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Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie aktuell · 24 Juni 2020
Tags: GewaltGlückSündeSehnsucht

T h e o l o g i e   a k t u e l l
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Klaus Straßburg | 24/06/2020

Verstörende Bilder vom Gewaltausbruch in Stuttgart am letzten Wochenende. Suche nach den Gründen. Wie konnte das passieren?

Die Polizei hatte einen 17jährigen auf Drogen kontrolliert. Die an einem See Feiernden solidarisierten sich mit ihm gegen die Polizei. Spontan zogen wohl 400 bis 500 vornehmlich junge Männer zwischen 14 und 33 Jahren auf den Schlossplatz, griffen Polizisten an, randalierten, zerstörten und plünderten. Manche sagen, es seien Zugehörige der Party- oder Event-Szene gewesen.

Warum? Politik und Medien suchen nach Gründen. Es wird Vieles zusammengekommen sein. Alkohol spielte eine Rolle. Aber das allein reicht nicht. Es muss irgendeinen Frust, irgendeine tiefsitzende Unzufriedenheit mit dem eigenen Dasein gegeben haben.

Ein „Experte" sagte etwa: Die Menschen hatten Hunger nach einem Erlebnis. Erlebnishunger in Corona-Zeiten.

Also Langeweile, die Erlebnishunger produziert. Die Sehnsucht nach dem Nervenkitzel, nach dem Kick, nach dem Abenteuer, wenn die Clubs geschlossen sind. Die Sehnsucht nach etwas Schwerem im allzu leichten Leben. Gewalt als Event.

Meine Eltern hätten gesagt: „Denen geht es zu gut."

Ist das leichte Leben gar nicht nur positiv? Ist das schwere gar nicht nur negativ?

Milan Kundera stellte diese Fragen schon in seinem Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" aus dem Jahre 1984:
Ist aber das Schwere wirklich schrecklich und das Leichte herrlich?
Das schwerste Gewicht beugt uns nieder, erdrückt uns, preßt uns zu Boden. [...] Je schwerer das Gewicht, desto näher ist unser Leben der Erde, desto wirklicher und wahrer ist es.
Im Gegensatz dazu bewirkt die völlige Abwesenheit von Gewicht, daß der Mensch leichter wird als Luft, daß er emporschwebt und sich von der Erde, vom irdischen Sein entfernt, daß er nur noch zur Hälfte wirklich ist und seine Bewegungen ebenso frei wie bedeutungslos sind.
Was soll man wählen? Das Schwere oder das Leichte?
Parmenides hat sich diese Frage im sechsten Jahrhundert vor Christus gestellt. [...]
Parmenides antwortete: das Leichte ist positiv, das Schwere ist negativ.
Hatte er recht oder nicht? Das ist die Frage.
(Quelle: Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, April 1994, Seite 9)

Ich kenne das: die Suche nach Herausforderungen, danach, an die Grenzen zu gehen, körperlich oder geistig. Dem trägen Fluss des täglichen Einerlei entkommen. Nach einer 60 Kilometer-Radtour fühle ich mich ausgelaugt, aber lebendig und dankbar. Der Tag war nicht bedeutungslos.

Mein Leben ist leicht: keine akuten Bedrohungen, keine schwere Krankheit oder Todesnot. Gerade deshalb suche ich die Herausforderung. Ist es unerträglich, dass mein Leben leicht ist? Im schweren Leben hätte ich tägliche Herausforderungen – das Leben selbst wäre die Herausforderung.

Ist unser Leben erst dann wirklich und wahr, erst dann der Erde nah, wenn eine Last uns zu Boden drückt?

Milan Kundera schreibt über Sabina, eine seiner Hauptpersonen:
Ihr Drama ist nicht das Drama des Schweren, sondern des Leichten. Auf Sabina ist keine Last gefallen, sondern die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.
(Seite 118)

Gott sei Dank suche ich die Herausforderung nicht in Gewalt. Ich verabscheue Gewalt.

