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Warum ich an Jesus Christus glaube

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie to go · 20 September 2020
Tags: GlaubeOffenbarungGottessohnGottesbildErkenntnisFreiheit

T h e o l o g i e   t o   g o
 Warum ich an Jesus Christus glaube
 Klaus Straßburg | 19/09/2020
 
Ich glaube an Jesus Christus. Von ihm kommt ja auch der Name „Christ“. Aber was heißt eigentlich, an Jesus Christus zu glauben?
 
Viele sagen auch einfach, sie glauben an Gott. Das ist nicht falsch. Doch die Frage ist: Macht es einen Unterschied, an Gott zu glauben – oder an den Gott zu glauben, der in Jesus Christus Mensch geworden ist?
 
Nach dem Neuen Testament hat sich Gott in dem Menschen Jesus Christus uns kundgetan. „Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen“, sagte Jesus nach dem Johannesevangelium (Kapitel 14 Vers 9).
 
Und dass Jesus „Sohn Gottes“ genannt wird, bedeutet, dass er in einzigartiger Weise mit Gott verbunden war, ihm nahe war, mit ihm eins war – so sehr eins, dass uns in ihm Gott selbst begegnet.
 
Wenn wir wissen wollen, wie Gott ist, dann müssen wir also auf den Menschen Jesus Christus schauen.
 
Wenn ich sage, dass ich an Gott glaube, dann meine ich damit, dass ich an den Gott glaube, der sich in dem Menschen Jesus Christus zu erkennen gegeben hat.
 
Ich glaube also nicht einfach an „Gott“. Denn unter „Gott“ kann man sich viel vorstellen. Manche denken dabei an ein höchstes Wesen, über das man eigentlich nichts Genaues wissen kann. Dann weiß man auch nicht, ob dieses höchste Wesen uns wohlgesonnen ist oder nicht. Es könnte ja auch ein teuflisches höchstes Wesen sein.
 
Auf der Welt gibt es viele Götter, an die die Menschen glauben. Und mit jedem dieser Götter werden andere Vorstellungen verbunden.
 
Wenn ich als ein Mensch, der den Namen Christi trägt, von Gott spreche, dann denke ich nicht an eine abstrakte menschliche Vorstellung von irgendetwas Göttlichem. Denn von Gott haben wir eine konkrete Anschauung: Er begegnet uns in dem Menschen Jesus Christus. Die Geschichte dieses Menschen ist Gottes Geschichte.
 
An Jesus Christus glauben heißt: In ihm den unsichtbaren Gott erkennen. Nur weil Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, können wir eine unumstößliche Erkenntnis davon haben, wie Gott zu uns Menschen steht.
 
Jesus Christus zeigt uns einen Gott, der uns so sehr liebt, dass er lieber selber den Tod auf sich nimmt, als uns dem Tod preiszugeben – obwohl wir den Tod verdient haben, weil wir uns nicht von Gott lieben lassen wollen.
 
Ich kenne keine Vorstellung von Gott, die einen liebevolleren Gott zeigt. Und die befreiender für uns ist, weil dieser Gott uns, die wir seine Liebe ablehnen, nicht dem Tod überlässt. Stattdessen geht er selbst für uns in den Tod, damit wir leben können.
 
Das ist für mich Freiheit: Bedingungslos und unwiderruflich geliebt zu sein – und nichts dafür leisten zu müssen.
 
Darum glaube ich nicht an irgendeinen „Gott“ oder etwas „Göttliches“, sondern an den Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist.


* * * * *





18 Kommentare
2020-09-20 19:46:09
Hallo Klaus,

ich glaube an Gott als den Schöpfer von allem, was ist, der seine Geschöpfe und insbesondere die Menschen liebt. Und ich glaube an Jesus Christus als Gottes Inkarnation in einem Menschen. Bis dahin stimme ich mit dir überein und auf der Basis dieser zwei knappen Sätze glaube ich, mich als Christen bezeichnen zu können.

Danach fangen die Unterschiede an:

1. Ich meine, dass der historische Jesus ein frommer Jude war, dem solche Dinge wie die Gleichsetzung eines Menschen mit Gott ein Greuel gewesen sein müssen. Mich interessiert es vielmehr, wie Jesus mit Menschen umgegangen ist und wie er auf Menschen gewirkt hat.
2. Ich glaube nicht, dass der lebensfreundliche und die Menschen liebende Gott ein Menschenopfer verlangt hat.
3. Ich glaube nicht, dass Gott mit Jesus am Kreuz gestorben ist.
4. Ich glaube nicht, dass die Menschheit, oder auch ein auf eine bestimmte Art und Weise gläubiger Teil der Menschheit, durch diesen Tod erlöst worden ist.

