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Von German Angst, Schlafen im Wasser und guter Laune im Knast

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie mit Humor · 6 November 2021
Tags: WirklichkeitGewaltAngstDämonenFreudeHoffnungWeltregiment

T h e o l o g i e   m i t   H u m o r
Von German Angst, Schlafen im Wasser
und guter Laune im Knast
Klaus Straßburg | 06/11/2021

Halleluja! Es geht uns wirklich unglaublich gut!

Nein, nein, das ist jetzt nicht ironisch gemeint, sondern grundehrlich. Ehrlich!

Es macht Sinn, sich mal zu vergegenwärtigen, wie gut es uns geht. Zum Beispiel im Vergleich zu früheren Jahrhunderten.

Ich weiß zwar 'ne ganze Menge, aber das war mir wirklich neu (was Geschichte anlangt, bin ich ein hoffnungsloser Dummbold; das muss an meinem schulischen Geschichtsunterricht liegen, Herr H. möge es mir verzeihen): Früher ging es viel gewaltsamer in der Welt zu als heute. Die Gewaltkriminalität ist heute so niedrig wie nie zuvor. Mit der Zivilisierung der Gesellschaft sinkt die Kriminalität, weil das Gewaltmonopol beim Staat liegt und alle Gewalttätigen Angst haben, erwischt zu werden.

Hab ich echt nicht gewusst. Aber Harald Welzer sei Dank weiß ich es jetzt. Er schreibt immer so nette lehrreiche und gut lesbare Bücher. Diesmal ist es das Buch Alles könnte anders sein.*

Darin erzählt er auch, dass er noch bis in die 1970er Jahre in der Schule von Lehrern geschlagen wurde (S. 18). Das hat mich an meine eigene Schulzeit erinnert.

Nicht doch, ich war ein ziemlich braver Schüler, aber einmal hab ich in der Volksschule (so hieß das damals noch) auf dem Schulhof eine gepfeffert bekommen. Wir standen am Ende der Pause in Zweierreihen nebeneinander, um dann in Reih und Glied in die Schule zurück zu gehen (irgendwie militärisch). Diesmal stand ich ganz vorn. Plötzlich (ich hab das gar nicht mitgekriegt) bekamen mein Nebenmann und ich mit einem einzigen Schlag eine Ohrfeige. Zwei auf einen Streich.

Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. War mir auch keiner Schuld bewusst und bin's bis heute nicht. Das verknöcherte Gesicht des uralten Lehrers hab ich immer noch vor Augen.

Jedenfalls fiel mir das wieder ein, als ich Harald Welzers Buch las. Und außerdem fiel mir ein, dass im Gymnasium in den 70er Jahren während der Pause noch Schüler aus der Oberstufe im Schulgebäude rumliefen und aufpassten, dass sich keiner im Gebäude aufhielt. Alle mussten raus. Die Aufpasser hatten alle einen Schlagstock – ich glaube, es waren zweckentfremdete Staffelstäbe – in der Hand, mit denen sie zuschlagen konnten. Das machte gewaltigen Eindruck auf mich, die waren so groß und ich noch so klein und die hatten auch noch einen Stock in der Hand. Kaum zu glauben, aber wahr!

Die Welt ist wirklich weniger gewalttätig geworden.

Welzer schreibt auch, dass sogar im 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen, dem Holocaust und mehreren anderen Völkermorden relativ weniger Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben sind als in den Jahrhunderten davor (S. 19). Wer hätte das gedacht?

Ich hatte keine Lust, das alles zu überprüfen und glaube es jetzt einfach mal. Ich denke, der Harald wird schon keine Fakes in die Welt setzen.

Ach ja, die heute gegenüber dem 19. Jahrhundert statistisch verdoppelte Lebenserwartung hat damit zu tun, dass die meisten Menschen entweder schon als Kind starben (sehr hohe Kindersterblichkeit) oder vor einem natürlichen Tod entweder ermordet wurden oder verhungerten oder im Kindbett starben. Noch vor einem halben Jahrhundert (also 1970) starb jedes fünfte Kind in der Welt vor seinem fünften Geburtstag (S. 20f).

Merkt ihr, wie toll es ist, im 20. und 21. Jahrhundert zu leben?

