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Was im Krieg passiert und wie christliche Ethik dazu steht

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Veröffentlicht von in Ethik · 14 Februar 2025
Tags: KriegFriedeFeindesliebeEthikPolitik

Was im Krieg passiert und wie christliche Ethik dazu steht
Klaus Straßburg | 14/02/2025

Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg,
bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind.
Besonders die, die nicht hingehen müssen.
(Erich Maria Remarque)1

Christen wissen sich "von guten Mächten wunderbar geborgen", wie Dietrich Bonhoeffer es im Nazi-Gefängnis ausdrückte. Diese Wahrheit ist ihnen Trost und macht sie frei (Joh 8,32b), auch in schweren Zeiten so zu handeln, wie Jesus es gelehrt und vorgelebt hat.

Weil die christliche Ethik in dieser Wahrheit gründet, hat sie oft ein anderes Gesicht als eine rein weltlich formulierte Ethik. Das gilt auch für die Friedensethik. Friedensethik soll ja Krieg verhindern. Um dazu Stellung zu nehmen, muss man aber wissen, was Krieg in Deutschland heute eigentlich bedeuten würde.

Nun hat kaum jemand Lust, sich ausgiebig mit Krieg zu beschäftigen. Wir sehen und hören davon schon genug in den Medien. Aber ich denke, von diesem Trost her, dass wir immer, auch im Krieg, in Gottes Hand gut aufgehoben sind, können wir uns dem Thema Krieg einmal widmen. Zumal für uns nicht irgendwelche Krieg führenden Oberbefehlshaber die Herren der Welt sind, sondern Jesus Christus der Herr ist, der den Gang der Weltgeschichte bestimmt. Er lässt zwar viel Böses zu, das wir Menschen tun, aber er wirkt nach meiner Überzeugung noch bei weitem mehr Gutes in der Welt.

Mit diesem Trost im Herzen können wir uns die Realität des Krieges vor Augen führen, bevor wir uns der Frage widmen, wie Kriege zu vermeiden sind und was das konkret für unsere gegenwärtige Situation bedeutet.


1. Ein konventioneller Krieg zwischen Russland und der NATO

Erich Vad ist Brigadegeneral a.D. der Bundeswehr und Universitätsdozent. Von 1992 bis 1995 diente er im Internationalen Militärstab der NATO in Brüssel. Von 2006 bis 2013 war er Sekretär des Bundessicherheitsrats und militärpolitischer Berater der Bundeskanzlerin Angela Merkel2. Der General kennt sich also mit der Materie aus.

In seinem Buch Ernstfall für Deutschland hat Vad das Geschehen eines konventionell, also nicht mit Atomwaffen geführten Krieges zwischen der NATO und Russland beschrieben. Ich fasse das hier zusammen. ergänzt durch zwei oder drei eigene Gedanken, die mir beim Lesen von Vads Darstellung kamen3.

Die Lage Deutschlands mitten in Europa hat eine wichtige Bedeutung im Kriegsfall. Deutschland wäre nämlich die geographische Drehscheibe für den Aufmarsch der NATO-Truppen an der Ostfront. Die USA würden sich nach Vad mit ihren Truppen zurückhalten. Aber rund eine Million französische, niederländische, belgische, spanische, portugiesische und italienische Soldaten müssten mit ihren Fahrzeugen und militärischem Gerät Deutschland durchqueren. So ist es in den Plänen der NATO vorgesehen.

Der Truppenaufmarsch auf deutschem Territorium macht Deutschland zu einem bevorzugten Ziel russischer Angriffe. Um die Truppen aufzuhalten, bevor sie überhaupt die Front erreichen, würde Russland die deutschen Autobahnen und andere Straßen mit Raketen beschießen.

Die USA beantworten das mit ihren in Deutschland stationierten Marschflugkörpern, Raketen und Überschallwaffen. Russische Armeebasen, Häfen, Flugplätze, Transportwege und wichtige Ziele in Städten werden zerstört. Russland nimmt daraufhin über vierzig amerikanische Militäreinrichtungen in Deutschland unter Beschuss, insbesondere die Hauptquartiere in Wiesbaden und Stuttgart sowie die Luftwaffenstützpunkte in Ramstein bei Kaiserslautern und Spangdahlem im Eifelkreis Bitburg-Prüm.

Spätestens jetzt eskaliert der Krieg. Russland beschießt nun wichtige kritische Infrastruktur sowie Truppenquartiere in Schulen, Sportstätten, öffentlichen Einrichtungen und Privatwohnungen. Städte und Gemeinden entlang der Autobahnen trifft es am schwersten. Sämtliche amerikanische Hauptquartiere und Militäreinrichtungen, alle Abschusseinrichtungen amerikanischer Raketen und Nachschubeinrichtungen der NATO-Truppen werden beschossen. Dabei sterben nicht nur Soldaten, sondern auch Zehntausende Zivilisten. Denn Schutzräume für die Zivilbevölkerung gibt es in Deutschland so gut wie keine.

Infolge des Beschusses bricht ein Teil der Wirtschaft zusammen. Heimisch produzierte Medikamente und Lebensmittel werden knapp. Durch die Zerstörung der Autobahnen und den Ausfall der Strom- und Kommunikationsnetze gelangt auch der Import aus anderen Ländern ins Stocken. In den Großstädten kommt es zu ersten Plünderungen durch verzweifelte Menschen. Die Krankenhäuser sind mit Verletzten überfüllt, doch Ausstattung und Medikamente fehlen.

Weil kein Strom da ist, funktioniert keine Heizung, man kann nicht kochen, weder Telefon noch Radio oder Fernsehen tun ihren Dienst. Es gibt keine Straßenbeleuchtung mehr und keine Ampeln. Der Bankautomat spuckt kein Geld aus, am Schalter bilden sich endlose Schlangen, weil nichts mehr elektronisch verbucht werden kann. Es kommt kein Wasser aus dem Hahn, man kann sich nicht waschen, das Abwasser wird nicht entsorgt. Müll bleibt teilweise liegen, weil die Entsorgung stockt. Keime und Bakterien breiten sich aus, so dass Seuchengefahr besteht.

Hunderttausende Deutsche flüchten aus den Großstädten und den besonders gefährdeten Gebieten, doch die Straßen sind verstopft. Wer tanken muss, steht vor Zapfsäulen, die ohne Strom keinen Sprit liefern. Die Bundesbürger werden angewiesen, zu Hause zu bleiben. Es gibt Ausgangssperren und Passierscheine. Die Regierung, die ihren Hauptsitz schon zu Beginn des Krieges an die Ostküste der USA verlegt hat, lässt Millionen kostenloser Kurbelradios verteilen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk informiert 24 Stunden am Tag über die aktuelle Lage und lässt immer wieder verlauten, der Krieg sei alternativlos und diene der Freiheit.

Eigentlich anstehende Wahlen werden aufgeschoben, weil nicht durchführbar. Russland startet Desinformationskampagnen, um Unruhe zu stiften, die Gesellschaft zu spalten und zum Bürgerkrieg anzustiften. Antikriegsdemonstrationen werden als "wehrkraftzersetzend" verboten, ebenso wie alle Statements gegen den Krieg. Zehntausende Zivilisten, Männer und Frauen zwischen 18 und 65 Jahren, werden zwangsrekrutiert, um unter russischem Dauerbeschuss dabei zu helfen, die NATO-Verbände unterzubringen und zu versorgen. Außerdem müssen Lazarette, Reha-Zentren sowie Betreuungs- und Erholungseinrichtungen aufgebaut werden.

An dieser Stelle bricht General a.D. Vads Beschreibung des Kriegsgeschehens ab. Was das alles konkret für die Menschen bedeutet – für Familien, Kinder, Senioren, Kranke usw. – und was im Fortgang des Krieges noch passiert, bleibt unserer Phantasie überlassen.

Auch das Geschehen an der Front wird von Vad nicht beschrieben. Um eine Vorstellung vom Frontgeschehen zu bekommen, kann ich einige gute amerikanische Kriegsfilme (oder, wenn man so will, Antikriegsfilme) empfehlen, zum Beispiel Platoon von Oliver Stone, Full Metal Jacket von Stanley Kubrick, Der Soldat James Ryan von Steven Spielberg oder auch Apocalypse Now von Francis Ford Coppola. Dieser Film wird mir schon allein wegen seiner Eingangssequenz mit dem Doors-Song The End immer in Erinnerung bleiben.

In all diesen Filmen geht es nicht einfach um Front-Ballerei, sondern darum, was im Krieg mit den Seelen der Menschen passiert, wie er die Menschen verändert, innerlich zerstört und dem moralischen Verfall preisgibt.

General a.D. Vad geht in seiner Beschreibung, wie gesagt, von einem konventionell geführten Krieg ohne Atomwaffen aus. Die NATO-Übungen seit dem Zweiten Weltkrieg legen aber ein anderes Szenario zugrunde.


2. Ein Atomkrieg zwischen Russland und der NATO

Jonas Tögel hat in seinem Buch Kriegsspiele die NATO-Übungen seit 1945 unter die Lupe genommen und daraus die Verteidigungsstrategie der NATO entnommen. Tögel ist Propagandaforscher und arbeitet am Institut für Psychologie der Universität Regensburg4.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die USA die einzige Atommacht auf der Welt. Im Fall eines Krieges gegen die Sowjetunion sahen die amerikanischen Planungen zunächst vor, auf etwa 20 russische Städte Atombomben abzuwerfen. Diese Strategie änderte sich ab 1949, als die Sowjetunion ebenfalls über Atombomben verfügte.

Seit 1955 standen sich mit dem Warschauer Pakt und der NATO zwei atomar bewaffnete Militärbündnisse feindlich gegenüber. Die NATO-Planungen sahen jetzt nicht mehr vor, die Sowjetunion in dem Maße wie zuvor mit Atomwaffen anzugreifen. Vielmehr sollten jetzt vor allem die angreifenden Truppen des Warschauer Pakts mit taktischen Atombomben ausgeschaltet werden. Taktische Atombomben sind mit relativ "kleinen" Sprengsätzen ausgestattet, richten aber weit mehr Schaden an als konventionelle Waffen. Sie dienen z.B. zur umfassenden Bekämpfung gegnerischer Streitkräfte.

In der 1955 abgehaltenen NATO-Übung Carte Blanche (übersetzt Weiße Karte oder Freibrief) wurden 168 fiktive Atombomben auf deutsches Gebiet abgeworfen, um die angreifenden Truppen zu vernichten, die in der DDR und in der Bundesrepublik auf dem Vormarsch waren. Auch andere Länder waren das Ziel. Das traf natürlich nicht nur die Truppen, sondern auch die Zivilbevölkerung in mehreren Ländern. Man ging von insgesamt 4,5 Millionen getöteten Zivilisten aus, davon 1,7 Millionen in beiden Teilen Deutschlands. Hinzu kamen 3,5 Millionen Verwundete allein in beiden Teilen Deutschlands.

Auch der Warschauer Pakt plante, nach einem Angriff der NATO massiv Atomwaffen einzusetzen. Wien sollte von zwei 500-Kilotonnen-Bomben zerstört werden, München von einer. Neben München sollten Bonn, Frankfurt, Köln und Stuttgart zerstört werden, außerdem der nördliche Hafen in Hamburg. Auch atomare Angriffe auf Brüssel sowie auf Städte in den Niederlanden, Dänemark und Italien waren geplant.

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt bemerkte zur NATO-Strategie:

Als ich 1969 Verteidigungsminister wurde, war mir klar, daß diese Strategie innerhalb weniger Tage zu millionenfacher Vernichtung menschlichen Lebens in beiden Teilen Deutschlands führen könnte.5

Und der Spiegel-Gründer Rudolf Augstein fasste es in die Formel, "daß die Bundesrepublik im Ernstfall [eines Krieges] nicht verteidigt werden" könne6. Das scheint man heute weitgehend vergessen zu haben.

In der NATO-Übung Able Archer (Fähiger Bogenschütze), die 1983 stattfand, wurde der Einsatz von atomaren, biologischen und chemischen Waffen geprobt. Der Plan war, im Kriegsfall 25 Ziele in Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei mit Atomwaffen anzugreifen, insgesamt aber 300 Atombomben auf Ziele in Europa, aber nun doch auch wieder auf die Sowjetunion. Außerdem wurde ein überraschender Giftgasangriff auf gegnerische Truppen geübt, der sofort 60 Prozent aller Soldaten getötet hätte.

Zum Eklat kam es während der Übung Wintex-Cimex im Jahr 1989. Wieder sollten die vordringenden Truppen des Warschauer Pakts durch atomare oder chemische Waffen ausgeschaltet werden. Doch die deutsche Übungs-Delegation, die die deutsche Regierung simulierte, zögerte bei der Zustimmung. Nach langem Drängen stimmte die deutsche Delegation einem atomaren Erstschlag zu, so dass in der Übung 17 Atombomben in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei, der Türkei und Deutschland detonierten, drei davon in der DDR. Nur eine Bombe sollte auf die Sowjetunion fallen.

Weil sich nach dem Drehbuch der Übung die Truppen des Warschauer Pakts durch diesen atomaren Erstschlag nicht aufhalten ließen, sollten in einem Zweitschlag weitere 25 Atombomben abgeworfen werden, davon ein Drittel auf deutsches Gebiet. Doch der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) zog die Reißleine und beorderte die deutsche Delegation von der Übung ab. Die Übung lief ohne die Deutschen weiter und endete in der weitgehenden atomaren Verwüstung Deutschlands. Helmut Kohl erklärte später, das Szenario sei "für uns Deutsche völlig inakzeptabel", und fügte hinzu:

Ich habe einen Eid geleistet, Schaden vom deutschen Volk zu wenden, und dazu gehört die DDR auch.7

Bis heute ist umstritten, ob die USA die europäischen Regierungen im Ernstfall überhaupt fragen würden, ob sie Atomwaffen auf deren Gebiet abwerfen dürfen. Klaus von Dohnanyi (SPD), der 1979 an einer NATO-Übung teilnahm, hat jedenfalls die Erfahrung gemacht, nicht gefragt worden zu sein.

Umstritten ist auch, ob die USA sich selbst gefährdet und gegen russisches Territorium Atomwaffen eingesetzt hätten, um Europa zu verteidigen – und ob sie das heute tun würden. Besonders unter der Präsidentschaft von Donald Trump kann man das mit Recht bezweifeln.

Deutschland ist heute kein Frontstaat mehr, aber immer noch logistischer Dreh- und Angelpunkt der NATO. Das Land ist also nicht aus der Gefahrenzone genommen, zumal es in Deutschland über vierzig amerikanische Militäreinrichtungen gibt. Dazu gehören das Hauptquartier der US-Luftwaffe für Europa und Afrika und das Hauptquartier eines NATO-Kommandos zur Führung von Luftstreitkräften in Ramstein. Auch Kampfdrohnen werden von Ramstein aus gesteuert8. In Büchel im Landkreis Cochem-Zell lagern ca. 20 amerikanische Atomsprengköpfe. Einige davon sind mit der 13-fachen Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe ausgestattet.

Deutschland wäre also im Kriegsfall ein bevorzugtes Ziel für die Raketen und Bomben eines Angreifers. Russland führt nach eigenen Angaben wie die NATO Übungen mit taktischen Nuklearwaffen durch.

In den jüngeren NATO-Übungen wird der Abwurf der etwa 150 amerikanischen Atombomben geübt, die in Europa lagern. Die Bomben haben eine bis zu 20-fache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. Es unterliegt der Geheimhaltung, ob diese Bomben auch auf solche feindlichen Streitkräfte, die sich bereits in NATO-Staaten befinden, abgeworfen werden, also auf dem Boden von NATO-Staaten detonieren.

Dafür würde aber sprechen, dass nach einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie "die Reichweite der Flugzeuge, mit denen die Atomwaffen transportiert werden sollen, an vielen Stellen kaum über das Bündnisgebiet hinaus reicht"9.

Abschließend möchte ich noch kurz das verheerende Zerstörungspotential von Atomwaffen verdeutlichen. Ich greife dazu auf eine weitere von Greenpeace beauftragte Studie zurück10.

Ein wahrscheinliches Angriffsziel wäre der Regierungssitz in Berlin. Die Studie geht von einer 20-Kilotonnen-Bombe aus, die auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude detoniert. Zum Vergleich: Die Hiroshima-Bombe hatte eine Sprengkraft von ca. 15 Kilotonnen11/. Bei diesen Größenordnungen handelt es sich nach heutigen Verhältnissen um relativ "kleine" Atombomben.

Der durch die Detonation entstehende Feuerball hat einen Radius von 260 Metern. Alles, was sich innerhalb dieses Radius befindet, wird verdampft. Das betrifft rund 900 Menschen. Schwere Explosionsschäden treten in einem Radius von 590 Metern auf. Auch in diesem Umkreis sterben fast alle Menschen. Das betrifft rund 4.500 Personen.

Durch eine tödliche Strahlendosis im weiteren Umkreis sterben innerhalb eines Monats mehr als 25.000 Menschen. In einer Entfernung von bis zu 1,91 Kilometern vom Detonationspunkt sterben durch einstürzende Gebäude und Feuer über 26.000 Menschen, über 73.000 werden verletzt.

Durch den radioaktiven Niederschlag (die Fallout-Strahlung) sterben weitere Zigtausende Menschen. Die Studie gibt insgesamt 145.000 unmittelbar Tote an. Hinzu kommen noch etwa 50.000 spätere Tote durch eine Krebserkrankung.

Der Focus bemerkte zu diesem Szenario:

Im Fall eines direkten russischen Angriffs auf die NATO – in dessen Rahmen die Hauptstadt der Bundesrepublik ein realistisches erstes Ziel wäre – wäre eher mit einer größeren Atombombe zu rechnen. Im Fall einer 500000-Tonnen-TNT-Atombombe würden laut Rechnungen von "t-online" in einem Schlag nahezu eine Million Deutsche getötet oder tödlich verletzt. So gut wie ganz Berlin läge sofort in Trümmern. Die Atomwolke zöge, je nach Windrichtung, bis nach Hamburg oder Prag.12

Ein Angriff mit einer 550-Kilotonnen-Bombe auf Frankfurt würde 500.000 unmittelbare Todesfälle verursachen sowie rund 165.000 durch eine spätere Krebserkrankung. Ein Angriff mit einer 170-Kilotonnen-Bombe auf Büchel würde zu 130.000 unmittelbaren und rund 80.000 späteren Todesfällen führen.

