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Wunder gibt es immer wieder

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Plauderei auf'm Sofa · 5 Juni 2021
Tags: WunderMachtBibelWirklichkeitGottesherrschaft

P l a u d e r e i   a u f ' m   S o f a
Wunder gibt es immer wieder
Klaus Straßburg | 05/06/2021

Hallo, schön dass du da bist! Komm rein und mach's dir bequem auf meinem roten Sofa mit Katze. Guck mal, sie kommt zu dir und möchte gern gestreichelt werden.

So ein Kätzchen zu streicheln ist doch wunderschön, oder? Dieses warme weiche Fell, dieses behagliche Schnurren ... Man möchte fast auch so ein Kätzchen sein und gestreichelt werden.

Ist das nicht ein Wunder, dass Gott so viele tolle Geschöpfe erschaffen hat, an denen wir uns freuen können?

Ach, beim Thema Wunder fällt mir ein altes Lied von Katja Ebstein ein. Der Refrain ging so:

Wunder gibt es immer wieder
Heute oder morgen können sie geschehn
Wunder gibt es immer wieder
Wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehn.
(Text: Günter Loose)

Ist ja ein sehr positiver Text. Aber mal ehrlich gefragt: Gibt es überhaupt Wunder?

Die einen sagen: Wenn du nicht an Wunder glaubst, glaubst du gar nicht richtig. Dann bist du kein richtiger Christ.

Und die anderen sagen: Wenn du heute noch an Wunder glaubst, kann man dich doch gar nicht mehr ernst nehmen. Du glaubst doch auch nicht an den Weihnachtsmann, oder?

Also, die Wundergeschichten aus der Bibel sind manchmal schon ziemlich krass: Jesus läuft über das Wasser, er befiehlt dem Sturm, kein Sturm mehr zu sein, er heilt Lahme und Blinde, die plötzlich wieder gehen und sehen können, er macht Tote wieder lebendig ... Einer ist sogar nach vier Tagen wieder aus seiner Grabhöhle herausgekommen.

Ehrlich gesagt, wer glaubt denn sowas?

Wenn man das den Menschen heute erzählt und wenn man ihnen sagt: Das musst du glauben, wenn du Christ sein willst – dann zeigen die einem doch den Vogel!

Aber können wir die Wunder einfach so aus der Bibel streichen?

Auf keinen Fall! Wir müssen davon ausgehen, dass die Verfasser der Evangelien Tatsachen erzählen wollten, als sie Jesu Wunder aufschrieben. Sie wollten keine Märchen erzählen, sondern Tatsachen. Das muss man erstmal zur Kenntnis nehmen.

Andererseits muss man auch zur Kenntnis nehmen, dass die Menschen damals die Welt und die Wirklichkeit anders verstanden als wir heute. Sie hielten die Erde zum Beispiel für eine Scheibe. Und sie meinten, dass Gott oder sogar viele Götter in der Welt wirken und dass zugleich böse Geister in der Welt ihr Unwesen treiben. Diese bösen Geister oder Dämonen bedrohen uns und verursachen auch bestimmte Krankheiten, meinte man damals.

Man verstand damals die ganze Schöpfung so, dass sie von Gott beherrscht und gelenkt wird. Und dass außerdem Dämonen herrschen, die von dazu Gott beauftragt werden – oder zumindest von ihm geduldet sind. Man meinte, dass Krankheiten von Gott ausgelöst und beendet werden, aber auch vom Teufel und von bösen Geistern. Diese Dämonen, so glaubte man, fuhren zum Beispiel durch Mund, Nase und Ohren in Menschen oder Tiere hinein und übernahmen die Kontrolle über sie.

Ganz schön gruselig, was? Heute gibt es sowas nur in Horror-Filmen. Aber wir glauben doch nicht, dass sowas Realität ist. Es ist nur ein Film zum Gruseln.

