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Verborgene Wirklichkeit

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie kompakt · 6 Februar 2021
Tags: WirklichkeitLeidGotteslob

T h e o l o g i e   k o m p a k t
Verborgene Wirklichkeit
Klaus Straßburg | 06/02/2021

In den letzten Monaten ging mir immer wieder ein Liedvers durch den Kopf. Es ist die dritte Strophe des Liedes "Ich singe dir mit Herz und Mund" von Paul Gerhardt (1607-1676), Evangelisches Gesangbuch Nr. 324:

Was sind wir doch? Was haben wir
auf dieser ganzen Erd,
das uns, o Vater, nicht von dir
allein gegeben werd?

Die Strophe steht in einem Loblied, das den Segen Gottes preist, den der Dichter erfahren hat. Seines "Herzens Lust" (Strophe 1) gründet in der Gewissheit, von Gott "viel Heil und Gutes" (Strophe 2) erhalten zu haben.

Dabei hatte Paul Gerhardt kein leichtes Leben. Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) und die Zeit von Pest- und Pockenepidemien. Krieg und Krankheiten reduzierten damals die Berliner Bevölkerung von 12.000 vor dem Krieg auf 5.000 nach dem Krieg. Gerhardt hatte fünf Kinder, von denen aber vier früh starben. Aufgrund der damaligen Konfessionsstreitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten verlor er seine Berliner Pfarrstelle und lebte danach bis zu seinem Tod in bescheidenen Verhältnissen.

Dennoch: Aus der Überzeugung heraus, von Gott viel Gutes erhalten zu haben, stellt er die Frage, was wir Menschen auf dieser Erde sind und haben, das uns nicht von Gott gegeben wurde. Die Frage gründet bei ihm im Gotteslob.

Mir dagegen ging die Strophe eher dann durch den Kopf, wenn mir gar nicht nach Loben zumute war, sondern die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit des Lebens bewusst wurde. Ich werde älter; die Restzeit, die noch bleibt, schrumpft. Vieles werde ich nicht mehr verwirklichen können. Die Pandemie schränkt die Kontakte ein. Sie zeigt uns die Zerbrechlichkeit all dessen, was wir aufgebaut haben. Die Gefahr zu erkranken ist allgegenwärtig. Manches wird durch die verordneten Einschränkungen noch mühsamer, als es sowieso schon ist. Was sind wir Menschen schon? Was haben wir auf dieser Erde, auf der nichts bleibt?

Paul Gerhardt wusste offensichtlich, was er hatte, was er geschenkt bekommen hatte, trotz eines Lebens, das sicher beschwerlicher und bedrohter war als das Leben der meisten Deutschen heute. Weil er sich aber der Gaben Gottes gewiss war, konnte er in aller Hinfälligkeit und Vergänglichkeit Gott loben.

Gott ist keine ferne, unbekannte Macht. Wir müssen lernen, dass er bei uns gegenwärtig ist. Nicht so, dass wir ihn sichtbar vor Augen hätten. Nicht so, dass uns nichts Böses widerfahren könnte. Sondern Gott ist da als der unsichtbar in Freude und Leid Gegenwärtige. Er ist die bestimmende Wirklichkeit in der täglichen beschwerlichen Wirklichkeit. Das Beschwerliche bleibt dabei beschwerlich; es bleibt eine bedrückende Wirklichkeit. Aber diese bedrückende Wirklichkeit ist aufgehoben in der Wirklichkeit Gottes. In ihr ist Gott, für uns verborgen, gegenwärtig.

Den sichtbaren Gott gibt es nicht. Den immer und überall rettenden und von uns gefühlten auch nicht. Aber es gibt den unsichtbar unsere Wirklichkeit bestimmenden Gott. Den, der rettet, auch wenn wir ihn nicht fühlen. Am Kreuz wurde kein Gott gefühlt und hat kein Gott vor Schmerz und Tod errettet. Doch der nicht gefühlte Gott war es, der dem Toten das Leben schenkte. Das war die Rettung, die dem Sterbenden so unendlich fern erschien.

