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Warum gibt es Antisemitismus?

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Veröffentlicht von in Theologie zum Weiterdenken · 30 Juni 2021
Tags: AntisemitismusJudentum

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Warum gibt es Antisemitismus?
Klaus Straßburg | 30/06/2021

Was soll eigentlich der „Antisemitismus" – nur und gerade gegen diese „Semiten" gerichtet – diese seltsame Krankheit, die so ziemlich jeder Nicht-Jude in irgend einer Form in sich zu tragen scheint, die dann plötzlich ganze Massen in Bewegung setzen und so scheußlich zum Ausbruch kommen kann, wie es im Mittelalter und schlimmer als je in unseren Tagen geschehen ist, die dann wieder unterdrückt und vergessen werden mag, um irgend einmal, wie einst die Pest, doch wieder aufzubrechen? Was hat man gegen die Juden?

Diese Worte schrieb der evangelische Theologe Karl Barth (1886-1968) in seinem im Jahre 1950 veröffentlichten Band III/3 der „Kirchlichen Dogmatik" (S. 249; alle folgenden Seitenzahlen aus diesem Buch). Er versucht, auf wenigen Seiten eine theologische Erklärung des Antisemitismus zu geben.

Es gibt vielfältige Versuche, das Phänomen des Antisemitismus zu erklären: historische, kulturelle, ökonomische, soziologische, psychologische, philosophische und religionswissenschaftliche. Jedoch ist es trotz mehrerer tausend Untersuchungen bis heute nicht gelungen, ein umfassendes Verständnis für die verschiedenen Ausprägungen des Antisemitismus zu gewinnen. Es ist auch unwahrscheinlich, dass ein einziges Erklärungsmuster dazu ausreicht. Dennoch kann es interessant sein, den Blick einmal auf einen theologischen Versuch zu werfen.


1. Das Volk, das keins ist

Karl Barth spricht dieses Thema in einem Zusammenhang an, in dem es um Gottes gutes Wirken in der Welt geht. Das heißt nicht, dass Gott alles will, was in der Welt geschieht. Aber es geht darum, dass nichts, was geschieht, Gott daran hindern kann, die Welt seinem guten Ziel entgegenzuführen.

Das festzuhalten ist nicht ganz unwichtig, weil Barth auf weltgeschichtliche Ereignisse zu sprechen kommt, also auf Ereignisse, durch die Gott die Welt seinem guten Ziel entgegenführt.

Ausgangspunkt der Überlegungen Barths ist der biblische Gedanke, dass Israel das von Gott in besonderer Weise erwählte Volk ist. Gott hat mit diesem Volk einen Bund geschlossen und ist diesem Bund treu geblieben. Er hat diesem Volk vor allen anderen Völkern sein Herz zugewandt. Er hat das nicht getan wegen der Größe und Bedeutung dieses Volkes, sondern ganz einfach, weil er dieses „kleinste unter allen Völkern" liebte (5Mo/Dtn 7,6-8). Das war die freie Liebesentscheidung Gottes, in die wir ihm nicht hineinzureden haben.

Zunächst weist Barth darauf hin, dass sich diese Liebe Gottes zu Israel in dessen Geschichte sozusagen abbilde. Es geht Barth dabei nicht um so etwas wie „objektive Beweise" für Gottes Liebe zu Israel sind. Er will aber eins festhalten: Wenn jemand die biblische Botschaft von der Liebe Gottes zu Israel ernst nimmt, dann kann ihn die Existenz dieses Volkes nur in Staunen versetzen. Er kann sich nur darüber wundern, dass es dieses Volk überhaupt noch gibt.

Die Geschichte Israels zeige, so Barth, dass das Volk Israel kein Volk wie alle anderen Völker sei. Es existiere nämlich seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n.Chr. als ein Volk ohne eigenes Land. Erst im Jahr 1948 war ja der Staat Israel neu gegründet worden. Die Juden seien über fast zwei Jahrtausende in alle Welt verstreut gewesen. Sie hätten keine einheitliche Sprache, Kultur und Religion entwickelt. Man könne mit Recht fragen, ob die Juden überhaupt ein Volk im üblichen Sinn bildeten. Eher müsse man erstaunt wahrnehmen, dass sie gerade als ein Nicht-Volk trotz aller Verfolgungen immer noch existieren.