Harald Welzer hat noch mehr zu erzählen, aber ich will hier kein Buch schreiben. Nur eins noch: Viele Menschen in Deutschland haben Angst vor Terror. Aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland bei einem Terroranschlag umzukommen? Jährlich gibt es weltweit etwa 25.000 Terroropfer. Nur fünf Prozent davon im reichen Westen. Jedes Jahr sterben in Deutschland 10.000 Menschen bei der Hausarbeit (besser, man hält sich fern davon), über 3.000 Menschen im Straßenverkehr, bis zu 6.000 Menschen durch Feinstaubemissionen. Am Terror starben in Deutschland 2016 vierzehn Menschen, 2017 und 2018 keiner (Welzers Buch ist 2019 erschienen) (S. 19). Auch wenn es 2020 und 2021 wieder mehr waren – wir setzen uns bedenkenlos ins Auto, haben aber Angst, einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen. Muss man das verstehen?

Apropos Angst. Sie ist ja schon sprichwörtlich. Die ganze Welt spricht von der German Angst. Warum sind wir Deutsche solche Angsthasen?

Es gibt bei Welzer ein Zitat, das es in sich hat (S. 17). Aus dem Buch Morgen letzter Tag von Christoph Süß**. Ich würde das Zitat ja gern in voller Länge zitieren, aber ich trau mich nicht wegen Copyright und so. Darum hier nur ein paar Auszüge:

Wovor wir Angst haben – eine total unvollständige Sammlung
[...] Vor Überfluss. Vor Knappheit. Vor Terroristen. Fundamentalisten. Idealisten. Kommunisten. Kapitalisten. Dem Antichristen. Christen. Moslems. Juden. Hindus. Sekten. Insekten. Langeweile. Amerikanern. Chinesen. Indern. Pakistanis. Polen. Negern. Überhaupt Ausländern. Nachbarn. Männern mit Bart. Frauen mit Bart. Der Wissenschaft. Verblödung. Vor Gutmenschen. Vor bösen Menschen. Unmenschen. Übermenschen. Untermenschen. Überhaupt vor Menschen. Vor Bakterien und Viren. Vor der Zerstörung der Umwelt. Vor Staus. Vor der Kernkraft. Davor, dass der Strom ausfällt. Vor Windrädern. Monokultur. Vielfalt. [...] Dem Teufel. Gott. Der Jugend. Dem Erwachsenwerden. Dem Alter. [...] Engen Räumen. Weiten Plätzen. Zu fett werden. Anorexie. [...] Vor Sattheit. Vor dem Hunger. [...] Vor dem Internet. Davor, kein Netz zu haben. [...]

Von Rechts wegen müsste ich jetzt eine Interpretation des Textes liefern, weil ich ihn nicht einfach kommentarlos so veröffentlichen darf. Von wegen Copyright und so. Aber ich lasse den Text einfach mal so stehen. Er spricht ja für sich.

Statt einer Interpretation sage ich: Vielen Dank für die Erinnerung an unsere Ängste, Christoph Süß. Vielleicht kaufe ich mal Ihr Buch. Jedenfalls hab ich mich beim Lesen des Zitats ausgeschüttet. Fühlte mich wohl irgendwie ertappt. Und weiß jetzt, was German Angst ist.

Nun, man sollte sich nicht über Probleme lustig machen. Es gibt ja wirklich welche. Große sogar. Aber vor allem sollte man über allem Negativen das Posititve nicht vergessen.

Jesus zum Beispiel hatte es drauf, das Positive nicht zu vergessen. Er hatte sich schlafen gelegt, als das Schiff, mit dem er und seine Jünger unterwegs waren, in einen Sturm geriet. Man stelle sich also vor: Der Sturm fegt mit Getöse übers Meer. Das Holz knarrt und ächzt. Dazwischen die verzweifelten Rufe der Jünger. Die Wellen schlagen über dem Boot zusammen. Es wird wie eine Nussschale hin und her geschleudert und droht unterzugehen. Lukas vermerkt ausdrücklich, dass „das Schiff voll Wasser wurde" (Lk 8,23).

