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Über das Staunen

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie kompakt · 2 März 2021
Tags: StaunenSchöpfungGotteslobWunderGotteserfahrung

T h e o l o g i e   k o m p a k t
Über das Staunen
Klaus Straßburg | 03/03/2021

Das Staunen fällt uns schwer in unserer schnelllebigen und geschäftigen Zeit. Staunen bedeutet innehalten, sich unterbrechen lassen, eine Wahrnehmung in sich wachsen lassen und so angerührt und bewegt werden.

Nicht das Spektakuläre, sondern das Alltägliche wird dann zum Staunenswerten. Das Spektakuläre schreit laut und macht sich breit, verdrängt mit Macht alles andere. Es taucht plötzlich auf und verschwindet ebenso schnell wieder. Das Alltägliche aber ist einfach da, still und unaufdringlich. Nicht es hat sich verändert, sondern unser Sinn für es: Wir nehmen das Ungewöhnliche im Alltäglichen wahr.

Dann beginnen wir zu staunen. Alles kann Anlass zum Staunen werden, wenn wir dazu bereit sind. Die in Grüntönen schimmernde Wiese. Die durch ein Geäst scheinende Sonne. Der Schattenwurf eines Busches. Ein Käfer. Ein Schmetterling. Das Gurren einer Taube. Ein Musikstück. Ein Wort. Ein Stein. Ein Regentropfen. Der Mensch neben mir: Seine Hand. Seine Augen. Seine Falten. Seine Stimme.

Aber auch die Geschichte kann Anlass zum Staunen werden. Die alles umfassende Weltgeschichte und unsere kleine, eng begrenzte Lebensgeschichte. Dass ich entstanden bin. Dass ich bin, was ich geworden bin, einen Weg gegangen bin bis zu dem Ort, an dem ich heute stehe. Dass Menschen da waren, die mich begleiteten und mir halfen. Dass ich bewahrt wurde und mein Herz noch schlägt, so unzählige Male.

Wenn wir staunen, ist der Regentropfen weit mehr als einige miteinander verbundene Wassermoleküle. Was uns staunen lässt, entzieht sich der Berechnung. Es wirkt direkt auf uns, ohne dass ein Tun von uns dazwischentreten müsste.

Der zum Tun verurteilte oder sich selbst verurteilende Mensch muss immer dazwischentreten. Er kann sich nicht unmittelbar dem anderen überlassen. Sein unaufhörliches Tun lässt keine unmittelbare Begegnung zu, sondern macht alles zum Gegen-Stand. Alles, was ist, muss einem Zweck dienen und wird so selbst zum Zweck. Es darf nicht sein, was es ist.

Martin Buber hat unsere Erfahrung von einer Beziehung unterschieden: „Man sagt, der Mensch erfahre seine Welt. Was heißt das? Der Mensch befährt die Fläche der Dinge und erfährt sie. Er holt sich aus ihnen ein Wissen und ihre Beschaffenheit, eine Erfahrung. Er erfährt, was an den Dingen ist."* Davon unterscheidet Buber die Beziehung, die das Weltliche nicht erfährt, sondern es unmittelbar wahrnimmt, seine Wahrheit aufnimmt und so ihm begegnet.

Ohne eine solche Beziehung zur Welt, die das Gegenständliche übersteigt, können wir das Göttliche in ihr nicht finden. Was wir in der Erfahrung finden, wird nichts sein als gegenständliche Welt. Das Göttliche der Welt, Gott im Weltlichen bleibt verborgen.

Dabei soll alles in der Welt seinen Schöpfer loben: Sonne, Mond und Sterne, Himmel und Erde, das Unsichtbare und Sichtbare, Berge und Hügel, Vögel und Gewürm, Mächtige und Machtlose, Junge und Alte, aber auch Feuer und Hagel, Sturm und Fluten, also auch das Bedrohliche – alles ist ausgerichtet, Gott zu loben (Ps 148). Und wir können dieses Lob vernehmen, wenn wir Augen haben zu sehen.

Gott wird uns nicht als GOTT begegnen, in einer imponierenden Göttlichkeit und Herrlichkeit. Er begegnet als Gott im Weltlichen, Schwachen, Sterblichen. So wird das Weltliche zum Gleichnis für ihn, es verweist auf ihn. Im Staunen über dieses Weltliche kann es geschehen, dass er uns aufgeht. Dass wir uns unterbrechen lassen. Dass wir offen sind. Dass wir innehalten, kein Geschehen anstoßen, sondern warten, bis es geschieht. Hier gibt es kein Muss, hier ist alles unverfügbar. Es kann geschehen, dass wir die Welt schauen, uns anrühren lassen und bewegt werden von ihrem Geheimnis.

