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Vom Gesang Gottes

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T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Vom Gesang Gottes
Klaus Straßburg | 06/10/2021

Auf einer längeren Wanderung in der letzten Woche kam ich unvermittelt an eine Wegkreuzung, an der das oben abgebildete Gerät stand. Im ersten Moment hielt ich es für eins jener rostigen Kunstwerke, die man zuweilen irgendwo stehen sieht. Dann aber kamen plötzlich Klänge aus dem Gerät, und mir wurde klar, dass es sich um eine Windharfe handelt.

Bei Wikipedia kann man lesen, dass dieses Instrument auch Äolsharfe genannt wird, nach dem griechischen Gott Aiolos, dem Beherrscher der Winde.

Die Töne, die aus dem verrosteten  Instrument kamen, kann ich am ehesten als „Sphärenklänge" bezeichnen. Es waren langgezogene, auf- und abschwellende Akkorde, die fließend ineinander übergingen und manchmal nicht ganz harmonisch klangen.

Zuerst dachte ich, der Wind fahre durch die auf der Vorderseite angebrachten drei Öffnungen in das Instrument. Bei genauerem Hinsehen fand ich aber, dass der Wind durch die offenen Seiten des Instruments eintrat und die fünf dort gespannten Saiten in Schwingungen versetzte. Der vordere Teil des Instruments war vollständig geschlossen und diente offenbar nur als Klangkörper. Die in unterschiedlicher Höhe angebrachten drei Öffnungen sollten dazu dienen, dass man sein Ohr an den Klangkörper legte, um die entstehenden Klänge deutlicher zu hören.

Als ich auf der Bank neben dem Instrument Rast machte, kamen immer wieder Windböen auf, die stark genug waren, um mich während meiner Pause mit den entstehenden Klängen zu versorgen.

Ich staunte darüber, dass je nach Windstärke die Töne ungefähr zwei Oktaven umfassten – und das bei nur fünf Saiten. Da ich die Saiten mit der Hand nicht erreichen konnte, nahm ich ein Stöckchen und zupfte sie damit an. Sie waren alle gleich dick und gleich lang und erklangen alle bis auf eine in derselben Tonhöhe – von minimalen Unterschieden abgesehen. Bis auf die fünfte Saite: Sie war offenbar komplett verstimmt.

Ich habe versucht, die Saiten durch die seitlichen Öffnungen des Instruments zu fotografieren, was aber schwierig war. Immerhin sind zwei Saiten deutlich zu erkennen.



Wer mehr über das Instrument lesen möchte, sei auf Wikipedia verwiesen.

Es war interessant und schön, neben dem Instrument zu sitzen und den Sphärenklängen zu lauschen. Dennoch dachte ich nach einiger Zeit: Die Klänge der Natur sind schöner, vielfältiger und haben überhaupt nichts Störendes an sich – anders als die Klänge der Windharfe, wenn man ihnen beständig ausgesetzt wäre. Das Zwitschern der Singvögel im Frühling, die Vielsprachigkeit der Eichelhäher, das Rauschen des Windes in den Bäumen im Herbst, die nächtlichen Geräusche der Tiere des Waldes, das Plätschern der Regentropfen oder das leise Landen der Schneeflocken im Winter – das alles sind Klänge, die mir nie zu viel werden, vielmehr immer wieder aufs Neue das Herz erfreuen. Ich erinnerte mich an das heimelige Gefühl als Kind während der Urlaube mit meinen Eltern, wenn Regen auf das Zelt, später auf den Wohnwagen fiel und wir drinnen gemütlich im Trockenen saßen.

Dann fiel mir ein Lied ein, das ich immer gern gesungen habe und noch jetzt singe. Der Refrain und die Strophen lauten so:

Ich glaub' an einen Gott, der singt,
von dem alles Leben klingt.

1
Ich glaube, Gott ist Klang,
sein Wesen ist Gesang.
Er singt als schönstes Stück
die Liebe und das Glück.
Wer singt, die Quelle trinkt,
die tief in Gott entspringt,
sein Sehnen wird erfüllt,
das Leben ihm enthüllt.

