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Theorien über die Hölle

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Veröffentlicht von in Theologie verständlich · 8 Juni 2024
Tags: HölleStrafeJüngstes_GerichtTodEwigkeit

Theorien über die Hölle
Mit einem Blick auf Sartres "Die Hölle, das sind die anderen"
Klaus Straßburg | 08/06/2024

Der christliche Glaube wird wohl von den meisten Menschen damit in Verbindung gebracht, dass am Ende des irdischen Lebens die Hölle droht, also ewig andauernde Qualen für diejenigen Menschen, die den Anforderungen Gottes nicht gerecht geworden sind.

Jahrhunderte hindurch wurde diese Lehre aktiv von den Kirchen verbreitet, und zwar auch, um daraus Kapital zu schlagen – im wahrsten Sinne des Wortes. Erst seit der Aufklärung wird die Vorstellung einer Angst einflößenden Hölle kritisiert, und mit zunehmender Säkularisierung ist ein Ort ewiger Qualen für viele Menschen nur noch ein Argument gegen den christlichen Glauben: Einem Gott, der einen Großteil der Menschen ewigen Qualen aussetzt, kann man seine Gnade und Liebe nicht abnehmen; von solch einem Gott muss man sich vielmehr distanzieren.

Doch gibt es in der Christenheit sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Hölle. Darum lohnt es zu fragen, was die Bibel eigentlich über das, was wir "Hölle" nennen, sagt und welche Theorien über die Hölle in der Christenheit heute vertreten werden. Außerdem werde ich einen Blick auf ein diesseitiges Verständnis der Hölle werfen, wie es Jean-Paul Sartre in seinem Theaterstück "Geschlossene Gesellschaft" mit der These ausgedrückt hat: "Die Hölle, das sind die anderen".


1. Biblische Aussagen über die "Hölle"

Im Alten Testament gibt es den hebräischen Ausdruck scheól. Er meint einen Ort der Finsternis, an dem die Toten sich aufhalten. In der Theologie ist bis heute umstritten, ob dieser Ausdruck "Totenreich" bedeutet oder auch mit "Hölle" übersetzt werden kann. In den neueren Bibelübersetzungen wird er meist mit "Totenreich" wiedergegeben.

Nach Pred/Koh 9,5.10b passiert eigentlich an diesem Ort nichts: Die Toten wissen, tun und planen nichts, sie haben weder Erkenntnis noch Weisheit und sind dem Vergessen preisgegeben. Die Toten werden Gott weder danken noch ihn loben (Ps 6,6; 115,17).

Das hebräische scheól wurde in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der sogenannten Septuaginta, mit dem Wort hádes übersetzt. Dieser Begriff stammt aus der griechischen Mythologie und bezeichnet dort den Ort der Toten, über den der Gott Hades herrscht. Die Toten existieren dort als Schatten. Wer zu Lebzeiten gegen die Götter gehandelt hatte, wurde nach griechischer Vorstellung in den tiefsten Hades verstoßen, den tártaros, wo er ewige Qualen erleiden musste. Neuere Bibelübersetzungen geben das Wort meist mit "Totenwelt" oder "Unterwelt" wider.

Ein weiterer neutestamentlicher Begriff in diesem Zusammenhang ist géenna, deutsch "Gehenna", eine Übersetzung des hebräischen ge-hinnom, deutsch "Tal von Hinnom". Das Wort ist ein Ortsname und bezeichnet ein südlich von Jerusalem gelegenes Tal. Zur Zeit des israelischen Königtums wurden dort nach kanaanäischem Brauch Kinder geopfert, indem sie verbrannt wurden. Der Prophet Jeremia verurteilte das scharf und bezeichnete das Tal als einen künftigen Strafort für Israel (Jer 7,31f; 19,5).

Dieses Wort wird in den Übersetzungen des Neuen Testaments mit "Hölle" wiedergegeben. Es ist ein Ort, an dem nach biblischer Vorstellung die Würmer nicht sterben und das Feuer nicht verlöscht (Mk 9,48), ein Ort, an dem Gott Leib und Seele verderben kann (Mt 10,28).