Was mich allerdings sehr fasziniert und begeistert, ist, dass wir trotz dieses ohnmächtigen Kreuzestodes und dem scheinbaren Sieg der alten Mächte überhaupt von diesem Jesus als dem Christus wissen und sprechen. Unabhängig davon, was sich damals tatsächlich zugetragen hat, ist das für mich das große Wunder und Mysterium des christlichen Glaubens.

Viele Grüße und einen schönen Restsonntag

Thomas
2020-09-20 21:33:16
Hallo Thomas,

danke für deine Gedanken und die Schilderung deines Glaubens. Ich würde dir nie (und keinem Menschen) absprechen, Christ zu sein, denn das steht mir nicht an. Sondern ich freue mich, mit anderen Anschauungen ins Gespräch zu kommen. Du gibst mir Anlass zu einigen kurzen Konkretionen.

Ich denke auch, dass Jesus ein frommer Jude war - aber einer, der das Judentum in vielen Punkten anders verstand, als es damals üblich war. Sonst wäre es ja auch nicht zum tödlichen Konflikt gekommen.

Ich glaube ebenso wie du nicht, dass Gott ein Menschenopfer wollte. Nicht Gott wollte Jesu Tod, sondern die Menschen (Teamwork der jüdischen Autoritäten und der herrschenden Römer, also Heiden) wollten ihn - und Gott hat ihn, weil er die Menschen leben lassen wollte, in Kauf genommen.

Ich glaube nicht, dass Gott am Kreuz gestorben ist in dem Sinne, dass er aufgehört hat zu existieren, aber in dem Sinne, dass er innigsten Anteil an Jesu Tod genommen hat. Vielleicht kann man sagen, dass mit dem Sohn auch ein Teil des Vaters gestorben ist. Zumindest hat er mit dem Sohn gelitten, ist als in Liebe mit ihm Vereinter mit ihm gestorben (nicht "körperlich", aber als liebender Vater, der seinen Sohn verliert), hat sich wie der Sohn ablehnen lassen und die Beziehung zwischen Vater und Sohn in Frage gestellt sein lassen ("Warum hast du mich verlassen?"). Ich gebe aber zu, dass das Denken hier wahrscheinlich an eine Grenze kommt (wie bei allen Versuchen, Gott zu denken).

Ich denke, nicht der Tod Jesu an sich hat Erlösung bewirkt, sondern die Liebe, die in ihm deutlich wird: Jesus hat nicht seine Peiniger vernichtet, sondern stattdessen sich selbst von ihnen vernichten lassen. Für mich wird darin deutlich, dass Gottes Liebe bis heute so groß ist, dass er es in Kauf nimmt, unter den Gottlosen zu leiden - dass er sich sozusagen von ihnen für tot erklären lässt. Er erträgt das, weil er sie am Leben lassen möchte. Insofern sind Jesu und Gottes Leiden als Bestandteil seiner Liebe Voraussetzung für die Erlösung; denn es gibt nur die Alternative, dass entweder die Gottlosen sterben oder Gott im oben genannten Sinne stirbt. Die Größe dieser Liebe, in der Gott sich lieber selbst als vertrauenswürdiger Gott töten lässt, als die Gottlosen (auch mich) zu töten, ist mir der Inbegriff meiner Freiheit, weil ich daraus ersehe, dass Gottes Liebe größer ist, als es meine Gottlosigkeit jemals sein kann.

Ich weiß nicht, ob das schwierig zu verstehen ist, hoffe aber, meinen Glauben damit etwas deutlicher erklärt zu haben.

Viele Grüße
Klaus
2020-09-21 18:58:01
Hallo Klaus,

ich habe wirklich Schwierigkeiten, nachzuvollziehen, was du schreibst.

