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Von Verzweiflung zum Bejahtsein - Zur Theologie Paul Tillichs (Teil 2)

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Von Verzweiflung zum Bejahtsein – Zur Theologie Paul Tillichs (Teil 2)
Klaus Straßburg | 15/05/2021

Paul Tillich hat den Menschen mit seinen leidvollen Erfahrungen ernst genommen. Er hat versucht, dem Menschen deutlich zu machen, dass Gott ihn trotz des Erlebens von Sinnlosigkeit und Verzweiflung bedingungslos bejaht. Das wurde im ersten Teil des Artikels zur Theologie Paul Tillichs ausführlich behandelt. Im zweiten Teil geht es nun vor allem um die Art und Weise, in der Tillich versuchte, dem modernen Menschen dies klarzumachen, und um Tillichs Einschätzung der religiösen Ergriffenheit dieses Menschen.


5. In neuer Sprache Gott bezeugen

Kirche und Theologie sollten nach Tillich nicht mehr die alten biblischen und kirchlichen Begriffe gebrauchen, weil diese heute nicht mehr dazu geeignet sind, die Wahrheit auszudrücken. Zu viel Zeit ist vergangen, zu sehr hat sich das Denken der Menschen und haben sich die Voraussetzungen des Verstehens verändert. Die alten Begriffe sind den Menschen fremd geworden. Das, was sie meinten, muss darum heute in neuen Begriffen ausgesagt werden.

Wenn wir fragen, warum unsere Botschaft vom Worte Gottes abgelehnt wird, dann hören wir oft, dass man nicht das ablehnt, was wir verkündigen, sondern die Art und Weise, in der wir es verkündigen. Viele lehnen das Wort Gottes nur deshalb ab, weil die Art unserer Verkündigung für sie völlig sinnlos ist. Sie wissen um die Dimension des Ewigen, aber die Begriffe, mit denen wir es fassen, können sie nicht annehmen. Wenn wir uns an die Worte dieser Menschen halten, können uns Zweifel kommen, ob sie ein Wort vom Herrn empfangen haben. Wenn sie uns aber als lebendige Menschen begegnen, wissen wir, dass sie es empfangen haben [...] Wir haben das Wort empfangen. Aber wie es im Munde der Prediger verzerrt wird, so stößt es in den Ohren der Hörenden – und das sind wir alle – auf Widerstand. Wir hören es, aber wir können es nicht annehmen. [...] Wir hören die Worte, die einstmals gesprochen wurden, aber wir fühlen nicht, dass sie zu unserer Situation und aus der Tiefe unserer Situation sprechen.
(Religiöse Reden Band II, zitiert nach Zahrnt: Gespräch über Gott, S. 308f)

Der Existentialismus hat den „alten Äon" beschrieben, nämlich die Situation des Menschen und seiner Welt im Zustand der Entfremdung. Darum ist der Existentialismus ein natürlicher Bundesgenosse des Christentums. [...] Der Theologe [...] muss sich vor Augen halten, dass Worte wie „Sünde" und „Gericht" nicht an innerer Wahrheit verloren haben, wohl aber an der Fähigkeit, diese Wahrheit auszudrücken. Das kann sich nur ändern, wenn solche Worte neu gefüllt werden mit den Einsichten in die menschliche Natur, die uns durch den Existentialismus (einschließlich der Tiefenpsychologie) vermittelt sind.
(Systematische Theologie Band II, S. 33f)

Die christliche Botschaft muss immer wieder neu formuliert werden, weil die Sprache, das Denken und das Leben der Menschen sich verändern. Jede Zeit hat ihre Probleme, ihre Fragen und ihre Sehnsüchte. Darum reicht es nicht aus, die biblischen Begriffe nur zu wiederholen. Sie müssen immer neu erläutert oder auch durch besser verständliche Begriffe ersetzt werden, ohne damit die biblischen Inhalte aufzugeben. Insoweit kann ich Paul Tillich Recht geben.