Barth stellt fest, dass in zwei Jahrtausenden unzählige Völker von der Bildfläche verschwunden sind, besonders so kleine Völker, wie Israel es ist. Dass Israel immer noch existiert, und zwar nach der Staatsgründung „energischer" als je zuvor, das habe „seinen klaren Grund darin, daß Gottes Ratschluß in der Erwählung gerade dieses Volkes [...] ein unbeweglicher Ratschluß ist" (S. 246).

Barth bezieht also Gottes Erwählung Israels auf die Existenz Israels. Ich verstehe ihn so: Er will nicht sagen, dass man an der Existenz Israels Gottes Erwählung Israels ablesen könne. Sondern er will sagen, dass jemand, der an Gottes Erwählung Israels glaubt, diese in der Existenz Israels bestätigt findet. Das ist ein Unterschied. Ausgangspunkt dieses Gedankens ist nicht die Weltgeschichte, in der Israel noch immer existiert, sondern die biblisch bezeugte Erwählung Israels durch Gott.

Barth will also nicht mit geschichtlichen Ereignissen argumentieren. Man kann aber wohl kaum von der Hand weisen, dass die geschichtliche Existenz Israels etwas Erstaunliches, ja wohl Einmaliges in der Weltgeschichte ist: Dieses Volk existiert immer noch – nach fast zwei Jahrtausenden Staatenlosigkeit, Zerstreuung in alle Welt und Verfolgungen ungeheuren Ausmaßes.

Insofern ist der Blick auf die Geschichte in Ordnung. Wenn es um Gottes Weltregiment, um Gottes Regieren der Weltgeschichte geht, dann kann man ja nicht einfach die Weltgeschichte ignorieren. Gottes Regieren zeigt sich ja in der Geschichte, auch wenn man von der Geschichte nicht auf einen Gott, der sie regiert, rückschließen kann. Man wird sich daher vor einem hüten müssen: Die geschichtlichen Ereignisse sind keine allgemein einsichtigen Beweise dafür, dass die biblischen Aussagen richtig sind. Aber gerade eine solche Behauptung liegt Barth auch fern.

Das Ganze hat für Barth noch eine andere biblische Dimension: Das Alte Testament berichtet, wie Israel sich immer wieder der Liebe Gottes entzieht, wie es den Bund bricht, den Gott mit dem Volk geschlossen hat. Es muss daher das erfahren, was die Bibel „Gericht Gottes" nennt und was die Propheten immer wieder angekündigt haben: Dieses Volk, das nicht auf Gottes Wegen wandeln will, gerät auf seinen eigenen Wegen ins Unheil. Es wird von Großmächten beherrscht und muss wie ein „Nicht-Volk" leben (S. 245).

Dem Propheten Hosea zufolge bezeichnet Gott Israel als „Nicht-mein-Volk" (Hos 1,9). Doch nach dem Unheil, das über Israel kommt, wird Gott sich diesem Volk und dieses Volk sich Gott wieder zuwenden: Gott wird Israel zu Herzen reden und zum „Nicht-mein-Volk" sagen: „Mein Volk bist du!", und Israel wird antworten: „Mein Gott!" (Hos 2,25)

Israel besteht bis heute nur deshalb, weil Gott seinem untreuen Volk treu geblieben ist, weil er an seiner Erwählung festgehalten hat, obwohl Israel diese Erwählung immer wieder missachtet hat. Das ist es, was Barth uns sagen will, bevor er auf die „seltsame Krankheit" des Antisemitismus zu sprechen kommt.


2. Die Juden als Zeichen des Ur-Aufruhrs gegen Gott

Der Antisemitismus ist nach Barth nur dann zu verstehen, wenn es stimmt, dass die Juden bis heute die Erwählten Gottes sind. Sie haben diese Erwählung aber weitgehend abgelehnt und sind daher – wie wir alle – vor Gott schuldig geworden. Barth meint nun, dass wir im Spiegel der Juden unsere eigene Schuld wiedererkennen.

