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Von Verzweiflung zum Bejahtsein - Zur Theologie Paul Tillichs (Teil 1)

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Veröffentlicht von in Theologie zum Weiterdenken · 12 Mai 2021
Tags: ZweifelSündeGnadeLiebeVergebung

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Von Verzweiflung zum Bejahtsein – Zur Theologie Paul Tillichs (Teil 1)
Klaus Straßburg | 12/05/2021

In der westlichen Welt, in der viele Menschen über ihr Leben wie nie zuvor bestimmen können, nehmen die psychischen Krisen zu. Das Erleben von Sinnlosigkeit und Verzweiflung, die Erfahrung, dass etwas fehlt, was dem Leben Grund und Halt gibt, hat nicht wenige Menschen ergriffen. Theologie und Kirche haben diesen Erfahrungen offenbar nicht viel entgegenzusetzen. Der Theologe Paul Tillich hat jedoch schon vor einem dreiviertel Jahrhundert mit seiner Theologie an diese Erfahrungen angeknüpft.

Paul Tillich gehört zu den bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Er wurde am 20.8.1886 in einem schlesischen Pfarrhaus nahe Guben geboren und studierte Theologie und Philosophie in Berlin, Tübingen und Halle. Im ersten Weltkrieg war er Militärpfarrer, danach Professor in Marburg, Dresden und Frankfurt. Weil er von den Nationalsozialisten mit einem Lehrverbot belegt wurde, emigrierte er 1933 in die USA und lehrte dort in New York, Harvard und Chicago, wo er am 22.10.1965 starb.

Ich werde im Folgenden viele Texte von Tillich zitieren, weil sie recht eingängig sind. So können wir sein Denken am besten kennenlernen. Alle Zitate habe ich in die neue Rechtschreibung umgesetzt. Wegen der Länge habe ich diesen Artikel in zwei Teile aufgeteilt. Der zweite Teil wird voraussichtlich in einigen Tagen auf diesen ersten Teil folgen.


1. Die Verzweiflung des Menschen

Paul Tillich will den Menschen mit seinen Gedanken und Gefühlen ernst nehmen. Sein Denken setzt daher so ein, dass er die Situation des Menschen zu seiner Zeit untersucht. Es war die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, die Zeit der Naziherrschaft, des heißen und kalten Krieges, die Zeit der Existenzphilosophie, der Psychologie Sigmund Freuds und der abstrakten Malerei.

Tillichs Denken ist stark von der Existenzphilosophie geprägt, die von dem ausging, was der Mensch als individuelles, in Zeit und Geschichte existierendes Wesen ist. Dabei geht es nicht um irgendwelche Eigenschaften des Menschen, sondern um das, was er in seiner Tiefe ist, im Erleben von Grenzsituationen, in der er ein äußerstes In-Frage-gestellt-sein erlebt.

Aber lassen wir Tillich selbst zu Wort kommen. Er beschreibt die Situation des Menschen in seiner Zeit so:

Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt, der heutige Mensch erfahre seine Situation als Zerrissenheit und Zwiespalt, Selbstzerstörung, Sinnlosigkeit und Verzweiflung in allen Lebensbereichen. Diese Erfahrung kommt in der bildenden Kunst und in der Literatur zum Ausdruck; in der Existenzphilosophie wird sie begrifflich erfasst; in politischen Spaltungen aller Art wird sie aktuell, und in der Psychologie des Unbewussten wird sie analysiert. Sie hat der Theologie ein neues Verständnis der dämonisch-tragischen Strukturen des individuellen und sozialen Lebens vermittelt. Die Frage, die aus dieser Erfahrung sich erhebt, [...] ist die Frage nach einer Wirklichkeit, in der die Selbstentfremdung unserer Existenz überwunden wird, nach einer Wirklichkeit der Versöhnung und Wiedervereinigung, nach schöpferischer Kraft, Sinnhaftigkeit und Hoffnung. Eine solche Wirklichkeit wollen wir das „Neue Sein" nennen.
(Systematische Theologie Band I, S. 61)

Es sei einmal dahingestellt, ob diese Zeitanalyse auch heute noch in allen Bereichen stimmt. Dass die Erfahrungen von Sinnlosigkeit und Verzweiflung auch heute weit verbreitet sind, wurde schon erwähnt. Die Existenzphilosophie jedenfalls erlebte das Menschsein so, dass der Mensch in eine Welt geworfen ist, die er als Ganzes nicht verstehen kann – so wenig, wie er auch sich selbst, sein menschliches Sein verstehen kann. In Grenzsituationen wie Tod, Leiden, Kampf und Schuld kann es geschehen, dass der Mensch sich selbst am nähesten kommt – dass er erlebt, was es heißt, Mensch in dieser Welt zu sein. Im Scheitern, das der Mensch bewusst erlebt, kommt der Mensch zu sich selbst.