Und Jesus liegt im vollgelaufenen Boot, also im Wasser – und schläft. Oder schläft er gar nicht so fest, sondern wacht kurz auf, dreht sich auf die andere Seite und schläft weiter? Wer weiß! Jedenfalls kümmert ihn der Sturm überhaupt nicht. Wohl dem, der aus dem Positiven lebt!

Die in Panik geratenen Jünger wecken Jesus schließlich auf: „Meister, Meister, wir gehen unter!" (Lk 8,24) In der Version des Markus wird das Negative noch gesteigert: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?" (Mk 4,38) Jesus wacht auf, befiehlt dem Sturm, sich zu legen, und fragt seine Jünger erstaunt: „Warum seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?" (Mk 4,40)

Der Mann hat Humor! Das Schiff läuft voll, er liegt im Wasser und schläft, und nachdem ihn die Jünger der seligen Ruhe seines Schlafes entrissen haben, fragt er: „Warum habt ihr solche Angst? Glaubt ihr noch immer nicht an die positive Macht Gottes?"

Die Geschichte hat was von German Angst. Und davon, wie man sie überwindet.

Gleich nach dieser Geschichte berichten die Evangelisten eine andere Geschichte vom Positiven und Negativen. Gerade das Negative des Sturms überwunden, kommt Jesus und seinen Jüngern am anderen Ufer des Sees „von den Grüften her" (grusel) „ein Mensch mit einem unreinen Geist entgegen, der seine Wohnung in den Grüften hatte" (German Angst) (Mk 5,2f). Markus kann den Gruseleffekt gar nicht genug steigern: „Und er war allezeit, Tag und Nacht, in den Grüften und auf den Bergen, schrie und schlug sich mit Steinen" (Mk 5,5). Man fühlt sich an einen modernen Horrorfilm erinnert. Für die Menschen damals war es aber Wirklichkeit: Stellt euch mal die Leute vor, die in der Gegend wohnten und mit diesem besessenen Menschen Tag und Nacht leben mussten. Stärker kann die Bedrohung durch das Negative kaum sein.

Nun begegnet Jesus also diesem Menschen (nach Mt 8,28 waren es sogar zwei). Markus und Lukas halten fest, dass sich in ihm gleich eine Vielzahl von Dämonen breit gemacht hat (Mk 5,9; Lk 8,30). Mit unserem distanzierten medizinischen Sachverstand würden wir vielleicht heute sagen: Der Mann hat multiple seelische Störungen und ist austherapiert. Nichts mehr zu machen. Ab in die Psychiatrie und mit Pillen ruhiggestellt. Fatale Nebenwirkungen inbegriffen.

Damals hatten sie solche Pillen nicht. Dafür wussten aber die „Dämonen", was ihnen von Jesus her blühte. Und weil sie nicht heimatlos werden wollten, bitten sie Jesus, sie in die Schweineherde nebenan fahren zu lassen: „Wenn du uns austreibst, so schicke uns in die Schweineherde" (Mt 8,31). Jesus hat keine Probleme damit, ihrem Wunsch nachzukommen. Schweine sind nach jüdischem Verständnis unreine Tiere. Da gehören die Dämonen hin: ins Unreine. In etwas, was gar nicht so wirklich wirklich ist. Wir sagen ja auch: Das hab ich nur ins Unreine geschrieben. Das zählt also nicht so richtig. Die Dämonen zählen auch nicht so richtig. Darum wissen die Schweine dann auch nichts Besseres zu tun, als sich einen Abhang hinunter in den See zu stürzen und dort elendig zu ersaufen (Mt 8,32; Mk 5,13; Lk 8,33).

So endet also das Negative. Der kranke Mensch hingegen ist befreit und gesund. Das ist das Positive, das wir bei allem Negativen nicht vergessen sollten.

In der Reformationszeit sollen sich die Protestanten übrigens folgende Fortsetzung der Geschichte ausgedacht haben: Die Schweineherde stürzte sich nicht in den See, sondern ins Mittelmeer und schwamm bis nach Rom, wo die Dämonen schließlich in den Papst fuhren. Das ist natürlich böse gedacht, passt aber zur damals üblichen Verunglimpfung des Andersdenkenden.