Auch wo keiner der oben genannten Begriffe benutzt wird, spricht das Neue Testament davon, dass die Ungläubigen in die Finsternis und die Übeltäter in den Feuerofen geworfen werden (Mt 8,12; 13,42.50). An anderen Stellen ist von einem unauslöschlichen oder ewigen Feuer die Rede (Mt 3,12; 18,8; 25,41). Die Offenbarung des Johannes spricht von einem "Feuersee" und deutet ihn als den "zweiten Tod" (Offb 20,14). Das Matthäusevangelium sagt denen, die sich unbarmherzig verhalten haben, eine ewige Züchtigung oder ewige Strafe voraus (Mt 25,46). Paulus spricht ohne nähere Erläuterung vom Verderben oder von der Vernichtung der Ungläubigen (Röm 9,22; vgl. Mt 7,13).

Insgesamt fällt auf, dass die Aussagen über die Hölle in der Bibel nicht so zahlreich sind, wie es ihre Rolle in der christlichen Frömmigkeit vermuten lassen könnte. Anders formuliert: Die herausragende Rolle der Hölle in manchen christlichen Strömungen steht in einem seltsamen Missverhältnis zu ihrem relativ begrenzten Vorkommen in der Bibel.

Außerdem deuten viele Aussagen das Geschehen in der Hölle nur an: Unter einem "Verderben" oder einer "Vernichtung" des Menschen in der Hölle kann man sich Vieles vorstellen. Die Aussage vom Feuer ist ein Bild, das in den biblischen Aussagen nicht unbedingt meint, dass ein Mensch zu Asche verbrennt. Was aber ist dann genau mit diesem Feuer gemeint? Worin die ewigen "Züchtigungen" oder "Strafen" bestehen, wird in der Bibel nicht konkret ausgeführt – anders als in manchen kirchlichen Darstellungen vergangener Jahrhunderte.

Es lässt sich aber nicht leugnen, dass es Aussagen über ewige Qualen in der Bibel gibt, und man muss deshalb theologisch dazu Stellung nehmen. Die Christenheit hat das durch verschieden Theorien getan.


2. Theorien über die Hölle

a) Ewige Qualen

Gemeinhin wird die Hölle als ein Ort verstanden, an dem die ungläubigen Menschen und reuelosen Übeltäter nach ihrem Tod in alle Ewigkeit unerträgliche Qualen erleiden müssen, weil sie im Jüngsten Gericht von Gott dazu verurteilt wurden. Das sei die Strafe für ihre Sünden, so wird gesagt. Für zeitlich begrenzte Verfehlungen seien also ewig andauernde Strafen vorgesehen.

Man kann fragen, ob bei einem solchen Verständnis der Hölle die Verhältnismäßigkeit gewahrt ist: Ist es gerecht, dass jemand, der in seinem irdischen Leben, also für eine begrenzte Zeit, nicht an Gott geglaubt und seinen Mitmenschen Leid zugefügt hat, mit ewigen Qualen bestraft wird?

Eine andere Frage wäre, wie es mit dem biblischen Glauben an einen liebevollen und gnädigen Gott zu vereinbaren ist, dass dieser Gott seine Geschöpfe schwersten endlosen Qualen aussetzt. Sieht so Gottes Liebe und Gnade aus, oder wäre das nicht vielmehr lieblos und ungnädig?

Es kann auch zum Problem werden, dass es, wenn es eine Hölle gibt, niemand sicher sein kann, ob er nicht am Ende in ihr landet. Denn niemand kann für sich selbst garantieren und das Urteil Gottes über sich vorwegnehmen. Kein Mensch kann sicher sein, dass sein eigener Glaube groß genug ist, um nicht zu den Höllenstrafen verurteilt zu werden. Es gibt also, wenn es eine Hölle gibt und man nicht wissen kann, ob man ihr entgehen wird, keine Heilsgewissheit.

