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Theologische Einsichten für ein gutes Leben

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Zum 24. Februar 2023

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Meditationen · 24 Februar 2023
Tags: UkraineKriegFriedeHoffnungGericht

Zum 24. Februar 2023
Klaus Straßburg | 24/02/2023

Vor einem Jahr beschloss ein wild gewordener Autokrat,
herzufallen über seine Nachbarn
– seine Schwestern und Brüder! –,
mit Panzern, Bomben und Raketen
unterschiedslos Leben zu zerstören,
Leben der Kinder, Mütter, Väter, Alten, Kranken,
die ihm nichts angetan hatten,
ihm nie begegnet waren,
die einfach leben wollten,
wie jeder Mensch es will,
wie auch er, der Autokrat, es will
– falls er es will –,
der sich bedroht fühlte
von seinen Schwestern und Brüdern
und von deren Freunden im Westen.
Mag sein, dass es ein Hirngespinst war,
oder mag sein, dass er sich bedroht fühlen konnte,
so wie wir uns auch bedroht fühlen können,
oder mag sein, dass er ganz andere Absichten hatte
– wer will das schon beurteilen? –,
jedenfalls beschloss er, das Land sich einzuverleiben,
was ihm – Gott sei's gedankt – nicht gelang,
so dass ihm nur ein Stück besetztes Land blieb,
das er nun um jeden Preis verteidigen muss,
um jeden Preis,
um nicht sein Gesicht zu verlieren,
das er doch längst schon verloren hat,
das er wohl niemals wiederfinden wird –
ein armer Mensch ohne Gesicht.

Gibt es etwas Schlimmeres,
als kein Gesicht zu haben? –
so dass niemand ihn mehr sieht und kennt,
niemand mit ihm spricht,
der ein Niemand geworden ist,
einsam und verlassen,
bemitleidenswert,
der nur unter Seinesgleichen noch etwas gilt
– aber was wollen sie sich schon sagen,
die alle ihr Gesicht verloren haben? –,
gesichtslose Gestalten, zum Nichtsein verdammt –
Gnade ihnen Gott!

Der Gesichtslose hatte zum Krieg gerufen,
hat den jungen Menschen seines Volkes
mit ihren jungen, unverdorbenen Gesichtern
befohlen, Feinde zu sein,
obwohl sie den Krieg gar nicht wollten,
ebenso wenig wie ihre Feinde,
die eigentlich gar keine sind,
die eigentlich Schwestern und Brüder sind,
aber die sie nun als Feinde betrachten müssen,
obwohl ihnen Freunde viel lieber gewesen wären –
all die jungen Männer und Frauen auf beiden Seiten also,
mit ihren lebensfrohen Gesichtern,
die leben wollten und Leben zeugen
und nun töten und sich töten lassen,
um ihr Land zu verteidigen
wegen eines Gesichtslosen, ein Nichts und Niemand.
So löschen sie nun Gesichter aus,
ihren eigenen gleich,
junge Männer und Frauen
wie sie selbst,
mit glatten, leuchtenden Gesichtern
wie ihre eigenen,
die den Krieg nicht wollten
wie sie selbst,
die leben wollten und Leben zeugen
wie sie selbst,
denen sie nun gegenüberstehen,
Auge in Auge, Gesicht zu Gesicht,
um zu töten oder sich töten zu lassen,
je nachdem, wer schneller schießt,
wer schneller tötet – – –
Was für ein Leben?

Es tut mir leid um euer Leben –
darf ich euch etwas fragen:
Seid ihr bereit zum Töten?
Seid ihr bereit zum Sterben?
Könnt ihr damit leben, so viele Gesichter,
euren eigenen gleich,
getötet zu haben?
Wie lange werden euch
die Gesichter verfolgen?
Werdet ihr sie jemals vergessen können,
diese Gesichter, euren eigenen gleich?
Oder werden sie in euren Träumen weiterleben,
eben noch leuchtend, jetzt verloschen
durch eure eigene Kugel,
die, aus eurem Gesicht gesteuert,
in ihr Gesicht gefeuert
ihr Gesicht zum Verlöschen brachte?
Ich fürchte, ihr seid nicht bereit,
niemand ist jemals dazu bereit,
der noch ein menschliches Gesicht hat,
und ihr werdet es nicht vergessen können,
es wird andere Menschen aus euch machen,
es wird eine Qual bleiben, die ihr weitergebt.
Eine Kriegsgeneration (so nennen wir das),
die töten musste, um leben zu können,
die Tod und Zerstörung miterlebte,
die dadurch schwer verletzt wurde,
deren Seele beschädigt ist,
und die ihre Beschädigung fortsetzt
in den Seelen der Kinder und Enkelkinder,
die sie doch bewahren wollte vor Schaden –
Gewalt gebiert Gewalt,
eine durch Gewalt geschädigte Generation,
Hunderttausende geben ungewollt Gewalt weiter,
über Generationen hinweg –
wir wissen es,
die Bibel weiß es,
Gott weißt es.
Gott sei ihnen gnädig,
wenn wir es schon nicht sind,
und ihren Kindern und Enkelkindern!

Und wir, was tun wir?
Tun wir was?
Können wir was tun,
um diesen Krieg zu beenden?
Wir sind verwirrt,
verängstigt, irritiert,
drehn am Rad,
verlieren die Kontrolle,
wollen was tun,
wollen helfen unsern Freunden
oder uns selbst
oder beiden,
fühlen uns bedroht,
wie der Angreifer auch,
ein Mensch wie wir,
ein Angreifer zwar,
einer, der sein Gesicht verloren hat,
aber immer noch ein Mensch,
Gottes geliebtes Geschöpf,
das manche zum Teufel wünschen
oder gar für denselben ausgeben,
aber, das müsste bedacht werden,
der Teufel ist kein Mensch
und kein Mensch ist ein Teufel.