Wir fragen uns: Wo ist Gott? Was tut er, wenn wir leiden? Paul Gerhardt antwortet in den Strophen 10 bis 12, indem er Gott direkt anspricht und lobt:

Wenn unser Herze seufzt und schreit,
wirst du gar leicht erweicht
und gibst uns, was uns hoch erfreut
und dir zur Ehr gereicht.

Du zählst, wie oft ein Christe wein
und was sein Kummer sei;
kein Zähr- und Tränlein ist so klein,
du hebst und legst es bei.

Du füllst des Lebens Mangel aus
mit dem, was ewig steht,
und führst uns in des Himmels Haus,
wenn uns die Erd entgeht.

Der Gott, der in Jesus Christus Mensch wurde, ist der Gott, der jede Träne und jeden Kummer kennt, aufhebt und beilegt. Weinen und bekümmert sein sind Gott nichts Fremdes, sind nichts Ungöttliches, sondern umgekehrt: Sie sind Gottes tägliche Wirklichkeit. Dieser Gott ist so bei uns, dass er an unseren Leiden teilnimmt. Wenn aber das Leid für uns nicht nur banale, platte Wirklichkeit ist, sondern Gottes Wirklichkeit, dann erscheint die Wirklichkeit in neuem Licht: Tränen und Kummer müssen wir nicht resigniert hinnehmen. Sie bleiben auch von Gott nicht unbeachtet, weil sie ihm nicht gleichgültig sind. Sondern Tränen und Kummer werden von Gott gesehen, aufgehoben (also in ihrem Gewicht gefühlt), gezählt (also in ihrer Schwere ermessen) und – beiseite gelegt. Tränen und Kummer kommen an die Seite, vom Zentrum ins Abseits, aus den Augen. Damit verlieren sie ihre Macht.

In unserer technisierten Welt hat das Wiegen, Zählen und Messen die Vorherrschaft im Denken und Handeln erlangt. Kein Lebensbereich, in dem nicht gewogen, gezählt und gemessen wird, von den Wissenschaften über das Wirtschaftsleben bis hin zur Körperoptimierung und Dauer-Beurteilung. Das hat seinen Ort, wo es hilfreich und angebracht ist. Wie viel mehr aber ist es, wie viel bedeutender für unser Leben, dass Gott unseren Kummer wägt, unsere Tränen zählt und die Schwere unseres Leids ermisst! Das ist kein kaltes Ausmessen einer Qualität, sondern das ist das Ermessen und Mitfühlen unseres Seelenschmerzes durch ein liebendes Herz. Wir werden von Gott nicht ausgemessen und für gut oder schlecht befunden. Gott lässt sich vielmehr auf das Gute und Schlechte unseres Lebens ein und nimmt an ihm teil.

Dieser Gott erhört unsere Gebete, weiß um unser Seufzen und Schreien und reagiert darauf. Nicht so, dass er alles Leid von uns fernhält; aber so, dass er uns eine bleibende Fülle in allem vergehenden Mangel gibt. Unsere Wirklichkeit, in der Gott gegenwärtig ist, sieht dann so aus, dass der beschwerlichen Wirklichkeit ihre zermürbende Macht genommen ist. Auf die Seite gelegt hat sie keine Zukunft, ist sie schon jetzt vergehende Wirklichkeit – eine Wirklichkeit, die schon im Abgang begriffen ist, weil Gottes Wirklichkeit kommt und schon da ist. Denn das, "was ewig steht", also was ewig Bestand hat, hebt den Mangel auf, den wir hier noch erleben.

Was hat das für Konsequenzen?

Was kränkst du dich in deinem Sinn
und grämst dich Tag und Nacht?
Nimm deine Sorg und wirf sie hin
auf den, der dich gemacht.

Er hat noch niemals was versehn
in seinem Regiment,
nein, was er tut und lässt geschehn,
das nimmt ein gutes End.