Außerdem lassen sich etliche Bibelstellen anführen, die in eine andere Richtung zu weisen scheinen. Mehrmals wird in der Bibel in Aussicht gestellt, dass sich am Ende alle Menschen zu Jesus Christus bzw. Gott bekennen und vor ihnen auf die Knie fallen werden (Jes 45,23-25; Röm 14,11; Phil 2,10f; Offb 5,13). Ist es aber denkbar, dass auch solche Menschen in die Hölle verdammt werden?

Man könnte auch 1Kor 15,28 anführen, wo gesagt wird, dass Gott am Ende "alles in allem" sein wird, oder Offb 22,3, wo es heißt: "Alles Verfluchte wird nicht mehr sein." Wenn aber Gott alles und nichts Verfluchtes mehr sein wird – wie kann dann noch eine Hölle sein?


b) Das Fegefeuer

Die katholische Lehre kennt das "Fegefeuer", in welchem die Menschen, die nach ihrem Tod nicht sofort in den "Himmel" kommen, geläutert werden. Der Verstorbene weiß im Fegefeuer bereits um Gottes Gnade, weiß aber zugleich auch darum, dass er ihrer nicht würdig ist, und bereut seine Sünden zutiefst. Das Ertragen der Diskrepanz zwischen Gottes Gnade und seiner eigenen Unwürdigkeit macht seine Qual aus. Durch diese Qual und seine Reue wird er für den "Himmel" geläutert.

Das Fegefeuer ist nicht die Hölle, sondern ein Ort vorübergehender Qualen. Die traditionell herangezogenen Bibelstellen sind 2Makk 12,43–45 und 1Kor 3,13–15. Das 2. Makkabäerbuch ist ein apokryphes Buch und gehört in der evangelischen Kirche nicht zum Alten Testament. Die Stelle aus 1Kor ist nach heute gängiger Meinung der wissenschaftlichen Bibelauslegung kein Beleg für ein Fegefeuer. Wenn Paulus schreibt, ein Sünder könne "wie durchs Feuer hindurch" gerettet werden (1Kor 3,15), dann bezieht er sich wahrscheinlich auf ein antikes Sprichwort: Der Sünder kann "wie durchs Feuer hindurch", das heißt "mit knapper Not" gerettet werden.

Die Reformatoren haben die Lehre vom Fegefeuer abgelehnt, weil sie keine biblische Begründung für sie sahen und weil sie zum kirchlichen Missbrauch führe, indem man sich durch Ablasszahlungen von Fegefeuerqualen freikaufen kann. Luther beharrte darauf, dass kein Menschenwerk, also auch kein menschliches Leiden den Menschen retten könne, sondern allein Jesus Christus.


c) Ewige Trennung von Gott

Früher standen die körperlichen Qualen im Mittelpunkt der Höllenvorstellung, wie es auf vielen mittelalterlichen Gemälden dargestellt ist. Heute sehen manche als Grund der Qualen die ewige Trennung von Gott, also eine seelische Qual.

Wenn Gott der Lebensgrund ist, der Grund jedes sinnvollen Seins, dann bedeutet dies, dass ein Mensch, der von Gott getrennt ist, aus sich selbst heraus kein lebenswertes, sinnvolles Leben führen kann. In dieser Situation ist der Mensch dieser Höllentheorie zufolge nach seinem Tod: Er weiß um ein lebenswertes, ja heilvolles Leben im "Himmel", aber er weiß zugleich, dass er dieses Leben niemals erfahren wird, sondern in Ewigkeit das Gegenteil ertragen muss, nämlich ein unheilvolles, hoffnungsloses Leben.