Das alles sind abstrakte Zahlen. Es geht aber um das Leben unschuldiger Menschen: Kinder, die soeben noch spielten, Touristen, die die Stadt erkundeten, verliebte Pärchen auf einer Bank im Park, die von einer gemeinsamen Zukunft träumten, Männer und Frauen, die mit Kinderwagen unterwegs waren oder ihrer Arbeit nachgingen. Sie alle werden verdampft, verbrannt oder verstrahlt und einem elenden Tod anheimgegeben.

Es ging bei diesen Beschreibungen um relativ "kleine" taktische Atombomben. "Klein" ist nicht falsch zu verstehen: Auch diese Nuklearwaffen können schon "schwerste Zerstörungen anrichten und erhebliche Radioaktivität freisetzen"13. Bei strategischen Atombomben wären die Verwüstungen und Todeszahlen erheblich höher. Sie haben eine Sprengkraft von bis zu 100 Millionen Tonnen. Was dabei passiert, möchten wir uns nicht vorstellen.

Und das alles ist kein bloßes Gedankenspiel, das aller Wahrscheinlichkeit nach nicht eintreten wird, sondern eine konkrete Gefahr. Der polnische Premierminister Donald Tusk erklärte im letzten Jahr:

Ich weiß, es klingt niederschmetternd, vor allem für die jüngere Generation, aber wir müssen uns daran gewöhnen, dass eine neue Ära begonnen hat: die Vorkriegszeit. Ich übertreibe nicht, das wird jeden Tag deutlicher [...]. Ich möchte niemandem Angst machen, aber Krieg ist kein Konzept mehr aus der Vergangenheit.14

Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) drückte es so aus:

Wir müssen uns wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte.15

Und der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter, unser vielleicht zukünftiger Verteidigungsminister, forderte:

Der Krieg muss nach Russland getragen werden. [...] Russische Militäreinrichtungen und Hauptquartiere müssen zerstört werden. Wir müssen alles tun, dass die Ukraine in die Lage versetzt wird, nicht nur Ölraffinerien in Russland zu zerstören, sondern Ministerien, Kommandoposten, Gefechtsstände.16

Dieses Statement von Kiesewetter kann man nur als Aufruf verstehen, Moskau mit seinen Ministerien anzugreifen.

Was die geschilderten Auswirkungen eines Krieges betrifft, möchte ich mit einem Wort des Generals a.D. Erich Vad schließen:

Eine Politik, die einem Krieg in Deutschland Tür und Tor öffnet, darf einfach nicht sein. Nicht im Ukraine-Krieg und auch in keinem anderen Krieg. Denn im Krieg ist nur eines verlässlich: Es wird schlimmer kommen, als wir es uns ausmalen können.17

Ich finde es absurd, wenn Politiker fordern, sich an den Gedanken eines Krieges in Europa zu gewöhnen. Das Ziel der Politik muss doch sein, einen Krieg, wo immer möglich, zu vermeiden. Das gelingt nach Vad aber nur, indem zwischenstaatliche Konflikte durch Dialog, Diplomatie und Interessenausgleich bewältigt werden und man keine Eskalation riskiert, die zum Krieg führt.

Was in unserer konkreten Situation des Ukrainekriegs zu tun ist, wie ein Ende dieses Krieges erreicht werden kann und wie eine zukünftige weltpolitische Ordnung aussehen könnte, dazu entwickelt Erich Vad in seinem Buch ein Konzept, das ich jetzt darstellen möchte18.


3. Ein politisches Konzept für eine friedliche Zukunft

Der General a.D. plädiert dafür, dass Deutschland sein sicherheitspolitisches Schicksal in die eigene Hand nimmt, indem die Bundeswehr stark und kriegstauglich gemacht wird. Im Verbund mit den EU-Staaten sollten Deutschland und Europa eine strategische Autonomie neben den Großmächten USA, Russland und China anstreben. Dadurch werde eine Sicherheit erreicht, die Europa dann auch zu eigenen politischen Aktivitäten befähigt.

Aus einer militärischen Stärke heraus kann Deutschland dann seinen Interessen Nachdruck verleihen. Militärische Abschreckung ist also für Vad ein wichtiges Mittel, um den Frieden zu sichern und politisch ernst genommen zu werden. Dazu verweist er immer wieder auf die Zeit des Kalten Krieges, in dem die westliche Abschreckung einen Krieg verhindert hätte.

Auch über eine Wehrpflicht muss nach Vad wieder nachgedacht werden. Denn die Bundeswehr leidet massiv unter Personalmangel. Materiell und personell müsse also die Bundeswehr aufgerüstet werden. Auch die militärische Stärke der USA ist zum Schutz Europas notwendig. Die Abschreckung sollte jedoch nach Vad nicht so weit gehen, dass daraus statt Sicherheit eine Eskalationsgefahr entsteht.

Zur Kriegstüchtigkeit gehört auch, dass ein wirksamer Zivilschutz aufgebaut wird: ausreichend viele funktionsfähige Bunker sowie Medikamente und Nahrungsmittel aus eigener deutscher Produktion sind wesentlich, um im Kriegsfall nicht auf Importe angewiesen zu sein. Kurzum: Deutschland sollte in allen kritischen Bereichen möglichst autark werden.

Dazu gehört nach Vad auch – und das überrascht – eine Abnabelung von den USA. Denn die nationalen Interessen der USA seien nicht mit unseren deutschen Interessen identisch. Die geographische Lage Deutschlands erfordere ein einvernehmliches Auskommen mit Russland. Und gute Beziehungen zu China seien für uns wirtschaftlich unerlässlich. Die USA seien diesbezüglich in einer anderen Position.

Vad stellt ausdrücklich fest, dass die USA nicht unser, sondern ihr Bestes wollen. Ich finde, gerade unter Donald Trump ist das ja auch sehr offensichtlich. Nach Vad dient Europa den USA als strategischer Brückenkopf im Westen Eurasiens. Und die NATO dient dazu, die US-Vormachtstellung in und über Europa sicherzustellen.

Im Kalten Krieg war das noch anders, sagt Vad. Heute aber hätten die weltweiten Militäreinsätze der NATO wenig mit Bündnisverteidigung zu tun, aber viel mit den Interessen der USA. Auch der Ukrainekrieg diene dazu, Russland als strategischen Rivalen der USA in die Schranken zu weisen. Er sei ein Stellvertreterkrieg zwischen Russland und den Vereinigten Staaten. Es sei zwar richtig, die Ukraine in ihrem Verteidigungskrieg militärisch zu unterstützen. Wir dürfen dabei aber nicht blindlings den Vorgaben der USA folgen, sondern müssen (mit meinen Worten) "erwachsen werden" und unseren eigenen Interessen nachkommen, die sich von denen der USA unterscheiden.

Zu unseren eigenen Interessen gehört es Vad zufolge auch, keine Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine zu liefern. Denn damit könnte die Ukraine auch Moskau angreifen. Und dass Deutschland dann von Russland zur Kriegspartei erklärt werden könnte, liegt absolut nicht im deutschen Interesse.

Auch die für 2026 geplante Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland, darunter Überschallwaffen, liegt nach Vad nicht im deutschen Interesse, wenn nicht zugleich Abrüstungsmaßnahmen angestoßen werden. Denn mit diesen Raketen können Militärbasen und andere Ziele in der Tiefe Russlands innerhalb kürzester Zeit angegriffen und zerstört werden. Und obwohl die Raketen in Deutschland lagern, entscheiden die USA über ihren Einsatz. Russische Vergeltungsraketen würden dann Deutschland treffen, nicht die USA. Vad hält fest, dass diese Raketen nur in Deutschland und nicht in anderen NATO-Staaten stationiert werden sollen, so dass die übliche Lasten- und Risikoverteilung innerhalb der NATO hier entfällt.

Das alles sind für Vad Gründe, sich in einer multipolaren Welt, in der die Vormachtstellung der USA nicht zu halten sein wird, neu zu orientieren, die blinde Gefolgschaft gegenüber den Vereinigten Staaten aufzugeben und eigene politische Haltungen und Aktivitäten zu entwickeln. Das heißt nicht unbedingt, dass die Bindung an den Westen und die NATO aufgegeben werden muss. Aber Europa sollte endlich seine Stärke erkennen und zu einer Position auf Augenhöhe mit den USA gelangen.

Dann käme Europa in die Lage, eigenständig aktiv zu werden und die Beziehung zu Russland zu entspannen, indem auch die russischen Interessen wahrgenommen werden. Diese bestehen nach Vad darin, für seine Handels- und Kriegsschiffe den Zugang zum Schwarzen Meer zu behalten, und vor allem darin, dass die Ukraine nicht in die NATO eintritt und keine NATO-Truppen und -Raketen in der Ukraine stationiert werden. Diese nationalen Interessen Russlands, so Vad, verschwinden auch nicht dadurch, dass man sie im Westen ignoriert.

Ein starkes Deutschland könnte die Initiative ergreifen und gemeinsam mit China und den BRICS-Staaten Brasilien, Indien, China und Südafrika Druck auf Putin ausüben, sich auf Verhandlungen über einen Waffenstillstand einzulassen. Und ein starkes Deutschland könnte auch einen Plan entwickeln, wie nach einem Waffenstillstand die Sicherheit eines unabhängigen ukrainischen Staates gewährleistet werden könnte.

Das alles kann hier nur angedeutet und nicht in allen Aspekten und mit den entsprechenden Begründungen dargestellt werden. Ich empfehle deshalb allen Interessierten die Lektüre des Buches von Erich Vad, das meiner Meinung nach auf nur 68 Seiten Text gut verständlich einen Überblick über die weltpolitische Lage bietet und über Handlungsoptionen, die jenseits von Krieg und Waffenlieferungen liegen.

Wenngleich ich Vads Überlegungen in vielen Punkten für gut durchdacht und an friedlichen Lösungen orientiert halte, kann ich ihm dennoch aus christlicher Sicht nicht in allen Punkten zustimmen.


4. Eine christliche Ethik in der Nachfolge Jesu

Christliches Handeln muss sich an Jesus orientieren. Wie also hat Jesus versucht, Menschen zum Guten zu bewegen und Gewalt zu verhindern? Kurz gesagt: Er hat nicht auf Abschreckung gesetzt, indem er Gewalt androhte, sondern auf die Kraft der Liebe.

Es mag überraschen, dass ich im Raum der Politik auf Liebe zu sprechen komme. Ich möchte daher im Folgenden konkret darlegen, dass auch Politik sich mit Liebe gestalten lässt.

Lieben heißt zunächst, niemandem hörig zu sein. Jesus ist konsequent seinen eigenen Weg gegangen. Er hat sich mit seiner Meinung nicht zurückgehalten, sondern hat deutliche Worte gefunden und das Böse beim Namen genannt. Er hat gegenüber Menschen, die in (selbst)zerstörerische Handlungsweisen verstrickt waren, nicht geschwiegen, sondern Kritik geübt, wo es nötig war. Er hat auch auf drohende Gefahren eines solchen Lebens hingewiesen (Mk 8,34f; Mt 26,52). Es wäre lieblos gewesen, wenn Jesus das nicht getan hätte.

Auf unsere Fragestellung bezogen heißt das: Eine Abhängigkeit von den USA und ihrer Weltanschauung wäre nicht im Sinne Jesu gewesen. Freundschaft ist gut, aber Freundschaft bedeutet nicht bedingungslose Gefolgschaft. Christinnen und Christen sind zur Nachfolge Jesu aufgerufen, nicht zur Nachfolge eines irdischen Staatsmannes oder Staates.

Insofern kann ich Erich Vads Vorschlag einer Abnabelung von den USA zustimmen. Denn die USA verfolgen ihre eigenen nationalen Interessen und bringen durch ihre Kriege viel Leid in die Welt. Das bedeutet weder eine Aufkündigung der Freundschaft mit den USA noch etwa eine neue Freundschaft mit Russland. Aber es bedeutet, eine von beiden unabhängige Politik zu betreiben.

Vad geht dennoch davon aus, dass wir den atomaren Schutzschirm der USA brauchen, um nicht den Aggressionen Russlands und Chinas wehrlos ausgeliefert zu sein. Er führt den Kalten Krieg als Beweis dafür an, dass das Abschreckungskonzept erfolgreich gewesen sei. Hierin kann ich ihm nicht folgen. Denn es hat sich im Kalten Krieg mehrfach gezeigt, dass dieser sogenannte "Schutzschirm" selbst enorme Gefahren in sich birgt.

Bekannt ist, dass die Kubakrise 1962 beinahe einen Krieg zwischen der Sowjetunion und der NATO ausgelöst hätte. Weniger bekannt ist ein Vorfall aus dem Jahr 1983: Während der schon erwähnten NATO-Übung Able Archer wäre es aufgrund andauernder politischer Spannungen, massiver Aufrüstung, Misstrauen zwischen den Supermächten und Missverständnissen über den Ablauf der Übung um Haaresbreite zu einem Atomkrieg zwischen der UdSSR und der NATO gekommen.

Nur der Geistesgegenwart des Oberstleutnants der sowjetischen Luftverteidigung Stanislaw Petrow ist es zu verdanken, dass die schon abschussbereiten russischen Raketen nicht abgefeuert wurden. Petrow folgte seinem Instinkt und ignorierte, was sein Computer ihm anzeigte: den Anflug mehrerer amerikanischer Raketen mit dem Ziel Russland. Es gibt darüber eine ARTE-Dokumentation, die ich nur empfehlen kann19.

Ich kann daraus nur folgern: Der atomare Schutzschirm ist eine Illusion. Er führt dazu, dass jederzeit, aber besonders in Zeiten der Aufrüstung, wie wir sie jetzt wieder erleben, ein Atomkrieg ausbrechen kann – sogar dann, wenn weder die USA noch Russland dies beabsichtigen.

So schreibt sogar die Bundeszentrale für politische Bildung:

Einen definitiven Nachweis, dass die eine der Antworten [auf die Frage nach dem Funktionieren der nuklearen Abschreckung] richtig und die andere falsch ist, gibt es nicht. Man kann nicht beweisen, dass oder wie die nukleare Abschreckung funktioniert. Ob und welche Antwort man für richtig hält, ist letztlich "Glaubenssache".20

Noch deutlicher wurde Albert Schweitzer, der schon 1957 schrieb:

In einem Atomkrieg gibt es keinen Sieger, sondern nur Besiegte. [...] Wo es sich um Atomwaffen handelt, kann kein Volk zu seinem Gegner sagen: "Nun sollen die Waffen entscheiden", sondern nur: "Nun wollen wir miteinander Selbstmord begehen, indem wir uns gegenseitig vernichten."21

Aber ganz abgesehen von diesen Gefahren, die in der atomaren Bewaffnung selbst gründen, möchte ich fragen: Kann man als Christ wirklich in Kauf nehmen, dass Hunderttausende Menschenleben für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und den westlichen Lebensstil ausgelöscht werden? Hängt daran das Heil oder auch nur das Lebensglück? Kann man denn glücklich leben mit dem Wissen, zum Tod Hunderttausender unschuldiger Menschen beigetragen zu haben? Ich denke, Christinnen und Christen sollten den Tod so vieler unschuldiger Menschen nicht riskieren, weil Jesus einen anderen Weg weist.

Demgegenüber mutet es geradezu grotesk an, was die ukrainische Sängerin Mariana Sadovska wenige Wochen nach dem Beginn des Ukrainekriegs im Bundeskanzleramt sagte: Wer angegriffen werde, müsse sich um jeden Preis zur Wehr setzen und den Angreifer stoppen. Und wenn dies den Weltuntergang per Atomkrieg mit sich bringe, "dann soll es halt so sein!"22

Jesus hingegen lebte die Liebe – und das Risiko für ihn selbst, das mit jeder Liebe verbunden ist. Er trug das Risiko der Lieblosigkeit und wälzte es nicht auf die schuldig gewordenen Menschen ab. "Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. [...] Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen" (Jes 53,4a.5a). Liebe ist in der gefallenen Welt immer ein Wagnis. Wir werden nicht lieben können, ohne ein Wagnis einzugehen.

Wer nach militärischer Sicherheit strebt, ohne selbst ein Risiko auf sich nehmen zu wollen, muss endlos aufrüsten, ohne jedoch wirklich Sicherheit zu erreichen. Nur wer bereit ist, ein persönliches Risiko einzugehen, kann in der Liebe leben.

Ein Risiko einzugehen heißt nicht, sich wehrlos zu machen. Ich teile Erich Vads Einschätzung, dass es der Bundeswehr nicht so sehr an Personal, Ausrüstung und funktionierendem Gerät fehlen darf, dass sie ihren Auftrag nicht erfüllen kann. Der verfassungsmäßige Auftrag der Bundeswehr ist die Landesverteidigung. Deshalb muss die Bundeswehr so ausgestattet sein, dass sie verteidigungsfähig ist.

Erich Vad spricht von Kriegstauglichkeit. Die Frage ist aber, was man unter Kriegstauglichkeit versteht. Wenn damit gemeint ist, dass die Bundeswehr an verschiedenen Stellen der Welt zusammen mit den USA angeblich unser Land verteidigt, ist das mit Vorsicht zu genießen. Auf diese Weise ist der Auftrag der Bundeswehr in den letzten Jahrzehnten immer weiter ausgedehnt worden. Wer glaubt heute noch, dass unser Land in Afghanistan verteidigt wurde? Ich plädiere deshalb für eine Armee, die sich auf die Landesverteidigung konzentriert und dafür ausreichend ausgestattet ist.

Erich Vad nimmt an, dass Deutschland seine Interessen nur dann wahren kann, wenn es diesen Interessen durch militärische Stärke weltweit Nachdruck verleiht. Ich bezweifle das. Sollte es aber tatsächlich so sein, dann wäre der Verzicht auf solche militärische Stärke ein Stück christlicher Risikobereitschaft.

Ich denke, auch ein Staat mit relativ kleiner Armee, aber einem umfassenden und funktionierenden Zivilschutz, der der Bevölkerung im Ernstfall Zuflucht bietet, kann durchaus verteidigungsfähig sein. Als neutraler Staat kann er sogar in Konflikten vermitteln oder Ort für Verhandlungen sein, wie man am Beispiel der Schweiz sieht.

