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Wie wird Friede?

Christsein verstehen
Veröffentlicht von Klaus Straßburg in Theologie aktuell · Donnerstag 07 Sep 2023
Tags: FriedeNächstenliebeFeindesliebeGewaltKriegEthikPolitik

Wie wird Friede?
Klaus Straßburg | 07/09/2023

Wir leben in einer friedlosen Zeit. Das wird uns vor dem Hintergrund bewusst, dass wir einige Jahrzehnte relativen Frieden in Europa hatten. Kriege und soziale Gewaltausbrüche gab es meist anderswo. Doch die Zeiten haben sich geändert. Es gibt zunehmend aggressive Konfrontationen zwischen Ideologien, Bündnissen und Staaten, zwischen Armen und Reichen weltweit, zwischen Bevölkerungsgruppen und radikalen Parteien, zwischen Bevölkerung und staatlichen Organen sowie deren Vertretern. Diese Konflikte, von denen Europa für einige Zeit relativ verschont geblieben war, sind wieder bei uns angekommen. Die gemütlichen Jahre scheinen nun auch für uns vorbei zu sein.

Die schlimmste Konfrontation zwischen Menschen ist der Krieg. Für das Jahr 2022 werden weltweit neben 216 gewaltsam ausgetragenen Konflikten 42 Kriege gezählt. Einer davon ist uns besonders nah, und an ihm sind wir besonders stark indirekt beteiligt. Er hat sogar das Potential, in einen Weltkrieg zu münden.

In dieser Situation muss die dringlichste Frage sein: Wie wird Friede? Wie können Aggressivität, Gewaltbereitschaft sowie tägliches Leiden und Sterben ein Ende finden? Wie können Eskalationen vermieden werden? Wem immer ein Menschenleben etwas wert ist, der wird seine Kraft im Denken und Handeln diesen Fragen widmen.

Auch die Christenheit kann sich dieser Frage nicht entziehen. Weder kann sie sich auf den Standpunkt zurückziehen, dass das Politische mit dem Christlichen nichts zu tun habe. Denn das Christliche ist immer auch politisch, sonst wäre Christus nicht von Pontius Pilatus im Namen des römischen Weltreichs verurteilt und hingerichtet worden. Noch kann die Christenheit das Politische Gott überlassen, weil er allein sich in der vom Bösen beherrschten Welt durchsetzen kann. Denn der Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist und als Mensch auf Erden gewirkt hat, herrscht nicht einfach "von oben herab" auf übernatürliche Weise über den Geschichtslauf. Er will vielmehr durch von ihm ergriffene und erneuerte Menschen die Geschichte vorantreiben, und zwar in besonderer Weise durch jene, die sich als Christinnen und Christen ihm verschrieben haben.


1. Vom Ich zum Wir

Wenn die Christenheit also berufen ist, den mit der Geburt Jesu verheißenen Frieden auf Erden umzusetzen (Lk 2,14), dann richtet sie den Blick auf diesen Jesus Christus, mit dem die Friedensverheißung in die Welt gekommen ist. Denn von ihm gilt (Eph 2,14-18):

Christus ist unser Friede. Er hat beide, Juden und Heiden, zu einem gemacht. Er hat die Mauer niedergerissen, die sie trennte. Er hat die Feindschaft zwischen ihnen beseitigt, indem er seinen Leib hingab. So hat er das Gesetz mit seinen Geboten und Vorschriften aufgehoben [nämlich die verurteilende Macht des jüdischen Gesetzes aufgehoben]. In seiner Person hat er die beiden Teile zu einem neuen Menschen vereint und dadurch Frieden gestiftet. Zugleich hat er die beiden Teile durch seinen Tod am Kreuz als einen Leib mit Gott versöhnt. So hat er durch seinen Tod die Feindschaft getötet. Er kam und verkündete Frieden: Frieden für euch in der Ferne [die Christen gewordenen Heiden] und Frieden für die in der Nähe [die Christen gewordenen Juden]. Denn durch ihn haben wir beide in einem Geist Zugang zum Vater.
(Übersetzung: BasisBibel mit einigen Änderungen)

Der Text wirkt merkwürdig und schwer verständlich. Es geht um das Verhältnis zwischen den Christen, die zuvor Juden waren (Judenchristen), und denen, die zuvor einen heidnischen Glauben hatten (Heidenchristen).