Dann wird uns das Weltliche durchsichtig für das Göttliche. Für die Macht der Liebe, die es lobt und über die man nur staunen kann.


* Martin Buber: Ich und Du. In: Das dialogische Prinzip. Lambert Schneider im Bleicher Verlag Gerlingen.
8. Aufl. 1997. Seite 9.


* * * * *






9 Kommentare
Jochen
2021-03-04 14:18:18
Hallo Klaus,
zum Staunen gibt es ein Zitat von Chesterton: "The world will never starve for want of wonders; but only for want of wonder." Danach mangele es der Welt nicht an Wundern, sondern es mangelt ihr an Staunen.
Als ich in den ersten Semestern Physik war, gab es einen Professor, der seine erste Vorlesung damit begann, uns Studenten staunen zu lassen. Es war sozusagen eine erste Kontaktaufnahme, ohne alles zu verstehen zu müssen/können. Ich habe das übernommen, allerdings muss man zugeben, dass die Gleichgültigkeit überwiegt. Gleichgültigkeit steht nicht nur dem Glauben entgegen, sondern auch dem Wissen. Und wir sind nicht nur in einer Glaubens-Krise (wie man ja überall hört), sondern ebensosehr in einer tiefen Wissens-Krise (was gern verschwiegen wird). Und daran schließt sich dann unmittelbar die Sinn-Krise an. Und weil der Mensch ein Sinn-Sucher ist und davon lebt, Sinn vorzufinden, ist es eine Daseins-Krise.
Die digitale Glitzerwelt, habe ich den Eindruck, will nicht dass es beim Staunen bleibt. Sie will uns als Konsumenten eher mit ihren Bildern betäuben, dass wir das tun was ihre Erzeuger wollen. Meistens geht es um Geld.

Du schreibt viele wunderbare Sachen über die Natur. Manchmal kommt es mir allerdings ein bischen wie Eskapismus vor. Neulich etwa als Du über Tierschutz und Corona geschrieben hast, da hatte ich kurz die Vision einer schön intakten Natur mit perfekten Klima-Daten und lauter achtsamen Menschen, die in ihr leben. Diese Natur hatte einen nach aussen nicht sichtbaren Maschinen-Raum, der voller High-Tech-Bioscience und Genmanipulation war. Wer über die Welt staunt, kommt darüber nicht hinweg, bestimmte Dinge tiefer zu hinterfragen als es opportun ist.
2021-03-04 16:50:50
Hallo Klaus,

danke für diesen sehr anregenden Beitrag. Staunen spielt für mich eine wichtige Rolle, ganz allgemein und speziell in der Glaubens- und Wissensentwicklung.

Ich kann nicht aufhören, über die Entwicklung von Leben aus unbelebter Materie zu staunen, auch wenn man inzwischen viele Teilschritte davon erklären kann. Ebenso staune ich angesichts eines Sternenhimmels in einer klaren Nacht und bei möglichst wenig künstlicher Beleuchtung.

Und ich staune, dass anscheinend ein jüdischer Zimmermann und Wanderprediger den Stein der Weisen gefunden hat, was das Zwischenmenschliche angeht, dass er dafür umgebracht wurde, ohne dass er eine geschriebene Zeile hinterlassen konnte, und dass wir trotzdem von ihm wissen.

Viele Grüße

Thomas
2021-03-04 17:25:32
@ Jochen:

Ich finde den Gedanken sehr interessant, Gleichgültigkeit stehe nicht nur dem Glauben entgegen, sondern auch dem Wissen. Kannst du das noch etwas erläutern? Es gibt ja mehrere Arten von "Wissen" und auch ganz unterschiedliche Wissensgebiete. Welche Art von "Wissen" oder welcher Mangel an Wissen führt deiner Meinung nach zur Sinn- und Daseinskrise? Vielleicht kannst du ja ein Beispiel nennen, damit es mir deutlicher wird. Deine Kritik an der digitalen oder künstlichen Glitzerwelt kann ich gut nachvollziehen.

