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Tägliche Verkündigung per Lautsprecher

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie aktuell · 6 September 2020
Tags: IslamAbsolutheitsanspruchWahrheitWeltreligionenMacht

T h e o l o g i e   a k t u e l l
 Tägliche Verkündigung per Lautsprecher
 Klaus Straßburg | 06/09/2020
 
Durch eine Sendung des Deutschlandfunks habe ich kürzlich erfahren, dass bereits in etwa 100 Moscheegemeinden Deutschlands die Muslime per Lautsprecher zum Gebet aufgerufen werden.
 
Die Sendung vom 26. August 2020 ist in der Deutschlandfunk-Mediathek nachzuhören.
 
Der muslimische Ausrufer des Gebetsrufs heißt Muezzin. Darum heißt dieser Ruf Muezzinruf. In islamischen Ländern ertönt der Muezzinruf fünfmal täglich vom Minarett aus, dem Turm der Moschee.
 
Dieser Ruf wurde in Deutschland in vielen Moscheegemeinden gestattet, weil durch die Corona-Pandemie der Moscheebesuch und die Freitagsgebete in den Moscheen untersagt waren. Die Erlaubnis zum Muezzinruf sollte ein Zeichen des Trostes und der Solidarität sein.
 
Auch Kirchenvertreter haben sich für die Erlaubnis zum Muezzinruf ausgesprochen. Dabei wurde auf das Kirchenläuten verwiesen, das ja die Christ*innen zum Gebet aufruft. Den Muslimen in Deutschland sollte ebenso das Recht zugesprochen werden, zum Gebet aufzurufen – eben durch den Muezzinruf.
 
Der Muezzinruf erfolgt in arabischer Sprache und lautet übersetzt:
 
Allah ist größer [als alles]!
Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah.
Ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Allahs ist.
Eilt zum Gebet!
Eilt zum Heil!
Das Gebet ist besser als Schlaf.
Allah ist größer [als alles]!
Es gibt keinen Gott außer Allah.

Der Muezzinruf ruft also wie das Kirchenläuten zum Gebet. Er tut das aber auf andere Weise als das Kirchenläuten. Denn der Muezzinruf besteht in einem gesungenen Text.
 
Wie der Text zeigt, wird in ihm nicht nur zum Gebet gerufen, sondern es werden auch inhaltliche Glaubensaussagen über Allah gemacht. Allah ist das arabische Wort für „Gott“. Das Wort bezeichnet Gott, wie er im Islam verstanden wird.

Der Muezzinruf sagt von diesem Gott, wie er im Islam verstanden wird, er sei der einzige Gott und Mohammed sei sein größter Prophet. Diese Aussage bestreitet jedes Gottesverständnis, das anders ist als das des Islam. Einen anderen Gott als den, wie der Islam ihn versteht, gibt es demnach nicht. Der Muezzinruf erhebt also einen Absolutheitsanspruch auf den einzig wahren Glauben.
 
Auch das Christentum beansprucht, die Wahrheit über Gott zu verkündigen. Das Christentum hat aber, wenn es recht verstanden wird, auch eine starke selbstkritische Dimension: Die Kirche und einzelne Glaubende besitzen die Wahrheit nicht. Sie können irren. Kriterium der Wahrheit ist (jedenfalls im protestantischen Verständnis) nicht die Lehre der Kirche oder einer kirchlichen Gruppe, sondern Jesus Christus. Er hat nach dem Johannesevangelium von sich gesagt „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6a). Um diese Wahrheit muss gerungen und auch gestritten werden. Zudem kann Gott auch Angehörigen anderer Religionen Anteil an dieser Wahrheit schenken. Ich habe das im Artikel Geschenkte Wahrheit näher ausgeführt.
 
In der Sendung des Deutschlandfunks wurde darauf hingewiesen, dass die Erlaubnis zum Muezzinruf von Muslimen als Ausdruck der Überlegenheit des Islam über das Christentum und als Ausdruck einer fortschreitenden Übernahme des Islam in Deutschland verstanden wurde. Dies wurde in den sozialen Medien deutlich. Und in Berlin feierten im April ca. 300 Muslime den Gebetsruf als Sieg des Islam über die Ungläubigen (so das Magazin Cicero). Der Islam wird in der islamischen Welt meist als ein Herrschafts- und Dominanzanspruch gegenüber den Ungläubigen verstanden.
 
Ich kann diese Informationen nicht überprüfen. Wenn sie aber richtig sind, muss man wohl annehmen, dass es kein kluges Signal ist, in einer Zeit starker politischer Radikalisierung in Teilen des Islam und eines Aufschwungs des radikalen Fundamentalismus unter Muslimen den Muezzinruf zu gestatten.
 
