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Sagen Christen die Wahrheit?

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Sagen Christen die Wahrheit?
Karl Barth über christliches Denken und Reden
Klaus Straßburg | 08/02/2024

Jeder christliche Mensch ist ein Theologe. Er ist es, weil er sich Gedanken über Gott macht. Das Wort "Theologe" ist nämlich zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern theós und lógos, also Gott und Wort/Überlegung/Vernunft.

Man kann sogar noch weiter gehen: Nicht nur jeder christliche Mensch, sondern überhaupt jeder Mensch ist in seiner Weise Theologe. Denn jeder Mensch hat einen Gott oder mehrere Götter, die sein Denken über die Welt und dann auch sein Handeln in der Welt prägen. Alles, was es in der Welt gibt, kann zu solch einem Gott werden: die Natur, die Vernunft, der "Fortschritt", eine Religion oder eine ganz unreligiöse Ideologie, ein bewunderter Mensch oder eine Gruppe von Menschen und vieles mehr.

So ähnlich hat es der evangelische Theologe Karl Barth in seiner letzten Vorlesungsreihe ausgedrückt, die er im Wintersemester 1961/62 in Basel hielt. Die Vorlesung trug den Titel "Einführung in die evangelische Theologie". Sie richtete sich aber nicht nur an Theologiestudenten, sondern an jeden Christen und jede Christin sowie jeden an der Theologie interessierten Menschen.

Denn, wie gesagt: Jeder Mensch hat etwas, das er für unentbehrlich für sein Leben hält, hängt einer Weltanschauuung an, ohne die er nicht leben kann und will, und verehrt in dieser Weise etwas, das ihm göttliche Bedeutung hat. Insofern betreibt er Theologie.


Die beste oder gar allein wahre Theologie
müsste die Theologie Gottes selber sein

Aber was verbindet eigentlich all diese so unterschiedlichen Theologien, die Menschen betreiben? Nach Karl Barth besteht die Verbindung darin, dass all diese Theologien sich für die einzig richtige und wahre oder zumindest für die beste Theologie halten. An diesem Wettstreit der Theologien möchte sich Barth allerdings nicht beteiligen.

Denn Barth nimmt die christliche Theologie ausdrücklich davon aus, sich selbst für die einzig richtige, wahre oder für die beste Theologie zu halten. Das mag überraschen. Scheint doch die christliche Theologie gegenüber allen anderen Theologien gern die Wahrheit für sich zu beanspruchen.

Die beste oder gar allein wahre Theologie müsste jedoch die Theologie Gottes selber sein. Sie müsste das denken und zum Ausdruck bringen, was Gott selbst über sich denkt. Sie müsste das aussprechen, was Gott selber spricht.

Diese Formulierungen verraten schon die Absurdität dieses Gedankens. Denn kein Mensch kann das denken und aussprechen, was Gott selber denkt und ausspricht. Wir können immer nur das denken und aussprechen, was wir erlebt, gehört und aus dem Erlebten und Gehörten kombiniert haben. Und wir können das alles nur mit den unvollkommenen Wörtern unserer menschlichen Sprache denken und aussprechen.

Wer über Gott nachdenkt und spricht, muss sich auf das beziehen, was andere ihm über Gott gesagt haben und was er in der Bibel über ihn gelesen hat. Aber all das, auch die Bibel, ist nicht das unmittelbare Wort Gottes. Wir vernehmen Gottes Sprechen nicht unmittelbar, sondern vermittelt über das Sprechen von Menschen. Auch die Verfasser der biblischen Schriften waren Menschen. Was sie aufschrieben, war nicht das unmittelbar von Gott selbst Gesprochene.


Keine Theologie darf sich als Weisheit oder Lehre ausgeben,
die mit der Wahrheit Gottes identisch ist

An diesem Punkt aber scheiden sich die Geister. Denn fundamentalistische Christinnen und Christen halten die Bibel für das unmittelbare Wort Gottes, das den Verfassern der biblischen Schriften wortwörtlich von Gott eingegeben wurde. Wenn man davon ausgeht, kommt die Bibel dem lebendigen Sprechen Gottes gleich.

Tatsächlich reden manche Fundamentalisten auch selber so von Gott, als würde in diesem Moment Gott selbst sprechen. Ich habe Christen kennengelernt, die so genau über Gott Bescheid wussten, wie es eigentlich nur Gott selber kann. Und sie haben es mit einer Autorität vorgetragen, als gebe es überhaupt keinen Zweifel an dem, was sie sagten. So haben sie sich im Grunde jeder Diskussion entzogen. Sie sprachen so, als wäre ihr Wort identisch mit dem lebendigen Wort Gottes.

Karl Barth meinte, dass jede Theologie, die sich so ausdrückt, als wäre sie die allein wahre Theologie Gottes selbst, sich schon dadurch als eine Theologie verraten hat, die eben das nicht ist.

Keine Theologie darf sich als Weisheit oder Lehre ausgeben, die mit der Wahrheit Gottes identisch ist. Und zwar deshalb nicht, weil Gott jeder Theologie gegenüber schlechthin überlegen ist und seine Wahrheit immer neu erschließt. Diese Wahrheit muss daher immer wieder neu entdeckt werden. Es gibt deshalb in der Theologie – im Nachdenken aller Christinnen und Christen über Gott – keinen Stillstand. Nur dort, wo Gott sich selbst immer wieder neu zu erkennen gibt und wo Menschen sich darauf einlassen, können Erkenntnisse über Gott wachsen.


