehe es auch nicht. Dass Gott trotzdem zu David steht, kann man noch seiner Gnade zuschreiben, die sogar dem Mörder gilt. Dass der Tun-Ergehen-Zusammenhang (der Böse muss leiden, dem Guten geht es gut) nicht aufgeht, habe ich oben schon angedeutet. Ob und wieweit die böse Tat böse Folgen für den Täter zeitigt, bleibt letztlich Gottes Entscheidung. Am Ende stehen wir mit unseren offenen Fragen da und können Gott nur eine angemessene Entscheidung zutrauen.

Übrigens finde ich es gut, dass du immer wieder dafür sorgst, dass der christliche Glaube nicht zur christlichen Party wird. Denn eine Party ist uns nicht verheißen, dafür aber neben allem Schönen auch Leid und unbeantwortete Fragen. Aber auch ohne Party kann man ja viel Schönes erleben und den Glauben sogar als Befreiung erfahren.

Viele Grüße
Klaus
2022-09-03 11:31:06
Hallo Pneuma,

ich kann einiges von dem, was du schreibst, auf Gottes Handeln übertragen:

Wenn Gott einen Täter die Folgen seiner Taten spüren lässt, dient das immer einem guten Zweck. Dazu gehört, dass er nicht in seinem Tun bestätigt werden soll: Er wird selber unter seinen Taten leiden, mitunter auch dadurch, dass ihm etwas genommen wird, was er eben durch seine Taten erhalten wollte. Der Täter soll zum Besseren bewegt und andere sollen vor ihm geschützt werden. Mitunter soll auch ein Ausgleich hergestellt werden, so dass man das Gefühl von Gerechtigkeit hat. Insofern stimmt Gottes Handeln mit dem überein, was die Rechtsordnung unter Strafe versteht.

Mir wäre aber noch wichtig zu betonen, dass Gott nicht einfach straft oder Vergeltung übt, weil er zornig ist oder sich gekränkt fühlt. Sein Ziel ist immer ein besserer Zustand. Er handelt an uns wie ein Liebender, der die Geliebten vor Bösem bewahren will. Dass das nicht immer für uns sichtbar ist, dass die Rechnung, die wir machen, nicht immer aufgeht, habe ich schon im Artikel angedeutet. Diese Rechung wird auch schon innerbiblisch in Frage gestellt.

Dass zwischen unserem Tun und Ergehen ein Zusammenhang besteht, lässt sich also nicht für alle Fälle beweisen und trifft auch nicht nachrechenbar für alle Fälle zu – in nicht wenigen Fällen liegt es aber auf der Hand. Insofern bestrafen wir uns mit unseren schlechten Taten selbst.

Wenn man den Begriff "Strafe" für Gottes Handeln verwenden will, wird man ihn sicher anders verstehen müssen, als er gemeinhin in unserer Welt verstanden wird. Das lässt aber leicht Missverständnisse aufkommen. Darum halte ich ein anderes Wort, z.B. "Handlungsfolgen", für sinnvoller.
2022-09-05 12:19:08
Hallo Klaus

"Mir wäre aber noch wichtig zu betonen, dass Gott nicht einfach straft oder Vergeltung übt, weil er zornig ist oder sich gekränkt fühlt." Aus einem reinen Gefühl oder einer Emotion heraus wäre das ja in Wirklichkeit eine Persönlichkeitsschwäche. Und das kann es sicherlich nicht sein und würde wie du schon schreibst den Zweck verfehlen, weil es die konstruktive und gesunde Verhältnismäßigkeit und Angemessenheit nicht erfüllen würde.
2022-09-05 15:25:55
Yes! Danke für die Ergänzung!

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