Ich bestreite aber, dass die Ablehnung der kirchlichen Verkündigung allein darauf zurückgeht, dass die alten Begriffe unverständlich geworden sind. Diese Erklärung geht nicht tief genug. Sie nimmt die menschliche Grundhaltung gegenüber dem Evangelium nicht ernst, die eine grundsätzlich ablehnende Haltung ist. Das, was die Bibel Sünde nennt, ist keine Reaktion erst auf die Art und Weise der kirchlichen Verkündigung, so unvollkommen diese auch sein mag. Sünde, also Ablehnung des Evangeliums, hat einen tiefen Grund in jedem Menschen. Darum teile ich auch Tillichs Aussage nicht, dass wir merken, dass die Menschen „ein Wort vom Herrn empfangen haben", wenn wir sie nur als lebendige Menschen ernst genug nehmen. Mag auch jeder Mensch von Gott angesprochen werden, so empfängt doch nicht jeder Mensch dieses Wort. Darum ist es zwar wichtig, aber nicht hinreichend, den Menschen in neuer Weise das Evangelium zu verkündigen.

Tillich möchte auch das Wort „Gott" umschreiben und so den Menschen verständlicher machen. Gerade das Wort „Gott" wird ja von den Menschen für alles Mögliche in Beschlag genommen und missbraucht. Darum hat der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti eines seiner bekanntesten Gedichte so begonnen:

die passion des wortes GOTT

das blutet aus allen wunden
das wird vergewaltigt noch und noch
das ist verraten zertrampelt zerschossen geköpft gerädert gevierteilt gezehnteilt [...]
(Kurt Marti: Der Vorsprung Leben, S.81)

Auch Paul Tillich will vermeiden, dass der Mensch sich das Wort „Gott" einverleibt. Darum bezeichnet er nicht das oberflächliche, sich selbst zum Maßstab erhebende Sein, sondern die Tiefe des Seins mit dem Wort „Gott" und legt diesem Wort weitere Bedeutungen bei:

Der Name dieser unendlichen Tiefe und dieses unerschöpflichen Grundes alles Seins ist Gott. Jene Tiefe ist es, die mit dem Wort Gott gemeint ist. Und wenn das Wort für euch nicht viel Bedeutung besitzt, so übersetzt es und sprecht von der Tiefe in eurem Leben, vom Ursprung eures Seins, von dem, was euch unbedingt angeht, von dem, was ihr ohne irgendeinen Vorbehalt ernst nehmt. Wenn ihr das tut, werdet ihr vielleicht einiges, was ihr über Gott gelernt habt, vergessen müssen, vielleicht sogar das Wort selbst. Denn wenn ihr erkannt habt, dass Gott Tiefe bedeutet, so wisst ihr viel von ihm. [...] Wer um die Tiefe weiß, der weiß auch um Gott.
(In der Tiefe ist Wahrheit, S. 64f, zitiert nach Zahrnt: Gespräch über Gott, S. 451)

In der Tat hängt der Glaube nicht von einem Wort ab. Aber es ist auch nicht damit getan, dieses Wort durch andere Wörter zu ersetzen. Öffnet man das Wort „Gott" für viele Bedeutungen, so droht es beliebig zu werden. Es gibt vieles, was der Mensch ohne Vorbehalt ernst nehmen kann. Es gibt vieles, was er in seinem Leben als Tiefe empfinden kann, als seinen Lebensgrund und -sinn. All das, was er dann ernst nimmt oder empfindet, muss aber keinesfalls Gott sein. Wieder scheint mir Tillich hier die Abgründigkeit der menschlichen Gottlosigkeit nicht ernst zu nehmen.

Das zeigt sich auch darin, wie Tillich sich Gottes Anrede an uns Menschen vorstellt und die Spiegelung dieser Anrede in unserer Erfahrungswelt.