Die Bundeswehr sollte also weder überdimensioniert noch für Auslandseinsätze ausgerüstet sein. Es sollte nicht so viel Geld in sie investiert werden, dass ausreichende Mittel für Schulen, Kindergärten, Sozialleistungen, Straßen, Brücken und Klimaschutz fehlen. Die Finanzierung der Bundeswehr sollte auch nicht auf Kosten der Entwicklungshilfe gehen, so dass schon bevor der Krieg beginnt Leid über die Welt gebracht wird. Auch das würde der Liebesethik Jesu widersprechen.

Wir benötigen auch keine neuen Mittelstreckenraketen, die von den USA befehligt werden und Moskau unmittelbar bedrohen, so dass sie die Kriegsgefahr vergrößern. Darin bin ich wieder mit Erich Vad einig, aber überhaupt nicht mit Roderich Kiesewetter, der den Krieg unbedingt "nach Russland tragen" will.

Aber widerspricht eine Armee nicht überhaupt dem Liebesgebot Jesu? Ich denke an eine Armee, die für den äußerst seltenen Fall, dass ein Verteidigungskrieg unerlässlich ist, gerüstet ist. Einem islamistischen Staat beispielsweise, der mit seinen brutalen Kämpfern unser Land bedroht, möchte ich nicht wehrlos ausgeliefert sein. Und ich bin froh, dass Hitler sein grausames Projekt der Weltherrschaft nicht verwirklichen konnte.

Ich bin mir bewusst, dass man im Krieg schuldig wird. Krieg entspricht nie dem Liebesgebot Jesu. Den Vorrang muss deshalb immer haben, lieber selbst Leid auf sich zu nehmen, statt anderen Leid zuzufügen. Denn das war Jesu Weg.

Andererseits hat Jesus keinen Soldaten aufgefordert, seinen Dienst zu beenden. Es kann nämlich in der gefallenen Welt möglich sein, dass man mehr Schuld auf sich lädt, wenn man sich nicht verteidigt, als wenn man es tut. Wann ein Verteidigungskrieg wirklich unerlässlich ist, muss immer wieder neu und streng geprüft werden. Es darf meiner Meinung nach aus christlicher Sicht nur äußerst selten und unter engen Voraussetzungen der Fall sein können.

Der Philosoph Olaf Müller hat ohne christlichen Hintergrund eine solche Haltung als "pragmatischen Pazifismus" bezeichnet. Pragmatisch deshalb, weil diese Haltung nicht starren Lehrsätzen folgt, die ein für allemal gelten, sondern jede Situation flexibel neu bewertet. Der pragmatische Pazifist geht davon aus, dass fast alle zwischenstaatlichen Konflikte friedlich zu lösen sind. Er ist aber zugleich bereit, seine Haltung zu modifizieren, umzuformulieren oder im Extremfall sogar preiszugeben23.

Was bedeutet das alles für eine an Jesus orientierte Ethik? Ich fasse vier wichtige Punkte zusammen, die sich meiner Meinung nach aus Jesu Liebesethik ergeben:

1. Wer sich an Jesu Liebe orientiert, entscheidet unabhängig. Er weiß um die Gefahren, verführt zu werden, und prüft deshalb gründlich alles, was ihm durch die verschiedenen Medien präsentiert wird. Er lässt prinzipiell Vorsicht walten gegenüber allem, was öffentlich vertreten wird. Er schließt sich nicht unkritisch dem Mainstream an, sondern übernimmt nur das Gute, das mit Jesu Leben und Lehre übereinstimmt (1Thess 5,21).

2. Wer sich an Jesu Liebe orientiert, gewöhnt sich nicht an Krieg, sondern schreckt vor ihm zurück. Er führt sich das unbeschreibliche Leid vor Augen, das mit Krieg in jedem Fall verbunden ist. Er verschließt die Augen nicht vor den Gefahren der Eskalation, die in jedem Krieg stecken. Deshalb ergreift er alle Möglichkeiten, Krieg zu verhindern. Er beteiligt sich nicht an Kriegen, die machtpolitische Gründe haben. Er dämonisiert den Gegner nicht, sondern nimmt auch seine Interessen wahr und zieht Diplomatie dem Krieg vor. Wie Jesus legt er den Bösen nicht auf seine Bosheit fest, sondern geht auf ihn zu und traut ihm zu, von seinem Weg umzukehren (z.B. Lk 19,5).

3. Wer sich an Jesu Liebe orientiert, versucht, wie Jesus lieber Leid auf sich zu nehmen als anderen Leid zuzufügen (Mt 5,38-42; 26,51-54). Deshalb lehnt er Krieg in den meisten Fällen ab. Nur in extrem seltenen Ausnahmefällen gesteht er zu, dass ein Krieg unumgänglich ist, und nimmt die Schuld des Krieges auf sich. Er bleibt aber auch dann stets offen für Zugeständnisse und tut alles, um den Krieg schnell zu beenden und so das Leid zu minimieren. Er verweigert alles, was zu einem Atomkrieg führen könnte, denn dieser führt zu Leid und Tod für unzählige unschuldige Menschen. Das widerspricht eindeutig der Liebe Jesu.

4. Wer in der Gewissheit lebt, von Gott unwiderruflich geliebt und als sein Kind eines ewigen Lebens gewürdigt zu sein, ist bereit, sein irdisches Leben einem Wagnis aussetzen, wenn es dazu dient, das Leben anderer zu retten und so die Liebe Jesu weiterzugeben.


* * * * *


Quellennachweise:
1 Zitiert nach Vad: Ernstfall, S. 5.
2 Zu diesen persönlichen Daten siehe den Klappentext in Vad: Ernstfall sowie https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Vad.
3 Siehe Vad: Ernstfall, S. 13-25.
4 Zum Folgenden siehe Tögel: Kriegsspiele, S. 21-75.
5 Zitiert nach Tögel: Kriegsspiele, S. 46. Dort zitiert nach Der Spiegel vom 16.7.1989: "Schlacht von gestern".
6 Zitiert nach Tögel: Kriegsspiele, S. 33. Dort zitiert nach Der Spiegel vom 27.12.2970: "Weinstein im Kaffeesatz".
7 Zitiert nach Tögel: Kriegsspiele, S. 48. Dort zitiert nach Der Spiegel vom 30.4.1989: "Der Iwan kommt – und feste druff".
8 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Ramstein_Air_Base.
9 Kütt: Kernwaffen, S. 4. Siehe auch Tögel: Kriegsspiele, S. 66f.
10 Siehe Becker: Auswirkungen einer Atombombe, S. 19-33.
11/ Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Little_Boy.
12 Zitiert nach Tögel: Kriegsspiele, S. 66. Dort zitiert nach Focus vom 30.8.2023: "Was passiert eigentlich, wenn eine Atombombe Berlin trifft?"
13 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Kernwaffe#Taktische_Kernwaffe.
14 Zitiert nach Tögel: Kriegsspiele, S. 77. Dort zitiert nach t-online vom 30.3.2024: "Polnischer Regierungschef zeichnet düsteres Szenario".
15 Zitiert nach Tögel: Kriegsspiele, S. 78. Dort zitiert nach ZDF heute vom 29.10.2023: "Pistorius sieht Gefahr eines Kriegs in Europa".
16 Zitiert nach Tögel: Kriegsspiele, S. 78. Dort zitiert nach Deutsche Welle vom 9.2.2024: "Kiesewetter: Den Krieg nach Russland tragen".
17 Vad: Ernstfall, S. 25.
18 Zum nächsten Kapitel siehe Vad: Ernstfall, S. 26-77.
19 Die ARTE-Dokumentation ist zu sehen auf https://www.youtube.com/watch?v=yxRY7J0Jqxg. Siehe auch Tögel: Kriegsspiele, S. 39f und https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow.
20 Siehe https://sicherheitspolitik.bpb.de/de/m6/articles/nuclear-strategy-between-deterrence-and.
21 Siehe Tögel: Kriegsspiele, S. 92. Dort zitiert nach Ingeborg Maus: Menschenrechte. Demokratie und Frieden. Perspektiven globaler Organisation. Suhrkamp 2018, S. 135ff. Siehe auch https://www.aerzteblatt.de/archiv/55396/Albert-Schweitzer-und-der-Atomtest-Stopp-Appell-an-die-Menschheit.
22 Siehe Müller: Pazifismus, S. 27.108. Dort zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.3.2022, S. 9.
23 Siehe Müller: Pazifismus, S. 11.

Verwendete Literatur:
  • Becker, Oda: Auswirkungen einer Atombombe auf Deutschland. Studie im Auftrag von Greenpeace. Hamburg 2020. Download: https://www.greenpeace.de/frieden/was-bewirkt-atombombe.
  • Kütt, Moritz: Kernwaffen in Deutschland. Hintergründe zur nuklearen Teilhabe. Studie im Auftrag von Greenpeace. Hamburg 2000. Download: https://www.greenpeace.de/publikationen/kernwaffen-deutschland-hintergruende-nuklearen-teilhabe.
  • Müller, Olaf: Pazifismus. Eine Verteidigung. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, 2. Aufl. Ditzingen 2022.
  • Tögel, Jonas: Kriegsspiele. Wie NATO und Pentagon die Zerstörung Europas simulieren. Westend, Neu-Isenburg 2025.
  • Vad, Erich: Ernstfall für Deutschland. Ein Handbuch gegen den Krieg. Westend, 2. Aufl. Neu-Isenburg 2024.

Foto: TF3000 auf Pixabay (Ausschnitt).




39 Kommentare
Michael Kröger
2025-02-16 15:53:55
Hallo Klaus

Danke für deine wirklich tiefgehende Analyse der gegegenwärtigen Situation, in der ein Krieg in Europa als nicht mehr so unwahrscheinlich erscheint wie noch vor Jahren. Umso mutiger und notwendiger finde ich deinen realisierten Gegensatz von Krieg mit Liebe. Was wohl der Militärtheoretiker Vad zu deinen Überlegungen sagen würde....?
Mit herzlichen Grüssen
Michael
2025-02-16 17:28:43
Hallo Klaus,

danke für diesen Beitrag und besonders für die Zusammenfassung des Buchs von Erich Vad. Die illusionslosen Beschreibungen eines modernen Kriegs in Mitteleuropa aktuell sicher von großer Bedeutung. Gegenüber den Einschätzungen von Anfang der 1980er Jahre (Fulda-Gap, Panzerschlacht in Sachsen-Anhalt/Niedersachsen usw.) hat sich hinsichtlich der Folgen gar nicht so viel geändert. Ich habe damals gegen die Stationierung der Pershing-2-Mittelstreckenraketen in Deutschland (als Reaktion auf die sowjetischen SS-20) demonstriert, hatte auch die Möglichkeit eines versehentlich aufgrund eines technischen Fehlers ausgelösten Kriegs mit Atomwaffen im Kopf, die ja offensichtlich keineswegs abwegig war.

Mit deinem Ansatz, dazu eine christliche Ethik zu formulieren, tue ich mich schwer. Für mich scheitert diese Amalgamierung des christlichen Liebesgebots mit einer doch irgendwie aktiven Kriegsführung. Das hängt irgendwo zwischen Himmel und Erde. Ich kann nur immer wieder auf das Jesuswort verweisen: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Das limitiert die Möglichkeit christlicher Politik und erst recht christlicher Kriegsführung.

Was ich trotzdem in dieser Zeit gut finde, ist Dietrich Bonhoeffers Fanö-Predigt von 1934 mit dem markanten Zitat „Es gibt keinen Frieden auf dem Weg der Sicherheit“. Der Gesamttext ist z. B. hier zu finden https://www.dietrich-bonhoeffer-verein.de/dietrich-bonhoeffer/bonhoeffers-friedensverstaendnis/

Besonders beachtlich daran finde ich den Gedanken einer internationalen und ökumenischen Zusammenarbeit der Christengemeinschaft gegen den Krieg. Wenn ich aber daran denke, dass in den USA Trump mit Paula White eine Evangelikale, die u. a. Vorstellungen eines Wohlstandsevangelium vertritt, zu seiner spirituellen Beraterin ernannt hat, und dass der Patriarch von Moskau voll hinter Putin steht, sieht es dafür in der Praxis wohl auch schlecht aus. In China haben Christen m. W. sowieso nichts zu sagen und im Iran schon gar nicht.

Mit besorgten Grüßen

Thomas Jakob
2025-02-16 20:48:50
Hallo Michael,

danke für deine freundliche Rückmeldung. Was Vad dazu sagen würde, darüber können wir nur Mutmaßungen anstellen. Vielleicht wäre ihm mein risikobehafteter Vorschlag einer "kleinen" Armee dann doch zu wenig deutsche Stärke, die er in seinem Buch fordert.

Viele Grüße
Klaus
2025-02-16 21:07:00
Hallo Thomas,

danke für deine wichtigen Ergänzungen. Ich kann die Aussagen der Fanö-Predigt Bonhoeffers nur unterstreichen. Dass Jesu Friedens-/Liebes-Reich nicht von dieser Welt ist, ist richtig. Aber dieses Reich soll ja in dieser Welt Gestalt gewinnen, und zwar in allen Lebensbereichen, also auch im Raum der Politik.

Dass Liebe sich nicht im kriegsbedingten Töten durchsetzt, gestehe ich gern zu. Aber in extrem seltenen Einzelfällen wäre auch das Zulassen hunderttausend- oder millionenfachen Tötens lieblos. Wenn man deshalb einen Krieg führt, und sei es zur Verteidigung, lädt man Schuld auf sich. Das schließt jedes Triumpfgefühl und jede Kriegsbegeisterung von vornherein aus. Aber ein solcher Krieg muss eben wirklich eine seltene Ausnahme bleiben. Das ist mir sehr wichtig.

Es ist irgendwie bezeichnend, dass ein Donald Trump Verhandlungen über einen Waffenstillstand mit Putin führen wird und ganz Europa (die muslimische Türkei ausgenommen!) darüber in helle Aufregung und politische Panik gerät, anstatt sich über Verhandlungen, die ein Ende des Tötens bedeuten könnten, zu freuen. Da scheint sich die Politik des "christlichen Abendlandes" doch recht weit von christlichen Grundsätzen entfernt zu haben ...

Hoffnungsvolle Grüße
Klaus
2025-02-17 10:27:33
Übrigens: Jesus forderte zur Feindesliebe auf und schloss dabei den politischen Feind nicht aus (Mt 5,44). Und Paulus schrieb: "Alles bei euch geschehe in Liebe!" (1Kor 16,14) Auch er fügte nicht hinzu, dass das "alles" nicht für den politischen Bereich gelte. Vielmehr spricht die Rahmung von Röm 13,1-7 dafür, dass das Liebesgebot auch im Politischen gilt: "Die Liebe sei ungeheuchelt" (Röm 12,9) mit den Konkretionen der Liebe in den folgenden Versen, besonders in V 18-20 (Frieden, keine Rache üben, den hungernden Feind speisen) sowie "Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt" (Röm 13,8-10), wo Paulus wiederum vom Liebesgebot und auch vom Tötungsverbot spricht.
2025-02-17 18:35:56
Hallo Klaus,

du schreibst: "Es ist irgendwie bezeichnend, dass ein Donald Trump Verhandlungen über einen Waffenstillstand mit Putin führen wird und ganz Europa (die muslimische Türkei ausgenommen!) darüber in helle Aufregung und politische Panik gerät, anstatt sich über Verhandlungen, die ein Ende des Tötens bedeuten könnten, zu freuen."

Die Empörung darüber kann ich voll und ganz verstehen. Putin führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. An den Verhandlungstisch gehört da zumindest die Ukraine, d. h. der ukrainische Präsident Selenskyj. Jetzt verhandelt ein Trump mit Putin, wieviel und welches Gebiet die Ukraine an Russland abtreten soll, ohne Mandat und über den Kopf der Ukrainer hinweg, damit Putin fürs eine gewisse Zeit Ruhe gibt. Weder Trump noch Putin interessiert das Völkerrecht und das Recht überhaupt. Und evtl. erzielte Ergebnisse wäre so etwas wie ein Vertrag zu Lasten Dritter, außer der Ukraine wäre das auch die EU, die a) Flüchtlinge versorgen und b) Friedenstruppen stellen soll.

Ich verstehe nicht, wieso du jetzt die EU kritisierst und Trump als Friedensstifter feiern willst. Der Ukraine raten, aufzugeben und Putin zu geben, was er will, hätten wir schon längst gekonnt.

Viele Grüße
Thomas
2025-02-18 10:31:15
Hallo Thomas,

ich kritisiere es, dass man sich in Europa gegen eine Friedensinitiative wendet, die das Töten beenden könnte, dass man den Krieg also offensichtlich endlos weiterführen und das Töten nicht beenden will. Das kann ich nicht für christlich geboten halten. Damit "feiere" ich Trump nicht als Friedensstifter, aber man muss ja seine Initiative auch nicht generell ablehnen. Oder anders gesagt: Auch ein politischer Chaot und Egomane kann mal etwas Gutes versuchen, jedenfalls etwas, was Europa in drei Jahren nicht geschafft hat und auch nicht schaffen wollte.

Selenskyj hat sich in den vergangenen drei Jahren vor allem als Illusionist gezeigt, der Europa in den Krieg hineinziehen und damit einen Weltkrieg auslösen wollte. Man kann nur froh sein, dass ihm das nicht gelungen ist. Er hat gerade gestern noch einmal verlauten lassen, dass die Ukraine keine Gebiete an Russland abgeben werde. Größer kann der Realitätsverlust gar nicht sein. Auch wenn es weh tut: Man muss sich manchmal mit den Realitäten abfinden, damit nicht weitere Hunderttausende sterben. Zumal dann, wenn sich die Lage für die Ukraine sowieso zuspitzt und man befürchten muss, dass ihre Front irgendwann zusammenbrechen würde, wenn man den Krieg noch lange weiterführt. Es ist fatal, dass das weder Selenskyj noch viele Europäer wahrhaben wollen und dass sie bereit sind, weitere unzählige Menschenleben zu opfern für ein sinnloses Unterfangen. Es tut mir leid, aber das kann ich nicht für einen christlichen Standpunkt halten und auch nicht für einen vernünftigen.