Jeder Muslim und jede Muslima hat ein Recht auf freie Religionsausübung. Die Ernsthaftigkeit, mit der viele Muslime ihre Religion ausüben, ist auch nicht in Frage zu stellen. Und die große Mehrheit der Muslime lebt keinen islamistisch geprägten Glauben. Dennoch sollte alles vermieden werden, was einen unkritisch fundamentalistischen und politisch radikalen Islam unterstützt.
 
Der Moscheebesuch ist längst wieder gestattet. Warum wird der Muezzinruf, der wegen der Schließung der Moscheen erlaubt wurde, jetzt noch beibehalten?
 
Ein Muezzinruf, der eine Botschaft enthält, ist eben etwas anderes als ein kirchliches Glockenläuten. Man stelle sich nur vor, dass Glaubensaussagen von Kirchtürmen aus per Lautsprecher täglich in Städte und Dörfer ausgestrahlt würden.
 
Der Text könnte dann etwa so lauten:
 
Der dreieinige Gott ist allmächtig!
Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer dem dreieinigen Gott.
Ich bezeuge, dass Jesus Gottes Sohn ist.
Bekehrt euch zum Glauben an ihn!
So erlangt ihr das Heil.
Das Vaterunser beten ist besser als schlafen.
Der dreieinige Gott ist allmächtig!
Es gibt keinen Gott außer dem dreieinigen Gott.
 
Was würde passieren, wenn solch eine Botschaft täglich von den Kirchtürmen erschallen würde? Ein Aufschrei der Empörung würde durchs Land gehen.
 
Und zwar zu recht. Denn in einem Staat, der Religionsfreiheit garantiert, muss es dem einzelnen Menschen freigestellt sein, ob er religiöse Botschaften hören möchte oder nicht.
 
Beim islamischen Muezzinruf ist die Toleranz mancher Menschen sehr groß – eine Toleranz, die bei einem christlichen Kirchenruf schnell am Ende wäre. Warum wird hier mit zweierlei Maß gemessen?
 
Man kann natürlich auch das Glockenläuten als religiöse Botschaft interpretieren. Und jedes Kreuz auf dem Kirchturm ist eine religiöse Botschaft. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen einer Textbotschaft und symbolischen Botschaften – noch dazu, wenn der Text beansprucht, die allein maßgebende Wahrheit zu verkünden, ohne ein selbstkritisches Element zu beinhalten.
 
Außerdem hat das Läuten der Kirchenglocken im Laufe der Zeit auch ganz weltliche Bedeutungen angenommen: Es wurde lange Zeit als Ansage der Uhrzeit und wird noch heute (beim Läuten der Totenglocke) als Anzeige eines Todesfalls im Dorf verstanden.
 
Viele Muslime und Christen bemühen sich gemeinsam um einen friedlichen Umgang miteinander. Sie gestehen einander das Recht zu, ihre Religion frei auszuüben. Sie sprechen dem Andersgläubigen auch die Ernsthaftigkeit, mit der er seinen Glauben ausübt, nicht ab. Und sie kämpfen gemeinsam gegen religiöse Ideologien und politische Vormachtansprüche.
 
Wird dieses Bemühen nicht erschwert, wenn ein Bekenntnisruf, der für viele Muslime eben auch religiöse und politische Vormachtansprüche anzeigt, zu einer dauerhaften Einrichtung wird?
 
 
* * * * *
 



4 Kommentare
2020-09-08 20:58:59
Danke für diesen Beitrag! Mir war das gar nicht so bewusst. Die Idee, dann mit einem entsprechenden christlichen Bekenntnis in ähnlicher Form dagegenzuhalten, finde ich gut. Ich bin gespannt, was dann passiert.
2020-09-08 21:26:18
Danke für deine Zustimmung! Das ist mir wichtig, weil ich unsicher war (und bin), wie der Artikel ankommt. Heute wird man schnell in die Schublade "islamophob" gesteckt, in die ich wahrlich nicht gehöre.
2020-09-09 10:57:30
Hallo Klaus,

auch eine solche - eigentlich gutgemeinte - Entdifferenzierung, wie du sie mit der Islamophob-Schublade ansprichst, kann zum Problem werden und ist es im Grunde jetzt schon. Wenn sich keiner aus der politischen Mitte mehr traut, solche Themen und die Bedenken, die wohl viele damit verbinden, anzusprechen, besetzen irgendwann die Rechtsaußen das Thema, instrumentalisieren es und spannen es vor den Karren allgemeiner Fremdenfeindlichkeit.

Mein Eindruck ist, dass inzwischen auch in SPD und CDU die Einsicht wächst, dass der AfD nicht der Alleinvertretungsanspruch für solche Themen überlassen werden darf.

Viele Grüße

Thomas
2020-09-09 15:31:29
Das hast du völlig recht. Danke, das bestärkt mich, mich in Zukunft nicht zurückzuhalten.
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