Plädoyer für eine Kultur des Lebens
Warum der christliche Glaube lebenswichtig ist
Klaus Straßburg | 16/10/2024
Sandra Maischberger hat gestern in ihrer Talkshow wie immer zu Beginn der Sendung ihre Gäste vorgestellt, mit erhobener Stimme und untermalt von Hintergrundmusik. Den Bestsellerautor Yuval Noah Harari stellte sie so vor:
Ich freue mich heute über einen Mann, der uns erklärt, ob wir kurz vor dem dritten Weltkrieg stehen.
Darauf folgte der Applaus des Publikums. Wer schon einmal live in einer Talkshow saß, weiß, dass der Applaus von einem "Vorklatscher" angestimmt wird, in den dann das Publikum mit seinem Applaus einfällt. Das Publikum braucht diese Vorgabe, weil sonst in der ungewohnten Situation einer Fernsehsendung niemand klatschen würde.
Maischberger freute sich also darüber, einen Gast zu haben, der darüber informieren kann, ob der Dritte Weltkrieg kurz bevorsteht. Ich fragte mich nach dieser Ansage: Weiß sie, wovon sie spricht? Ist ihr bewusst, was sie da sagt?
Ist der Dritte Weltkrieg ein politisches Spiel, das man spielt,
um im Ost-West-Konflikt zu siegen – oder auch nicht?
Im Zweiten Weltkrieg wurden über 65 Millionen Menschen getötet bzw. ermordet, davon die Mehrzahl Zivilisten. Die beiden Atombomben, die auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, töteten etwa 100.000 Menschen sofort und weitere ca. 130.000 in den folgenden Monaten. Spätere Opfer, physisch und psychisch Verletzte und lebenslang Gezeichnete, sind dabei noch nicht mitgezählt.
Ein Dritter Weltkrieg wäre mit großer Wahrscheinlichkeit ein nuklearer. Die heutigen Nuklearwaffen haben ein Vielfaches an Zerstörungskraft wie die von Hiroshima und Nagasaki. Entsprechend müsste man mit unermesslichen Opferzahlen rechnen. Und der nachfolgende nukleare Winter könnte alles Leben auf der Erde auslöschen.
Kann man über die Wahrscheinlichkeit eines Dritten Weltkriegs reden, als ginge es um eine tagespolitische Streitfrage unter anderen? Haben manche sich schon mit dem drohenden Szenario angefreundet? Ist der Dritte Weltkrieg ein politisches Spiel, das man spielt, um im Ost-West-Konflikt zu siegen – oder auch nicht? Und: Sind die Millionen unschuldiger Toter trotz aller Sonntagsreden aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden?
Was wird an der Aussage Maischbergers deutlich bezüglich unseres kulturellen Standorts? Welche Sicht auf die Toten, den Tod und das Leben steckt dahinter?
Der Verstorbene wird zum Nichts –er war es wohl auch schon zu Lebzeiten
Wenige Stunden, bevor Maischbergers Talkshow gesendet wurde, hatte ich noch folgende Sätze des evangelischen Theologen Jürgen Moltmann gelesen:
Es ist zutiefst inhuman, die Frage nach dem Leben der Toten zu verdrängen. Wer das Recht der Toten vergisst, dem wird auch das Leben seiner Kinder gleichgültig. Es gibt auch kein Glück der Gegenwart und keinen sozialen Fortschritt in eine bessere Zukunft der Menschheit, die das erlittene Unrecht der Toten aufwiegen könnten. Wer den Toten gegenüber gleichgültig wird, wird zuletzt den Kindern gegenüber zynisch.*
Der christliche Glaube bekennt sich zu einem Leben, das über den Tod hinausgeht. Die Toten und ihr Leid sind bei Gott nicht vergessen. In Psalm 88 kämpft ein Mensch um diese Einsicht (Verse 6 und 11-13). Der leidende Hiob hofft, dass Gott seiner im Tod gedenken wird (Hi 14,13). Das Neue Testament verkündigt die Auferweckung Jesu und aller Toten durch Gott. Die Toten sind also nicht abgeschrieben, sondern sie sind Kandidaten des Lebens. Sie sind und bleiben Gott präsent.