Der entscheidende Punkt ist, dass Christus durch seinen Tod am Kreuz beide, Juden- und Heidenchristen, mit Gott versöhnt hat. Zuvor standen sich Juden und Heiden unversöhnlich gegenüber. Jetzt sind sie zu einer Einheit gemacht, zu einem "neuen Menschen", einem "neuen (Menschen-)Leib." Die einstmals Verfeindeten sind im Glauben zusammengeschweißt zu einer geeinten "neuen Menschheit", in der es keine trennenden Mauern mehr gibt.

In beeindruckender Weise werden in diesem Text die vielen unterschiedlichen Personen, die Christen geworden sind, quasi als eine einzige Person beschrieben. Man könnte sagen: Die vielen Ich-Personen bilden eine große Wir-Person, und zwar deshalb, weil sie durch Christus mit Gott versöhnt sind. Die Versöhnung so unterschiedlicher, ja miteinander verfeindeter Menschen mit Gott führt also dazu, dass sie auch untereinander nicht mehr verfeindet sein können. Sie sind ja nun nicht mehr einfach eine Gruppe individueller Ich-Personen, sondern sie bilden – auch wenn jeder von ihnen ein Ich bleibt – eine einheitliche Wir-Person. Das Wir tritt hervor, das isolierte Ich tritt dahinter zurück. Der Mensch wird zum verantwortlichen und erfüllten Ich erst dadurch, dass er ein Wir ist, so wie das Wir nicht denkbar ist ohne die Iche, die in ihm vereint sind.

Durch diese Zurücknahme des Ich mit seinen Eigeninteressen und seinem Drang zur von den anderen Ichen losgelösten Selbstbestätigung entsteht Frieden. Fundament dieses Friedens ist die Liebe Jesu Christi, die allen Menschen gleichermaßen gilt. Die von Gott Geliebten und mit ihm Versöhnten können einander nicht mehr feind sein. Es wäre absurd, wenn die mit Gott Versöhnten miteinander unversöhnlich umgingen.

Im Folgenden wird anschaulich werden, was das konkret für die Frage bedeutet, wie Friede wird. Zunächst aber möchte ich das Dargestellte noch anhand eines zweiten biblischen Textes erläutern.


2. Das In-sein der Liebe

Wie kann ein Ich zugleich ein Wir sein? Um diese Frage zu beantworten, werfen wir noch einmal einen Blick auf Jesus. Das Johannesevangelium überliefert ein Gebet, das Jesus vor seiner Gefangennahme spricht. Er spricht zu Gott, den er "Vater" nennt (Joh 17,4f.22f):

(4) Ich habe dich verherrlicht auf Erden und habe das Werk vollendet, das du mir übergeben hast, damit ich es tue.
(5) Und jetzt verherrliche du mich, Vater, bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. [...]
(22) Ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen [den an Jesus Glaubenden] gegeben, damit sie eins seien, wie wir eins sind
(23) – ich in ihnen und du in mir –, damit sie vollkommen eins seien, auf dass die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast.

Wieder ein merwürdiger Text. Aber er kommt uns nur merkwürdig vor, weil wir die fundamentalen Wahrheiten des Lebens nicht mehr kennen. Ich will versuchen, den Text kurz zu erklären.

Jesus spricht von "Verherrlichung" (Vers 4): Er hat Gott verherrlicht, nämlich Gottes Liebe offenbar gemacht, indem er sich aus Liebe zu den Sündern von diesen kreuzigen ließ. Das heißt: Jesus hat seine eigene Person ganz zurückgenommen, so sehr, dass er Gott nicht um den Tod seiner Verfolger bat, sondern selbst in den Tod ging. Jesu Verfolger durften leben und ihr Todeswerk vollenden, und deshalb musste Jesus sterben. Allgemein gesagt: Darin, dass die Sünder leben dürfen, besteht die herrliche Liebe Jesu und Gottes.

