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Raus aus der weltweiten Eskalation der Gewalt!

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Ethik · 30 Juni 2025
Tags: EthikNächstenliebeFeindesliebeFriedeKriegGewaltPolitikWeltregiment

Raus aus der weltweiten Eskalation der Gewalt!
Der christliche Beitrag zum Abbau von Gewalt und Aggression
Klaus Straßburg | 30/06/2025

 
Gewalt und Bedrohung mit Gewalt gebiert […]
nach einem unentrinnbaren Pragma alles Handelns
unvermeidlich stets erneut Gewaltsamkeit.
Max Weber

Christen vertrauen darauf, dass Gott der Herr der Weltgeschichte ist. Man kann es kaum glauben, wenn man einen Blick in die Welt wirft. Und doch ist es eine Grundwahrheit des christlichen Glaubens, dass Gott in ihr wirkt – letztlich Gutes wirkt. Eine Grundwahrheit, bei der man in einen Abgrund von Unrecht, Leid und Tod blickt. Denn so begegnet uns die Welt besonders deutlich seit einigen Jahren.

In den Abgrund blickend halten Christinnen und Christen an der Grundwahrheit fest, dass Gott Gutes wirkt. Und sie gestehen ein, dass er es nicht so tut, dass wir es vor Augen haben. Gott wirkt vielmehr im Verborgenen. Schon Jesus wies darauf hin, dass wir das Reich Gottes nicht beobachten können (Lk 17,20f).


Gott zieht es vor, das Leid zuzulassen und unter den
zuschlagenden menschlichen Fäusten Gutes zu wirken

Wie kann die Welt, wenn Gott Gutes wirkt, in dem Zustand sein, in dem sie uns täglich begegnet? Gott lässt offensichtlich dem menschlichen Handeln freien Lauf. Er schlägt nicht mit der Faust dazwischen, um dem Wahnsinn ein Ende zu machen. Er müsste dann all den Mächtigen ein Ende bereiten, die sich für die Herren der Weltgeschichte halten. Er müsste auch den kleinen Übeltätern ein Ende bereiten. Also auch uns.

Aber genau das will Gott nicht tun. Er zieht es vor, das Leid zuzulassen und unter den zuschlagenden menschlichen Fäusten Gutes zu wirken. Wir sehen aber nur die zuschlagenden Fäuste und die leidenden und sterbenden Opfer. Das beste Beispiel dafür ist Jesus Christus selbst. Sein qualvoller Tod am Kreuz war für alle sichtbar. Dennoch behauptet die Christenheit, dass sich in ihm das Heil der Welt ereignet habe. Nicht sichtbar für die Augen, sondern verborgen unter dem Gegenteil seines Leidens und Sterbens.

Wenn Gott den Wahnsinn zulässt, tut er es also nicht aus Gleichgültigkeit oder um seine Geschöpfe zu bestrafen oder in einem emotionalen Zornesausbruch: "Das haben sie nun davon. Wer nicht hören will, muss fühlen." So ist Gott nicht. Er lässt den Wahnsinn zwar zu, aber er verlässt die dem Wahnsinn Verfallenen und deren Opfer nicht. Was er genau bezweckt, wissen wir nicht. Worin das Gute besteht, das Gott verborgen hinter Leid und Tod wirkt, bleibt im Dunklen. Wie gesagt, ein Abgrund.

Doch hinter dem Abgrund ist Licht. Nicht zu sehen, aber zu glauben. Auf Jesu Tod folgte seine Auferweckung von den Toten. Auf den sechs Jahre währenden Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs folgten viele Jahrzehnte des Friedens in Europa. Sie sind spätestens seit Russlands Angriff auf die Ukraine beendet.