Nach diesem Verständnis ist die Hölle die Folge dessen, was der Mensch zu seinen Lebzeiten für sich selbst gewählt hat: ein von Gott getrenntes Leben. Diese in seiner Lebenszeit getroffene Entscheidung muss er nun für alle Ewigkeit sozusagen "ausbaden". Das Problem auch dieser Höllenvorstellung bleibt also, dass eine zeitliche Entscheidung ewige Folgen mit sich bringt.


d) Endgültiger Tod

Eine weitere in der Theologie vertretene These besteht darin, dass Verstorbene nicht unter ewigen Qualen in der Hölle leben müssen, sondern dass die Hölle darin besteht, dass sie eben nicht mehr leben dürfen. Mit dem Tod ist für sie alles aus.

Als biblischer Beleg für diese Vorstellung könnte eine Stelle aus der Offenbarung in Betracht kommen, wo es heißt (Offb 20,14f):

Der Tod und das Totenreich [hádes] wurden in den Feuersee geworfen. Dies ist der zweite Tod, der Feuersee. Und wenn jemand nicht im Buch des Lebens aufgezeichnet gefunden wurde, so wurde er in den Feuersee geworfen.

Hier wird unterschieden zwischen denen, die das ewige Leben erhalten, und denen, die es nicht erhalten. Letztere werden aber nicht in die Hölle geworfen, wo sie ewige Qualen ertragen müssen, sondern werden dem endgültigen Tod überantwortet. Die Toten, die nicht das ewige Leben erhalten, erleiden einen "zweiten Tod". Die ewigen Qualen würden damit entfallen. Die Qual der zur Hölle Verdammten bestünde dann darin, dass sie in Ewigkeit tot sind, dass es also nach dem irdischen Leben für sie keine Hoffnung auf Leben gibt.

Man kann annehmen, dass diese Theorie aus dem Bedürfnis heraus entstanden ist, die Vorstellung von ewigen Qualen abzumildern. Das Problem dieser Theorie besteht allerdings darin, dass sie mit anderen Bibelstellen nicht unbedingt in Einklang zu bringen ist.


e) Es gibt keine jenseitige Hölle

Noch radikaler wendet sich gegen die Theorie ewiger Qualen die Vorstellung, es gebe gar keine jenseitige Hölle. Damit werden aber alle biblischen Belege ignoriert, die von einem Ort der Qualen sprechen, seien sie ewig oder zeitlich begrenzt. Diese Ignoranz ist für eine an der Bibel orientierte Theologie ein unannehmbares Verfahren.


f) Die Hölle ist am Ende leer

Eine letzte Theorie über die Hölle entgeht dieser Ignoranz gegenüber biblischen Texten, indem sie zwar zugibt, dass es eine Hölle gibt, aber behauptet oder zumindest in Betracht zieht, dass sie am Ende leer sein wird. Diese Theorie stützt sich darauf, dass im Alten Testament mehrfach davon die Rede ist, dass Gott ein einmal beschlossenes Gericht über Menschen bereut und das vorgesehene Unheil dann doch nicht geschehen lässt (z.B. Ps 106,40-46; Am 7,1-6). Auch die biblisch vermerkte unvergleichlich größere Gnade Gottes gegenüber seinem Zorn kann herangezogen werden (z.B. 2Mo/Ex 20,5f), oder aber folgende Passage aus dem Alten Testament (Klgl 3,31-33):

Gott wird nicht auf ewig verstoßen. Sondern wenn er betrübt hat, dann erbarmt er sich wieder nach der Fülle seiner Güte; denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschenkinder.

Auch wenn im Alten Testament nicht von einem Jüngsten Gericht im Jenseits die Rede ist, sondern von zeitlichen Gerichten Gottes im Diesseits, könnten diese Schriftstellen doch darauf hinweisen, dass Gottes Liebe und Gnade letztlich über seinen Zorn siegt und der Gott, der seine Geschöpfe nur widerwillig plagt und betrübt, am Ende Gnade walten lassen wird.

Dennoch bleibt auch bei dieser Theorie die Frage, wie man mit anderslautenden Schriftstellen umgeht.

