Wir können Jesus nicht live erleben – na und?
Klaus Straßburg | 09/07/2025
Jeder, der schon einmal ein Konzert besucht hat, weiß: Es ist ein riesiger Unterschied, ob man ein Musikstück als Stream, von der CD oder im Radio hört oder ob man in der Konzerthalle anwesend ist und den Künstler bzw. die Künstlerin live erlebt. Die Musik ist dieselbe, aber das Erlebnis ist viel intensiver. Man ist näher dran an dem Menschen: Man hört nicht nur seine Musik, sondern sieht auch seine musikalischen Fähigkeiten. Man nimmt seine Bewegungen und Gefühle wahr, erlebt seine Persönlichkeit, ja, man lernt ihn ein Stück weit kennen, jedenfalls seine Bühnenpräsenz.
Das gilt nicht nur für Musiker, sondern auch für die schreibende Zunft. Darum besuchen Menschen Lesungen, in denen ein Autor aus seinen Werken vorliest. Das Erleben des Autors ist mehr als das bloße Lesen seiner Werke.
Jesus hat keine Lesungen gehalten. Er hat überhaupt nichts Geschriebenes hinterlassen. Er hat aber offensichtlich durch seine Präsenz die Menschen, die ihn erlebten, tief beeindruckt. Die Persönlichkeit eines Menschen, seine charismatische Erscheinung kann weder eine Nachschrift seiner Worte noch eine Erzählung seiner Taten verdeutlichen. Vielleicht würde uns das Glauben leichter fallen, wenn wir die Persönlichkeit Jesu erlebt hätten.
Vielleicht würden wir auch manche seiner Worte anders interpretieren, wenn wir seinen Tonfall, seinen Gesichtsausdruck, seine Gestik und Körperhaltung hätten wahrnehmen können. Vielleicht hat er manches mit einem Lächeln, einem Augenzwinkern, einer liebevollen Ironie ausgesprochen, so dass es einen den bloßen Buchstaben gegenüber ganz anderen Sinn hatte.
"Ihr Kleingläubigen!" – Wer sagt uns eigentlich, dass Jesus bei diesen Worten seine Jünger nicht anlächelte und ihnen so zeigte, dass sie – trotz ihres Kleinglaubens – geliebt sind? "Ihr Otterngezücht!" – Könnte es nicht sein, dass Jesus mit ruhiger Stimme und traurigem Seufzen sprach, als er den religiös Gelehrten den Spiegel vorhielt, in dem sie eine kluge Schlange sahen (Mt 10,16), die mit all ihrer Klugheit Gift versprüht?
Wir wissen es nicht und müssen uns mit den schriftlichen Mitteilungen Späterer zufriedengeben. Zunächst aber wurden Jesu Worte und Taten mündlich weitergegeben. Das wurde damals mit großer Sorgfalt getan. Man bewahrte das Gesagte, anders als wir heute, möglichst wortgetreu im Herzen. Erst später wurden Jesu Worte und Taten aufgeschrieben. Die drei ersten Evangelien stimmen in Vielem überein, weichen aber auch voneinander ab. Das vierte Evangelium tanzt aus der Reihe. Jesu Worte und Taten durchlaufen einen Prozess der Veränderung und der Deutung. Dennoch glaube ich, dass der Geist seiner Taten und Worte gewahrt blieb.
Aber wir haben heute nur Buchstaben und Sätze vor uns – sicherlich imponierende Sätze, die etwas in uns auslösen, die uns ansprechen –, aber es ist nie die leibhaftige Person Jesu. Manchmal wünsche ich mir, ihn selbst in seiner ganzen Menschlichkeit einmal kennengelernt zu haben.
Ich frage mich, wie es gewesen wäre, wenn ich Jesus "live" erlebt hätte. Wäre ich ein Anhänger von ihm geworden? Oder hätte ich gedacht, dass er eben auch nur ein Mensch wie alle anderen ist? Oder hätte ich ihn gar zum Popstar gemacht, wie es manchen Gurus widerfahren ist?
Warum hat Jesus selbst nichts aufgeschrieben, wie es andere berühmte Männer seiner Zeit taten? Vielleicht weil es ihm nicht um sich selbst ging. Er hat sich als Diener seines himmlischen Vaters verstanden mit der Aufgabe, dessen Reich in die Welt zu bringen. Und er sah sich als Diener der Menschen, denen dieses Reich den Himmel eröffnete. Außerdem ging Jesus, so würde ich vermuten, davon aus, dass sein Vater im Himmel schon dafür sorgen wird, dass sein Reich auf Erden, das in seinen Worten und Taten anbrach, nicht untergeht.
Und so ist es dann ja auch geschehen, ganz ohne ein einziges von ihm aufgeschriebenes Wort.
