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Technisierung und Mitmenschlichkeit

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie to go · 13 Januar 2023
Tags: EthikNächstenliebe

T h e o l o g i e   t o   g o
Technisierung und Mitmenschlichkeit
Klaus Straßburg | 13/01/2023

Kurz vor Weihnachten. Ich leere unseren Briefkasten. Es sind auch zwei Sendungen für meine Frau dabei. Ich bringe sie ihr mit den Worten: "Du hast Post." Sie fragt: „Arbeit?" "Nein, eher was Schönes." "Was Schönes?"

Sie konnte es kaum glauben, dass ihre Post nicht mit Arbeit verbunden war. Kein Verwaltungskram, nichts Amtliches. Es war eine Büchersendung und eine Weihnachtskarte.

Früher erhielt man noch regelmäßig handgeschriebene Briefe. Manchmal wartete man sogar auf sie. Heute schreiben wir uns meist per E-Mail. Wenn Post kommt, ist das meist etwas Amtliches oder eine Rechnung.

Ich selbst habe wohl schon jahrelang keinen Brief mit der Hand mehr geschrieben. Persönliche Post erledige ich per E-Mail. Jedes Jahr vor Weihnachten sende ich eine Rundmail an alle Freunde, auch solche, die ich länger nicht gesehen habe. Das ist zwar nicht so persönlich wie ein Brief an jeden einzelnen, aber ich bekomme doch jedes Jahr Rückmeldungen, die ich wahrscheinlich per Brief nicht bekommen hätte. Kontakte bleiben so erhalten.

Trotzdem frage ich mich, ob uns durch den E-Mail-Verkehr nicht auch etwas verloren gegangen ist. Führt die Technisierung nicht auch zur Entfremdung voneinander?

Lange schon kennen wir die nette Dame am Bankschalter nicht mehr, die uns schon jahrelang betreut und unsere persönliche Situation kennt. Denn die meisten Bankgeschäfte werden online erledigt.

Eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit ist, dass meine Großmutter, die mit in unserer Wohnung lebte, ihre monatliche Rente vom Postboten in bar ausgezahlt bekam – heute undenkbar. Aber das strahlende Lachen meiner Oma, wenn der wohlbekannte Postbote kam, ein paar Scherze mit ihr machte und ihr dann ihre kleine Rente in die Hand drückte, werde ich nie vergessen.

Zurück in die Gegenwart. Seit einiger Zeit muss ich Arzttermine immer öfter über eine Internetplattform buchen. Ein Telefonat mit der Mitarbeiterin des Arztes entfällt. Aber die kennt mich sowieso nicht mehr persönlich. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als man ohne Termin zum Arzt gehen konnte, sich ins Wartezimmer setzte und von der Arzthelferin oder vom Arzt persönlich mit „Der Nächste bitte!"  aufgerufen wurde. Im Sprechzimmer traf man dann auf einen Arzt, der Zeit hatte und mit dem man sich in einem längeren Gespräch über sein Anliegen austauschen konnte.

Heute fühle ich mich bei manchen Ärzten – nicht bei allen! – wie ein Fließbandartikel, der die einzelnen Stationen des Fließbands durchläuft und dabei nach Schema F in einer vorgegebenen Zeit abgefertigt wird. Das kann einem auch im Krankenhaus widerfahren. Gerade in einem so sensiblen Bereich wie unserer Gesundheit ist das aber besonders unangenehm und sogar verletzend. Unser Körper ist nun mal kein Gegenstand, der repariert werden muss, sondern gehört zu einer "lebendigen Seele", wie die Bibel uns nennt (1Mo/Gen 2,7).

Ich bin weit davon entfernt, technische Errungenschaften pauschal zu verteufeln. Aber wir müssen aufpassen, dass uns durch technische Erleichterungen und Beschleunigungen von Abläufen nicht auch etwas Entscheidendes verloren geht.

Wir sind als Menschen geschaffen, die auf das Zusammensein mit anderen Menschen hin angelegt sind. Wir sollen nicht vornehmlich mit Maschinen kommunizieren, sondern mit unseresgleichen. Die Beziehung zum Mitmenschen soll nicht nur unsere Freizeit, sondern unser tägliches Leben bestimmen. Andernfalls droht uns die Verarmung.

Wir brauchen die täglichen Kleinigkeiten des Miteinanders, die gar keine Kleinigkeiten sind, sondern etwas Wesentliches unseres Menschseins: das freundliche Wort, das kurze Gespräch, das Lächeln, das verständnisvolle Nicken, das Eingehen auf unsere persönliche Situation, die kleine Hilfestellung – einfach das Gefühl, als Mensch ernst genommen zu werden und einen anderen Menschen ernst zu nehmen.

Darum müssen wir aufpassen, dass wir den Turm der Technik nicht zu hoch bauen. Es könnte sein, dass wir dadurch etwas von der Menschlichkeit verlieren, zu der uns Gott geschaffen hat. Denn wir sind zur Gemeinschaft geschaffen, zum persönlichen Miteinander, in dem wir von anderen und für andere leben.