Der französische Autor und Philosoph Albert Camus hat dieses Lebensgefühl so auf den Punkt gebracht: Alles ist absurd und sinnlos, das Leben und die Welt sind unverständlich und rational nicht zu durchdringen. Die Aufgabe des Menschen ist es, sich dieser unabänderlichen Situation zu stellen und das Leben zu bestehen.

Nicht nur die Philosophen haben die Welt so erlebt. Auch die Malerei suchte sich Wege, die Undurchschaubarkeit der Welt auszudrücken. So werden Dinge und Menschen nicht mehr abgebildet, wie sie sind, sondern in ihre Bestandteile zerlegt, von verschiedenen Seiten gleichzeitig gezeigt und auf Bruchstücke reduziert. Die Aussage war: Die Welt ist nicht so, wie sie erscheint. Sie entzieht sich uns. Pablo Picassos Gemälde sind die bekanntesten dieser Art.

Auch in der Musik schlug sich dieses Lebensgefühl nieder. Harmonien wurden aufgelöst, neue ungewohnte Tonfolgen erfunden. Bis in die Popmusik drang diese dunkle Sicht des Lebens. Noch 1971 besang die amerikanische Rockband The Doors in ihrem Stück Riders on the Storm dieses Lebensgefühl so:

Riders on the storm                             Reiter auf dem Sturm
Riders on the storm                             Reiter auf dem Sturm
Into this house we're born                    In dieses Haus sind wir hineingeboren
Into this world we're thrown                 In diese Welt sind wir geworfen
Like a dog without a bone                    Wie ein Hund ohne Knochen
An actor out on loan                            Ein ausgeliehener Schauspieler
Riders on the storm                             Reiter auf dem Sturm

Auch dieser Text beschreibt einen dunklen Schatten, der über dem Leben liegt. Wenngleich dieser Schatten heute hinter einer bunten Glitzerwelt und unzähligen Zerstreuungsmöglichkeiten verborgen wird, denke ich, dass die von Tillich beschriebene Erfahrung von Zerrissenheit, Sinnlosigkeit, Verzweiflung und Selbstzerstörung auch heute noch viele, vielleicht insgeheim alle Menschen umtreibt.

Tillich selbst machte als junger Mensch die Erfahrung, dass es im Leben nicht darum geht, irgendwelche Fähigkeiten zu entwickeln, sondern darum, bedingungslos geliebt zu sein. Er zweifelte an den traditionellen theologischen Lehren, und es drängte sich ihm die Frage auf, wie der christliche Glaube in einer entchristlichten Welt bezeugt werden kann. So kann er sehr lebensnah von der Mühsal und Vergänglichkeit des menschlichen Lebens schreiben:

Der Mensch muss sich mühen und quälen, weil er das Wesen ist, das etwas weiß von seiner Endlichkeit, seiner Vergänglichkeit, seiner Gefährdetheit und dem tragischen Charakter seiner Existenz. Furcht und Angst sind das Erbteil aller Menschen, wie der Apostel Paulus erkannte, als er auf die Juden und Heiden sah. Ruhelosigkeit treibt den Menschen durch sein ganzes Leben, nach Augustins berühmten Wort, und ein verstecktes Element der Verzweiflung ist in eines jeden Seele – so bezeugte es Kierkegaard aus eigener Erfahrung. [...] Zerrissenheit und Gespaltenheit ist in eines jeden Menschen Seele. Wir wissen, dass wir mehr sind als Staub, und wir wissen, dass wir bald wieder Staub sein werden. [...] Wir fühlen sehr gut, ein wie kleiner Teil der Welt wir sind und dass wir doch das Ganze sein wollen und uns zum Mittelpunkt der Welt machen.
(In der Tiefe ist Wahrheit, zitiert nach Zahrnt: Gespräch über Gott, S. 181)


2. Der zweifelnde Mensch

Auch der religiöse Zweifel ist nach Tillich ein Zug der Zeit. Er muss aber nach Tillich nicht von Gott trennen:

