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Wer weiß, was gut ist?

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie mit Humor · 21 Juni 2022
Tags: EthikGeboteGut_seinErkenntnis

T h e o l o g i e   m i t   H u m o r
Wer weiß, was gut ist?
Klaus Straßburg | 21/06/2022

Vorgestern Abend saß ich in einem Strandkorb. Auf der linken Seite des Strandkorbs hing an dem Griff, mit dem man die Rücklehne verstellen kann, eine Sonnenschutzkappe. Also eigentlich keine Kappe, sondern ein Sonnenschutz mit Kopfband, oben offen. Ein Riemen mit vorn einem Sonnenschutz dran. Der hing da also. Sah nicht gerade schmutzig aus, aber auch nicht mehr richtig sauber. Hat jemand dort vergessen, dachte ich. Ich hab das Teil lieber nicht angefasst. Wer weiß, wer das auf dem Kopf gehabt hat und wie der geschwitzt ... igittigitt.

Gestern Abend saß ich zwei Strandkörbe weiter. Drei Meter von mir entfernt ein Fahrradständer. Rechts neben dem Lenker des angeschlossenen Fahrrads lag etwas auf der Erde – die Sonnenschutzkappe. Jedenfalls sah sie so aus wie die von vorgestern. Wahrscheinlich hat sie der starke Wind heute dorthin geweht, dachte ich. Von der Windrichtung her könnte das passen.

In den Strandkorb von vorgestern setzte sich ein Ehepaar (oder Lebenspartnerschaftspaar oder noch ein ganz anderes Paar, wer weiß das schon?) und ließ es sich gutgehen. Nach einiger Zeit standen sie auf und gingen. Da sah der Mann die Kappe neben dem Fahrrad liegen. Er bückte sich, hob sie auf und hängte sie an den Lenker des Fahrrads. Dann ging er mit seiner Frau (Freundin, Lebenspartnerin, Schwester?) weiter.

Da hing die Kappe nun am Lenker. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ihre Geschichte weitergehen könnte. Der Besitzer des Fahrrads kommt zurück und sieht die Kappe an seinem Lenker hängen. Er ist irritiert und wundert sich, was das für eine Kappe ist. Er sieht sich um, aber ein Besitzer ist nicht in Sicht. Vielleicht legt er sie dann, immer noch irritiert, auf die etwas erhöhte Einfassung eines Blumenbeetes zwei Meter weiter. Dort fällt sie dem suchenden Besitzer besser in die Augen. So eine Kappe gehört einfach nicht auf die Erde.

Vielleicht hat der Besitzer des Fahrrads aber gestern keinen guten Tag gehabt. Und jetzt auch noch die Kappe am Lenker. Das ist doch der Gipfel, ärgert er sich. Da hängt jemand einfach seine alte verschwitzte Kappe an meinen Lenker! Unverschämtheit! Mit spitzen Fingern nimmt er sie vom Lenker und feuert sie auf die Erde. Es war kein guter Tag heute.

Es gibt natürlich noch viele andere Möglichkeiten, wie die Geschichte weitergehen könnte. Zum Beispiel so, dass der Besitzer des Fahrrads zurückkommt, die Kappe am Lenker hängen sieht und denkt: "Oh toll, so eine Kappe wollte ich schon immer haben!"

Die beste Version aber hört sich so an: Der Besitzer des Fahrrads kommt zurück, sieht die Kappe und ruft aus: "Meine verlorene Kappe! Wo kommt die denn her?" Diese Version ist zwar höchst unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.

Wahrscheinlich (man weiß ja nie) werde ich nie erfahren, wie die Geschichte ausging. Jedenfalls aber wollte der nette Mann, der die Kappe aufhob und an den Lenker hängte, ein gutes Werk tun. Er war der vollen Überzeugung, etwas Gutes zu tun. Die Kappe ist vom Lenker gefallen, dachte er. Der Besitzer könnte sie, wie sie da am Erdboden liegt, übersehen. Dann hänge ich sie ihm mal wieder an den Lenker.