6. Gottes Anrede an uns

Nach Tillich spricht Gott durch menschliche Worte zu uns. Dieses Sprechen Gottes, meint Tillich, begegnet uns aber nicht nur in den Texten der Bibel, sondern überall dort, wo ein menschlicher Geist vom Neuen Sein ergriffen wird. Die Bibel ist für Tillich zwar „das Dokument der zentralen Offenbarung", aber das „Wort Gottes" kann prinzipiell überall begegnen. Jedes Wort kann uns zur Anrede Gottes werden. Kriterium der Wahrheit bleibt aber auch für Tillich das biblische Wort.

Wenn man „Wort Gottes" nicht mit dem biblischen Wort gleichsetzt, sondern die lebendige Anrede Gottes im heiligen Geist damit meint, muss man in der Tat zwischen biblischem Wort Gottes und lebendigem Wort Gottes unterscheiden. Nicht die Wörter der Bibel sprechen uns an, sondern der lebendige Gott spricht durch die Wörter der Bibel zu uns. Der lebendige Gott kann aber auch durch andere Wörter oder durch Ereignisse zu uns sprechen. Man wird dies nicht bestreiten, wenn man sich klarmacht, dass „Gott dem Abraham aus Steinen Kinder zu erwecken vermag" (Mt 3,9; Lk 3,8). Tillich schreibt:

Alle menschlichen Worte sind grundsätzlich für die Möglichkeit offen, „Wort Gottes" zu werden. Das gilt auch für alle religiösen und kulturellen Dokumente, d.h. für die gesamte Literatur [...] – wenn es den menschlichen Geist so trifft, dass es in ihm die Frage nach dem, was ihn unbedingt angeht, erweckt. Selbst das gesprochene Wort einer alltäglichen Unterhaltung kann zum Mittler des göttlichen Geistes werden [...] Doch wiederum müssen wir ein Kriterium aufstellen gegen falsche Erhebungen menschlicher Worte zur Würde des „Wortes Gottes". Dieses Kriterium ist das biblische Wort. Es ist der höchste Prüfstein für das, was für jemanden „Wort Gottes" werden oder nicht werden kann. Nichts ist Wort Gottes, das dem Glauben und der Liebe widerspricht, die das Werk des Geistes sind und das Neue Sein konstituieren, das in Jesus als dem Christus Wirklichkeit geworden ist.
(Systematische Theologie Band III, S. 149f)

Das biblische Wort nimmt also für Tillich eine Sonderstellung ein: Es ist der Maßstab für alle christlichen Aussagen. Dennoch ist es für Tillich wichtig, dass religiöse Anrede durch Gott überall geschehen kann – in Kunst, Philosophie, Wissenschaft und darüber hinaus:

Wer unter dem Eindruck ravennatischer Mosaiken oder der Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle oder Rembrandtscher Alters-Porträts gefragt würde, ob er ein religiöses oder kulturelles Erlebnis habe, würde schwer eine Antwort geben können. [...] Es ist kulturell, denn es ist nicht gebunden an ein spezielles kultisches Handeln. Es ist religiös, denn es rührt an die Frage nach dem Unbedingten oder nach den Grenzen der menschlichen Existenz. Was von der Malerei gilt, gilt in gleicher Weise von Musik und Dichtung, es gilt von Philosophie und Wissenschaft. Und was von dem Anschauen und Erkennen der Welt gilt, das gilt ebenso von ihrer praktischen Gestaltung in Recht und Sitte, in Sittlichkeit und Erziehung, in Gemeinschaft und Staat. Wo immer im Denken und Handeln die menschliche Existenz selbst in Frage gestellt und damit transzendiert [überschritten] wird, wo immer unbedingter Sinn durch bedingte Sinngebung hindurchschwingt, da ist Kultur religiös.
(Auf der Grenze, zitiert nach Zahrnt: Gespräch über Gott, S. 130)

Hier vermischen sich Kultur und Religion, kulturelles und religiöses Erlebnis miteinander. Jede Empfindung von tiefer Infragestellung und von letztem Sinn sind nach Tillich religiöse Empfindungen, das heißt Anrede Gottes an uns. Wo immer dies geschieht, redet Gott. Dieses Verschwimmen von kultureller und christlicher Offenbarung kann ich nicht teilen. Gottes Anrede kann zwar überall geschehen, aber nicht jedes kulturelle Ereignis, das mich in der Tiefe meines Seins anspricht, ist schon Anrede Gottes. Ich habe kunstinteressierte Menschen kennengelernt, für die Kunst eine unbedingte, eine quasi religiöse Bedeutung hatte, die aber bestenfalls auf der Suche nach Gott waren, jedenfalls nicht von sich behaupteten, dass sie an Gott glaubten. Eher hatte ich das Gefühl, dass die Kunst für sie die Stelle des Glaubens eingenommen hat, als dass die Kunst sie für den Glauben geöffnet hätte.