Die Situation des Zweifelns, selbst des Zweifelns an Gott, braucht uns nicht von Gott zu trennen. In jedem tiefen Zweifel liegt ein Glaube, nämlich der Glaube an die Wahrheit als solche, sogar dann, wenn die einzige Wahrheit, die wir ausdrücken können, unser Mangel an Wahrheit ist. Aber wird dies in seiner Tiefe und als etwas, das uns unbedingt angeht, erlebt, dann ist das Göttliche gegenwärtig; und der, der in solch einer Haltung zweifelt, wird in seinem Denken „gerechtfertigt". So ergriff mich das Paradox, dass der, der Gott ernstlich leugnet, ihn bejaht. [...] Weder Werke der Frömmigkeit noch Werke der Moral noch Werke des Intellekts stellen die Einheit mit Gott her [...] Ebenso wie man als Sünder gerechtfertigt ist, steht man im Zweifeln in der Wahrheit. Und kommt all dies zusammen und verzweifelt man am Sinn des Lebens, dann ist gerade der Ernst dieses Zweifelns der Ausdruck des Sinnes, in dem man immer noch lebt. Dieser unbedingte Ernst ist der Ausdruck der Gegenwart des Göttlichen im Erlebnis des völlig von ihm Getrenntseins [...] Die Religion ist wie Gott allgegenwärtig, ihre Gegenwart kann wie die Gottes vergessen, vernachlässigt, geleugnet werden. Aber sie ist immer wirksam, verleiht dem Leben unausschöpfliche Tiefe und jedem kulturellen Schaffen unausschöpflichen Sinn.
(Werke Band VII, zitiert nach Zahrnt: Gespräch über Gott, S. 432f)

Dieser Abschnitt enthält einige für Tillichs Theologie wichtige Gedanken und Begriffe, die erklärt werden müssen. Tillich sieht den Menschen, der unter einem ernsten Glaubenszweifel leidet. Der Zweifelnde lässt dennoch Gott nicht einfach los, sondern klammert sich daran, dass es eine Wahrheit über die Welt und den Menschen gibt. Auch wenn er für sich selbst nur den Mangel an Wahrheit sieht, glaubt er doch an diese Wahrheit. In diesem Festhalten daran, dass es eine Wahrheit gibt, sieht Tillich das Göttliche gegenwärtig und den Menschen vor Gott gerechtfertigt.

Es geht hier nicht um ein banales und mit dem Zweifel kokettierendes Zweifeln an Gott. Es geht um das ernsthafte, am Zweifel verzweifelnde Zweifeln. Wer trotz seiner Zweifel an Gott festhält, bejaht Gott, sagt Tillich. Und wie Gott den Sünder annimmt und bejaht, so auch den Zweifler. So wird gerade der ernsthafte Zweifel, in dem man keinen Lebenssinn mehr sieht, zum Lebenssinn. Denn wenn auch der Zweifel von Gott trennt, so ist doch Gott dem Zweifelnden gegenwärtig. Der Ernst des Zweifelns verleiht also dem Leben Tiefe und Sinn.

Diese Gedanken mögen für uns ungewöhnlich sein. Es lohnt aber, sie nicht gleich abzulehnen, sondern sie einmal in sich zu bewegen.

Wie Tillich andeutet, kann der Mensch die Trennung von Gott weder durch Frömmigkeit noch durch gute Taten noch durch intellektuelles Durchdringen aufheben. Das „Neue Sein", wie Tillich das Leben als Christ nennt, besteht in dem Glauben, dass in der menschlichen Verzweiflung Gott dem Menschen nahe ist:

Die Frage: Was kann ich tun, um meinen radikalen Zweifel und das Gefühl der Sinnlosigkeit zu überwinden? kann nicht beantwortet werden, weil jede Antwort den Schein erweckt, als ob doch etwas getan werden könnte. Aber darin liegt gerade die Paradoxie des Neuen Seins, dass der Mensch eben in der Situation, in der er die Frage stellt, nichts tun kann. Man kann nur sagen [...], dass die Ernsthaftigkeit der Verzweiflung, aus der heraus die Frage gestellt wird, selbst die Antwort ist. [...] Wir können darum von der Rechtfertigung – nicht des Sünders –, sondern des Zweiflers reden. [...] In dieser Weise kann man zu den Menschen unserer Zeit sprechen und ihnen [...] sagen, dass sie im Zweifel von der Wahrheit und im Erlebnis der Sinnlosigkeit vom letzten Sinn ergriffen sind. Im Ernst der existentiellen Verzweiflung ist Gott ihnen gegenwärtig. Der Mut, dieses anzunehmen, ist ihr Glaube.
(Systematische Theologie Band III, S. 262f)