Christliche Theologie ist eine Wissenschaft,
bei der es in der Natur ihrer Sache liegt, dass sie
von Gott selbst einer dauernden Krise ausgesetzt wird

So erwartet und erhofft die Theologie nicht von sich selbst, sondern allein von Gott, dass sie in die Lage versetzt wird, Gottes Wahrheit auszudrücken. Christliche Theologie gibt nur Gott und Jesus Christus, nicht aber sich selbst die Ehre. Insofern ist christliche Theologie nach Barth eine "bescheidene Wissenschaft".

Ihre Bescheidenheit zeigt sich auch darin, dass sie nie an ein Ende kommt. Sie lebt vielmehr davon, sich immer wieder auf das Ereignis einzulassen, dass Gott sich ihr neu zu erkennen gibt. Sie macht daher keinen Halt bei dem, was frühere Menschen einmal von Gott erkannt haben – und seien es die größten Theologen und beeindruckendsten Glaubensvorbilder gewesen.

Insofern ist christliche Theologie nach Barth eine "eminent kritische Wissenschaft" – eine Wissenschaft, bei der es in der Natur ihrer Sache liegt, dass sie von Gott selbst einer dauernden Krise ausgesetzt wird. Wer diese Krise seines eigenen Denkens und Redens über Gott nicht aushalten kann, mag zwar ein Christ sein, aber er wird wohl bei dem, was er früher einmal über Gott gelernt hat, stehen bleiben und sich neuen Erkenntnissen über Gott verschließen.

Dabei kann man diese Krise, dieses Gericht Gottes (das griechische krisis heißt auch Gericht) getrost über sich ergehen lassen. Denn Gott ist kein höchstes Wesen, das fern von uns sein Dasein fristet, sondern er ist ein Gott, der sich in die Niedrigkeit unseres Menschseins und unserer Theologie herablässt und gerade in dieser Niedrigkeit seine Hoheit hat. Denn diesem Gott liegt an uns und unserem theologischen Denken und Reden.


Wir müssen nicht ängstlich auf dem beharren,
was wir irgendwann einmal für richtig befunden haben

So ist Gottes Nein zu uns und unserer Theologie eingeschlossen in sein gnädiges Ja zu uns und unserer Theologie. Wir müssen nicht ängstlich auf dem beharren, was wir irgendwann einmal für richtig befunden haben. Wir müssen uns nicht um unsere Rechtgläubigkeit sorgen, weil der gnädige Gott uns auch unseren Irrglauben verzeiht. Wir können daher auch in unserem theologischen Reden getrost und bestimmt auftreten.

Denn unser ängstliches oder auch kritisches Denken über Gott darf auf keinen Fall dazu führen, dass wir nur verschüchtert zurückhaltend oder gar überhaupt nicht mehr von Gott reden, weil wir uns ja irren könnten. Das wäre eine falsche Bescheidenheit. Dann würden wir einen Gott verehren, der nur das Nein zu unserer Theologie kennt.

Wir glauben aber an einen Gott, dessen erstes und letztes Wort nicht Nein ist, sondern Ja. Mit diesem Ja tut Gott, wo und wann er will, durch unsere menschlich schwachen und unvollkommenen Worte seine göttliche Wahrheit kund.

Sagen Christinnen und Christen also die Wahrheit? Sie sagen dann die Wahrheit, wenn Gott seine Wahrheit durch ihre Worte zum Ausdruck bringt. Und sie beten darum und vertrauen darauf, dass Gott dies immer wieder tut.

Darum ist christliche Theologie und jedes ernsthafte christliche Nachdenken und Reden über Gott und die Welt eine "dankbare und darum fröhliche Wissenschaft".


* * * * *


Verwendete Literatur:
Karl Barth: Einführung in die evangelische Theologie. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn. 2. Aufl. Gütersloh 1977. S. 9-16. Alle Anspielungen und Zitate aus den angegebenen Seiten.


Foto: 7854 auf Pixabay.




12 Kommentare
2024-02-09 12:19:31
Das Thema der lAbsolutismen "beste ... allein ... einzig ... göttlich ..." aus der Perspektive des kleinen und beschränkten Menschen mit seiner Projektion auf das größere Beschränkte seien es Endlichkeiten oder Unendlichkeiten gepaart mit Unbekanntheiten & Unwissenheiten. Wir sehen eben nur teilweise. Aber nicht nur wir, sondern auch alle anderen Geschöpfe außerhalb der Wahrnehmung des Menschen. Ich kenne nur meine Wahrheit und damit Wahrhaftigkeit, wann ich etwas entspreche oder eben nicht entspreche. Wenn der Eine die Wahrheit ist, dann sind wir ein Teil davon, aber eben halt nur ein Teil, ein kleiner winziger Teil, und doch alle zusammen ergeben sie. In Grund mehr zusammenzuarbeiten und damit Lieben zu lernen. Vielleicht sollte wir lernen, uns auf unsere Wahrheit zu konzentrieren damit wir die Unwahrheit besser in uns und anderen zu erkennen, wofür es ohnehin bald ein wegweisendes Gericht und eine trennende Weichenstellung gibt. Auch "ich bin die Wahrheit", aber eben nur eine Kleine, als Tür für größere Wahrheiten durch andere. Und dann landen wir bei Beziehungen, Vertrauen und der Kunst Beziehungen konstruktiv, weise, befruchtend zu leben, damit sie die Weg des Lebens, des ewigen Lebens, erschließen und begehbar werden ...
2024-02-09 12:53:27
Hallo Pneuma,