Tillich kann das Wirken des Geistes Gottes geradezu uferlos ausdehnen:

Der konkrete Anlass für die Unterscheidung zwischen einem latenten [verborgenen] und einem manifesten [offenbaren] Stadium der Gottesgemeinschaft war meine Begegnung mit Gruppen außerhalb der organisierten Kirche, die in eindrucksvoller Weise zeigten, dass das Neue Sein, wie es zentral im Christus erschienen ist, in ihnen lebendig war, obgleich sie sich dessen nicht bewusst waren und es auch nicht akzeptiert hätten, wenn man es ihnen bewusst gemacht hätte. Bestimmte Gruppen sind hier zu nennen: die Jugendbewegung, pädagogische, künstlerische und politische Bewegungen und Einzelne ohne sichtbare Verbindung miteinander, in denen das Wirken des göttlichen Geistes fühlbar war. Sie gehörten zu keiner Kirche, ja sie standen ihr sogar oft gleichgültig oder ablehnend gegenüber, aber sie waren doch von der Geistgemeinschaft nicht ausgeschlossen.
(Systematische Theologie Band III, S. 180f)

Tillich behauptet hier, dass das Neue Sein, wie Jesus Christus es gelebt hat, in gesellschaftlichen Gruppen Wirklichkeit geworden ist, die sich selbst für in keiner Weise christlich hielten, ja dem Glauben sogar oft gleichgültig oder ablehnend gegenüberstanden. Er nennt als Beispiele einige Gruppen unterschiedlicher kultureller, politischer und künstlerischer Prägung sowie einzelne Menschen.

Ich will keinesfalls ausschließen, dass Gottes Geist überall wirken kann. Aber diese Wirksamkeit des Geistes in völlig glaubensfremden Gruppen und einzelnen Menschen zu behaupten, ist etwas anderes, als Gott die Möglichkeit dieses Wirkens einzuräumen. Die Folgen eines solchen Denkens sind bis heute greifbar, wenn zum Beispiel behauptet wird, Gottes Geist wirke in allen Religionen gleichermaßen. Ähnlich gelagert ist die Annahme, jeder als Säugling getaufte Mensch sei ein Christ. Hierin zeigt sich, dass es zur Beliebigkeit führt, wenn man einmal die Tür zu einem „Christentum ohne christliches Bekenntnis" geöffnet hat. Dann folgt fast unausweichlich die Konsequenz: Das Göttliche ist in allen Menschen.

Genau dies scheint Tillichs Meinung gewesen zu sein. So hat er ausdrücklich den Wert der Philosophie betont und sich gegen das Bekenntnis des französischen Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal (1623-1662) gewandt, der in seinem berühmten christlichen Erweckungserlebnis den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs streng von dem Gott der Philosophen und Gelehrten unterschied.

Der Geistliche einer fundamentalistischen Richtung, der zu mir sagte: „Warum brauchen wir die Philosophie, wenn wir doch alle Wahrheit in der Offenbarung besitzen?", bemerkte nicht, dass er durch eine lange Geschichte philosophischen Denkens bestimmt war, wenn er die Worte „Wahrheit" und „Offenbarung" gebrauchte, eine Geschichte, die diesen Worten den Sinn gab, in dem er sie gebrauchte. Wir können der Philosophie nicht entrinnen, weil die Wege, auf denen wir ihr entrinnen wollen, gebaut und gepflastert sind von der Philosophie selbst [...] Gegen Pascal sage ich: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Gott der Philosophen ist der gleiche Gott.
(Werke Band V, zitiert nach Zahrnt: Gespräch über Gott, S. 321)