Leider, leider war das ein Irrtum. Das konnte der gute Mann natürlich nicht wissen. Aber schlimmer ist: Das gute Werk, das er zu tun meinte, war gar kein gutes Werk. Er dachte nur, es sei ein gutes Werk. In Wirklichkeit war es zwar kein böses Werk, aber doch eins, das wahrscheinlich zu einigen Irritationen führte – oder sogar zur Verärgerung. Jedenfalls dann, wenn der Besitzer des Fahrrads nicht immer schon so eine Kappe haben wollte oder sogar der Besitzer der Kappe war. Aber diese beiden Versionen sind doch ziemlich unwahrscheinlich. Genau wissen können wir es natürlich nicht.

Wie auch immer. Wenn es um die Zukunft geht, tappen wir jedenfalls im Dunklen. Und auch die Vergangenheit kennen wir niemals ganz genau. Wir können nur mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Und deshalb tappen wir auch im Dunklen, wenn wir meinen, ein gutes Werk zu tun. Wir wissen nämlich meistens nicht, ob es wirklich ein gutes Werk ist. Denn wir kennen nicht die ganze Geschichte. Wir konstruieren uns eine Geschichte, die wir für wahrscheinlich halten, und handeln danach. Irrtum vorbehalten. So ist das Leben.

Na gut, aber bei den meisten guten Werken kann man sich doch sicher sein, dass sie wirklich gut sind, oder? Ich würde sagen (sicher sein kann ich mir natürlich nicht): Nicht wirklich. Auch wenn ich einer alten Frau über eine vielbefahrene Straße helfe (das ist so etwas wie das typische gute Werk), dann kann es sein, dass das kein gutes Werk ist. Denn die alte Frau könnte gerade aus ihrem Pflegeheim weggelaufen sein (was sie mir natürlich nicht verrät), und indem ich ihr über die Straße helfe, die sie ohne meine Hilfe niemals hätte überqueren können, eröffne ich ihr den Weg, sich weit vom Heim zu entfernen. Die armen Pflegekräfte suchen sie schon – natürlich nur jenseits der Straße, denn über die kommt kein alter Mensch rüber ...

Wie viel schwieriger ist es erst in komplexen Situationen, zu entscheiden, ob ein Werk wirklich gut ist. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen: Wir wissen es nicht. Wir hoffen es nur.

Es wäre hilfreich, wenn wir uns das öfter eingestehen würden: Wir wissen nicht, ob es wirklich gut ist, was wir gerade für gut halten. Es könnte auch etwas ganz anderes gut sein. Es könnte sogar das gut sein, was wir für böse halten. Wenn wir uns das klarmachen würden, würden wir uns nicht so fraglos für die Guten halten. Und wir würden die Andersdenkenden und -handelnden nicht für die Bösen halten.

Weil die einen sich für die Guten halten und die anderen für die Bösen, sind schon heftige Streitigkeiten und sogar Kriege ausgebrochen.

Übrigens spielt das auch für unser Verhältnis zu Gott eine Rolle. Wir meinen nämlich auch Gott gegenüber zu wissen, was gut ist. Und wir nehmen es ihm gehörig übel, wenn er dann nicht so handelt, wie wir es für gut halten. Manche verlieren sogar ihren Glauben, weil Gott nicht so handelt, wie sie es von ihm erwarten. Wir vergessen dabei, dass wir nicht die ganze Geschichte kennen. Wir haben nicht den Überblick. Aber wir maßen uns an, den Überblick zu haben. Den hat aber nur Gott allein. Der kennt die ganze Geschichte.

Man könnte daraus schließen: Wenn ich sowieso nicht wissen kann, was gut ist, dann brauche ich mich auch gar nicht mehr um das Gute zu bemühen. Aber so leicht kommen wir nicht raus aus der Nummer. Denn es gibt schließlich die guten Weisungen dessen, der den Überblick hat (also die zehn Gebote und viele andere ethische Weisungen in der Bibel). Die verraten mir zwar auch nicht, was ich in jeder denkbaren Situation zu tun habe. Aber sie bieten ein ziemlich starkes Geländer, an dem ich mich entlang hangeln kann. Ein bisschen soll ich meinen Grips schon noch anstrengen. Trotzdem bleibt der Irrtum nicht ausgeschlossen (nicht mal der Papst ist unfehlbar, jedenfalls für einen evangelischen Christen nicht). Und darum bleiben wir immer, wie viele gute Werke wir auch zu tun meinen, auf Vergebung angewiesen.

