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Velo statt Heiligsblechle

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie to go · 6 Mai 2022
Tags: KriegNachhaltigkeit

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Velo statt Heiligsblechle
Klaus Straßburg | 06/05/2022

In den letzten Wochen blicke ich öfter zum Himmel auf als zuvor. Nicht, weil er so schön blau ist, sondern weil ich von oben her ein an- und abschwellendes Grollen vernehme. Manchmal ist nichts zu sehen, manchmal schon: Ein ferner Vogel glitzert silbern in der Sonne und durchzieht das Himmelblau, einen weißen Kondenzstreifen hinterlassend. Das passiert jetzt viel öfter als noch vor wenigen Monaten.

Vor wenigen Monaten hatten wir ja auch noch keine Zeitenwende. Jetzt aber hat der Bundeskanzler sie ausgerufen, und darum probt die Luftwaffe oder die amerikanische Air Force nun den Krieg. Das müssen sie auch, wenn sie Stärke demonstrieren wollen. Denn der Feind schaut zu, und all den markigen Worten müssen nun auch handfeste Taten folgen. Soll der Feind ruhig sehen, wie wir uns auf den Krieg vorbereiten!

Ich habe, wenn ich gen Himmel schaue, ganz andere Gedanken. Ich denke nämlich an das 1,5-Grad-Ziel, das die Weltgemeinschaft (welche?) sich als Begrenzung des CO2-Ausstoßes vorgenommen hat. Ich sehe schon, wie sich dieses hehre Ziel in Luft – sorry, in CO2 auflöst.

Natürlich vor allem durch den russischen Angriff. Krieg tötet eben auf allen Ebenen. Wie viel CO2 muss es kosten, all die Panzer, Geräte, Waffen, Soldaten etc. zur Ukraine zu schaffen! Wie viel CO2 setzt wohl ein einziger Raketeneinschlag frei? Ich habe keine Ahnung. Es muss aber eine Menge sein.

Da sitzt nun der kleine Klaus und blickt zum grollenden Himmel. "Warum fahre ich eigentlich immer noch so viel mit dem Fahrrad?" fragt er sich. "Warum mache ich mir die Mühe und lasse das Auto in der Garage, um bei Wind und Wetter, auch im kalten Winter, das Rad zu benutzen und ein bisschen, nur ein klein bisschen CO2 einzusparen?"

Es ist doch so: Im Vergleich zu dem, was der Krieg gerade an CO2 freisetzt, ist das, was ich an CO2 einspare – ein Klacks, ein Tropfen auf den heißen Stein bzw. den heißen Planeten. Also eigentlich nichts, komplett zu vernachlässigen. Ein einziger Bundeswehr-Übungsflug macht wahrscheinlich all das zunichte, was ich in mehreren Monaten (oder gar Jahren?!) mühsam auf meinem Velo an CO2 eingespart habe.

Da kommt mir schon mal der Gedanke, jetzt auch nicht mehr zu sparen. Warum soll ich Kleiner das geraderücken, was die Großen in Moskau und Berlin und überall verbockt haben? Ich kann doch sowieso nichts daran ändern mit meinen paar Fahrradkilometern. Darüber lachen die sich doch kaputt!

Die meisten Leute setzen sich sowieso täglich in ihr Heiligsblechle (schwäbischer Ausdruck für Auto), ohne sich über irgendetwas Gedanken zu machen. Die vielen stahlglänzenden Vögel über uns werden sie nicht gerade motivieren, ihr Verhalten zu ändern. Im Gegenteil: Was die da oben dürfen, das dürfen wir hier unten auch!

So ist das Leben. Und ich?

Ich werde mich trotzdem weiter aufs Velo schwingen, auch wenn ich gerade mal überhaupt keine Lust dazu habe.

Warum ich mir das antue? Vielleicht weil ich nicht mitschuldig werden möchte? Aber das bin ich ja sowieso schon. Ich habe mich ja auch oft genug ins Heiligsblechle gesetzt und sogar in den Flieger und habe gedankenlos konsumiert. Ich komme also um Schuld nicht herum. Aber ich möchte nicht noch mehr Schuld auf mich laden – und bei den kommenden Generationen abladen.

Die Gefahr, träge zu werden, ist ja allgegenwärtig. Und wir sind sehr gut darin, Gründe zu erfinden, warum etwas nicht geht oder keinen Sinn macht.

Das wusste wahrscheinlich auch Paulus, als er schrieb:

Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun! Denn zu seiner Zeit werden wir ernten, wenn wir nicht ermatten.
(Gal 6,9)

Freuen wir uns also auf die Ernte! Auch wenn nicht wir, sondern erst unsere Kinder und Enkel die Ernte einfahren werden.

Denn eine wahre Zeitenwende wird durch Gott gemacht. Und der ist nicht von unseren Dummheiten abhängig. Er kann die Zeiten zum Guten wenden, auch wenn wir beständig dagegen arbeiten. Nur mit diesem Zutrauen ist es sinnvoll, aller scheinbaren Sinnlosigkeit zum Trotz immer wieder einen kühlen Tropfen auf den heißen Planeten fallen zu lassen.

So werde ich also weiterhin fröhlich meine Beinmuskeln trainieren. Und daran denken, dass, so Gott will, aus der kleinsten Tat etwas richtig Gutes werden kann. Wie Jesus verheißen hat, dass aus dem kleinsten Samenkorn ein großer Strauch wird, in dessen Schatten die anderen Vögel, die lebendigen und Leben zeugenden des Himmels, ihre Nester bauen (Mk 4,30-32).


* * * * *





2 Kommentare
2022-05-09 09:33:59
Lieber Klaus

nicht müde zu werden und zu ermatten, ist schon eine große Herausforderung. Ich denke, wenn man in einer gleichgesinnten Gemeinschaft ist, dann fällt das einem leichter, da man sich sonst leicht von der Mehrheit, den Mächtigen, den Gierigen, den Ängstlichen die Kraft rauben lassen könnte.
2022-05-09 20:36:45
Lieber Pneuma,

ja, das stimmt. Gegen das Ermüden und Ermatten hilft die christliche Gemeinschaft, aber auch das Lesen der Bibel, das Beten und das Hineinwachsen in ein immer größeres Vertrauen zu Jesus und darauf, dass das Reich Gottes im Kleinen und Unscheinbaren wächst. Dieses Vertrauen können wir nicht selber machen, sondern es muss uns geschenkt werden.

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