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Sinnloses Leben?

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie zum Weiterdenken · 27 August 2022
Tags: Lebenssinn

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Sinnloses Leben?
Klaus Straßburg | 27/08/2022

Ich habe mich schon sehr oft gefragt: Willst du noch leben? Ich habe mich auch manchmal gefragt: Kannst du noch leben? Tun das nicht viele?

Das bekannte der jüdische Publizist und Fernsehmoderator Michel Friedman in einem Interview*. Und er fügte hinzu:

Wie viel Kraft habe ich noch? Macht das Leben Sinn? Wie oft kannst du dich anstrengen, dir Mühe geben und trotzdem scheitern? Manchmal bin ich so müde. [...] Ich frage mich, habe ich noch genug Kraft, mich weiter aufzulehnen, in dieser Schonungslosigkeit zu leben? [...] Wir haben wenig erreicht. Was habe ich erreicht, wenn die AfD zweimal in den Bundestag gewählt wird, und zwar von Millionen von Menschen?

Friedman spielt auf den von ihm erlebten Antisemitismus an. Er fragt sich: Ist es sinnvoll, gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zu kämpfen, wenn der Kampf aussichtslos erscheint? Wenn man schließlich kaum etwas erreicht? Wenn die Geschichte über einen hinweggeht? Er fragt sich, ob er die Kraft dieses Kampfes noch aufbringen kann und will.

Das erinnert mich an das alttestamentliche Buch des Predigers, in der hebräischen Bibel und den katholischen Bibelübersetzungen "Buch Kohelet" genannt. Das hebräische Wort kohelet meint eigentlich einen Versammlungsleiter, der in der Gemeinde redete oder auch lehrte.

Ein wesentlicher Gedanke des Buches besteht darin, dass das Leben des Menschen nichtig und sinnlos ist. Martin Luther übersetzte das mit dem Wort „eitel", das zu seiner Zeit die Bedeutung "nichtig, gehaltlos" hatte. Daraus hat sich die heutige Bedeutung von "eitel" entwickelt: selbstgefällig, eingebildet.

Martin Buber übersetzte Pred/Koh 1,2f näher am hebräischen Text***:

Dunst der Dünste, spricht Versammler, Dunst der Dünste, alles ist Dunst. Welchen Vorteil hat der Mensch von all seiner Mühe, damit [= womit] er sich abmüht unter der Sonne? Ein Geschlecht geht, ein Geschlecht kommt, und die Erde steht in Weltzeit.

Die Basisbibel übersetzt etwas besser verständlich:

Windhauch um Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch um Windhauch: Alles vergeht und verweht. Welchen Gewinn hat der Mensch bei aller Arbeit, mit der er sich unter der Sonne abmüht? Generationen kommen und gehen, doch die Erde bleibt für immer bestehen.

Gemeint ist, dass das Leben wie ein Hauch des Windes ist, der schnell verweht und von dem nichts bleibt, oder wie ein unbestimmbarer, alles vernebelnder Dunst, der keine klare Konturen hat. Das Leben weht dahin ohne Wiederkehr, und es fehlt ihm an Klarheit und Bestimmtheit. Lohnt es sich, zu leben? Gibt es einen Lohn für all die Mühe, hat die Mühsal einen Sinn? Die Geschichte zermalmt das Gewesene, mit den Generationen verändert sich alles, und was die einen aufgebaut haben, wird von den anderen eingerissen.

Das ist das pessimistische Menschen- und Weltverständnis des "Predigers". Es kommt dem Denken der Existenzphilosophie sehr nah. Auch heute stellen Menschen diese Fragen. Die Sinnfrage ist nicht tot, sondern sehr lebendig, wenn vielleicht auch verdeckt durch Zerstreuung und Aktivismus. Der moderne Mensch ist ein Sinnsucher, und seine Seele ahnt, dass er selbst seinem Leben keinen Sinn geben kann. Depressionen sind eine Volkskrankheit.