Aber wie dem auch sei,
wir drehn das Rad weiter,
und es dreht sich immer schneller,
manche treiben es an,
mit Worten und Werken,
der Gesichtslose sowieso,
andere wollen helfen mit Waffen,
retten durch Töten,
reden und fordern und drängen,
zu liefern Todeswerkzeug,
besser, effektiver, umfangreicher.
Die Stimmen werden lauter,
überschlagen sich,
kennen kein Halten mehr,
peitschen die Massen auf,
und das Rad dreht sich schneller,
viele springen auf,
drehn sich mit ihm
immer schneller und schneller,
die Welt kommt ins Rollen,
atemloses Reden, Fordern,
Diskutieren, Argumentieren,
alles ist schon gesagt,
aber es gibt kein Innehalten,
kein Nachdenken,
die Zeit drängt zum Töten,
keine Zeit zum Besinnen,
keine Zeit für Gott
– vielleicht hätte er uns ja was zu sagen –,
keine Zeit zum Beten,
– er könnte doch etwas für uns tun –,
keine Zeit, einen Dialog zu versuchen,
oder keine Hoffnung,
keine Zeit für Alternativen
oder keinen Mut,
keine Zeit für den Frieden,
denn das Rad läuft und läuft
immer schneller dem Abgrund entgegen,
keiner, der Halt! ruft,
keiner, der Einhalt gebietet,
keiner, der in die Speichen greift –
wohin soll das führen,
wer rettet die Retter,
wenn sie sich selbst nicht retten können?

Einer kam, um zu retten,
ließ sich töten, ließ sich nageln ans Kreuz,
anstatt zu töten, die ihn töten wollten.
So brachte er Versöhnung in die Welt,
Verteidigung des Lebens statt Fortsetzung des Tötens,
indem er selbst zurücktrat, innehielt, schwieg,
sein Leben hingab dem, dem er bedingungslos vertraute,
den er nannte Vater im Himmel.
Er könnte auch heute retten vor dem Tod,
wenn denn jemand innehielte, die Luft anhielte,
dem Rad in die Speichen griffe, so dass Ruhe einkehrte
und man schweigen würde, einen Augenblick nur –
denn nur wer schweigt, kann hören,
und nur wer hört, kann verstehen,
und nur wer versteht, kann sich retten lassen
und andere retten.

Ich denke mir, Gott würd' sich freuen,
wenn seine Geliebten leben würden,
statt getötet zu werden,
denn zum Leben hat er sie bestimmt,
zum lachen, feiern, Fußball spielen,
flirten, küssen, zärtlich lieben,
zum Kinder zeugen, mit ihnen vereint
gute Mütter und Väter zu sein.
So würden sie ihr Land aufbauen,
voll Hoffnung in die Zukunft schauen.
Vielleicht würden sie auch beten,
Gott dankbar sein und Liebe üben,
Diener Gottes sein auf Erden,
seine Liebe weitergeben.
Er hätte wohl viel Freude gehabt
an denen, die dem Krieg geopfert –
doch sind sie womöglich nicht ganz verloren,
weil Gott zu seinen Geliebten steht:
sollte er sie dem Tod entreißen
und ihnen Gerechtigkeit schenken
in seinem Friedensreich,
denn dort fällt keiner mehr
über seine Schwestern und Brüder her.

Dies tat vor einem Jahr ein wild gewordener Autokrat.
Doch wird er nicht siegen, sein Werk wird nicht bleiben,
es ist zum Vergehen verurteilt jetzt schon,
wird keinen Bestand haben,
vor Menschen nicht und nicht vor Gott.
Und er selbst? – Das weiß nur Gott,
jedenfalls bleiben wird das Gute,
wird die Gerechtigkeit,
wird das Leben,
so Gott will auch das der Toten,
die um ihr Leben hier gebracht,
und die, was sie hier verloren,
wiedererhalten werden tausendfach,
so Gott will –
Er sei ihnen gnädig
nicht nur ein Jahr, sondern immerdar.

So wünsch ich euch und der ganzen Welt
zu diesem traurigen Jahrestag
und bete auch drum jeden Tag,
dass ihr euch bald nicht mehr als Feinde seht,
sondern als Schwestern und Brüder, die ihr seid,
und dass die Mächtigen dieser Welt
vom Herrn der Welt verwandelt werden,
so dass sie sich ein Herz fassen,
ihr Menschenherz wiederentdecken
und das Rad anhalten,
das ihnen davonzulaufen droht,
und sich zusammensetzen,
Auge in Auge, Gesicht zu Gesicht
(denn sogar der Gesichtslose kann sein Gesicht wiederfinden,
so der Herr der Welt ihn finden lässt),
und sie ein Schweigen der Waffen aushandeln,
auf dass das Töten ein Ende nehme.

Das möge Gott der Herr wirken,
bei dem alle Dinge möglich sind,
die wir für unmöglich halten,
aber es gibt nichts Unmögliches,
und darum ist Frieden möglich täglich,
auch wo der Krieg tobt,
wenn Er, der Herr,
die menschlichen Herzen bewegt
und neu macht
und auferweckt aus ihrem Tod
zu neuem Leben,
so dass die Hoffnung aufblüht
wie die ersten Frühlingsblumen
heute, am 24. Februar
anno domini 2023.


* * * * *


Foto: stayerimpact auf Pixabay.




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