Oben schreibst du:

„Jesus Christus zeigt uns einen Gott, der uns so sehr liebt, dass er lieber den Tod auf sich nimmt, als uns dem Tod preiszugeben – obwohl wir den Tod verdient haben, weil wir uns nicht von Gott lieben lassen wollen.
Ich kenne keine Vorstellung von Gott, die einen liebevolleren Gott zeigt. Und die befreiender für uns ist, weil dieser Gott uns, die wir seine Liebe ablehnen, nicht dem Tod überlässt. Stattdessen geht er selbst für uns in den Tod, damit wir leben können.“

Verstehe ich nicht. Warum wir den Tod verdient haben sollen, weil wir uns nicht von Gott lieben lassen wollen, leuchtet mir nicht ein. Stell dir mal vor, jemand sagt zu einer Frau: „Du hast den Tod verdient, weil du dich nicht von mir lieben lassen willst.“ Wie würde man den wohl heutzutage beurteilen und wie würde man mit ihm verfahren?

Im Übrigen sterben wir sowieso alle eines Tages, ob wir es nun verdient haben oder nicht.

Unten schreibst du:

„ich glaube nicht, dass Gott am Kreuz gestorben ist in dem Sinne, dass er aufgehört hat zu existieren, aber in dem Sinne, dass er innigsten Anteil an Jesu Tod genommen hat. Vielleicht kann man sagen, dass mit dem Sohn auch ein Teil des Vaters gestorben ist.“

Für mich ist sterben etwas durchaus Anderes als Anteil am Tod von jemandem nehmen.
Und das unten Geschriebene passt für mich auch nicht so richtig zu dem oben Geschriebenen, selbst wenn ich eine hochelastische Begriffsverwendung akzeptiere. Ich sehe es positiv als Versuch, mir eine Brücke zu bauen. Aber lass das lieber und behalte Deine Position in konventionelleren Begriffen. Ich schätze, damit fahren wir beide besser.

Viele Grüße

Thomas
2020-09-21 20:53:25
Hallo Thomas,

ich finde es gut, dass du deine Verständnisschwierigkeiten so deutlich beschreibst. Deine Anfragen regen mich auch immer wieder zum Weiterdenken an. Es ist also nicht so, dass ich deine Anfragen für unberechtigt oder entbehrlich halte.

Meine Erläuterungen waren übrigens kein Versuch, dir eine Brücke zu bauen und dabei auf konventionelle theologische Begriffe zu verzichten. Ich habe das, was ich oben kurz zusammenfasste, vielmehr in meinem Buch "Versöhnte Welt" ausführlich beschrieben, noch bevor wir uns überhaupt kannten.

Ich könnte jetzt in der von mir gewählten (wie du meinst: nicht konventionellen) Begrifflichkeit versuchen, zu deinen berechtigten Fragen etwas zu schreiben. Aber ich bin unsicher, ob das von dir gewünscht ist oder ob du es lieber bei den unterschiedlichen Standpunkten belassen willst. Ich will dich jedenfalls nicht mit meinen Erklärungen nerven, solltest du von denen schon genug haben.

Gern kann ich aber auch etwas schreiben. Wenn du also eine Erläuterung meines Standpunktes zu den Aspekten "Wir haben den Tod verdient" und "Gott ist mit Jesus am Kreuz gestorben" möchtest, dann lass es mich bitte wissen. Es wäre dann allerdings eine Erläuterung in der Begrifflichkeit, die ich mir angewöhnt habe zu benutzen (ohne damit dir oder irgendjemandem eine Brücke bauen zu wollen).

Viele Grüße
Klaus
2020-09-22 10:10:09
Hallo Klaus,

danke für den Hinweis. Ich habe den Eindruck, dass wir an solche Themen wie biblische Überlieferungen mit sehr unterschiedlichen Verfahren herangehen. Um es mal wieder mit mathematischen Begriffen zu formulieren: Ich versuche, die Schnittmenge zu bilden, um dem wahren Kern näherzukommen, du bildest im Vergleich dazu eher die Vereinigungsmenge, um alles zu integrieren.

Beides bringt Chancen und Risiken mit sich: Das Hauptrisiko bei mir ist wohl, dass als Schnittmenge nichts übrig bleibt. Was nicht heißen muss, dass nicht doch irgendwo Wahrheit und Weisheit in dem Ganzen steckt. Die Chance ist, dass das, was übrig bleibt, pointierter und für mich klarer und damit glaubwürdiger ist.