ich ahne, was du meinst, und stimme dem zu, auch wenn ich es anders ausdrücken würde. Paulus schreibt, dass wir jetzt durch einen antiken Spiegel (der nicht mit unseren Spiegeln zu vergleichen ist) ein nur verschwommenes Bild Gottes sehen, später aber von Angesicht zu Angesicht. Das "Ich bin die Wahrheit" würde ich deshalb gern bei Jesus belassen. Dass die Einsicht in unsere persönlich begrenzten Erkenntnisse die Beziehungen zu unseren Mitmenschen und die Offenheit für ihre Erkenntnisse fördert, ist eine wichtige Ergänzung zu meinem Artikel.
Michael Kröger
2024-02-09 18:27:12

"Sie sagen dann die Wahrheit, wenn Gott seine Wahrheit durch ihre Worte zum Ausdruck bringt."


hallo Klaus

woher stammt eigentlich dieser so tragische Wunsch des christlich geprägten Menschen sich an "der Wahrheit" und dann auch noch an der unendlichen Wahrheit Gottes zu orientieren? Könnten wir denn nicht auch etwas demütiger werden und lieber von "unserer Form von gelebter Wahrheit" sprechen? Dann müssten wir doch nicht unter diesem hehren Anspruch "leiden" eine Wahrheit zu ergründen, die schlechterdings für uns Menschen unergründlich bleibt.....

2024-02-09 22:04:54
Hallo Michael,

danke für deine interessante und berechtigte Frage! Es ist doch immer gut, wenn jemand von "außen" auf theologische Äußerungen blickt. Da tun sich manchmal Fragen auf, auf die man als Theologe gar nicht kommt.

Ich will versuchen, mit einigen Gedankengängen zu antworten. Zunächst geht es mir um den Begriff der Wahrheit selbst. Du sprichst von "gelebter Wahrheit". Und tatsächlich muss Wahrheit gelebt werden, wenn sie nicht nur ein Dogma oder ein Gedanke sein will. Nun leben Menschen auf unendlich viele Arten und leben dabei unzählige Wahrheiten oder jedenfalls das, was sie für Wahrheit halten. Es ist ja heute schwer, überhaupt von Wahrheit zu sprechen, weil darin schnell ein allgemeingültiger Wahrheitsanspruch mitgehört wird, den man dann zu übernehmen habe. Auf der anderen Seite ist es aber schwierig, das Reden von Wahrheit zu unterlassen, weil dann Leben eigentlich gar nicht mehr möglich ist. Ringen wir nicht alle um Wahrheit - nicht um beliebig viele Wahrheiten, sondern um die eine Wahrheit, die unser Leben sinnvoll und lebenswert macht? Suchen wir nicht beständig nach der Wahrheit über unser Leben, unsere Welt, unsere Mitmenschen, über das Glück oder zumindest den Frieden, der uns unser Leben mit Zufriedenheit leben lässt? Und versuchen wir nicht, die Wahrheit zu leben, von der wir meinen, dass sie uns, wenn schon kein dauerhaftes Glück, so doch das größte Wohlbefinden bereitet?

Ich denke, dass alle Menschen nach solch einer Wahrheit suchen. Und der Streit über politische Konzepte, über die "beste" Philosophie, über die menschenfreundlichste Weltanschauung und auch über unzählige naturwissenschaftliche Erkenntnisse zeigt doch, dass es im Grunde zu unserer Natur gehört, nach der Wahrheit zu suchen und sie zu leben.

Nun hat es die Wahrheit schwer, wie ich schon sagte. Denn der seine Autonomie über alles schätzende Mensch möchte sich seine eigene Wahrheit suchen und sie sich von niemandem vorgeben lassen. Das ist auch gut so, denn eine vorgegebene oder gar aufgezwungene Wahrheit könnte nicht wirklich gelebt werden, sondern nur wie ein Schatten über unserem Leben liegen, der uns niemals in das Licht der Freiheit treten lässt. Andererseits bringt die beständige Suche nach der Wahrheit aber unweigerlich eine große Unsicherheit und Rastlosigkeit in unser Leben. Denn der beständig suchende Mensch kann sich ja nie sicher sein, ob er die beglückende oder doch wenigstens befriedigende Wahrheit schon gefunden hat oder einer Täuschung über sie unterliegt. Wo jeder Mensch seine eigene Wahrheit lebt, ist die Wahrheit eines jeden Menschen permanent in Frage gestellt. Das bringt keine Erfüllung ins Leben, sondern Angst, Irritation und Zweifel.