Dass Politiker mit solchen realitätsfernen Ansichten in einer ersten Runde nicht mit am Verhandlungstisch sitzen, kann ich nachvollziehen. Denn wären sie dabei, würden die Verhandlungen wahrscheinlich scheitern, bevor sie richtig begonnen haben. Es schmerzt mich auch, dass ein Massenmörder wie Putin nun das bekommt, was er wollte. Aber es würde mich noch mehr schmerzen, wenn ein aussichtsloser Krieg mit weiteren zahllosen Toten und zerstörten Lebensläufen weitergeführt würde, möglicherweise bis zum bitteren Ende eines Totalverlustes für die Ukraine. In einem solchen Fall würde ich immer, auch wenn es um mein eigenes Land ginge, für das Abgeben von Land plädieren, wenn das Erhalten von Leben dadurch gewonnen wird. Zumal dann, wenn das Land sowieso nicht zurückgewonnen werden kann. Oder hältst du es für möglich, dass die Ukraine ihr Land zurückerobert oder auch nur militärisch in eine günstigere Verhandlungsposition kommt? Die letzten Monate haben das Gegenteil gezeigt.

Mir geht es also um die Rettung von Leben, und das heißt: um eine Beendigung des Krieges so schnell wie möglich. Leben ist mir wichtiger als Land. Ich denke, das hat auch Jesus so gesehen. Denn er hat nicht zum Aufstand gegen die Römer aufgerufen, um das Land wieder in die eigenen Hände zu bekommen. Aber er hat sehr wohl zur Feindesliebe und zum Gewaltverzicht aufgerufen.

Viele Grüße
Klaus
2025-02-19 11:07:54
Hallo Klaus,

beim deinem letzten Absatz kommen wir auf in etwa die gleiche Position. Jesus hat nicht zum Aufstand gegen die Römer aufgerufen. Sein Reich war (und ist) nicht von dieser Welt. Pilatus hat das auch schnell erkannt, wenn ich die Bibel hier richtig verstehe. Er hat versucht, eine Brücke zu bauen, Jesus aber letztlich doch kreuzigen lassen; auf eine Kreuzigung mehr oder weniger kam es ihm als römischem Statthalter nicht an, auf Wahrheit und Gerechtigkeit im Detail auch nicht.

Was die Ukraine angeht: dein Modell, lieber Gebiet aufzugeben, als sich zu verteidigen, ist bereits 2014 angewandt worden, als Russland die Krim besetzt und damit sowohl einen Beistandspakt mit der Ukraine als auch Völkerrecht generell gebrochen hat. Die Folgen sind bekannt: außer dem einen oder anderen drohenden Zeigefinger ist nichts passiert. Putin hat sich ermutigt gefühlt, weitere Gebiete anzugreifen.

Du kritisiert Selenskyi hart bis unfair (hat sich in den vergangenen drei Jahren vor allem als Illusionist gezeigt, der Europa in den Krieg hineinziehen und damit einen Weltkrieg auslösen wollte“), aber wo bleibt deine Kritik an Putin? Für Putin ist diese „militärische Spezialoperation“ übrigens auch teurer geworden, als er wohl erwartet hat. Außer den Verlusten an ukrainischen Soldaten, die ihm recht sind, dem Verlust an eigenen Soldaten und Material, die ihm eher gleichgültig sind, den wirtschaftlichen Schäden, die er hinnimmt, sind Schweden und Finnland jetzt Teil der NATO, was ihn ärgern wird.

Heute titelt Spiegel online übrigens: „Trump gibt Ukraine die Schuld für andauernden russischen Angriffskrieg“. Er tritt also auf statt für den Schwächeren ein. Kein Kommentar.

Viele Grüße

Thomas
2025-02-19 12:25:14
Hallo Thomas,

wenn Trump das wirklich so gesagt hat, wie es der Spiegel zitiert (und es ist ihm zuzutrauen), dann geht das in Richtung Täter-Opfer-Umkehr. Das ist eine für Trump typisch undifferenzierte Aussage. Was er möglicherweise meinte (ich kann nur Vermutungen anstellen), ist, dass es ohne eine ukrainische Verteidigung diesen Krieg nicht gegeben hätte. Das gilt natürlich für jeden Verteidigungskrieg. Aber nicht jeden Verteidigungskrieg kann man einfach so unterlassen und sich damit dem Gegner kampflos ergeben. Allerdings muss umgekehrt auch nicht jeder Verteidigungskrieg unbedingt geführt werden, weil in ihm getötet wird und er auch dem eigenen Volk sehr viel abverlangt. Du weißt, dass ich unter christlichen Gesichtspunkten (z.B. Feindesliebe) auch hinsichtlich eines Verteidigungskriegs sehr zurückhaltend wäre. Ich würde ihn aber nicht vollkommen ausschließen und auch einem Staat, der sich verteidigt, nicht rundweg die Schuld an diesem Krieg geben, schon gar nicht an dem "Angriffskrieg", wie es sich bei Trump anhört.

Zu deiner Frage, wo meine Kritik an Putin bleibe: Ich habe ihn im letzten Kommentar bewusst einen Massenmörder genannt und das auch so gemeint. Ich denke, schärfer kann die Kritik gar nicht sein. Worin im einzelnen die Schuld Putins besteht, muss ich dann nicht noch ausführlich entwickeln, denn Massenmörder sagt eigentlich alles, und deutlicher kann man einen Politiker eigentlich nicht kritisieren. Mit dem Beginn und der Fortführung dieses Krieges ist er zu einem Massenmörder geworden. Das Wort "Mörder" im Zusammenhang mit Krieg mag manchen nicht passen. Ich finde es aber durchaus angebracht, wenn militärische Oberbefehlshaber ihre eigenen Leute und die Menschen auf der gegnerischen Seite dem Tod ausliefern. Nota bene: Ich bezeichne nicht die Soldaten als Mörder, sondern diejenigen, die sie in den Krieg schicken, aber selber "nicht hingehen" (siehe das Remarque-Zitat am Anfang meines Artikels).

Übrigens gibt es eine schöne hässliche Geschichte im Alten Testament, die erzählt, dass König David Gefallen an Bathseba fand, die mit Uria verheiratet war. Um ihrer habhaft zu werden, befahl er, Uria im Kampf an die vorderste Front zu stellen, "wo der Kampf am heftigsten ist" und ihn dann "im Stich zu lassen, damit er in der Schlacht umkommt" (2Sam 11,15). So geschah es dann auch, und David nahm sich Bathseba zur Frau. Kurz darauf bekommt der Prophet Nathan von Gott den Auftrag, David zur Rechenschaft zu ziehen. Er wirft ihm vor, Uria "mit dem Schwert erschlagen" und "umgebracht" zu haben (2Sam 12,9), obwohl er selbst gar nicht Hand angelegt hat. Er ist also "nicht hingegangen". Ihm wird aber, auch wenn das Wort nicht fällt, Mord vorgeworfen. Hier ging es nur um einen Einzelfall. Wenn Hunderttausende in den Tod an der Front geschickt werden kann das also nach biblischem Verständnis durchaus Massenmord sein, zumindest dann, wenn es um egoistische Motive geht wie bei David. Den geostrategischen Machterhalt bzw. die Machtausweitungsträume, um die es Putin offenbar geht, kann man durchaus als egoistisches Motiv bezeichnen. Sein Krieg ist jedenfalls keine Verteidigung des eigenen Landes, wie er es immer nennt. Er behauptet damit nur, was jeder Angreifer behauptet, dass es ihm nämlich um essentielle nationale Interessen gehe und man sich nur verteidige.

Zu Selenskyj: Dass er auch jetzt noch alle Gebietsabtretungen ablehnt, finde ich tatsächlich illusorisch, ist aber vielleicht auch nur politisches Geplänkel im Vorfeld von Verhandlungen. Er hat sich nämlich meines Wissens zuvor auch schon zu Gebietsabtretungen bereit erklärt. Dass er Europa in den Krieg hineinziehen wollte, ist m.E. unbestreitbar, weil er z.B. schon zu Beginn des Krieges europäische Flugzeuge über der Ukraine verlangt hat (Einrichtung einer Flugverbotszone, was den Konflikt mit russischen Flugzeugen bedeutet hätte) und später immer wieder Waffen wollte, mit denen er auch Moskau hätte angreifen können.

Noch eine Anmerkung zum Reich Gottes: Es ist richtig, was du immer wieder betonst, dass das Reich nicht von dieser Welt ist. Das heißt: Es hat seinen Grund nicht in dieser Welt; es kommt von Gott her zu uns. Das bedeutet aber nicht, dass das Reich Gottes ein rein spirituelles Reich ist, sozusagen ein Reich des Glaubens oder des "Seelenheils" (ich weiß nicht, ob du es so verstehst). Jedenfalls wirkt sich das Reich, das von Gott her zu uns kommt, in der Welt aus, und zwar auch im Liebeshandeln derer, die diesem Reich angehören. Insofern ist das Reich nicht von der Welt, aber in der Welt. Damit hat es nicht nur, aber auch eine politische Dimension. Es ist kein rein spirituelles, auf das Jenseits sich konzentrierende Reich, sondern eins, in dem es auch um Frieden und Gerechtigkeit auf der Welt und im menschlichen Zusammenleben (auch in der Polis) geht.

Viele Grüße
Klaus
2025-02-20 07:06:44
Hallo Klaus

Mk 2,21 Niemand näht einen Flicken von neuem Tuch auf ein altes Gewand; sonst reißt das Eingesetzte von ihm ab, das Neue vom Alten, und ein schlimmerer Riss entsteht.
Lk 5,36 Er sagte aber auch ein Gleichnis zu ihnen: Niemand schneidet einen Flicken von einem neuen Gewand und setzt ihn auf ein altes Gewand; sonst wird er sowohl das neue zerschneiden, wie auch der Flicken von dem neuen zum alten nicht passen wird.

Beide sind und werden dann zu Verlierern. So gewinnt nicht nur das Reich Gottes nichts, sondern verliert sogar viel mehr. Daher sollte christliche Politik nichts in und mit der weltlichen Politik ... sein, was eigentlich offensichtlich sein sollte. Ich kann die Beweggründe der evangelikalen und protestantischen Bewegungen verstehen, aber so wird es nicht funktionieren, was die Geschichte und Vergangenheit ohnehin bestätigt. Das wird auch nicht durch Einfluss, Zunahme und Mehrheitsstreben geändert.
2025-02-20 10:19:49
Hallo Pneuma,

das sehe ich ganz anders, wenn ich dich richtig verstehe. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn im politischen Bereich Unrecht geschieht. Das Liebesgebot gilt ja nicht nur für der persönlichen Bereich, so als würde Lieblosigkeit im öffentlichen Bereich uns nicht interessieren. Die Propheten des Alten Testaments haben politische Kritik geäußert an den regierenden Königen, am wirtschaftlichen Unrecht, das im Land herrschte, und am luxuriösen Lebenswandel der Reichen, denen die Armut der Unterprivilegierten gleichgültig war. Jesus hat sich in die Politik eingemischt, als er den Tempel von den Händlern räumte, die eine wirtschaftliche Räuberhöhle aus ihm gemacht hatten. Er hat die Religionspolitik der religiösen Führer kritisiert, die mit Worten und Taten das Volk verführten. Er hat zur Feindesliebe aufgerufen, die auch den römischen Besatzern gelten sollte. Er hat darauf verzichtet, die Legionen von Engeln zu seiner Verteidigung herbeizurufen, als er verhaftet wurde. Er hat sich eingemischt und sich den in der Öffentlichkeit verachteten Zöllnern und Sündern zugewandt. Das alles sind politische Aktionen. Paulus hat zum Gehorsam gegenüber der staatlichen Obrigkeit aufgerufen, die Gott in Liebe dient (Röm 13,4; im Text davor und danach geht es um die Liebe).

Darum ist es wichtig, dass wir uns jedem Unrecht entgegenstellen, egal, von wem es ausgeht. Natürlich soll der Glaube dabei nicht verloren gehen, im Gegenteil: Die Liebe ist ja gerade eine Konsequenz des Glaubens. Ist es nicht erstrebenswert, dass die Regierenden sich nach Gottes Willen ausrichten? Und wenn sie es nicht tun: Sollten wir sie nicht darauf aufmerksam machen? Sollten wir nicht dafür beten, dass sie es tun? Sollten wir nicht für Gottes Willen das Wort ergreifen? Und sollten wir nicht für Gottes Willen demonstrieren und unsere Wahlentscheidung von Gottes Willen abhängig machen? Wäre es nicht ein Versäumnis und ein Unrecht, wenn wir nicht für die Leidenden eintreten würden?
2025-02-22 18:21:46
Hallo Klaus,

zum Thema „Reich Gottes". Ich sage dir ehrlich, ich verbinde damit keine konkreten Vorstellungen, und das geht wohl vielen so. Deine feine Wendung, dass es von Gott kommt, aber in der Welt wirkt und allein deshalb politisch ist, kann man vollziehen, aber im Konzert der Mächte und Interessen, das die Politik ausmacht, resultiert das für mich nur in einem sehr leisen Stimmchen.

Ich beziehe mich bei dem Zitat „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ vor allem auf das, was ich davon im Leben Jesu wiedererkenne. Er hat der Versuchung, alle Reiche dieser Erde zu beherrschen, eine klare Absage erteilt, genau wie vorher dem (von mir allegorisch verstandenen) Vermögen, Steine in Brot zu verwandeln. Dem Mann, der noch seinen Vater bestatten wollte, bevor er mit ihm zieht, hat er das nicht gestattet. Er war nicht der politische Messias, den seine jüdischen Landsleute erwartet haben. Politische Symbole, Steuern und Hoheitsverhältnisse haben ihn nicht interessiert („Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“). Seine Apostel hat er als Wanderprediger über Land geschickt, die nicht mehr als ein schlichtes Gewand an eigenem Besitz haben sollten. Er hat sich widerstandslos festnehmen und kreuzigen lassen, ist nicht älter als Anfang 30 geworden und hat nichts Schriftliches hinterlassen. Ob sich mit seiner Bergpredigt regieren ließe, hätte er wohl für eine irrelevante Frage gehalten.

Kirche von heute kann versuchen, politische Empfehlungen abzugeben, aber mich überzeugt sie damit nur in seltenen Ausnahmefällen. Für politische Entscheidungen in dieser Welt suche ich mir andere Berater und erwarte das auch von Entscheidungsträgern und Regierenden. Politiker, die ihre Entscheidungen und ihr Handeln mit göttlicher Offenbarung, Vorsehung o. Ä. begründen, sind mir suspekt.

Viele Grüße

Thomas
2025-02-22 21:26:28
Hallo Thomas,

danke für deine deutlichen Erläuterungen. Man könnte viel dazu sagen, ich will versuchen, mich kurz zu fassen.

Der griechische Begriff für "Reich Gottes" kann auch "Königsherrschaft Gottes" oder "Gottesherrschaft" bedeuten. Jesus verkündigte von Beginn seiner öffentlichen Wirksamkeit an, dass nun die Herrschaft Gottes über die Welt "nahegekommen" sei (Mk 1,15; Mt 4,17; Lk 10,9). Man kann wohl davon ausgehen, dass er meinte, sie sei mit seiner Person angebrochen. Allerdings ist diese Herrschaft von gänzlich anderer Art als das, was wir gemeinhin unter Herrschaft verstehen. Ich würde es die Herrschaft der Liebe nennen.

Konkret heißt das, dass überall dort das Reich Gottes anbricht, wo Liebe herrscht oder, anders gesagt, wo Gottes Wille verwirklicht wird. Wichtig ist, dass Gottes Wille und nicht der Wille des Bösen bzw. des Teufels verwirklicht wird. In der Geschichte von der Versuchung Jesu geht es aber darum, dass Jesus den Teufel anbeten soll, also ihm zu Willen sein und dann alle Reiche der Welt aus seiner Hand empfangen. Es geht nicht darum, dass Jesus jede Macht über die Reiche der Welt ablehnt.

Jesus will herrschen, aber anders, als es der Teufel will. Er war, wie du zu Recht bemerkst, nicht ein Messias von der Art, wie man ihn erwartete: einer, der mit Gewalt die Herrschaft der Römer beendete. Er hat sich stattdessen widerstandslos festnehmen und kreuzigen lassen, wie du sagst, und auch das war eine politische Tat – aber eben das Gegenteil einer gewaltsamen Verteidigung, in der er seine Angreifer tötet.

Dass es eine für Jesus irrelevante Frage war, ob man mit der Bergpredigt regieren kann, sehe ich nicht. Viele seiner Worte und Gleichnisse haben politische Relevanz. Nirgends lese ich, dass seine Ethik aufhört, wo die Politik beginnt. Auch das Wort "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist", hat eine Fortsetzung: "und gebt Gott, was Gottes ist". Darin steckt: "Gebt dem Kaiser nicht, was Gottes ist". Die frühen Christen haben dementsprechend dem römischen Kaiser die göttliche Verehrung verweigert – und oft einen hohen Preis dafür bezahlt.

Was du vertrittst, erinnert mich an eine radikale lutherische Zwei-Reiche-Lehre. Luther hat aber das Reich bzw. das Regiment Gottes gar nicht so starr vom Reich bzw. Regiment der Welt unterschieden. Er meinte zwar, dass in der Welt andere Gesetze gelten müssten als in der Kirche. Andererseits aber befand er es für gut, dass auch Christen unter den Staatslenkern sind, weil diese wissen, dass sie auch auf diesem Posten Gott dienen und das Volk mit Liebe regieren sollen.

Hier beginnen die Widersprüche in Luthers Lehre. Mir leuchtet die scharfe Trennung von privatem und politischem Leben nicht ein – schon deshalb, weil sich beide Bereiche gar nicht streng trennen lassen. Außerdem bin ich im privaten Leben kein anderer Mensch als im politischen, so dass ich mich in letzterem völlig anders verhalten könnte, ohne innerlich zerrissen zu werden. Mehr dazu in meinem Artikel Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre.

Politische Beratung von Experten auf diesem Gebiet ist sicher wichtig. Maßstab für das Handeln sollten aber nicht irgendwelche rein politischen Überlegungen sein. Sonst landen wir z.B. schnell bei militärischen Eskalationen und endlosem Wettrüsten.

