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Wer den Reichtum liebt, bekommt nie genug

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Veröffentlicht von in Theologie aktuell · 23 Juni 2021
Tags: CoronaArmutMammonNachhaltigkeit

T h e o l o g i e   a k t u e l l
Wer den Reichtum liebt, bekommt nie genug
Klaus Straßburg | 23/06/2021

Großbritannien leidet stark unter der Delta-Variante des Covid-19-Virus. Die Inzidenz steigt seit Wochen an und liegt heute in England – trotz großen Impffortschritts – bei 106 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in 7 Tagen, obwohl dort schon mehr geimpft wurde als bei uns. In London ist die Lage besonders dramatisch. In London finden aber auch die Halbfinalspiele der Fußball-Europameisterschaft statt.

Jetzt hat die britische Regierung zusammen mit der Union Europäischer Fußballverbände (UEFA) vereinbart, dass die Halbfinalspiele der Europameisterschaft in London vor 60.000 Zuschauern stattfinden können. Die Entscheidung wurde so kommentiert: Die UEFA brauche das Geld, das die Zuschauer für ihre Tickets bezahlen müssen

Geld geht also offenbar vor Gesundheit und Leben. Das alte Sprichwort „Geld regiert die Welt" scheint sich einmal mehr zu bewahrheiten.

Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass Gott letztlich die Welt regiert. Ich glaube aber auch, dass dann, wenn aber der Mensch die Herrschaft an sich reißt, Geld offensichtlich eine entscheidende Rolle spielt.

Das gilt nicht nur für die Fußball-Europameisterschaft und die UEFA. Auch bei uns bestimmt Geld das Handeln vieler Akteure.

Die Autoindustrie möchte weiterhin möglichst viele Autos mit Verbrennungsmotor verkaufen, weil das für sie einträglicher ist. Der Klimawandel, also Gesundheit und Leben, müssen dahinter zurücktreten. Den Mächtigen in der Industrie geht es ums Geld.

Zu biblischen Zeiten gab es noch keinen Klimawandel. Aber es gab die unstillbare Gier der Herrschenden nach Reichtum, der auf Kosten der Bevölkerung zusammengerafft wurde:

Das Wort des Herrn kam zu mir: Du Mensch, sag zum Land Israels: Du bist ein Land, das nicht rein gemacht wurde. Es fiel kein Regen mehr auf dich, als mein Zorn dich traf. Die Herrscher des Landes verhalten sich wie Löwen: Sie brüllen und reißen Beute. Sie haben Menschen gefressen, Schätze und Reichtümer genommen und viele Frauen im Land zu Witwen gemacht.
(Hes/Ez 22,23-25)

Lithium, das in Batterien verarbeitet wird, wird unter enormem Einsatz von Wasser vor allem in Südamerika gewonnen. Die Herstellung einer Tonne Lithiumsalz verschlingt zwei Millionen Liter Wasser. Auf die einheimische Bevölkerung wird dabei keine Rücksicht genommen, ihr wird das Wasser abgegraben. Sie erhalten keine Entschädigung. Der Wassermangel kostet sie ihre Existenz.

Denk daran, Herr, was mit uns geschehen ist! Schau her und sieh, wie sehr wir leiden: Für unser Wasser geben wir Geld, unser Brennholz müssen wir teuer bezahlen.
(Klgl 5,1.4)

Die Mieten steigen überall in unserem Land, besonders in den Großstädten. Viele Menschen können ihre Mieten nicht mehr bezahlen. Große Wohnungsgesellschaften profitieren davon.

Wer das Geld liebt, will mehr davon. Und wer den Reichtum liebt, bekommt nie genug. Auch das ist Windhauch!
(Pred/Koh 5,9)

Wir kaufen ein T-Shirt für wenige Euro und müssen auch für eine Jeans nicht viel bezahlen. Die Produzenten arbeiten für einen Hungerlohn und ruinieren zudem ihre Gesundheit, wenn sie in den Chemikalien waten müssen.

So spricht der Herr: Juda hat drei Verbrechen begangen, und vier machen seine Schuld voll. Darum nehme ich mein Gerichtswort nicht zurück. Denn sie verkaufen den Gerechten für Geld und den Armen zum Preis von einem Paar Schuhe. Ja, sie trampeln auf Hilflosen herum, die schon im Staub am Boden liegen.
(Am 2,6.7a)

Die Situationen, in denen die biblischen Texte geschrieben wurden, unterscheiden sich von unserer heutigen Situation. Es gibt ja niemals zwei identische Situationen. Aber es gibt Parallelen. Darum müssen wir die Linien der biblischen Texte bis in unsere Zeit ausziehen. Denn die Texte haben uns etwas zu sagen, auch wenn unsere Situation mit der damaligen nicht identisch ist. Der Sinn der Texte hat bleibende Bedeutung – auch für uns.