Mir ist in diesem Zusammenhang wichtig zu sagen, dass der Zweifler zwar durch Gott gerechtfertigt wird, nicht aber sein Zweifel – so wie auch der Sünder gerechtfertigt wird, nicht aber seine Sünde. Bei allem Verständnis für die Zuwendung zum zweifelnden Menschen fehlt mir bei Tillich die Perspektive darauf, dass Zweifel an sich nichts Positives sind, sondern überwunden werden sollen – nicht durch den Menschen, sondern durch Gott, der durch seinen Geist im Menschen wirkt. Der neue Mensch, die neue Schöpfung, das Neue Sein, wie Tillich es nennt, ist kein von Gott getrenntes Sein, kein an Gottes Liebe zweifelnder Mensch, sondern ein mit Gott geeinter, auf seine Liebe vertrauender Mensch. Insofern ist nicht schon ein vom Zweifel durchsetzter Glaube das Ziel, sondern eine Geborgenheit, die im Vertrauen zu Gott gründet.

Doch wie versteht Paul Tillich das Neue Sein?


3. Das Neue Sein in Jesus Christus

Tillich beschreibt die Situation des Menschen auch als „Entfremdung". Der Begriff „Entfremdung" beschreibt die Fremdheit des Menschen zwischen sich selbst und dem, wozu er gehört. Diese Fremdheit zeigt sich als Zerrissenheit des Menschen. Das Band zwischen dem Menschen und Gott, zu dem er gehört, ist zerrissen. Dieser Riss geht auch durch den Menschen selbst: Er erkennt sich nicht als den, der er in Gottes Augen ist, und lebt nicht als der, der er nach Gottes Willen sein soll. In derselben Weise ist ein Mensch dem Mitmenschen, eine Nation der anderen und der Mensch der Natur entfremdet.

Diese Entfremdung ist nach Tillich das Schicksal des Menschen, aber sie ist auch seine persönliche Schuld. Darum ist Entfremdung Sünde und Unglaube. Im Unglauben wendet sich der Mensch von Gott und von einem göttlichen Lebenswandel ab. In Jesus Christus aber gab es diese Entfremdung nicht:

Im biblischen Bild Jesu als des Christus finden wir trotz aller Spannungen keine Entfremdung zwischen ihm und Gott und daher auch nicht zwischen ihm und sich selbst und zwischen ihm und der Welt. [...] Wir finden keine Züge des Unglaubens, das heißt der Wegwendung seines persönlichen Zentrums vom göttlichen Zentrum. Selbst in der extremen Situation der Verzweiflung über sein messianisches Werk schreit er zu seinem Gott, der ihn verlassen hat. Ebenso zeigt das biblische Bild keinen Zug von hybris [Überheblichkeit] oder Selbst-Erhöhung, obwohl sich Jesus seiner messianischen Berufung bewusst ist.
(Systematische Theologie Band II, S. 137)

Das Neue Sein ist im Christus offenbar, denn seine Einheit mit Gott ist niemals durch Trennung zerstört worden, auch nicht seine Einheit mit der Menschheit und seine Einheit mit sich selbst. [...] In ihm begegnet uns ein Menschenleben, das die Einheit nicht verlor trotz allem, was es in die Trennung hätte treiben können. Er stellt dar und vermittelt die Macht des Neuen Seins, weil er die Macht einer unzerstörten Einheit darstellt und vermittelt. [...] Das Christentum verkündigt nicht das Christentum, sondern eine Neue Wirklichkeit.
(Religiöse Reden Band II; zitiert nach Zahrnt: Gespräch über Gott, S. 94)

Tillich stellt fest: Jesus lebte in einzigartiger Einheit mit Gott, mit den anderen Menschen und mit sich selbst. In dieser unzerstörten Einheit lebte er in vollkommener Weise das „Neue Sein". Darum ist er das Urbild des neuen Menschen. Im diesem Neuen Sein geht es um eine neue Lebenswirklichkeit, nicht aber um eine christliche Lehre. Dieser Punkt wird uns unten noch beschäftigen.


