Christlich leben ohne Druck

verstehen

Theologische Einsichten für ein gutes Leben

Christsein

Christsein
verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Direkt zum Seiteninhalt

Christlich leben ohne Druck

Christsein verstehen
Veröffentlicht von Klaus Straßburg in Glaubenspraxis · Donnerstag 22 Jun 2023
Tags: FreiheitGnadeGeboteAngstEthikBeten

Christlich leben ohne Druck
Klaus Straßburg | 22/06/2023

1. Theoretisch frei – praktisch unter Druck

Als Christ oder Christin soll man angeblich frei sein. Jesus hat nach dem Johannesevangelium gesagt: "Die Wahrheit wird euch frei machen" (Joh 8,32). Und Paulus schrieb: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit" (Gal 5,1).

Deutlicher kann man es eigentlich nicht aussprechen: Christen sind absolut freie Menschen. Und zwar deshalb, weil sie Sünde, Tod und Teufel nicht mehr fürchten müssen. Denn Christus ist stärker als diese alle.

So weit, so gut. Doch jetzt kommt das große ABER.

ABER da gibt es doch die Zehn Gebote und die ethischen Weisungen Jesu, vor allem in der Bergpredigt (Mt 5-7). Es gibt also eine ganze Menge Dinge, die Christen und Christinnen tun sollen und nicht tun dürfen. Und es gibt Etliches, was die Kirche, die Pastoren, andere Christen und Familienangehörige einem eingeimpft haben, was man als Christ auf keinen Fall tun dürfe oder in jedem Fall tun müsse.

Und schon ist es vorbei mit dem guten Gewissen und der großen Freiheit. Stattdessen dauernder Druck: "Ich muss doch als Christ ...", fordert das Gewissen. "Ich darf doch als Christin nicht ...", meldet sich die innere Warnung. Dann steht man plötzlich da und denkt: "Scheiße! Das schaff' ich nie!"

"Also bin ich kein richtiger Christ", ist die Folgerung. "Ich bin ein Versager." Alle Versuche, Jesu Worte zu befolgen, sind gescheitert. Das schlechte Gewissen ist ein Dauerzustand, und das Damoklesschwert des zornigen Gottes schwebt über mir. Bergpredigt und Höllenangst lassen grüßen: "Bin ich verloren? Habe ich die Prüfung nicht bestanden?"


2. Erfahrungen (un-)christlichen Drucks

Ich kann ein Lied davon singen. In meiner Jugend prasselten die Forderungen nur so auf mich ein. Glücklicherweise nicht von meinen Eltern. Aber in unserer kirchlichen Jugendgruppe wurde die Bibel sehr ernst genommen, also auch die Forderungen Jesu. Andere christliche Gruppen waren noch extremer als unsere. Ein missionierender Baptist verlangte, dass bestimmte Rockmusik nicht mehr gehört werden dürfe, weil sie vom Satan sei.

Manche warfen ihre Schallplatten weg. Andere hörten die Musik mit schlechtem Gewissen. Das schlechte Gewissen schlug übrigens an ziemlich vielen Stellen Alarm. Muss ich mich nicht zwingen, dies und das zu tun? Muss ich mich nicht überwinden, jenes zu lassen?

Man sollte als Christ missionarisch wirken. Man sollte jeden Tag seine "stille Zeit" halten. "Stille Zeit" wurde die Zeit der Bibellese und des Gebets genannt. Jeden Tag, am besten morgens, im Notfall auch abends. Das gehörte einfach dazu, wenn man Christ oder Christin sein wollte.

Ich entschied mich für den Abend, weil ich morgens ausschlafen wollte. Am Abend war ich aber meistens zu müde. Also fiel die "stille Zeit" meistens aus. Schon stellte sich das schlechte Gewissen ein. Aber ich schaffte es nicht mit der täglichen Bibellese. So interessant fand ich die Bibel nun auch wieder nicht. Andere Dinge waren viel interessanter.

"Hast du gestern nachmittag den Western geguckt?" fragte mich einmal einer aus unserer Jugendgruppe in seiner extremen Phase. Als ich bejahte, fragte er: "Warum hast du in der Zeit nicht die Bibel gelesen?" Dazu fiel mir damals nichts mehr ein. Leider.


3. Befreiender Glaube

Aber, Gott sei Dank, das änderte sich. Ich begann, theologische Bücher zu lesen. Da wehte ein anderer Geist als in den christlichen Traktaten, die damals in Umlauf waren. Nicht allem, was ich las, mochte ich zustimmen. Aber bei Martin Luther und bei dem reformierten Theologen Karl Barth fand ich die christliche Freiheit.