Viele Grüße
Klaus
2025-02-23 11:19:06
Hallo Klaus,

wie du ja weißt, halte ich nichts von geteilten Wirklichkeiten. So etwas geht allenfalls psychologisch. Dementsprechend kann ich auch mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre nichts anfangen. Danke trotzdem für deinen guten Blogbeitrag dazu.

Du beschreibst die Gottesherrschaft als Herrschaft der Liebe. Für mich geht es in der Politik im Kern um Macht. Macht verstehe ich dabei als die Möglichkeit, jemanden gegen dessen Willen zu etwas zu zwingen. Liebe und Macht nach diesem Verständnis sind für mich inkompatibel. Insofern gehen auch Nachfolge Christi und aktive Politik so schlecht zusammen.

Das Christentum hat meiner Meinung nach in dieser Hinsicht seine Unschuld verloren, als es unter Kaiser Konstantin mit der weltlichen Macht ins Bett gestiegen ist, zum beiderseitigen Vorteil in weltlicher Hinsicht. Alle Versuche, die weitgehenden Anforderungen christlicher Nächstenliebe mit politische Notwendigkeiten unter einen Hut zu bringen, sind gescheitert und werden weiterhin scheitern.

Viele Grüße

Thomas
2025-02-23 14:51:00
Hallo Thomas,

für mich ist Politik die Gestaltung des öffentlichen Miteinanders. Die dabei ausgeübte Macht hat auch das Moment des Zwanges, z.B. in der Durchsetzung von Gesetzen durch die Exekutive. Es ist aber immer die Frage, wie man mit dieser Macht umgeht. Da gibt es ja durchaus unterschiedliche Möglichkeiten. Das hat Luther wohl richtig gesehen, dass ein guter Schuss Nächstenliebe gerade beim Umgang mit Macht nicht fehlen sollte.

Ich kann das Miteinander der Völker davon nicht ausschließen. Jede pure Machtpolitik ohne Liebe ist für mich verfehlt und kostet Menschenleben - nicht nur im Krieg, sondern z.B. auch in der Sozialpolitik, Umweltpolitik und Entwicklungshilfe. Wenn es um eine menschliche Poliktik geht, darf die Liebe zu den Menschen nicht fehlen. Ich finde, man kann in der konkreten Politik an einzelnen Personen studieren, ob es ihnen um das Wohlergehen der Menschen geht oder um etwas anderes.

Darum finde ich nicht, dass Macht und Liebe inkompatibel sind, sondern dass im Gegenteil die Macht der Liebe bedarf, wenn sie menschenfreundlich und lebensförderlich sein will, und dass die Liebe eine Form von Macht ist - nicht im Sinne von Zwang, sondern von Wirksamkeit und Einflussnahme gerade ohne Zwang. Ich finde, man kann auch dies beobachten, dass im Konfliktfall zwischen Staaten die Liebe zu den Menschen jeder Nation und der Versuch, Leben zu bewahren, eine entscheidende Rolle spielt.

Viele Grüße
Klaus
god.fish
2025-03-13 21:01:22
Der Artikel setzt sich mit den dramatischen Folgen eines möglichen Krieges in Deutschland auseinander und stellt christliche Überlegungen zur Friedensethik vor. Während viele richtige Punkte angesprochen werden, sind einige Korrekturen und Ergänzungen aus einer breiteren christlichen Perspektive notwendig.

**1. Die Perspektive Dietrich Bonhoeffers: Widerstand gegen das Böse**

Dietrich Bonhoeffer stand in seiner Ethik für eine aktive Verantwortung der Christen in der Welt. Sein berühmtes Zitat „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ war keine Aufforderung zur Passivität, sondern zur Hoffnung inmitten des Kampfes gegen das Böse. Bonhoeffer lehnte es ab, sich mit bloßem Pazifismus oder stiller Duldung des Unrechts abzufinden. Sein eigenes Handeln – die Beteiligung am Widerstand gegen Hitler – zeigt, dass Christen sich gegen ungerechte Gewalt aktiv wehren dürfen und manchmal müssen.

Der Artikel hebt richtig hervor, dass Christinnen und Christen nicht dem Militarismus oder der Eskalation des Krieges das Wort reden sollten. Doch er unterschätzt die Frage der Verantwortung: Was passiert, wenn Unrecht nicht gestoppt wird? Wenn ein Staat einen Angriffskrieg führt, ist es dann nicht notwendig, dass er militärisch zurückgewiesen wird? Die Ukraine verteidigt sich gegen die russische Aggression – ein Recht, das auch Bonhoeffer im Kampf gegen das Böse anerkannt hätte. Ein radikaler Pazifismus, der keine Unterscheidung zwischen Verteidigung und Angriff macht, ist problematisch.

**2. Martin Luther und die Zwei-Reiche-Lehre: Die Rolle des Staates und der Kirche**

Martin Luther unterschied zwischen dem geistlichen Reich Gottes und dem weltlichen Reich der Obrigkeit. Die Kirche soll das Evangelium verkünden und die Menschen zur Liebe und Vergebung erziehen. Der Staat hingegen hat den Auftrag, das Böse zu begrenzen und für Recht und Ordnung zu sorgen (Röm 13,1-4).

Ein christlicher Staat kann und muss sich also gegen Aggression verteidigen. Die Aussage, dass Deutschland militärische Stärke völlig aufgeben oder sich aus internationalen Bündnissen wie der NATO zurückziehen sollte, wird im Artikel nicht getroffen. Vielmehr wird argumentiert, dass Deutschland eine eigenständigere Sicherheitspolitik betreiben sollte. Die Friedensethik Jesu bezieht sich primär auf das Handeln der Einzelnen und der Kirche – sie verpflichtet jedoch nicht den Staat, auf Selbstverteidigung zu verzichten.

**3. Christlicher Realismus: Die Gefahr der Naivität**

Der Artikel macht deutlich, dass Kriege katastrophale Folgen haben. Doch die Behauptung, die NATO-Strategie sei primär auf Eskalation ausgerichtet, ist einseitig. Abschreckung ist eine der wesentlichen Strategien, die Kriege verhindern können. Die Überzeugung, dass Abrüstung automatisch Frieden bringt, verkennt, dass es immer Akteure gibt, die Macht mit Gewalt durchsetzen wollen.

Das Konzept der „Gerechten Kriegsführung“ in der christlichen Ethik (u.a. formuliert von Augustinus und Thomas von Aquin) erkennt an, dass Krieg nicht per se unmoralisch ist, sondern unter bestimmten Umständen notwendig sein kann, um größeres Unrecht zu verhindern. Dazu gehören die Kriterien der gerechten Ursache, der letzten Möglichkeit und der Verhältnismäßigkeit. Es wäre also moralisch vertretbar, dass Deutschland sich auf Verteidigung vorbereitet – auch militärisch.

**4. Kritik an bestimmten Fehlannahmen**

Der Artikel suggeriert mehrfach, dass die USA ihre eigenen Interessen verfolgen und Deutschland daher nicht bedingungslos an der Seite der NATO stehen sollte. Allerdings bedeutet eine eigenständige Sicherheitspolitik nicht zwangsläufig eine Distanzierung von der NATO oder den westlichen Partnern. Eine stärkere sicherheitspolitische Unabhängigkeit Deutschlands darf nicht mit einem generellen Misstrauen gegenüber den USA verwechselt werden.

Der Artikel fordert keinen NATO-Austritt, sondern plädiert für eine strategische Autonomie Europas. Dies ist ein legitimer politischer Standpunkt, der jedoch nicht bedeuten sollte, dass Deutschland sich aus seinen Bündnisverpflichtungen zurückzieht oder sich auf eine Position der Äquidistanz zwischen den USA und Russland begibt.

**5. Friedensethik bedeutet Verantwortung, nicht Passivität**

Eine christliche Friedensethik darf nicht nur auf Gewaltverzicht setzen, sondern muss auch die Realität der Welt ernst nehmen. Bonhoeffer, Luther und andere christliche Denker zeigen, dass Christen sich sowohl für Frieden als auch für Gerechtigkeit einsetzen müssen – notfalls auch mit militärischen Mitteln. Pazifismus darf nicht zu einem Deckmantel für Untätigkeit werden, wenn es darum geht, Unrecht zu stoppen.

**Handlungsempfehlungen aus christlicher Sicht:**
- Krieg soll immer als letzte Möglichkeit betrachtet werden, aber Verteidigung ist ethisch legitim.
- Diplomatie und Abrüstung sind wichtige Ziele, dürfen aber nicht naiv erfolgen.
- Deutschland trägt eine sicherheitspolitische Verantwortung und sollte seine Rolle in der NATO bewusst gestalten.
- Eine christliche Friedensethik sollte sich für Gerechtigkeit einsetzen und nicht nur für die Abwesenheit von Krieg.
- Die Lehren Jesu sind keine Argumente für völlige Wehrlosigkeit – sondern für verantwortungsvolles, ethisch reflektiertes Handeln.

Christinnen und Christen sind berufen, Friedensstifter zu sein (Mt 5,9) – aber nicht, indem sie sich jeder politischen und militärischen Verantwortung entziehen.

2025-03-16 21:59:32
Hallo god.fish,

vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Er gibt mir die Gelegenheit, einiges klarzustellen. Du wirst sicher nicht erwarten, dass ich mich deinen Positionen anschließe. Ich möchte aber einige Missverständnisse und, wie ich meine, ethische Ungereimtheiten aufklären.

1. Zu Bonhoeffer
Die Haltung Dietrich Bonhoeffers zum Krieg ist nicht in ein paar Sätzen zu beschreiben. In einer Rede aus dem Jahr 1934 auf der dänischen Insel Fanö hat Bonhoeffer Folgendes gesagt:

Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? [...] Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dies alles aus dem einen Grunde nicht, weil hier überall Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. [...] Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben, und dieses Misstrauen gebiert wiederum Krieg. Sicherheiten suchen heißt sich selber schützen wollen. Friede heißt [...] in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschichte der Völker in die Hand legen und nicht selbstsüchtig über sie verfügen wollen. Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott. Sie werden auch dort noch gewonnen, wo der Weg ans Kreuz führt. Wer von uns darf denn sagen, daß er wüßte, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffe den Angreifer empfinge?

Bonhoeffer hat sich hier deutlich gegen militärische Gewalt ausgesprochen. Er stand dem Pazifismus zumindest sehr nahe. Auch in seinem Buch "Nachfolge", 1937 erschienen, fand Bonhoeffer deutliche Worte:

Wie wird die Liebe unüberwindlich? Darin, dass sie niemals danach fragt, was der Feind ihr antut, sondern allein danach, was Jesus getan hat. Die Feindesliebe führt den Jünger auf den Weg des Kreuzes und in die Gemeinschaft der Gekreuzigten. [...] Darin macht die Liebe den Nachfolgenden sehend, dass sie auch den Feind eingeschlossen sieht in die Liebe Gottes, dass sie den Feind unter dem Kreuz Jesu Christi sieht. Gott fragte bei mir nicht nach Gut und Böse, weil auch mein Gutes vor ihm gottlos war. Gottes Liebe sucht den Feind [...] Das Christliche ist das "Sonderliche", [...] das Außerordentliche, das Nichtreguläre, Nichtselbstverständliche. Es ist das, was an "besserer Gerechtigkeit" die Pharisäer "übertrifft", über sie hinausragt, das Mehr, das Darüberhinaus. [...] Wo dies Sonderliche, Außerordentliche nicht ist, das ist das Christliche nicht. Nicht innerhalb der natürlichen Gegebenheiten geschieht das Christliche, sondern in dem Über-sie-Hinaustreten. [...] Das ist der große Irrtum einer falschen protestantischen Ethik, dass hier Christusliebe aufgeht in Vaterlandsliebe, in Freundschaft oder in Beruf, dass die bessere Gerechtigkeit aufgeht in der iustitia civilis [weltliche Gerechtigkeit]. So redet Jesus nicht. Das Christliche hängt am "Außerordentlichen". Darum kann sich der Christ nicht der Welt gleichstellen [...] Das Sonderliche am Christlichen ist das Kreuz, das den Christen über-die-Welt-hinaussein lässt und ihm darin den Sieg über die Welt gibt. Die passio [das Leiden] in der Liebe des Gekreuzigten – das ist das "Außerordentliche" an der christlichen Existenz.

In weiteren Manuskripten, die zwischen 1940 und 1943 entstanden sind und später als "Ethik" veröffentlicht wurden, versucht Bonhoeffer in immer neuen Anläufen, eine Ethik zu begründen. Auch hier äußert er sich – unter dem Eindruck des Weltkriegs – zum Thema Krieg:

Der totale Krieg bedient sich aller denkbarer Mittel, die dem Zweck der völkischen Selbsterhaltung dienlich sein könnten. Alles ist recht und erlaubt, was der eigenen Sache dient. [...] Der Verzicht auf die vielleicht wirksamen, aber widerchristlichen Mittel der Tötung von Unschuldigen, des Quälens, der Erpressung usw. war möglich auf Grund des Glaubens an ein gerechtes göttliches Weltregiment. Immer blieb der Krieg etwas wie eine Anrufung des Gottesgerichtes, dem sich zu beugen man beiderseits willig war. Erst wo der christliche Glaube verloren geht, muss der Mensch selbst sich aller – auch der verbrecherischen – Mittel bedienen, um den Sieg seiner Sache zu erzwingen.

Bonhoeffer lässt jetzt den Krieg als ultima ratio (letzten Grund) in Ausnahmefällen zu:

Die ultima ratio liegt jenseits der Gesetze der ratio, sie ist irrationales Handeln. Alles wird im tiefsten Grunde verkehrt, wenn die ultima ratio selbst wieder zu einem rationalen Gesetz gemacht wird, wenn aus dem Grenzfall das Normale, wenn aus der necessità [Notwendigkeit] eine Technik gemacht wird.

Unter dem Eindruck des Hitler-Regimes mit seiner Judenvernichtung sieht Bonhoeffer ein, dass es in Ausnahmefällen keine andere Möglichkeit gibt, als dem Grauen mit Gewalt ein Ende zu bereiten.

Festzuhalten ist: Es geht hier nicht einfach darum, "dass Christen sich gegen ungerechte Gewalt aktiv wehren dürfen und manchmal müssen" oder dass ein Angriffskrieg "notwendig [...] militärisch zurückgewiesen wird", wie god.fish meint, sondern es geht um eine absolute Ausnahmesituation. Nicht jeder Angriffskrieg muss "notwendig" mit einem Verteidigungskrieg beantwortet werden, schon gar nicht, wenn er Hunderttausende Opfer fordert und die Fronten festgefahren sind. Das hat Bonhoeffer nie vertreten.

2. Zu Martin Luther

Martin Luther hat nicht so strikt zwischen dem Reich Gottes und dem Reich der Welt unterschieden, wie es god.fish meint. Denn er hielt fest, dass es gut wäre, wenn Christen unter den Staatslenkern wären, weil sie wissen, dass sie auch als Machthaber Gott dienen und mit Liebe regieren sollen. Sie wissen auch, dass nicht jedes weltliche Gesetz oder jede angebliche weltliche Notwendigkeit mit Gottes Gebot kompatibel ist. Man sieht daran, dass Reich Gottes und Reich der Welt miteinander verschlungen sind. Denn auch das Reich der Welt steht unter der Heilsbotschaft des Evangeliums und darum auch unter einer evangeliumsgemäßen Ethik.

Luther hat dieses miteinander-Verschlungensein von Reich Gottes und Reich der Welt jedoch nicht konsequent gedacht. Er landete schließlich doch wieder bei einer Trennung beider Reiche. Aber wie soll das möglich sein: Im Privatleben richte ich mich nach dem Liebesgebot, aber im öffentlichen Bereich gilt das Liebesgebot nicht? Ein Staatsbeamter muss im Privatbereich liebevoll handeln, als Beamter aber darf er – ja, was eigentlich? Seinen Nächsten hassen? Oder muss er allen Gesetzen folgen, auch wenn sie ungerecht sind? Ein Polizist muss eine liebevoller Familienvater sein, aber gegenüber einem Verbrecher darf er brutal vorgehen, solange es im Rahmen der weltlichen Gesetze ist? Im Privatleben ist es verboten, seinen Mitmenschen zu verletzen, aber im Krieg ist es die Pflicht, ihn zu töten?

Man sieht, in welche Probleme eine strikte Trennung von Reich Gottes und Reich der Welt führt. So wurde auch nach dem 2. Weltkrieg die lutherische Zwei-Reiche-Lehre scharf kritisiert. Es hatte sich gezeigt, die lutherische Theologie während der Naziherrschaft den Staat jeder Kritik entzogen hatte, indem es ihn im politischen Bereich schalten und walten ließ. Und seit dem Ende des 20. Jahrhunderts besteht in der evangelischen Theologie weitgehend Einigkeit darüber, dass das Evangelium, also das Heilshandeln Gottes, das auf Erlösung zielt, der Ethik vorgeordnet werden muss. Auf diese Weise kann man, wenn man von zwei Arten des Welthandelns Gottes ausgeht, diese zusammenbinden.

Das heißt konkret: Gottes Gebote werden erst dann angemessen verstanden, wenn man sieht, dass sie im Evangelium begründet sind. Das staatliche Handeln ist dann kein vom Evangelium unabhängiges Handeln, sondern es dient der Erlösung der Welt und soll die Erlösung gleichnishaft – nicht in Vollkommenheit, aber als Gleichnis des zukünftigen Himmelreichs – schon jetzt vorwegnehmen. Das Reich der Welt kann, weil Gott in ihr handelt, zum Gleichnis und zur unvollkommenen Abschattung des Reiches Gottes werden.

Deshalb, weil Gott in der Welt handelt, "muss" sich "ein christlicher Staat" (was ist das?) nicht "gegen Aggression verteidigen", wie god.fish meint. Er muss sich aber jederzeit fragen, ob sein militärisches Handeln noch dem Evangelium, das auch dem "Feind" gilt, gerecht wird, oder ob im Grunde Machtansprüche sein Handeln bestimmen.

Zu Luthers Zwei-Reiche-Lehre habe ich mich im Artikel Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre ausführlich geäußert.