Am Kreuz wird also die Liebe Jesu und Gottes sichtbar, weil beide den Verfolgern Jesu trotz ihrer abgrundtiefen Bosheit das Leben schenken. Darum spricht Jesus von Verherrlichung: Jesu Leiden und Sterben verherrlicht Gottes Liebe. Und zugleich verherrlicht Gott Jesus, indem er ihn am Kreuz sterben lässt, weil am Kreuz seine Liebe zu den Sündern ihren Höhepunkt erreicht (Vers 5). Ein in Gottes Augen herrliches Leben ist also ein Leben, das aus Liebe zu den Sündern bereit ist, Leid auf sich zu nehmen.

Diese Herrlichkeit hat Jesus an die Glaubenden weitergegeben (Vers 22). Auch sie sollen den Sündern mit Liebe begegnen und so auch einander lieben. Das heißt konkret: Sie sollen in der Liebe eins sein, wie Jesus und Gott in der Liebe eins sind. Dieses Einssein in der Liebe wird im Johannesevangelium oft durch ein wechselseitiges "Ineinander-sein" ausgedrückt (Vers 23): Jesus ist in Gott und Gott in Jesus (Joh 10,38; 14,10f.20; 17,21). So soll es auch unter den Glaubenden sein. An ihrer Liebe zueinander und zu allen anderen Sündern soll die ganze Welt erkennen, dass Jesus Gottes Liebe offenbart hat und dass Gott alle Sünder trotz ihrer Sünde liebt.

Der Gedanke des In-seins findet sich im Neuen Testament übrigens nicht nur im Johannesevangelium, sondern auch in den paulinischen Schriften. Ihnen zufolge sind die Glaubenden "in Christus" (z.B. 1Kor 1,30) und die "vielen" Glaubenden sind "ein Leib in Christus" (Röm 12,5). Umgekehrt ist Christus in den Glaubenden (z.B. 2Kor 13,5), so dass Christus in Paulus spricht (2Kor 13,3). Wie das Leben der Glaubenden "mit Christus in Gott verborgen ist" (Kol 3,3), so ist schließlich auch Gott und sein Geist in den Glaubenden (1Kor 14,25; Röm 8,9).

Wenn das jetzt etwas viel auf einmal ist, dann lies die Sätze noch einmal durch oder lies einfach weiter, auch wenn du noch nicht alles verstanden hast. Es geht um eine Beschreibung der Liebe, die auch für uns heute noch gilt. Das wird im Folgenden noch konkreter und anschaulicher werden.


3. Was ist Liebe?

Liebe zwischen zwei Personen kann man so beschreiben: Sie sind im jeweils anderen anwesend; die eine Person trägt die andere mit sich herum. Das führt zu vielen Übereinstimmungen in ihrem Fühlen, Denken und Handeln. Weil der andere in mir ist, kenne ich ihn (Joh 10,14f). Damit ist kein simples Bekannt-sein gemeint, sondern das Wahrnehmen und Übernehmen der Gefühle und Gedanken des anderen. Weil er in mir anwesend ist, mache ich das Seine zu meinem Eigenen. Ich nehme seine Gefühle wahr, und sie werden zu meinen Gefühlen – ebenso wie er meine Gefühle wahrnimmt und sie sich zu eigen macht. Die Freude des anderen wird zu meiner Freude und seine Traurigkeit zu meiner Traurigkeit. "Wie fühlst du dich", fragen wir manchmal – und wir spüren, dass der andere sich nicht gut fühlt. Einander Liebende haben ein Gefühl für den anderen.