Uns verdrießt es – ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht, tut nichts zur Sache [...] – daß wir in ihnen [den Juden], in ihrer Art, unsere eigene Art vorgehalten bekommen und nur zu gut wiedererkennen. Der Jude als Jude ist nicht anders, nicht schlimmer als alle anderen Menschen. Aber im Juden kommt es an den Tag und wird es allen anderen Menschen wie im Spiegel vorgehalten, wer und was, das heißt, wie schlimm wir alle sind. [...] Und so ist nun eben das, was der Mensch, jeder Mensch im Verhältnis zu Gott, vor dessen Richterstuhl ist, an diesem Volk sichtbar geworden: der sündige Mensch – der Mensch, der sich gegen Gottes Gnade verwahrt und wehrt [...] – der Mensch, der nicht von Gott erwählt sein, sondern sich seinen Gott selber erwählen und also heimlich selber sein eigener Gott sein möchte – der Mensch, der sich durch sein eigenes Werk bewahren, helfen, retten und in dem allem seinen eigenen Ruhm haben möchte. (S. 250)

Nun weiß Karl Barth natürlich, dass längst nicht alle Menschen an den biblischen Gott glauben und darum auch nicht wissen können, was im biblischen Sinne Erwählung und was Sünde ist. Dennoch hält er daran fest, dass allen Menschen im jüdischen Volk „das Urbild der Erwählung aller Völker" (S. 252) begegnet und darum auch „der Ur-Aufruhr, der Unglaube, der Ungehorsam, in dem wir alle begriffen sind" (S. 251). Nur die an Jesus Christus Glaubenden können dem Rest der Welt klarmachen, worum es im Antijudaismus eigentlich geht.

Sonst ist es natürlich nur ein dumpfes Ärgernis, ein blöder Verdruß, der den Menschen durch die Existenz der Juden bereitet ist. Aber der objektive Sinn dieses Ärgernisses und Verdrusses, die objektive Wahrheit des dem Menschen hier gegebenen Zeichens und Zeugnisses ist davon nicht abhängig, ob sie es als solches sehen und verstehen. Es bleibt die Tatsache, daß es ihnen in diesem Sinn und in dieser Wahrheit gegeben ist. (S. 252)

Die nichtchristlichen Menschen können also gar nicht verstehen, was der Grund dafür ist, dass ihnen die Juden so sehr missfallen. Sie verspüren nur „ein dumpfes Ärgernis". Der Grund dieses Ärgernisses besteht darin, dass ihnen in den Juden der Spiegel ihrer selbst vorgehalten wird. Die Juden zeigen ihnen, dass sie alle im Ur-Aufruhr gegen den Gott stehen, der ihnen mit Gnade begegnet. Dass ihnen dieser Spiegel vorgehalten wird, ist ihnen ein Ärgernis.

Ich musste lange darüber nachdenken, um zu verstehen, was Barth damit meinen könnte. Stellen wir uns einen nichtchristlichen Menschen vor, der antisemitische Einstellungen hat. Die Juden sind ihm ein „dumpfes Ärgernis". Warum das so ist, weiß er gar nicht. Vielleicht wird er sich alle möglichen Gründe suchen. Der eigentliche Grund für seinen Verdruss ist aber etwas anderes: An den sündigen Juden geht ihm auf, dass auch er ein Sünder ist. Dieser objektive Grund seines Verdrusses muss unbewusst Eingang in ihn finden, sonst gäbe es ja den Verdruss nicht. Das heißt: Unbewusst weiß auch der nichtchristliche Mensch etwas davon, dass er ein Sünder ist, eben weil es ihm durch die sündigen Juden wie ein Spiegel vorgehalten wird.

Doch es bleibt für mich eine Frage: Kann es im Unterwusstsein eines Menschen verankert sein, dass er ein Sünder ist, wenn er gar nicht an Gott glaubt, vielleicht nie an Gott geglaubt hat und darum auch die Juden nicht als Sünder verstehen kann? Diese Frage müsste wohl ein Psychologe beantworten.


3. Die Juden als Zeichen der Gnade Gottes

Der Antisemitismus hat nach Barth noch eine andere Seite. Er stößt sich daran, dass Gott allein der Grund dafür ist, dass wir überhaupt existieren.