Wenn wir heute einen Blick in die Welt werfen, setzen wir also dies voraus: Gott wirkt in ihr Gutes. Wir sehen es nicht. Wir fühlen es nicht. Aber wir vertrauen darauf. Dieses Vertrauen ist unzerstörbar, sagen die Glaubenden. Sie nennen es Hoffnung. Nicht eine unsichere Hoffnung – ich weiß es nicht, aber ich hoffe es –, sondern eine gewisse Hoffnung, deren Berechtigung aber unbeweisbar ist – ich bin gewiss, dass Gott trotz allem Gutes wirkt.

Wer diese Hoffnung hat, kann die Gewalt in der Welt wahrnehmen, ohne in Depressionen zu versinken. Er muss vor dem Irrsinn des menschlichen Handelns nicht die Augen verschließen. Wenn alle die Augen verschließen, wird die Welt blind und die Wahrheit geht verloren. Christen aber haben die Aufgabe, die Wahrheit zu erkennen und sie den geliebten Geschöpfen Gottes mitzuteilen.


Man kann den Eindruck gewinnen,
dass sich Gewalt wie eine Pandemie ausbreitet

Zur Wahrheit gehört, dass Gewalt – in welcher Form auch immer – neue Gewalt erzeugt. Das ist seit Beginn des Ukrainekriegs zu beobachten. Dabei geht es nicht nur um die Gegengewalt desjenigen, der angegriffen wird. Gewalt an einem Ort scheint vielmehr die Hemmungen zu reduzieren, auch an anderen Orten gewaltsam zu agieren.

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 und dem immer noch tobenden Krieg scheinen sich die Kriege auch in anderen Weltregionen zu häufen. Aserbaidschan griff Armenien an und okkupierte die Region Bergkarabach. Die Hamas beging einen furchtbaren Terroranschlag auf Israel, das bis heute mit großer Härte zurückschlägt. Vor wenigen Tagen griff Israel den Iran an und zerstörte mit Hilfe der USA dessen Atomanlagen. Die Welt hält seit 2022 den Atem an und ringt nach Luft zwischen den vielfältigen Bedrohungsszenarien.

Doch die zwischenstaatliche Gewaltzunahme scheint sich auch innerstaatlich zu vollziehen. Die Anzahl der polizeilich erfassten Gewalttaten ging in Deutschland zwischen 2016 und 2021 kontinuierlich zurück und steigt seit 2022 ebenso kontinuierlich wieder an. Im Jahr 2024 erreichte sie fast den Höchststand von 2007 (siehe Statista).

Man kann den Eindruck gewinnen, dass sich Gewalt wie eine Pandemie ausbreitet. Gewalt gebiert Gewalt in Form von Kriegen, die den Weltfrieden bedrohen. Und was den Staatslenkern teuer ist, ist den Kriminellen innerhalb der Staaten billig. Mancher mag sich sagen: Wenn Gewalt, hoffähig geworden, wieder ein Mittel der Politik ist, warum dann nicht auch ein Mittel meines persönlichen Wohlergehens?

Dass Gewalt Gewalt gebiert, lässt sich auch im täglichen Leben beobachten. In einer Kirchengemeinde, in der die Pfarrerinnen und Pfarrer im unversöhnlichen Streit miteinander liegen, wird auch im Kirchenvorstand nicht lange Frieden herrschen. Schließlich werden sich Übelreden, Tricksereien und Intrigen auf die ganze Gemeinde übertragen.

Dasselbe wird für Firmen und Vereine gelten. Wo die Mitglieder der Geschäftsleitung oder des Vereinsvorstands nicht miteinander können, werden sich auch die Mitarbeitenden und Vereinsmitglieder in Gruppen spalten und bald gegeneinander arbeiten statt miteinander. Und selbst in Familien überträgt sich ein unfreundliches oder gar feindliches Klima der Wortführer auf die anderen Familienmitglieder.

Offenbar prägen die Wortführer in Staat und Gesellschaft bis hin zu den gesellschaftlichen Gruppen das Verhalten nicht aller, aber vieler der jeweiligen Gruppenmitglieder.