Wenn wir aber den Turm der Technik zu hoch bauen, stirbt zwar nicht unsere technische Kommunikation, aber unser menschliches Miteinander: unser leibliches Kommunizieren, unser Blick für den Nächsten, unsere Fähigkeit, ihn in seiner Andersartigkeit anzusehen und zu verstehen, und es verkümmert unser Blick dafür, wer er ist und wann er uns braucht. Das antike Musterprojekt einer hoch technisierten Welt, der Turmbau zu Babel, führte nach biblischer Beschreibung dazu, dass die Menschen einander nicht mehr verstanden, sich voneinander entfremdeten und auseinanderstieben (1Mo/Gen 11,8f).

Wir brauchen ein leibliches, ein persönliches Miteinander, die körperliche Nähe, die dann auch  seelische Nähe erlaubt. Im Alten und Neuen Testament spielt die Leiblichkeit des Menschen eine herausragende Rolle: Wir sind weder nur Geist und Vernunft noch bloße Materie, sondern eine Einheit von Geist und Körper. Das heißt: Wir müssen einander spüren, sehen und hören, um einander verstehen zu können.

Wenn wir uns seltener physisch begegnen, auch in alltäglichen Zusammenhängen, verlieren wir mehr und mehr das Gefühl für den Nächsten, der anders ist als wir. Und zugleich verlieren wir das Gefühl für uns selbst, der wir anders sind als unser Nächster. So werden wir einander fremd, verstehen einander nicht mehr, entfernen uns voneinander, werden einsam und verlieren das Gespür dafür, wie wir in guter Weise miteinander umgehen können.

In einem großen Supermarkt, in dem ich manchmal einkaufe, gibt es übrigens seit etwa einem Jahr sechs automatisierte Kassen, an denen man seine Artikel selber scannen kann. Die Kassen mit Kassiererinnen sind seitdem stark reduziert, und meistens bilden sich vor ihnen lange Schlangen. Um Zeit zu gewinnen, gehe ich oft an eine der automatisierten Kassen.

Merkwürdig. Warum verzichte ich eigentlich auf die Chance, ein Lächeln von der Kassiererin zu bekommen oder sogar ein paar nette Worte mit ihr zu wechseln? Wo ich doch weiß: Gutes Leben besteht nicht darin, viel in meine Zeit hineinzustopfen, sondern Schönes aus ihr hervorgehen zu lassen.


* * * * *


Bild: Gerd Altmann auf Pixabay.





2 Kommentare
2023-01-14 18:52:39
Hallo Klaus,

ohne die technische Entwicklung könnten wir uns hier nicht schreiben.

Wenn ich mal ein zwei bis drei Generationen zurückdenke: Meine beiden Großväter sind an plötzlichem Herzversagen gestorben, der eine mit 63, der andere mit 72. Bei mir war ein Dauer-EKG möglich, das Herzrhythmusstörungen aufgezeichnet hat. Die sich anschließende Herzkatheteruntersuchung war erstaunlich. Ich hatte vorher mein Testament aktualisiert und die wichtigsten Informationen weitergegeben. Die Untersuchung lief bei vollem Bewußtsein ab, ich konnte sogar zeitweise auf dem Bildschirm verfolgen, wie der Arzt den Katheter vorschob und was er sah. Knapp zwei Stunden später konnte ich wieder beruhigt nach Hause gehen. Die gefährliche Variante war ausgeschlossen.

Meine Uroma mütterlicherseits hatte fünf Kinder. Drei davon sind als Kleinkinder gestorben, ein vielversprechender Sohn Mitte 20 an Tuberkulose, die verbliebene eine Tochter, meine Oma, bei der Geburt ihres ersten Kindes, meiner Mutter. So viele Verluste mit allem anschließenden Folgeleiden müsste es heute nicht mehr geben, dank der Fortschritte in der Medizin.

Meine Großväter haben auf eine Art körperlich arbeiten (wirklich malochen!) müssen, die heute dank Technik nicht mehr nötig und auch überhaupt nicht mehr erlaubt wäre. Das Niveau an materiellem Wohlstand ist, auch zu einem guten Teil dank technischen Fortschritts, in den letzten zwei Generationen erheblich gestiegen.

Ich sehe den technischen Fortschritt überwiegend positiv. Aber klar, es gibt auch Nachteile. Die Bevölkerungsstruktur ändert sich, dank moderner Medizin, die uns älter werden lässt, und der Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln, die zu weniger Kindern pro Frau führen. Internet führt zu besseren Informations- und Medienverfügbarkeiten, aber auch zu mehr Desinformation und Möglichkeit der Manipulation.

Grundsätzliche menschliche Probleme löst Technik nicht, aber ich möchte nicht ernsthaft in eine antike oder mittelalterliche Welt zurück.

Der Turmbau zu Babel bleibt bei allem eine gute und bedenkenswerte Geschichte.

Viele Grüße

Thomas
2023-01-14 21:41:01
Hallo Thomas,

danke für deine ausführliche Stellungnahme. Ich kann dir voll zustimmen, sehe aber vielleicht den Wert der technischen Entwicklung etwas ambivalenter. Das heißt nicht, dass ich ihre Vorzüge ignoriere. Vielleicht gilt auch hier, wie so oft, dass das rechte Maß wichtig ist. Man kann alles übertreiben - auch die Technisierung unseres Lebens. Und leider gelingt es dem Menschen wohl nur selten (und wenn, dann zu spät), den Punkt zu finden, an dem eine Entwicklung gestoppt werden sollte, weil ihre Vorteile ins Gegenteil umschlagen.

Viele Grüße
Klaus

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