Uns verdrießt es – und wieder tut es nichts zur Sache, ob uns das bewußt ist oder nicht – daß wir in der Tatsache der Existenz der Juden [...] ganz positiv vor die Tatsache der erwählenden Gnade Gottes, vor die Tatsache seiner Barmherzigkeit als des einen, einzigen, aber kräftigen Grundes der menschlichen Existenz gestellt sind. [...] Es verdrießt und ärgert uns, daß der Jude so, wie er seit 1900 Jahren dran ist, zweifellos da ist und also offenbar da sein kann: unter und trotz jener ganzen Ungunst seiner geschichtlichen Situation, gerade nicht ausgezeichnet durch alles das, was ein Volk sonst noch als Volk möglich macht, gerade nicht geschützt durch das Vorhandensein jener Eigenschaften, die andere Völker voneinander unterscheiden, die ihr Eigenes ausmachen, die ihnen ein Heimatrecht und einen Anspruch in der Weltgeschichte geben. (S. 253)

Barth hebt hier auf die Geschichte der Juden ab, wie ich es oben unter Punkt 1 schon dargestellt habe. Die Juden existieren nur deshalb noch, weil Gott sie in seiner Gnade erwählt hat. Gott allein ist der Grund ihrer Existenz. Es gab für die Juden fast nie einen eigenen Staat, sie hatten keine militärische Macht, keine einheitliche Sprache etc. Trotzdem existieren sie noch immer. Das, so will Barth sagen, ist nur deshalb möglich, weil sie das von Gott erwählte Volk sind.

Wir erkennen daran, dass jede menschliche Existenz allein auf Gottes Gnade beruht. Alle menschlichen Versuche, die eigene Existenz zu sichern, haben dann keine Bedeutung. Wenn auch die Völker auf wirtschaftliche und militärische Macht setzen oder auf ihre Wissenschaft und Kultur, so kann all das nicht ihre Existenz sichern.

Gilt Gottes Erwählung, ist sie das Geheimnis der menschlichen Existenz, der Grund, von dem her alle Völker und alle Menschen leben – was ist es dann mit unseren Sicherungen, mit all dem, was wir Anderen als unser Eigenes zu kennen und rühmen zu können meinen? Sind unsere Vorzüge etwa wertbeständiger? Existieren wir nicht vielleicht alle viel bedrohter als wir es wissen und zugeben mögen? Ist in der Existenz der Juden nicht vielleicht auch in dieser Hinsicht nur offenbar, was anderwärts verborgen ist: daß in der Weltgeschichte niemand, kein Volk und kein Mensch, seine Heimat hat, niemand endgültig geborgen und zu Hause ist, letztlich alle solche Hinundhergeschobene, solche ewigen Fremdlinge sind: eben darum, weil sie bei Gott allein wahrhaftig daheim und aufgehoben sind? (S. 254)

Wenn Gott allein der Grund unserer Existenz ist, dann können wir tatsächlich unsere Existenz nicht selber sichern. Dann ist unsere Existenz jeden Tag, jede Stunde bedroht. Dann haben wir in der Welt keine Heimat, sind in ihr nicht geborgen, sondern ewige Fremdlinge. Heimat und Geborgenheit gibt es dann nur bei Gott.

Dies zu erkennen, kann einen Menschen schon verdrießlich stimmen. Nach Barth ist es ein Grund des Antisemitismus, weil genau diese Heimatlosigkeit und Bedrohtheit an der Existenz der Juden erkannt wird – auch wenn dem Menschen dies gar nicht bewusst wird.

Auch in diesem Fall fällt es mir nicht leicht, Barth zu folgen. Denn Barth meint ja nicht die Ungeborgenheit und Heimatlosigkeit des Menschen, die auch einem Nichtglaubenden irgendwie in der Welt aufgehen kann. Er meint vielmehr die Ungeborgenheit und Heimatlosigkeit, die im Verlust der Geborgenheit und Heimat bei Gott besteht. Und da stellt sich mir wieder dieselbe Frage, wie denn diese Ungeborgenheit und Heimatlosigkeit im Unterbewusstsein eines Menschen Fuß fassen kann, wenn er doch an die Geborgenheit und Heimat bei Gott gar nicht glaubt.


4. Die Hinneinnahme der Christen in Gottes Bund mit den Juden

Es bleibt noch die Frage, inwiefern denn auch wir Nicht-Juden von Gott erwählt sind, wenn doch die Juden das erwählte Volk Gottes sind. Karl Barth hat eine Ansicht vertreten, die heute in den Kirchen weitgehend anerkannt ist: Gott hat seinen Bund zuerst mit Israel geschlossen, und wir, die Nicht-Juden, sind von Gott erst danach in diesen Bund Gottes mit Israel hineingenommen worden.