Es ist frappierend, wie deutlich sich Forschungsergebnisse
an der Verhärtung der Positionen während des Ukrainekriegs
ablesen lassen

Dass Gewalt eine Tendenz zur Eskalation in sich trägt, ist in der Konfliktforschung belegt. Gewalt eskaliert dadurch, dass sich das Denken und Fühlen bei Menschen, die in einem Konflikt miteinander stehen, verhärtet und sich dann auch ihr gewaltsames Verhalten verstärkt. Hier seien einige Momente des Eskalationsprozesses genannt und dem von Jesus angemahnten Verhalten gegenübergestellt:

Wenn alle Bemühungen der Konfliktparteien, zu einer Lösung zu finden, gescheitert sind, passiert, kurz gesagt, Folgendes*: Abweichende Meinungen werden von beiden Seiten immer weniger geduldet. Die Wahrnehmung der Realität trübt sich zunehmend ein und ein Schwarz-Weiß-Denken setzt sich durch, bei dem es nur noch Gut und Böse gibt. Von beiden Parteien wird jede eigene Mitverantwortung für den Konflikt rigoros zurückgewiesen. Unbewusst werden eigene Schwächen und Fehler auf den Gegner projiziert, der damit zum Feindbild erstarrt. Die Bereitschaft, dem Feind auch nur zuzuhören, verschwindet. Beide Seiten handeln zunehmend irrational und blenden die negativen Folgen ihres Handelns aus.

Im weiteren Verlauf des Eskalationsprozesses werden unverzichtbare oder gar heilige Werte proklamiert, die jede Gewaltanwendung rechtfertigen, ohne dass Schuldgefühle oder Skrupel auftreten. Schließlich werden Stärke und Entschlossenheit demonstriert und unangemessen massive und übereilte "Maßnahmen" ergriffen, die auch die Bereitschaft zum Töten einschließen. Dabei führen auch das Streben nach Kontrolle über die Gesamtsituation, Allmachtsphantasien sowie ein befürchteter Gesichts- und Glaubwürdigkeitsverlust zu Handlungen, die bis zur totalen Vernichtung und Selbstvernichtung führen können.

Das ist die Konsequenz, wenn der Eskalationszirkel nicht durchbrochen wird. Es ist geradezu frappierend, wie deutlich sich diese Forschungsergebnisse an der Verhärtung der Positionen nach Ausbruch des Ukrainekriegs ablesen lassen.

Die gute Nachricht ist: Wie sehr der Konflikt auch immer fortgeschritten sein mag – es gibt in den meisten Fällen die Möglichkeit, ihn zu beenden. Der christliche Glaube ist dabei immens hilfreich, sofern die ihm entsprechenden Handlungsmöglichkeiten praktiziert werden.


Die Liebe zum Feind ist für Jesus der am stärksten
herausfordernde Ernstfall der Nächstenliebe

Für Jesus ist im Verhalten gegenüber dem Feind die Nächstenliebe maßgebend. Ausgangspunkt der Nächstenliebe ist die Gleichberechtigung aller Geschöpfe vor Gott. Gott erbarmt sich nicht nur über die Guten, sondern auch über die Bösen (Mt 5,45; Lk 6,35). Wie Gottes Liebe auch seinen Feinden gilt (Röm 5,10), so fordert Jesus zur Nächstenliebe auf nicht nur dem Freund, sondern in gleichem Maße dem Feind gegenüber (Mt 5,46). Die Jesus Nachfolgenden sollen dem Feind nicht mit gleicher Münze heimzahlen, sondern im Gegenteil für ihn beten und ihn segnen (Lk 6,28; Mt 7,12).

