Christsein Verstehen - Christsein verstehen

verstehen

Theologische Einsichten für ein gutes Leben

Christsein

Christsein
verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Direkt zum Seiteninhalt

Versöhnung neu denken (Teil 1)

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie verständlich erklärt · 3 November 2023
Tags: VergebungGottesbildLeiden_Gottes

Versöhnung neu denken
Was macht die Versöhnung mit Gott und uns? (Teil 1)
Klaus Straßburg | 03/11/2023

Versöhnung ist ein wesentlicher Begriff des christlichen Glaubens. Er ist wahrscheinlich allen Christinnen und Christen geläufig; denn ihr Glaube lebt davon, dass sie mit Gott versöhnt sind. Es lohnt jedoch, gerade solche geläufigen Begriffe einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Denn das, was uns allzu geläufig ist, läuft sich schnell ab und verliert sein Profil. Übrig bleibt dann eine oberflächliche und eingeschränkte Vorstellung von dem, was mit Versöhnung gemeint ist.

Ich habe meine Gedanken zu diesem Thema in zwei Teile geteilt. In diesem ersten Teil erfährst du, was Versöhnung ist und wie sie geschieht. Es geht vor allem um die vielleicht ungewohnte Frage, was Versöhnung eigentlich für Gott bedeutet. Im zweiten Teil, der in ein paar Tagen erscheinen wird, spreche ich dann darüber, was mit dem Menschen passiert, wenn er von Gott her Versöhnung erfährt, und was Versöhnung für unsere Zukunft bedeutet.


1. Was ist Versöhnung?

Der Apostel Paulus beschreibt das Heil, das sich durch Jesus Christus ereignet hat, als Versöhnungsgeschehen. Das Verhältnis zwischen Gott und Mensch ist demnach von Versöhnung geprägt (2Kor 5,19):

Es steht ja fest, dass Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, ihnen ihre Übertretungen nicht anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufrichtete.

Das versöhnte Verhältnis zwischen Gott und Mensch hat unmittelbare Folgen für das Dasein und Handeln der Menschen, wie Paulus gleich im nächsten Satz festhält (2Kor 5,20):

Wir sind also Gesandte an Christi statt, wie Gott durch uns aufruft; wir bitten an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Dass ein Mensch mit Gott versöhnt ist, macht ihn zu einem "Gesandten Christi", durch den Gott die anderen Menschen aufruft, sich ebenfalls mit Gott versöhnen zu lassen. Dieses Gesandt-sein ist nicht nur eine vorübergehende oder begrenzte Beauftragung des Menschen, sondern eine neue Lebensweise, die ihn fortan durch und durch bestimmt. Paulus nennt diese neue Lebensweise eine neue Schöpfung. Wer mit Gott versöhnt ist, ist nicht weniger als eine neue Kreatur (2Kor 5,17):

Ist also jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Man kann es auch so ausdrücken: Versöhnung ist nicht einfach die Befriedung der Beziehung zwischen Gott und mir, sondern Versöhnung besteht darin, dass ich hineingenommen werde in den Schalom Gottes, in seinen umfassenden Frieden. Gottes Frieden gilt der ganzen Welt und ist deshalb universal.

Es geht in der Versöhnung also nicht einfach darum, dass meine Beziehung zu Gott in Ordnung gebracht wird. Sondern es geht darum, dass die ganze Welt, alle anderen Menschen in diese in Ordnung gebrachte Beziehung einbezogen werden.

Oder anders gesagt: Es geht nicht einfach um ein Dekret Gottes, nämlich das Dekret "Du bist versöhnt", das Gott von oben herab über mich spricht und das nur Gott und mich selbst etwas angeht. Sondern es geht um einen Ortswechsel meiner ganzen Person: Ich werde sozusagen an einen anderen Ort in der Welt versetzt, nämlich an den Ort des universalen Schalom Gottes. Und dieser Ortswechsel ist verbunden mit einem Perspektiv- und Kulturwechsel. Ich stehe fortan unter dem prägenden Einfluss göttlicher Liebe und Lebensfreude. Und das bedeutet, in einem neuen Umfeld und mit bisher unbekannten Perspektiven zu leben.

Natürlich ist damit nicht gemeint, dass der mit Gott versöhnte Mensch schon der Welt enthoben sei. Er lebt weiterhin an seinem Ort auf Erden, aber zugleich am Ort Gottes, nämlich in seiner Nähe und in seinem Umfeld, in der Erlebnissphäre Gottes. Das drückt sich in der Regel nicht in außergewöhnlichen religiösen Erfahrungen aus, schon gar nicht in irgendwelchen verzückenden oder entrückenden Erlebnissen. Das Leben im Einflussbereich Gottes zeigt sich vielmehr in einem Fühlen, Denken und Handeln, das dem betreffenden Menschen zuvor unbekannt oder zumindest unzugänglich war. Denn im Umfeld Gottes erscheint alles in einem neuen Licht.