Die Bibel weiß um die Gewalttätigkeit des Menschen. Sünde hat viele Dimensionen. Eine davon ist Gewalt. In manchen Bereichen des Alten Testaments ist sie die Hauptsünde.

Nach Gen/1Mo 6,11-13 verhängt Gott die Sintflut über die Erde, weil sie voll von Gewalt ist:
Die Erde war verderbt vor Gott, und die Erde war voll von Gewalttat. [...] Da sprach Gott zu Noah: Das Ende alles Fleisches ist von mir beschlossen; denn die Erde ist voll von Gewalttat durch sie [die Menschen]. So will ich sie vertilgen mit der Erde.
(Gen/1Mo 6,11.13)

Wer Leben angreift, greift das von Gott Erschaffene an. So greift er den Schöpfer selbst an. Wer Leben zerstört, sucht die Schöpfung rückgängig zu machen. Darum gilt:
Den, der Gewalttat liebt, hasst seine [Gottes] Seele.
(Ps 11,5b)

Es ist nur Gottes Gnade zu verdanken, dass auch wir Gewalttäter noch leben dürfen:
Und Gott gedachte Noahs und aller wilden Tiere und alles Viehs, das mit ihm in der Arche war. Und Gott ließ einen Wind über die Erde gehen, so dass die Wasser sanken.
(Gen/1Mo 8,1)

Eine andere Tradition sagt es noch deutlicher:
Ich [Gott] will die Erde in Zukunft nicht mehr um der Menschen willen als verflucht ansehen; denn das Streben des Herzens des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will nicht noch einmal alles Lebende schlagen, wie ich es getan habe.
(Gen/1Mo 8,21)

Es ist wohl so, dass wir Herausforderungen brauchen, ein Stück Abenteuer. Wer niemals an seine Grenzen geht, wer sich nur in der Mitte bewegt, dessen Leben kann eintönig und langweilig werden.

Wohl dem, der sich seine Grenzen wählen kann; dem das Leben selbst nicht ständige Einschränkung ist.

Doch die Herausforderung in der Gewalt zu suchen, ist der falsche Weg. Es gibt genug andere Wege.

Nicht das Gegeneinander, sondern das Miteinander gibt Sinn, schafft Bedeutung.

Ich erlebe vor allem die Nähe zu anderen Menschen als beglückende Herausforderung, als Erlebnis, an dem wir an unseren Grenzen eins miteinander werden: das Einander-Zuhören und Einander-Verstehen, das Miteinander-Fühlen, das Voneinander-Lernen. Das Teilen von Freude und Leid, das Teilen des Lebens in einem tiefen Gespräch, in einem gemeinsamen Erlebnis. Das Sich-Öffnen für das Geheimnis, das der Andere ist.

Das ist für mich Glück.


* * * * *


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6 Kommentare
2020-06-26 18:01:24
Hallo Klaus,

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ist ein wirklich gutes Buch und die Verfilmung fand ich auch sehr gelungen. Als Hintergrunderklärung für die Vorfälle in Stuttgart finde ich das, was im Buch passiert, gedacht und gefühlt wird, aber zu intellektuell.

Dass junge Männer mal frustriert sind, weil sie nicht alles bekommen, was sie wollen und schon gar nicht sofort, hat es immer gegeben, und dass manche dann gewalttätig werden und randalieren, auch. Zurzeit sehe ich aber noch ein paar weitere Faktoren, die diesen Gewaltausbruch begünstigt haben könnten.

1. Die Tendenz, dass kriminelle Clans in manchen Regionen Deutschlands sich mit gewisser Berechtigung als die eigentlich Mächtigen fühlen und von vielen auch so wahrgenommen werden. Zum Glück wird jetzt u. A. in Berlin und im Ruhrgebiet verstärkt dagegen vorgegangen.

2. Der Reflex solcher Verhältnisse in der Jugendkultur. Ich denke da z. B. an sog. Gangster-Rapper, die bis in komfortabel bürgerliche Kreise hinein ihre Fans haben.