Diese beiden Strophen (15 und 17) muss ich mir besonders sagen lassen, der ich manchmal zu sehr in negativen Gefühlen festhänge. Es gibt keinen Grund dazu. Denn ich kann alle Sorgen sozusagen Gott vor die Füße werfen. Bei ihm sind sie gut aufgehoben, das heißt: beachtet, gefühlt und beseitigt. Was jetzt noch drückt, wird ein gutes Ende nehmen. Das ist kein simples Happy End, bei dem am Ende alle glücklich sind. Sondern das Beschwerliche bleibt durchaus bis zum Ende bestehen. Leiden und Sterben sind noch nicht aus der Welt geschafft, aber ihr Ende ist beschlossen, und Gott gibt schon jetzt Trost und Freude. Das Beschwerliche ist beiseite gelegt, es muss abtreten, während Gott uns auf unserem beschwerlichen Weg entgegenkommt und mit uns geht wie Jesus mit den Emmaus-Jüngern (Lk 24,13-35). Am Ende unseres Weges aber oder besser: nach dem Ende dieses Weges besteht nur noch das, was Gott uns gibt. Und das wird nichts Beschwerliches sein.

Solange gilt allerdings dies: Wir müssen das Beschwerliche ertragen. Leid gehört zu unserem Leben. Aber es ist eine Sache, Leid als nun mal unabänderliche Wirklichkeit hinzunehmen – und es ist eine andere Sache, das Leid in die Wirklichkeit Gottes einbezogen zu wissen. Die Wirklichkeit, auch die leidvolle, bekommt im christlichen Glauben ein neues Gesicht: das Gesicht des leidenden und das Leid überwindenden Jesus Christus.

Dem, der an den Gott glaubt, der das Leid überwunden hat, bleibt darum nur das zu tun, wozu uns der Dichter in seiner letzten Strophe (18) mit Blick auf Gott auffordert:

Ei nun, so lass ihn ferner tun
und red ihm nicht darein,
so wirst du hier im Frieden ruhn
und ewig fröhlich sein.


* * * * *





2 Kommentare
Jutta Fernandes
2021-02-17 15:00:20
Lieber Klaus, nach langer langer Zeit melde ich mich mal wieder. uns ging es sehr schlecht, wir lagen im Nov. 3 Wochen mit Corona krank, erst zu Hause, dann im Krankenhaus. Eigentlich hielten mich nur 2 Dinge davon ab, zu sagen : "Herr nimm mich zu Dir", doch jedes Mal. wenn ich so dachte, kam die Antwort: "Es ist noch nicht deine Zeit"! Wir sind beide sehr sehr dankbar, dass wir so gut aus dieser Krankheit raus gekommen sind und die Zeit, die mir jetzt noch bleibt, wird dann hoffentlich noch reichen, die 2 liegen gebliebene Dinge zu beenden, doch ist es noch einiges an Arbeit.
Einmal ist es eine Art Dokumentation in englisch über die Entstehung und Entwicklung der kath. Kirche und dem Entstehen des Protestantismus durch Dr.Martin Luther und die Auswirkungen dieser beiden Institutionen, wie wir sie heute haben mit den Erklärungen der vielen Splitterungen auf beiden Seiten. Der Grund dafür ist, Assis Familie, die ja bis heute bis auf eine Schwester Assis bedrängen, in die kath. Kirche unbedingt vor seinem Tod zurück zu kehren, da er sonst nicht errettet ist, wie sie es bis heute glauben. Nach ihrem Verständnis und wie sie bis heute belehrt werden, wird nur der ewiges Leben haben, der treu zur kath. Kirche steht.
Die 2. "Baustelle" ist mein Buch, dass ich bisher erst fast zur Hälfte für unsere Kinder und Enkelkinder schreibe, darüber, was ich mit Gott erlebt habe, über seine Hilfe, seine Weisungen, seine Wunder:"...,bis hier her mir geholfen".
Und da bin ich bei Deiner letzten Mitteilung über Wirklichkeit, Leid, Trost, vom Anfang des Monats, die mich sehr getröstet hat und total in meine Situation spricht. Ja, Gott kümmert sich, er sieht das Chaos, was wir manchmal in uns tragen. Und da geht es mir so wie Dir: Ich habe eine Unmenge Texte von Kirchenliedern während meiner Schulzeit gelernt und kann sie immer noch auswendig. Ich bin immer gern donnerstags in den freiwilligen Gottesdienst der evang. Kirche in Herne gegangen, allein schon wegen der schönen Kirchenlieder und da fällt mir gerade der Vers ein, auch von Paul Gerhard, wo ich an meine momentane Situation denke, die nun doch schon länger andauert, wie ich Dir wohl schon mal mitgeteilt habe: ..."mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein!
Ja, es ist nicht nur eine Situation wo ich bedrängt werde, endlich eine Entscheidung zu treffen, die ich mit gutem Gewissen nicht ohne Gottes Weisung treffen kann, weil Er noch keine sichtbare Tür geöffnet hat. Es ist die Sache mit unserem Umzug. Ich sehe es heute als eine meiner größten Prüfungen an, denn ich sehe noch kein "Geh" vielmehr aber: "Vertraust du mir wirklich, auch wenn es lange dauert, dass ich auch im letzten Moment Wunder wirken kann"? Das ist schwer, anderen zu vermitteln. Danke noch einmal für Deine ermutigenden hilfreichen Worte! Ich habe vieles von Dir noch nicht gelesen, aber ich bin gewiss, dass ich noch Zeit bekomme, auch das zu lesen und auch von mir hören lasse, es ist gut aufbewahrt! Herzlichst Jutta
2021-02-17 17:19:31
Liebe Jutta,