Was lernen wir daraus? Hass, Hetze und Fake News der übelsten Art gibt es nicht erst seit den unsozialen sozialen Medien und Donald Trump. Es gab sie schon damals, und mit der Erfindung des Buchdrucks wurden sie weit verbreitet. Nur zur Erinnerung daran, dass heute nicht alles schlechter ist als früher.

Irgendwie scheint die Erinnerung an das Positive trotz alles Negativen etwas mit dem christlichen Glauben zu tun zu haben. Jedenfalls haben auch Paulus und seine Genossen das Positive nie vergessen. Folgendes wird berichtet (Apg 16,16ff): Paulus hat eine Sklavin, die für ihre Herren als Wahrsagerin arbeitete und ihnen viel Geld einbrachte, von ihrem „Wahrsagegeist" befreit. Die Herren der Sklavin fanden das nicht lustig. Sie ergriffen Paulus und seinen Mitarbeiter Silas und schwärzten sie als Unruhestifter an. Die Menschenmenge glaubte ihnen das sofort (wie auch heute viel Unsinn geglaubt wird). Darum ließen die zuständigen Beamten sie auspeitschen, in den tiefsten Kerker werfen und ihre Füße in den Block schließen (wie auch heute die Mächtigen sich gern zwecks Machterhalts der Volksmeinung anschließen). So erging es denen, die eine Frau aus ihrem Wahrsagewahn und ihrer Sklaverei befreit hatten (wie auch heute manche, die sich für Recht und Freiheit eingesetzt haben, im Gefängnis landen).

Und was tun Paulus und Silas? Sie beten und singen Loblieder (Apg 16,25). Kein Gedanke an etwas Negatives. Und endlich mal eine willkommene Abwechslung im Kerker. Das hebt die Stimmung. Es ist nicht überliefert, was sie gesungen haben. Vielleicht Macht hoch die Tür, die Tor macht weit. Jedenfalls fing die Erde an zu beben, alle Türen und Tore des Gefängnisse sprangen auf sich und die Fesseln aller Gefangenen lösten sich. Paulus, Silas und alle anderen Gefangenen waren aber honorig und blieben im Kerker, wofür ihnen der Kerkermeister, der sich schon das Leben nehmen wollte, sehr dankbar war. Am nächsten Morgen wurden Paulus und Silas dann entlassen. Soweit die Kurzfassung der Geschichte. Weitere Einzelheiten könnt ihr selbst nachlesen. Jedenfalls hatten Paulus und Silas trotz Schmerzen, Gefangenschaft und ungewisser Zukunft das Positive nicht vergessen.

Paulus wurde übrigens mehrfach gefangengesetzt. Aus dem Gefängnis schrieb er auch seinen Brief an die Gemeinde in Philippi (die theologische Forschung nimmt teilweise an, dass hier zwei oder drei Briefe des Paulus nachträglich zu einem einzigen zusammengefasst wurden). Der Brief strotzt nicht vor Frust und Hoffnungslosigkeit, sondern im Gegenteil vor Freude und Zuversicht. So schreibt Paulus aus dem Gefängnis (Phil 4,4-7):

Freut euch im Herrn allezeit; nochmals will ich sagen: Freut euch! Lasst eure Freundlichkeit allen Menschen kundwerden! Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern in allem lasst im Gebet und Flehen mit Danksagung eure Bitten vor Gott kundwerden! Und der Friede Gottes, der allen Verstand überragt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus.

Das Negative ist da. Man kann sich aber trotzdem freuen. Denn der HERR ist auch da. Darum bleibt man cool, wenn auch die Situation nicht glänzend ist. Was heißt das schon? Der Friede Gottes geht nicht verloren. Unser Verstand will uns vielleicht weismachen, dass wir uns große Sorgen machen müssten. Aber das ist unnötig und darum uncool. Nötig ist vielmehr, alles im Gebet Gott zu sagen und für das viele Positive zu danken. Früher war nicht alles besser. Im Gegenteil: Vieles ist heute besser. Darum: Macht euch keine Sorgen, sondern erwartet das Positive von Gott. Und dann tut es natürlich selbst, so gut ihr könnt. Lasst eure Freude und Freundlichkeit allen Menschen (auch den in Zukunft lebenden) kundwerden!