3. Eine geringe Wertschätzung der Polizei, z. T. durch sog. soziale Netzwerke, aber auch manche Artikel in der Presse,

4. Fernsehbilder und Videos aus den USA, die anscheinend hier Leute zur Nachahmung animieren.

Ich denke, Innenministerien und Polizei sollten darauf gezielt reagieren, ohne das allzu sehr in die Talkshows zu tragen. In ein paar Wochen wird man davon sowieso nicht mehr reden.

Viele Grüße

Thomas
2020-06-26 21:54:56
Hallo Thomas,

vielen Dank für deine Ergänzungen. Ich denke auch, dass Vieles zusammenkam, was den Gewaltausbruch auslöste. Die Leichtigkeit des Seins könnte dabei nur ein Element von mehreren gewesen sein.

Ich sehe die Gefahren eines allzu leichten Lebens gegenüber einem Leben, das täglich ums Überleben kämpfen und fürchten muss, als ein grundsätzliches Phänomen, das durchaus Probleme mit sich bringt. Die Sehnsucht nach Abenteuern spielte vielleicht auch eine Rolle, wenn Soldaten mit Jubel in den Krieg zogen. Ein Freund von mir sagt manchmal ironisch: "Wenn dein Leben langweilig ist - riskiere es!" Ich finde, das ist eine psychologische Wahrheit, die sich auf viele riskante Handlungsweisen anwenden lässt.

Viele Grüße
Klaus
Ursel Decker
2020-06-28 15:43:58
Hallo Klaus,

Dein Entsetzen über den Gewaltausbruch in Stuttgart teile ich und habe dazu folgende Fragen:

Wie setzte sich die Gruppe zusammen?
Wie ist deren Einstellung zum Staat, also zur Gemeinschaft und dadurch zur Polizei, hier als deren Vertreter?
Wenn ich das richtig verfolgt habe, handelt es sich bei der Tätergruppe überwiegend um junge Männer. Spielt es eine Rolle, dass es in der " Me- Generation" vermehrt Menschen gibt, welche ihren Individualismus übersteigert interpretieren?
Welche Bedürfnisse sind durch die Coronakrise offengelegt, die von einigen, meist jungen Männern, nicht SOFORT befriedigt und beherrscht werden können?

Der Rechtsstaat muss zeigen, dass er ernst zu nehmen ist. Niemand darf zum Opfer werden. Auch nicht die Polizei! Das ist grundsätzlich wichtig für das Leben in einer Gemeinschaft, welcher hier RECHTSSTAAT heißt.


Nun zum Leichten und Schweren:

Das Schwere lässt das Unwichtige unwichtig erscheinen und macht das Genießen des Leichten ( Lebens) erst dankbar möglich. Ständiges Genießen ist unmöglich, da Entwertung eintritt. Ich erinnere an das Gefühl vieler Menschen während der sogenannten " Schlechten Zeit ", welche den Krieg überlebt hatten, " Wir sind noch mal davon gekommen" ! Satt sein war ein Genuss, da nicht selbstverständlich.
Ich habe nicht die Absicht, das Schwere zu verherrlichen, mache jedoch darauf aufmerksam: Übersättigung jeglicher Art schafft nicht mehr Lebensfreude. Ja, sie kann Lebensfreude verhindern und Frust erzeugen.

Viele Grüße
Ursel
2020-06-28 17:11:38
Hallo Ursel,

ich sehe es, was den Rechtsstaat angeht, genauso wie du. Ich bin gewiss kein Mensch von „law and order" im Sinne von Donald Trump, aber ich beobachte schon seit längerem, dass unser Staat vor Kriminellen in die Knie zu gehen droht (einige Stichworte: Clankriminalität, fehlende Verfolgung von Einbruchsdelikten, viel zu lange Zeiten zwischen Festnahme und Gerichtsverfahren, Urteile, über die die Verurteilten nur lachen, kaputtgesparte Polizei, Gerichte und Staatsanwaltschaften). Experten auf dem Gebiet könnten sicher noch viel mehr dazu sagen.