vielen Dank für deine Nachricht. Ich freue mich, von dir zu hören, auch wenn es nicht nur gute Nachrichten sind. Ich habe manches Mal an euch gedacht, aber dass ihr an Corona erkrankt, habe ich natürlich nicht vermutet. Umso mehr bin ich froh und dankbar, dass ihr die Krankheit überstanden habt.

Es ist natürlich schade, dass Assis von seiner Familie unter Druck gesetzt wird, aber es ist auch schade, dass es immer noch Menschen gibt, die so denken wie seine Familie. Das ist eine Anschauung, die viele Katholiken bei uns in Deutschland gar nicht mehr vertreten, auch katholische Theologieprofessoren und Priester nicht. Ich würde sogar vermuten, dass nicht einmal Papst Franziskus die Ansicht vertritt, dass nur diejenigen das ewige Leben bekommen, die der katholischen Kirche angehören. Auf der Seite der Vatikan-News steht: "Alle Glieder der christlichen Familie ermutigte der Papst zu Einheit und Geschwisterlichkeit: 'Bleiben wir vereint in Christus: der Heilige Geist, der in unsere Herzen ausgegossen ist, möge uns wahrhaben lassen, dass wir Kinder des Vaters sind, Brüder und Schwestern untereinander, Brüder und Schwestern in der einzigen Menschheitsfamilie.'" Vielleicht müsste man solche Ansichten hoher katholischer Funktionsträger mal der Familie von Assis mitteilen. Aber es kann sein, dass auch dies sie nicht überzeugen würde.

Manchmal stehen wir vor schweren Entscheidungen und kommen nicht voran. Dann können wir nur darum bitten, dass Gott uns auf den richtigen Weg lenken möge. Trotzdem müssen wir selbst die Entscheidung treffen. Was aber, wenn wir hin und hergerissen sind und keine Entscheidung treffen können? Dann können wir zunächst nur abwarten und beten, aber auch Gespräche führen mit Menschen unseres Vertrauens. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gespräche immer weiterführen und dass man sich durch sie auch der eigenen Gedanken und Gefühle bewusst wird. Allein das Aussprechen führt manchmal schon dazu, dass man einer Entscheidung näherkommt. Weil ihr die Entscheidung als Christen treffen wollt, steht euch auch der Weg zu einer christlichen Lebensberaterin offen, von denen es ja auch in Siegen mehrere gibt. Gott spricht manchmal auch durch andere Menschen zu uns, und so können schon einige wenige solcher Gespräche durchaus hilfreich sein.

Es freut mich, dass mein Artikel „Verborgene Wirklichkeit" für dich ermutigend war. Seid beide getrost, dass Gott euch zu seiner Zeit zu einer Entscheidung kommen lassen wird. Hängt euer Herz nicht an das, was war, aber auch nicht an das, was kommen soll, sondern an den Herrn, der eure Vergangenheit und Zukunft in seinen Händen hält und euch zu einem guten Ziel führen wird.

Viele Grüße an euch beide
Klaus
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