4. Das Neue Sein des Menschen

In einem eindringlichen Text beschreibt Tillich das Neue Sein, in dem die Entfremdung überwunden ist. Entscheidend dafür ist das Bewusstsein, bejaht zu sein:

Dennoch bejaht, bejaht durch das, was größer ist als Du, und dessen Namen du nicht kennst. Frage jetzt nicht nach dem Namen, vielleicht wirst Du ihn später finden. Versuche jetzt nicht, etwas zu tun, vielleicht wirst du später viel tun. Trachte nach nichts, versuche nichts, beabsichtige nichts. Nimm nur dies an, dass Du bejaht bist. Wenn uns das geschieht, dann erfahren wir Gnade. Nach einer solchen Erfahrung werden wir nicht besser sein als zuvor und keinen größeren Glauben haben als zuvor. Aber alles ist verwandelt. In diesem Augenblick überwindet die Gnade die Sünde, und die Versöhnung überbrückt den Abgrund der Entfremdung. Diese Erfahrung fordert nichts; sie bedarf keiner Voraussetzung, weder einer religiösen noch einer moralischen, noch einer intellektuellen; sie bedarf nichts als nur das Annehmen. [...] Das sind die Augenblicke, in denen wir unser Leben lieben und uns selbst bejahen, nicht um deswillen, was wir sind, sondern um der Gewissheit willen, dass unser Leben einen ewigen Sinn hat. Wir können uns nicht zwingen, uns selbst zu bejahen. [...] Aber manchmal geschieht es, dass wir die Kraft empfangen, „Ja" zu uns zu sagen, dass Friede in uns einkehrt und uns heilt, dass Selbsthass und Selbstverachtung aufhören und dass unser Selbst mit sich selbst wiedervereinigt wird. Dann können wir sagen, dass die Gnade über uns gekommen ist.
(Religiöse Reden Band I; zitiert nach Zahrnt: Gespräch über Gott, S. 92f)

Tillich knüpft mit diesen Sätzen an die reformatorische Einsicht an, dass der Mensch, wer immer er sei und was immer er tue, von Gott bejaht ist. Er muss dafür nichts tun, er muss keine religiösen Lehren akzeptieren, er muss diese Bejahung nur für sich gelten lassen. Diese Erfahrung des Bejahtseins ist die Gnade Gottes, in welcher die Entfremdung überwunden ist – auch dann, wenn sich im Leben äußerlich zunächst nichts ändert. Diese eindringliche Beschreibung des Bejahtseins durch Gott ist durchaus positiv zu bewerten.

Dennoch bleiben Fragen. Denn es fällt auf, dass bei Tillich die Erfahrung des Bejahtseins kein Handeln Gottes voraussetzt. Gott spricht kein ausdrückliches „Ja" zum Menschen, sondern die Gnade kommt einfach wie eine unbekannte Macht über ihn. Doch woher weiß der Mensch dann überhaupt, dass er bejaht ist und von wem er bejaht ist? Er muss es nach Tillich gar nicht wissen. Denn er ist bejaht durch etwas, das größer ist als er selbst, dessen Name ihm unbekannt ist und nach dessen Namen er auch gar nicht fragen soll. Es reicht (jedenfalls diesem Text zufolge) aus, sich bejaht zu fühlen, ohne zu wissen, wer oder was eigentlich das Bejahende ist. So verändert die Erfahrung, bejaht zu sein, auch nichts am Glauben und Leben des Menschen, obwohl doch nach Tillich alles für ihn verwandelt und die Sünde überwunden ist.

Ich frage mich, ob hier nicht zu viel Rücksicht auf den der biblischen Botschaft entfremdeten Menschen genommen wird, der mit dem Wort „Gott" nichts mehr anfangen kann. Es kann sicher hilfreich sein, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen und den Menschen mit einer Botschaft von „Gott" gleichsam zu erschlagen, bevor er überhaupt die Chance hatte, sich auf diesen Gott einzulassen. Das andere Extrem ist jedoch, Gott gänzlich zu verschweigen und nur noch von einer anonymen Gnade zu sprechen, nach dessen Herkunft der Mensch auch gar nicht mehr fragen soll. Denn dann bleibt Bejahtsein ein Gefühl unbekannter Herkunft, das für den Menschen gar nichts mehr mit Gott zu tun haben muss.

Doch nicht jedes Gefühl des Bejahtseins kommt von Gott. Auch der Sünder, der sich in der Regel seines Sünderseins gar nicht bewusst ist, kann sich durchaus für bejaht halten; er kann sich ganz mit sich selbst und der Welt im Reinen fühlen. Dieses Gefühl des Bejahtseins ist aber etwas anderes als das Bejahtsein durch Gott. Darum ist es wichtig, zu wissen und beim Namen nennen zu können, von wem man bejaht ist.