Vom Menschen geübte Nächstenliebe spiegelt demnach Gottes Liebe zu seinen Geschöpfen wider; denn Gott nimmt die Bedürfnisse und Ängste aller seiner Geschöpfe wahr und nimmt an ihrem Geschick mitfühlend teil (2Mo/Ex 3,7). Er hat ein offenes Ohr für ihre Sorgen und lässt sich fürsorglich auf sie ein (1Petr 5,7). Er richtet sein Handeln an den flehenden Bitten der Menschen aus, lässt mit sich reden und denkt um (1Mo/Gen 18,17-33; 4Mo/Num 14,11-23; Mt 7,7). Nächstenliebe nimmt sich dies zum Vorbild, ohne dabei die eigenen Interessen und Sorgen zu vernachlässigen (Phil 2,4).

Nächstenliebe eröffnet also die Möglichkeit, mit dem Feind zu reden, ihm ernsthaft zuzuhören und so zu einer differenzierten Wahrnehmung des Gegenübers zu gelangen. Dadurch wird es möglich, sich den Standpunkt des Feindes in all seinen Facetten zu vergegenwärtigen, mögliche Wahrheitsmomente in ihm finden und den eigenen Standpunkt zu überdenken. Voraussetzung dafür ist aber, den eigenen Standpunkt nicht zum Maß aller Dinge zu machen, sondern zunächst einmal zurückzustellen, um ihn im fortgeschrittenen Gespräch differenziert einzubringen (Mt 8,5-13; 15,21-28). Das alles eröffnet ein Handeln, das den Kreislauf der Eskalationen durchbricht.

Wer Nächstenliebe übt, ist demnach befähigt, sich in die geliebte Person hineinzuversetzen, ihre – wenn auch irrealen oder ideologisch gefärbten – Bedürfnisse, Interessen und Ängste wahrzunehmen und ihre Perspektive auf die Welt und das Leben nachzuempfinden. Das gilt auch für die Liebe zum Feind. Sie ist für Jesus der am stärksten herausfordernde Ernstfall der Nächstenliebe. Nächstenliebe (im Sinne der griechischen Agape) ist von Sympathie und Angezogensein (im Sinne des Eros) zu unterscheiden. Es geht um die Liebe gerade auch zu dem, der auf mich unsympathisch und abstoßend wirkt, ja mir feindlich gesonnen ist.

Um der Eskalation eines Gewaltkonflikts entgegenzuwirken, ist es auch nötig, die eigene Mitverantwortung am Entstehen und Fortschreiten des Konflikts wahrzunehmen. Es ist eine wesentliche christliche Eigenschaft, eigene Schuld nicht zu verdrängen oder auf den Gegner zu projizieren, sondern sie im Vertrauen auf Vergebung vor Gott einzugestehen und Versöhnung mit dem Gegner zu suchen (vor Gott eingestehen: Lk 18,13; Versöhnung suchen: Mt 5,23-25). Jesus wusste um die fatale menschliche Haltung, Verfehlungen nur beim anderen zu suchen und so eine Verständigung unmöglich zu machen (Mt 7,3-5). Deshalb warnte er davor, sich selbst von Schuld freizusprechen und zu beanspruchen, zu den "Guten" zu gehören (Mt 19,17; vgl. Röm 3,12).

Eine Moralisierung des Konflikts, die die Schuld ausschließlich beim anderen sieht, und ein damit zusammenhängendes Schwarz-Weiß-Denken entspricht daher nicht der christlichen Ethik. Jesu Mahnung nach dem Johannesevangelium "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein" spricht hier ein deutliches Wort (Joh 8,7).


Auch wenn unser Weg Leid mit sich bringt, wird Gott
in seiner Macht ihn zu einem guten Ende führen

Der Mensch übernimmt sich, wenn er aufgrund seiner guten Taten vor Gott bestehen will. Er kann bestehen nur darin, dass er auf Gottes Gnade vertraut. Darum muss er in einem Konflikt auch nicht um seinen Gesichtsverlust fürchten; denn sein "Gesicht", sein Ansehen ruht in Gott allein (Mt 10,28-31; 6,31-34; Röm 2,9-11). Und er verliert seine Glaubwürdigkeit nicht dadurch, dass er seine Drohungen gegenüber dem Feind zurücknimmt; denn seine Glaub-Würdigkeit besteht darin, von Gott des Glaubens und der Liebe gewürdigt zu sein und dieser Würde gerecht zu werden (Mt 5,48).