So mag sich jeder selbst die Texte in unsere Zeit übersetzen – und auch auf sich selbst beziehen. Denn heute sind wir die Mächtigen: wir, die vergleichsweise Reichen, die Konsumenten, die Angehörigen einer führenden Industrienation, die zum Zeugnis gerufenen Christinnen und Christen, die Wählenden, die über ihre Regierung demokratisch entscheiden. Vielleicht gelten diese Worte heute uns:

Hört doch, ihr Anführer vom Haus Jakob und ihr Mächtigen aus dem Haus Israel: Ihr verabscheut alles, was Recht ist. Und was gerade ist, das macht ihr krumm. Ihr glaubt, den Zion aufzubauen – doch ihr vergießt unschuldiges Blut. Ihr glaubt, Jerusalem groß zu machen – doch ihr handelt aus Bosheit. Die Anführer der Stadt nehmen Geschenke und entscheiden danach, wer Recht bekommt. Die Priester geben Auskunft nur gegen Geld. Auch die Propheten weissagen gegen Bezahlung. Dabei berufen sie sich auf den Herrn und sagen: „Ist denn der Herr nicht mitten unter uns? So kann uns auch kein Unglück treffen!" Doch täuscht euch nicht: Wegen euch wird der Zion umgepflügt wie ein Acker. Jerusalem wird zu einem Trümmerfeld und der Tempelberg zum finsteren Wald.
(Mi 3,9-12)


* * * * *




9 Kommentare
Michael KRÖGER
2021-06-24 19:37:15
Hallo Klaus, deine Überlegungen finde ich sehr gut nachvollziehbar. Aber vielleicht geht es künftig gar nicht mehr so sehr um Geld und Reichtum. Zumindest in Deutschland müssen Menschen nicht mehr hungern - aber sehr viele hungern nach Sinn und einem erfüllten Glauben und Leben. Hierzu braucht man weniger Geld als vielmehr einen Sinn für Einsicht in eine gerechte Moral und den starken Wunsch nach einem gelingenden Leben.
2021-06-24 21:16:15
Hallo Michael,

ich sehe das auch so. Der Hunger nach Sinn, nach einem erfüllten Leben und einem tragfähigen Glauben ist nicht weniger schlimm als der körperlich empfundene Hunger. Beides existiert in unserer Welt. Und gerade bei uns, wo der körperlich empfundene Hunger für die meisten Menschen gestillt ist, ist der Hunger nach Sinn, Leben und Glauben wohl besonders groß. Die Propheten des Alten Testaments haben gegen beides gestritten und die dafür Verantwortlichen angeklagt. Und Jesus hat sich den Armen zugewandt, aber auch den Außenseitern, den Gemiedenen und denen, denen der Glaube abgesprochen wurde.

Ich denke, der christliche Glaube gibt beides: einen tragfähigen Glauben, der den eigenen seelischen Hunger stillt, und zugleich ein sinnvolles Leben, in dem man für die so oder so Hungernden da ist. Das würde ich dann als ein gelingendes oder gutes Leben bezeichnen.
2021-06-25 22:14:15
Hallo Klaus, hallo Michael,

um eine tragische biblische Geschichte über den Vorwurf der Habgier geht es in meiner hier anklickbaren Internetseite.

Mit herzlichem Gruß
Hans-Jürgen
2021-06-25 22:49:43
Hallo Hans-Jürgen,

vielen Dank für den Hinweis auf deinen informativen Artikel. Du stellst viele berechtigte Fragen. Darüber gibt es sicher viel zu sagen, aber man müsste sich länger austauschen, und dazu ist hier nicht der Ort. Vielleicht könnte ein Kommentar an der einen oder anderen Stelle weiterhelfen.

Ich möchte nur etwas zur "Neues Leben-Bibel" anmerken: Ihre "Übersetzung" von Apg 5,1f ist ein gutes Beispiel für die Ungenauigkeit mancher neuer Bibelübertragungen. Ich habe mir gerade vor ein paar Tagen die "Basis-Bibel" zugelegt und bin ganz angetan von ihr. Sie verbindet Verständlichkeit mit Bibeltreue. Dort lauten die beiden Verse so:

"Ein Mann namens Hananias und seine Frau Saphira verkauften ebenfalls ein Grundstück. Aber Hananias behielt etwas vom Erlös zurück, und seine Frau wusste darüber Bescheid. So stellte er der Gemeinde nur einen Teil zur Verfügung und legte ihn den Aposteln zu Füßen."

Das ist mit dem griechischen Text durchaus kompatibel.

Viele Grüße
Klaus
Hans-Jürgen Caspar
2021-06-26 10:22:11
Ja, lieber Klaus, das ist eine gute Übersetzung. Danke!
2021-06-26 10:31:35
Hallo Klaus

Unser aller Lebenswandel sei ohne Liebe zum Geld;
begnügen wir uns mit dem, was vorhanden ist!

