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Warum mir christliche Kriegsbereitschaft fremd ist

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Veröffentlicht von in Ethik · 26 Januar 2024
Tags: FriedeKriegEthikNächstenliebePolitikWeltregimentUkraine

Warum mir christliche Kriegsbereitschaft fremd ist
Ein Versuch christlicher Friedensethik
Klaus Straßburg | 26/01/2024

Christinnen und Christen sind sich uneinig über die Kriege, die gerade in der Ukraine und in Israel bzw. dem Gaza-Streifen geführt werden. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland kann sich zu keiner einheitlichen Stellungnahme durchringen, mit der sie Orientierung bieten könnte, sondern muss erst einen langwierigen "Konsultationsprozess" durchlaufen, um danach im Jahr 2025 eine Orientierungsschrift herauszugeben. Ich kann diese Uneinigkeit und Orientierungslosigkeit nicht nachvollziehen.

Ich verstehe nicht, dass Kriege in Kauf genommen werden, in denen zigtausende oder gar hunderttausende Unschuldige getötet werden. Sie werden getötet nicht nur, indem ihr Leben physisch ausgelöscht wird, sondern indem es ihnen genommen wird, auch wenn es physisch erhalten bleibt.

Damit meine ich den Raub der Lebensmöglichkeiten und insofern das erloschene Leben der Verletzten, Amputierten und Traumatisierten, die den Rest ihres Lebens unter diesen Verletzungen, ja Zerstörungen ihres Lebens leiden werden. Und das verlorene Leben derjenigen, deren Familie zerstört wurde, deren Liebste getötet wurden oder vermisst sind und die fortan ohne sie in quälender Ungewissheit, unüberwindlicher Trauer oder dauernder Einsamkeit werden leben müssen. Und ich denke an das Leben der kommenden Generationen, an welche dieses unbewältigte Leid in traumatisierten Familien bekanntlich weitergegeben wird.


1. Leidensbereitschaft statt Tötungsbereitschaft

Es ist mir fremd, dass Christinnen und Christen all das in Kauf nehmen, um andere Menschen oder im Fall des Ukraine-Kriegs neben den anderen auch sich selbst zu retten, dass also unsägliches Leid zugefügt wird, damit andere oder man selber nicht leiden muss. Wobei das Leiden, das man verhindern will, im Fall des Ukraine-Kriegs der Verlust staatlicher Souveränität und individueller Freiheit wäre sowie das Leben in einem totalitären Staat.

Unsägliches Leid wird also billigend in Kauf genommen von Christenmenschen, die doch ihre Souveränität in der Herrschaft des ihnen freundlich zugewandten Gottes haben müssten, ihr Recht in der unzerstörbaren Gerechtigkeit dieses Gottes und ihre Freiheit in der Gewissheit, dass ihr Leben in Tod und Auferstehung Jesu Christi gnädig geborgen ist und immer geborgen bleiben wird.

Dieses unsägliche Leid anderer Menschen billigend in Kauf zu nehmen ist mir fremd. Denn gerade diejenigen, die sich in ihrem Glauben auf Jesus Christus berufen und von ihm in die Nachfolge gerufen wurden, müssten doch bereit sein, den Weg der Niedrigkeit zu gehen, der keine passive Ergebenheit, sondern zugleich ein Weg der Hoheit ist und den eben dieser Jesus Christus ihnen vorausgegangen ist (Phil 2,1-8, besonders 5-8). Sie müssten bereit sein, lieber die Schuld der anderen und das damit verbundene Leid auf sich zu nehmen, anstatt selber schuldig zu werden und den anderen Leid zuzufügen. Das tat ja auch der, den sie ihren Herrn nennen: Er nahm die Schuld der anderen Menschen, die Leid und Tod mit sich brachte, auf sich. So befreite er sie von ihrer Schuld und rettete sie vor eigenem Leiden und Sterben, das ihre Schuld schon auf Erden und dann auch durch Gottes Urteil in Ewigkeit über sie gebracht hätte (Mt 1,21b; Joh 1,29b; Röm 4,25).

Darum müssten doch gerade die an diesen Herrn Glaubenden bereit sein, ein Risiko einzugehen, so wie ihr Herr das Risiko einging, trotz aller Warnungen vor Verfolgung und Tod nach Jerusalem zu ziehen (Joh 11,8). Sie müssten ihrem Herrn folgen, wenn es ihnen ernst mit ihm sein sollte, müssten im Extremfall bereit sein, ihr Leben hinzugeben, so wie er es getan hat, anstatt anderen das Leben zu nehmen.


2. Beten statt resignieren

Es wird behauptet, Kriege seien notwendig, um größeres Leid zu verhindern. Kriege würden also eine Not (ab)wenden.

So wurde wohl fast jeder und wird bis heute jeder Krieg begründet. Schon das macht dieses Argument fragwürdig. An Christinnen und Christen aber stellen sich in besonderer Weise einige Fragen:

Wer wendet eigentlich unsere Not? Ist unser Leben, ist das Leben aller Menschen nicht in Gottes Hand? Befreit nicht er uns von unseren Feinden? Sind es nicht Gottes Taten, die größeres Leid verhindern? Wer ist eigentlich der Herr der Geschichte, der Herr der Welt? Sind wir es, sind es die mächtig sich gebärdenden Herren der Welt, oder ist es der Herr, der sich ohne Gegenwehr verhaften, verurteilen und hinrichten ließ? Und welcher all dieser Herren hat der Welt eigentlich den Frieden gebracht?
(Bibelstellen zu diesem und zum übernächsten Abschnitt siehe unten am Ende des Artikels!)

Und speziell mit Blick auf Israel ist zu sagen: Wenn es stimmt, dass dieses Volk von dem, der sich in Ewigkeit mit ihm verbunden und verbündet hat, so dass jeder, der dieses Volk antastet, seinen eigenen Augapfel antastet (1Mo/Gen 17,7; Sach 2,12) – wenn es stimmt, dass dieses Volk von diesem Herrn bewahrt wird vor allen seinen Feinden (2Mo/Ex 23,20-22.27; 2Sam 22,41), dann muss niemand besorgt darum sein, dass Israel jemals von seinen heutigen Nachbarstaaten ausgelöscht werden wird.

Wenn es also Gott ist, der das Regiment führt in der Welt, dann kann das erste und letzte Handeln der Christinnen und Christen niemals darin bestehen, zu den Waffen zu greifen, sondern nur darin, sich zu dem Herrn zu bekennen, der statt der Waffen das Gebet als Trost und Ausweg aus der Gefahr gewählt hat. In seiner Nachfolge wenden sich die Glaubenden zuerst und zuletzt im Gebet an den Gott Jesu, der ihre Gebete nicht nur hört, sondern sich an ihnen ausrichtet und sein Geschichtshandeln von ihnen mitbestimmen lässt.

Könnte es sein, dass die evangelische Kirche, dass wir Christinnen und Christen deshalb so unentschlossen und orientierungslos sind und angesichts der scheinbaren weltgeschichtlichen Dilemmata im Grunde resigniert haben, ja deprimiert zurückbleiben, weil uns das Vertrauen abhanden gekommen ist, dass der Herr der Geschichte sich von unseren Gebeten beeinflussen lässt? So dass wir die Kraft des Gebets durch die Kraftlosigkeit unseres Handelns ersetzt haben, eines Handelns, das in der Welt tatsächlich an enge Grenzen stößt und zuletzt immer in den Wirren von politischen Einschätzungen und Gegeneinschätzungen sich rettungslos verirren muss.

Wenn der christliche Glaube nicht nur eine fromme Theorie bleiben soll, dann muss er sich im Denken und Handeln der Glaubenden ausdrücken. Zumindest im Denken. Ich verstehe jeden Menschen, der daran scheitert, das, was er denkt und glaubt und wonach er zu leben trachtet, in die Praxis umzusetzen. Das eigene Leben hinzugeben kann nicht gefordert, sondern muss geschenkt werden. Wir sind alle schwach in der Praxis. Aber das darf keine Rechtfertigung für fehlenden Glauben sein. Im Glauben und entsprechendem Denken können wir stark sein, wenn wir Jesu Botschaft ernst nehmen.


