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Von Allwissenden und Unwissenden

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie provokant · 13 Mai 2020
Tags: WissenWahrheitBibelSünde

T h e o l o g i e   p r o v o k a n t
Von Allwissenden und Unwissenden
Klaus Straßburg | 13/05/2020

Es gibt Christen, die wissen mir zu viel.

Sie wissen in jeder Situation, was Gott will und was er tut. Sie können das undurchdringliche Wirrwarr der Weltgeschichte deuten. Sie wissen, welche Ereignisse Strafen Gottes sind. Natürlich können sie dir auch sagen, warum Gott durch dieses oder jenes Ereignis die Menschen straft.

Diese Christen kennen die Einzelheiten der Zukunft. Besonders den Ablauf der Ereignisse in der Endzeit können sie haarklein voraussagen. Auch was nach dem Ende der Zeit geschieht, wie Gott über die Menschen urteilen wird, wissen sie genau. Nichts scheint ihnen verborgen.

Sie entnehmen das alles aus der Bibel. Sie wissen nämlich genau, wie jeder einzelne Vers zu verstehen ist. Und was er über Gott, die Weltgeschichte und ihre Zukunft sagt.

Wenn solch ein Christ spricht, habe ich das Gefühl, hier spricht jemand mit dem Munde Gottes. Eigentlich spricht hier kein Mensch, sondern Gott selbst. Denn was er kundtut, ist ein Wissen, das eigentlich nur Gott selbst haben kann.

Bei aller Sympathie für ihre Bibeltreue und Ernsthaftigkeit kann ich es manchmal, wenn sie reden, kaum aushalten. Woher wissen sie das alles so genau? Wie können sie so sicher sein, die Bibel richtig zu verstehen? Meinen sie, sie könnten sich nicht irren, seien also unfehlbar? Wie können sie es wagen, mit der Stimme Gottes zu sprechen? Ist es nicht eine ungeheure Anmaßung, was da geschieht?

Es erscheint mir so, als setze sich hier ein Mensch an die Stelle Gottes, als spreche ein Mensch die Worte Gottes aus. Maßstab für das, was wahr oder nicht wahr ist, ist dieser Mensch.

Manchmal sind diese Christen freundlich und bescheiden. Ich frage mich aber, ob diese Bescheidenheit nur vordergründig ist.

Verkünden sie wirklich Gottes Wort? Oder fallen sie Gott, ohne es zu wollen, ins Wort? Wie wirkt das, was sie sagen, wohl auf ihre glaubensfernen Mitmenschen, wenn es schon mich so verstört?


Es gibt noch eine andere Art von Christen. Sie wissen fast nichts über Gott.

Sie meinen, über Gott könne man eigentlich nichts aussagen. Und zwar deshalb nicht, weil er größer ist als all unser Denken und Verstehen. Er ist das höchste Wesen überhaupt. Wie soll unser kleiner Verstand an ihn heranreichen?

Darum ist ihnen jede Aussage fremd, die Gott beschreibt oder etwas über Gottes Handeln und Wirken in der Welt sagt. Sie wehren sich gegen jede Aussage darüber, wer oder was Gott ist oder was er tut. Sie sagen dann, das sei „dogmatisch". Sie wollen sich nicht festlegen und nicht festlegen lassen.

Auch die Bibel sei ja nur von Menschen geschrieben, sagen sie. Sie enthalte menschliche Glaubensaussagen. Darum könne sie kein Maßstab für die Wahrheit sein.

Wenn man sie fragt, was für sie der Maßstab für Wahrheit und Unwahrheit ist, antworten sie, es gebe nicht die Wahrheit. Es gebe nur subjektive Wahrheiten. Jeder müsse seine Wahrheit selber finden.

Sie haben nichts gegen Spiritualität. Damit meinen sie ein allgemeines religiöses Bewusstsein. Das finden sie nicht nur im Christentum, sondern auch in anderen Religionen. Darum sehen sie keine entscheidenden Unterschiede zwischen christlichem und anderem Glauben.