Dasselbe gilt für die Gedanken (Joh 8,16). Wenn der andere in mir ist, bedeutet das keine Gleichheit der Gedanken, keine bloße "Gedankenübertragung", sondern eine Einheit im Denken, in der Weltanschauung und im Beurteilen von Situationen. Ich öffne mich für die Gedanken des anderen, greife sie auf und lerne von ihnen, so dass wir uns einander annähern. Wir denken nicht nebeneinander her, sondern beeinflussen uns gegenseitig und kommen so der Wahrheit näher. Wir bestehen nicht darauf, recht zu haben, sondern sehen das Wahre in den Gedanken des anderen. "Die Wahrheit beginnt zu zweit" lautet ein Buchtitel des Psychologen Michael Lukas Moeller.

Diese Einheit des Fühlens und Denkens führt schließlich zur Einheit im Handeln (Joh 5,19.21). Das ist wiederum kein plumpes Nachäffen und Wiederholen der Handlungen des anderen, sondern das Verfolgen derselben Ziele und Anliegen. Man "arbeitet Hand in Hand", man unterstützt einander, man handelt nicht gegeneinander in dauernder Konkurrenz, sondern miteinander, um das gemeinsame Ziel zu erreichen.

Liebende fühlen, was der andere fühlt, fühlen sich in ihn ein, sie denken wie der andere und machen sich so dessen Anliegen zu eigen. Sie sind nicht fixiert auf die jeweils eigenen Interessen, sondern sind offen für die Interessen des oder der Geliebten. Sie bedenken immer die Interessen des anderen mit, ihre Taten und ihre Gefühle sind geprägt von den Taten und Gefühlen des anderen – nicht wie in einer fatalen Gebundenheit an den anderen, sondern im freien Anteilnehmen an dessen Leben und Anteilgeben des eigenen Lebens.

So entsteht ein Einssein, in welchem keiner das bloß ihm Eigene verfolgt, sondern beide sich das Eigene der anderen Person zum Eigenen der eigenen Person machen. So entsteht in der Liebe aus zwei isolierten Ich-Personen eine Wir-Person.

Diese Liebe meint keine Sympathie. Es kann sie vielmehr auch zwischen Menschen geben, die einander unsympathisch sind. Wir werden dieses Wir, diese Einheit, auf Erden auch niemals vollkommen erreichen. Wir können uns ihr immer nur annähern. In der Beziehung zwischen Gott und Jesus war dieses Wir in vollkommener Weise verwirklicht: Sie waren in der Liebe vollkommen eins. Dahinter bleiben wir immer zurück. Aber ansatzweise geschieht dort, wo wirkliche Liebe ist, solch ein Einssein zweier Menschen.


4. Die Grenzen der Liebe

Das Einssein der Liebe hat vor allem dort eine Grenze, wo der andere sich nicht auf meine Liebe einlässt. Wo einer sich der Liebe versagt, kann es kein Einssein, kein Wir geben. Dennoch kann ich an meiner Liebe festhalten. Ich kann mich in die Gefühle, Gedanken und Taten des anderen einfinden, kann sie zu verstehen versuchen und mir vielleicht sogar das eine oder andere darin zu eigen machen. Ich kann zumindest immer wieder versuchen, das Fühlen, Denken und Handeln des anderen nachzuvollziehen und Wahrheitsanteile darin zu finden. So besteht zumindest die Chance, dass wir uns einandern annähern und zu einem Interessenausgleich kommen.

Eine Garantie dafür, dass die Annäherung gelingt, gibt es nicht. Wenn ich dennoch an meiner Liebe festhalte, wenn ich den Sünder liebe, dann ist das mit einem Risiko verbunden. Es mag sein, dass der andere mich verletzt und ich darunter leiden muss. Aber in der Liebe gebe ich ihn nicht auf, sondern halte daran fest, dass wir doch noch zu einer Annäherung finden.

Es kann jedoch auch sein, dass ich mich vom anderen trennen muss. Das heißt nicht, dass ich ihn hasse oder er mir gleichgültig wird. Ich halte daran fest, dass er eine unverlierbare Menschenwürde hat, auch wenn er sich nicht so verhält. In der Liebe spreche ich ihm nicht seine Würde ab, sondern bleibe offen dafür, dass er zu einem menschenwürdigen Denken und Handeln zurückkehrt. Ich betrachte ihn weiterhin als ein geliebtes Geschöpf Gottes, auch wenn ich mich von ihm lossagen muss.