3. Zum christlichen Realismus
Dass eine Verteidigung in extremen Ausnahmefällen notwendig sein kann, habe ich immer vertreten. Der Hitler-Krieg wäre für mich solch ein Ausnahmefall, oder – eine fiktive Annahme – ein Angriff eines islamistischen Staates. Ob solch ein Ausnahmefall vorliegt, muss nach gründlicher Abwägung danach entschieden werden, ob die Verteidigung oder der Verzicht darauf aufs Ganze gesehen (unter Einbeziehung aller Leiden über mehrere Generationen hinweg!) mehr Leid mit sich bringt. Nur unter äußerst engen Voraussetzungen und unter großem Schuldbewusstsein kann ein Verteidigungskrieg geführt oder unterstützt werden. Zu groß ist die Gefahr, dass allzu schnell die ultima ratio bemüht und damit der Krieg gerechtfertigt und vielleicht sogar begrüßt wird.

Ich habe im Artikel nicht geschrieben, "die NATO-Strategie sei primär auf Eskalation ausgerichtet", wie god.fish behauptet. Ich habe auch nirgends gesagt, "dass Abrüstung automatisch Frieden bringt." Ich habe sogar gefordert, "dass Deutschland sich auf Verteidigung vorbereitet – auch militärisch"; aber nur in engen Grenzen.

Ich habe aber deutlich gemacht, dass Abschreckung keinesfalls Frieden garantiert, wie die Äußerungen von god.fish nahelegen. Denn mindestens zweimal wäre es im Kalten Krieg beinahe zu einem Atomkrieg gekommen. Man muss wissen, ob man einen Atomkrieg in Kauf nehmen will – besonders als Christ oder Christin. Die Folgen habe ich im Artikel beschrieben. Ich halte sie für christlich unter keinen Umständen vertretbar.

4. Zum Verhältnis zu den USA

Es ist wohl kaum jemals deutlicher geworden als jetzt, dass die USA unter Donald Trump ihre eigenen Interessen verfolgen und nicht die anderer Staaten oder Bündnispartner. Deshalb ist eine Distanzierung von den USA unumgänglich und wird ja auch gerade politisch vollzogen. Christen sollten sich nie bedingungslos an einen anderen Staat binden. Und es ist ja wohl kaum zu bestreiten, dass die USA eine geostrategische Machtpolitik verfolgen. Man kann einer solchen Machtpolitik zustimmen. Aber man sollte sich fragen, ob es einer christlichen, mit Jesu Aussagen kompatiblen Ethik entspricht, sein Augenmerk auf weltweite Machtansprüche zu lenken, anstatt sich mal zu entspannen und auf Gottes Welthandeln zu vertrauen. Das heißt nicht, die Weltlage aus dem Blick zu verlieren. Aber wenn man ausschließlich geopolitisch denkt und handelt, wird man immer potentielle Feinde entdecken, gegen die man sich zu rüsten hat. Das kommt einer christlichen Friedensfähigkeit nicht zugute.

5. Zur Passivität und Verantwortung
Gewaltverzicht hat nichts mit Passivität zu tun, sondern mit einer höchst aktiven Leidensbereitschaft. Wer den Feind liebt, muss selbst zum Leiden bereit sein (das gilt im übrigen für jede Liebe). Jesus ist bewusst ins Leiden gegangen und hat eine gewaltsame Verteidigung seiner Person abgelehnt. Will man ihm dafür Passivität vorwerfen? Der bewusst Leid auf sich Nehmende kann weitaus aktiver sein als der, der auf jeden Angriff instinktiv, sozusagen automatisch mit Gewalt reagiert (auch das gilt für persönliche Verhältnisse).

6. Zu Handlungsempfehlungen aus christlicher Sicht
Christliche Feindesliebe: ja – aber ... So muten die Empfehlungen von god.fish an. Er merkt zu recht an, dass es nicht um "völlige Wehrlosigkeit" geht – das war mir ein wichtiger Punkt im Artikel. Es geht selbstverständlich um "verantwortungsvolles, ethisch reflektiertes Handeln", das sich nicht "jeder politischen und militärischen Verantwortung" entzieht.

Es ist aber, finde ich, verräterisch, wenn god.fish schreibt: "Krieg soll immer als letzte Möglichkeit betrachtet werden, aber Verteidigung ist ethisch legitim." Jede Verteidigung? Ist jede Verteidigung eine "letzte Möglichkeit"? Welche Bedeutung hat dann noch das Kriterium "letzte Möglichkeit"? Wo würde god.fish die Grenze setzen, an der Krieg noch nicht die letzte Möglichkeit wäre? Gibt es bei ihm überhaupt solch eine Grenze? Oder muss der Krieg bis zum letzten Mann ausgefochten werden? Muss Russland besiegt werden? Was wäre denn mit einem Sieg über Russland gemeint? Und wie will man eine Atommacht besiegen, ohne einen Atomkrieg zu provozieren, in dem man schließlich selber untergeht?

Ich denke, Albert Schweitzer hat Recht mit seinem Wort:

In einem Atomkrieg gibt es keinen Sieger, sondern nur Besiegte. [...] Wo es sich um Atomwaffen handelt, kann kein Volk zu seinem Gegner sagen: "Nun sollen die Waffen entscheiden", sondern nur: "Nun wollen wir miteinander Selbstmord begehen, indem wir uns gegenseitig vernichten."

Das kann ein Christ nicht wollen. Ich bin der Meinung, dass er stattdessen in der Nachfolge Jesu lieber Leid auf sich nehmen würde. Und das muss nicht nur für einen Atomkrieg gelten. Christen haben zumindest die Tendenz, lieber selber zu leiden als anderen Leid zuzufügen. In der gegenwärtigen Politik sehe ich eine andere Tendenz.
god.fish
2025-03-25 12:01:35
Lieber Klaus,

danke für deine ausführliche Replik, in der du versuchst, die pazifistischeren Positionen Bonhoeffers und gewisse Aspekte der lutherischen Theologie zu verdeutlichen. Ich möchte im Folgenden allerdings einige Punkte richtigstellen und klar machen, wo deine Argumentation problematisch oder missverständlich erscheint.

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1. Die Frage der „Leidensbereitschaft“ und das Zumuten an andere

Du betonst, dass nach deinem Verständnis ein Christ lieber selbst leidet, als anderen Leid zuzufügen. Das kann sicher dem Geist der Feindesliebe nahekommen. Allerdings ist es unchristlich, wenn man diese eigene persönliche „Leidensbereitschaft“ anderen zwangsweise auferlegt – beispielsweise den Ukrainerinnen und Ukrainern, die sich zur Wehr setzen müssen. Wenn sich Menschen wehren möchten oder müssen, kann man sie nicht mit Verweis auf eine mögliche gewaltfreie „Leidensbereitschaft“ zum Pazifismus zwingen. Das wäre kein Ausdruck christlicher Liebe, sondern eine Fremdbestimmung über ihre Existenz.

Konkreter Hinweis:

Wenn du diese radikale Form gewaltfreien Leidens persönlich vorziehst, kannst du sie jederzeit selbst umsetzen. Russland veranstaltet ab September dieses Jahres ein großes Manöver in Belarus und könnte eventuell das Baltikum (also NATO-Gebiet) angreifen. Wenn du konsequent an die Kraft der Wehrlosigkeit glaubst, könntest du dich dort als Friedensstifter aufhalten und bereit sein, den Weg des Leidens auf dich zu nehmen. Dieser Weg ist dir persönlich natürlich unbenommen, aber du kannst ihn nicht einfach pauschal für andere anordnen.

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2. Bonhoeffer und das Thema Krieg

Du zitierst längere Passagen aus Bonhoeffers Schriften und Reden, die seine Nähe zum Pazifismus in bestimmten Phasen betonen. Das ist richtig. Jedoch ist bekannt, dass Bonhoeffer sich – unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Verbrechen – an einem Tyrannenmord-Vorhaben beteiligte. Er war also kein konsequenter absoluter Pazifist. Vielmehr sah er die Möglichkeit, dass Gewalt in extremen Ausnahmefällen nötig ist, um noch größeres Unrecht zu verhindern (wie etwa der Shoa).

Damit wird deutlich, dass Bonhoeffer – trotz seiner Betonung von Feindesliebe und Gewaltlosigkeit – in einer Grenzsituation tatsächlich zum aktiven Widerstand griff. Deine Darstellung wirkt hingegen so, als hätte Bonhoeffer sämtliche Gegenwehr stets abgelehnt. Das stimmt so nicht. Auch er sah den Moment, wo reines Hinnehmen nicht mehr verantwortbar war. Die Shoa war ein besonders grausamer Genozid. Auch Russland begeht in der Ukraine übrigens einen Genozid.

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3. Luther und die Zwei-Reiche-Lehre

Deine Kritik an einer falsch verstandenen Zwei-Reiche-Lehre ist durchaus berechtigt: Wenn man den Staat als ethikfreien Raum betrachtet, gerät man theologisch auf Abwege. Gleichzeitig sah Luther sehr wohl die Notwendigkeit, dass „weltliche Obrigkeit“ gegen Unrecht handeln muss. Das bedeutet natürlich auch, sich militärisch gegen Aggressoren zu verteidigen. Kein seriöser Luther-Interpret würde sagen, man müsse ausnahmslos immer untätig bleiben.

Zwar hast du recht, dass sich die lutherische Theologie in der NS-Zeit teilweise fatal zurückgezogen hat. Aber daraus folgt nicht, dass jeder Verteidigungskrieg aus christlicher Sicht zu verwerfen wäre. Es heißt lediglich, dass staatliches Handeln immer am Evangelium gemessen werden muss. Auch das kann im Einzelfall eine Verteidigung beinhalten.
Die lutherische Kirche war übrigens auch deshalb so schlecht gegen Hitler aufgestellt, weil ihr traditionell das landesherrliche Kirchenregiment noch innewohnte, demzufolge der jeweilige Landesherr auch der Kirchenherr trat. An diese Stelle trat dann Hitler.

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4. Die Abgrenzung von den USA

Natürlich verfolgen die USA – wie jeder Staat – ihre eigenen Interessen. Eine gesunde Eigenständigkeit in der Außen- und Sicherheitspolitik ist legitim. Allerdings geht dein Vorwurf zu weit, wenn du unterstellst, eine Zusammenarbeit mit den USA widerspreche einer christlichen Ethik. Gerade angesichts der russischen Aggression wäre eine distanzierte, aber koordinierte Verteidigungspolitik zum Schutz Europas wichtig. Zu behaupten, Russland handle nur „geostrategisch“ und wir sollten uns zurückhalten, verkennt die Realität von Russlands brutalem Angriffskrieg, der unzählige Zivilisten trifft.

In diesem Sinne bleibt zu sagen: Für dich selbst kann ein Weg der gewaltfreien Liebe richtig und segensreich sein. Doch dieser Weg ist keine Pflichtübung, die du anderen – z.B. der Ukraine – vorschreiben kannst. Derartige Entscheidungen kann nur eine Gesellschaft in eigener Verantwortung treffen, nicht unter dem Diktat eines fremden „christlichen“ Anspruchs.

2025-03-25 16:45:55
Hallo god.fish,

danke für deine Replik. Ich kann darauf Folgendes antworten.

1.
Christliche Friedensethik macht keine Vorschriften, sondern gibt aufgrund des Handelns Jesu und der biblischen Schriften zu Denken, d.h. sie fordert zum Nach- und Weiterdenken auf. Bestenfalls kann sie zur aktiven Nachfolge Jesu rufen. Sie kann aber niemanden zu etwas zwingen, genauso wenig, wie man jemanden zum Glauben zwingen kann.

Es ist deshalb verfehlt, wenn du immer wieder schreibst, ich würde jemanden "zum Pazifismus zwingen", meine Ethik "pauschal für andere anordnen" bzw. "vorschreiben" oder meine eigene persönliche Leidensbereitschaft "anderen zwangsweise auferlegen – beispielsweise den Ukrainerinnen und Ukrainern." Du belegst das auch nicht mit Äußerungen von mir, und zwar deshalb, weil es solche Äußerungen von mir nicht gibt.

Wie sollte ich auch jemanden zu etwas zwingen oder ihm etwas vorschreiben können? Ich bin doch gar nicht in der Lage, irgendjemandem etwas anzuordnen. Wie sollte ich gar den Ukrainerinnen und Ukrainern etwas zwangsweise auferlegen können? Wenn hier jemand einen gewissen Druck oder auch Zwang anwenden kann, dann ist das Donald Trump, wie wir in den letzten Wochen gesehen haben. Aber es ist geradezu absurd, mir etwas vorzuwerfen, wozu bestenfalls Trump in der Lage ist.

Was ich mit meinen friedensethischen Stellungnahmen tue, ist nur, dass ich meine Sicht der Dinge anhand der biblischen Schriften darlege. Dasselbe tust du mit deinen Äußerungen (falls du die biblischen Schriften heranziehst und nicht nur politisch, also von einer anderen Logik her, argumentierst). Was jemand damit macht, liegt weder in meiner noch in deiner Hand.

Wenn dir das nicht einleuchtet, bitte ich um Zitate, in denen ich zwinge, anordne, vorschreibe, zwangsweise auferlege oder ein Diktat ausübe.

2.
Was Bonhoeffer betrifft, habe ich in meinem Kommentar geschrieben:

"Bonhoeffer lässt jetzt den Krieg als ultima ratio (letzten Grund) in Ausnahmefällen zu."

"Unter dem Eindruck des Hitler-Regimes mit seiner Judenvernichtung sieht Bonhoeffer ein, dass es in Ausnahmefällen keine andere Möglichkeit gibt, als dem Grauen mit Gewalt ein Ende zu bereiten."

Ich verstehe nicht, wie du mir nach diesen deutlichen Sätzen vorwerfen kannst:

"Deine Darstellung wirkt so, als hätte Bonhoeffer sämtliche Gegenwehr stets abgelehnt. Das stimmt so nicht. Auch er sah den Moment, wo reines Hinnehmen nicht mehr verantwortbar war."

Genau das habe ich mit anderen Worten als die Position Bonhoeffers dargestellt und auch als meine eigene immer vertreten.

Übrigens: Ein Vergleich zwischen der Shoa und dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist doch wohl fehl am Platze. Du schreibst:

"Die Shoa war ein besonders grausamer Genozid. Auch Russland begeht in der Ukraine übrigens einen Genozid."

Ich denke, man sollte die Shoa und den Ukrainekrieg nicht nebeneinanderstellen. Das wäre eine Verharmlosung für den systematisch und industriell geplanten und durchgeführten millionenfachen Tod von Jüdinnen und Juden.

3.
Du hast geschrieben:

"Dein Vorwurf geht zu weit, wenn du unterstellst, eine Zusammenarbeit mit den USA widerspreche einer christlichen Ethik. Gerade angesichts der russischen Aggression wäre eine distanzierte, aber koordinierte Verteidigungspolitik zum Schutz Europas wichtig."

Ich habe darauf hingewiesen, dass eine Distanzierung von den USA unter der Regierung Trump notwendig ist. Diese Distanzierung wird ja auch gerade in der EU und in Deutschland von der zukünftigen Regierung Merz vollzogen.

Ich habe des weiteren die Frage gestellt, ob es einer christlichen Ethik entspricht, "sein Augenmerk auf weltweite Machtansprüche zu lenken, anstatt [...] auf Gottes Welthandeln zu vertrauen. Das heißt nicht, die Weltlage aus dem Blick zu verlieren. Aber wenn man ausschließlich geopolitisch denkt und handelt, wird man immer potentielle Feinde entdecken, gegen die man sich zu rüsten hat. Das kommt einer christlichen Friedensfähigkeit nicht zugute."

Ich habe also nicht jede Zusammenarbeit mit den USA grundsätzlich in Frage gestellt, aber die Zusammenarbeit mit Staaten, die weltweite Machtansprüche stellen und deshalb in der Außenpolitik vornehmlich geopolitisch denken und handeln. Denn jede Intention, den geopolitischen Einflussbereich auszudehnen, birgt tendenziell eine Kriegsgefahr oder gar -absicht in sich. Es kann aber nicht die Grundlage einer christlichen Ethik sein, eigene Machtgelüste durch kriegerische Auseinandersetzungen zu befriedigen oder andere Staaten dabei zu unterstützen.

4.
Zu Luthers Zwei-Reiche-Lehre schreibst du:

"Luther sah sehr wohl die Notwendigkeit, dass 'weltliche Obrigkeit' gegen Unrecht handeln muss. Das bedeutet natürlich auch, sich militärisch gegen Aggressoren zu verteidigen. Kein seriöser Luther-Interpret würde sagen, man müsse ausnahmslos immer untätig bleiben. [...] Zwar hast du recht, dass sich die lutherische Theologie in der NS-Zeit teilweise fatal zurückgezogen hat. Aber daraus folgt nicht, dass jeder Verteidigungskrieg aus christlicher Sicht zu verwerfen wäre. Es heißt lediglich, dass staatliches Handeln immer am Evangelium gemessen werden muss. Auch das kann im Einzelfall eine Verteidigung beinhalten."

Mit der in diesen Sätzen formulierten Luther-Auslegung gehe ich konform. Dass "jeder Verteidigungskrieg aus christlicher Sicht zu verwerfen wäre", habe ich noch nie vertreten. Wieder frage ich mich, aus welcher meiner Äußerungen du das schließt. Ich bin auch der Ansicht, dass staatliches Handeln immer am Evangelium gemessen werden muss und dies – ich habe gesagt: im extremen und seltenen Ausnahmefall – auch eine Verteidigung beinhalten kann.

An diesen Punkt kann ich meine Beobachtung anschließen, dass ich in deinen Stellungnahmen den biblischen und theologischen Bezug, also das Evangelium, vermisse. Es reicht doch für eine christliche Ethik nicht aus,

– abstrakt von einer "aktiven Verantwortung der Christen in der Welt" zu sprechen und ein "verantwortungsvolles, ethisch reflektiertes Handeln" zu fordern;
– sich mit allgemeinen Formulierungen wie "Eine christliche Friedensethik darf nicht nur auf Gewaltverzicht setzen, sondern muss auch die Realität der Welt ernst nehmen" oder "Eine christliche Friedensethik sollte sich für Gerechtigkeit einsetzen und nicht nur für die Abwesenheit von Krieg" von einem radikalen Pazifismus abzugrenzen, der hier auf diesem Blog gar nicht vertreten wird;
– sich auf ein "Konzept der gerechten Kriegsführung" oder auf Autoritäten wie Martin Luther zurückzuziehen;
– sich politisch auf die Abschreckungsdoktrin zu berufen, wonach "Abschreckung eine der wesentlichen Strategien ist, die Kriege verhindern können", ohne auch nur die Gefahr eines damit verbundenen Atomkriegs zu sehen (die während des Ukrainekriegs auch von politischer Seite mehrfach formuliert wurde) und dann die Frage zu stellen, ob ein solcher Atomkrieg mit seinen unabsehbaren Folgen, also Hunderttausenden oder Millionen toten Zivilisten und einem weltweiten atomaren Winter unter christlichen Gesichtspunkten ethisch zu rechtfertigen ist.