Ich weiß nicht, ob ich deinen letzten Absatz richtig verstehe. Ich könnte mir vorstellen, du meinst: Mit ein bisschen Tierschutz ist es nicht getan, das Problem liegt viel tiefer, nämlich in der Gottesferne der Menschen. Darin kann ich dir nur voll zustimmen. Ich halte es aber für wichtig, konkrete Folgen dieser Gottesferne aufzuzeigen, wie es ja in den biblischen Schriften auch immer wieder geschieht. Es reicht ja nicht, die Menschen immer wieder auf ihre Gottesferne anzusprechen, sondern man muss ihnen und auch sich selbst (!) doch immer wieder sagen, welche Folgen es hätte, wenn wir Gott näher wären. Was wäre anders, wenn mein / unser Glaube kräftig wäre? Wie würde unsere Welt dann aussehen? Ich finde, das sind berechtigte Fragen, auch um nicht in der Fixierung auf das Böse hängenzubleiben. Aber vielleicht hast du noch andere Gedanken dazu, die ich nicht berücksichtigt habe ...
2021-03-04 17:40:37
@ Thomas:

Ja, man kann über ganz viele Dinge staunen. Die Gedanken meines Beitrags sind vorgestern auf einer sonnigen Bank am Waldrand entstanden, mit Blick auf ein etwas tiefer liegendes Dorf mit seinen Wiesen und Häusern und dem gegenüber liegenden Berg. Die Gedanken kamen einfach "auf mich zugeflogen". Da ich kein Papier dabei hatte, nahm ich ein Buch, in dem ich eigentlich hatte lesen wollen, aus dem Rucksack und notierte mit einem Bleistift beinahe den ganzen Artikel in seinen Grundgedanken auf einer leeren Seite am Ende des Buches. Es war eine typische Situation des Staunens, die uns über alles rein technische Wissen hinaushebt.
Jochen
2021-03-09 13:56:47
Hallo Klaus,
Entschuldigung, das hat jetzt etwas länger gedauert. Dass Gleichgültigkeit dem Wissen entgegensteht, ist zunächst meine Alltagserfahrung. Ein Pfarrer hat mal in einer Predigt gesagt: "Wir beantworten Fragen die kaum jemand stellt". Das gilt m. E. auch für den Bereich der Wissenschaft. Auf der Suche nach Ursachen für diese Gleichgültigkeit habe ich herausgefunden, dass die Ursachen teilweise durch die Wissenschaft selbst bedingt sind:

1. Wissen segmentiert hoffnungslos in Fachwissen ("Wir wissen immer mehr von nichts").
2. Sehr mühsame Verständlichkeit des Wissens in der jeweiligen Fachsprache.
Bei der Übersetzung in die Sprache des Alltags geht allerdings Information verloren
3. Das Wissen der Menschheit zirkuliert zunehmend in exklusiven Experten-Kreisen und geht nicht in die Breite der Bevölkerung
4. Man findet sich bequemerweise damit ab, dass Wissen ausgelagert wird. Es ist also eigentlich nur virtuelles Wissen. Der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung ist die künstliche Intelligenz. Man empfindet nicht mehr das Bedürfnis selbst solche Dinge verstehen zu wollen.
5. Die Aneignung von Wissen kostet Energie, das Abhandenkommen von Wissen (Vergessen, Verlust v. Information) scheint dagegen ein natürlicher Vorgang zu sein.

Das Staunen wäre, sozusagen, die erste Morgendämmerung des Erkennens, die Aufwärtsbewegung des Menschen aus seinem selbstgenügsamen Loch. Das Vergessen hingegen wäre dagegen sowas wie der Einbruch der Nacht.
Die Sinn-Krise ergibt sich also m. E. schon daraus, dass Verlust des Wissens, also das Vergessen, in die Krise führen kann, obwohl das natürlich unterschiedlich wahrgenommen wird.
Da Du nach einem Beispiel fragst würde ich Geschichte, die Du im Beitrag auch nennst, aufgreifen. Wenn das Geschichts-Bewußtsein in einer Bevölkerung weitgehend abhanden kommt,
führt das m. E. in die Daseins-Krise. Dazu gehört das Wegbrechen von Traditionen, der Verlust von Sprache (Dialekte), der Verfall dörflicher Strukturen. Eine andere Form der Sinn-Krise folgt m. E. aus dem Abhandenkommen des Wahrheitsanspruchs durch den Relativismus in der Gegenwart, was schon mal als Kapitulation der Vernunft bezeichnet worden ist.


Tatsächlich meinte ich dass es mit ein bisschen Tierschutz nicht getan ist. Den Tieren ihren Raum lassen halte ich für sehr wichtig. Aber die Frage im Zusammenhang mit Krankheiten wie
Corona muss gestellt werden dürfen, ob die Menschheit/die Forschung ein biotechnologisches Tschernobyl fabriziert hat. Biosafety scheint in diesem Zusammenhang ein Tabubegriff zu
sein. Und das ist für mich schwer zu verstehen, wie man das zusammenkriegt: einerseits das Bedürfnis von unberührter Natur umgeben zu sein, andererseits die Akzeptanz von Methoden, die
hinter Akronymen wie HEK293/CRISPR-Cas/gRNA stehen.