Sie funktioniert, kurz gesagt, so: Gott ist ein gnädiger Gott. Punkt. Egal, was du tust oder nicht tust und wie schwach dein Glaube ist: Gott ist dir gnädig. Er nimmt die Gottlosen, Ungläubigen und Kleingläubigen an, ja sogar seine Feinde (Gottlose: Röm 4,5; 5,6; Feinde: Röm 5,10; 11,28; Klein- und Ungläubige: Mt 17,17.20). Gottes Gnade hat Bestand, unabhängig von deinem Lebenswandel. Du musst nichts tun, um seine Gnade zu erlangen; denn sie ist schon da, und du darfst sie mit leeren Händen ergreifen.

Diese Einsicht hatte für mich Konsequenzen. Langsam, sehr langsam verabschiedete ich mich davon, das Heil von meinem Glauben und meinen Taten zu erwarten. Das Heil kommt allein von Jesus Christus her. Mein Glaube und meine Taten sind zwar nicht egal, aber sie haben keine Relevanz für mein Heil.

Natürlich habe ich Gottes Gnade nur dann, wenn ich sie annehme. Aber das war für mich gar keine Frage: Nichts wollte ich lieber als Gottes Gnade.


4. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang

Irgendwann beschloss ich, mir überhaupt keinen Druck mehr zu machen. Ich wollte keine "stille Zeit" mehr halten, weil andere mir gesagt hatten, das müsse man als Christ tun. Ich wollte nicht mehr beten, weil ein Christ eben betet. Sondern ich wollte nur noch dann beten, wenn mir danach war.

Es war ein Experiment – Ausgang ungewiss. Mir war nicht ganz wohl dabei ...

Aber, o Wunder: Ich hörte nicht etwa auf zu beten. Ich betete weiter, ganz freiwillig. Und irgendwann, viel später, begann ich eine regelmäßige "stille Zeit" am Morgen und halte sie bis heute. Jedenfalls meistens. Der Unterschied zu damals ist nur: Ich halte sie nicht, weil man das als Christ so macht, sondern weil sie mir hilft und ich sie vermisse, wenn ich sie nicht halte.

Durch Gottes Gnade, die meinem Glauben und Handeln immer zuvorkommt, fühle ich mich vollkommen frei. Ich lebe in der Gewissheit, dass Gott mich liebt und nichts, wirklich nichts mich von seiner Liebe trennen kann (Röm 8,38f) – also auch ich selbst nicht. Wie schwach mein Glaube auch immer ist und wie groß meine Verfehlungen auch sein mögen – Gottes Gnade geht mir nicht verloren.


5. Zwischen innerem Antrieb und Fußtritt

In diesem Glauben bin ich motiviert, das zu tun, was Gott von mir möchte. Ich tue es aber nicht unter Druck oder aus Angst, sondern weil ich es tun will; weil ich es wichtig und richtig finde. Und das ist ein riesiger Unterschied.

Es ist nämlich der Unterschied zwischen Freiheit und Unfreiheit: Wenn du etwas unter Druck oder aus Angst tust, bist du nicht frei. Wenn du es aber ohne Druck und Angst tust, ist es deine freie Entscheidung.

Doch was wir immer brauchen, ist ein motivierender Impuls. Wie sieht der aus? Die Menschen sind unterschiedlich: Die einen benötigen, um den "inneren Schweinehund" zu überwinden, einen Schubs, den sie sich selber geben. Vielleicht auch einen Fußtritt. Andere haben es da etwas leichter: Sie verspüren meist einen inneren Antrieb und müssen sich deshalb weniger selber anschubsen.

Das Christsein schließt also nicht aus, dass du dich manchmal am Riemen reißt, um nicht auf Abwege zu geraten. Oder du gibst dir selbst einen Tritt, um in Gang zu kommen und das Gute auch wirklich zu tun. Wenn diese Motivation aber aus deinem freien Herzen kommt und nicht aus Druck oder Angst, dann tust du auch das – in Freiheit.

Jesus hatte recht: "Die Wahrheit wird euch frei machen!"