Damals sah man das anders. Man hielt es für tägliche Realität. Götter und Dämonen waren in der Antike sozusagen ein Teil der Natur. Die Durchbrechung von Naturgesetzen, an der wir uns bei Wundern so sehr stoßen, war damals gar kein Thema. Wenn ein Wunder geschah, hatte eben Gott in das Weltgeschehen eingegriffen, und wie er das gemacht hat, blieb den Menschen immer unerklärlich. Das war die Vorstellung nicht nur in Israel, sondern in der ganzen antiken Welt.

Man erzählte sich Wundergeschichten übrigens nicht nur von Jesus, sondern von einer ganzen Reihe von Menschen. In Griechenland traten schon im 6. Jahrhundert vor Christus die ersten uns bekannten Wundertäter auf. Einer von ihnen war Pythagoras; den kennst du vielleicht noch aus dem Mathe-Unterricht. Dann gab es den Heilgott Asklepios. Für den wurden Tempel gebaut, wo Priesterärzte Kranke heilten. Einer von diesen Priesterärzten war Hippokrates, der wohl der berühmteste Arzt des Altertums ist.

Bei den Heilungen in den Tempeln wechselten sich normale ärztliche Behandlungen mit besonderen Maßnahmen ab, die auf Weisungen des Heilgottes Asklepios zurückgingen. Das ist so, als wenn der Arzt heute eine medizinische Behandlung beginnt und dann plötzlich sagt: „Moment mal, der Heilgott Asklepios hat da noch eine spezielle Behandlung auf Lager, die machen wir jetzt mal." Da würden wir ganz schön große Augen machen, was?

Ich glaube, viele von uns würden dann sogar weglaufen.

Damals war das ganz anders. Da war man froh, dass der Heilgott Asklepios auch noch eine Therapie parat hatte.

Im 4. Jahrhundert vor Christus enstand dann an solch einem Asklepios-Tempel die erste Sammlung antiker Wundergeschichten. Also längst vor Jesus wurden Wundergeschichten erzählt und sogar schriftlich festgehalten.

Du hast schon gemerkt, dass wir heute in einer anderen Welt leben und auch die Vorstellungen der Menschen damals nicht einfach übernehmen können: Wir wissen, dass die Erde keine Scheibe ist und dass Krankheiten wie Epilepsie oder bestimmte psychische Störungen seelische Ursachen haben und nicht von bösen Geistern verursacht werden. Wer das glauben würde, der dürfte bei einem epileptischen Anfall nicht zum Neurologen gehen, sondern zum Exorzisten, der den bösen Geist aus ihm austreibt.

Aber andererseits wäre es auch kurzsichtig, wenn wir annehmen würden, dass wir heute viel schlauer sind als die Menschen zu Jesu Zeiten und dass wir alles besser wissen als sie.

Soll das heißen, dass es doch böse Geister gibt?

Äh, jein! Also: Das Neue Testament berichtet, dass Jesus Dämonen ausgetrieben hat. Wenn das stimmt – und die biblischen Schriften lassen keinen Zweifel daran, sie wollten ja Tatsachen berichten und keine Märchen oder Gruselgeschichten – also wenn das stimmt, dass Jesus Dämonen ausgetrieben hat, dann hat er ja wohl auch geglaubt, dass es Dämonen gibt.

Klar, er teilte ja das damalige Verständnis der Wirklichkeit. Und so, wie man die Wirklichkeit damals verstand, gehörten auch Dämonen dazu.

Aber wusste Jesus denn nicht, dass Epilepsie und psychische Störungen nicht auf Dämonen zurückgehen?

Wie sollte er das wissen? Kein Mensch wusste das. Aber Jesus war ein Mensch.

Aber er war doch auch Gott. Darüber haben wir doch beim letzten Mal gesprochen.