Von daher scheint es mir angemessen, nicht nur von beliebig vielen Wahrheiten, sondern von der einen, guten und wahren Wahrheit zu sprechen - also von der Wahrheit. Diese Wahrheit über unser Leben könnte man als die Wahrheit des Lebensgrundes bezeichnen, den wir Gott nennen. Und wenn es uns wirklich um den Sinn, das Ziel und die Gestalt unseres Lebens geht, wenn die philosophischen Grundfragen "Woher komme ich?", "Wohin gehe ich?" und "Was soll ich tun?" wirklich die wesentlichen Fragen des Menschen sind, dann haben die Religionen, dann hat "die unendliche Wahrheit Gottes" uns auf diese Fragen eine Antwort zu geben.

Ist es hochmütig, so zu fragen? Ist es nicht eher demütig, die Wahrheit über uns selbst nicht in uns selbst zu suchen, sondern außerhalb von uns? Und wäre es nicht eher hochmütig, wenn ein Mensch sich anschicken würde, die Wahrheit über sich selbst nirgendwo sonst als in sich selbst zu suchen?

Nun kann man, wie du sagst, wirklich unter dem Anspruch leiden, die Wahrheit zu finden. Aber andererseits können wir die Suche nach der Wahrheit auch nicht einfach ad acta legen, weil wir dann keinen Sinn, kein Ziel und keine Gestalt unseres Lebens mehr hätten. Ich denke, die Orientierungslosigkeit oder der Aktivismus, die Verwirrtheit oder Überheblichkeit, die Aufgeregtheit oder Depressivität, die Suche nach Zerstreuung oder Meditation, nach Konsumgütern oder immateriellen Gütern hat auch damit zu tun, dass uns die Wahrheit mit ihrer Orientierungsfunktion verloren gegangen ist. Ich denke, wir leiden nicht unter dem Anspruch, eine unergründliche Wahrheit zu ergründen, sondern darunter, dass es keine Wahrheit mehr zu geben scheint.

Und nun wollte ich mit meinem Artikel ausdrücken, dass wir diese wohltuende, heilvolle Wahrheit über uns gar nicht ergründen müssen, ja dies gar nicht können, sondern dass diese Wahrheit sich uns von sich aus erschließt. Martin Heidegger hat Wahrheit dem griechischen Wort alétheia entsprechend als Un-Verborgenheit des Seins verstanden. Theologisch könnte man sagen: Die Wahrheit ist Gott in der Geschichte der Erschließung seiner selbst. Das heißt, dass wir zwar immer wieder an unseren Versuchen, die Wahrheit zu entdecken, scheitern, dass die Wahrheit aber dennoch für uns entdeckt werden kann, nämlich dann, wenn sie sich uns erschließt. Das kann sogar geschehen, wenn wir sie gar nicht gesucht haben. "Leiden unter dem hehren Anspruch" werden also nur die, die von sich aus die Wahrheit zu ergründen trachten. Christinnen und Christen beten darum und hoffen darauf, dass die Wahrheit sich ihnen selbst erschließt - dass Gott sich ihnen selbst erschließt.

Wir haben die Wahrheit also nicht, schon gar nicht sind wir im Besitz der Wahrheit, sondern wir sind darauf angewiesen, dass die Wahrheit zu uns kommt und sich uns entbirgt. Genau das hat Gott in Jesus Christus getan, und er tut es bis heute in seinem heiligen Geist. Er tut es, wann und wo er es will. Er kann sich uns auch verbergen. Er wird sich uns aber nicht auf Dauer vorenthalten, wenn wir uns für ihn öffnen. Der Wunsch nach Orientierung an der Wahrheit hat so gesehen überhaupt nichts Tragisches, sondern etwas sehr Hoffnungsvolles und Zukunftsweisendes. Denn der Wunsch kann der Verheißung des uns nahen Gottes vertrauen, dass er sich uns immer wieder aufs Neue und in neuer Weise erschließt (Gottes Wahrheit ist eine lebendige, keine fixierte oder fixierbare) und uns so als Ursprung, Ziel und Gestalt unseres Lebens Orientierung bietet.

Gibt es etwas Schöneres und Befreienderes?

(Ich hoffe, dass ich mit meinen vielen Worten nicht an den wenigen Worten deiner Frage vorbeigeredet habe. Es besteht ja bei dieser Art der Kommunikation über schwierige Themen immer die Gefahr des Missverständnisses. Ich hoffe, dies war nicht der Fall).
Michael Kröger
2024-02-09 23:43:22
"Ich denke, dass alle Menschen nach solch einer Wahrheit suchen. Und der Streit über politische Konzepte, über die "beste" Philosophie, über die menschenfreundlichste Weltanschauung und auch über unzählige naturwissenschaftliche Erkenntnisse zeigt doch, dass es im Grunde zu unserer Natur gehört, nach der Wahrheit zu suchen und sie zu leben."

...das mag so sein. Aber ich empfinde diesen Wunsch dann im Grunde umso weniger erstrebenswert. Dieser "Wettbewerb" um die jeweils optimalste Annäherung an die Wahrheit führt dann umso mehr nicht zur Wahrheit sondern eher zur Einsicht, dass es im Grunde für jeden und jede zu jeder Lebenszeit eine jetzt passende Form von Übereinstimmung mit mir selbst gibt. Ich kann diesen Zustand Wahrheit nennen muss es aber nicht. So entlaste ich mich von dem Zwang einer finalen Wahrheit (nämlich meines Lebens) auf die Spur kommen zu müssen....vielleicht ist diese meine Sicht jetzt doch pragmatisch aber ich empfinde sie als lebenspraktisch....


