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Wenn Gott scheinbar Gebete nicht erhört ...

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie to go · 18 Mai 2025
Tags: BetenWeltregimentKriegUkraineZweifelAnfechtung

Wenn Gott scheinbar Gebete nicht erhört ...
Klaus Straßburg | 18/05/2025

Die Gespräche zwischen Russland und der Ukraine haben nichts ergeben, was einen Waffenstillstand näherbringt. Ich bin aber überzeugt davon, dass weltweit unzählige Christinnen und Christen für erfolgreiche Verhandlungen gebetet haben. Und sie beten schon seit über drei Jahren für ein Ende dieses Krieges.

Ich bin zugleich überzeugt davon, dass Gott ihre Gebete erhört und dass Gott der Herr der Geschichte ist, der beide Kriegsparteien zu konstruktiven Verhandlungen bewegen könnte. "Er ändert Zeiten und Fristen, er setzt Könige ab und setzt Könige ein" (Dan 2,21a). "Der Herr der Heerscharen hat geschworen und gesagt: Fürwahr, wie ich es erwog, so geschieht es, und wie ich es beschlossen, wo kommt es zustande [...] Das ist der Ratschluss, der über die ganze Erde beschlossen ist, und das ist die Hand, die über alle Nationen ausgestreckt ist" (Jes 14,24.26).


Ich glaube, dass Gott ein wohlmeinender
und liebender Gott ist

Gott steht dem Krieg also nicht machtlos gegenüber. Er könnte Verhandlungen herbeiführen, könnte unseren Bitten nachkommen. Aber er tut es offensichtlich nicht. Warum nicht? Warum beendet die Hand, die über alle Nationen ausgestreckt ist, nicht diesen Krieg?

Manche haben eine schnelle Antwort parat: Der Krieg sei eine Strafe für die menschliche Sündhaftigkeit. Damit sollen alle Fragen beantwortet sein. Gott erscheint dann als ein Machthaber, der Verfehlungen gnadenlos bestraft und auch Hunderttausende Unschuldige sterben lässt. Dass Gott in der Bibel gerade so nicht dargestellt wird, wird nicht gesehen.

Ich glaube, dass Gott ein wohlmeinender und liebender Gott ist, der Gutes für die Menschheit und jeden einzelnen Menschen will. Darum kann ich mir nicht vorstellen, dass es ihm gleichgültig ist, ob das Leben Hunderttausender im Krieg zerstört wird oder nicht. "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein", stellte der Weltkirchenrat in seiner Gründungsversammlung 1948 fest. Und dennoch lässt Gott ihn zu. Warum?

Ich habe keine Antwort darauf. Ich sehe nur, dass Gott den Krieg weiterlaufen lässt. Schwer vorstellbar, dass er etwas Gutes damit im Sinn hat. Es sterben auch Christinnen und Christen in diesem Krieg. Für sie gilt das Pauluswort: "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken" (Röm 8,28a). Der Krieg mit seinem unvorstellbaren Leid wirkt zum Guten mit? Da kommen unsere Vorstellungen an ihre Grenze.


Dem Glaubenden tut sich ein Abgrund auf

Wie gehen wir damit um? Dem Glauben tut sich ein Abgrund auf, wenn er den Gedanken zu Ende denkt, dass der Gott, der seine Geschöpfe liebt und den Seinen nur Gutes will, diese seine geliebten Geschöpfe und die, die ihm vertrauen, dem jahrelangen sinnlosen Leiden und Sterben aussetzt. "Bittet, so wird euch gegeben werden", hat Jesus versprochen (Mt 7,7). Gilt das am Ende doch nicht?

Wir stehen vor diesem Abgrund. Wir müssen erkennen, dass wir Gott nicht verstehen. Wir haben keine schnellen Erklärungen. Unsere Geschichten von wunderbaren Gebetserhörungen verblassen. Der Glaube an einen liebevollen Gott gerät ins Wanken. Wir stehen mit leeren Händen vor Gott.