Ich möchte dir deshalb nochmal die Fragen aus meinem letzten Kommentar stellen, die du nicht beantwortet hast:

Du hattest u.a. geschrieben: "Krieg soll immer als letzte Möglichkeit betrachtet werden, aber Verteidigung ist ethisch legitim."

Ich hatte daraufhin gefragt:

"Ist jede Verteidigung ethisch legitim? Ist jede Verteidigung eine "letzte Möglichkeit"? Welche Bedeutung hat dann noch das Kriterium "letzte Möglichkeit"? Wo setzt du die Grenze, an der Krieg noch nicht die letzte Möglichkeit ist? Gibt es bei dir überhaupt solch eine Grenze? Oder muss der Krieg bis zum letzten Mann ausgefochten werden? Muss Russland besiegt werden? Was ist denn mit einem Sieg über Russland überhaupt gemeint? Und wie soll die Atommacht Russland besiegt werden, ohne einen Atomkrieg auszulösen, in dem wir schließlich alle untergehen?
god.fish
2025-03-27 14:24:58
Lieber Klaus,
ich antworte mal auf einen vorigen Kommentar von dir. (Auf den letzten vielleicht demnächst mal.)

Du schreibst weiter oben:
"Luther hat dieses miteinander-Verschlungensein von Reich Gottes und Reich der Welt jedoch nicht konsequent gedacht. Er landete schließlich doch wieder bei einer Trennung beider Reiche. Aber wie soll das möglich sein: Im Privatleben richte ich mich nach dem Liebesgebot, aber im öffentlichen Bereich gilt das Liebesgebot nicht? Ein Staatsbeamter muss im Privatbereich liebevoll handeln, als Beamter aber darf er – ja, was eigentlich? Seinen Nächsten hassen? Oder muss er allen Gesetzen folgen, auch wenn sie ungerecht sind? Ein Polizist muss eine liebevoller Familienvater sein, aber gegenüber einem Verbrecher darf er brutal vorgehen, solange es im Rahmen der weltlichen Gesetze ist? Im Privatleben ist es verboten, seinen Mitmenschen zu verletzen, aber im Krieg ist es die Pflicht, ihn zu töten?"

Ja. Laut Luther ist es ziemlich genau so.

Die Obrigkeit ist von Gott eingesetzt, um den Frieden in der Welt zu schaffen und zu erhalten. Weil sie von Gott eingesetzt ist, soll man ihr auch dienen. Das heißt, dass man z.B. Polizist, Henker (damals) oder Soldat sein kann, weil man damit den Frieden in der Welt garantiert und so der von Gott eingesetzten Obrigkeit dient.

Dazu Luthers Schrift von 1523: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr
Gehorsam schuldig sei

Du findest den Gedanken an mehreren Stellen in der Schrift, selber mal reinlesen. Zum Beispiel hier (es geht dabei nur um einen Verteidigungskrieg):

"Hier fragst du weiter, ob denn auch die Büttel, Henker, Juristen, Anwälte, und was zu deren Gehilfen
gehört, Christen sein können und einen seligen Stand haben? Antwort; Wenn die Gewalt und das
Schwert ein Gottesdienst ist, wie oben erwiesen ist, so muß auch das alles Gottesdienst sein, was der
Gewalt nötig ist, um das Schwert zu führen. Es muß ja einer sein, der die Bösen fängt, verklagt,

erwürgt und umbringt, die Guten schützt, entschuldigt, verteidigt und errettet. Darum, wenn sie es in
der Absicht tun, daß sie nicht sich selbst drinnen suchen, sondern nur das Recht und die Gewalt
handhaben helfen, womit die Bösen bezwungen werden, ists für sie ohne Gefahr, und sie könnens
brauchen, wie ein anderer ein anderes Handwerk, und sich davon ernähren."

oder hier:

"Denn dieweil dein ganzes Land in Gefahr steht, mußt du es wagen, ob dir Gott helfen wollte, daß nicht alles
verderbt werde. Und wenn du auch nicht wehren kannst, daß etliche Witwen und Waisen darüber
werden, so mußt du doch wehren, daß nicht alles zu Boden gehe und lauter Witwen und Waisen
werden.
Und hierin sind die Untertanen schuldig zu folgen, Leib und Gut daranzusetzen. Denn in solchem Fall
muß einer um des andern willen sein Gut und sich selbst wagen. Und in solchem Krieg ist es christlich
und ein Werk der Liebe, die Feinde getrost zu würgen, zu rauben und zu brennen und alles zu tun,
was (den Feinden) schädlich ist, bis man sie nach Kriegsbräuchen überwinde, nur daß man sich vor
Sünden hüten, Weiber und Jungfrauen nicht schänden soll. Und wenn man sie überwunden hat, soll
man denen, die sich ergeben und demütigen, Gnade und Frieden erzeigen, so daß man in solchem
Fall den Spruch gelten lasse: Gott hilft dem Stärksten."

oder hier:
"Wäre das Schwert nicht ein göttlicher Stand, sollte er sie abtreten heißen,
sintemal er das Volk vollkommen machen und recht christlich unterweisen sollte. So ist es gewiß und
klar genug, wie es Gottes Wille ist, das weltliche Schwert und Recht zu handhaben zur Strafe der
Bösen und zum Schutz der Frommen."
god.fish
2025-03-27 14:33:25
oder hier ausformuliert: https://god.fish/2025/03/26/darf-oder-muss-ein-christlicher-soldat-sein-land-verteidigen/
2025-03-27 17:18:05
Lieber god.fish,

"Wenn die Gewalt und das Schwert ein Gottesdienst ist ... wenn sie es in der Absicht tun, daß sie nicht sich selbst drinnen suchen"

Diese Vorbehalte Luthers finde ich extrem wichtig. Denn nicht alle Gewalt und alles Schwert ist ein Gottesdienst. Auch die staatliche Gewalt kann missbraucht, auch ein (Verteidigungs-)Krieg fehl am Platze sein. Alles muss am Evangelium gemessen und geprüft werden: "Prüft alles, und das Gute behaltet" (Paulus).

Die Haltung Luthers zum Krieg, die in den anderen von dir angeführten Zitaten deutlich wird, ist in der Theologie häufig kritisiert worden. Ich kann sie auch nicht teilen. Denn dass es "ein Werk der Liebe" sein soll, "die Feinde getrost zu würgen, zu rauben und zu brennen und alles zu tun, was (den Feinden) schädlich ist, bis man sie nach Kriegsbräuchen überwinde", leuchtet mir absolut nicht ein. Wenn Luther wenigstens, wie Bonhoeffer, zugestanden hätte, dass es Situationen gibt, in denen man nicht umhin kann, Schuld auf sich zu laden, könnte man ja noch Verständnis für seine Haltung aufbringen. Aber das Genannte als Werk der Liebe darzustellen, widerspricht m.E. jeder christlichen und an Jesus orientierten Ethik.
god.fish
2025-03-27 21:43:11
Lieber Klaus,

ja, Luther hat zum Beispiel dort seine Grenzen, wo ein Staat eine Diktatur ist. Eine solche Obrigkeit dürfte man sicher schwerlich als von Gott eingesetzt betrachten können, da sie viele von Gottes Geboten bricht.

Auch sein "Werk der Liebe" ist sprachlich schwierig. Den Angreifern gegenüber gilt diese Liebe nicht, aber sie gilt der göttlichen Ordnung und den Opfern, die es zu verteidigen gilt.
Luther hat die Theologie so gedacht, dass man damit auch einen Staat im Sinne der göttlichen Ordnung - die sich gegen das Chaos wendet - schützen und aufrechterhalten kann. Und im Reich der Welt geht das realiter nicht immer ohne Gewalt.

Er schreibt dazu in "Von weltlicher Obrigkeit und Wieweit man ihr Gehorsam schuldig sei":

"Ein Christ soll so geartet sein, daß er alles Übel und Unrecht sich gefallen lässt, sich selbst nicht rächt, auch nicht vor Gericht Schutz für sich sucht; sondern er soll überhaupt nichts von weltlicher Gewalt und Recht in Anspruch nehmen für sich selbst.
Aber für andere kann und soll er Vergeltung, Recht, Schutz und Hilfe suchen und dazu beitragen, was er nur kann (...)
Das Schwert soll kein Christ für sich und seine Sache führen oder anrufen; dagegen für einen anderen kann und soll er es führen und anrufen, damit dem bösen Wesen Einhalt geboten und die Rechtschaffenheit geschützt wird. (...)"
2025-03-28 10:17:55
Hallo god.fish,

natürlich muss ein Polizist auch Gewalt anwenden, um andere und sich selbst zu schützen oder einen Verbrecher dingfest zu machen. Und ein Richter muss das Gesetz anwenden. Aber es gibt für beide auch einen Ermessensspielraum, wie er das umsetzt: Ein Polizist sollte möglichst auf übertriebene und unnötige Gewalt verzichten, und ein Richter kann gnädig oder ungnädig urteilen. Von einem Christen würde ich Letzteres erwarten.

Das strikte Trennen der beiden Reiche führt zu einer Zerrissenheit innerhalb des Menschen, d.h. sein Privatbereich ist vom Evangelium bestimmt, der öffentliche Bereich aber nicht. Im öffentlichen Bereich muss er nach Luther "Witwen und Waisen machen, würgen, rauben, brennen und alles tun,
was (den Feinden) schädlich ist", im privaten Bereich darf er nichts davon. Was aber, wenn all das mehr Opfer fordert, als wenn er darauf verzichtet hätte? Wo ist die Grenze dieses Wütens? Gibt es überhaupt eine Grenze? Das sind Fragen, die Luther nicht beantwortet hat.

Die innere Zerrissenheit des Christen, die diese Theologie mit sich bringt, spiegelt sich in einer äußeren Zerrissenheit, einer absurden Situation. Denn nach Luther darf ein Christ A, der angegriffen wird, sich nicht gegen den Angreifer verteidigen, sondern muss aus Liebe zum Angreifer das Leid auf sich nehmen. Der Christ B aber, der den Angriff sieht, ist verpflichtet, den Christen A mit Gewalt zu verteidigen. Oder anders herum: Christ B muss für den Christen A in den Krieg ziehen, während Christ A fromm bleibt und aus Liebe jede Gewalt ablehnt. Das ist das Ergebnis des letzten Luthertextes, den du zitiert hast. Ich finde das absurd.

god.fish, ich fürchte, wir werden in dieser Sache nicht zusammenfinden, auch wenn wir hier endlos weiterdiskutieren. Unsere Standpunkte liegen schon in den Grundlagen zu weit auseinander. Schon die These, dass ein Krieg einem anderen helfen soll, wirft bei mir Fragen auf. Worin besteht denn die Hilfe, wenn ein Krieg Hunderttausende von Witwen und Waisen macht? Man muss doch in jeder ethisch fraglichen Situation neu überlegen, was zu tun ist, und darf nicht ein festes Schema über alle Situationen, jeden Angriffskrieg legen. Gegen Hitler musste man anders vorgehen als gegen Putin, obwohl man beide als Diktatoren, Menschenverächter und Massenmörder bezeichnen muss. Dennoch waren die Situationen nicht identisch. Gegen ein Heer selbsterklärter Terroristen muss man anders vorgehen als gegen Soldaten, die selber den Krieg nicht wollen und zum Kämpfen gezwungen werden.

Wie gesagt, wir werden in all diesen Fragen nicht zusammenfinden, auch wenn wir endlos weiterdiskutieren. Das müssen wir vielleicht akzeptieren. Es wird irgendwann mühsam, es trotzdem zu tun, und ich frage mich, welchen Sinn das hat. Wenn du Weiteres über meinen Standpunkt wissen willst, wähle auf meiner Seite "Themen" die Stichpunkte "Krieg und Frieden" oder "Ukraine-Krieg". Dort findest du eine Fülle von Beiträgen zum Thema.
god.fish
2025-03-29 11:32:33
Lieber Klaus,
gut, es gibt unterschiedliche Standpunkte und auch innerhalb der EKD beispielsweise gibt es sie. Drum kann es sein, dass einfach jeder weiterhin seinen Standpunkt für richtig hält. Insofern können wir das einfach mal so stehen lassen.

Ein Gedanke noch, warum ich diese Diskussion führenswert hielt: Weil ca. noch 46% der Menschen in Deutschland Christen sind und auch die Politik mitbestimmen. Drum ist es wichtig für sie, wie sie sich auch auf Grundlage ihres Glaubens zum Thema verhalten können (obwohl viele der registrierten Christen wohl ohnehin eher noch Kirchensteuerzahler sind und sich von unseren theologischen Erwägungen kaum beeinflussen lassen dürften).
Aber für die Christen, die einen theologischen Unterbau suchen, ist die Diskussion wichtig. Mein Gedanke dabei war immer, diese Diskussion an den weltlichen Realitäten auszurichten. Und wie die aussehen, kann man z.B. in dem gerade erschienenen Buch von Carlo Masala "Wenn Russland gewinnt", das ich gelesen habe, gut wahrnehmen. Demzufolge wird es nicht bei der Ukraine bleiben. Der russische Imperialismus wohnt Russland seit Jahrhunderten stark inne und Putins immer wieder erklärtes Ziel ist es, die Sowjetunion wiederherzustellen, und möglichst darüber hinaus. Gegen diesen Imperialismus kommt man mit der Bergpredigt nicht an. Deshalb hatte ich Luthers 2-Reiche-Lehre angeführt, auch, wenn sie an unsere Zeit adaptiert werden müsste wahrscheinlich. Die Bergpredigt ist wohl eher als Messlatte für den Einzelnen in moralischer Hinsicht zu verstehen (eine unendlich hohe Messlatte, die ein Normalsterblicher nie wird erreichen können). Luthers Konzept hingegen ist auch als Staatstheorie zu lesen, mit der man regieren kann. Und das wird nötig sein, wenn man sich die russischen Gräueltaten ansieht. Die wird man nicht vermeiden können durch unrealistischen Pazifismus. Denn der Pazifismus lebt davon, dass jeder sich an seine Regeln hält. Tut einer das nicht und überfällt ein anderes Land, zerstört Schulen, Krankenhäuser, Energieinfrastruktur, Bildungseinrichtungen, verschleppt gut 20.000 Kinder (!), erstellt Todeslisten für ukrainische Menschen, die beseitigt werden sollen, weil sie die Ukraine repräsentieren, dann sind die Grenzen des Pazifismus erreicht. Und dann braucht man auch ein theologisches Konzept, das mit diesen Gegebenheiten, die uns sicher die nächsten Jahrzehnte begleiten werden, umgehen kann. Man kann sich dann zwar wie Epikur auf sein Privatleben zurückziehen in dem Sinne, dass man selbst nicht schuldig werden möchte und strikt nach der Bergpredigt lebt, aber dann kann unser Staat und unsere friedensbasierte Ordnung in Europa nicht überleben gegen die russische Aggression. Das Ende wird nicht Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden sein, sondern Unterwerfung, Genozid und Versklavung.

Die Geschichte des Judentums beginnt übrigens damit: Mit der Befreiung aus der Versklavung.

Und die theologische Geschichte der Welt beginnt damit, dass Gott auch Chaos Kosmos - Ordnung - schafft. Und wir sind Gottes Verwalter auf der Erde. Für was sollen wir uns einsetzen: Chaos oder Kosmos ? Dem Bösen wehren, das ist wohl die Antwort, die m.E. den Realitäten entspricht. Auch, wenn ich selber nach ganzem Herzen den Pazifismus liebe.
god.fish
2025-03-29 11:35:24
viertletzte Zeile, so soll es heißen, bitte ausbessern: ...dass Gott AUS Chaos Kosmos - Ordnung - schafft.
2025-03-29 13:06:59
Hallo god.fish,

abschließend nur so viel: Ich vertrete keinen abstrakten und absoluten, also "unrealistischen Pazifismus", wie mein Artikel deutlich zeigt, sondern - mit z.B. Heribert Prantl - einen realistischen Pazifismus. Insofern gilt für mich nicht, dass man sich "auf sein Privatleben zurückzieht in dem Sinne, dass man selbst nicht schuldig werden möchte". Prantl schreibt: "Es ist fatal, wenn Pazifisten als politikunfähige Schwärmer schlechtgemacht, Bellizisten aber als vernünftige Politiker goutiert werden" (Prantl: Den Frieden gewinnen, S. 94). Ich glaube nicht, dass du mich schlechtmachen willst, aber du ordnest meinen Standpunkt unzutreffend ein.

Ich teile weder deine Einschätzung der Bergpredigt noch der lutherischen Zwei-Reiche-Lehre noch der politischen Lage und des theologischen Konzepts, das man deiner Meinung nach heute "braucht", um auf die Frage zu antworten: "Chaos oder Kosmos?", also Chaos oder Ordnung.

Der Versuch, das Chaos mit mehr Chaos zu beantworten, führt unweigerlich zu immer mehr Leid und Tod, und schließlich droht der atomare Untergang - das größte vorstellbare Chaos. Dies in Kauf zu nehmen bin ich nicht bereit. Dabei geht es nicht darum, persönlich unschuldig zu bleiben, sondern Menschen vor weiterem Leid und Tod zu schützen.
god.fish
2025-03-29 13:45:58
Lieber Klaus,

nein, dich will ich nicht schlecht machen.

Die Position von Prantl ist meines Wissens folgende: keine Waffen an die Ukraine zu liefern und stattdessen auf Diplomatie zu setzen.