Dem Ansatz Tillichs entspricht auch dessen Relativierung kirchlicher Lehre. Tillich stellt fest, nicht die Lehre befreie, sondern das Leben in der Wirklichkeit des Neuen Seins:

Wenn Jesus sagt: „Ich bin die Wahrheit", so verkündigt er damit, dass in ihm die wahre, unverfälschte, unbedingte Wirklichkeit gegenwärtig ist, oder mit anderen Worten, dass in ihm Gott gegenwärtig ist, unverhüllt, ohne Entstellung, in seiner unendlichen Tiefe, in seinem unnahbaren Geheimnis. [...] Die Wahrheit, die uns frei macht, ist weder Jesu Lehre noch die Lehre über Jesus. [...] Die Kirche vergaß sehr früh, dass der Christus die Wahrheit ist, und forderte die Anerkennung, dass ihre Lehren über ihn die Wahrheit seien. Aber diese Lehren, so gut und notwendig sie auch immer waren, erwiesen sich nicht als die Wahrheit, die frei macht. Nur zu bald wurden sie zu Werkzeugen der Unterdrückung, der Versklavung unter Autoritäten. Sie wurden Werkzeuge für die Verhinderung einer aufrichtigen Wahrheitssuche, wurden Waffen zur Spaltung der Menschenseelen zwischen Treue gegen die Kirche und Ehrlichkeit gegenüber der Wahrheit."
(Religiöse Reden Band II, zitiert nach Zahrnt: Gespräch über Gott, S. 63f)

Auch hier mischen sich meiner Meinung nach richtige Aussagen mit falschen. Richtig ist, dass kirchliche Lehren nicht mit der Wahrheit identisch sind und deshalb auch allein als menschliche Lehren keine Befreiung des Menschen bewirken. Richtig ist auch, dass kirchliche Lehren viel zu oft zum Zweck der Unterdrückung statt der Befreiung missbraucht wurden. Keine Lehre befreit, sondern Gott, der den Menschen bejaht.

Aber dieses „Ja" Gottes zum Menschen muss weitergesagt, es muss in menschliche Worte gefasstwerden. Es muss erklärt werden, was es heißt, dass Gott den Menschen, der von Gott entfremdet ist, bejaht. Es muss auch erklärt werden, wie es sein konnte, dass Jesus als einziger Mensch in vollkommener Weise das Neue Sein lebte, und was sein Tod am Kreuz mit Gottes „Ja" zu uns zu tun hat. Den christlichen Glauben zu erklären ist aber nur in Form von rationalen Sätzen möglich. Und je genauer ein Sachverhalt erklärt wird, desto stärker wird daraus eine Lehre. Darum drückt sich der christliche Glaube, wenn er intensiv durchdacht ist, in Form von Lehren aus.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Auch andere Wissenschaften entwickeln Lehren. Christliche Lehren sind ein Versuch, Gott, Jesus Christus und Gottes Geist sowie alles, was damit zusammenhängt, zu verstehen. Der glaubende Mensch muss nicht alle möglichen Lehren für wahr halten. Er muss tatsächlich nur darauf vertrauen, dass er von Gott bejaht ist. Aber schon in diesem Vertrauen steckt die Lehre, dass Gott ein den Menschen bejahender Gott ist. Und jede Frage, die sich dem glaubenden Menschen in seinem Glauben stellt, ruft nach einer inhaltlichen Antwort, also einer Lehre. Der Glaube kommt also gar nicht aus ohne Worte, ohne durchdachte Lehren, wenn er nicht wirres Zeug reden oder dem Irrtum verfallen will. Durch menschliche Worte und Lehren bringt Gott sein „Ja" zu den Menschen und wirkt Befreiung.

Das Fürwahrhalten von Lehren ist im christlichen Glauben nicht das Wichtigste, sondern das Vertrauen; aber es gibt kein Vertrauen ohne ein Minimum von Lehren, die man für wahr hält.

Auch Paul Tillichs Theologie kann man als theologische Lehre bezeichnen. Sie unterscheidet sich aber von den meisten theologischen Lehren dadurch, dass sie eine andere Sprache verwendet. Es ist nicht die traditionelle Kirchensprache mit den herkömmlichen religiösen Begriffen. Um nicht an den Menschen vorbeizureden, die der Kirche und dem Glauben entfremdet sind, benutzt Tillich eher philosophische Begriffe. Und er will vermeiden, dass Theologie und Kirche Fragen beantworten, die heute niemand mehr stellt. Deshalb plädiert er für eine enge Beziehung zwischen menschlichen Fragen und theologischen Antworten. Darum vor allem wird es im zweiten Teil dieses Artikels gehen.


