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Von Tag zu Tag

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie to go · 22 Mai 2022
Tags: UkraineZeitZielZufriedenheitSorgenWeltuntergang

T h e o l o g i e   t o   g o
Von Tag zu Tag
Klaus Straßburg | 22/05/2022

Seit einigen Wochen lebe ich anders als zuvor – mehr von Tag zu Tag und weniger mit fernen Zielen im Kopf. Vorher lebte ich stärker für die Zukunft. Jetzt hat die Gegenwart größeres Gewicht, und ob ich zukünftige Ziele erreiche, ist mir weniger wichtig.

Das ist entspannend: Die zukünftigen Ziele setzen mich weniger unter Druck. Stattdessen freue ich mich mehr am Gegenwärtigen, und ich nehme die Gegenwart intensiver wahr als zuvor.

Wie ist es zu diesem Umschwung in meinem Lebensgefühl gekommen? Es hat mit der Unsicherheit zu tun, die der Ukraine-Krieg mit sich bringt. Es gab Tage, da dachte ich: Man weiß heute gar nicht, was morgen geschieht. Vielleicht sind wir morgen schon in einen tödlichen Krieg verstrickt.

Außerdem ist Corona noch nicht vorbei – und jetzt kommen auch noch die Affenpocken! Die Unsicherheit scheint immer größer zu werden.

Das Ergebnis dieser Unsicherheit war, dass ich begann, mich mehr auf den aktuellen Tag zu konzentrieren – von Tag zu Tag zu leben. Ich bin dankbarer als zuvor für jeden Tag, den ich erleben darf. Morgens wache ich auf und denke: O wie schön, ich bin ja noch da! Dann will ich diesen geschenkten Tag genießen, so gut es geht.

Eine solche Einstellung hat eine gute biblische Grundlage. In Ps 118,24 heißt es:

Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; lasst uns jubeln und uns freuen an ihm!

Besonders drei andere Worte gehen mir schon seit einigen Wochen durch den Kopf. Da ist zum einen das Wort des Paulus aus 2Kor 6,2:

Gott spricht: Ich habe dich zur rechten Zeit erhört und dir am Tag der Rettung geholfen. Siehe, jetzt ist die rechte Zeit; siehe, jetzt ist der Tag der Rettung.

Der Blick geht zurück zu dem Tag, an dem Gott zur rechten Zeit Gebete erhört und aus Not errettet hat. So ein Tag ist auch heute. Wir leben noch. Also lasst uns dementsprechend den Tag erleben: dankbar seine Schönheit erspüren, Gott die Ehre geben und (soweit uns die Fähigkeit dazu geschenkt wird) ihn mit Wort und Tat bezeugen.

Das zweite Wort, das mir dabei wichtig geworden ist, lautet im biblischen Zusammenhang:

Sorgt euch nicht, indem ihr sagt: Was sollen wir essen? Oder: Was sollen wir trinken? Oder: Was sollen wir anziehen? [...] Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles nötig habt. [...] Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag! Denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen; jedem Tag ist seine [eigene] Plage genug.
(Mt 6,31-34)

Zum Genießen des gegenwärtigen Tages gehört es, sich nicht mit Sorgen um die Zukunft den Kopf zu zermartern. Auch wenn der Ukraine-Krieg alles unsicher macht und die Vögel der Sorge immer mal wieder um meinen Kopf herumflattern, muss ich es nicht zulassen, dass sie Nester in meinen Haaren bauen (nach einem Wort Martin Luthers) – abgesehen davon, dass ihnen dafür auch recht wenig Material zur Verfügung steht.

Ich gebe zu, dass es mir dennoch nicht immer leicht fällt, das Nesterbauen zu verhindern. Die dunklen Vögel der Sorge können ganz schön hartnäckig sein. Ich tue aber, was ich kann, und versuche alles meinem himmlischen Vater anheimzustellen, der genau weiß, was ich zum Leben brauche.

Das dritte Wort soll angeblich von Martin Luther stammen. Es lässt sich aber nicht in seinen Schriften finden, sondern taucht erstmals in einem Rundbrief der Bekennenden Kirche aus dem Jahr 1944 auf. Es gibt die These, dass das Wort im 19. Jahrhundert entstanden ist, als man sich Luther als einen frommen, den Hausgarten pflegenden Familienvater vorstellte:

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Von wem auch immer das Wort stammt: So ist es wohl, wenn man von Tag zu Tag lebt. Ich habe es zwar nicht so sehr mit der Gartenarbeit. Aber ich würde wohl andere schöne Dinge tun: den Geräuschen des Waldes lauschen, einige schöne Gedichte lesen, ein intensives Gespräch führen und natürlich beten. Vielleicht auch einen letzten Post schreiben, den kaum noch jemand lesen würde.