3. Sind Kriege notwendig?

Aber gibt es nicht tatsächlich notwendige Kriege? Kriege, die wirklich größeres Leid verhindern? Ich kann das nicht vollends verneinen. Der Krieg gegen Nazi-Deutschland war sicher ein notwendiger Krieg. Wobei gefragt werden muss, ob die Flächenbombardements der Alliierten notwendig waren; ob also wirklich so viele Unschuldige wahllos hätten getötet werden müssen, um diesen Krieg zu gewinnen. Heute werden solche Bombardements vom Völkerrecht eindeutig als Kriegsverbrechen eingestuft, was aber kriegführende Parteien nicht daran hindert, ähnliche Bombardements der Zivilbevölkerung durchzuführen.

Aufgrund der unverhältnismäßigen Potenzierung des Tötens sind die wenigsten Kriege notwendige Kriege, die größeres Leid verhindern. Sie sind es schon gar nicht in christlicher Sicht. Denn wer bereit ist, lieber Leid auf sich zu nehmen als Leid zuzufügen, wird sehr viel zurückhaltender dabei sein, die Notwendigkeit eines Krieges zu behaupten. Es kann ja, christlich gesehen, in einem Krieg nicht darum gehen, eigenes Leid zu minimieren. Gerade dieses Ziel bestimmt aber die Logik des Krieges, die damit einem weltlichen Muster folgt, dem wir uns nicht gleichstellen, sondern entgegenstellen sollen (Röm 12,2). Das christliche Verhaltensmuster aber ist die Logik der Liebe, die anderen Gesetzen folgt als der Anspruch auf Minimierung eigenen Leids.

Auch das Bestreben, das Leid einer bestimmten Gruppe anderer Menschen zu minimieren, macht einen Krieg nicht automatisch zu einem notwendigen Krieg. Denn wer für sich selbst eine christliche Ethik der Liebe vertritt, nach welcher es besser ist, selber zu leiden als Leid zuzufügen, kann diese Ethik, wenn es um andere Menschen geht, nicht einfach für ungültig erklären und dem Töten den Vorrang einräumen gegenüber dem bewussten und aktiven Erdulden von Leid. Das Ziel christlicher Liebe ist ja nicht, eine begrenzte Gruppe mir politisch nahestehender Menschen um jeden Preis vor Leid zu bewahren, sondern Gott die Ehre zu geben und deshalb Gewalt und Zerstörung gegenüber allen seinen Geschöpfen soweit wie möglich einzudämmen. Das schließt zwar die Notwendigkeit eines Krieges nicht vollends aus, setzt ihr aber enge Grenzen.

Diese Grenzen sind entscheidend, weil der Krieg seine eigene Logik hat. Sie zeigt sich darin, dass sich das Töten, wo es einmal begonnen hat, in sich selbst potenzierende Höhen aufschaukelt. Wenn alle Dämme der Menschlichkeit gebrochen sind, kommt es auf zehntausende weitere Getötete nicht mehr an. Die Verhältnismäßigkeit gehört nicht zu den Gesetzen des Krieges. Wir erleben das gerade im Gaza-Streifen: Wo rund 1.200 Unschuldige bestialisch gefoltert und ermordet wurden, werden jetzt zehntausende Unschuldige getötet. Auf diese Weise werden Leid und Hass nicht begrenzt, sondern potenziert.


4. Eine neue Gewichtung statt Entweder-Oder

Jesus setzte Leidensbereitschaft an die Stelle der Kampfesbereitschaft. Ohne Leidensbereitschaft wird es kein Ende der das Töten potenzierenden Kriege geben. Eine Akzentuierung der Leidensbereitschaft ohne Ausschluss jeder Wehrhaftigkeit, falls ein Krieg tatsächlich einmal notwendig werden sollte, verheißt ein Mehr an Frieden. Nicht affektgesteuerte und phantasielose Gegengewalt, sondern geduldig ertragenes Leid und Warten auf Gottes rettendes Eingreifen führen in die Freiheit, wie schon die Befreiung Israels aus dem babylonischen Exil zeigt (2Chr 36,22f).

Ein Gegenbeispiel scheint die Befreiung Israels aus der Sklaverei in Ägypten zu sein, die ohne Gewalt nicht vonstatten ging. Doch auch hier ist es Gott, der Mose beruft und das ägyptische Heer im Meer ersaufen lässt (2Mo/Ex 3,4-10). Zeitweise gab es in Israel den Brauch, ein Los zu werfen und das Ergebnis als Entscheidung Gottes für oder gegen Krieg zu verstehen (1Sam 14,37). Wie exotisch uns das auch immer erscheinen mag: Es ist nicht zu unterschätzen, dass der affektive menschliche Impuls zur Gegengewalt hier eine massive Hemmung erfuhr durch die Frage nach dem Willen Gottes.

Krieg war also schon im antiken Israel kein Automatismus. Er war aber auch nicht ausgeschlossen. Ich rede also keiner Wehrlosigkeit das Wort, aber auch keiner übertriebenen Wehrhaftigkeit, die jedes Risiko und jede Leidensbereitschaft scheut und ausschließen will, einer Wehrhaftigkeit, die jetzt wieder auch die deutsche Politik ergriffen hat.

Es geht also nicht um ein striktes Entweder-Oder – entweder Wehrlosigkeit oder Wehrhaftigkeit –, sondern es geht um eine neue Gewichtung, die dem allzu menschlichen Affekt des Gegenschlags deutlich widerspricht. Zumindest diese christliche Gewichtung und das Bemühen, sich dieser Gewichtung entsprechend zu verhalten, sollten Christinnen und Christen der Bergpredigt Jesu entnehmen können (besonders Mt 5,38-48).

Es ist eine Gewichtung, die zur üblichen politischen Gewichtung und zu den in der Welt üblichen Verhaltensmustern in deutlichem Widerspruch steht. Auch ein politisches Handeln, das auf dieser christlichen Gewichtung gründet, wäre nicht vollkommen frei von Unwägbarkeiten. Aber es könnte in ihm ein Maß an Eindeutigkeit und Orientierung wiedergewonnen werden, das bei weitem weniger Unwägbarkeiten mit sich bringt als ein politisches Handeln, das allein auf politischen oder militärischen Machtinteressen beruht.


5. Geist der Wahrheit statt Tod der Eindeutigkeit

Denn zu den Dilemmata der tödlichen Logik des Krieges gehört auch, dass mit dieser Logik die Eindeutigkeit stirbt, so dass es keine Gewissheit des Denkens und Handelns mehr gibt und Orientierungslosigkeit um sich greift. Die Evangelische Kirche in Deutschland und mit ihr nicht wenige Menschen sehen sich nicht in der Lage, eine Entscheidung für oder gegen den Krieg zu treffen. Sie verharren in der Unsicherheit, in der es keine eindeutigen Antworten gibt.

Aber das Verharren in der Unentschiedenheit ist auch eine Entscheidung. Wer nicht Stellung bezieht, überlässt das Feld den anderen. Eine Entscheidung zu treffen heißt, Verantwortung zu übernehmen. Gott wartet nicht auf antwortlose Christenmenschen, sondern auf antwortende. Die Antwort darf weder beliebig sein noch auf Dauer ganz ausbleiben.

Die Sorge, eine falsche Entscheidung zu treffen, ist dabei kein Argument für die Unentschiedenheit. Denn Christinnen und Christen, die um die Gnade Gottes wissen, können das Risiko eingehen, sich falsch zu entscheiden. Und sie beten darum und hoffen darauf, in aller scheinbaren Uneindeutigkeit von Gottes Geist zu einer richtigen, das Leben fördernden Entscheidung geleitet zu werden (Joh 6,63; 16,13a; 2Kor 3,6b).

Was die Glaubenden selber dazu beitragen können, ist, sich die Frohe Botschaft vom Retter der Welt vor Augen zu führen. Es ist eine Frohe Botschaft, die nicht nur zum Seelenheil verhelfen will, sondern schon in dieser Welt Heil stiften und vor dem Tod retten – und sei es um den Preis eigenen Leidens und im Extremfall auch eigenen Sterbens.