Okay, das ist leichter gesagt als getan. Wir scheitern alle daran. Aber so muss es nun wirklich nicht sein: dass wir desto unzufriedener werden, je besser es uns geht. Nach dem Motto: „Das Böse ist immer und überall." Mit diesem verdrießlichen Bewusstsein kommt man nur suboptimal durchs Leben. Und es ist leicht, alles Böse dann auch noch Gott in die Schuhe zu schieben (von dem man ansonsten aber nichts wissen will).

Meine Eltern pflegten manches Mal mit Blick auf Menschen, die sich daneben benahmen, zu sagen: „Denen geht es zu gut." Wird das Negative bei uns vielleicht deshalb so stark betont und gibt es deshalb so viele Wutbürger, weil es uns zu gut geht?

Aber alle Probleme vergessen und alles durch die rosarote Brille betrachten – das geht nun auch nicht. Bestimmt nicht! Doch gerade wegen der Probleme ist es das Wichtigste, auf keinen Fall das Positive zu vergessen. Sonst werden noch Wutbürger aus uns. Und wir sind womöglich sofort beleidigt, wenn wir auf etwas, das wir für positiv halten, verzichten müssen.

Ihhh, das furchtbare V-Wort. Das mögen wir nun gar nicht. Dabei verlieren wir damit vielleicht gar nichts, sondern gewinnen eher etwas. Ja, mit dem V-Wort kann man Lebensqualität gewinnen. Wenn wir das endlich begreifen würden ...

Dann wüssten wir auch, wofür wir wirklich dankbar zu sein haben. Und dass das Positive deshalb Bestand hat, weil die ganze Welt in Gottes guten Händen liegt. He's got the whole world in his hand.

Es geht uns wirklich unglaublich gut! Halleluja!


*    Harald Welzer: Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. FISCHER
Taschenbuch, 2. Aufl. Frankfurt am Main 2020.
**   Christoph Süß: Morgen letzter Tag. Ich und Du und der Weltuntergang. Knaus 2012. S. 11f.


* * * * *




6 Kommentare
Jochen
2021-11-08 08:44:24
Hallo Klaus,
bei soviel tollen Fakten über die gegenwärtige Situation hier frag mich mich, wie die Menschen früher damit nur klar gekommen sind, nicht so gut zu leben? In 2000-Seelen-Dörfern um 1900 gab es 35 Hochzeiten pro Jahr, viele mit Gelegenheit zum Tanz, also analog -- nicht digital -- sondern "echt" erlebbar.
Die Stimmung war wohl realistischer als heute in etwa so, wie im Original-Text des Liedes "Have yourself a merry little Christmas" (R. Blane, H. Martin) beschrieben, der für Hollywood dann angstfrei lackiert wurde (Link: https://www.classicfm.com/discover-music/occasions/christmas/original-lyrics-have-yourself-a-merry-little-christmas-judy-garland/ ). Vor was wir Angst haben sollen will seitdem die Unterhaltungsbranche bestimmen könnte man fast meinen.

Und zum Sturm auf dem See ist es für uns ja einfach, wir wissen ja wie die Sache ausgeht, Jesus macht den Sturm weg. Dabei ist Petrus mit seiner Fischerei-Kooperative schon Jahre lang auf dem See unterwegs gewesen, ein Profi sozusagen, und viel mehr Realist als wir in den Kirchenbänken. Dass Petrus vor Jesus dann auf die Knie geht, ist keine Reaktion auf eine "wir schaffen das"-Durchhalteparole, sondern es muss -- stell ich mir jedenfalls vor -- mehr passiert sein.

2021-11-08 09:14:23
Hallo Jochen,

ich denke, dass die täglichen Bedrohungen bis hin zum Tod den Menschen damals - wie auch heute noch in den armen Ländern der Welt - viel gegenwärtiger waren als uns in unserer "Wohlstandskultur". In der müssen Bedrohungen soweit wie möglich ausgeschlossen werden (der homo faber kriegt das schon in den Griff), und der Tod wird schlicht verdrängt (sogar bei Menschen über 80 und ihren Angehörigen, für die der Tod des alten Menschen dann "plötzlich und unerwartet" oder "für uns alle unbegreiflich" kommt). In vielen Ländern Afrikas hingegen (gar nicht so weit weg von uns) ist der Tod tägliche Realität und immer im Bewusstsein. Dort ist dann auch der Glaube an den, der den Tod überwunden hat, viel stärker als bei uns und weiter im Wachsen. Daran liegt es wohl, dass man nicht von Afrikan Angst spricht.