PS.: Die Auseinandersetzung mit Buber finde ich super. Solche Beiträge lese ich sehr gerne.
2021-03-09 17:44:36
Hallo Jochen,

das macht gar nichts, wenn es mal etwas länger dauert, kein Stress!

Wie ich schon schrieb, finde ich den Gedanken sehr interessant, dass die Gleichgültigkeit dem Wissen gegenüberstehe. Ich verstehe jetzt, was du damit meinst. Was du unter den Punkten 1-5 aufführst, kann ich 1:1 auf das Glaubenswissen übertragen. Ich versuche hier im Blog, ein wenig theologisches Wissen allgemeinverständlich zu vermitteln, ohne dass wesentliche Informationen verloren gehen. Ich beobachte aber auch, dass das viele Menschen gar nicht interessiert. Es ist, wie du sagst: Man lagert das theologische Wissen aus (in diesem Fall an die Pfarrer*innen), weil das bequem ist oder (eine weitere Möglichkeit) man hält sich an das, was man im Konfirmandenunterricht gelernt hat und bleibt auf diesem Stand bis zum Lebensende stehen. Eine dritte Möglichkeit besteht noch darin, sich in einer bestimmten theologischen Blase aufzuhalten, so dass man sowieso schon weiß, was richtig und falsch ist und sich nicht mehr informieren muss. Das gilt sicher nicht für alle Menschen, aber es sind auch nicht wenige. Das Staunen wäre dann, wie du schön formulierst, "die erste Morgendämmerung des Erkennens", und zwar des Erkennens des Reichtums der biblischen Schriften, der Fülle der Weisheit, die in ihnen steckt und der Größe der Gnade Gottes.

Obwohl ich nicht sehr traditionsverbunden bin, kann ich verstehen, dass das Wegbrechen von Traditionen Unsicherheit bedeutet, ebenso wie der Verfall dörflicher Strukturen. Man könnte wohl noch viel mehr nennen, was zur Verunsicherung beiträgt. Dazu gehört sicher auch das Abhandenkommen des Wahrheitsanspruchs, der heute oft in Gesprächen proklamiert wird, wobei sich viele Menschen als besonders kritisch Denkende fühlen.

Deine Hinweise auf "ein biotechnisches Tschernobyl" (also eine Katastrophe) und auf "Biosafety" finde ich sehr interessant, habe aber leider kein Wissen darüber. Wird das in den Naturwissenschaften ernsthaft diskutiert? Gibt es Konzepte für Biosafety? Wenn du magst und Zeit hast, kannst du ja noch etwas mehr dazu schreiben.

Viele Grüße
Klaus

Danke auch für den Hinweis auf meinen kurzen Buber-Abschnitt. Das ist für mich wichtig, weil ich dann die Interessen der Lesenden besser einschätzen kann. Vielleicht kann ich ja mal einen Artikel über Buber schreiben.
2021-03-10 13:56:42
Ergänzung: Inzwischen habe ich mit meiner Frau (sie ist Biologin) über "Biosafety" gesprochen. Ich vermute jetzt, dass du damit Labor- oder Produktionssicherheit meintest. Jetzt ist mir auch klar, was du mit "biotechnologischem Tschernobyl" sagen wolltest. Die Unsicherheit betrifft sicher die technologischen Anlagen, beginnt aber vielleicht schon früher, nämlich dort, wo in den Lebensbereich der Tiere eingegriffen wird und wo Mensch und Tier einander zu nahe kommen. Ich denke, dass es auch nicht nur um Sicherheit für die Menschheit gehen sollte, sondern ganz unabhängig davon auch um Sicherheit und Wohlergehen der Tiere. Aber ich denke, dass du das auch so siehst.
Jochen
2021-03-12 15:03:49
Hallo Klaus,
vielen Dank für die Ergänzung. Ich sehe das in der Tat genauso. Der Respekt vor allem was zwei Augen hat steht auf dem Spiel. Es gibt ein schönes Gedicht von Robert Burns (1785): "To a mouse" -- das meiste ist wegen des schottischen Dialekts schwer zu verstehen, aber mindestens die zweite Strophe sollte klar sein: I'm truly sorry man's dominion, has broken nature's social union ..
(link: https://www.poetryfoundation.org/poems/43816/to-a-mouse-56d222ab36e33 )
2021-03-12 16:28:30
Danke, ein schöner Gedichtvers. "Nature's social union" - das muss ich mir merken. Wir denken ja bei "social" immer nur an Menschen.
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