Ja, aber das heißt nicht, dass er allwissend war. Jesus sagt sogar selbst, dass zum Beispiel nur Gott weiß, wann der Jüngste Tag ist. Und überhaupt hat er all seine Worte nur von Gott bekommen. Jesus war eben nicht ein auf Erden wandelnder Gott, sondern ein Mensch, der vollkommen mit Gott verbunden, mit ihm eins war. Und als Mensch auf unserem Planeten hat er eine Sprache dieser Welt gesprochen, in einem Land dieser Welt gelebt und das Wissen seiner Zeit geteilt.

Jedenfalls hat Jesus nicht in Frage gestellt, dass es Dämonen gibt. Er hat sie ja sogar ausgetrieben. Wörtlich steht da: Er hat sie „rausgeworfen" – aus der Welt nämlich. Sie hatten hier nichts zu suchen – also weg damit.

Das find ich richtig gut! Weg mit den Dämonen! You're fired – Ihr seid gefeuert! Jesus hat wirklich die Richtigen rausgeworfen.

Aber ehrlich: Wenn Jesus daran geglaubt hat, dass es Dämonen gibt, müssen wir dann nicht auch daran glauben?

Wir müssen das nicht. Wer damit kein Problem hat, kann das gern tun. Wer das schwierig findet, der glaubt nicht, dass die Luft voller böser Geister ist. Aber er glaubt daran, dass wir oft nicht Herr unserer selbst sind, dass wir in Gedanken und Gefühlen gefangen sind, deren wir nicht Herr werden. Und dass wir von Krankheiten befallen werden können, die uns seelisch so durcheinanderbringen, dass wir die Kontrolle über uns selbst verlieren. Das hat aber nichts mit bösen Geistern zu tun, sondern mit psychischen oder neurologischen Problemen, die wir nicht so einfach loswerden können.

Aber Jesus kann sie rauswerfen. Und wir haben Psychologen und Ärzte, die beim Rauswerfen helfen können. Fragt sich nur, wer da wem helfen muss ...

Wenn Jesus unsere Probleme „rauswerfen" kann, dann müssen wir also glauben, dass er Menschen geheilt hat, oder?

Also, ich habe grundsätzlich Probleme damit, dass wir als Christen irgendetwas müssen. Im Glauben werden wir frei, müssen also erstmal gar nichts. Wenn wir dann etwas glauben, dann kommt das aus unserem Herzen und ist uns nicht aufgezwungen.

Ich glaube aber, dass Jesus Menschen geheilt hat. Übrigens wird ja bis heute manchmal von unerklärlichen Heilungen berichtet. Und auch von anderen unerklärlichen Phänomenen. Manche wurden sogar wissenschaftlich untersucht, und man hat den Grund des Phänomens nicht herausgefunden.

Heißt das jetzt, dass wir alle möglichen übernatürlichen Geschichten glauben sollen – Tischerücken, Gabelnverbiegen und so weiter?

Da gibt es sicher viele Scharlatane, die uns hinters Licht führen. Aber es gibt auch Ereignisse, die wir uns nicht erklären können. Zum Beispiel Gedankenübertragung, Telepathie. Ich habe selber von einem absolut vertrauenswürdigen Menschen folgende Geschichte gehört: Er wanderte mit einem Freund durch einsame Gegenden Norwegens. Plötzlich sah er seine Großmutter vor sich, mit der er eng verbunden war und die ihn beim Namen rief. Dann war das Bild wieder verschwunden. Als er dann später nach Hause zurückkehrte, erfuhr er, dass seine Großmutter verstorben war – und zwar genau an dem Tag und zu der Stunde, als er ihr Bild gesehen hatte.

Ich will damit sagen: Es gibt Dinge, die wir uns nicht erklären können, auch nicht mit wissenschaftlichen Mitteln. Wir sollten also nicht denken, dass wir alles über unsere Welt wissen und viel schlauer sind als die Menschen vor 2.000 Jahren.

Auch heute wird ja zuweilen von Heilungen in Gottesdiensten berichtet. Manches davon kann man sicher kritisch sehen, aber ich würde nicht alles in Bausch und Bogen für Lug und Trug halten.

Also ist ein Wunder etwas Unerklärliches, etwas, was die Naturgesetze aushebelt?