Quellenangaben:
  • Paul Tillich: Systematische Theologie. Walter de Gruyter & Co., Berlin. Band I/II: 8. Aufl. 1987. Band III: 4. Aufl. 1987.
  • Heinz Zahrnt (Hg.): Gespräch über Gott. Die protestantische Theologie im 20. Jahrhundert. Ein Textbuch. R. Piper & Co. Verlag, München 1968.


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6 Kommentare
2021-05-15 07:31:05
Hallo Klaus,

danke für diesen guten und intensiven Beitrag über Tillich und seine Theologie. Ich habe vor langer Zeit einmal etwas von ihm gelesen, aber das Meiste davon wieder vergessen.

Ich freue mich schon auf den zweiten Teil.

Viele Grüße und ein schönes Wochenende

Thomas
2021-05-15 12:41:11
Hallo Thomas,

freut mich, dass der Beitrag dir zusagt. Deine Meinung zu Tillichs Theologie würde mich interessieren.

Viele Grüße
Klaus
2021-05-17 12:01:32
Hallo Klaus,

Tillichs existenzphilosophisch geprägter Ansatz, wie du ihn beschreibst, spricht mich an. Ich kann damit viel anfangen. Vor -zig Jahren habe ich mal etwas über ihn und seine Theologie gelesen und es ging mir damals auch so. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass ich in der kirchlichen Praxis, wie ich sie erlebe, so gut nichts davon wiederfinde und dass Tillich in Deutschland theologisch keine große Rolle mehr spielt.

Auch scheint mir die Verbindung zwischen solchem philosophisch-psychologischen Denken und dem Christentum eher lose und im Grunde für andere Weltreligionen in ähnlicher Art und Weise konstruierbar zu sein. Und ich könnte überhaupt nicht sagen, wie Tillich zu der für mich wichtigen Frage steht, inwieweit das biblisch Berichtete, insbesondere die Wunder, historisch wahr sind und naturwissenschaftlich wahr sein können.

Viele Grüße

Thomas
2021-05-18 11:39:14
Hallo Thomas,

hier einige Sätze Tillichs zum Thema "Wunder", die dich erfreuen werden:

"Wunder können nicht als eine übernatürliche Durchbrechung der Naturprozesse gedeutet werden. Wenn eine solche Deutung richtig wäre, dann würde die Manifestation des Seinsgrundes die Struktur des Seins zerstören; Gott wäre in sich selbst zerspalten, wie es ja auch vom religiösen Dualismus behauptet wird. [...] Ein echtes Wunder ist zunächst ein Ereignis, das staunenerregend, ungewöhnlich, erschütternd ist, ohne der rationalen Struktur der Wirklichkeit zu widersprechen. Zweitens ist es ein auf das Seinsgeheimnis hinweisendes Ereignis, durch das eine Beziehung des Menschen zum Seinsgrund offenbar wird. Drittens ist es ein zeichengebendes Ereignis, das in Ekstase erfahren wird. [...] Was nicht erschüttert und nur Staunen erregt, hat keine Offenbarungsmacht. Was erschüttert, ohne auf das Seinsgeheimnis hinzuweisen, ist nicht Wunder, sondern Zauberei. Was nicht in Ekstase empfangen wird, ist der Bericht über ein geglaubtes Wunder, aber nicht selbst ein Wunder."
(aus: Systematische Theologie Band I, S. 141)

Ich teile diese Sicht nicht. Erstens leuchtet es mir nicht ein, warum eine "übernatürliche Durchbrechung der Naturprozesse" die Struktur des Seins zerstören würde. Die Struktur des Seins ist doch kein ein für allemal festgelegter Zusammenhang, sondern ein offener Prozess, der sich sozusagen ständig selbst durchbricht. Außerdem ist die Struktur des Seins von Gott zu unterscheiden, so dass eine "Durchbrechung der Naturzusammenhänge" nicht mit einer Spaltung Gottes gleichzusetzen ist. Wenn die Naturzusammenhänge von Gott geschaffen sind, kann es doch diesen Zusammenhängen nicht widersprechen, von Gott in Frage gestellt ("durchbrochen") zu werden. Zu diesen Zusammenhängen gehört es doch von Beginn an, gottgemäß zu sein, d.h. seinem Wort zu gehorchen ("Es werde ...", Gen 1). Sollte das "Es werde ..." heute nicht mehr gelten, nur weil wir es nicht hören können?