Wer das weiß, dem wird vielleicht auch christliche Kriegsbereitschaft zu etwas werden, was in der unerlösten Welt zwar nicht vollends auszuscheiden ist, aber dennoch für den christlichen Glauben extrem begrenzt und zutiefst fremd, deshalb fast immer abzulehnen ist.


* * * * *


Bibelstellen:
  • Gott wendet unsere Not: Ps 107,10-16; Nah 1,7.
  • Unser Leben ist in Gottes Hand: Ps 10,14; 31,16.
  • Gott befreit uns von unseren Feinden: Spr 16,7; Mi 4,10; Nah 1,8.
  • Gottes Taten verhindern Leid: Jes 57,14-19; 1Kor 10,13.
  • Gott ist der Herr der Geschichte: Ps 33,13-22; Jes 14,5-7; 45,22.
  • Jesus Christus ist der Herr der Geschichte: Lk 1,69; Joh 17,2; Offb 12,10f.
  • Jesus Christus hat der Welt Frieden gebracht: Lk 2,14; Joh 14,27; Eph 2,14.
  • Zuerst und zuletzt nicht nach den Waffen greifen: Mt 26,51-53; Joh 18,10f.
  • Gebet als Trost und Ausweg aus der Gefahr: Mt 26,36-46; 69-75; Joh 17; 18,15-18.25-27.
  • Zuerst und zuletzt sich im Gebet an Gott wenden: Röm 12,12; 1Thess 5,17; Eph 6,18.
  • Gott lässt sein Handeln von unseren Gebeten mitbestimmen: Mt 7,7.11; 21,22; Phil 1,19f; Jak 5,16b.

Foto: rihaij auf Pixabay.




14 Kommentare
Michael KRÖGER
2024-01-28 10:18:52
"Wenn der christliche Glaube nicht nur eine fromme Theorie bleiben soll, dann muss er sich im Denken und Handeln der Glaubenden ausdrücken. Zumindest im Denken. Ich verstehe jeden Menschen, der daran scheitert, das, was er denkt und glaubt und wonach er zu leben trachtet, in die Praxis umzusetzen. Das eigene Leben hinzugeben kann nicht gefordert, sondern muss geschenkt werden. Wir sind alle schwach in der Praxis. Aber das darf keine Rechtfertigung für fehlenden Glauben sein. Im Glauben und entsprechendem Denken können wir stark sein, wenn wir Jesu Botschaft ernst nehmen."

Hallo Klaus ,
diese Passage empfinde ich als bedeutsam. Meine Frage ist, ob es für unser Leben und Handeln ausreicht, wenn sich unser Glaube allein im Glauben ausdrückt. Dieses "Dilemma" wird, finde ich, im evangelischen Leben zwar benannt aber nicht ausdrücklich gelebt. Gibt es - beispielsweise - kirchliche Demonstrationen für den Frieden in Gaza und der Ukraine? Wo...?? Oder besser: Warum nicht....?? Warum sind wir alle so bequem und geben uns mit unserem kleinen privaten Frieden zufrieden ...??

Mit herzlichem Gruss
Michael





2024-01-28 14:38:48
Hallo Michael,

danke für deine wichtigen Fragen! Es gab einmal - lange ist's her - eine Friedensbewegung in den Kirchen. Das war die Zeit, als sich in Deutschland eine breite gesellschaftliche Strömung für den Frieden etabliert hatte. Dabei fehlten auch die Kirchen nicht. Heute ist die gesellschaftliche Stimmung geradezu um 180 Grad gedreht - und schon fehlt auch eine breite kirchliche Friedensbewegung. Da legt sich die Vermutung nahe, dass sich viele Christinnen und Christen eher an den gesellschaftlich gerade angesagten Stimmungen orientieren als an der Botschaft Jesu - oder dass ihre Ethik nur graue Theorie war.

Es wird natürlich anders argumentiert. Es wird gesagt, die Situation hätte sich mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine geändert. Aber ist das wahr? Mitten im Kalten Krieg, als sich die Friedensbewegung gegen weitere Aufrüstung wandte, war die Situation nicht weniger bedrohlich als heute. Und was soll das bedeuten: die Situation hätte sich geändert? Orientiert sich christliche Friedensethik an der jeweiligen weltgeschichtlichen Situation oder an der Botschaft Jesu? War die von der Evangelischen Kirche in Deutschland bis zum Jahr 2007 entwickelte Friedensethik nur für die Situation des Friedens gedacht, aber nicht für die des Krieges?? Was soll das für eine Friedensethik sein, die im Kriegsfall in sich zusammenbricht?

Ich denke, die Schwäche einer solchen Argumentation ist eindeutig. Worauf es ankommt, ist, dass Christinnen und Christen sich nicht von begreiflichen Ängsten um Demokratie und Wohlergehen erfassen lassen, sondern - um des Friedens und des Lebens willen! - im Vertrauen zu dem die Welt (nicht vordergründig, aber im Hintergrund) regierenden Gott leben und von daher risiko- und leidensbereit einen anderen Weg einschlagen, als es wohl die meisten Menschen in der Welt tun.

Ein Symptom des eben Beschriebenen ist, dass kirchliche Demonstrationen für weniger Rüstung, weniger Waffenlieferungen und mehr Deeskalationsstrategien zur Zeit Mangelware sind. Es gibt offenbar nur noch wenige engagierte Friedensinitiativen in den Kirchen.

Sich mit dem privaten kleinen Frieden zufriedenzugeben ist jedenfalls kein christlicher Weg. Denn Jesus hat dies auch nicht getan, obwohl er seinen Privatfrieden sicher hätte haben können. Und was für eine Art Frieden ist das eigentlich, der nur mich selbst und mein privates Umfeld betrifft, dessen Unfriede jenseits dessen mir aber gleichgültig ist?

Viele Grüße
Klaus
Michael KRÖGER
2024-01-28 17:59:27
...... eigenartig und zugleich sehr traurig...

Als jemand, der eher von Aussen die Kirche "beobachtet" habe ich den Eindruck, dass das Thema Friede bei den Beteiligten nicht wirklich eine innere Bedrängnis hervorruft.

Womöglich muss erst wieder eine stärkere reale Bedrohungssituation einsetzen damit sich diese Situation verändert. Das stärkt nicht die Glaubwürdigkeit der (evangelischen) Kirche ....
2024-01-28 21:39:21
Das stimmt. Wobei ich vermute, dass gerade die gegenwärtige Situation als reale Bedrohung aufgefasst wird - nur wird ihr nicht mit Deeskalation begegnet, sondern mit Gegenwehr und "Abschreckung".

Aber traurig und bedrückend finde ich auch, dass die Haltung innerhalb der EKD und die Stimmung vieler Christinnen und Christen sich an die gerade herrschende gesellschaftliche Stimmung anlehnt. So stellt es sich mir jedenfalls dar, obwohl das natürlich von den Beteiligten abgelehnt wird. Man meint, aufgrund der "neuen bedrohlichen Situation" jetzt die 2007 schriftlich fixierte Friedensethik durch eine "neue Friedensethik" ersetzen oder "weiterentwickeln" zu müssen - als ob es in der Welt jemals Situationen gegeben habe, die nicht bedrohlich waren.
2024-01-30 14:49:32
Hallo Klaus,

mir geht es ähnlich wie dir. Christlich begründete Kriegsbereitschaft ist mir fremd. Wir haben das Gebot der Nächsten- und sogar der Feindesliebe. Bis hin zur Selbstaufopferung, falls nötig. Das ist eine Liebe, die es ihrem Gegenpart, der Macht, überlässt, sich selbst ad absurdum zu führen.

So weit, so gut. In der Politik geht es um Macht, und diese Macht kommt nicht umhin, auch physische Gewalt als letztes Mittel zu nutzen, bis hin zu kriegerischer Gewalt. Sobald Christentum bzw. Kirche auf der politischen Bühne mitspielen möchten, spielt sie in dem Machtspiel mit, ob es ihr nun gefällt oder nicht. Das ist für mich auch der Grund, warum die entsprechenden christlichen Vertreter immer wieder in Schwierigkeiten kommen, wenn es darum geht, wie christliche Liebe und weltliche Macht austarierbar sind. Meine Antwort ist: sie sind es nicht. Sie sind wie Feuer und Wasser.