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Theologie durch eine lange Geschichte der Philosophie mitbestimmt ist. Dem entgeht man jedoch nicht, indem man die philosophischen Begriffe sozusagen heiligt, sondern nur, indem man sie der Kritik unterzieht. Dass das nicht möglich sein soll, ist eine unhaltbare These. Und dass der Gott der Bibel und der Gott der Philosophen der gleiche Gott sein soll, ist das – meiner Meinung nach – katastrophale Ergebnis. Denn der Gott der Philosophen ist der Urgrund des Seins, die erste aller Ursachen, das Prinzip des Lebens oder Ähnliches – er hat mit dem in der Geschichte rettenden und segnenden und in Jesus Christus erschienenen Gott nichts zu tun.


7. Glaube ist Empfangen des vergebenden Gottes

Vor diesem Hintergrund erstaunt es, dass Tillich an anderer Stelle ganz anders vom Neuen Sein sprechen kann, das ja ein Sein im Glauben sein muss:

Der unverzerrte Begriff des Glaubens, das ist das erste, heißt nicht: an Unglaubliches glauben, sondern heißt: Ergriffensein von der göttlichen Wirklichkeit und wieder mit ihr vereint sein. Weder der Glaube noch irgendein Tun unsererseits, das ist das zweite, geht der Gnade voraus, sondern allem anderen voraus geht die Gnade, nämlich Gottes Gegenwart. [...] Glaube ist Empfangen des Gottes, der sich gibt, gegenwärtig macht, klein macht in Christus, Glaube ist Empfangen des Gottes, der Sünden vergibt. Glaube ist immer Empfangen oder Annehmen [...] Es ist nicht die Bereitwilligkeit, auf der Basis einer allgemeinen christlichen Tradition an bestimmte Gottesvorstellungen zu glauben. [...] Glaube ist eine dynamische Erschütterung der Seele, die empfängt, was unbedingt und letztlich ist, und die sich mit Gott und seinem Willen eint.
(Werke Band VII, zitiert nach Zahrnt: Gespräch über Gott, S. 241).

Noch einmal betont Tillich, dass der Glaube Gnade ist und ihm deshalb kein menschliches Tun vorausgeht. Glaube ist daher reines Empfangen Gottes, Empfangen der Gnade, Empfangen der Vergebung aller Sünden. Glaube vollzieht sich als „Erschütterung der Seele", die sich mit Gott und seinem Willen eint. Zum Neuen Sein gehört demnach immer das Empfangen der Vergebung sowie der Gnade und die Einung mit Gottes Willen.

Wie reimt sich das mit der oben beschriebenen Verallgemeinerung des Neuen Seins? Ich kann es mir nur so erklären, dass (wie bereits im 1. Teil dieses Artikels festgestellt) der Mensch nach Tillich all dies empfangen kann, ohne dass er es überhaupt als Empfangen von „Gnade", von „Vergebung der Sünden", von „Einung mit Gottes Willen" bezeichnen muss. Es kann sein, dass es dem Menschen überhaupt nicht bewusst wird, dass er hier etwas empfängt und von wem er etwas empfängt. Er lebt einfach aus seinem Innersten heraus einen menschenfreundlichen Lebensstil und trägt in sich das Gefühl, nicht auf seine Fehler festgelegt und reduziert zu sein. Er lebt sozusagen im Stand der Liebe und Vergebung, ohne um Gottes Willen, Sünde, Gnade und den gnädigen Gott überhaupt zu wissen. Diesem Gedanken Tillichs kann ich beim besten Willen nicht folgen.