Der mit Gott versöhnte Mensch ist also nicht etwa dem irdischen Leben entrückt, sondern im Gegenteil ihm zutiefst verbunden. Weil Gott sich der Welt in Zeit und Ewigkeit verbunden hat (1Mo/Gen 9,8-12; Mt 26,27f), können auch Christinnen und Christen, wenn es recht zugeht, nur der Welt verbunden sein. Darum sieht der mit Gott versöhnte Mensch, soweit er diese Versöhnung in sich wirken lässt, die Welt im Lichte Gottes, und das heißt: Er sieht sie so, wie sie wirklich ist – realistisch.


2. Wie geschieht Versöhnung?

Versöhnung ist die Befriedung der Beziehung zwischen Gott und mir, hatte ich gesagt. Aber wie kommt diese Befriedung eigentlich zustande? Was geschieht genau zwischen Gott und mir, wenn Versöhnung geschieht?


a) Vergebung der Sünden

Man kann Versöhnung zunächst schlicht als göttliches Gnadendekret verstehen oder als "Vergebung der Sünden". Vergebung der Sünden bedeutet, dass uns Gott nicht auf unseren Unglauben und unsere moralischen Verfehlungen festlegt, sondern uns davon freispricht. Gott behaftet uns also nicht bei unserer Gottesferne, sondern überwindet diese von sich aus, sucht immer wieder den Kontakt zu uns und ermöglicht uns dadurch immer aufs Neue, mit ihm in Kontakt zu treten.

Das ist von Jesus in einzigartiger Weise gelebt worden. Die Evangelien erzählen durchweg, wie Jesus den Kontakt gerade zu den "Zöllnern und Sündern" suchte und mit ihnen Tischgemeinschaft pflegte (z.B. Mk 2,15; Lk 5,29). Er legte sie also nicht auf ihr Sündersein fest, sondern spiegelte ihnen Gottes Zuwendung und Vergebung und lud sie ein, dieser Zuwendung und Vergebung entsprechend zu leben (Lk 5,32). Jesus erlaubte ihnen dadurch, sich selbst nicht als die unwiderruflich Gottlosen und der Nähe Gottes Unwürdigen zu verstehen. Sie konnten sich vielmehr im Gegenteil als Menschen sehen, denen Gott etwas zutraute, die er an seiner Seite haben wollte und deren Existenz dann auch Grund göttlicher Freude war (Lk 15,7.10).


b) Selbstzurücknahme Gottes

Würde Versöhnung allein durch den Freispruch von Sünden geschehen, dann wäre Versöhnung nicht mehr als ein göttliches Gnadendekret, ein befreiendes Wort, das sozusagen im Himmel über uns gesprochen wird und das uns begnadigt. Es wäre nicht einmal nötig, dass wir von diesem Wort etwas erfahren. Denn selbstverständlich ist ein göttliches Dekret auch dann gültig, wenn kein Mensch davon etwas weiß.

Der Freispruch von Sünden ist aber viel mehr als ein unpersönliches göttliches Dekret. Denn Gott tritt zu uns, zu jedem einzelnen von uns, in Beziehung und spricht ihm persönlich zu, dass er ihn nicht auf seine Schuld festnagelt. Deshalb hat Jesus nicht allgemein die Vergebung aller menschlichen Sünden verkündet und sich nach der Verkündung dieser Botschaft zurückgezogen, sondern er hat die Beziehung zu einzelnen Menschen gesucht und ihnen persönlich die Vergebung ihrer Sünden zugesprochen (z.B. Mk 2,5; Mt 9,2; Lk 7,48) Vergebung der Sünden ist also nicht bloß ein Dekret, sondern die Begründung einer versöhnten Beziehung.

Indem Gott Sünden vergibt, besteht er nicht auf dem Recht, das er uns gegenüber hätte, nämlich dem Recht, dass wir unsere Schuld begleichen. Gott kommt dennoch zu seinem Recht, aber nicht, indem er uns verurteilt, sondern indem er uns begnadigt. Gott lässt uns trotz unserer Schuld leben und nimmt stattdessen sein eigenes Leben zurück. Gerade so ist er der gnädige und gütige Gott, als den ihn die Bibel beschreibt. Gott spricht nicht ein Dekret von oben herab, sondern kommt herunter in unsere Welt und sucht die Beziehung zu uns. Dementsprechend ist Jesus nicht als der rechtliche Vollstrecker Gottes aufgetreten, sondern hat sich mit Zöllnern und Sündern vereint, hat sich erniedrigt und ist den sündigen Menschen gleich geworden (Phil 2,7f). Gerade in dieser Selbstzurücknahme hat er seinen göttlichen Auftrag erfüllt.