So würde ich das auch wieder nicht sagen. Wie gesagt, zu Jesu Zeiten verstand man Wunder gar nicht als Durchbrechung der Naturgesetze. Und auch heute gibt es viel Wunderbares, worüber man nur staunen kann, ohne dass die Naturgesetze dadurch ausgehebelt werden. Zum Beispiel unsere Katze – wo ist sie eigentlich? Hatte wohl genug vom Streicheln ...

Ich denke, dass es wohl in jedem Menschenleben wunderbare Entwicklungen gibt, mit denen man vorher überhaupt nicht gerechnet hat, die man für unmöglich hielt. In meinem Leben gab es jedenfalls solche Entwicklungen. Und das sind für mich auch Wunder.

Wenn ein Wunder geschieht, bedeutet das also nicht unbedingt, dass die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden. Ein Wunder kann auch etwas sein, was sich ganz im Rahmen unserer Erkenntnisse über die Welt bewegt, und trotzdem ist es für uns unerklärlich, dass es so gekommen ist.

Wahrscheinlich erlebt jeder Mensch solche Wunder. Die Frage ist nur, ob er dahinter Gott wirken sieht oder nicht.

Ja, die meisten Menschen würden es wohl eher „Zufall" nennen oder „Glück gehabt". Denn dass Gott etwas bewirkt hat, ist ja nicht sichtbar.

Aber jetzt nochmal zu den Wundern, die von Jesus berichtet werden – und zwar zu den echt krassen: Jesus geht über das Wasser, als wäre es gar nicht da, Jesus befiehlt dem Sturm, nicht mehr zu stürmen, Jesus sorgt dafür, dass ein Herz, das schon vier Tage nicht geschlagen hat, wieder zu schlagen anfängt. Glauben wir das wirklich?

Zuerst einmal ist wichtig, dass Jesus hier der Wundertäter ist. Denn Jesu Taten gehören mit seinen Worten zusammen. Und auch damit, dass mit Jesus das Reich Gottes angebrochen ist.

Und was genau ist das: das Reich Gottes?

Das Reich Gottes ist dort, wo Gott regiert. Wo Gott Geschichte macht. Wo er in und hinter allem, was geschieht, am Wirken ist. Und weil Gott in einzigartiger Weise in Jesus gewirkt hat, ist mit ihm das Reich Gottes angebrochen.

Das heißt doch, dass es da gar nicht so sehr um etwas Fantastisches, Übernatürliches geht. Das war zwar auch dabei, aber das war nicht das Entscheidende. Dass Jesus Wunder tat, besagt: Gott ist stärker als all das, was uns das Leben schwer macht, stärker als alle widergöttlichen und zerstörerischen Mächte, stärker als alle Bedrohungen, die uns Angst machen, stärker sogar als der Tod.

Das Entscheidende an Jesu Wundern ist also gar nicht, dass Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden, sondern dass das Bedrohliche, Zerstörerische, Tödliche außer Kraft gesetzt wird. Dass Gott sich uns zuwendet und Krankheit und Not von uns nimmt. Dass wir nicht allein sind mit unseren Nöten, sondern dass Gott an unserer Seite ist und mit uns gegen all das Negative protestiert.

Wie, Gott protestiert?

Naja, wenn Gott Krankheit und Tod beseitigt, ist das sein Protest gegen Krankheit und Tod. Er lässt ihnen keinen Raum mehr. Sie werden beseitigt, rausgeworfen. Darum steht eben in der Bibel, dass die Dämonen rausgeworfen werden. Wo Gott herrscht, haben sie nichts mehr zu bestellen, ist für sie kein Platz mehr. Jesus sagt einmal, dass sogar der Teufel vom Himmel gefallen ist. Das heißt, dass das Negative, das Zerstörerische keine letzte Macht mehr über uns hat.

Ja, aber ist Jesus nun über das Wasser gelaufen oder nicht?