Es kann schon sein, dass alle Angst Todesangst ist. Und die ist in den Ländern, in denen man an eine Überwindung des Todes nicht mehr glauben mag, naturgemäß größer als in den anderen. In früheren Jahrhunderten war es auch in unserem Land so, dass der Glaube an ein Leben nach dem kurzen irdischen Leben (wie tief und "echt" er auch immer gewesen sein mag) jedenfalls ein Stück Todesangst nehmen konnte, weshalb man dann auch (obwohl man wusste, dass der Tod immer vor der Tür steht, also ganz nah ist) ausgelassen Hochzeit feiern konnte. Man wusste eben auch, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist.
Jochen
2021-11-08 12:37:11
Hallo Klaus,
das mit der Wohlstandskultur sehe auch so. Nicht mal drei Flugstunden von hier ticken die Menschen ganz anders, was ich dort auch selbst erlebt habe und für mich wirklich wichtig war.
2021-11-09 16:50:45
Hallo Klaus,

jedem, der es hören will, erzähle ich, dass wir Baby-Boomer die bisher wohl glücklichste Generation sind, die es in Deutschland gegeben hat, und dass ich dafür sehr dankbar bin. Allein im Vergleich zu meinen unmittelbaren Vorfahren: kein Krieg, keine Wirtschaftskrise, keine Unterernährung, dazu gute medizinische Versorgung, Zugang zu Bildung und viel formelle und materielle Freiheit.

Angesichts dessen wundert es mich schon, wie viel gemeckert und gemäkelt wird. Es ist geradezu Mode geworden, sich über Kleinigkeiten zu empören und seine persönlichen Befindlichkeiten vor sich her zu tragen.

Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Glatteis. Diesen Spruch zitierte mein Vater gern, und ich muss in letzter Zeit oft daran denken. Auch an die Weisheit "Not lehrt beten", mit der es zu tun haben könnte, dass die Kirchen immer leerer werden.

German Angst, dachte ich, wäre ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert, der auch damit zu tun hätte, dass in der Psychologie damals die Musik im deutschsprachigen Raum spielte. Passt aber durchaus in die heutige Zeit. Zur Unterscheidung von Furcht und Angst kommt mir immer eine Witzdefinition in den Sinn: Angst ist, wenn man nicht weiß, wovor.

Ich stimme dir völlig darin zu, dass der christliche Glaube sehr dazu beitragen kann, mit Furcht und Angst zurechtzukommen.

Viele Grüße

Thomas
2021-11-09 17:59:21
Hallo Thomas,

danke für deine Ergänzungen. Den Esel-Spruch zitierten meine Eltern auch manchmal, in einer etwas anderen Version: "Wenn's dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis tanzen." Ich muss auch immer mal wieder daran denken.

Dass der Begriff "German Angst" aus dem 19. Jahrhundert kommen könnte, finde ich interessant. Ich habe mal recherchiert: Bei Wikipedia gibt es zwar einen Artikel zu "German Angst", aber zur Herkunft des Begriffs werden dort keine Angaben gemacht. Nur der deutsche Begriff "Angst" wurde 1844 von Sören Kierkegaard in die philosophische Diskussion eingeführt und ist seitdem wohl als Germanismus international bekannt. Ist ja auch interessant, dass zu den wenigen Germanismen, die es gibt, gerade "Angst" gehört.

Viele Grüße
Klaus
Hans-Jürgen Caspar
2021-11-09 20:21:41
Hallo Thomas,

vielen Dank für Deinen Beitrag, besonders die ersten beiden Absätze!

Ich gehöre noch zu der Generation, die (Bomben-)Krieg, Flucht, Hungerjahre, Unfreiheit (sowohl bei den braunen wie den roten Machthabern) miterlebten und -erlitten, und bin deshalb jeden Tag von neuem dankbar und froh, dass ich sagen kann: Ja, mir und den meisten in unserem Land geht es gut!

Viele Grüße
Hans-Jürgen
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