Schließlich haben Kontrollsucht und Allmachtsphantasien im christlichen Glauben keinen Platz. Die Wirklichkeit eines Konflikts ist zu vielfältig und ambivalent, als dass eine Seite die Kontrolle übernehmen könnte und die Macht hätte, das Geschehen zu bestimmen. Der christliche Glaube geht davon aus, dass Gott der Herr der Geschichte ist, auch wenn das für uns oft nicht wahrnehmbar ist.

In diesem Glauben überließ Jesus die Kontrolle über das Geschehen seinem Vater im Himmel, und er lädt uns ein, es ihm gleichzutun (Lk 22,42; Mt 6,10). Wir können dabei gewiss sein: Auch wenn unser Weg Leid mit sich bringt, wird Gott in seiner Macht ihn zu einem guten Ende führen (2Tim 1,14).


Wenn der Konflikt ausgebrochen ist, besteht immer
die Möglichkeit, ihn wieder einzudämmen

Zu Jesu Zeiten gab es weder Gewalt- noch Konfliktforschung. Jesus war aber ein guter Beobachter und Menschenkenner. Er hielt seinen Zeitgenossen den Spiegel vor, damit sie ihre Schwachstellen erkennen und sich von ihnen lösen können. Darum ist es nicht unwahrscheinlich, dass ihm viele der in der Forschung offengelegten Eskalationsvorgänge vor Augen standen.

Schon die Weisheitslehrer des Alten Testaments wussten aufgrund ihrer Lebenserfahrungen um die Eskalationsgefahr eines Konflikts. Im Buch der Sprüche ist zu lesen (Spr 17,14):

[Wie] einer, der Wasser entfesselt (wörtlich: freilässt), [so] ist der Anfang des Streites; bevor also der Streit losbricht, lass ab!

Ein entfesselter Wasserstrom ist nicht mehr aufzuhalten. Er setzt sich fort und reißt alles mit, was sich ihm in den Weg stellt. Vielleicht zu Beginn nur ein kleines Rinnsal, kann er zu einem reißenden Strom werden, wenn ihm nicht rechtzeitig Einhalt geboten wird. Darum haben die Weisen empfohlen, einem Konflikt aus dem Weg zu gehen, schon bevor er begonnen hat.

Wenn aber der Konflikt schon ausgebrochen ist, besteht fast immer die Möglichkeit, ihn wieder einzudämmen – es jedenfalls ernsthaft, und das heißt unter gleichberechtigten Gegnern und im oben genannten christlichen Handlungsrahmen, zu versuchen (Röm 12,18). Max Weber hatte nicht recht mit seiner pessimistischen Aussage, dass Gewalt "unweigerlich" Gewalt gebiert. Der christliche Glaube bringt die besten Voraussetzungen mit, die Gewaltspirale zu durchbrechen.
 

Bleibt nur die Frage, inwieweit wir bereit sind, uns auf den christlichen Handlungsrahmen einzulassen ...


* * * * *


Verwendete Quellen:

Quellennachweise:
*   Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Phasenmodell_der_Eskalation sowie Spillmann/Spillmann: Feindbilder, S. 24-32. Eine andere
Art der Gewalteskalation zeigt die Einteilung der sich steigernden Gewaltformen durch Jan Philipp Reemtsma: Jede Gewalttat tendiert dazu, sich in ihrer Form zu verstärken: von der Gewalt, die den Körper eines Menschen aus dem Weg räumt (z.B. durch Gefangennahme oder Tötung) über die Gewalt, die den Körper des anderen benutzt (z.B. ihn vergewaltigt) bis zur Gewalt, die keinen anderen Zweck verfolgt als eben sinnlose Gewalt am Körper des anderen auszuüben (z.B. Quälen, Martern und Verstümmeln von Menschen). Weil der Stärkere die Macht hat, von einer zur anderen Form der Gewalt fortzuschreiten, wohnt jeder Gewalttat die Tendenz zur Verstärkung inne. Siehe dazu Reemtsma: Gewalt; Alkier/Schiewek: Gewalt überwinden, S. 25-32.