Viele Grüße

Thomas
2024-01-30 16:23:17
Hallo Thomas,

du formulierst das Problem sehr gut. Meine Antwort aber ist eine andere: Weil Christinnen und Christen in einer Welt leben, in der politisches Handeln (und welches Handeln wäre nicht politisch, d.h. die Stadt und das Land betreffend?) eine große Rolle spielt, können sie sich auch nicht aus der Politik heraushalten, als gehe sie dieser Bereich des öffentlichen Lebens nichts an. Im Gegenteil: Sie sollten ihre Ethik, die von anderen Voraussetzungen ausgeht als eine rein säkulare, einbringen - und zwar nicht so, dass christliche Liebe und weltliche Macht um jeden Preis austariert werden, also im Gleichgewicht gehalten werden, sondern so, dass die Liebe als der größere Wert gegenüber der Macht zum Ausdruck kommt oder, anders gesagt, auch die Macht von der Liebe geprägt wird (die Liebe selbst ist ja eine große Macht, wenngleich eine anders geartete als das, was man gemeinhin unter weltlicher Macht versteht). Eine weltliche Macht ohne Liebe kann nur in Brutalität ausarten (wie wohl in jedem Krieg und auch gerade jetzt wieder zu sehen). Andererseits kann eine Liebe ohne weltliche Macht hilflos werden. Man kann das als Schwäche der christlichen Liebe verstehen - aber auch als Stärke, die darin besteht, lieber hilflos zu sein als brutal. Nur im extremen Ausnahmefall würde ich zugestehen, dass die Liebe der militärischen Macht bedarf, um größeres Leid zu verhindern. Aber auch dann darf es keine entfesselte militärische Macht sein, sondern nur eine, die von der Liebe im Zaum gehalten wird. Vielleicht kann man in diesem Fall vom "Austarieren" sprechen, was immer schwierig sein wird, aber nicht unmöglich. Dass Liebe einfach ist, hat ja auch niemand behauptet. Und ich kann sie nicht im politischen Bereich für unmöglich halten, weil ich das für verhängnisvoll halte.

Viele Grüße
Klaus
god.fish
2024-02-07 22:01:35
Aus einer evangelisch-lutherischen Perspektive, im Lichte der Theologie Dietrich Bonhoeffers und vor dem Hintergrund der Erfahrung der Befreiung des Volkes Israels aus der ägyptischen Sklaverei, lassen sich mehrere kritische Einwände gegen deinen Artikel.

1. **Verantwortung und Handeln im Glauben:** Aus evangelisch-lutherischer Sicht und insbesondere aus der Perspektive Dietrich Bonhoeffers ist Glaube nicht lediglich passiv oder ausschließlich auf das Gebet ausgerichtet, sondern fordert auch verantwortungsvolles Handeln in der Welt. Bonhoeffer, der sich dem Widerstand gegen das NS-Regime anschloss und dafür sein Leben ließ, vertrat die Auffassung, dass Christen in bestimmten Situationen zum Handeln aufgerufen sind, um Ungerechtigkeit und Tyrannei entgegenzutreten. Dies steht im Kontrast zu einer ausschließlich auf Leidensbereitschaft und Gebet ausgerichteten Haltung, wie sie im Artikel vertreten wird.

2. **Die Rolle des göttlichen Handelns und menschlicher Verantwortung:** Die Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Sklaverei zeigt, dass Gott in der Geschichte handelt, oft durch menschliche Akteure. Während Gott das ägyptische Heer im Meer ersaufen ließ, war es auch Mose, den Gott berief, um sein Volk zu führen. Dies weist darauf hin, dass göttliches Handeln und menschliche Verantwortung zusammenwirken können, um Befreiung und Gerechtigkeit zu bewirken. Eine ausschließlich passive Haltung, die jede Form von Widerstand oder Verteidigung ablehnt, kann daher als unzureichende Antwort auf die Realität des Bösen und der Unterdrückung in der Welt betrachtet werden.

3. **Ethik der Liebe und der Verantwortung:** Die Ethik der Liebe, zu der Christen berufen sind, schließt auch die Verantwortung ein, für Gerechtigkeit einzutreten und die Schwachen zu verteidigen. Dies kann in extremen Fällen auch den Einsatz von Gewalt zur Abwehr von Unrecht und zur Verteidigung der Unschuldigen beinhalten. Bonhoeffers Entscheidung, sich am Widerstand gegen Hitler zu beteiligen, war von der Überzeugung getragen, dass in außergewöhnlichen Situationen der Einsatz für Gerechtigkeit und der Schutz von Leben vor der absoluten Ablehnung von Gewalt stehen kann.

4. **Die Notwendigkeit kritischer Auseinandersetzung:** Dein Artikel scheint eine komplexe ethische Frage auf eine einfache Gegenüberstellung von Kriegsbereitschaft und Leidensbereitschaft zu reduzieren. Diese Sichtweise vernachlässigt die tiefe ethische und theologische Auseinandersetzung, die im Angesicht von Gewalt und Krieg erforderlich ist. Evangelisch-lutherische Theologie und Bonhoeffers Denken fordern zu einer differenzierten Betrachtung auf, die sowohl die Gebrochenheit der Welt als auch die Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit ernst nimmt.

5. **Kritik an der politischen und sozialen Passivität:** Dein Artikel kann dahingehend kritisiert werden, dass er zu einer politischen und sozialen Passivität ermutigt, die angesichts von Unrecht und Unterdrückung unangemessen ist. Christen sind dazu aufgerufen, Licht der Welt und Salz der Erde zu sein, was auch bedeutet, aktiv an der Gestaltung einer gerechteren Gesellschaft mitzuwirken und sich gegen das Böse zu stellen.

Insgesamt lässt sich sagen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik der Kriegsbereitschaft und der christlichen Ethik komplexer und nuancierter geführt werden muss, als es im Artikel dargestellt wird. Evangelisch-lutherische Theologie, das Beispiel Dietrich Bonhoeffers und die biblische Erzählung der Befreiung Israels rufen zu einer tieferen Reflexion über Gerechtigkeit, Verantwortung und das Handeln im Glauben auf.
2024-02-08 11:51:59
Zu deinen Einwänden kann ich Folgendes sagen:

Zu deinem Punkt 3:
Du schreibst: "Die Ethik der Liebe, zu der Christen berufen sind, schließt auch die Verantwortung ein, für Gerechtigkeit einzutreten und die Schwachen zu verteidigen. Dies kann in extremen Fällen auch den Einsatz von Gewalt zur Abwehr von Unrecht und zur Verteidigung der Unschuldigen beinhalten."
Dem stimme ich voll zu. Das habe ich auch in meinem Artikel zum Ausdruck gebracht: Es gibt notwendige Kriege, aber nur in extrem seltenen Fällen. Das Beispiel des Kriegs gegen Hitler-Deutschland habe ich genannt: "Der Krieg gegen Nazi-Deutschland war sicher ein notwendiger Krieg. Wobei gefragt werden muss, ob die Flächenbombardements der Alliierten notwendig waren; ob also wirklich so viele Unschuldige wahllos hätten getötet werden müssen, um diesen Krieg zu gewinnen." Auch der Kampf gegen die Terroristen der Hamas ist meiner Meinung nach ein notwendiger Krieg. Nicht aber die zigtausendfache Tötung palästinensischer Zivilisten und die damit einhergehende Zerstörung.