2024-02-10 10:59:46
Dieser "Wettbewerb" um die jeweils optimalste Annäherung an die Wahrheit führt dann umso mehr nicht zur Wahrheit sondern eher zur Einsicht, dass es im Grunde für jeden und jede zu jeder Lebenszeit eine jetzt passende Form von Übereinstimmung mit mir selbst gibt.

Ich lehne diesen Wettbewerb ebenfalls ab. So wie auch Karl Barth sich nicht am Wettstreit um die einzig wahre Wahrheit beteiligen wollte. Die christliche Wahrheit ist eben eine, die nicht aus unserem Wettstreit geboren wird, sondern die sich selbst uns implementiert. Das schließt die gemeinsame Suche nach und auch den Streit um die Wahrheit nicht aus. Wie sollte es unter Menschen anders sein? Sich dem zu entziehen, würde doch bedeuten, die Welt sich selbst zu überlassen und sich in sein persönliches Wohlfühl-Kämmerlein zurückzuziehen, in dem man nichts mehr dazulernen will und kann, sondern immer nur sich selbst bestätigt.

Der "Streit" um die christliche Wahrheit wird jedoch, wenn es recht zugeht, nie einer auf Leben und Tod sein, sondern einer, der fehlerfreundlich und lernbereit das Gespräch sucht. Es ist ein Streit, in dem alle das bezeugen, was sie als Wahrheit in der gegenwärtigen Phase ihres Lebens erkannt zu haben meinen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dazu gehört die Bereitschaft, sich beständig zu revidieren. Und wenn es gut läuft, profitieren alle davon. Darum gibt es für mich auch keinen "Zwang, einer finalen Wahrheit auf die Spur kommen zu müssen", sondern nur ein freies und befreiendes Suchen und Finden von Orientierung, Hoffnung und Zuversicht in einer "unübersichtlichen" Welt. Ich erlebe das als nichts Zwanghaftes, sondern als etwas Befreiendes - befreiend von aller Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit und den damit einhergehenden deprimierenden Gefühlen.

Befreiend ist es auch, dass diese Wahrheit eben keine fixierte finale Wahrheit ist, sondern eine Wahrheit in Bewegung, eine lebendige Wahrheit, die immer wieder neu entdeckt werden will. Es ist eine Wahrheit, die mich nicht gefangen nimmt und einengt, sondern die mich auf einen Weg stellt, auf dem ich mich entwickeln kann, und die mir auch die Möglichkeit lässt, mich jederzeit von ihr zu lösen, wenn ich das, was diese Wahrheit mir gibt, aufgeben will. Doch auch dann, wenn ich mich von ihr löse, wird diese Wahrheit mir nachgehen und um mich werben, ohne mich zur Zustimmung zu nötigen.

Da es um die Wahrheit Gottes geht, die zugleich die Wahrheit meines Lebens und der ganzen Welt ist, geht es allerdings um weit mehr als um "Übereinstimmung mit mir selbst". Obwohl es auch darum geht. Denn kann ich wirklich zur Übereinstimmung mit mir selbst gelangen, indem ich vorbehaltlos und endgültig zu mir selbst Ja sage? Kann ich zu allem, was ich bin und aus mir selbst gemacht habe, Ja sagen und dafür garantieren, dass dieses Ja bis zum Ende meines Lebens Bestand haben wird? Ich kann das jedenfalls nicht. Aber im christlichen Glauben habe ich die Gewissheit, dass Gott dieses Ja zu mir spricht - vorbehaltlos und endgültig. Wenn ich dem zustimme, wenn ich dieses unverbrüchliche Ja Gottes zu mir gelten lasse, dann bin ich nicht nur in Übereinstimmung mit Gott, sondern auch mit mir selbst und der ganzen Kreatur. Dann ist die Wahrheit Gottes für mich die Wahrheit meines Lebens und der Welt geworden.

Diese Wahrheit habe ich mir nicht erstritten und sie ist mir nicht als Zwang auferlegt worden. Sondern sie ist mir geschenkt worden, sie ist mir zugefallen, sie hat sich von mir finden lassen, und das einzige, was ich getan habe, ist, sie dankbar anzunehmen und für mich gelten zu lassen. Das aber war kein Zwang, der mir auferlegt wurde, sondern meine freie Entscheidung.