Mit Theologie können sie oft nicht viel anfangen. Das einzige, was sie anerkennen, ist der Mensch Jesus und sein Lebenswandel. Der ist ihnen Vorbild. Und so beschränkt sich ihr Glaube vor allem auf einen humanistischen Lebensstil, auf Ethik.

Der Humanismus, die Menschenrechte, Friede für die Welt: Das ist es, was ihnen Maßstab ist. In Jesus finden sie das wieder.

Mir erscheint es so, als wüssten sie schon vorher, was die Wahrheit ist, um sie dann in Jesus zu finden.

Warum rechnen sie nicht damit, dass Gott sich Menschen kundtut? Machen sie Gott nicht unendlich klein, wenn sie ihm versagen, sich Menschen zu offenbaren? Verwehren sie ihm, die Autoren der biblischen Schriften zu seinem Sprachrohr gemacht zu haben? Verwehren sie ihm, sich in Jesus Christus offenbart zu haben und auch heute noch sich Menschen zu offenbaren?


Im Grunde stehen sich beide Gruppen von Christen sehr nah. Denn beide machen letztlich sich selbst zum Maßstab für die Wahrheit. Die einen, indem sie die objektive Wahrheit genauestens kennen, und die anderen, indem sie nur ihre eigene subjektive Wahrheit anerkennen. Indem beide die Wahrheit an sich selber festmachen, setzen sie sich an Gottes Stelle.

Ich füge gern hinzu, dass dies eine Gefahr – nein, die große Gefahr für jeden Menschen ist, eine Gefahr, der wir tatsächlich immer wieder erliegen.

Die erste Gruppe von Christen hat darin recht, dass Gott sich Menschen kundgetan hat und bis heute kundtut. Diese Christen haben aber darin unrecht, dass sie meinen, sie allein hätten die Wahrheit und wüssten über alles Göttliche genauestens Bescheid.

Ihnen müsste man sagen, was Jesus nach dem Johannesevangelium den gläubigen Juden sagte: „Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben; und sie sind es, die von mir zeugen" (Joh 5,39). Das heißt: Die Wahrheit der Bibel ist nicht die der Buchstaben, sondern die eines lebendigen Menschen, des Sohnes Gottes. Die Wahrheit des Sohnes Gottes und Gottes selbst ist darum eine lebendige Wahrheit. Sie ist nicht festgelegt und legt andere nicht fest. Wer Gottes Wahrheit fixiert, fixiert Gott selbst.

Die zweite Art von Christen hat darin recht, dass Gott nicht zum Objekt unserer Vorstellungen gemacht werden darf. Diese Christen haben aber darin unrecht, dass sie leugnen, dass Gott selber sich uns zum "Objekt" machen kann, wo er es will.

Ihnen müsste man sagen: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, wie sie dem Einziggeborenen vom Vater her zukommt, voll von Gnade und Wahrheit" (Joh 1,14). Das heißt: Gottes Wahrheit ist Mensch geworden in seinem einzigen Sohn Jesus Christus. Damit ist Gottes lebendige Wahrheit sichtbar geworden. Sie ist nicht beliebig und nicht mit anderen Wahrheiten in einen Topf zu werfen. Gottes Wesen ist uns nicht grundsätzlich unbekannt, sondern wird jeweils dort bekannt, wo er sich uns bekannt macht.

Das ist meine Sicht der Dinge. Wenn du eine andere hast, lass uns darüber reden und gemeinsam die Wahrheit suchen.

Gib gerne unten einen Kommentar ein, dann können wir ins Gespräch miteinander kommen.



6 Kommentare
2020-05-14 09:12:01
Hallo Klaus,

interessanter Beitrag. Ich stehe der zweiten Gruppe deutlich näher. Deiner rhetorischen Figur, sie wären sich sehr ähnlich, kann ich nur in der Hinsicht folgen, dass ich sie beide auf ihre Art als typisch deutsch-evangelisch empfinde, die erste Gruppe mehr im 19. Jahrhundert angesiedelt, die zweite Gruppe verstärkte im 20./21. Jahrhundert so ab 1960. Selbst innerhalb des Christentums habe ich aber schon sehr viel mehr Spielarten kennengelernt.