Versöhnung beinhaltet also, dass der Versöhnende sich zurücknimmt, nicht auf seinem Recht auf Wiedergutmachung besteht und auf diese Weise eine wahrhaft zukunftsträchtige, gedeihliche Beziehung mit seinen Schuldnern sucht. Jesus schildert in einem Gleichnis, dass es selbstverständlich ist, dass, wie der versöhnende Gott dies praktiziert, es auch die mit ihm versöhnten Menschen tun (Mt 18,23-35).


c) Leidensbereitschaft Gottes

Wer nicht auf seinem Recht besteht, muss damit rechnen, dass seine Zurückhaltung ausgenutzt und ihm sein Recht genommen wird. Das gilt auch für Gott. Jesu Leben und Sterben hat gezeigt, wie derjenige, der sich in eine Position liebevoller Machtlosigkeit begibt, von hasserfüllter Macht zum Schweigen gebracht wird. Die Feinde Jesu haben nicht verstanden, dass Versöhnung auf Gnade beruht. Sie wollten ihre Gottesbeziehung nicht auf Gnade gründen, sondern auf ein ihnen vermeintlich zustehendes Recht. Dass Jesus ihnen dieses Recht absprach, hat ihn schließlich sein Leben gekostet.

Das Leiden Jesu spiegelt das Leiden Gottes unter der menschlichen Gottlosigkeit. Die menschliche Gottlosigkeit besteht darin, dass der Mensch nicht durch Gottes Gnade gerettet werden will, sondern durch seine eigene Frömmigkeit und Moral (Röm 4,5; 5,6). Ein solcher Mensch bedarf der Gnade Gottes nicht und lehnt sie ab. Er lehnt damit die auf Liebe gründende Beziehung zu Gott ab.

Im Alten Testament wird beschrieben, wie Gott unter der Ablehnung seiner Liebe durch das Volk Israel leidet (z.B. Jes 7,13; Jer 9,1-9; Ps 78,40f). Das Neue Testament erzählt, wie der die Sünder liebende Jesus bewusst den Weg ins Leiden ging (z.B. Mk 10,45). Daran wird deutlich: Der Gott, der an seiner Liebe festhält, obwohl diese vom Menschen abgelehnt wird, muss selbst bereit zum Leiden sein. Der Gott, der sich weigert, unversöhnlich zu reagieren und sein Recht auf Wiedergutmachung durch die Gottlosen durchzusetzen, geht den Weg ins Leiden. Versöhnung gibt es nicht ohne Leidensbereitschaft.


d) Versöhnende Existenz Gottes

Es ist deutlich geworden, dass Versöhnung nicht einfach ein freundliches Entgegenkommen Gottes ist, sondern ein Verhalten, das die ganze Existenz Gottes umfasst. Es gibt keine Versöhnung mit Gott ohne eine versöhnende Existenz Gottes: ohne sein versöhnendes Fühlen, Denken und Handeln. So war Jesu ganzes Leben von Versöhnung gekennzeichnet. Er fühlte mit den unversöhnten Menschen (z.B. Mk 6,34; 8,2), dachte in Kategorien der Versöhnung, wie seine Gleichnisse zeigen (z.B. Lk 15,11-32), und er handelte konsequent versöhnend, indem er selbst Leid auf sich nahm (Mt 26,52f). Auf diese Weise war Jesus das Ebenbild des versöhnenden Gottes (Kol 1,15; Hebr 1,3).

Zugleich war Jesus der Mensch, wie er nach Gottes Willen sein sollte: der neue Mensch (1Kor 15,45), der Gott auf Erden repräsentiert. Insofern nahm Jesus die Verleiblichung Gottes vorweg, die sich nach seinem Tod durch die Glaubenden vollziehen soll: Sie sind der Leib Christi (Eph 1,22f; Kol 1,18.24). Das hat Konsequenzen für die Existenz der Glaubenden, also auch für uns.

Wir haben die Versöhnung noch nicht verstanden, wenn wir sie allein als Gottes Dekret über uns verstehen und meinen, mit einem Dekret sei alles Wesentliche gesagt und geschehen. Zum Geschehen der Versöhnung gehört nämlich, dass der versöhnte Mensch in eine neue Beziehung zu Gott eintritt und dass sich die ganze Existenz des versöhnten Menschen wandelt. Nur wenn das geschieht, ist der Ortswechsel in die Einflusssphäre Gottes beim Menschen vollzogen. Nach der Versöhnung des Menschen mit Gott bleibt sozusagen im Lebenshaus des Menschen kein Stein auf dem anderen. Gottes Versöhnung "macht etwas" mit dem Menschen, und wenn sie nichts mit ihm macht, dann ist sie noch nicht bei ihm angekommen.



* * * * *


Foto: Henning Westerkamp auf Pixabay (bearbeitet).




Kein Kommentar

Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
verstehen
Christsein
verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Zurück zum Seiteninhalt