Worte sind immer Missverständnissen ausgesetzt. Wenn wir die Person, die gerade spricht, vor Augen haben, spricht ihr körperlicher Ausdruck mit. Lesen wir nur ihre Worte, wird der Interpretationsrahmen größer und unsicherer, weil wir die Person nicht sehen. Lebte die Person vor zweitausend Jahren, wird der Interpretationsrahmen noch größer und unsicherer, weil wir die damalige Welt bestenfalls teilweise kennen und die Worte immer auch von unserer gegenwärtigen Situation her deuten.
Am besten verstehen wir eine Person, wenn wir sie sehen und außerdem gut kennen. Je besser wir sie kennen, desto besser verstehen wir sie. Denn dann spricht ihre ganze Persönlichkeit, die uns bekannt ist, mit. So ist es auch bei Jesus. Je besser wir ihn kennen, desto besser verstehen wir seine Worte.
Kennenlernen können wir Jesus aber nur so, dass wir seine Worte und Taten, so wie sie Jahrzehnte nach seinem Tod aufgeschrieben wurden, lesen, meditieren, in unseren Herzen bewegen (Lk 2,19) und immer wieder neu bedenken. Sehen können wir Jesus nicht mehr. Aber ich glaube, dass uns seine Persönlichkeit, sein Geist trotzdem in seinen überlieferten Worten und Taten begegnet.
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Grafik: Björn Engelke auf Pixabay.

Jesus live erleben - das habe ich mir auch schon mal gewünscht, wie viele, wenn nicht die meisten anderen Christen auch. Ich bin mir sicher, sein Charisma hätte mich umgehauen.
Problem: wenn ich es mir vorstelle, funkt gleich wieder der Verstand dazwischen und sagt: der Herr sprach Aramäisch. (Und du hast auch kein Mobiltelefon dabei, das dir simultan übersetzt). Dass Jesus nichts Schriftliches hinterlassen hat, ist nicht weiter verwunderlich. Da kam wohl die Tatsache dazwischen, dass er nach kurzer öffentlicher Wirkungszeit gekreuzigt wurde.
Umso erstaunlicher finde ich es dann immer wieder, dass er eine, vielleicht sogar DIE Weltreligion begründet hat.
Viele Grüße
Thomas
ja, dass dieser arme Wanderprediger aus Galiläa eine Weltreligion begründet hat, die es heute noch gibt, ist wirklich verwunderlich. Ich denke, seine Persönlichkeit hätte uns auch ohne Mobiltelefon beeindruckt. Vielleicht hätten wir dann ja einen Schnellkurs in Aramäisch gemacht.
Viele Grüße
Klaus
Der Geist Gott steckt in den Sätzen des AT und NT! Paulus und die Synoptiker schreiben mit dem Geist Gottes! Gottes Geist wird seit 3000 Jahren so weitergegeben! Wenn einmal zu wenig lebende Menschen existieren, wird diese Welt untergehen!
Christus lebt!
Der Geist Gottes steckt in den Sätzen des AT und NT! Paulus und die Synoptiker schreiben mit dem Geist! Gottes Geist wird seit 3000 Jahren so weitergegeben! Wenn einmal zu wenig Menschen ohne die Beziehung die vor Gott gilt leben, wird diese Welt untergehen!
Grüße Johanne
Grüße Johanne, 16.7.25
die Formulierung "gutes Leben" hat sich in den Geisteswissenschaften in den letzten Jahren etabliert. Gemeint ist damit nicht etwa ein schönes, sicheres, angenehmes und leidfreies Leben, sondern ein Leben, das sich von Unannehmlichkeiten, Herausforderungen und Leid nicht unterkriegen lässt, sondern diese aushält und erträgt und insofern "gut" ist. So gesehen stimmt der Ausdruck mit dem überein, was die biblischen Texte über das Leben sagen. Denn auch das Leben als Christin oder Christ ist nicht immer schön, sondern kann sogar besonders beschwerlich sein. Im Glauben aber kann uns eine Kraft geschenkt werden, mit dem Schwierigen umzugehen und in ihm durchzuhalten. Man kann die Formulierung "gutes Leben" kritisieren, aber eine bessere ist mir nicht bekannt.
Viele Grüße
Klaus
Deine Formulierungen und deine REAKTIONEN setzen „gutes Leben“ gleich angenehme, konfliktfreie, mit wunschgemäße Begegnungen und Kommunikation. Deine Artikel sind Inhaltslos, ohne roten Faden ohne Fundament, so findest Du keine Begegnung mit Christus. Setzt Dich bitte mit den Themen auseinander, das wäre ein Weg zu Christus.
Grüße Johanne, 8.8.25
Deine Formulierungen und deine REAKTIONEN setzen „gutes Leben“ gleich mit angenehme, konfliktfreie, wunschgemäße Begegnungen und Kommunikation. Deine Artikel sind Inhaltslos, ohne roten Faden ohne Fundament, so findest Du keine Begegnung mit Christus. Setzt Dich bitte mit den Themen auseinander, das wäre ein Weg zu Christus.
Grüße Johanne, 8.8.25