Foto: Gerd Altmann auf Pixabay.




14 Kommentare
Johanne
2025-07-01 09:35:08

Lieber Klaus,
nicht Kontrolle über ein (!) Geschehen erwartet Gott, er leitet den, der ihm vertraut! Max Weber empfand sich dem christlichen Glauben verpflichtet. Putin, Trump u.a. bestätigen Webers Satz. Geh zu auf Menschen, sprich MIT OFFENHEIT OHNE VORBEHALTE, Du erfährst dann wie Gott leitet! Laß Dich ein auf die Kirchenzucht, der ich seit meiner Kindheit folge!
Grüße Johanne, 1.7.25
Johanne
2025-07-01 09:44:25
Der Geist Gottes verlangt Einhaltung seiner Gebote!
2025-07-01 11:20:01
Hallo Johanne,

ich finde auch, dass die Gebote Gottes eingehalten werden sollen. Sonst hätte ich diesen Artikel nicht geschrieben. Dass wir nicht die Kontrolle über das Geschehen haben, sondern Gott uns leitet, habe ich ja auch geschrieben. Darum glaube ich auch nicht, dass Menschen den Fortgang der Geschichte bestimmen, sondern dass Gott es tut - auch wenn er manches zulässt, was Menschen tun. Dass Gewalt unweigerlich neue Gewalt erzeugt, wie Max Weber meinte, halte ich nur dann für richtig, wenn man Gottes Wirken auf Erden ausklammert. Denn rein menschlich gesehen ist der Satz richtig. Aber unter dem Gesichtspunkt, dass Gott auf Erden Gutes wirkt, halte ich ihn für falsch.

Viele Grüße
Klaus
Johanne
2025-07-01 14:10:12
Lieber Klaus,
dein Zitat von Max Weber ist ohne Kontext! Gott leitet den der nach ihm fragt! Dir fehlt noch die Herzensfrage nach Gott! Es geht NICHT DARUM OB UND WAS GOTT ZULÄSST, es geht um unser Handeln und Sprechen gegenüber und ZU Menschen!
Gib VOR DIR SELBST zu, wenn Du Menschen nicht offen begegnest! Das wäre ein Weg.
Johanne
2025-07-01 14:11:58
Gott benötigt Menschen die sich verwenden lassen!
Johanne
2025-07-02 12:16:24
Nur einige wenige erkannten vor 1945 die Diskriminierung, die die breite Masse praktizierte. Gott handelte an und mit den Menschen die ihr Herz auf ihn ausrichten. Soziales Unrecht ist Apostasie. JHWH wird diesen zum Löser.
2025-07-02 15:56:01
Die Welt sähe wohl noch weit schlimmer aus, wenn Gott nicht auch heute an und durch Menschen handeln würde.
Johanne
2025-07-03 09:53:18
Klaus Du verweigerst Verstehen!
2025-07-05 10:32:55
Hallo Klaus,

ob es Gott gibt, wissen wir nicht. Selbst wenn wir es Gewissheit nennen, bleibt es Glaube. Was Gottes Wille ist, weiß niemand. Vielleicht kann man sagen, wenn man von einem allmächtigen Gott ausgeht, dass nichts passiert ohne Gottes Willen. Aber letztlich können wir es nicht wissen (vgl. Röm 33-34 u.a.).