Wenn ich im Heute zu leben versuche, heißt das nicht, dass mir das Morgen unwichtig geworden wäre. Denn Gott ist bei mir morgen genauso wie heute. Im Heute leben und die Zukunft nicht zu vergessen, das ergänzt sich eigentlich sehr gut. Denn was wäre meine jetzige Beziehung zu Gott ohne eine Fortsetzung? Und was wäre meine zukünftige Beziehung zu Gott ohne die von ihm gemachten Tage schon jetzt?

Ich kann nur sagen: Mir gefällt es gut, mehr von Tag zu Tag zu leben, auch wenn es natürlich noch Ziele in der Zukunft gibt. Aber wenn sie sich nicht verwirklichen lassen – dann habe ich viele wunderbare Tage erlebt, die Gott mir geschenkt hat.


* * * * *





2 Kommentare
Michael Kröger
2022-05-26 19:41:44
Hallo Klaus,

danke für diese Beschreibung deines aktuellen Lebensgefühls, das mit einem Leben vom heutigen zum nächsten Tag sehr gut charakterisiert ist. Mit geht es durchaus ähnlich: auch ich fühle mich von schwankenden Stimmungen ziemlich stark hin und her gerissen. Für einen Künstler, der sich gerade mit dem Thema der Melancholie beschäftigt, schreibe ich beispielsweise gerade einen Text, der mir erstaunlich schnell von der Hand geht. Wohl nicht ohne Grund ....

Gerade wer unter heutigen Umständen vermehrt zu nachdenklichen, melancholischen Gedanken neigt, der sollte eine Einsicht paraktizieren, die du beschreibst: Auch ich nehme die kommenden, jeweils nächsten Tage intensiver wahr - auch wenn diese Wahrnehmung unsere Sorgen nicht unbedingt reduziert und uns der Alptraum eines drohenden großen Kriegs vor Augen steht. Was mir heute wichtig erscheint, ist mein Wunsch, mich von meinen Ängsten nicht terrorisieren zu lassen. Vielleicht und hoffentlich gelingt es ja auch mir so wie du zu glauben: "Gott ist bei mir morgen genau so wie heute." Wer heute intensiver lebt, muss aber wohl mit Widersprüchen leben. Kürzlich las ich diese Sätze der Schriftstellerin Nora Bossong: "Wer auf etwas Höheres schaut, ist notwendigerweise überfordert. Unsere Erkenntnisfähigkeit reicht nicht für das Göttliche. An diesem Punkt beginnt der Glaube. Wir streifen eine Sphäre, die uns überfordert ..."

Ich finde: diese lebens- und glaubensnahe Beschreibung Nora Bossongs passt gut in unsere Zeit; wie sie untersuche auch ich gerne die aktuellen Bedingungen der Möglichkeiten meines Lebens - aber das bedeutet nicht, dass ich meinen Glauben an den jeweils kommenden, nächsten Tag verlieren möchte. Ganz im Gegenteil ....

Ein guten nächsten Tag wünscht Dir und uns
Michael






2022-05-26 20:39:05
Hallo Michael,

vielen Dank für deine freundliche Rückmeldung. Das Thema "Melancholie" ist sehr interessant, auch theologisch. Es steht schon seit einigen Wochen auf meiner Liste für einen zukünftigen Artikel.

Wenn du schreibst "Vielleicht und hoffentlich gelingt es ja auch mir so wie du zu glauben: 'Gott ist bei mir morgen genau so wie heute'", dann muss ich ergänzen: Ich kann selber auch nur hoffen, dass es mir hin und wieder gelingt, so zu glauben. Das ist kein fester Glaube, den ich an jedem Tag oder in jeder Stunde habe. Wäre es so, dann gäbe es in meinem Leben keine Angst, keine Sorge, keine Melancholie. Dem ist aber nicht so. Der Glaube, den ich beschrieben habe, ist eher ein Ringen um immer neuen Glauben: Mal ist er stärker, mal schwächer; mal hat die Sorge die Oberhand, mal der Glaube. Im Tagesablauf tritt der Glaube schon mal in den Hintergrund, gerät in Vergessenheit oder ist nicht sehr präsent. Dann tritt er wieder hervor, geht aus der Erinnerung auf. Was ist das für ein Glaube? Es ist ein Glaube, der durchmischt ist mit Unglauben. Ich denke nicht, dass irgendein Mensch den vollkommenen Glauben hat. Was er hat, das ist immer ein Geschenk Gottes, eine Gnade. Daran erinnert uns auch, dass uns die Unvollkommenheit unseres Glaubens immer wieder bewusst wird.

Viele Grüße
Klaus
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