Also, irgendwie ist die Frage falsch gestellt, finde ich. Denn auch diese Geschichte hat die Bedeutung, dass das Bedrohliche keine letzte Macht mehr über uns hat. Die Geschichte geht ja so: Es gab einen schlimmen Sturm auf dem See, und Jesu Jünger waren ohne ihn im Boot unterwegs. Und das Boot drohte zu kentern, so dass sie alle miteinander ertrunken wären. In dieser Situation ist Jesus über den See zu ihnen gelaufen. Er hat sie also in ihrer Not nicht allein gelassen. Und als er bei ihnen ist, legt sich der Sturm; sie sind also gerettet.

Darauf kommt es an: Jesus ist bei uns, und alle Lebensstürme legen sich. Es kommt doch nicht darauf an, dass Jesus übermenschliche Fähigkeiten hatte, dass er etwas konnte, was sonst keiner kann, nämlich über Wasser laufen. Darum geht es gar nicht!

Das eigentlich Erstaunliche, das Wunderbare der Geschichte ist, dass Jesus die Not seiner Jünger sieht, also unsere Not, und dass er uns nicht in unserer Not allein lässt, sondern angelaufen kommt und sich durch nichts aufhalten lässt und dass die Not ein Ende hat, sobald er bei uns ist. Das bewirkt Jesus, das bewirkt Gott.

Das Erstaunliche und Wunderbare ist also, dass wir nicht zu schlecht oder unbedeutend für Gott sind. Er fragt nicht nach unserem Glauben oder unserer Sünde, wie Jesus es auch in den Wundergeschichten nicht tat, sondern Gott will nichts anderes, als dass es uns gut geht.

Na, das ist leicht gesagt, aber manchmal hat man gar nicht den Eindruck, dass Gott will, dass es uns gut geht.

Das stimmt! Aber das ist ein anderes Thema. Auch Jesus hat nicht alle Kranken gesund gemacht, sondern nur verschwindend wenige. Er war kein Weltverbesserer, der das Leiden abschaffen wollte. Und trotzdem können wir glauben, dass er in der Not an unserer Seite ist und alles zu einem guten Ende führen wird – auch wenn wir davon noch nichts sehen.

Das ist wirklich ein anderes Thema. Wir haben darüber auch schon mal geredet.

Aber wie ist das nun mit Jesu Laufen über das Wasser: Muss man das glauben oder nicht?

Ich habe keinen Zweifel daran, dass Jesus das hätte tun können. Aber das ist nicht das Wichtige an der Geschichte. Man sieht sogar am Wichtigen vorbei, wenn man sich nur auf die Fähigkeit Jesu konzentriert, über das Wasser zu gehen. Darum würde ich von niemandem verlangen, dass er das glauben muss, wenn er Christ oder Christin sein will. Wenn wir solche Bedingungen stellen, verschließen wir den Menschen das Himmelreich, anstatt es ihnen schmackhaft zu machen.

Man spricht übrigens in der Theologie gern von Jesu Machttaten statt von Wundern. Das Wort „Wunder" ist vielleicht missverständlich, weil man dann immer gleich an die Durchbrechung von Naturgesetzen denkt, auf die es gar nicht ankommt. Das Wort „Machttat" lenkt die Aufmerksamkeit mehr auf Gottes Macht über die Todesmächte, die uns bedrohen.

Ich würde aber schon daran festhalten, dass durch die Wundergeschichten unsere gewohnte Sicht auf die Wirklichkeit in Frage gestellt wird. Es passiert da wirklich etwas Irritierendes. Darum waren die Menschen ja auch oft nach einem Wunder Jesu voller Erstaunen, ganz von den Socken.

Das liegt daran, dass ein Wunder unserer Erfahrung der Wirklichkeit total widersprechen kann. Wenn Gott handelt, kann Unerklärliches geschehen. Dann können ausweglose Situationen zu einem guten Ende kommen. Dann kann eine Not auf eine Art enden, für die es keine rationale Erklärung gibt. Dann gibt es Hoffnung in den bedrohlichsten Situationen.