5. Wie wird Friede?

Der Friede ist nicht bei uns zu finden, sondern bei Christus, sagten wir. Das heißt nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen können. Im Gegenteil! Der Friede, der Christus ist, ruft uns zu höchster Aktivität. Es ist eine bei weitem differenziertere Aktivität als diejenige, die auf Unfrieden mit Unfrieden, auf Konfrontation mit Konfrontation, auf Gewalt mit Gewalt antwortet.

Den Frieden bei Christus zu suchen, bedeutet zunächst und allgemein gesagt, den Blick von sich selbst weg- und zu Christus hinzuwenden. Dieses Blicken auf Christus ist nicht einfach ein frommes Reden von Christus und seinen Taten. Es ist vielmehr ein Umkehren von den eigenen Wegen, auf denen man meint, recht zu haben, auf denen man unnachgiebig nach Macht strebt und zur (offenen oder subtilen) Gewalt bereit ist. Auf Christus blicken heißt umkehren vom Ich zum Wir, vom bloßen Außen-sein zum In-sein, vom Fördern des Konflikts zum Suchen der Einheit und damit eines Konsenses.

Wer auf Christus blickt, entdeckt die Stärke des Wir. Ein Ich, das einem anderen Ich verschlossen entgegentritt, bleibt bei sich selbst, isoliert sich und entfernt sich von der Liebe wie von der Wahrheit. Sind wir ein solches Ich, dann sind wir schwach, obwohl wir uns für stark halten. In Wahrheit stark aber sind wir als ein Ich, das sich für das Wir öffnet, das sich einfühlt, versteht, vom anderen Ich lernt, das Wahrheit nicht nur bei sich selbst, sondern auch beim anderen entdeckt. Dann beharren wir weder auf dem Rechthaben noch auf der eigenen Unschuld, sondern nehmen den eigenen Schuldanteil am Konflikt wahr. Wir hinterfragen nicht nur den anderen, sondern auch uns selbst. Und weil wir wissen, wie sehr wir mit Mängeln behaftet sind, suchen wir nach einem Interessenausgleich.

Dazu sind wir nur in der Lage, wenn wir uns zurücknehmen, eigene Maximalforderungen aufgeben und Interessen zurückstellen und so unserem Nächsten entgegengehen mit dem Ziel, dass aus beiden Ich-Personen eine Wir-Person werde. Dann wagen wir zu vertrauen und Risiken einzugehen um der Liebe willen. Dann sind wir leidensbereit statt gewaltbereit, so wie Jesus es war. Wir konzentrieren uns nicht auf das, was uns angetan wurde, um dann mit gleicher Münze heimzuzahlen. Wir praktizieren also kein "Auge um Auge, Zahn um Zahn", wir vergelten nicht Gleiches mit Gleichem, sondern wir suchen, auch wenn wir unter unserem Nächsten leiden müssen, dessen Wohl, so wie Christus das Wohl des Nächsten gesucht und die Seinen aufgerufen hat, es ihm gleichzutun (Mt 5,38-42).

Wir blicken noch nicht auf Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, wenn wir nur nach unserem eigenen Frieden suchen – der so lange kein Friede ist, wie er den Nächsten nicht einbezieht. Erst dann blicken wir auf Christus, wenn wir vom nur Eigenen absehen, anstatt den Nächsten nach einem bestimmten, von uns vertretenen Wertekanon zu beurteilen, danach, ob er diesen Werten entspricht oder nicht, ob er uns nützt oder nicht, ob er unsere Erwartungen erfüllt oder nicht. Weil Christus dem Nächsten nicht so begegnet, wie er es nach seinen Taten verdient hat, sondern ihn, was immer er auch getan hat, als ein der Liebe würdiges Geschöpf Gottes sieht, können wir ihn nicht anders sehen. Der Nächste erscheint uns dann nicht als verabscheuungswürdiges, dämonisches Wesen, wenngleich er sich so gebaren mag, sondern er ist uns ein potentieller Bruder bzw. eine potentielle Schwester Jesu Christi. Die Liebe hofft für ihn und erwartet Konfliktlösungen vom Lieben statt von der Gewalt.