Bei Dir sehe ich die Chance darin, dass Du mehr Anknüpfungspunkte für andere bietest, insbesondere dann, wenn sie aus ganz unterschiedlichen Ecken der Kirche kommen. Das Risiko sehe ich aber darin, zu wolkig und unverbindlich zu wirken und gegenüber harter logisch-begrifflicher Kritik z. B. von atheistisch-philosophischer Seite schlecht auszusehen. Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.

An dieser Stelle können wir es von mir aus gern dabei belassen. Wenn es z. B. in Deinem Blog hier einen weiterführenden Beitrag dazu gibt, wäre ich an einem Hinweis oder Link interessiert.

Viele Grüße

Thomas
Petra Einloft
2020-09-22 18:42:31
Lieber Klaus,
vielen Dank für die Beschreibung deines Glaubens und auch für die nachfolgende Erklärung zum Verständnis des "Mit-Sterbens" am Kreuz. Seinen Glauben beschreiben ist etwas anderes als den Glauben erklären. Erklärungen sind logisch, Glauben ist im wissenschaftlichen Sinne nicht logisch - dann wäre es kein "glauben".
Mir genügt das so. Ich habe in meinem Alltag meine Erfahrungen mit Gott gemacht; davon könnte ich erzählen; Ich kann anderen nichts beweisen, nur ermuntern es auszuprobieren. Ich philosophiere durchaus auch schonmal; wenn es mir zu hoch wird, lass ich die Frage stehen. Wenn sie wichtig ist, wird sie sich irgendwann klären. Zum Beispiel - nach längerer Zeit nochmal- durch das Lesen deines Blogs o. a.. Zuviel denken ist beim glauben manchmal hinderlich; da überschätzen wir schonmal unsere Klugheit. Glauben ist einfach und für jeden möglich, unabhängig vom Denkvermögen. Von bedingungsloser Liebe hat jede/r eine Vorstellung. Darauf kann ich mich 100%ig verlassen - auch im Zweifelsfall. So glaube ich - ohne naiv zu sein. Ich bin so frei.

Herzliche Grüße
Petra
2020-09-22 21:18:43
@Thomas:
Den Vergleich zwischen Schnitt- und Vereinigungsmenge finde ich sehr interessant. Ich konnte mir schon etwas darunter vorstellen, habe aber sicherheitshalber nochmal bei Wikipedia nachgesehen, ob ich richtig liege (bin ja kein Mathematiker, und in der Schule haben wir keine Mengenlehre gelernt). Bei Wikipedia gibt es auch hübsche Grafiken zum Thema. Du beschreibst schon ganz gut die Vor- und Nachteile der jeweiligen Position. Wobei es mir aber nicht darum geht, es allen recht zu machen (das funktioniert sowieso nicht, wie du ja schon festgestellt hast), sondern ganz einfach darum, die biblischen Aussagen möglichst ernst zu nehmen (Jesus: kein Jota soll wegfallen). Das mag dann "wolkig" klingen, und ich gebe zu, dass das Geheimnis Gottes nicht von uns gelüftet werden kann. Deshalb bleibt immer ein Nichtwissen und Nichtaufgehen in unserer Logik. Immerhin soll schon Sokrates gesagt haben: "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Aber dieser "Rest" des Nichtaufgehens sollte natürlich nicht zu groß sein.

Viele Grüße
Klaus
2020-09-22 21:32:08
@Petra:
Danke für deine freundlichen Worte, die mich ermutigen, mit dem Blog auf diesem Wege weiterzumachen. Du hast schon recht: Im Glauben lässt sich nichts beweisen. Dennoch versuche ich, so gut ich es kann meinen Glauben zu verstehen und anderen zu erklären. Ich glaube, das sind wir den Menschen schuldig. Und ich denke, du versuchst auch, deinen Glauben zu verstehen, wenn du sagst, dass du manchmal philosophierst. Es ist sicher gut, dass du ungelöste Fragen dann mal beiseite legst. Das ist mir manchmal schwer gefallen, weil ich eher ein grüblerischer Typ bin und unbedingt eine Antwort wollte. Aber ich habe erlebt, dass die Antwort später mitunter kommt, wenn man gar nicht mehr nach ihr sucht.

Wir sollten aber nicht denken, in dieser Welt auf alles eine Antwort zu bekommen. Dann wäre Gott ein Gegenstand unseres Erkennens wie andere Gegenstände auch. Dann wäre er aber nicht mehr Gott. Und so müssen wir uns manchmal zufriedengeben damit, dass wir Jesus erst im ewigen Leben "nichts mehr fragen werden".