Ist das alles zu positiv dargestellt? Vielleicht. Denn diese Wahrheit bedeutet auch Krise, Infragestellung, Neuausrichtung, immer neues Sich-in-Frage-stellen-Lassen und immer neues Suchen, und sie schließt auch keineswegs Zeiten der Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit aus, Zeiten der Leere und des Ungenügens. Diese Wahrheit ist uns eben unverfügbar, weil Gott uns unverfügbar ist. Er kann sich uns entziehen und unnahbar erscheinen. Diese Wahrheit ist kein Wohlfühlgarant. Aber sie bleibt dennoch die Wahrheit des uns zugewandten Gottes, der auch in unseren Gefühlen der Verlassenheit und Verlorenheit bei uns ist. Sein bleibendes Ja zu uns ist nicht von unserer Gefühlswelt abhängig. Diese Wahrheit ist überhaupt von nichts Irdischem abhängig. Gerade das macht sie so unverbrüchlich. Und darum wird diese Wahrheit uns nach den Zeiten des Zweifels und der Unsicherheit wieder eine Zeit der Gewissheit ermöglichen und auch zur Gewissheit werden, zu einer vielleicht tieferen Gewissheit als je zuvor, wenn wir ihr erneut zustimmen. Aber das beruht dann nicht auf unserem eigenen Vermögen, sondern auf dem Vermögen dieser Wahrheit selbst, die eine Kraft Gottes ist, die uns ohne unser Zutun erfassen kann.
Jochen
2024-02-11 18:16:19
Hallo Klaus,
meine Fragen beziehen sich hauptsächlich auf den achten und neunten Absatz des Artikels.

Ich bin gelegentlich Lektor in der Heiligen Messe. Wenn ich eine Lesung beendet habe, sage ich "Wort des lebendigen Gottes". Die Gemeinde antwortet mit "Dank sei Gott." Mehr noch: Kurz darauf steht der Priester am Ambo und sagt etwa: "Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes". Die Gemeinde -- jetzt stehend -- macht dreimal das Kreuz-Zeichen und antwortet: "Ehre sei dir, o Herr!". Was meinen sie dann damit? Ähnlich machen es die Orthodoxen, die Armenier, die Kopten, teilweise auch die Protestanten, eigentlich die überwiegende Mehrheit des Christentums. Was meinen sie damit, wenn sie nach einem Bekenntnis "Amen" sagen, wenn sie nicht meinen die Wahrheit auszusprechen -- mit ihren unzulänglichen Worten, mindestens, wenn sie nicht überzeugt wären, dass das was sie ausgesprochen haben, "kongruent" zu der göttlichen Wahrheit ist, die uns Jesus mitgeteilt hat? Was bedeutet dann der Anfang des Johannes-Evangeliums oder was wäre der Sinn der Augenzeugen-Berichte, denen zufolge Jesus in der Synagoge in Kapharanum nicht wie ein Theologe sprach, sondern wie einer der Vollmacht hat? Also an der Stelle habe ich den Eindruck, dass Christen vor uns nicht klüger aber sorgsamer mit dem Glauben umgegangen sind, den sie haben. Vermutlich ist es Karl Barths Zeitgenosse, der Geschichtsphilosoph Josef Pieper, der gemeint hat, dass ein Kennzeichen der Moderne sei, dass die Menschen nicht mehr glauben, was sie glauben. In einem Justiz-Prozess gilt die Aussage eines Zeugen doch als Beweis-Material. Weshalb ist es in der Theologie nicht mehr so? Weshalb meint man dort so klug zu sein, Zeugen-Aussagen rundweg zu bezweifeln? Meiner Meinung nach entsorgt man damit die apostolische Struktur, die Jesus seiner Kirche gegeben hat.
2024-02-11 18:58:11
Hallo Klaus,

dass und warum ich nach der Lektüre Karl Barths "Einführung in die christliche Theologie" zunächst einmal mit Theologie und mehr oder weniger auch dem Christentum fertig war, haben wir anderer Stelle schon einmal diskutiert. Mit Wahrheit und dem Sagen der Wahrheit hat das für mich eine Menge zu tun, ist aber hier nicht das Hauptthema.

Die Vereinnahmung aller Menschen als Theologen weise ich für mich schlicht zurück. Gerade weil ich Theologie schon aus ihrer Grundstruktur heraus für tendenziös und damit nicht bereit für bestimmte, möglicherweise unangenehme Wahrheiten halte, möchte ich da nicht einbezogen werden. Außerdem ist nicht jeder, der zwei und zwei zusammenrechnen kann, ein Mathematiker, und ebensowenig jeder, der sich Gedanken über irgendeine Form von Gott macht, ein Theologe.

Wenn Karl Barth sagt: "Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre reden", dann ist das für mich eine theologische Insolvenzerklärung. Mit Insolvenzverwaltung in eigener Regie. Wie problematisch so etwas ist, sehen wir gerade in der Wirtschaft bei einem österreichischen Immobilienunternehmer.

Du schreibst: "Sagen Christinnen und Christen also die Wahrheit? Sie sagen dann die Wahrheit, wenn Gott seine Wahrheit durch ihre Worte zum Ausdruck bringt." Und wann ist das? Man weiß es nicht.

Ich kann mit Barth wenig anfangen. Mir hilft im Vergleich Bonhoeffer viel weiter, der das viele Denken und Reden in theologischen und kirchlichen Kreisen kritisiert und eine Zäsur empfiehlt, wo Christen sich auf "Beten und Tun des Gerechten" beschränken sollten.

Viele Grüße

Thomas


2024-02-11 21:10:08
Hallo Jochen,

du beantwortest deine Frage am Schluss eigentlich schon selbst: In der Bibel geht es um Zeugen-Aussagen, also Aussagen von Menschen, die das, was sie als die Wahrheit Gottes erkannt haben, bezeugen. Ich könnte es auch anders ausdrücken: Was sie aufgeschrieben haben, ist Gottes Wort, aber im Munde von Menschen. Es ist also nicht unmittelbar Gottes Wort, sondern das über Menschen uns vermittelte, bezeugte Wort Gottes.