Alle genannten Theorien über die Hölle zeigen jedenfalls, dass es in der Christenheit und schon in der Bibel offenbar keine einheitliche und eindeutige Antwort auf die Frage nach der Hölle gibt. Das ist sehr bedauerlich, weil es dabei ja nicht um ein Randproblem geht, sondern um die relativ wichtige Frage: Was wird aus uns nach dem Tod?

Im Anschluss an die Theorie, es gebe keine jenseitige Hölle, hat sich in der säkularisierten Welt auch die Rede von den irdischen Höllen etabliert. Darauf möchte ich jetzt eingehen.


3. Jean-Paul Sartres "Die Hölle, das sind die anderen"

Wie schon bemerkt, wurde eine jenseitige Hölle nach der Aufklärung in Frage gestellt. Schon Friedrich Schiller schrieb in seinem Gedicht "Resignation" den Satz: "Die Weltgeschichte ist das Weltgericht". Die These wurde auch in der Theologie aufgegriffen: Statt eines jenseitigen Jüngsten Gerichts mit anschließenden Höllenstrafen richtet der Mensch sich selbst und schafft immer neue irdische Höllen.

Unter irdischen Höllen kann man sich alles vorstellen, was Menschen einander an unvorstellbarem Leid zufügen. Solche irdischen Höllen entsprechen unseren Erfahrungen. Von einer jenseitigen Hölle aber haben wir keine Erfahrung. Dementsprechend glaubten einer Studie zufolge im Jahr 1999 noch 15 Prozent der Deutschen daran, dass es eine jenseitige Hölle gebe, 20 Jahre später laut einer Befragung von 1.003 Personen noch 13 Prozent (nach Wikipedia).

Die These von den irdischen Höllen hat durch den französischen Philosophen Jean-Paul Sartre ihre vielleicht renommierteste Darstellung erhalten. In seinem Theaterstück "Geschlossene Gesellschaft" aus dem Jahr 1944 schildert Sartre die Situation von zwei Frauen und einem Mann, die nach ihrem Tod in einen Raum eingeschlossen werden, in dem sie ewig zusammenbleiben müssen. Dass die drei Personen tot sind, hat für Sartre symbolische Bedeutung. Es geht ihm darum zu zeigen, dass Menschen, die in schlechten Beziehungen zueinander stehen, einander die Hölle bereiten.

Die Ausgangssituation ist folgende: Der Raum hat Türen, die aber verschlossen sind. Er hat keine Spiegel und es gibt für die Protagonisten keinen Schlaf und keine Dunkelheit. Sie sind einander also 24 Stunden am Tag auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Weil eine Selbstwahrnehmung nicht möglich ist – es gibt ja keine Spiegel –, sind die Personen darauf angewiesen und davon abhängig, wie die anderen sie wahrnehmen. Wer ich bin und wie ich bin, entscheidet sich daran, wie ich auf die anderen wirke und von ihnen beurteilt werde. Auch wie ich mich verhalten soll, entscheidet sich an den Erwartungen der anderen an mich. Insofern kann keiner er selbst sein, sondern ist immer der, den die anderen in ihm sehen.

Jede Freiheit ist in dieser Konstellation ausgeschlossen. Der Versuch von zwei Personen, eine Bindung einzugehen, scheitert zum einen an der Eifersucht und den Störmaßnahmen der jeweils dritten Person, zum anderen an der eigenen Unfähigkeit, Vertrauen zueinander aufzubauen und Liebe zu üben. Trotz dieser desolaten Situation ist der einzelne auf die beiden anderen angewiesen, kann ohne sie nicht leben. So schafft es, als sich überraschend eine der verschlossenen Türen öffnet, keine Person, den Raum zu verlassen. Sie können nicht ohneeinander sein, aber auch nicht miteinander.