Zu deinem Punkt 4:
Du schreibst: "Dein Artikel scheint eine komplexe ethische Frage auf eine einfache Gegenüberstellung von Kriegsbereitschaft und Leidensbereitschaft zu reduzieren. Diese Sichtweise vernachlässigt die tiefe ethische und theologische Auseinandersetzung, die im Angesicht von Gewalt und Krieg erforderlich ist."
Die Gegenüberstellung von Kriegsbereitschaft und Leidensbereitschaft ist keineswegs "einfach". Sie stellt vielmehr einen zentralen Punkt christlicher Ethik dar. Denn Christen sind zur Nachfolge Christi aufgerufen, der bekanntlich einen Weg der Erniedrigung und des Leidens gegangen ist, um seinen Verfolgern das Leben zu schenken (vgl. Mt 26,51-53). Darum habe ich geschrieben: "Gerade diejenigen, die sich in ihrem Glauben auf Jesus Christus berufen und von ihm in die Nachfolge gerufen wurden, müssten doch bereit sein, den Weg der Niedrigkeit zu gehen, der keine passive Ergebenheit, sondern zugleich ein Weg der Hoheit ist und den eben dieser Jesus Christus ihnen vorausgegangen ist (Phil 2,1-8, besonders 5-8). Sie müssten bereit sein, lieber die Schuld der anderen und das damit verbundene Leid auf sich zu nehmen, anstatt selber schuldig zu werden und den anderen Leid zuzufügen." Ich habe meine Auffassung ausführlich ethisch und biblisch-theologisch begründet. Über die Stichhaltigkeit dieser Begründung können wir gern diskutieren. Weitere ethische Überlegungen zum Thema habe ich in einer Reihe von Artikeln dargelegt, die du auf meiner Themenseite unter den Stichworten "Krieg und Friede" sowie "Ukraine-Krieg" findest.

Zu deinen Punkten 1,2 und 5:
Du schreibst: Meine Haltung sei "lediglich passiv oder ausschließlich auf das Gebet ausgerichtet", "eine ausschließlich passive Haltung, die jede Form von Widerstand oder Verteidigung ablehnt".
Dass ich nicht jede Form von Widerstand oder Verteidigung ablehne, habe ich schon oben ausgeführt. Vor allem aber ist Leidensbereitschaft keine passive Haltung, sondern höchst aktiv. Denn wenn ein Mensch sich bewusst dazu entscheidet, lieber selbst zu leiden als einem anderen Leid zuzufügen, kann man wohl kaum von Passivität sprechen. Dann müsste man auch Jesu Weg zum Kreuz als Passivität bezeichnen. Aktivität besteht nicht nur darin, zu den Waffen zu greifen und Gewalt auszuüben. Das wäre jedenfalls ein sehr bedenkliches Verständnis von Aktivität. Der bewusst vollzogene Verzicht auf Gewalt und das bewusste Aufsichnehmen und Ertragen von Gewalt ist nichts Passives, sondern höchst aktiv. Es ist ein verantwortliches Handeln zugunsten des Lebens anderer Menschen, auch derer, die mir als "Feinde" begegnen (vgl. Jesu Aussagen zum Gewaltverzicht und zur Feindesliebe in Mt 5,38-48, die allesamt aktive Handlungen darstellen). Offenbar sieht Jesus unsere Verantwortung dafür, Licht der Welt und Salz der Erde zu sein, nicht einfach in jedem Fall darin, Gewalt anzuwenden und "sich gegen das Böse zu stellen" (Mt 5,39), sondern auch in einer Enthaltsamkeit von Gewalt und einem Aufsichnehmen des Bösen. Das schließt nicht aus, dass es leider (!) notwendig sein kann, in extrem seltenen Fällen (!) auch Gewalt auszuüben – aber nur mit großer eigener Traurigkeit (!), im zermürbenden eigenen Schuldbewusstsein (!) und deshalb auch mit dem ständigen Bestreben (!), einen Kompromiss einzugehen und die todbringende Gewalt so bald wie möglich zu beenden.

Du berufst dich mehrfach auf Dietrich Bonhoeffer. Deshalb hier noch einige Zitate von ihm:

Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und lässt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt, Misstrauen haben, und dieses Misstrauen gebiert wiederum Krieg. Sicherheiten suchen heißt, sich selber schützen wollen. Friede heißt, sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes, keine Sicherung wollen, sondern in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschichte der Völker in die Hand legen und nicht selbstsüchtig über sie verfügen wollen.
Dietrich Bonhoeffer 1934 auf der dänischen Insel Fanö.
Quelle: Friedrich Schorlemmer (Hg.): Was protestantisch ist. Große Texte aus 500 Jahren. Herder Verlag Freiburg u.a. 2010. S. 257f.

Die Nachfolger Jesu leben um seinetwillen im Verzicht auf das eigene Recht. Er preist sie als die Sanftmütigen selig. Wollten sie, nachdem sie alles aufgegeben haben um seiner Gemeinschaft willen, an diesem einen Besitz festhalten, so hätten sie die Nachfolge verlassen. [...] Jesus nimmt diesen Willen Gottes auf und bejaht die Kraft der Vergeltung, das Böse zu überführen und zu überwinden und die Gemeinschaft der Jnger als des wahren Israel zu sichern. Durch rechte Vergeltung soll das Unrecht abgetan werden, soll der Jünger sich in der Nachfolge Jesu bewähren. Solche rechte Vergeltung besteht nach dem Wort Jesu allein darin, dass dem Bösen nicht widerstanden wird. [...] Bestand die Vergeltung nach göttlichem Willen in dem von Gott erwählten Volk Israel als zugleich politischer Gestalt in der Erwiderung des Schlages mit dem Schlag, so besteht sie für die Jüngergemeinde, die für sich völkisch-rechtlich keinen Anspruch mehr erheben kann, in dem geduldigen Erleiden des Schlages, auf dass nicht Böses zu Bösem hinzugefügt werde. So allein wird Gemeinschaft begründet und erhalten. [...] Die Überwindung des Anderen erfolgt nun dadurch, dass sein Böses sich totlaufen muss, dass es nicht findet, was es sucht, nämlich Widerstand und damit neues Böses, an dem es sich umso mehr entzünden könnte. [...] Das Böse kann hier sein Ziel nicht erreichen, Böses zu schaffen, es bleibt allein. Das Leiden geht vorüber, indem es getragen wird. Das Übel findet sein Ende, indem wir es wehrlos über uns ergehen lassen. [...] Im freiwilligen Verzicht auf Gegenwehr bestätigt und bekundet sich die unbedingte Bindung des Nachfolgers an Jesus, die Freiheit, dasa Entbundensein vom eigenen Ich. Und eben in der Ausschließlichkeit dieser Bindung kann das Böse allein überwunden werden. [...] Das willige Leiden ist stärker als das Böse, es ist der Tod des Bösen. [...] Die reformatorische Auslegung hat an dieser Stelle einen entscheidenden neuen Gedanken eingeführt, dass nämlich zu unterscheiden sei zwischen dem, was mir persönlich und dem, was mir in meinem Amt, d.h. in meiner mir von Gott aufgetragenen Verantwortung, zuleide getan wird. Habe ich im ersten Fall zu handeln, wie Jesus gebietet, so bin ich doch im zweiten Fall davon entbunden, ja um der wahren Liebe willen verpflichtet, umgekehrt zu handeln, nämlich Gewalt gegen Gewalt zu setzen, um dem Einbruch des Bösen zu widerstehen. Hieraus rechtfertigt sich die Stellung der Reformation zum Krieg, zu jedem Gebrauch der öffentlichen rechtlichen Mittel zur Abwehr des Bösen. Jesus aber ist diese Unterscheidung zwischen mir als Privatperson und als Träger des Amtes als maßgeblich für mein Handeln fremd. Er sagt darüber kein Wort. Er redet seine Nachfolger an als solche, die alles verlassen hatten, um ihm nachzufolgen. "Privates" und "Amtliches" sollte ganz und gar dem Gebot Jesu unterworfen sein. Jesu Wort hatte sie ungeteilt in Anspruch genommen. Er forderte ungeteilten Gehorsam. [...]

Liebe zum Bruder wäre ein missverständliches Gebot, Liebe zum Feind macht unmissverständlich deutlich, was Jesus will. [...] Feindesliebe ist nicht nur dem natürlichen Menschen ein unerträglicher Anstoß. Sie geht ihm über die Kraft, und sie verstößt gegen seinen Begriff von Gut und Böse. [...] Das Handeln des Jüngers soll nicht bestimmt sein durch das Handeln der Menschen, sondern durch das Handeln Jesu an ihm. [...] Wie wird die Liebe unüberwindlich? Darin, dass sie niemals danach fragt, was der Feind ihr antut, sondern allein danach, was Jesus getan hat.