So sagt Gott schon nach 1Mo/Gen 12,3 zu Abraham: „In dir werden alle Völker der Erde gesegnet werden." Paulus spricht später davon, dass diejenigen aus den heidnischen Völkern, die Christen geworden sind, wie Zweige eines wilden Ölbaums in den edlen Ölbaum Israel eingepfropft wurden (Röm 11,17-24). Als ein Geheimnis bezeichnet er es, dass schließlich ganz Israel gerettet werden wird, wie es der ewigen Erwählung Gottes entspricht (Röm 11,25-32).

Gott hat also seine Liebe und Gnade zuerst Israel zugewendet und sie dann auf alle Völker auf Erden ausgeweitet. Er hat seinen Bund für uns geöffnet und wir können in ihn eintreten. Wir sind nicht an die Stelle Israels getreten, sondern aus Gnade in Gottes schon bestehenden Bund mit Israel hineingenommen worden.


5. Warum Antisemitismus?

Wenn wir einige Jahrhunderte zurückblicken, stellt sich die Situation anders dar als heute. Damals gab es in Europa keine Menschen, die sich nicht zur Kirche hielten. Beinahe alle „glaubten" irgendwie an Gott – jedenfalls formal. Christsein und Kirchgang gehörten zum normalen Leben. Genauso gehörte es zum Leben, die Juden für von Gott Abgefallene zu halten. Sie glaubten ja nicht an Jesus. Als Christ fühlte man sich ihnen überlegen, und Antisemitismus gab es auch damals schon. Die Kirche war daran mitschuldig. Auch einige Schriften Martin Luthers haben antisemitischen Charakter.

Den Jüdinnen und Juden sprach man es ab, das Volk Gottes zu sein. Und man meinte, die Christen seien das neue Volk Gottes, das an die Stelle der Juden getreten sei. Damit hatte man Gottes ewige Erwählung Israels für ungültig erklärt und sich kurzerhand selbst an die Stelle der ewig Erwählten gesetzt. Das widerspricht eindeutig den biblischen Texten.

Im Grunde wertete man sich selbst als Christ auf, indem man die Juden abwertete. Dieses Schema funktioniert auch heute noch: Wir werten uns dadurch auf, dass wir andere abwerten. Auch die eigene Nation wird dadurch aufgewertet, dass man andere Nationen abwertet. Die Juden sind dafür ein gefundenes Fressen. Durch ihre lange Geschichte hindurch wurden sie ja immer wieder diskriminiert, vertrieben, verfolgt. Und zwar auch deshalb, weil sie sich zu recht für das erwählte Volk Gottes hielten. Das war für das Christentum ein Skandal. Denn die Kirche verkündete ja, dass nun die Christinnen und Christen das neue Volk Gottes seien.

Vielleicht aber ahnte man trotzdem, dass diese Argumentation nicht stimmte. Vielleicht stieß man sich immer wieder an den ziemlich eindeutigen biblischen Texten. Und vielleicht war es auch so, dass die Christen im Grunde doch um die ewige Erwählung der Juden wussten, auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollten. Vielleicht gründete darin der christliche Hass auf die Juden, dass man insgeheim spürte: Wir Christen sind erst nachträglich und nur mit den zuerst erwählten Juden zusammen erwählt worden. Und wir haben dazu genauso wenig beigetragen und sind genauso schuldig vor Gott wie die Juden.

Wenn dem so war, dann könnte Karl Barths Argumentation für die früheren Zeiten zutreffend gewesen sein. Zumindest könnten die von Barth genannten Beweggründe ein Grund für antisemitische Einstellungen unter anderen gewesen sein. Und durch diese jahrhundertelange Vorgeschichte hätte sich der Judenhass bis in unsere Zeit in säkularisierter, verweltlichter Form fortgesetzt.

Man kann auch ganz anders argumentieren: Der Grund für den christlichen Antisemitismus war es, dass die Juden eben nicht an Jesus glaubten. Aber das taten auch viele andere Völker nicht. Es stellt sich also dann wieder die Frage, warum der Hass ausgerechnet den Juden galt.