* * * * *


Foto: Henryk Niestrój auf Pixabay




4
Rezensionen
Samstag 24 Jun 2023
Lieber Klaus

"Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Sklave." Und wenn ich mich so umsehe, mit all den Folgen und Problemen die jene verursachen, dann ist die Zahl der Versklavten wie Sand am Meer. Alles weil sie Gottes Sohn nicht glauben oder in Gottes Wort bleiben wollen. Wie können solche die Wahrheit erkennen, wenn sie sich selbst ständig und dann alle anderen belügen?!
Sonntag 25 Jun 2023
Hallo Klaus,

danke für diesen Beitrag. Es war sehr interessant, diesen Teil deiner Glaubensbiografie zu lesen.

Bei mir ist es völlig anders gelaufen, obwohl Suche nach Freiheit und Wahrheit auch für mich immer bestimmend im Leben waren.

Von Leuten, die mir im Namen des Christentums ihren engen Moralismus aufnötigen wollten, habe ich mich immer ferngehalten. So viel schon mal zum Thema Freiheit.

Viel bestimmender in meiner Auseinandersetzung mit Glauben und Theologie war der Aspekt der Wahrheit. Es gibt viele behauptete Wahrheiten, nicht nur im Christentum. Es ist letztlich eine Glaubenssache, was davon man für wahr hält. Man kann es nicht alles positiv auf Wahrheit prüfen. Man kann aber zumindest bei Einigem feststellen, dass es nicht wahr sein kann, z. B. wenn es unlogisch ist oder naturwissenschaflichen Erkenntnissen ("harter Wissenschaft") widerspricht.

Mit dieser Herangehensweise hat es mich sehr weit vom konventionellen Christentum weggetragen, und ich habe sehr lange gebraucht, um mich vorsichtig wieder anzunähern.

Viele Grüße

Thomas
Sonntag 25 Jun 2023
Lieber Pneuma,

das sehe ich auch so: Die Zahl der an die Sünde Versklavten (Joh 8,34) ist wie Sand am Meer. Doch ich muss mich nicht erst umsehen, um das zu erkennen, sondern ich muss nur mich selbst einmal kritisch betrachten - dann sehe ich, dass ich mich nicht auf der Insel der Seligen befinde, die ohne Sünde sind. Es gibt zwar Unterschiede im Grad der Versklavung und auch im Bewusstsein davon, aber ich selbst bin keineswegs frei von der Sünde und gehöre deshalb auch zu den Versklavten.

Dennoch fühle ich mich frei - aber nicht aufgrund meiner Freiheit von der Sünde, die es nicht gibt, sondern aufgrund der Freiheit durch die Gnade, die mir trotz meiner Sünde geschenkt ist. Und ich versuche, von der Sünde immer freier zu werden. "Nicht dass ich es schon ergriffen hätte oder schon zur Vollendung gekommen wäre; ich jage ihm aber nach, ob ich es wohl ergreifen möge, weil ich auch von Christus Jesus ergriffen worden bin" (Paulus in Phil 3,12).
Sonntag 25 Jun 2023
Hallo Thomas,

danke für diesen ergänzenden Aspekt. Ich denke auch, dass die Wahrheit in sich schlüssig sein sollte und naturwissenschaftliche Erkenntnisse zumindest berücksichtigt werden sollten. Dennoch würde ich die logische Vernunfterkenntnis und die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht so hoch ansetzen, wie du es wahrscheinlich tust. Da für mich die Wahrheit nicht eindeutig ist, sondern dialektisch-spannungsvoll, und da auch die Naturwissenschaften nicht durchgängig eindeutige Erkenntnisse liefern, sondern für uns unerklärliche "Sprünge" erlauben, würde ich weder Logik noch Naturwissenschaft absolut setzen.

Es ist übrigens interessant, wie im Johannesevangelium Wahrheit und Freiheit in Abhängigkeit voneinander verstanden werden: "Wenn ihr in meinem Worte bleibt [...], werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen" (Joh 8,31f). Darin liegt zweierlei:

1. Die Erkenntnis der Wahrheit liegt in Jesu Worten, nicht in dem, was wir uns unter Wahrheit vorstellen. Damit will ich nicht sagen, dass jede menschliche Wahrheitserkenntnis sich erübrigt, aber sie hat oft nicht die Eindeutigkeit, die wir uns wünschen würden - was man ja auch daran erkennt, dass, wenn es um die Wahrheit geht, sofort der Streit beginnt.

2. Diese Wahrheit, die Jesu Worte offenbaren, machen uns frei, nicht irgendeine menschengemachte Freiheit. Das heißt nicht, dass auch menschengemachte Freiheit etwas Positives sein kann, aber sie hat doch wo...
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
verstehen
Christsein
verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Zurück zum Seiteninhalt