Aber ich möchte noch einen anderen Gedanken Tillichs anführen, der eine tröstliche Aussage hat. Tillich meint, und darin kann ich ihm zustimmen, der Stand der Liebe und Vergebung könne dem Menschen zur Gewohnheit und Selbstverständlichkeit werden. An die Erfahrung der Tiefe des Seins tritt dann ein oberflächliches Leben. Der Mensch lässt sich nicht mehr erschüttern von dem Geschick des Mitmenschen und von seinem eigenen Lebensgrund. Das Leben plätschert in gewohnten Bahnen dahin. So aber erlebt der Mensch die Leere in sich selbst, denn Gott hat sich ihm entzogen. Dieser Zustand gehört zum Leben dazu und ist unvermeidlich; denn „das Leben im Geist ist Ebbe und Flut".

Gott ist uns immer zugleich unendlich nah und unendlich fern. Nur wenn wir ihn in beidem, in seiner Nähe und in seiner Ferne, erfahren, wissen wir wahrhaft um ihn. Zuweilen, wenn unser Bewusstsein von ihm oberflächlich und zur bloßen Gewohnheit geworden ist, weder warm noch kalt, wenn er uns zu selbstverständlich geworden ist, als dass er uns noch erschüttern kann, zu nah, als dass wir seinen unendlichen Abstand noch empfinden – dann wird er zum abwesenden Gott. Der göttliche Geist hat jedoch nicht aufgehört, gegenwärtig zu sein: Seine Gegenwärtigkeit hat kein Ende. [...] Aber der göttliche Geist, der uns immer gegenwärtig ist, kann sich verbergen, und das bedeutet, er kann Gott verbergen. Dann offenbart uns der göttliche Geist nichts als den abwesenden Gott und die Leere in uns, wo sein Platz ist. Unserer Zeit, unzähligen Menschen in ihr, hat der göttliche Geist den abwesenden Gott gezeigt und die Leere, die danach schreit, von ihm ausgefüllt zu werden. Vielleich wird der Abwesende wieder zurückkehren und den Platz einnehmen, der ihm gehört. Dann wird die Gegenwart des göttlichen Geistes unser Bewusstsein wieder erfüllen, uns zur Selbsterkenntnis führen, uns erschüttern und verwandeln. Das kann geschehen wie das Nahen eines Sturmes, durch den der göttliche Geist uns aus der Trägheit unseres Geistes aufrüttelt. [...] Das Leben im Geist ist Ebbe und Flut. Ob wir Gott als gegenwärtig oder als abwesend erfahren – immer ist es der göttliche Geist, der in uns wirkt.
(Das Ewige im Jetzt, zitiert nach Zahrnt: Gespräch über Gott, S. 462)


8. Die Wechselwirkung zwischen Frage und Antwort

Blicken wir zum Schluss noch einmal zurück auf das Anliegen Paul Tillichs. Er wollte den Menschen in seiner jeweiligen Situation mit dem Evangelium erreichen – mit der Botschaft, dass der Mensch bedingungslos bejaht ist. Um den Menschen zu erreichen, hat Tillich sich intensiv mit dessen Problemen und Fragen beschäftigt. Er wollte nicht am Menschen vorbeireden, wollte keine Fragen beantworten, die niemand gestellt hat. Deshalb hat er die Methode der „Korrelation" entwickelt: Frage und Antwort beeinflussen einander gegenseitig. Das heißt: Die Fragen der Menschen bestimmen die Antworten der Theologie mit und die Antworten der Theologie wiederum wirken sich korrigierend auf die Fragen der Menschen aus. So entsteht ein andauernder Dialog zwischen den Menschen und der christlichen Botschaft:

Die christliche Botschaft gibt die Antworten auf die in der menschlichen Existenz liegenden Fragen. Die Antworten liegen in dem die Grundlage des Christentum bildenden Offenbarungsgeschehen [...] Ihr Inhalt kann nicht aus den Fragen abgeleitet werden, das heißt aus einer Analyse der menschlichen Existenz. Sie werden in die menschliche Existenz „hineingesprochen" von jenseits der Existenz. [...] Es besteht eine gegenseitige Abhängigkeit von Frage und Antwort. Inhaltlich hängen die christlichen Antworten von dem Offenbarungsgeschehen ab, in dem sie sichtbar werden; formal hängen sie von der Struktur der Fragen ab, auf die sie Antwort sein sollen. Gott ist die Antwort auf die in der menschlichen Existenz beschlossene Frage.
(Systematische Theologie Band I, S. 78f)