Der zweite Einwand ist ein physikalischer. Von einer "rationalen Struktur der Wirklichkeit" zu sprechen, scheint mir unangebracht. Wir wissen heute, dass etwa 5 Prozent des Universums physikalisch erforscht sind, die übrigen 95 Prozent sind dunkle Materie und dunkle Energie, über die wir nichts wissen. Im Bereich der Quantenphysik hat sich gezeigt, dass das Beobachtete immer vom Beobachter abhängt und der Zusammenhang von Ursache und Wirkung verschwimmt. Aus alldem folgt, dass die Realität nicht objektiv fassbar ist, sondern nur annäherungsweise. Die Natur hat Wahrscheinlichkeitscharakter, und die Vorstellung einer "objektiven Wirklichkeit als Naturprinzip" ist schlichtweg falsch (so Hans-Peter Dürr). Es gibt also keinen geschlossenen Kausalzusammenhang, sondern einen Rahmen natürlicher Wechselwirkungen, der aber auch durch Kontingenz ("Sprünge") gekennzeichnet ist. Insofern passiert immer Unerwartetes und Unerklärliches, und die Struktur der Wirklichkeit ist weder rational nachvollziehbar noch irrational, sondern offen für Neues.

Und wenn schon offen für Neues, dann auch offen für Gott, der ja sonst ein Gefangener seiner von ihm selbst geschaffenen Struktur wäre. Aber das ist schon wieder ein theologisches Argument.

Um nicht missverstanden zu werden: Ein Wunder ist auch für mich nicht zwingend etwas Übernatürliches. Meine Meinung ist nur, dass das Übernatürliche nicht ausgeschlossen werden kann. Wie kämen wir dazu, Gottes Wirken einzuschränken?? Und noch dazu deshalb, weil wir es nicht rational nachvollziehen können! Unterliegt Gottes Wirken unserer ratio? Das wäre doch wohl eine Überhöhung menschlicher Fähigkeiten. Reduzieren wir Gottes Möglichkeiten auf das von uns Nachvollziehbare, dann hätte er auch nicht Mensch werden können, und es gäbe keine Auferstehung. Denn die hat ja auch irgendwie mit Materie zu tun, will man nicht die "Seele" als etwas Immaterielles verstehen.

Ich kann ja verstehen, dass es schwerfällt anzuerkennen, dass die Möglichkeiten der ratio begrenzt sind. Aber man sollte doch versuchen, sie realistisch einzuschätzen. Im übrigen meine ich nicht, dass der Glaube vom Wunderverständnis abhängt. Eigentlich geht es ja um ein Eingreifen Gottes in die Wirklichkeit, um seine Wirksamkeit in der Welt, die nicht durch die Welt eingeschränkt ist. Und dass Gott in der Welt wirksam ist, und zwar doch auch in uns unergründlicher Weise, darüber wären wir ja wahrscheinlich auch wieder einig und das würde sicher auch Tillich nicht in Abrede stellen.

Viele Grüße
Klaus
2021-05-19 07:49:04
Hallo Klaus,

anzuerkennen, dass die Möglichkeiten der ratio begrenzt sind, fällt mir überhaupt nicht schwer. Und diese Begrenztheit widerspricht auch keineswegs der Annahme einer rationalen Struktur der Wirklichkeit.

Was mich aber überhaupt nicht überzeugt, sind Versuche vieler Theologen, auch von deiner Seite, aus der Unvollkommenheit unseres naturwissenschaftlichen Wissens einen Freifahrtschein für die Theologie abzuleiten, fast beliebige Irrationalitäten für wahr zu halten, solange sie nur in der Bibel stehen.

Mit Tillichs Überlegungen, wie du sie zitierst, kann ich da sehr viel mehr anfangen.

Viele Grüße

Thomas
2021-05-19 10:48:58
Hallo Thomas,

ich kann deine Argumentation gut nachvollziehen. Sie würde mich treffen, wenn es so wäre, dass ich alles Mögliche Irrationale für wahr halte, nur weil es in der Bibel steht. Mir ist es aber letztlich egal, ob Jesus z.B. über das Wasser gelaufen ist oder nicht, denn es kommt auf die Aussage dieser Geschichte an und nicht darauf, dass er so mächtig war, über Wasser laufen zu können. Der Sinn dieser Geschichte liegt ja auf einer ganz anderen Ebene.

Das gilt auch für viele ähnliche biblische Geschichten, die in diesem Sinne entmythologisiert werden müssen. Bei anderen Geschichten, wie z.B. den Heilungen Jesu, würde ich es anders sehen, weil hier der Heilungsprozess als solcher im Vordergrund steht.

Viele Grüße
Klaus
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