2
Ich glaube: Gott ist ER,
der aus dem Schweigen her
erfand als ein Genie
der Schöpfung Melodie.
Er lädt uns alle ein,
ein Ton von ihm zu sein,
denn unser Leben tönt
klar nur mit ihm versöhnt.

3
Ich glaub', dass Jesus Christ
Lied und auch Sänger ist
und seiner Liebe Ruhm
das Evangelium.
Er schwingt ein jedes Sein
in seinen Rhythmus ein,
verwandelt Angst und Leid,
der Tod wird licht und weit.

4
Ich glaube auch das Weh'n
des Geistes zu versteh'n:
ER eint uns immerfort
zum göttlichen Akkord.
Millionenfacher Chor:
die Kirche tritt hervor,
stimmt dem, der singen kann,
das Lied des Friedens an.
(Text: Winfried Pilz)

Wie man sieht, ist das Lied trinitarisch gegliedert, das heißt entsprechend der Dreieinigkeit Gottes (Vater, Sohn und Heiliger Geist). Ich finde, es ist ein schönes modernes Glaubensbekenntnis, das Gott einmal ganz anders zur Sprache – besser: zum Gesang bringt.

Sich Gott einmal als Gesang vorzustellen, ist eine schöne Idee. Gemeinhin stellen wir uns Gott ja eher als Person, als Macht oder als Geist vor. Gesang ist etwas sehr Lebendiges, Lebensfrohes – und etwas, das unsere Gefühle anspricht.

Das ist schon mal eine wichtige Aussage: Gott ist kein schweigender Gott. Er spricht uns an. Aber nicht einfach nur mit Worten und auch nicht nur unseren Verstand, sondern auch unser Herz – so wie ein schöner, vielstimmiger Gesang unser Herz erreicht.

Und dass von Gottes Gesang her alles Leben klingt, besagt, dass wir an seinem Gesang, an ihm selbst Anteil haben. Wir sind nicht einfach nur von Gott unterschieden, sondern zugleich hat unser Leben und alles Leben auf Erden seinen Grund und seine Schönheit von ihm.

Die Liebe und das Glück sind Gottes schönster Gesang. Es zeichnet unser Leben aus, wenn wir aus der Lebensquelle seines Gesangs trinken, wie die erste Strophe sagt. Wir selbst werden zu einem Gesang von Liebe und Glück, wenn wir Gott in unserem Leben erklingen lassen, wenn wir den Resonanzboden seines Gesangs bilden.

Das bedeutet nicht, dass in der Welt, in der wir leben, alles voller Liebe und Glück wäre. Leider gibt es in dieser Welt immer wieder Störfaktoren, die Gottes Gesang unhörbar machen und damit auch der Liebe und dem Glück Schranken setzen.

Dennoch erklingt die ganze Schöpfung in Gottes Melodie, und wir sind ein Ton dieser Melodie (Strophe 2). Jeder von uns ist eingebettet in die Melodie der Schöpfung, und es würde ein Ton fehlen, wenn einer von uns fehlen würde in der Zeit, die ihm gegeben ist. Aber auch wenn wir den Ton eines anderen Lebewesens aus der Schöpfung entfernen, fehlt ein Ton. Denn alles klingt miteinander zusammen, alles zusammen bildet die Melodie von Gottes Schöpfung.

Wie Gott ist auch Jesus Christus zugleich Sänger und Gesang (Strophe 3). Das deutet darauf hin: Gott tut sich im Singen kund und ist zugleich das, was er kundgibt. Biblisch gesprochen: Gott redet und ist zugleich das Wort. Bei Gott gibt es keinen Unterschied zwischen dem, was er sagt, und dem, was er ist.

Bei uns ist es anders: Das, was wir tun, ist die eine Sache, und das, was wir sind, kann sich von unserem Tun stark unterscheiden. Wir mögen wunderbare Sachen sagen, aber es kann sein, dass wir unserem Reden überhaupt nicht entsprechen. Sein und Tun klaffen bei uns auseinander.

Bei Gott ist es anders. Wie er redet, so ist er. Er ist absolut verlässlich.

Man könnte auch sagen: Gott ist eine Person, die uns anspricht, und zugleich die Anrede selbst – die Macht des Gesangs, die unser Herz bewegt. Er ist eine liebende Person und zugleich die Liebe selbst – die Macht, die sich liebend durchsetzt.