Wenn wir Barths Argumentation einmal folgen, dann wäre der Grund für den gegenwärtigen Antisemitismus nicht unbedingt, dass jemand von einer ewigen Erwählung der Juden durch Gott ausgeht. Aber er würde dennoch seine eigene Nation aufwerten, indem er die Juden abwertet. Und er würde zur eigenen Nation selbstverständlich die christliche Prägung zählen. Der europäische Nationalismus betont ja stets die starke Bedeutung des Christentums für das eigene Volk. So spielt also doch wieder die jüdische Religion eine entscheidende Rolle für den Antisemitismus: Man wertet sie ab, um die eigene christliche Kultur aufzuwerten.

Es geht dabei nicht um christlichen Glauben, sondern um christliche Kultur. Der christliche Glaube, so wie Barth ihn versteht, muss dem Nationalismus ein Dorn im Auge sein. Denn der Nationalismus kann es nicht akzeptieren, dass die eigene Nation vor Gott schuldig ist und überhaupt nur durch Gottes Gnade existiert. Diese Kränkung kann der Nationalismus nicht ertragen: dass die eigene Existenz nicht auf der überlegenen Qualität der eigenen Nation beruht, sondern allein auf Gottes Gnade. Und dass diese Gnade Gottes nun zuerst einem anderen Volk gilt als dem eigenen.

Auch wenn der säkularisierte Antisemitismus nicht unbedingt von Gott spricht, sondern von „Vorsehung", „Fügung" oder „Schicksal" – es mag schließlich doch etwas wahr sein an Karl Barths theologischem Versuch, den Antisemitismus zu verstehen.

Welch ein Verdruß, um so größer offenbar immer in dem Maße, je krampfhafter man selbst um seine eigene Nationalität bemüht ist [...] Ist es etwas Anderes als der blasse Neid, was gerade allen Nationalismus zu allen Zeiten ausgerechnet gegen die Juden, dieses ohnmächtige Nicht-Volk, so schrecklich in Harnisch gebracht hat? Was zeigt uns der Spiegel der Erwählung des Judenvolkes? Warum hört man so ungern, daß es das erwählte Volk sei? Warum sucht man bis tief in die Christenheit hinein nach immer neuen Beweisen, daß es das nicht mehr sei? Sehr schlicht: Hat es mit der Erwählung dieses Volkes seine Richtigkeit, ist gerade dieses Nicht-Volk das Volk Gottes und also in seiner ganzen weltgeschichtlichen Ohnmacht das wirkliche Volk, die Nation sondergleichen – was wird dann aus uns Übrigen, was für eine gegenstandslose Sünde ist dann aller sonstige Nationalismus? Durch die Existenz dieses Volkes sich sagen zu lassen, daß der Erwählte ein Anderer ist, nicht der Deutsche, nicht der Franzose, nicht der Schweizer, sondern dieser Jude! [...] Gottes Erwählung – das sagt uns die Geschichte der Juden – ist die Erwählung eines Anderen. Und unsere Erwählung könnte nur die Erwählung in und mit diesem Anderen sein. Wenn Gottes Gnade, Barmherzigkeit und Geduld auch uns angehen sollen, wenn es auch für uns ein Bleiben, ein Verharren, ein Gehaltensein geben soll, dann kommen wir um diesen Anderen nicht herum, dann kann uns die ganze Güte Gottes nur angehen, indem sie zuerst diesen Anderen und nur in ihm und durch ihn auch uns angeht. (S. 255)


Verwendete Literatur:
  • Barth, Karl: Kirchliche Dogmatik. Dritter Band: Die Lehre von der Schöpfung. Dritter Teil. Theologischer Verlag Zürich, 3. Aufl. Zürich 1979.
  • Dan, Joseph: Antisemitismus/Antijudaismus, I. Definitionen und Probleme. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG) Band 1, 4. Aufl. Mohr Siebeck Tübingen 1998, Sp. 556f.
  • Frey, Christopher: Antisemitismus/Antijudaismus, VII. Systematisch-theologisch. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG) Band 1, 4. Aufl. Mohr Siebeck Tübingen 1998, Sp. 572-574.


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4 Kommentare
Hans-Jürgen Caspar
2021-07-01 20:43:02
Guten Tag, Klaus!