Und bezogen auf die EKD empfinde ich sie als so gegensätzlich, dass ich mich oft frage, wie die Kirche diese Spannung überhaupt aushält und ob man da überhaupt noch von einer gemeinsamen Kirche sprechen kann. Das Entwicklung beider Gruppen sehe ich auch als sehr unterschiedlich an. Gruppe 1 neigt zum Rückzug in geschlossene Gruppen, Gruppe 2 zum Austritt.

Deine Fragen an Gruppe 2 beantworte ich persönlich so:

Warum rechnen Sie nicht damit, dass Gott sich Menschen kundtut? Ich rechne damit. Aber bleibt mir vom Hals mit ausgearbeiteten Lehren von Verbalinspiration und Offenbarungstheologie.
Ich glaube insbesondere, sehr bewusst und willkürlich, dass Gott sich in Jesus Christus den Menschen offenbart hat. Speziell darum nenne ich mich Christ. Ich halte das aber nicht für Gottes einzige, wenn auch wichtigste Offenbarung.

Viele Grüße

Thomas
2020-05-14 20:58:28
Hallo Thomas,

vielen Dank für deinen Beitrag. Ich muss sagen, dass ich dich persönlich, soweit ich dich bisher durch deine Posts und Kommentare kennengelernt habe, niemals in Gruppe 2 eingeordnet hätte. Du sagst ja auch nur, dass du dich dieser Gruppe deutlich näher fühlst. Und dass du nicht wirklich zu ihr gehörst, geht für mich daraus hervor, dass du an Gottes Offenbarung in Jesus Christus glaubst. Ich denke, genau das ist, wie du sagst, der Grund, dass man sich Christ nennt.

Ich stimme dir auch darin zu, dass Gottes Offenbarung in Jesus Christus nicht seine einzige Offenbarung ist: Er hat sich schon in alttestamentlicher Zeit Menschen offenbart und er tut das bis heute (nicht durch irgendwelche übernatürlichen Offenbarungserlebnisse, sondern z.B. durch Bibelworte, Predigten, Gespräche, Gedanken oder anderes - Gottes Möglichkeiten sind unendlich). Aber Jesus Christus ist, wie du sagst, seine wichtigste Offenbarung, und ich würde ergänzen, auch seine letztgültige, d.h. sie ist durch irgendeine spätere Offenbarung nicht einzuschränken oder zu überholen.

Aber eigentlich sind wir damit schon in den Anfängen einer Offenbarungstheologie. Ich verstehe Theologie als das Denken des Glaubens. Insofern ist jeder Christ ein Theologe, und auch ein Offenbarungstheologe, wenn er sich über die Offenbarung Gottes Gedanken macht.

Viele Grüße
Klaus
2020-05-16 17:46:48
Hallo Klaus,

bei der Annahme von Jesus Christus als letztgültiger Offenbarung, so wie du sie definierst, gehe ich auch noch mit, bin mir aber jederzeit bewusst, dass das eine gläubige Setzung ist, nicht mehr und nicht weniger.

Viele Grüße

Thomas
2020-05-16 21:26:35
Danke für deine Zustimmung. Genau, wir bewegen uns hier im Bereich des Glaubens, wo nichts bewiesen werden kann, wo man aber eine innere Gewissheit über etwas erlangen kann, die stärker ist als alles empirisch Bewiesene.
Klaus
2020-05-17 07:44:29
Guten Morgen Klaus,

zu deinem letzten Satz sage ich mal etwas ketzerisch: eine solche innere Gewissheit kann man sich auch nur da erlauben, wo man weiß, dass etwas niemals empirisch überprüft werden kann.

Einen schönen Sonntag wünscht Dir

Thomas
2020-05-17 10:41:54
Guten Morgen Thomas,

dann antworte ich mal etwas provozierend: Eine solche innere Gewissheit erlaubt man sich nicht, sondern lässt man sich schenken.

Dir auch einen schönen sonnigen Sonntag
Klaus
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