Sich für Frieden einsetzen heißt demnach:
  • sich zurücknehmen, wo es erträglich ist und dem Frieden dient;
  • dem anderen neue Chancen gewähren;
  • die Gefühle des anderen verstehen und akzeptieren;
  • sich seinen Gedanken und Interessen öffnen, soweit sie das Gute fördern, und einen Kompromiss suchen;
  • die Wahrheitsanteile beim anderen und die eigene Schuld anerkennen;
  • mit ihm zusammen auf eine neue Menschheit hinarbeiten und um Gottes Geist dafür bitten.


6. Die Grenzen des Friedens

Eins jedoch müssen wir und klarmachen: Der Friede hat in einer unerlösten Welt Grenzen. Es kann nicht darum gehen, Gefühle, Gedanken und Taten des Nächsten fraglos zu übernehmen und sich zu eigen zu machen. Wir nehmen zwar den Nächsten in seiner Vielfalt wahr, wenn er "in uns ist", aber wir übernehmen nicht das Negative, das Lebensfeindliche, das in ihm ist. Hier gilt die Devise des Paulus: "Prüft alles, das Gute behaltet" (1Thess 5,21).

Das Einssein der Liebe bedeutet also nicht, im Bösen eins zu sein. Wir werden vielmehr versuchen, das Böse auszumerzen und den anderen davon zu überzeugen, was das Böse ist – und zugleich uns von ihm zeigen zu lassen, wo das für uns verborgene Böse in unseren eigenen Gefühlen, Gedanken und Taten ist.

Der Friede findet auch dort eine Grenze, wo er ins Leid führt – auch wenn gerade so die Liebe sich durchsetzt. Wer sich zurücknimmt, wer nicht Gleiches mit Gleichem vergilt, muss bereit sein, ein Risiko einzugehen: das Risiko, dass der eigene Friedenswille ausgenutzt wird, dass man bedroht wird.

Wir wissen, welchen Weg Jesus gegangen ist. Er ging bewusst den Weg des Risikos, der ihn ins Leid führte. Er suchte nicht das Leid und den Tod, aber er entschied sich dafür um des Lebens des Nächsten willen, um der Liebe willen. Leidensbereitschaft um des Lebens dessen willen, der anderen Leid zufügt, wird aber von den Maßstäben unserer Welt ausgeschlossen. Wer Leid bewusst auf sich nimmt, weil er sich weigert, demjenigen, der anderen Leid zufügt, seinerseits Leid zuzufügen, erntet bestenfalls ein Kopfschütteln oder wird als schwächlich verunglimpft. Das bewusste Inkaufnehmen von Gewalt ist aber Ausdruck der Liebe und bezeichnet zugleich die Grenzen des Friedens in unserer unerlösten Welt. Diese Grenzen sind zu akzeptieren, und sie sind – um der Liebe willen – zu ertragen.

Wenn Friede werden soll, ist nichts so wichtig wie Risiko- und Leidensbereitschaft. Ohne die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen und gegebenenfalls Leid auf sich zu nehmen, wird es keinen Frieden geben: weder zwischen Religionen noch zwischen Ideologien, weder zwischen Armen und Reichen, weder zwischen Volk und Staat. Auch nicht zwischen Russland und der westlichen Welt.

In der unerlösten Welt kommt der Friede schließlich dadurch an seine Grenzen, dass er als Schwäche und Gelegenheit zur Zerstörung von Leben ausgenutzt wird. Ziel der Liebe ist aber keine selbstquälerische Grundhaltung. Der unfriedliche Nächste kann unsere Friedensbereitschaft zur Gewaltanwendung nutzen. Dann kann es sein, dass um der Liebe willen eine Trennung vollzogen werden muss. Und es kann sogar sein, dass eine zeitlich begrenzte Gegengewalt nötig ist, um schlimmeres Unheil zu vermeiden – eine Gegengewalt jedoch, die sich ihrer Schuld bewusst ist, die sich deshalb immer wieder selbst hinterfragt und die permanent und ernsthaft nach Wegen und Angeboten des Friedens sucht, um den Weg der Gewalt so schnell wie möglich zu beenden.