Dietrich Bonhoeffer 1937. Zitiert nach ders.: Nachfolge. Hg. von Peter Zimmerling. Brunnen Verlag, 3. Aufl. Gießen 2020. S.140-149.

Ich breche hier ab. Die Zitatreihe ließe sich noch lange fortsetzen.

Wir können den Dialog gern weiterführen, indem wir zu den ethischen und biblisch-theologischen Begründungen unserer jeweiligen Aussagen schreiben. Denn es geht ja nicht um eine Meinung, die uns irgendwie naheliegt, sondern darum, wie eine Friedensethik biblisch-theologisch begründet werden kann. In dieser Hinsicht hört das Lernen nie auf.
god.fish
2024-02-08 16:06:33
Klaus, deine Reflexionen über die christliche Ethik und die Spannungen zwischen Kriegsbereitschaft und Leidensbereitschaft sind zweifellos tiefgründig und zeigen ein ernsthaftes Ringen mit den Herausforderungen des Glaubens in einer konfliktreichen Welt. Dennoch möchte ich einige Aspekte deiner Argumentation direkt ansprechen und herausfordern, insbesondere im Lichte der biblischen Zeugnisse und der komplexen ethischen Fragen, die wir als Christen in der heutigen Zeit angehen müssen.

Zunächst ist es wichtig, die biblische Darstellung von Gewalt und Widerstand in den Kontext der gesamten Schrift zu setzen. Während du richtig die Botschaft der Liebe, des Friedens und der Feindesliebe, die das Neue Testament vermittelt, hervorhebst, dürfen wir nicht übersehen, dass die Bibel auch Berichte über Gottes Volk enthält, das in Kriege geführt wird, um Gerechtigkeit zu üben und Schutz zu bieten. Diese Spannung zwischen der Bewahrung des Friedens und dem aktiven Eintreten gegen Ungerechtigkeit ist eine Herausforderung, die wir nicht ignorieren dürfen.

Deine Berufung auf Dietrich Bonhoeffer unterstützt dein Argument, erinnert uns aber auch daran, dass Bonhoeffer selbst in einer extremen Situation aktiven Widerstand gegen das Böse als notwendig erachtete. Sein Handeln spiegelt die tiefe ethische Spannung wider, die entsteht, wenn Christen mit der Wahl zwischen Gewaltverzicht und dem Einsatz für Gerechtigkeit konfrontiert sind. Bonhoeffers Entscheidung zeigt, dass es Umstände gibt, unter denen das Eintreten gegen das Böse ein aktives, widerständiges Handeln erfordern kann, das über das Gebet und die Leidensbereitschaft hinausgeht.

Des Weiteren ist es unerlässlich, die Rolle der Kirche und des individuellen Christen im Angesicht sozialer und politischer Ungerechtigkeit zu bedenken. Das Evangelium ruft uns dazu auf, Salz und Licht in der Welt zu sein, was ein aktives Engagement in allen Lebensbereichen einschließt. Deine Betonung des Gewaltverzichts und der Leidensbereitschaft ist ehrenwert, doch dürfen wir nicht die Verantwortung übersehen, die wir als Christen haben, aktiv für Gerechtigkeit und den Schutz der Unterdrückten einzutreten.

Schließlich zeigt deine Diskussion, wie komplex ethische Entscheidungen in unserer gebrochenen Welt sind. Während deine Hingabe an die Prinzipien der Gewaltlosigkeit und des Friedens lobenswert ist, müssen wir anerkennen, dass die Navigation in ethischen Dilemmata oft ein Abwägen zwischen verschiedenen biblischen Prinzipien erfordert. Die Weisheit der Schrift, die Führung durch den Heiligen Geist und der Austausch in der christlichen Gemeinschaft sind unerlässlich, um in dieser Spannung weise zu handeln.

Klaus, ich schätze deine Beiträge zur christlichen Ethik und den Dialog, den du förderst. Es bleibt jedoch entscheidend, dass wir als Christen die Vielschichtigkeit und die Herausforderungen anerkennen, mit denen wir konfrontiert sind, wenn wir versuchen, in Treue zu leben und zu handeln. Die Bibel und die christliche Tradition bieten uns eine Fülle von Ressourcen für diese Reise, die sowohl die Notwendigkeit des Eintretens für Gerechtigkeit als auch das Ideal des Friedens umfasst.
2024-02-08 17:42:11
Hier ein Artikel zum Thema:
https://god.fish/2024/02/08/christliche-ethik-und-militaerische-verteidigung-eine-theologische-betrachtung-aktueller-konflikte/
2024-02-09 11:38:45
Hallo god.fish,

danke für deine Ergänzungen und den Hinweis auf deinen Artikel. Über deinen Artikel könnte man lange diskutieren. Ich kann aber deinem Kommentar im Grunde in allen Punkten zustimmen, ziehe aber andere Schlüsse daraus.

"Im Alten Testament gibt es Kriege, die von Gott befohlen oder sogar von ihm selbst geführt werden", schrieb ich in meinem Artikel Die EKD-Ratsvorsitzende zum Ukraine-Krieg. Und darauf folgte der Satz: "Jesus hat allerdings der Gewaltlosigkeit eindeutig den Vorzug vor der Gewalt eingeräumt." Der Artikel gibt vielleicht am besten meine Einstellung zum Ukraine-Krieg wider. Vielleicht magst du ihn ja mal lesen. Weil es im Alten Testament Kriege Gottes gibt, schließe ich auch das Führen eines Krieges nicht vollends aus. Natürlich haben wir auch Verantwortung für diejenigen, die von einem feindlichen Angriff heimgesucht werden. Man mag auch von einem ethischen Dilemma sprechen, wenn man abwägen muss zwischen der Hilfestellung für ein angegriffenes Land und dem Töten der Soldaten des angreifenden Landes, die diesen Krieg auch nicht wollen, aber dazu verurteilt sind, ihn zu führen.

Ich habe mich im Verlauf des Ukraine-Krieges immer wieder gefragt, wie ich reagieren würde, wenn nicht die Ukraine, sondern Deutschland angegriffen worden wäre – nur einmal hypothetisch gedacht. Ich habe mir diese Frage deshalb gestellt, weil es unredlich wäre, der Ukraine die militärische Hilfe zu verweigern, ohne selbst bereit zu sein, in einem entsprechenden Fall gleichfalls ohne militärische Hilfe auszukommen. Und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich nicht wollen würde, dass zigtausende junge Menschen für die Verteidigung meiner Freiheit und der staatlichen Souveränität sterben – von den zivilen Opfern und den getöteten Soldaten auf der anderen Seite, von den zerbrochenen Familien und den durch den Krieg Verkrüppelten, von den depressiv Gewordenen und denen, die ihr ganzes Lebenswerk verloren haben, von den Traumatisierten, die ihr Trauma bekanntlich an Kinder und Kindeskinder weitergeben, noch gar nicht zu reden. Dann gehen die Opferzahlen wohl in die Hunderttausende, und der Hass aufeinander wird die nächsten Jahrzehnte bestimmen.

Viele Menschen werden wohl meine oben genannte Entscheidung nicht nachvollziehen können. Ich kann aber mein persönliches Wohlbefinden, meine Freiheit und die staatliche Souveränität nicht über das Leben und Wohlergehen hunderttausender Menschen stellen. Das wäre für mich ein Widerspruch gegen das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe – auch der Nächstenliebe gegenüber meinem eigenen Volk! Natürlich ist auch eine "kampflose Übergabe" mit viel Leid verbunden. Aber ist schätze das Lebensrecht so vieler Menschen höher ein als die individuellen Freiheitsrechte und die hundertfältige Zerstörung von Leben (das nicht nur mit dem Töten eines Menschen zerstört wird).