Liebe Grüße
Klaus
2020-09-24 10:20:22
Ich habe noch einen Gedanken zum Thema "Schnittmenge" und "Vereinigungsmenge". Ich habe mich nämlich gefragt, was die beiden Mengen, die sich teilweise überschneiden, eigentlich bedeuten. Die Antwort ist: Die eine Menge ist die biblische Botschaft, die andere Menge ist der Mensch mit seiner Vernunft. Wenn man das Konzept der Schnittmenge verfolgt, gilt als annehmbar für den Menschen nur das, was sowohl der biblischen Botschaft als auch der menschlichen Vernunft entspricht. Die menschliche Vernunft wird also als von gleichem Gewicht wie die biblische Botschaft beurteilt. Verfolgt man hingegen das Konzept der Vereinigungsmenge, dann gilt als wahr alles, was die biblische Botschaft umfasst und was der menschlichen Vernunft entspricht. Wahr wäre dann auch das, was der menschlichen Vernunft entspricht, aber keinen Anhalt an der biblischen Botschaft hat. Auch hier hat also die menschliche Vernunft das gleiche Gewicht wie die biblische Botschaft.

Ich halte beide Konzepte für problematisch, weil sie der Vernunft zu viel Gewicht einräumen. Was ermächtigt uns denn dazu, nur das als Wahrheit Gottes anzuerkennen, was unserem bisschen Vernunft entspricht? Immerhin ist der Friede Gottes höher als alle Vernunft. Andererseits kann es auch nicht sein, dass die Vernunft beim Glauben ausgeschaltet werden muss. Wir sollen sie sogar gebrauchen, um die biblische Botschaft auszulegen und nicht irgendwelchen Irrlehren zu verfallen. Das Unterscheiden der Geister ist zwar eine Gabe Gottes, aber eine, die sich unsere Vernunft zunutze macht. Gottes Geist schenkt uns Erkenntnis, aber nicht ohne unsere Vernunft.

Das Verhältnis zwischen biblischer Botschaft und menschlicher Vernunft ist also komplizierter, als es mir zuerst durch die Konzepte von Schnittmenge und Vereinigungsmenge erschien. Ich werde weiter darüber nachdenken müssen.
2020-09-24 13:58:41
Hallo Klaus,

zum Thema Vereinbarkeit von Glauben und Vernunft habe ich mir folgende Kernsätze gemerkt, die meine Position gut wiedergeben:

"Der Glaube kann die Vernunft übersteigen, aber nicht dahinter zurückfallen." (N.N.)

und

"Nichts kann geglaubt werden, was einer ihre Autonomie wahrenden Vernunft widerspricht." Peter Knauer

Peter Knauer ist ein Theologe, der mich persönlich wirklich weitergebracht hat.


Hier ein Blogbeitrag zu einem seiner Bücher:
https://schwerglaeubiger.blogspot.com/#!/2016/02/mein-theologiebuch-fur-die-einsame-insel.html

Viele Grüße

Thomas

P.S.: Das Modell Schnittmenge lässt sich auch auf das Verhältnis von Glauben bzw. biblischer Überlieferung und Vernunft anwenden. Der Knackpunkt dabei ist nur, wie man das "Außerhalb der Vernunft" definiert. Für mich wäre es nur das, was hinter die Vernunft zurückfällt, also sehr klar ausgeschlossen werden kann.
2020-09-24 22:20:12
Hallo Thomas,

vielen Dank für deine Erläuterungen. Ich kann den Auszügen aus dem Knauer-Buch, die du in deinem Blog zitiert hast, zum größten Teil zustimmen, habe aber Probleme mit seinen Aussagen über die menschliche Vernunft.

Meiner Meinung nach muss die Verkündigung in der biblischen Botschaft gründen. Sie soll sicher nicht irrational sein, aber was heißt hier schon rational und irrational? Ist es rational, dass Jesus von den Toten auferstanden ist? Dass es ein Leben nach dem Tod gibt? Dass überhaupt ein Gott existiert? Ist es rational, dass Jesus mit seinem "Sühnetod ... seinem Angebot der Liebe Gottes für alle Menschen treu bleibt" (Zitat Knauer)? Die Ratio fragt doch: Was hat denn Jesu Sühnetod mit Gottes Liebe zu mir im Jahr 2020 zu tun?