Nichts muss bleiben, wie es ist. Das ist auch eine Kritik an einer Weltsicht, die alles rational zu erklären und mit menschlichen Mitteln zu verbessern versucht. Wir sind begrenzt in unserem Verstehen und auch in dem, was wir ändern können. Gottes Handeln entzieht sich oft der rationalen Erklärung. Auch das wollen uns die Wundergeschichten sagen.

So gesehen hatte Katja Ebstein schon recht, wenn sie sang:

Wunder gibt es immer wieder
Heute oder morgen können sie geschehn
Wunder gibt es immer wieder
Wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehn.

Ein Wunder kann jederzeit geschehen. Ich denke, es geschehen täglich unzählige Wunder – Wunder in dem Sinne, wie wir es eben verstanden haben. Und jeder Mensch hat bestimmt schon Wunder erlebt, wenn er aus aussichtslosen Situationen gerettet wurde.

Manchmal merken wir es gar nicht, wenn das geschieht. Und wenn wir es merken, haben wir gleich ganz viele Erklärungen bei der Hand, warum es so gekommen ist. Dann aber sehen wir Gott nicht mehr hinter dem Ereignis. Und dann können wir das Ereignis auch nicht mehr als Wunder erkennen. Dann gibt es für uns keine Wunder mehr. Dann ist die Welt nur noch Welt, und nicht die Dämonen sind rausgeworfen, sondern Gott.

Ach, hatten wir jetzt nicht ein wunderbares Gespräch? Okay, dadurch sind wir jetzt nicht aus einer Not gerettet worden – oder vielleicht doch aus der Not, in unseren gewohnten Gedanken festzuhängen.

Jedenfalls war es ein schönes Gespräch. Und das ist nicht selbstverständlich. Also irgendwie auch etwas Wunderbares. Es gibt wohl ziemlich viele Arten von Wundern. Angefangen bei der Katze – da ist sie ja wieder – bis hin zu echter Hilfe in Not.

Ja, für heute sag ich: Schön, dass du da warst! Mach's gut, bis zum nächsten Mal. Und verzage nicht, was immer auch geschieht – denn es gibt einen, der deine Not kennt und der dir helfen kann und irgendwann auch helfen wird.

In diesem Sinne: Schalom, ciao, tschüss, bis bald – so Gott will und wir leben!


* * * * *




3 Kommentare
2021-06-09 18:39:47
Hallo Klaus,

meine Ansichten zu Wundern kennst du, glaube ich, mittlerweile recht gut. Was an den biblischen Berichten klar gegen einen gut gesicherten Stand der Naturwissenschaften verstößt, betrachte ich als historisch so nicht geschehen. Wenn das Konsequenzen hat, nehme ich die in Kauf.

Zur Plauderei auf dem Sofa hätte ich bei diesem Thema zwei Zitate:

"Der Glaube kann Kranke heilen, aber nicht Berge versetzen." (Stanislaw Lem)

"Es ist keine Kunst, auf dem Wasser zu wandeln; man muss nur wissen, wo die Steine liegen." (Autor habe ich gerade nicht parat)

Viele Grüße

Thomas
2021-06-09 22:21:44
Hallo Thomas,

da gibt es einen schönen Theologenwitz: Barth, Bultmann und Sölle stehen am See Genezareth. Barth meint, sie sollten jetzt einfach mal übers Wasser gehen. Die beiden anderen wollen nicht kneifen und stimmen zu. Barth geht als erster und schafft es bis ans andere Ufer. Danach kommt Bultmann, und auch er kommt am anderen Ufer an. Schließlich steigt Sölle ins Wasser, versinkt aber ziemlich schnell. Darauf Bultmann zu Barth: "Vielleicht hätten wir ihr doch sagen sollen, wo die Steine liegen." Barth: "Steine? Welche Steine?"

Gut's Nächtle
Klaus
2021-06-10 12:17:11
Der hat was! :-)
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