Nun könnte man sagen, das mache doch keinen Unterschied. Aber angenommen, Paulus hätte geglaubt, dass aus seinem Mund unmittelbar Gott spricht - dann hätte Paulus keine andere christliche Botschaft mehr neben oder nach sich dulden können. Wenn der Evangelist Matthäus geglaubt hätte, dass der Evangelist Markus die allein wahren und einzigen Worte Gottes, so wie Gott selbst sie gesprochen hat, aufgeschrieben hätte, dann hätte er niemals sein Evangelium schreiben und damit andere Akzente als Markus setzen und manche Unterschiede gegenüber dem Markusevangelium anbringen dürfen.

Das Wort Gottes ist nach Joh 1 Jesus selbst. Was er in Wort und Tat lebte, kann ich als unmittelbares Wort Gottes verstehen. Ich finde es aber wichtig, dieses Wort von all unseren menschlich-unzulänglichen Worten, wie du selber es nennst, zu unterscheiden. Vielleicht kann man die biblischen Worte als "kongruent zu der göttlichen Wahrheit" bezeichnen, wie du es tust. Darum ist das "Amen" der Gemeinde zu den biblischen Worten richtig. Für mich sind die biblischen Texte, die Jesus Christus bezeugen, der Maßstab (Kanon) der Wahrheit Gottes. Wobei man wohl doch unterscheiden muss zwischen den biblischen Worten, die Jesus mehr, und denen, die ihn weniger bezeugen. Die Bibel ist eben nicht vom Himmel gefallen, sondern in einem langen Prozess mit mündlicher Überlieferung, Verschriftlichung, Ergänzungen, Abschreibfehlern und bis heute nicht vollständig rekonstruierten Texten auf uns gekommen. Und jede Übersetzung ist bekanntlich schon eine Interpretation, manche Textstellen lassen auch grammatikalisch verschiedene Übersetzungen zu, so dass schon dadurch deutlich wird, dass unsere unzulänglichen Worte immer interpretationsbedürftig bleiben. Ich halte die biblischen Texte dennoch für das, woran wir uns auf jeden Fall orientieren müssen. Aber die biblischen Texte sind nicht Jesus Christus. Und unsere Interpretationen der biblischen Texte sind weder Jesus Christus noch der Maßstab für die Wahrheit Gottes. Dennoch kann Gott auch heute durch unsere Worte sprechen und tut das.

Ich hoffe, es ist etwas deutlicher geworden, was ich meine.

1. Jesus Christus ist das eine und vollkommene Wort Gottes. Er hatte Gottes Geist in seiner Fülle.

2. Die biblischen Texte sind die ihn bezeugenden, weil durch den Geist Gottes auch in ihrem Gang durch die Geschichte gewirkten Worte Gottes, sofern sie wirklich das eine Wort Jesus Christus bezeugen, was für die allermeisten biblischen Texte gilt.

3. Unsere Worte sind die die biblischen Texte, die wir als Maßstab anerkennen, deutenden Worte, die des Dialogs unter den Christen bedürfen, weil kein Christ allein die Wahrheit gepachtet hat. Unsere Worte bleiben immer unzulänglich. Und dennoch spricht Gottes Geist durch sie, wann und wo er es will.

Der letzte Punkt ist wichtig, damit wir uns unserer Fehlbarkeit, unseres Mangels an Erkenntnis und der erkenntnisleitenden Kraft des Heiligen Geistes bewusst bleiben. Paulus hat ja in 1Kor 13,12 deutlich von unserer Erkenntnis als "Stückwerk" gesprochen, im Unterschied zur Erkenntnis in der himmlischen Zukunft, in der wir Gott "von Angesicht zu Angesicht" erkennen werden.
2024-02-11 21:27:58
Hallo Thomas,

es war nicht meine Absicht, dich für irgendetwas zu vereinnahmen. Ich fühle mich selbst als studierter Theologe aber nicht besser in der theologischen Erkenntnis als ein nichtstudierter Christ, der ganz einfach die Bibel liest. Von solchen Christen kann man auch als studierter Theologe manchmal große Worte vernehmen und etwas lernen. Auf der anderen Seite gibt es aber leider auch Christen, die, wie ich schon im Artikel schrieb, so sprechen, als spreche in diesem Moment Gott selbst aus ihnen. Etwas Demut und Bescheidenheit wären in diesem Fall schon angebracht. Darauf wollte ich mit meinem Artikel hinweisen.

Die von dir zitierten Worte Karl Barths sind ein Zeugnis dieser Demut und Bescheidenheit. Man könnte auch sagen: der Unzulänglichkeit aller christlichen Erkenntnis (vgl. 1Kor 13,12). Man kann ja an Karl Barth vieles kritisieren, aber nicht, dass er sich selbst mit seinen theologischen Erkenntnissen zu ernst genommen hätte.