Wir wissen, dass Jesus gelebt hat, dass er Nächsten- und sogar Feindesliebe gepredigt und gelebt hat und dass er einen frühen und unrühmlichen Tod gefunden hat, wohl in Konsequenz seiner Haltung. Das Erstaunliche ist, dass er damit (oder dennoch) zum Stifter der zurzeit größten Religion geworden ist.

Ich gebe dir Recht darin, dass das Christentum einen großen Schatz zur Lösung aus den Gewaltspiralen dieser Welt im Großen und im Kleinen hat. Warum sind wir Christen nicht in der Lage, hier mehr zu erreichen?

Mit nachdenklichen Grüßen

Thomas
2025-07-05 11:05:02
Hallo Thomas,

was heißt Wissen oder Nicht-Wissen? Ist Sicherheit gemeint? Oder empirisch Bewiesenes? "Glaube" meint jedenfalls im christlichen Sinn nicht das, was wir landläufig als Glauben im Gegensatz zum Wissen bezeichnen ("Ich weiß nicht, ob das Wetter gut wird, aber ich glaube es"). Glauben ist mehr als unsicheres Vermuten und etwas anderes als empirisches Beweisen.

Warum wir Christen nicht in der Lage sind, bzgl. der Lösung aus Gewaltspiralen mehr zu erreichen, ist eine gute Frage. Könnte es sein, dass viele Christen ein Durchbrechen der Gewaltspiralen gar nicht wollen, weil sie keinen "realistischen" Ausweg aus ihnen sehen oder sie gar für "notwendig" halten? Die EKD hat sich beim Ausbruch des Ukrainekriegs total überfordert gezeigt und erstmal entschieden, eine neue Friedensethik zu entwickeln, weil die zuvor in Jahrzehnten entwickelte plötzlich nichts mehr taugte. Damit ist sie nun seit über drei Jahren beschäftigt und kann sich deshalb zu einem Durchbrechen der Gewaltspiralen nicht äußern. Diese Absurdität ist kaum noch zu übertreffen. Mir kommt es so vor, als wolle man den "großen Schatz zur Lösung aus den Gewaltspiralen dieser Welt", wie du es zu recht nennst, nicht heben, weil man gar keinen großen Schatz sieht oder sich über seinen wahren Wert nicht einig ist. Wo man aber keinen Schatz sieht oder sich über ihn nicht einigen kann, muss man den Mund halten.

Tatsächlich haben Christen in ihrer Geschichte selbst unvorstellbare Gewalt ausgeübt. Sie nannten sich Christen, aber ihr Verhalten hatte mit Christentum rein gar nichts zu tun. Man kann an Jesu Worten und Taten so lange herumdeuteln, bis nichts mehr von ihnen übrig bleibt. Das ist betrüblich, aber eine immer aktuelle Gefahr (der wir natürlich auch heute unterliegen).

Insofern ist alles "Wissen" fraglich, und es muss immer wieder neu um die christliche Wahrheit gebetet und gerungen werden - in der gewissen Zuversicht, dass der allmächtige Gott die Seinen zu seiner Zeit in alle Wahrheit leiten wird (Joh 16,13). So verstehe ich unsere christliche Realität auf Erden.

Viele Grüße
Klaus
2025-07-05 22:14:38
Hallo Klaus,

das Thema "Glauben vs. Wissen" haben wir ja schon mehrfach durchdekliniert. Wissen muss für mich von neutraler Seite überprüfbar sein. Wenn es wissenschaftstheoretisch werden soll, verwende ich den Kritischen Rationalismus.

Für Glauben im religiösen Sinne gibt es verschiedene Definitionsversuche, von Hebräer 11,1 bis zu "Glauben ist Vertrauen". Letztlich bleibt Glauben subjektiv, individuell oder kollektiv behauptet und neutral nicht nachvollziehbar.