Darauf weist auch die vierte Strophe hin, die vom Geist Gottes singt. Mit Vater, Sohn und Heiligem Geist bildet Gott einen Akkord, einen Dreiklang.

Auch das ist ein schönes Bild: Der Dreiklang hat drei Töne, die zusammen einen neuen Klang ergeben. Vater, Sohn und Geist Gottes unterscheiden sich voneinander, bilden aber zugleich gemeinsam denselben Klang.

Wir werden ein Teil dieses göttlichen Klangs. Das geschieht nicht dadurch, dass wir diesen Klang nachahmen, sondern dadurch, dass Gott selbst, sein Geist, uns in Schwingungen versetzt und zum Klingen bringt – wie der Wind die Saiten der Windharfe.



Das biblische Wort für „Geist" heißt zugleich „Wind". Gottes Wind bringt uns zum Klingen.

Das vereint uns miteinander. Das Einssein, um das es hier geht, entsteht nicht durch gemeinsame Interessen oder durch Sympathie. Es geht um viel mehr, nämlich darum, dass wir Teil des göttlichen Klangs werden: dass Gott uns zu Sängerinnen und Sängern seines Gesangs macht. In diesem Gesang sind wir miteinander vereint, wie sehr wir uns auch ansonsten voneinander unterscheiden und einander sogar unsympathisch sein mögen.

Das ist die Kirche, der millionenfache Chor: Die klingende Gemeinde derer, die höchst unterschiedlich sind, aber in all ihrer Unterschiedlichkeit dasselbe Lied singen.

Ich denke hierbei an die Glaubenden der ganzen Welt, nicht an die kirchlichen Institutionen und Mitgliedschaften. Institutionen und Mitgliedschaften sind objektiv nachweisbar – „sichtbar", wie die Theologie sagt. Der Glaube ist nicht objektiv nachweisbar oder „sichtbar", darum ist es auch die Gemeinschaft aller Glaubenden nicht. Die Theologie unterscheidet zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche.

In der unsichtbaren Kirche, die Menschen aller Völker und Religionen umfasst, klingen Gott und Menschen zusammen. Sie sind voneinander unterschieden, aber nicht voneinander getrennt. Gott erklingt in der Welt durch die Glaubenden der ganzen Welt – so wie er durch Jesus Christus einmalig in vollendeter Weise in der Welt erklungen ist.

Darum ist es auch gut, wenn die Natur und die Kultur in der Windharfe zusammenklingen: der Wind und das von Menschen geschaffene Instrument; Gottes Schöpfung und das vom Menschen Geschaffene; Gottes Gesang und die menschlichen Gesänge.

Freilich ereignet sich das harmonische Zusammenklingen nicht automatisch. Der Mensch kann sich der Harmonie entziehen und Instrumente bauen, die dem Gesang Gottes ein stumpfes Getöse entgegensetzen oder ihn gänzlich ignorieren. Dann geht die Erde des Gesangs Gottes verlustig. Das tut weder der Erde noch den Menschen gut.

Doch kann Gottes Gesang niemals ausgelöscht werden. Gott singt weiter. Es ist ja sein Wesen. Darum können wir ihn immer wieder hören – wenn auch in all dem menschlichen Getöse manchmal nur ganz leise, beinahe unscheinbar:

... in der leise und heimlich sich ereignenden Liebe –
... im täglich uns gegebenen Wunder des Lebens –
... in wahrhaft glücklichen Momenten –
... in der gestillten Sehnsucht –
... in den unzähligen Wundern der Schöpfung –
... in dem vertrauten Menschen an unserer Seite –
... in der Frohen Botschaft des Glaubens –
... und, ja, auch dort, wo sich die wahre Kirche je und je ereignet.

Gottes Gesang erklingt in alledem – wir müssen nur genau hinhören. „Wer Ohren hat zu hören, der höre!" (Jesus)


* * * * *





2 Kommentare
Hans-Jürgen Caspar
2021-10-07 10:03:29
Sehr schön alles gesagt und erklärt und poetisch eingekleidet. Danke!
2021-10-07 10:32:37
Vielen Dank für das freundliche Votum!
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