In diesem Sinne können wir die im Alten Testament geschilderten Kriege Israels (und Gottes selbst) gegen diejenigen Völker verstehen, die Israel vernichten wollten. Im Extremfall können wir nicht umhin, einen Aggressor mit Gewalt zu stoppen, um größere Gewalt zu verhindern. Doch wird Gewalt in den meisten Fällen damit begründet, dass man sich gegen einen Aggressor zur Wehr setzen müsse. Fast alle Gewalttäter begründen ihre Gewalt damit, dass sie sich nur verteidigen – und rechtfertigen damit ihre Gewalt. Gewalt aber ist in den meisten Fällen nicht zu rechtfertigen, sondern nur zu bedauern. Sie entzieht sich jeglichen Triumphgeschreis.

Darum muss strikt daran festgehalten werden, dass solche Gegengewalt nur in extrem seltenen Fällen zur Anwendung kommen darf und auch dann nur zeitlich sehr begrenzt. Alle anderen Wege zum Frieden, die, wie beschrieben, auch eine selbstkritische Beurteilung einschließen, sind vor und während der Anwendung von Gegengewalt ehrlich und geduldig auszuschöpfen.


7. Die Christenheit in der Kultur des Unfriedens

Das Neue Testament beschreibt die Christenheit als Vorreiter einer Kultur des Friedens. Die neue Menschheit, die in Gottes Versöhnung der Welt begründet ist, beginnt in der weltweiten Christenheit. Sie hat deshalb der Welt nicht die Schleppe hinterher zu tragen, sondern die Fackel voran.

Dies gilt besonders in Situationen, in denen Unfriede zunehmend die Kultur zu prägen scheint. Man kann mit Recht fragen, ob die Kultur der Entspannung und des Miteinanders im Westen gerade durch eine Kultur der Gewaltbereitschaft und Machtorientierung ersetzt zu werden droht.

Sind zunehmende Aggressionen gegenüber Feuerwehr- und Rettungskräften sowie Polizei und Journalisten Zeichen zunehmender Gewaltbereitschaft? Ist journalistisch einseitige Berichterstattung subtile Gewalt? Heiligt der Zweck die Mittel, wenn Straßenblockierer sich über das Recht hinwegsetzen? Dürfen Autofahrer gegen eben diese Blockierer Selbstjustiz üben? Sind raumgreifende SUVs Symbole für Unüberwindlichkeit und selbstbezogene Stärke? Bergen national gesinnte Geisteshaltungen in sich das Potenzial ausufernder Gewalt? Ist massive Unzufriedenheit mit den Regierenden auf deren Überheblichkeit und Rücksichtslosigkeit zurückzuführen? Fördert das Denken in geopolitischen Einflusssphären die Gewaltbereitschaft auch in der Bevölkerung? Ist es legitim, den vielfältigen wirtschaftlichen und politischen Krisen mit Aggressivität zu begegnen? Die gegenwärtig virulenten Fragen ließen sich fortsetzen.

Die Gefahr der Christenheit besteht darin, zu diesen Fragen zu schweigen, um niemandem zu nahe zu treten. Die andere Gefahr ist, dass sie ihre Sicht den jeweils vorherrschenden Geistesströmungen anpasst. Um ihre Relevanz zu erweisen, sprechen die Kirchen dann nachträglich das aus, was die säkulare Welt schon vorher wusste. Gerade so aber geht die Relevanz der Kirchen verloren. Eine Kirche, die nicht mehr und nicht anderes zu sagen hat als das, was die Welt sich selber sagen kann, braucht niemand. Oder anders ausgedrückt: Eine Kirche, die sich von der anstößigen Botschaft der Bergpredigt (Mt 5-7) verabschiedet, ist keine Kirche Jesu Christi mehr.