Meines Erachtens überrennt Russland dann die Ukraine und macht danach mit anderen Ländern weiter, weil Angriffskrieg ja demnach erfolgreich ist.
Prantl erkennt m.E. auch nicht an, dass Putin seit 25 Jahren permanent Angriffskriege führt und er ohne massiven Druck bisher nie zu Zugeständnissen zu bewegen war, weshalb er gegenüber Diplomatie ausweichend reagiert und einfach so weitermacht, wie bisher.
Demnach führt Diplomatie in Bezug auf Putin nicht zu weniger Krieg, sondern zur Ausweitung der russischen Angriffskriege und zu mehr Leid und Tod.
Und auch, wenn sich Geschichte nicht eins zu eins wiederholt, soll man doch aus Analogien lernen: Appeasement hatte auch Hitler nicht ausgebremst, sondern angestachelt.

Aber gut, in dieser Sache mit dieser Art von Pazifismus haben wir wohl eine andere Einschätzung.
2025-03-29 16:30:27
Du irrst in Bezug auf Prantl: Seine Haltung ist, Waffen an die Ukraine zu liefern und zugleich mit diplomatischen Mitteln einen Waffenstillstand zu erwirken.

Wenn ein Waffenstillstand herrscht, kann Russland die Ukraine nicht "überrennen", zumal das ja schon mit Waffengewalt nicht gelungen ist.

Wenn man Putin als blutrünstigen Welteroberer sieht, der natürlich immer weitermachen wird, macht man es unmöglich, mit ihm zu verhandeln. Dann geht der Krieg mit Hunderttausenden Toten weiter, angeblich, bis man Putin "besiegt" hat. Aber wie will man die besetzten ukrainischen Gebiete zurückerobern? Das kann doch die Ukraine alleine nicht schaffen. Soll also die NATO eingreifen? Soll ein Weltkrieg ausbrechen? Soll die Atommacht Russland besiegt werden? Das geht doch nur, wenn man einen Atomkrieg führt, den man m.E. als Christ nicht wollen kann. Warum nicht, das habe ich in meinem obigen Artikel ja deutlich beschrieben. Wenn du das willst, dann sag es doch bitte deutlich.

Der Vergleich mit Hitler, den du ja auch auf deinem Blog ständig verwendest, hinkt wie immer.
god.fish
2025-03-30 00:40:07
Mein letzter Stand war, das Prantl keine Waffen liefern will.
Aber wenn er das will und dazu Diplomatie, das macht Sinn.
Mal sehen, ob es klappt.
Ein Waffenstillstand wäre sinnvoll, wenn er hält. Minsk 1 und Minsk 2 hatten allerdings überhaupt nicht gehalten, sondern Putin hatte aufgerüstet und die Ukraine 2022 dann ganz offen überfallen, nachdem er erst 2014 verdeckt gemacht hatte. Und er hat diesen offenen Angriffskrieg begonnen, weil er glaubte, die Stärke dazu zu besitzen.

Dementsprechend braucht die Ukraine entweder Sicherheitsgarantien oder genug Waffen, um sich selbst verteidigen zu können, oder beides. Wenn auf Seite der Ukraine genug Stärke vorhanden ist, sei es durch die Ukraine selber oder durch Sicherheitsgarantien, wird Russland nicht mehr angreifen.
Und diese Stärke der Ukraine oder das Westens wäre es auch, die Putin auf einmal recht verhandlungswillig machen würde.

Wollen wir mal hoffen, dass es sich in diese Richtung entwickelt. Momentan scheint mir das leider nicht so.

Solange Putin sich aber auf der stärkeren Seite wähnt, wird sein Angriffskrieg weitergehen.
Der Nato-Doppelbeschluss damals war auch so: Aufrüstung und Diplomatie. Erst die westliche Stärke hatte dann der Diplomatie die Tür geöffnet und letztlich zur beidseitiger Abrüstung geführt. Die Diplomatie alleine hätte das allerdings nie gekonnt. Nur in Kombination mit militärischer Stärke hatte die Diplomatie auf einmal eine Chance bekommen.
2025-03-30 11:40:12
Noch haben wir keinen Waffenstillstand. Und zu glauben, die Ukraine könne, durch Waffenlieferungen und Geheimdienste unterstützt, Russland besiegen bzw. aus den besetzten Gebieten wieder verdrängen (diese These wurde in den letzten Jahren ja immer wieder vertreten), halte ich für utopisch, also vollkommen unrealistisch. Das zum Thema eines angeblich unrealistischen Pazifismus.

Daran ändert sich nach einem Waffenstillstand nichts: Die Ukraine wird sich nicht allein erfolgreich zur Wehr setzen können. Also muss es Sicherheitsgarantien geben. Frankreich und Großbritannien wollen schon eigene Truppen in die Ukraine entsenden. Deutschland wird sich vermutlich anschließen. Die Amerikaner werden sich raushalten. Wenn dann der Waffenstillstand brüchig wird, aus welchen Gründen auch immer, sind wir im Krieg mit Russland, also im Weltkrieg. Willst du dieses Risiko eingehen?
god.fish
2025-03-30 18:13:24
Du hast recht: Ein vollständiger militärischer Sieg der Ukraine – inklusive Rückeroberung aller besetzten Gebiete – ist derzeit schwer vorstellbar. Vielleicht werden manche Gebiete leider nicht befreit werden können.

Aber daraus zu schließen, Russland müsse man einfach gewähren lassen, wäre auf andere Weise höchst gefährlich. Denn wenn ein aggressiver Staat für Gewalt und Landraub belohnt wird, steigt das Risiko, dass er weitermacht – sei es in der Ukraine, Moldau, im Baltikum oder in Polen.

Ein stabiler Waffenstillstand wird nicht durch Nachgiebigkeit erreicht, sondern durch glaubwürdige Grenzen und Schutzmechanismen. Die Vorstellung, ein konsequentes Eintreten für das Völkerrecht sei „unverantwortlich riskant“, übersieht das umgekehrte Risiko: dass Gewalt zum Mittel internationaler Politik wird.

Es geht nicht um Kriegsbegeisterung – sondern um die Frage, wie man einem Aggressor Grenzen setzt. Auch das ist Teil christlicher Verantwortungsethik.
2025-03-30 22:52:00
Heißt das, dass du einen Weltkrieg, der voraussichtlich ein Atomkrieg wäre, in Kauf nehmen würdest, um konsequent für das Völkerrecht einzutreten?
god.fish
2025-03-31 00:00:55
Lieber Klaus,
nein, ich will keinen Weltkrieg riskieren – aber ich halte es für ebenso gefährlich, aus Angst vor Russlands Atomdrohung grundsätzlich zurückzuweichen. Wenn das Schule macht, kann Russland jedes Land überfallen, das nicht unter einem atomaren Schutzschirm steht – mit dem stillschweigenden Einverständnis der Welt.
Das Völkerrecht wird so zur leeren Hülle. Wer es verteidigt, will nicht eskalieren, sondern genau das verhindern: dass nukleare Drohungen zum Freibrief für Gewalt werden. Die größere Gefahr ist nicht klare Gegenwehr – sondern das Signal, dass Erpressung funktioniert.
2025-03-31 09:13:05
Es tut mir leid, ich kriege das logisch nicht zusammen: Wie willst du denn ein "konsequentes Eintreten für das Völkerrecht" militärisch erreichen, ohne dass westliche Truppen in der Ukraine kämpfen? Du gibst ja auch selber zu, dass "ein vollständiger militärischer Sieg der Ukraine – inklusive Rückeroberung aller besetzten Gebiete – derzeit schwer vorstellbar ist", und forderst "glaubwürdige Grenzen" für Russland sowie "Schutzmechanismen" und "Sicherheitsgarantien". Wer soll diese Sicherheit garantieren und Russland militärisch Grenzen setzen? Die USA scheinen dazu gerade nicht bereit zu sein. Also bleiben nur westliche Truppen - mit dem hohen Risiko, dass sie bei einem brüchigen Waffenstillstand in den Krieg einbezogen werden, also ein Weltkrieg ausbricht. Man kann also offenbar nicht das eine haben wollen - westliche Sicherheitsgarantien -, ohne das andere in Kauf zu nehmen - einen Weltkrieg.

Natürlich würde ich mir auch wünschen, dass ein Waffenstillstand für die Ukraine gesichert wird. Aber Wünsche sind noch keine realistische und christliche Politik. Was ich mir vorstellen könnte, ist, dass nach einem Waffenstillstand UNO-Blauhelmtruppen in der Ukraine stationiert werden, und zwar möglichst keine westlichen Truppen, weil diese wiederum von Russland als Bedrohung empfunden werden könnten. Es gibt ja genug andere Staaten, die den Krieg verurteilt haben, aber Russland näher stehen als der Westen, die Soldaten für eine UNO-Mission zur Verfügung stellen könnten.
god.fish
2025-03-31 12:11:40
Ich verstehe deine Sorgen, aber ich glaube, dass sich einige Annahmen in deiner Argumentation so nicht halten lassen – und dass sie auch aus christlich-ethischer Sicht hinterfragt werden müssen.

Zunächst: Blauhelmtruppen sind aus gutem Grund für viele Konflikte keine Lösung. Sie dürfen nicht schießen, nicht eingreifen und dienen eher der Beobachtung als der aktiven Sicherung eines Friedens. In einem Szenario, in dem Russland immer wieder Waffenstillstände bricht – wie in den Jahren vor 2022 – wären sie faktisch nutzlos. Russland hat auch mehrfach gezeigt, dass es sich von UNO-Präsenz nicht beeindrucken lässt, vor allem, wenn es selbst Vetorecht im Sicherheitsrat hat.

Zweitens: Sicherheitsgarantien für die Ukraine bedeuten nicht zwangsläufig einen Weltkrieg. Weder Frankreich, noch Großbritannien oder Deutschland haben Interesse an einer Eskalation. Auch Russland vermutlich nicht – die Drohung mit dem Atomkrieg ist ein Mittel der Einschüchterung, das man nicht automatisch für bare Münze nehmen darf. Es geht um Abschreckung, nicht Eskalation. Eine gesicherte Waffenstillstandslinie mit klarer westlicher Rückendeckung würde Russland eher abhalten als provozieren.

Drittens: Ein "Weltkrieg" entsteht nicht automatisch dadurch, dass westliche Truppen Präsenz zeigen. Wir erleben weltweit unzählige Fälle, in denen internationale Militärpräsenz zur Stabilisierung beiträgt, ohne dass ein Flächenbrand ausbricht. Es wäre ein begrenzter regionaler Einsatz, nicht der Beginn eines globalen Kriegs – sofern Russland nicht selbst bewusst eskaliert.

Und schließlich: Eine ethische Politik darf sich nicht allein an russischen Drohungen orientieren, sondern muss die Perspektive der Bedrohten einnehmen. Wenn wir als Christen sagen: "Wir müssen der Ukraine helfen", dann dürfen wir sie nicht am Ende mit einem Achselzucken alleinlassen. Der Wunsch nach Frieden ist richtig – aber er darf nicht in einem Friede-um-jeden-Preis-Ansatz enden, der Unrecht legitimiert.

Christliche Politik muss die Schwächeren schützen – nicht nur durch Worte, sondern auch durch wirksame Strukturen.
2025-03-31 16:52:26
Zu deinen Schlusssätzen zuerst: Du ordnest meinen Standpunkt offenbar wieder in einen "Friede-um-jeden-Preis-Ansatz" ein - ich wiederhole mich: Das ist nicht mein Standpunkt. Friede um jeden Preis wäre kein Friede, sondern bestenfalls die Abwesenheit von Krieg - was auch schon sehr viel, aber nicht alles ist. Außerdem: Das westliche Narrativ "Wir helfen der Ukraine und schützen den Schwächeren" halte ich für verfehlt. Es geht dem Westen nicht darum, der Ukraine zu helfen, sondern sich selbst zu schützen; es geht um Einflussbereiche, also Macht und nationale Interessen. Das wird ja inzwischen auch von politischer Seite deutlich zugestanden. Das Helfen-Narrativ sollte man deshalb nicht mehr verbreiten - auch deshalb, weil fraglich ist, worin die Hilfe eigentlich bei einem bereits drei Jahre währenden Krieg mit Hunderttausenden Toten, "Witwen und Waisen" und seinen Zerstörungen eigentlich besteht. Aber das werden wir unterschiedlich beurteilen.

Es ist mir klar, dass Blauhelmtruppen keine Friedensgarantie sind. Allerdings stimmt es nicht, dass sie weder schießen noch eingreifen dürfen. Sie dürfen sic hselbst und ihre Stellungen verteidigen sowie, wenn sie mit einem robusten Mandat ausgestattet sind, auch Zivilisten mit Waffengewalt schützen. UNO-Militärpräsenz kann zur Stabilisierung beitragen, wurde aber, soweit ich weiß, bis jetzt noch nie in einem Konflikt, an dem die Großmächte China, Russland und die USA beteiligt waren, eingesetzt. Grundsätzlich: Eine Friedensgarantie wird es nie geben. Ein Waffenstillstand kann von beiden Seiten bewusst gebrochen werden, auch von der sich verteidigenden Seite. Dann droht eben doch ein Weltkrieg, wenn in der Ukraine weltliche Truppen betroffen sind.

Eigenartig finde ich, dass du jetzt meinst, Russland habe kein Interesse an einer Eskalation, und "eine gesicherte Waffenstillstandslinie mit klarer westlicher Rückendeckung würde Russland eher abhalten als provozieren." Ich frage mich: Warum dann vorher die Sorge, dass Russland "weitermachen" würde, wenn es mit Landgewinnen belohnt wird - "sei es in der Ukraine, Moldau, im Baltikum oder in Polen"? Das erscheint mir als ein Widerspruch. Ist nun Russland für dich ein Aggressor, der, wenn er nicht besiegt wird, weitermacht oder nicht? Einerseits äußerst du die Sorge, Russland würde die NATO angreifen und damit den Bündnisfall auslösen, andererseits sagst du, westliche Truppen würden es davon abschrecken.

Wenn wir uns darauf einigen können, dass die von Russland besetzten Gebiete nicht zurückerobert werden müssen, um Russland zu "besiegen", und dass nicht-westliche Blauhelmtruppen einen ausgehandelten Waffenstillstandsvertrag soweit wie möglich zu sichern versuchen, liegen wir gar nicht weit auseinander.
god.fish
2025-03-31 22:25:45
Danke für deine ausführliche und differenzierte Antwort. Es freut mich, dass wir trotz unterschiedlicher Ausgangspunkte in einigen Punkten doch näher beieinander liegen, als es auf den ersten Blick scheint.

Zunächst möchte ich klarstellen, dass ich deinen Standpunkt nicht in einen „Friede-um-jeden-Preis“-Ansatz einordnen wollte. Vielmehr wollte ich darauf hinweisen, dass einige Vorschläge – etwa ein Rückzug westlicher Unterstützung oder eine reine Blauhelm-Präsenz ohne robuste Absicherung – das Risiko bergen könnten, letztlich doch Gewalt und Unrecht zu tolerieren. Natürlich weiß ich, dass dies nicht deine Absicht ist. Mir ging es vor allem um die Frage, wie man verhindert, dass gut gemeinter Pazifismus am Ende zu einem Wegschauen gegenüber aggressiver Gewaltpolitik führt.

Zur Frage des westlichen „Helfen-Narrativs“ stimme ich dir insofern zu, als dass Interessenpolitik selbstverständlich immer eine Rolle spielt. Das ist in der internationalen Politik nun mal die Realität. Dennoch sehe ich darin keinen Widerspruch dazu, dass der Westen zugleich tatsächlich hilft. Es ist durchaus möglich und sogar strategisch sinnvoll, dass man einerseits die Ukraine solidarisch unterstützt und andererseits gleichzeitig eigene sicherheitspolitische Interessen verfolgt. Das schmälert nicht die Echtheit der Hilfe, sondern zeigt vielmehr, dass moralische und strategische Motive miteinander verbunden sein können.

Deinen Hinweis auf Blauhelm-Missionen finde ich wichtig. Tatsächlich gibt es robuste UN-Mandate, bei denen Blauhelme Gewalt zum Schutz von Zivilisten einsetzen dürfen, beispielsweise im Kongo oder in Mali. Du selbst hast aber ebenfalls richtig angemerkt, dass solche Missionen in Konflikten, in die eine Großmacht direkt involviert ist, bisher kaum möglich waren. Der Grund dafür liegt darin, dass Russland mit seinem Vetorecht im Sicherheitsrat jede ernsthafte UN-Präsenz blockieren würde. Ohne ein starkes Mandat wären Blauhelmtruppen in der Ukraine faktisch machtlos oder könnten sogar missbraucht werden, um Russlands Position zu legitimieren.

Was deine Frage zu Russland als Aggressor und seiner Eskalationsbereitschaft angeht, möchte ich einen scheinbaren Widerspruch auflösen. Ich halte Russland durchaus für einen Aggressor mit gefährlichen imperialen Ambitionen. Das bedeutet aber nicht, dass Russland unbegrenzt eskalieren würde. Staaten handeln rational, indem sie Risiken und Kosten kalkulieren. Genau deshalb ist glaubwürdige Abschreckung so wichtig. Wenn Russland weiß, dass eine Eskalation gravierende Konsequenzen hätte, sinkt das Risiko, dass Russland tatsächlich weitere Angriffe unternimmt. Es ist also kein Widerspruch, sondern strategische Logik: Abschreckung reduziert die Gefahr einer Eskalation, während ein Mangel an glaubwürdiger Abschreckung diese eher erhöht.

Ich stimme dir durchaus darin zu, dass eine vollständige militärische Befreiung aller russisch besetzten Gebiete – zumindest kurzfristig – nicht sehr realistisch erscheint. Daher scheint mir ebenfalls, dass ein stabiler Waffenstillstand mit Sicherheitsgarantien und klar definierten Linien der realistischere Weg zu einer dauerhaften Stabilität wäre. Wenn wir uns auf diesen Ansatz verständigen könnten – mit einer klugen Kombination aus diplomatischem Druck, internationaler Präsenz und klarer Abschreckung –, kommen wir einer nachhaltigen und verantwortungsethisch tragfähigen Friedenslösung näher.
2025-04-01 09:49:42
Hallo god.fish,

ich denke, die Standpunkte sind nun in ausreichender Weise abgesteckt und wir können diesen Dialog beenden. Beten wir um Weisheit für alle Beteiligten, die einen Waffenstillstand aushandeln, und um einen dauerhaften Frieden!
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
verstehen
Christsein
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Theologische Einsichten für ein gutes Leben
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