Was ist der Mensch? Das, was andere in ihm sehen und aus ihm machen. Und das, was er gewollt und getan hat:

Man ist, was man will. [...] Nur Taten entscheiden über das, was man gewollt hat. [...] Man stirbt immer zu früh – oder zu spät. Und nun liegt das Leben da, abgeschlossen; der Strich ist gezogen, fehlt nur noch die Summe. Du bist nichts anderes als dein Leben.1

Sartre hat in einer Stellungnahme zu seinem Theaterstück betont, dass es durchaus bessere Beziehungen geben kann:

Was ich auch über mich sage, immer spielt das Urteil andrer hinein. Was ich auch in mir fühle, das Urteil andrer spielt hinein. Das bedeutet, wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von anderen. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle. Und es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil anderer abhängen. Aber das heißt keineswegs, dass man keine anderen Beziehungen zu den anderen haben kann. Es kennzeichnet nur die entscheidende Bedeutung aller anderen für jeden von uns.2

Die große Bedeutung unserer Mitmenschen für uns steht außer Frage. Wir sind immer auch das Bild, das andere von uns haben. Aber wir können durch Beziehungen, in denen man uns mit unseren Ecken und Kanten akzeptiert, ein Stück weit vom Einfluss der anderen befreit werden. So wird man Sartre zufolge von einem lebendigen Toten zu einem freien Menschen:

"Tot" symbolisiert hier etwas. Ich wollte einfach zeigen, dass viele Leute in einer Reihe von Gewohnheiten und Gebräuchen verkrustet sind, dass sie Urteile über sich haben, unter denen sie leiden, die sie aber nicht einmal zu verändern versuchen. Und diese Leute sind wie tot. [...] Damit soll gesagt werden, dass es ein lebendiges Totensein ist, wenn man von der ständigen Sorge um Urteile und Handlungen umgeben ist, die man nicht verändern will. [...] In welchem Teufelskreis wir auch immer sind, ich denke, wir sind frei, ihn zu durchbrechen. Und wenn die Menschen ihn nicht durchbrechen, dann bleiben sie, wiederum aus freien Stücken, in diesem Teufelskreis. Also begeben sie sich aus freien Stücken in die Hölle.3

Sartre bietet mit seinem Einakter eine Sozialstudie im Kleinen. Nur drei Personen sind nötig, um ein Desaster zwischenmenschlicher Beziehungen darzustellen. Doch ich denke, dass man das Stück auch auf das Verhältnis von Staaten zueinander übertragen kann. Die politische Dimension des Stückes ist zwar umstritten, aber das Stück wurde im Jahr 1944 uraufgeführt, ist also während des 2. Weltkriegs entstanden.

Auch zwischen Staaten und Volksgruppen oder deren Führungen gibt es Abhängigkeiten, die das Selbstverständnis der Beteiligten begründen. Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Das Selbstverständnis Israels und der Hamas gründet jeweils darin, dass die jeweils andere Seite die eigene Seite als Feind beurteilt. Weil Israel und die Hamas von der jeweils anderen Seite als Feind beurteilt und auch so behandelt werden, müssen sie sich beständig gegen diesen Feind zur Wehr setzen. Die Handlungen jeder Seite sind also davon bestimmt, dass die andere Seite die eigene als Feind betrachtet und angreift. Vertrauen ist in dieser Beziehung nicht möglich. So befinden sich beide Seiten in einem Teufelskreis, aus dem es seit Jahrzehnten kein Entrinnen gibt. Es fehlt ihnen die Freiheit, aus der Rolle des Feindes, der sich zur Wehr setzen und das Gegenüber vernichten muss, auszubrechen.

Ähnlich kann man das derzeitige Verhältnis zwischen Russland und den westlichen Staaten beschreiben. Putin fühlt sich vom Westen bedroht und greift die Ukraine an, weil sie sich dem Westen annäherte. Der Westen fühlt sich von Putin bedroht und unterstützt die Ukraine, ebenfalls weil sie sich dem Westen annäherte. Innerhalb kürzester Zeit schreibt man sich gegenseitig die Rolle des Feindes zu, der die Existenz des eigenen Staates bedroht. In dieser Rollenzuschreibung verhalten sich die Staaten auch zunehmend als unversöhnliche Feinde – ein Teufelskreis, aus dem es, wenn niemand diese Konstellation durchbricht, keinen Ausweg gibt.