Tillich lehnt es ausdrücklich ab, dass die menschlichen Fragen die christlichen Antworten inhaltlich mitbestimmen. Er will vermeiden, dass die Inhalte der christlichen Botschaft durch die Fragen der Menschen verfälscht werden. Genau dies ist ihm auch vorgeworfen worden. Und man kann tatsächlich bezweifeln, dass die Fragen die Antworten nur in ihrer Form (zum Beispiel in der Verwendung ihrer Begriffe) mitbestimmen und nicht auch in ihrem Inhalt. Andererseits aber sieht Tillich zu Recht die Gefahr, dass die christliche Verkündigung sich den Menschen nicht mehr verständlich machen kann, weil sie Worte benutzt, die niemand mehr versteht. Dass dies heute ein Problem darstellt, wird kaum jemand bestreiten. Worte wie „Sünde" und „Gnade" kommen im Alltag der Menschen gar nicht mehr vor oder nur noch als Karrikatur ihres ursprünglichen Sinnes. Darum ist es wichtig, dass die christliche Botschaft es den Menschen leicht macht, sie zu verstehen, ohne an ihrem Gehalt Abstriche zu machen.


9. Mein Fazit

Wir sind an das Ende unseres langen Weges durch die Theologie Paul Tillichs gekommen. Wir konnten nur einen Bruchteil seiner Gedanken aufgreifen. Ich hoffe, dass dennoch Stärken und Schwächen seines Denkens deutlich wurden und dass das eigene Nachdenken angeregt wurde.

Tillichs Stärke besteht sicherlich in seiner Nähe zu den Menschen. Er achtet auf die Fragen und Probleme der Menschen und pflegt eine unkirchliche Sprache. Er macht den reformatorischen Gedanken des bedingungslosen Geliebtseins des Menschen groß. Er bezieht den Zweifel in seine Überlegungen ein und nimmt auf diese Weise dem Menschen die Angst, als zweifelnder Mensch nicht mehr von Gott bejaht zu sein.

Doch es haben sich auch Schwächen in Tillichs Denken gezeigt. Das Ernstnehmen des Menschen kann dahin führen, dass Gottes Infragestellung des Menschen nicht mehr in ihrer ganzen Schärfe zum Ausdruck gebracht wird. Die Abgründigkeit menschlicher Trennung von Gott und seine Verfallenheit an das Böse erscheinen verharmlost. Nicht jedes in die Tiefe gehende Wort, nicht jedes tiefe Empfinden des Seins ist bereits Wort oder Anrede Gottes. So kann wohl auch die Größe der Gnade Gottes und die Größe der Befreiung des Menschen aus den zerstörerischen Strukturen der Welt nicht in angemessener Weise von Tillich ausgedrückt werden. Die Vermischung von kultureller, gesellschaftlicher, philosopischer oder sonstiger Erfahrung mit der christlichen Erfahrung wird dem Reden Gottes wohl kaum gerecht. Denn Gott kann sich in der Welt offenbaren, aber die Welt ist nicht in ihren Tiefendimensionen immer schon Offenbarung Gottes.

Das ist mein Fazit der Auseinandersetzung mit Paul Tillich. Wer ein anderes Fazit zieht, kann dies gern in der Kommentarspalte kundtun.


Quellenangaben:
  • Kurt Marti: Der Vorsprung Leben. Ausgewählte Gedichte 1959-1987 (Sammlung Luchterhand 842). Luchterhand Literaturverlag, Frankfurt am Main 1989.
  • Paul Tillich: Systematische Theologie. Walter de Gruyter & Co., Berlin. Band I/II: 8. Aufl. 1987. Band III: 4. Aufl. 1987.
  • Heinz Zahrnt (Hg.): Gespräch über Gott. Die protestantische Theologie im 20. Jahrhundert. Ein Textbuch. R. Piper & Co. Verlag, München 1968.


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