Auf Vergebung angewiesen sein wollen wir aber gar nicht so gern. Denn wir wollen ja besser und größer sein, als wir sind. Am besten so groß wie Gott: einer mit Überblick und einer, dem nichts vergeben werden muss. Aber wir können nicht Gott sein. Und wir sollen es auch nicht. Es tut uns nicht gut. Denn es führt dazu, dass wir das, was wir für gut halten, nicht in Frage stellen. Das zerstört Gemeinschaft: zwischen uns und unseren Mitmenschen und zwischen uns und Gott.

Dann stehen wir wieder allein da, also ohne Gott, und müssen so tun, als ob wir wüssten, was gut
ist ...

Eine kleine alte Sonnenschutzkappe hat mir erzählt, dass das ganz schön schräg von uns ist. Und dass Ehrlichkeit der erste Schritt zum wirklich Guten hin wäre.


* * * * *





2 Kommentare
Michael Kröger
2022-06-23 09:57:23
Hallo Klaus,

tappen wir wirklich im Dunklen, wenn wir meinen ein gutes Werk zu tun? In manchen Momenten bin ich mir sogar ziemlich sicher etwas Gutes getan zu haben. Zum Beispiel wenn ich in einem Gespräch das Gefühl habe, dass der/die andere und ich selbst von unserem gemeinsamen Gespräch etwas mitgenommen haben. Gefühle dieser Art sind gute Gefühle - von wem und durch wen sie immer auch angeregt worden sind...

In diesem Sinne wünsche ich uns allen gemeinsam etwas Gutes für diesen neuen Tag ....

Michael
2022-06-23 10:37:53
Hallo Michael,

da geht es mir genauso wie dir: Ich bin mir manchmal "ziemlich sicher, etwas Gutes getan zu haben". Aber das Wort "ziemlich" sagt ja schon, dass ich mir nie ganz sicher sein kann. Warum nicht? Weil ich nicht die ganze Geschichte kenne und meine Gefühle mich darum täuschen können. Ich war mir nach manchen Predigten ziemlich sicher, den Menschen etwas Gutes mitgegeben zu haben - und das war ein gutes Gefühl. Aber es geht nicht darum, dass ich ein gutes Gefühl habe. Ich weiß doch gar nicht, wen ich vielleicht durch ein einziges Wort verletzt habe; bei wem ich etwas ausgelöst habe, das ganz und gar nicht gut für ihn war. Auch solche Situationen habe ich erlebt.

Natürlich kann es sein, dass unser Gefühl uns nicht täuscht und dass wir wirklich etwas Gutes getan haben. Aber wir können es niemals genau wissen. Das ist unsere Begrenztheit als Menschen. Ich finde, dazu sollten wir stehen, und zwar im Vertrauen darauf, dass Gott uns nicht nach unseren Taten beurteilt, sondern nach seiner Liebe, und dass er sogar "aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will" (Bonhoeffer).

Es kann übrigens auch das Gegenteil eintreten, dass wir etwas ausgesprochen Gutes tun und es gar nicht bemerken. Diesen Fall spricht Jesus nach dem Matthäusevangelium an, und es ist der Regelfall für die "Gerechten", also die, die etwas Gutes getan haben: Sie wissen gar nichts davon, was sie Gutes getan haben (Mt 25,34-40).

Vielleicht tun wir heute etwas ausgesprochen Gutes, ohne dass es uns bewusst wird. Oder Gott wirkt durch etwas gänzlich Unspektakuläres, das wir tun, etwas Gutes. Dann wäre das doch ein richtig guter Tag, auch wenn wir am Abend keine guten Gefühle haben ...

Viele Grüße
Klaus
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