Zu den Gewalttätern von Stuttgart: Ich habe den Medien entnommen, dass es sich vorwiegend um Männer im Alter zwischen 14 und 33 Jahren gehandelt haben soll. Es war wohl eine sehr heterogene Gruppe, die sich spontan zusammengeschlossen hat, Deutsche und Menschen mit Migrationshintergrund, Linksradikale und Menschen der Partyszene. Das sind aber alles nur Informationen aus den Medien.

Ich denke, dass die Motive vielfältig sind. Thomas Jakob hat dazu ja auch schon etwas geschrieben. Das Bedürfnis nach Party- und Gemeinschafts-Erlebnissen ist natürlich durch die Schließung von Diskotheken und Kneipen eingeschränkt worden. Das mag bei denen Aggressionen erzeugt haben, die ihren Erlebnisbedarf an diesen Orten befriedigt haben (was ich grundsätzlich für völlig in Ordnung halte, ich bin früher auch in Diskotheken und Jugendkneipen gegangen). Das Problem ist wohl, dass die Frustrationstoleranz bei manchen Menschen relativ gering ist und darum schnell in Aggression umschlägt.

Der übersteigerte Individualismus spielt dabei sicher auch eine Rolle. Wir sind es gewohnt, uns selbst zu verwirklichen, d.h. alle unsere Wünsche möglichst sofort zu erfüllen oder erfüllt zu bekommen. Das war, denke ich, bis in die 70er Jahre noch anders und hat sich ziemlich gesteigert. Wenn ich zurückblicke, kann ich das auch an mir selbst erkennen. Die Erwartung einer umgehenden Wunscherfüllung hat sich geändert.

Was du zum Schweren und Leichten schreibst, kann ich nur unterstützen. Auch diesbezüglich hat sich seit den Nachkriegsjahren sehr viel verändert. Schweres soll möglichst ausgeschlossen werden, und zwar sofort, während man früher dankbar war, es irgendwie überstanden zu haben.

Wie du schon schreibst, schafft Übersättigung nicht Lebensfreude, sondern eher Lebensfrust. Ein Gedanke, der sich daran anschließt und den ich nicht erwähnt habe, wäre noch: Wir werfen Gott ja gern vor, dass es so viel Schweres gibt im Leben, und wir wären wohl erst dann zufrieden, wenn alles leicht wäre, wenn es kein Leid mehr gäbe. Aber wäre das nicht genau die Situation der Übersättigung, die nichts Schweres mehr kennt und darum nicht Lebensfreude, sondern Lebensfrust erzeugt? Vielleicht ist ja doch ganz gut, dass wir in einer Welt leben, in der es nicht nur Leichtes gibt. Damit soll natürlich kein allzu schweres Leid verherrlicht werden. Die Frage nach dem guten Gott bleibt sicher bestehen, aber es ist auch eine Frage an uns selbst: ob wir ihm nicht viel zu schnell und auch zu Unrecht vorwerfen, dass es neben dem Leichten auch noch Schweres in der Welt gibt.

Viele Grüße
Klaus
Jochen
2020-06-30 19:12:19
Zum richtigen Mix aus Schwere und Leichtigkeit fallen mir die Worte Agurs aus dem Buch der Sprichwörter ein:

Falschheit und Lügenwort halt fern von mir; / gib mir weder Armut noch Reichtum, / nähr mich mit dem Brot, das mir nötig ist,
damit ich nicht, satt geworden, dich verleugne / und sage: Wer ist denn der Herr?, damit ich nicht als Armer zum Dieb werde / und mich am Namen meines Gottes vergreife. (Spr. 30,8-9)


2020-06-30 22:10:39
Ja, das Leben kann zu schwer sein oder zu leicht - beides birgt die Gefahr in sich, dass wir uns von Gott entfernen.

Danke für die Bibelstelle!
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