Nicht nur, dass wir uns weder auf gute Taten noch auf einen festen Glauben berufen könnten. Es fehlt uns schon daran, Gott überhaupt zu verstehen. Dass wir wissen, wer Gott ist, dass wir es doch in der Bibel gelesen haben, und dass wir es manchmal besser zu wissen meinen als andere: All das zerbröselt uns zwischen den Fingern. Wir wissen nichts. Wir verstehen nichts. Und dennoch wollen wir unseren Glauben nicht lassen ...


Wir müssen an dem Gott festhalten, der uns fremd
und unbegreiflich ist

Wie können wir glauben vor diesem Abgrund, dessen Finsternis all unser Wissen und Können in sich hineinzieht? Es bleibt einzig die Erkenntnis, die viele Glaubende durch die Jahrtausende hindurch erfasst hat: Wir müssen gegen die Finsternis anglauben. Wir müssen vertrauen, ohne erkennen zu können, ob unser Vertrauen berechtigt ist. Wir müssen an dem Gott festhalten, der uns fremd und unbegreiflich ist.

Seine Wege sind nicht unsere Wege und seine Gedanken nicht unsere Gedanken (Jes 55,8). Wir sind blind. Damit müssen wir leben – und glauben.

Der Krieg geht weiter – ohne Aussicht auf ein baldiges Ende. Auch der Krieg im Gazastreifen. Tausende und Abertausende Leben werden weiter zerstört. All unsere Gebete scheinen in den Wind gesprochen. Der Boden unter unseren Füßen beginnt wegzubrechen. Die Füße haben keinen festen Halt mehr. Am Abgrund stehend, ergreift uns ein großer Schwindel. Die heile christliche Gedankenwelt scheint sich aufzulösen. Es bleibt nur ein hilfloses Stammeln:

Herr, halte mich fest.
Herr, lass mich nicht im Abgrund der Zweifel versinken.
Ich stehe mit leeren Händen vor dir und muss erkennen, wie fremd du mir bist –
obwohl ich doch immer meinte, dir so nah zu sein und dich zu kennen.

Aber vielleicht kommt es gar nicht darauf an, dass ich dich kenne,
sondern dass du mich kennst.

Herr, ich bin schwach – halte du mich fest.
Lass mich nicht allein mit meiner Unsicherheit.
Hilf mir, dir zu vertrauen,
auch wenn du mir wie ein dunkler Abgrund erscheinst.
Lass mich den Glauben an deine Güte nicht verlieren,
auch wenn ich sie nicht sehen kann.
Gib mir die Kraft, trotzdem zu beten und zu hoffen,
dass du dem Bösen ein Ende setzen wirst – zu deiner Zeit.


* * * * *


Foto: photosforyou auf Pixabay.




11 Kommentare
2025-05-20 09:46:24
Hallo Klaus,

dein Gebet am Schluss des Beitrags kann ich mitbeten. Deine Gedanken davor kann ich gut nachvollziehen.

Ich meine, man kann und muss vielleicht sogar als erste und einfachste Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es Gott nicht gibt, auch wenn für Theologen ist diese Möglichkeiten vielleicht ausgeschlossen zu sein scheint. Wenn man Gott glaubt, ist er dann wohl immer noch anders, deutlich anders, als er in vielen gut gemeinten Predigten beschrieben wird.

Ein Glaube, der immer den lieben Herrn Jesus in der Nähe spüren und die Erhörung von Gebeten erleben will, kann aus meiner Sicht zu einer Art Droge werden, bei der es dann früher oder später zu Entzugserscheinungen kommt. Am Ende sitzt man dann wieder auf dem harten Boden der Realität, zusammen mit dem muslimischen Nachbarn („Allah gibt’s, und Allah nimmt's“) und dem alttestamentlichen Hiob, der seine Geschwüre mit einer Scherbe schabt und sagt: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollen das Böse nicht auch annehmen?“

Viele Grüße

Thomas
2025-05-20 10:04:29
Hallo Thomas,

danke für deine wichtigen Ergänzungen. Die Gefahr, die du im letzten Absatz beschreibst, sehe ich auch. Es ist wirklich eine große Gefahr für eine gewisse evangelikale Frömmigkeit.