Das hat auch damit zu tun, dass christliche Freiheit etwas anderes ist als politische Freiheit, wenngleich diese durchaus jener nicht widerspricht. Ich sehe jedenfalls in meiner Entscheidung das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe eher verwirklicht als im Führen eines Krieges mit allen genannten Folgen.

Dass das nicht für jeden denkbaren Krieg gilt, habe ich schon mehrfach betont. Wäre der Angreifer nicht Russland, sondern z.B. der Iran, der alle Christen gleich einen Kopf kürzer machen würde – wiederum rein hypothetisch –, dann würde ich wohl anders entscheiden. Es kommt also immer auf den konkreten Einzelfall an.

Wenn ich es aus christlicher Überzeugung ablehne, dass mein eigenes Land gegen einen russischen Angriff verteidigt werden muss, dann kann ich schlecht aus christlicher Überzeugung die Verteidigung der Ukraine gegen den russischen Angriff unterstützen.

Leidensbereitschaft ist für mich also kein allgemeines und immer gültiges Prinzip, sondern eine christliche Grundentscheidung, die in jedem Einzelfall neu überdacht werden muss. Dabei spielen auch politische Erwägungen eine Rolle. Über diese wird aber immer gestritten werden, und auch unter Christinnen und Christen wird man schwerlich politische Einigkeit erzielen. Gerade darum werbe ich im obigen Artikel für eine neue Gewichtung zwischen Leidensbereitschaft und Kriegsbereitschaft.

Meines Erachtens kann christliche Friedensethik nicht die Kriegsbereitschaft an die erste Stelle setzen, so wie es in Deutschland von politischer, medialer und leider auch oft christlicher Seite geschieht. Ich denke, christliche Friedensethik muss die Leidensbereitschaft – und das heißt auch eine Risiko- und Kompromissbereitschaft – an die erste Stelle setzen und von da aus darüber nachdenken, wann dennoch die Kriegsbereitschaft ethisch greifen muss. Das kann aber nur in extrem seltenen Fällen geschehen, weil die Leidensbereitschaft das größere ethische Gewicht hat.

Dietrich Bonhoeffer hat zwischen 1940 und 1943 seine Ethik-Fragmente verfasst, in denen er um die christliche Entscheidung in Freiheit von den alttestamentlichen Geboten und Jesu Geboten ringt, um gerade so die Gebote zu erfüllen. Das führte ihn zu sehr spannungsvollen Überlegungen, die so ja von ihm auch nicht veröffentlicht wurden. Er hält aber durchaus an der Bergpredigt fest und will das Gebot der Liebe auch im staatlichen Handeln gewahrt wissen. "Die Behauptung, mit der Bergpredigt lasse sich nicht regieren, kommt aus einem Mißverständnis der Bergpredigt. Auch eine Staatsführung kann kämpfend und verzichtend Gott ehren [...]. Es ist niemals die Aufgabe der Kirche, dem Staat den natürlichen Selbsterhaltungstrieb zu predigen, sondern allein den Gehorsam gegen das Recht Gottes" (Ethik, 10. Aufl. München 1984, S. 382). Auch in den Gefängnisbriefen hält Bonhoeffer an seinem Buch "Nachfolge" fest.

Ich verstehe seinen Widerstand gegen Hitler und seine Beteiligung an den Attentatsplänen auf ihn als berechtigten Ausdruck von Nächstenliebe. Gegen ein Attentat auf Putin und die Einsetzung einer neuen Regierung hätte ich aus christlichen Erwägungen überhaupt nichts einzuwenden. Das ist aber etwas vollkommen anderes als das Führen eines Krieges, in dem das Leben hunderttausender unschuldiger Menschen zerstört wird. Ich kann beides nicht auf derselben Ebene behandeln, als wäre der Tyrannenmord dasselbe wie ein jahrelanger Krieg mit all seinen unschuldigen Opfern.
god.fish
2024-02-10 18:54:32
Klaus, deine Berufung auf Dietrich Bonhoeffers komplexe ethische Überlegungen und seine Betonung der Bergpredigt als Richtlinie auch für staatliches Handeln ist zweifellos bedeutsam. Bonhoeffers Überzeugung, dass christliche Prinzipien nicht nur individuell, sondern auch in der Gestaltung staatlicher Politik gelten sollten, ist ein wichtiger Beitrag zur christlichen Ethik. Allerdings müssen wir die Realitäten einer gefallenen Welt und die Notwendigkeit der Verteidigung gegen ungerechtfertigte Aggression berücksichtigen, besonders im Kontext des Konflikts in der Ukraine.

Erstens, während Bonhoeffers ethische Überlegungen uns wertvolle Einsichten in die Spannung zwischen Gewaltlosigkeit und der Notwendigkeit des Handelns gegen das Böse geben, dürfen wir die Notwendigkeit der praktischen Anwendung dieser ethischen Prinzipien in konkreten politischen und militärischen Kontexten nicht übersehen. Das Konzept der Gewaltlosigkeit und des Verzichts im staatlichen Handeln, wie es Bonhoeffer erörtert, scheint in der Theorie edel, doch muss es auch die potenziellen Konsequenzen einer mangelnden Verteidigungsbereitschaft berücksichtigen. Sollte die Ukraine fallen, weil die internationale Gemeinschaft nicht ausreichend Unterstützung für ihre Verteidigung bereitgestellt hat, könnte dies Russland ermutigen, seine Aggression auszuweiten und weitere Länder, einschließlich NATO-Mitglieder, anzugreifen. Dies würde nicht nur das Konzept des Angriffskrieges als erfolgreiches Mittel bestätigen, sondern auch zu weiterem Leid und Verlust unschuldiger Leben führen.

Zweitens, deine Unterscheidung zwischen Tyrannenmord und einem Krieg, in dem das Leben unschuldiger Menschen zerstört wird, ist nachvollziehbar. Dennoch müssen wir bedenken, dass die Unterstützung eines Landes bei seiner Selbstverteidigung gegen eine ungerechtfertigte Invasion eine komplexe ethische Frage ist. Es geht nicht nur um die Beseitigung eines Tyrannen, sondern auch um die Verteidigung grundlegender Menschenrechte und die Wahrung der Souveränität eines Landes. Die Bereitstellung von Verteidigungshilfe kann als Ausdruck der Nächstenliebe verstanden werden, indem sie ein Volk dabei unterstützt, sich gegen eine überwältigende Aggression zu verteidigen und potenziell noch größeres Unrecht und Leid zu verhindern.

Drittens, während die Bergpredigt uns zur Liebe, zum Verzicht auf Vergeltung und zur Feindesliebe aufruft, müssen wir auch das biblische Gebot zur Gerechtigkeit und zum Schutz der Unterdrückten bedenken. Dies erfordert eine sorgfältige Unterscheidung zwischen Aggression und Verteidigung, zwischen ungerechtfertigter Gewalt und dem gerechtfertigten Einsatz von Mitteln zur Abwehr von Unrecht.

Abschließend, Klaus, deine Betonung der Bedeutung ethischer und theologischer Überlegungen in der Auseinandersetzung mit politischen und militärischen Konflikten ist wichtig. Doch dürfen wir nicht die praktischen Implikationen und die potenziellen Konsequenzen unserer ethischen Entscheidungen aus den Augen verlieren. Die Herausforderung besteht darin, eine Ethik zu entwickeln, die sowohl den Geboten Jesu treu bleibt als auch die komplexe Realität unserer Welt berücksichtigt, in der das Böse oft handfeste Antworten erfordert.
god.fish
2024-02-10 19:01:27
Klaus, dein tiefes Ringen mit den ethischen Fragen, die sich aus dem Konflikt in der Ukraine und der Bedrohung durch aggressive staatliche Akteure wie Russland ergeben, ist offensichtlich. Jedoch bringt die aktuelle Situation uns in eine äußerst schwierige Dilemma-Situation, die keine einfachen Antworten zulässt. Jede Entscheidung, die wir treffen, birgt das Risiko, Schuld auf uns zu laden, eine ethische Spannung, mit der auch Dietrich Bonhoeffer konfrontiert war.