Ich will mit diesen Fragen nur sagen, dass die "Filterfunktion" (Knauer) der Vernunft gegenüber der Verkündigung problematisch ist. Oder meinte Knauer vielleicht eine biblisch geprägte Vernunft, die der Irrlehre in der Verkündigung auf die Spur kommt? Sein Satz "Nichts kann geglaubt werden, was einer ihre Autonomie wahrenden Vernunft widerspricht" scheint in eine andere Richtung zu weisen. "Autonomie" heißt "Selbstgesetzlichkeit". Die sich selbst als "Filter", also als Maßstab für die Wahrheit setzende Vernunft soll also darüber entscheiden, was verkündigt wird. Sollte damit gemeint sein, dass die Vernunft die Verkündigung vor Verfehlungen bewahren soll, dann kann ich das noch akzeptieren, wenn damit Selbstwidersprüche der Verkündigung gemeint sind oder alles, was eine die biblische Botschaft ernst nehmende Vernunft als dieser Botschaft widersprechend ausmacht. Sollte aber gemeint sein, dass die Vernunft zur Herrin der biblischen Botschaft wird, so kann ich dem nur vehement widersprechen.

Ich glaube, du hast den "Knackpunkt" schon angesprochen, nämlich "wie man das 'Außerhalb der Vernunft' definiert." Deine Antwort ist mir nicht klar: "was hinter die Vernunft zurückfällt". Bei dem Satz "Der Glaube kann die Vernunft übersteigen, aber nicht dahinter zurückfallen" stellt sich mir die Frage, was mit "zurückfallen" gemeint ist. Ist es nicht genau das Gegenteil von "übersteigen"? Wenn der Glaube die Vernunft übersteigt, wie kann er dann wieder hinter sie zurückfallen? Und wenn der Glaube hinter die Vernunft zurückfällt, wie kann er sie dann übersteigen? Aber vielleicht kannst du mir ja auf die Sprünge helfen.

Ich finde es schwierig, bei der Autonomie (= Freiheit) des Menschen anzusetzen, weil diese Freiheit erst durch den Glauben geschaffen wird, also nur eine im Glauben erlangte ist.

Viele Grüße
Klaus
2020-09-25 15:03:53
Hallo Klaus,

der Ausdruck „dass die Vernunft zur Herrin der biblischen Botschaft wird“, irritiert mich. Für mich ist Vernunft etwas Emanzipatorisches und insofern positiv besetzt. Wenn z. B. irgendjemand zur Vernunft kommt, freut mich das. Vernunft hilft dabei, sich von falschen oder nur noch aus Tradition akzeptierten Autoritäten zu befreien, und zwar mit guten Gründen und nicht nur aus einer gefühlsgesteuerten Rebellion heraus.

Mein Glaube würde hinter die Vernunft zurückfallen, wenn ich z. B. trotz der Feststellung sich widersprechender Bibelstellen zu glauben versuchte, die Bibel sei Wort für Wort von vorn bis hinten wahr.

Genau so wäre es, wenn ich bei bestimmten Wundergeschichten, die ganz klar gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisse, gegen gut gesichertes Wissen verstoßen, z. B. das „Anhalten der Sonne“ durch Josua oder der Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana, behauptete, sie wären historisch so passiert.

Glauben, der die Vernunft übersteigt, ist dagegen für mich z. B. dann gegeben, wenn ich dem Gebot der Feindesliebe folge. Das sieht zunächst einmal unvernünftig aus, weil ich meine Feinde dann weniger wirksam und engagiert bekämpfe. Aber es hat eben doch seine Vorteile und ist wohl am Ende weiser, auch seine Feinde als Menschen wahrzunehmen.

Einen solchen Glauben sehe ich auch dann, wenn ich den uralten Mechanismen von Macht und Gewalt nicht das letzte Wort lasse. Außer Instinkt steckt dahinter oft viel Vernunft, Kalkül und Erfahrungswissen, die durchaus Gutes bewirken können. Auf der anderen Seite führen diese Mechanismen immer wieder zu menschlichen Katastrophen wie den Weltkriegen und verhindern, dass die Menschheit sich weiterentwickelt. Ein Glaube, dessen Begründer in diesem menschlichen Machtsystem sehr schnell unter die Räder bzw. ans Kreuz gekommen ist, der aber trotzdem bis heute mit seiner Botschaft präsent und wirkt (anders als z. B. der damalige römische Kaiser), übersteigt für mich die Vernunft.