Warum nutzen wir Christen unseren Schatz nicht, bringen ihn nicht zur Wirkung? Zum Teil ist das persönliche Unzulänglichkeit. Davon nehme ich mich nicht aus. Eine große Rolle spielt für mich aber auch die leidige Kooperation der Kirche mit der weltlichen Macht, die ohne ein gewisses Maß von Gewalt nie auskommt. Macht und Liebe sind wie Feuer und Wasser. Und Macht korrumpiert.

Viele Grüße

Thomas
2025-07-06 16:14:11
Hallo Thomas,

dem kann ich zustimmen, würde aber ergänzen, dass es ein "Wissen" (oder eine Gewissheit) gibt, das jenseits des Kritischen Realismus liegt und - nicht immer, aber dann, wenn Gottes Geist es bewirkt und wir es zulassen - seiner "Sache" sicherer ist als jedes von "neutraler" Seite überprüfte Wissen (im Sinne des Kritischen Realismus).

Zu deinem letzten Absatz wüsste ich gern, worin du die Kooperation der Kirche mit der weltlichen Macht siehst. Mir fällt dazu das Kirchensteuersystem ein und die sog. Staatsleistungen sowie eine gewisse Zurückhaltung bei der Kritik am staatlichen Handeln. Letzteres hängt mit dem zuerst Genannten zusammen. Hast du noch Anderes im Blick, wenn du das mit einem gewissen Maß an Gewalt in Zusammenhang bringst?

Dass innerkirchlich Macht ausgeübt wird, ist klar. Ohne gewisse Machtstrukturen wird aber keine irdische Institution auskommen. Es fragt sich m.E. nur, wie die Macht ausgeübt wird. Wenn z.B. gewisse Mindestanforderungen an Pfarrer und Pfarrerinnen im Dienst gestellt werden, könnte das ja auch aus Liebe zu den Gemeinden geschehen, denen man nicht jede Person zumuten möchte. Von daher denke ich nicht, dass Macht und Liebe prinzipiell wie Feuer und Wasser sind - wenngleich die Gefahr sehr, sehr groß ist, sich durch Macht korrumpieren zu lassen und das auch oft geschieht.

Viele Grüße
Klaus
2025-07-07 14:57:18
Hallo Klaus,

bei der Kooperation der Kirche mit weltlicher Macht habe ich viel weiter zurückgedacht, nämlich an die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion unter dem römischen Kaiser Konstantin. Das brachte für beide Seiten Vorteile, aber das Christentum verlor seine Unschuld dabei. Es ging weiter mit Kolonisierungen, zunächst in Mittel- und Nordeuropa, später Süd- und Nordamerika, wo jeweils Staat und Kirche Hand in Hand arbeiteten, zum beiderseitigen Vorteil, auf Kosten der Ureinwohner. Reformation, 30-jähriger Krieg, jeweils in staatlich-kirchlicher gemischter Interessenlage.

Dieses Konkubinat, wie ich es mal nennen möchte, ist bis heute nicht überwunden und geht zum Teil noch weiter. In Deutschland mit seinen mittlerweile < 50 % Mitgliedern der Amtskirchen (allein dieses Wort!) bekommt es zunehmend etwas Absurdes. Es könnte aber der Kirche eine Chance bieten, zu ihrem ursprünglichen Pazifismus zurückzufinden, weil es ihr als Institution nicht obliegt, den Staat zu gestalten.

Viele Grüße

Thomas
2025-07-07 18:09:08
Hallo Thomas,

vielen Dank für deine Präzisierungen. Was deinen Rückblick betrifft, gebe ich dir recht. Furchtbar, was die Kirche mit ihren Kriegen und Verbandelungen mit den weltlichen Machthabern anrichtete. Darum ist die Trennung von Kirche und Staat so wichtig.

Das gegenwärtige Kirchensteuersystem und die Staatsleistungen sind in Frage zu stellen. Eine Lösung davon würde mehr Kritik am staatlichen Handeln ermöglichen - was wünschenswert wäre.

Viele Grüße
Klaus
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