Wenn du für dich persönlich entscheidest, im Falle eines russischen Angriffs auf Deutschland keine Verteidigung zu unterstützen, ist das eine Entscheidung, die tief in deinem Verständnis christlicher Ethik verwurzelt sein mag. Doch diese Haltung bringt potenziell weitreichende Konsequenzen mit sich, nicht nur für dich selbst, sondern auch für die Menschen in deinem Umfeld. Es besteht die reale Gefahr, dass Freunde, Familie, Verwandte und Bekannte von dir auf sogenannten "Todeslisten" stehen könnten, verschleppt und Opfer ungerechtfertigter Aggression werden. Kinder könnten entführt, unschuldige Menschen getötet oder inhaftiert werden.

In einer solchen Situation wird deutlich, dass eine ausschließlich duldsame Haltung gegenüber Aggression nicht nur eine persönliche Entscheidung ist, sondern auch eine, die schwerwiegende Auswirkungen auf das Leben anderer hat. Bonhoeffer selbst erkannte diese Spannung: Er konnte für sich selbst Leid und Verfolgung hinnehmen, aber er konnte nicht tatenlos zusehen, wie anderen Menschen Leid zugefügt wurde. Diese Einsicht führte ihn dazu, sich aktiv gegen das NS-Regime zu engagieren, auch wenn dies bedeutete, seine eigenen ethischen Prinzipien in Frage zu stellen und sich in einem moralischen Dilemma wiederzufinden.

Bonhoeffers Entscheidung spiegelt die tiefe Überzeugung wider, dass wir manchmal gezwungen sind, zu handeln, um größeres Unrecht zu verhindern, auch wenn dies bedeutet, dass wir selbst in ethische Konflikte geraten. Seine Handlungsmotivation war nicht nur der Schutz des eigenen Lebens oder der eigenen ethischen Reinheit, sondern der Schutz der Unschuldigen und der Einsatz für Gerechtigkeit, selbst wenn dies bedeutete, gegen die Prinzipien der Gewaltlosigkeit zu verstoßen.

Diese Überlegungen legen nahe, dass wir in extremen Situationen, wie der Bedrohung durch einen aggressiven Staat, sorgfältig abwägen müssen, wie wir als Christen und als Teil einer Gemeinschaft handeln. Während die Bergpredigt und die Gebote der Liebe und Gewaltlosigkeit zentrale Elemente unseres Glaubens sind, dürfen wir nicht die Verantwortung ignorieren, die wir für das Wohl und die Sicherheit anderer tragen. Die Herausforderung besteht darin, einen Weg zu finden, der sowohl unserem Glauben treu bleibt als auch die Realitäten einer gebrochenen Welt anerkennt, in der manchmal aktives Handeln erforderlich ist, um Schaden abzuwenden und Unrecht zu bekämpfen.
2024-02-10 21:03:19
Hallo god.fish,

weil wir manches schon besprochen haben und ich anderen Bemerkungen von dir zustimme, gehe ich jetzt nur auf die Differenzen ein.

Eine "Notwendigkeit der Verteidigung gegen ungerechtfertigte Aggression", die du immer wieder einforderst, sehe ich nur in extrem seltenen Fällen, wie bereits ausgeführt. Dass die Besetzung eines Landes durch einen Aggressor mehr Leid über die Bevölkerung bringt als ein Krieg, wage ich als pauschale Aussage zu bezweifeln. Von daher ist das "Gebot zum Schutz der Unterdrückten" und "der Unschuldigen" nicht einfach mit dem Führen eines Kriegs zu erfüllen. Die Vielfalt und Unermesslichkeit des im Krieg entstehenden Leids habe ich ebenfalls bereits oben beschrieben. Man könnte im Fall des Ukrainekrieges noch die Gefahr der Ausweitung des Kriegs bis hin zum Atomkrieg hinzufügen. Auch zur Verteidigung der Menschenrechte und der Wahrung der staatlichen Souveränität, die ich keinesfalls geringschätze, habe ich mich oben geäußert.

Vor allem kann ich Nächstenliebe nicht pauschal darin sehen, einen Krieg zu führen, also selber zu töten und die eigene Bevölkerung dem Tod auszusetzen. In Extremfällen, das habe ich schon ausgeführt, halte ich einen Krieg für unumgänglich, würde ihn aber niemals als Ausfluss von Nächstenliebe verstehen, sondern als Übernehmen von Schuld - was konkret bedeutet, dass man selber darunter leidet, dies zu tun, und dass man sich mit aller Kraft dafür einsetzt, diesen Zustand zu beenden. Das erkenne ich im gegenwärtigen politischen Handeln nicht.

Die Dualität von "dem Glauben treu bleiben" und "die Verantwortung nicht ignorieren" sehe ich nicht. Ich vertrete keine Gesinnungsethik, die der eigenen Gesinnung entsprechend nur eine einzige Reaktion auf einen Angriff zulässt, sondern eine differenzierte Verantwortungsethik, die in jeder Situation neu entscheiden muss, was zu tun ist. Auch die Dualität zwischen "Gebot der Liebe und Gewaltlosigkeit" und "die Realitäten einer gebrochenen Welt anerkennen, in der manchmal aktives Handeln erforderlich ist" (du meinst militärisches Handeln), teile ich nicht. Wer Liebe übt, muss immer die Realitäten der gefallenen Welt anerkennen, wenn er nicht Liebe im luftleeren Raum üben will, wenn es ihm also wirklich um Menschen geht. Weiteres dazu findest du in meinem Artikel Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre.

Die angebliche Bedrohung der NATO-Staaten durch Russland halte ich für einen breit gepflegten Mythos. Wie jedermann wissen kann, belaufen sich die Militärausgaben der NATO im Jahr 2022 auf ca. 1,175 Billionen US-Dollar. Davon entfallen 822 Milliarden auf die USA und 353 Milliarden auf die übrigen NATO-Staaten (lt. Statista). Die Militärausgaben Russlands betrugen im selben Jahr 86,37 Milliarden (lt. Statista). Dem militärischen Personal der NATO im Jahr 2023 von 5.817.100 Personen, davon 3.358.000 aktiven Soldaten, stehen auf Seiten Russlands 1.330.900 Personen, davon 830.900 aktive Soldaten gegenüber (lt. Statista). Wie man angesichts dieser Zahlen noch annehmen kann, die NATO sei durch Russland bedroht, ist mir unverständlich.

Noch einmal zu Bonhoeffer, den du oft nennst: Bei ihm ging es nicht um einen Krieg, sondern um politischen Widerstand und einen Tyrannenmord. Deshalb ist sein Handeln nicht zu vergleichen mit dem Führen eines Krieges, der ganz andere Dimensionen des Leids nach sich zieht - auch für das eigene Volk.

god.fish, wie ich scho im vorigen Kommentar feststellte, werden die politischen Einschätzungen immer differieren. Deshalb möchte ich mich auf die theologische Argumentation konzentrieren. Weil diese aber nicht von politischen Realitäten absehen können, habe ich in meinem Artikel für eine christliche neue Gewichtung zwischen christlicher Leidensbereitschaft und politischer Kriegsbereitschaft plädiert.

Ich kann verstehen, dass du dich um die Ukraine sorgst, zumal du offenbar besondere Bindungen dorthin pflegst. Vielleicht kann diese Sorge aber auch darin ein Ende finden, dass der Krieg beendet wird. Dazu dienen ein Waffenstillstand und Verhandlungen, bei denen ein Kompromiss ausgehandelt wird. Was ist wichtiger: dem Leiden ein Ende zu bereiten oder das von Russland eroberte Gebiet, in dem ein guter Teil der Bevölkerung russlandfreundlich ist, mit viel Blutvergießen zurückzuerobern (wenn das überhaupt gelingen kann, was ja auch auf ukrainischer Seite inzwischen massiv bezweifelt wird, zumal man nicht ausschließen kann, dass bei einer Weiterführung des Krieges die Ukraine gänzlich verliert; man kann den richtigen Zeitpunkt für Verhandlungen auch verpassen)? Ich kann aus christlicher Perspektive nur eine Antwort geben.

Theologische Einsichten für ein gutes Leben
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