Ich hoffe, mit diesen Beispielen etwas deutlicher gemacht zu haben, wie ich die knappen Grundformeln zu Vernunft und Glauben verstehe.

Viele Grüße

Thomas
2020-09-25 19:46:53
Hallo Thomas,

ich verstehe die Vernunft ebenfalls als etwas Positives, aber nicht ausschließlich. Die Vernunft an sich halte ich für neutral – mit ihr wird Gutes und Schlechtes bewirkt. Das Gute kann z.B. darin bestehen, sich von falschen oder gewohnten Autoritäten zu befreien, wie du schreibst. Oder auch darin, bestimmte Bibelstellen, die metaphorisch verstanden durchaus einen Sinn ergeben, unbedingt als historische Berichterstattung deuten zu wollen. Da kann ich dir ganz zustimmen. Ich würde sogar sagen, dass es vernünftig ist, dem Gebot der Feindesliebe zu folgen und Gewalt zu vermeiden. Mit der Vernunft kann man aber auch genau das Gegenteil verfolgen und Feindesliebe wie Gewaltvermeidung zu unrealistischer Ideologie erklären. Darum meinte ich, dass die Vernunft eine Prägung haben muss, um Gutes zu bewirken. Und die biblische Prägung ist sicher nicht die schlechteste. In diesem Sinne meinte ich es, wenn ich sagte, dass die Vernunft nicht über der biblischen Botschaft stehen sollte, sondern von ihr geprägt sein und ihr zu ihrem Recht verhelfen sollte. Und das Recht der biblischen Botschaft kann auch darin bestehen, sie nicht durchweg als historische Berichterstattung misszuverstehen, sie als auf historischen Zeugnissen beruhend zu verstehen und nach ihrem zeitgeschichtlichen Hintergrund, der Verfasserschaft biblischer Bücher oder Abschnitte etc. zu fragen – um des rechten Verstehens willen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir darin einig sind.

Viele Grüße
Klaus
2020-09-26 16:09:51
Hallo Klaus,

bei den grob vernunftwidrigen (hinter die Vernunft und naturwissenschaftlichen Wissensstand zurückfallenden) Bibelstellen verweigere ich wie Bileams Esel.

Ansonsten sehe ich sie schon mit Jesus Christus als Zentrum und Schlüssel als Orientung für meine Ethik und Lebensführung und Lebenssinngebung an.

Viele Grüße und ein schönes Restwochenende

Thomas
elke schweisfurth
2020-09-26 17:17:27

danke für die beiträge von Ihnen allen.
man kann nur an diesen beiträgen sich bereichern, bringen zum nachdenken weiterdenken.
weil sie tifgreifend gut gedacht sind.
ich stimme auch thomas jakob zu das was er im ersten beitrag geschrieben hat.
ja klaus du hast recht, wenn man von gott spricht muß man schon wissen von welchen gott mann spricht. für mich gibt auch der gott der nägsten liebe der mensch geworden ist.
gott hat einen menschen gesamt zu uns menschen.
ich denke auch herz verstand und vernumft gehören schon zusamen, die in ngstenliebe humanität aufgeht. die achtung vor den nägsten geschöpfen zubewaren.
viele liebe grüße elke
2020-09-26 19:49:48
Liebe Elke,

vielen Dank für deine Rückmeldung. Es freut mich sehr, dass du von den manchmal langen Dialogen zwischen Thomas und mir profitierst. Dass Herz und Vernunft zusammengehören, ist ein wichtiger Gedanke. Vielleicht kann man es so formulieren: Das gläubige Herz sollte die Vernunft prägen und die Vernunft das gläubige Herz korrigieren.

Viele Grüße und einen gesegneten Sonntag
Klaus
elke schweisfurth
2020-09-26 21:03:12

ja klaus ja man kann es auch so machen, wie du es gesagt hast, die kleine änderung in meinen gedanken.
viele liebe grüße elke
2020-09-27 14:44:29
Danke für eure Stellungnahmen und die von euch eingebrachten Aspekte! Das hat mich (und hoffentlich auch euch) weitergebracht, und so stelle ich mir die Beiträge in diesem Blog vor. Natürlich können noch weitere Kommentare abgegeben werden.
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