Geopolitisch richtet sich der Blick des Westens schon auf den nächsten möglichen Feind: China. Je mehr die Gegenseite als Konkurrent und potentieller Feind betrachtet wird, desto mehr verhält sie sich auch entsprechend. Jede geopolitische Aktion des jeweils anderen provoziert eigene Abwehrmaßnahmen – die wiederum Abwehrmaßnahmen der jeweils anderen Seite hervorrufen. Man könnte auch sagen: Jede noch so kleine Bewegung der anderen Seite ruft eine Bewegung der eigenen Seite hervor. So agiert man in Abhängigkeit von den Bewegungen der jeweils anderen Seite und verliert die Freiheit zu konfliktlösenden Maßnahmen.

Was im zwischenmenschlichen Bereich gilt, lässt sich also auch im politischen Bereich feststellen: Von der Sorge um Urteile und Handlungen des "Feindes" umgeben, wird man unfähig, Vertrauen aufzubringen und Frieden zu schaffen.


4. Ein christlicher Ausblick

Sartre hatte betont, dass Menschen frei seien, solche Teufelskreise zu durchbrechen. Es fragt sich aber, wie das möglich sein soll, wenn nicht die Bereitschaft besteht, ein Minimum an Vertrauen zum anderen aufzubringen. Vertrauen ist keine Sicherheit, sondern bringt immer ein Risiko mit sich. Sicherheit scheint es nur durch Misstrauen und entsprechende Abwehrmaßnahmen zu geben. Ein minimales Vertrauen aber müsste bereit sein, ein minimales Risiko einzugehen. Vertrauen zu einem menschlichen Gegenüber ist immer ein Wagnis.

Der christliche Glaube ermöglicht ein solches Wagnis, weil er sein Dasein nicht darin gegründet sieht, dass man sich sein Leben aus eigener Kraft sichert, sondern dass Gott es bewahrt. Darum sollte es den Glaubenden eher möglich sein, ein (wenn auch nur minimales) Risiko einzugehen, damit aber einen Schritt auf den anderen zu zu tun. Nicht der andere, auch nicht der "Feind" entscheidet über Sein oder Nichtsein, sondern der Herr über Leben und Tod.

Diese Perspektive fehlt Sartre, der sich als Atheist bekannte. So bleibt ihm als Lebenssumme nur das eigene Wollen und Handeln. Der christliche Glaube aber setzt auf den liebevollen Blick Gottes auf das eigene Leben. Der Mensch ist mehr als die Summe seines Wollens und seiner Taten. Er ist geliebtes Geschöpf Gottes, das zum Leben berufen ist. Das gilt trotz aller Höllentheorien. Gott will, "dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen" (1Tim 2,4).

Jeder Mensch ist deshalb gerufen, seine eigene Unzulänglichkeit zu erkennen, deshalb ernstlich den gnädigen Gott zu suchen und seine Hoffnung im Leben und Sterben auf ihn zu setzten. Und jeder Mensch, der das tut, darf auf ein gnädiges Urteil Gottes und das Geschenk des ewigen Lebens vertrauen (Joh 3, 16; 5,24; 8,51; Röm 8,35-39).


* * * * *


Quellen:
  • Jean-Paul Sartre: Geschlossene Gesellschaft. Stück in einem Akt. Neuübersetzung von Traugott König. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1986.
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Weltgeschichte_ist_das_Weltgericht
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Fegefeuer
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Gehinnom
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlossene_Gesellschaft
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Hades
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Hölle
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Scheol
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Unterwelt_der_griechischen_Mythologie

Anmerkungen:
1 Sartre: Geschlossene Gesellschaft, S. 57. Alle Zitate orthographisch angepasst.
2 Sartre: Geschlossene Gesellschaft, S. 61.
3 Sartre: Geschlossene Gesellschaft, S. 62.

Foto: Alexa auf Pixabay.




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