Mit Interesse und großer Aufmerksamkeit las ich Deinen tiefschürfenden Artikel über ein schwieriges Thema.

In dem Absatz, der mit den Worten "Wir erkennen daran, dass jede menschliche Existenz allein auf Gottes Gnade beruht." beginnt, irritiert mich das im nächsten Satz stehende Wort "seine" (im Zusammenhang mit "Existenz"). Grammatisch bezieht es sich auf Gott, was aber augenscheinlich nicht gemeint ist. Verständlicher wäre es mir, wenn es anstelle von "seine" "die eigene" hieße.

Mit herzlichem Gruß
Hans-Jürgen
2021-07-01 20:49:34
Hallo Hans-Jürgen,

vielen Dank für den Hinweis und dein gründliches Lesen! Die Formulierung ist wirklich missverständlich und ich werde das ändern.

Viele Grüße
Klaus
Jochen
2021-07-07 13:51:21
Hallo Klaus,
was mir in Barths Deutung des Antisemitismus unschlüssig zu sein scheint ist der vorweggenommene Zusammenhang zwischen "christlicher Kultur" einerseits und Nationalismus. Die politische Form, die im christlichen Europa (wenn ich das so sagen darf ..) über viele Jahrhunderte vorherrschend war, ist doch eigentlich die Monarchie von Gottes Gnaden, die als weltliche Macht die Ordnung garantiert. Nationalstaaten und damit Nationalismus sind doch eigentlich relativ jung und eher ein Resultat der Säkularisation in Europa. Und so würde ich als beispielhaft für diesen theologisch-weltanschaulich motivierten Antisemitismus, den Barth beschreibt, Voltaires Antisemitismus nennen, der obwohl er heute als Lehrmeister der Toleranz angesehen wird, masslos gegen das Judentum, das Christentum und das Alte Testament gewettert hat: ecrasez l'infame! (zermalmt das Niederträchtige).

Dass ein Volk von Gott auserwählt ist, dass es überhaupt ein Volk gibt, ist etwas das heutzutage doch auch von ganz anderer Seite mehr und mehr in Frage gestellt wird. Wenn der Bundespräsident kürzlich meinte, jedes Zuhause eines Menschen sei zufällig, dann schließt das so etwas wie Vorsehung doch eigentlich schon aus. Aber vielleicht würde er zum Thema (Eretz) Israel vor anderer Hörerschaft dann wieder ganz anders reden. Das sind halt die Widersprüche in uns allen, in mir, in Voltaire, in Staatsleuten.
2021-07-07 19:00:36
Hallo Jochen,

du hast völlig recht damit, dass der Nationalismus eine neuzeitliche Erscheinung ist. Barth spricht auch nur am Rande vom nationalistischen Antisemitismus (1950 geschrieben!), meist spricht er von Juden und Nicht-Juden. Er setzt also Christentum und Antisemitismus in Beziehung zueinander, nicht aber Christentum und Nationalismus. Am Ende meines Artikels habe ich Barths Überlegungen zum Anlass genommen, über den Nationalismus nachzudenken, und dabei wohl nicht genug deutlich gemacht, dass dies meine weiterführenden Gedanken sind.

Deinen Hinweis auf Voltaire finde ich sehr interessant, das wusste ich noch nicht. Man sieht aber daran, dass auch der "kritischste" Geist (aber was heißt das schon?) nicht vor Irrwegen gefeiht ist.

Auch die Aussage des Bundespräsidenten war mir nicht aufgefallen. "Zufällig" ist aus christlicher Sicht sicher das falsche Wort. Vielleicht meinte er damit eher "von uns Menschen nicht bestimmbar" oder "nicht in unserer Macht stehend". Aber ich kenne natürlich seinen Glaubenshintergrund nicht. Ich glaube auch, dass er vor anderer Hörerschaft die Erwählung Israels nicht in Frage stellen würde und auch nicht sagen würde, dass ein Jude "zufällig" in Israel zu Hause sei. Es fragt sich nur, welche Weltanschauung dahinter steht.

Dass die Widersprüche in uns allen sind, wie du sagst, kann uns nur zu beständiger Sorgfalt bezüglich unseres eigenen Denkens und Sprechens ermutigen.
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