Denn eine Wurzel alles Bösen ist die Geldliebe,
(was solch eine weitreichende Wurzel alles hervorbringt
an schädlichen Früchten,
möchte ich hier gar nicht erwähnen)
nach der einige streben und gestrebt haben
und sodann vom Glauben an Gott abgekommen sind
und die allerlei negativen Folgen und Auswirkungen zu spüren bekommen haben.
Nicht umsonst haben die die geldliebend sind Jesus verhöhnt.
Damit wir nicht der Versuchung erliegen,
das Geld und seine trügerische Sicherheit zu lieben,
zumindest mehr als Gott,
sollten wir das eigene Streben,
unsere eigene Beziehung zum Geld prüfen;
vielmehr sollte wir nach:
Gerechtigkeit, Gottesfurcht, Glauben, Liebe, Ausharren, Sanftmut streben,
dann bekommt Geld einen gesunden und realistischen Stellenwert im Leben.
Dann hat man auch kein Problem
damit alles wieder zu geben, zu teilen, loszulassen,
um es z.B. den Hilfsbedürftigen zu geben,
und im vollständigen Vertrauen Jesus zu folgen.

Unsere Abhängigkeit verrät uns,
ob wir es bereits lieben, vielleicht mehr als wir ahnen.
Wer einmal den unschätzbaren Wert von Gottes Be-Reich erkannt hat,
gibt alles Geld dafür her, um sich auf den Weg zu machen.
2021-06-26 12:44:00
Hallo Pneuma,

ich denke auch, jeder Christenmensch sollte seine Beziehung zum Geld überprüfen. Leider nehmen wir unseren Reichtum oft als selbstverständlich hin und machen uns gar keine Gedanken darüber, ob unser Umgang damit nicht der Gottes- und Nächstenliebe widersprechen könnte.

ALLES wieder wegzugeben ist viel verlangt. Das war schon dem reichen Jüngling zu viel, der armen Witwe allerdings nicht. Ich denke, man muss sich nicht in die Armut begeben, sollte aber einen Weg suchen, der auf unnötigen Konsum und Luxus verzichtet und stattdessen ein einfaches, an dem wirklich Nötigen orientiertes Leben anstreben. Dann wird wohl eine ganze Menge zum Teilen bleiben.
2021-06-26 17:12:23
Hallo Klaus,

mir fallen zu diesem Thema zwei Jesusworte ein:

"Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Mt 6,24 und

"Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Joh 18,36.

Bei deinen Ausführungen zur Rolle von Geld und Gewinnstreben kann ich nicht mitgehen. Geld ist für mich zuallererst ein praktisches Mittel zur Unterstützung des Güteraustausches. Natürlich sollte man es nicht vergötzen und auch nicht im Sinne von illegitimer Machtausübung missbrauchen. Aber es hat seine Funktion.

Ich habe unter anderem Wirtschaftswissenschaften studiert und arbeite zurzeit in der Industrie bei einem gewinnorientierten Unternehmen. Dass und warum ein internationaler Austausch von Waren und Dienstleistungen sinnvoll ist, hat der englische Ökonom David Ricardo Anfang des 19. Jahrhunderts in seiner Theorie der komparativen Kostenvorteile formuliert. Sein vielleicht bekanntestes Beispiel ist der Vergleich von Wein, der sich besser in Portugal und Wolle, die sich besser in England produzieren lässt, so dass es vorteilhaft für alle ist, wenn nicht jeder autark arbeitet, sondern beide portugiesischen Wein und englische Wolle konsumieren.

Ich halte Geld und Marktwirtschaft nicht für die Wurzel allen Übels. Einzelne Kritikpunkte an der UEFA, an der Automobilindustrie, Wohnungsbauunternehmen und dem Lithiumabbau mögen durchaus berechtigt sein sein, aber sie ändern nicht meine Gesamteinschätzung.

Viele Grüße

Thomas
2021-06-26 20:54:03
Hallo Thomas,

für mich ist nicht das Geld an sich vom Übel, wohl aber der Dienst am Geld oder am Mammon, wie du es ja auch aus dem Neuen Testament zitierst. Es geht mir also, mit deinen Worten, um Geldvergötzung und Missbrauch des Geldes zu illegitimer Machtausübung.

Das ist auch mein Kritikpunkt bei den von mir angeführten Beispielen. Ich kritisiere es, wenn Geld offensichtlich vor Leben und Gesundheit geht, wenn die Gier nach Reichtum und Profit auf Kosten der Armen geht, wenn unsere "Geiz ist geil"-Mentalität dazu führt, dass die Produkte für einen Hungerlohn und unter menschenunwürdigen Verhältnissen hergestellt werden.

Da ich weder die Funktion des Geldes als Tauschmittel noch ein sozial verantwortliches Gewinnstreben kritisiere, kann ich insofern keinen Dissenz zwischen uns entdecken. Ich sehe allerdings ein weit verbreitetes Streben, dem Mammon zu dienen und nicht Gott. Vielleicht unterscheiden wir uns darin, dass ich dieses Streben als Hauptmotivation in unserer Marktwirtschaft sehe, die sich m.E. nur noch sozial nennt, es aber nicht (mehr) ist.

Ich habe übrigens auch mal eine Vorlesung in VWL besucht, nur so aus Interesse. Zu meinem Schrecken hat der Professor mich nach einer Diskussionsstunde, an der ich mich auch beteiligt hatte, mal zu sich gebeten, um mich von irgendetwas, ich weiß nicht mehr was, zu überzeugen. Er wusste gar nicht, dass ich nicht vom Fach war, sondern nur ein Gast aus der Theologie 😎.

Viele Grüße
Klaus
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