Auch der Gedanke, dass es Gott vielleicht gar nicht gibt, ist etwas, was im Hintergrund mitschwingt, wenn man die von mir beschriebenen Erfahrungen macht. Ich habe das so ausdrücklich nicht gesagt, darum ist es gut, dass du es formulierst. Der Gedanke ist nämlich auch für Theologen nicht ausgeschlossen, die ja, wie alle anderen Menschen auch, nichts anderes sind als um den Glauben immer wieder Ringende. Wenn sich statt Gottes Nähe ein dunkler, undurchsichtiger Abgrund auftut, bedeutet das ja, dass hinter Gottes Existenz ein großes Fragezeichen steht, auch wenn man dann am Glauben (oder was davon übrig ist) festhält - aber mit einem großen "Dennoch" (Ps 73,23).

Viele Grüße
Klaus
god.fish
2025-05-26 21:02:40
Der Mensch hofft, dass Gott Gebete erhört.
Es gibt aber auch Situationen, in denen sicher sehr viele Menschen gebetet haben, wo aber nicht ersichtlich war, ob sie erhört wurden:
- Shoa
- 2. Weltkrieg
- 1. Weltkrieg

Um nur mal drei Beispiele zu nennen.

Beten ist gut. Aber ob Gott die Gebete so erhört, wir wir uns das wünschen, das bleibt Gottes Geheimnis.
2025-05-26 21:37:44
Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Genau das macht aber auch das Problem aus, das unseren Glauben immer wieder herausfordert.
Johanne
2025-06-01 16:26:11
Lieber Klaus,
Gott erhört jedes Gebet das ein aufrichtiges herz spricht.
Meine Beziehung zu Gott begann 1982, die GEWISSHEIT seiner Leitung erfuhr ich!

Seit Mai 2023 erlebe ich täglich die Bestätigung von Gott.

Grüße Johanne, 1.6.25
Johanne
2025-06-01 16:31:42
P.S. Gott folgt keiner Mehrheit, er folgt dem aufrichtigen Herzen.
Die Gebete hört er!
2025-06-02 09:54:43
Da bin ich ganz deiner Meinung, und das habe ich ja auch geschrieben. Gott handelt aber nicht immer so, wie wir es uns wünschen und so, dass wir es verstehen. Nicht selten scheint es so, als überhöre er unsere Bitten oder handle sogar ihnen entgegengesetzt. Vieles bleibt für uns unverstanden und im Dunkeln. Dann bleibt uns nur, gegen den Augenschein darauf zu vertrauen, dass er für uns da ist und alles zum Guten wenden wird. Aber das ist nicht immer leicht und eine Herausforderung für unseren Glauben.
Johanne
2025-06-02 10:53:01
In deinen Worten: „… sogar ihnen entgegengesetzt.“; steckt eine Position gegen Gott, die ich nicht teile. Wer Christus gefunden hat erhält eine innere Verbindung zu Gott UND das Vertrauen was immer mir geschieht ER STEUERT!
Das ist darum keine HERAUSFORDERUNG, es ist einfach nur (!) ein mitgehen mit Gott!
2025-06-02 13:00:47
Ich habe nicht geschrieben, dass Gott unseren Gebeten entgegengesetzt handle, sondern dass es uns nicht selten so scheint, dass er ihnen entgegengesetzt handle. Ich habe auch leider keinen vollkommenen Glauben, für den das Mitgehen mit Gott immer so "einfach" ist.
Birgit
2025-12-11 21:59:26
Lieber Klaus und lieber Thomas Jakob, ihr sprecht mir ais dem Herzen. Danke, Klaus, du hast das, was ich denke und womit ich mich herumschlage, klar formuliert. Das tut gut und ist selten.
glücklich ihr atheisten!
ihr habt es leichter
euch wirbelt kein gott
aus der bahn des schlüssigen denkens
kein glaube wirft schatten
auf eure taghelle logik
nie stolpert ihr
über bizarre widersprüche
kein jenseits vernebelt euch
die konturen der welt
nie seid ihr berauscht
von heiligen hymnen und riten
nie schreit ihr vergeblich
nach einem göttlichen wunder
oder stürzt ab ins dunkel
blasphemischen betens

glücklich ihr atheisten!
gern wäre ich einer von euch
jedoch, jedoch: ich kann nicht.
Birgit
2025-12-11 22:01:47
Das Gedicht von Kurt Marti drückt aus, wie mir oft zumute ist.
Liebe Grüße
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
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