Wenn du schreibst, man wisse nicht, wann der Geist Gottes durch Menschen spreche, dann sehe ich das genauso. Das macht die Orientierung nicht einfacher. Letztlich ist jeder Christ und jede Christin aufgerufen, unter Gebet und Studium (nicht akademisch gemeint) sich selbst ein Bild zu machen. Und das funktioniert auch ganz gut, wenn man sich seiner eigenen Unzulänglichkeit bewusst bleibt, für neue Erkenntnisse offenhält und die biblischen Schriften als Maßstab nimmt. Dennoch bleibt es eine lebenslange Aufgabe und findet irdisch kein Ende. Das Ende des Erkenntnisprozesses ist erst dann gegeben, wenn wir Gott "von Angesicht zu Angesicht" gegenüberstehen (siehe wieder 1Kor 13,12).

Viele Grüße
Klaus
Jochen
2024-02-24 11:59:00
Hallo Klaus,
ich sehe meine Fragen nicht so ganz beantwortet, denn der Aussage "Es ist nicht unmittelbar Gottes Wort, sondern das über Menschen uns vermittelte, bezeugte Wort Gottes", der ich an sich zustimmen würde, wird von der gegenwärtigen Theologie offenbar ein defizitärer Charakter der unzuverlässigen Überlieferung zugemischt, so nach dem Motto: vorbehalten, dass es tatsächlich Gottes Wort wäre, ...
Deswegen fragte ich, was das Wort "Amen" für einen, sagen wir ruhig mal nicht-fundamentalistischen Christen tatsächlich bedeutet. Oder "Wort des lebendigen Gottes", oder das ur-protestantische Emblem: V. D. M. I. AE.
Ich denke nicht, dass etwa eine Theologin wie Frau Eta Linnemann gemeint hat, dass die Bibel vom Himmel gefallen wäre, dennoch kritisiert sie die Unterstellung, "dass Bibelwort und Gotteswort nicht identisch sind" ("Original oder Fälschung -- Historisch-kritische Theologie im Licht der Bibel, CLV, 1999, 2. Aufl.). Im katholischen und orthodoxen Bereich, der der Heiligen Schrift die Tradition gegenübergestellt wird, ist dieser Gedanke, die Bibel sei vom Himmel gefallen, geradezu absurd.
2024-02-24 15:11:49
Hallo Jochen,

ich glaube, dass wir um eine Abstufung dessen, was Gottes Wort ist, nicht herumkommen. Für mich ist Jesus Christus das eine, unfehlbare Wort Gottes - ein Wort, das in menschlicher Person erschienen ist. Die Worte der Bibel können nicht auf derselben Ebene Gottes Wort sein, sonst träten sie in Konkurrenz zu Jesus Christus. Sie bezeugen aber dieses Wort in für uns maßgeblicher Weise, wobei ich tatsächlich den Vorbehalt machen würde, dass sie tatsächlich Jesus Christus bezeugen - was ich zumindest für einige alttestamentliche Texte schwierig finde. Die Forschung hat deshalb immer nach einer "Mitte der Schrift" gesucht, die maßgebend für alle biblischen Texte ist - und z.B. auf Jesus Christus oder die Rechtfertigungslehre verwiesen. Martin Luther meinte, Wort Gottes sei, "was Christum treibet". Dass unsere Worte bzw. heutige Predigten nicht in derselben Weise Gottes Wort sein können wie Jesus Christus selbst oder wie die biblischen Schriften, ist vielleicht am wenigsten strittig.

Darum gilt für mich, mich an die biblischen Schriften zu halten, sie aber im Zweifel daran zu messen, ob sie Christus wiedergeben, den ich natürlich nur aus diesen Schriften entnehmen kann. Damit bewegen wir uns in einem hermeneutischen Zirkel. Und es ist deutlich, dass "Christus wiedergeben" sehr unterschiedlich verstanden werden kann. Das ist die Schwäche aller heutigen Theologie, die deshalb darauf vertrauen muss, vom heiligen Geist getrieben zu sein - was sich natürlich nicht beweisen lässt. Darum ist der christliche Streit über die Wahrheit unerlässlich.

Das Bibelwort steht für mich an entscheidender Stelle für alle unsere Erkenntnis. Ich schätze es hoch und hoffe, das wird auch in meinen Blogbeiträgen deutlich. Ich muss aber an einigen wenigen Stellen die Frage stellen, ob das dort geschriebene Wort wirklich dem entspricht, was Jesus Christus wollte oder ob es vielleicht eine missverständliche Formulierung ist oder ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. Die Frage stellt sich vor allem dort, wo es zu Widersprüchen innerhalb der Bibel kommt. Dazu habe ich ja gerade einen neuen Beitrag verfasst. Die Frage stellt sich aber auch dort, wo die Textüberlieferung unklar ist oder verschiedene Handschriften unterschiedliche Versionen des Textes bieten. Und sie stellt sich ja vielleicht doch auch bei einigen wenigen Stellen, die sehr hart und lieblos und irgendwie gar nicht zum Reden und Handeln Jesu zu passen scheinen. Letzteres würde ich aber nur mit äußerster Vorsicht und Zurückhaltung überhaupt fragen wollen, weil wir andernfalls viel zu schnell dabei wären, dies und das, was uns nicht gefällt, zu relativieren. Darum aber kann es nicht gehen!

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