Dazu kommt die Erfahrung des unendlichen Leids in der Welt:

Ich lenkte meine Gedanken auf die Beobachtung, dass viele Menschen unter der Sonne unterdrückt werden: Tränen rinnen den Unterdrückten übers Gesicht. Und keiner ist da, der sie tröstet! Durch ihre Unterdrücker wird ihnen Gewalt angetan. Und keiner ist da, der sie tröstet! Da pries ich die Toten glücklich, die schon lange gestorben sind. Ich pries sie glücklicher als die Menschen, die noch am Leben sind. Besser aber als diese beiden ist der dran, der noch nicht geboren ist. Denn der muss das böse Tun nicht sehen, das unter der Sonne getan wird.
(Pred/Koh 4,1-3 Basisbibel)

Auch Michel Friedman leidet unter menschlicher Bosheit und menschlichen Versäumnissen:

Ich leide daran, wozu Menschen fähig sind und dass die Decke unserer Zivilisation dünn ist. Ich leide daran, dass wir nicht leidenschaftlich für die Freiheit und die Demokratie kämpfen. [...] Ich leide an der Erfahrung, wozu Menschen fähig sind, auch ich.

Ich kann dieses Leiden gut verstehen. Als Christ steht mir Gottes Bestimmung für uns Menschen vor Augen, und ich leide unter den eigenen und fremden Verfehlungen dieser Bestimmung. Je stärker ich in Gottes guten Willen für uns eintauche, desto fremder fühle ich mich in der Welt und desto stärker leide ich an dieser Welt.

Im Glauben ist nicht einfach alles gut. Manches wird gerade im Glauben zu einem Problem, das es ohne Glauben gar nicht gibt. Und doch ist auch das Ungute und Problematische im Glauben getragen von einer unzerstörbaren Hoffnung und Zuversicht.

So gibt es auch im Predigerbuch letztlich eine positive Aussicht:

Alles hat er [= Gott] so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit. Auch hat er ihnen [= den Menschen] ans Herz gelegt, dass sie sich um die [rechten] Zeiten bemühen [andere Übersetzung: Auch die Ewigkeit hat er in ihr Herz gelegt]. Nur kann der Mensch das alles nicht begreifen, was Gott von Anfang bis Ende tut. So habe ich erkannt: Es gibt kein größeres Glück bei den Menschen, als sich zu freuen und sich's gut gehen zu lassen. Jeder Mensch soll essen, trinken und glücklich sein als Ausgleich für seine ganze Arbeit. Denn auch dies ist eine Gabe Gottes. So habe ich erkannt: Alles, was Gott tut, ist von Dauer. Nichts kann man hinzufügen und nichts davon wegnehmen. Gott hat das so gemacht, damit man ihm mit Ehrfurcht begegnet. Was geschehen ist, ist schon lange vorbei. Und was geschehen wird, ist auch schon wieder vorbei. Bei Gott aber ist das Vergangene nicht verloren.
(Pred/Koh 3,11-15 Basisbibel)

Es gibt bei aller Vergeblichkeit menschlichen Tuns und bei allem Leid Grund zur Freude: Gott hat auch schöne Zeiten bestimmt. Wir können Gott zwar nicht bis ins Letzte und oft genug gar nicht verstehen, aber wir können die schönen Zeiten genießen, die Gott uns schenkt.

Wenn auch unser Tun nicht von Dauer ist: Gottes Tun ist es. Darum ist sinnvoll, was Gott an uns tut. Und darum ist auch in unserem Leben nicht einfach alles sinnlos. Denn Gott kann auch aus dem Sinnlosesten etwas Sinnvolles machen. Wenn auch auf Erden alles der Vergänglichkeit und dem Vergessen preisgegeben ist: Im Himmel geht nichts Schönes verloren, und kein Mensch wird dort vergessen sein.

Im Glauben ist nicht einfach alles gut. Aber im Vertrauen auf Gottes Zukunft ist schließlich doch alles gut, weil es gut werden wird.


* * * * *


*      ZEIT MAGAZIN Nr. 35 vom 25.8.2022. Die Zitate auf S. 19 und 25.
**    Duden Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Duden Band 7. Dudenverlag, 2. Aufl. Mannheim u.a.,
        S. 150.
***  Die Schrift. Band 4: Die Schriftwerke. Verdeutscht von Martin Buber. Gütersloher Verlagshaus, 6. Aufl. Gütersloh
        1976/1978/1979. Lizenzausgabe für die Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1992. S. 389.

Foto: Klaus Straßburg





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