Deshalb ist es Aufgabe der weltweiten Christenheit, die Botschaft Jesu stark zu machen: Selbstverwirklichung geschieht nicht durch Rücksichtslosigkeit und überzogenen Individualismus, sondern durch Sich-öffnen für ein Wir, das den jeweils anderen in sich trägt. Freiheit gibt es nicht durch autonome Selbstbestimmung im Entscheiden und Handeln, sondern durch freie Selbstbestimmung zum Existieren in Beziehungen der Liebe. Lebenswerte Zukunft entsteht nicht durch persönliche Macht und Ausdehnung der eigenen Einflussbereiche, sondern durch Selbstzurücknahme zugunsten des Nächsten.

Diese Botschaft ist zukunftsträchtig und lebenswichtig. Sie kann dem christlichen Glauben Relevanz und Attraktivität verschaffen, wenn sie von praktischer Liebe im täglichen Leben getragen ist. Gerade in den Kirchen muss die Würde der Geschöpfe Gottes gewahrt werden, müssen Hilfsbereitschaft und Unterstützung für die sozial Schwachen und Leidenden selbstverständlich sein. Durch vielfältige menschenverachtende Skandale sowie durch stures Festhalten an Ämtern und Posten sind die Kirchen in den letzten Jahrzehnten diesem Auftrag nicht gerecht geworden. Dadurch ist auch der christliche Glaube und seine Liebesbotschaft in Misskredit geraten.

Umso dringlicher ist es, dass die Kirchen jetzt selbstkritisch in ihren eigenen Reihen aufräumen und danach auch deutliche Worte gegen die kulturelle Verherrlichung rücksichtsloser Macht und selbstgerechter Stärke richten. Gerade in einer friedlosen Zeit können die Kirchen, kann die weltweite Christenheit ein Hoffnungsanker sein, der die Perspektive einer lebenswerten Zukunft nicht aus dem Blick verliert und der Welt die Richtung weist – im Blick auf Jesus Christus und in der Kraft seines lebenschaffenden Geistes.


* * * * *


Verwendete Literatur:
  • Joachim Ringleben: Das philosophische Evangelium. Theologische Auslegung des Johannesevangeliums im Horizont des Sprachdenkens. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2014.
  • Klaus Scholtissek: In ihm sein und bleiben. Die Sprache der Immanenz in den johanneischen Schriften. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau u.a. 2000.

Grafik: Gerd Altmann auf Pixabay.




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Rezensionen
Freitag 08 Sep 2023
Lieber Klaus

Man kann den 3. Gedanken über die Definition sowie die Prinzipien der Liebe sogar noch deutlich größer skalieren, zum Leib, zum komplexeren Wir in IHM. Aber so etwas funktioniert nur, wenn man das gesunde und fruchtbare Wir schon im Kleinen bewiesen hat und als etwas sich teilend Lebendiges und Lernfähiges anstrebt.
Freitag 08 Sep 2023
Lieber Pneuma,

danke für den Hinweis auf das Wir in IHM, in Christus. Es ist tatsächlich ein wechselseitigen In-sein, ER in uns und wir in IHM - so wie Vater und Sohn wechselseitig ineinander sind. Erfüllte Liebe ist immer wechselseitig - was nicht heißt, dass es nicht auch einseitige Liebe gibt; sie bleibt aber unerfüllt, weil Liebe auf Wechselseitigkeit zielt.

Ich würde umgekehrt zu deinem letzten Satz sagen: Erst wenn Christus in uns ist und wir in IHM, können wir auch im zwischenmenschlichen Bereich das wechselseitige In-sein verwirklichen. Sein In-uns-sein geht unserem In-ihm-sein voraus, und beides geht dem Sein des Nächsten in uns sowie unserem Sein im Nächsten voraus - wie Paulus andeutet: "Ich lebe; aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,20).
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