Sie sollen deshalb auch uns präsent sein – nicht als ein für allemal Tote, sondern als solche, deren Ziel das Leben ist. Und die Ermordeten und massenhaft Getöteten sollen uns in Erinnerung bleiben als grausamer Ausdruck menschlichen Versagens und als beständige Mahnung, diesem Versagen Widerstand entgegenzusetzen. Das gilt auch für das nukleare Abschreckungssystem, das Moltmann ein Massenvernichtungssystem nennt** – was es ja auch zweifellos ist.
Unsere Kultur hingegen kennt das Leben über den Tod hinaus weitgehend nur als fromme Erzählung ohne Konsequenzen für das eigene Leben. Deshalb verdrängt sie den Tod – und immer mehr auch die Toten. Gräber werden zunehmend anonymisiert, Urnen in den "Friedwald" verlagert oder gleich ins Meer gesenkt, in dem sich die Asche auflöst. Der Verstorbene wird zum Nichts – er war es wohl auch schon zu Lebzeiten. Dementsprechend gibt es immer weniger Erinnerungsorte. Grabpflege ist nicht mehr nötig oder, wo sie noch nötig ist, tritt sie mehr und mehr in den Hintergrund.
Weil man den Tod verdrängt, erinnert man sich auch nicht an die Toten. Wem aber die Toten gleichgültig sind, dem wird auch das Leben gleichgültig. Das vergangene Leben der Verstorbenen wird dem Vergessen preisgegeben. Und das bevorstehende Leben der Kinder wird bedeutungslos angesichts der unbewussten Ergebenheit an den Tod. Darauf hat der Theologe Jürgen Moltmann hingewiesen.
Der christliche Glaube leistet Widerstandgegen diese Kultur des Todes
Könnte es sein, dass das übersättigte Leben nicht mehr als lebenswert empfunden wird? Dass die Seele sich nicht mehr von der sich stetig steigernden Erlebnisspirale ernähren kann? Dass das nackte Leben ohne Perspektive über den Tod hinaus zum geheimen Hass auf das Leben wird?
Könnte es sein, dass viele Menschen die Liebe zum Leben verloren haben und deshalb unbewusst dem Tod huldigen? Wie die Menschen, die sich in schwieriger Lage nicht der ernsten und kritischen Selbstreflexion unterziehen, sondern im Gegenteil ausgelassen feiern, obwohl es keinen Grund dazu gibt. Von ihnen heißt es im Alten Testament (Jes 22,1.2a.12f):
Was ist denn mit dir, dass alle deine Leute auf die Dächer steigen, du vom Getümmel erfüllte, lärmende Stadt, du jauchzende Stadt? [...] An jenem Tag ermahnt der Herrscher, der Herr der Heerscharen, zum Weinen und Wehklagen, zum Kahlscheren des Hauptes und zum Umgürten des Sacktuches – doch siehe, da ist Jubel und Vergnügen, Ochsenschlachten und Schafeschächten, Fleischessen und Weintrinken: "Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!"
Der Apostel Paulus hat es Jahrhunderte später so auf den Punkt gebracht (1Kor 15,32b):
Wenn Tote nicht auferweckt werden, so "lasst uns essen und trinken, denn morgen sterben wir".
Wenn der Tod das Letzte ist, bleibt tatsächlich nur ein Leben im besinnungslosen Rausch, das den drohenden Tod und jede tödliche Gefahr ausblendet. Wenn man die Frage Martin Walsers nicht mehr stellt "Was fehlt, wenn Gott fehlt?", dann wird das Leben aussichtslos, weil es seiner Entbehrungen und seines Sinns nicht mehr gedenkt. Wesentliches fehlt trotz scheinbar übersprudelnden Lebens – aber die Frage, was eigentlich fehlt, wird nicht mehr gestellt und bleibt deshalb ohne Antwort.
Eine solche Kultur huldigt dem Tod, ohne dass es ihr bewusst wird. Die Erfüllung des Lebens geht verloren und mit ihr die Liebe zum Leben. Eine geheime, nicht eingestandene Liebe zum Tod setzt sich an ihre Stelle.
Dann redet man auch von der nuklearen Katastrophe, als wäre sie ein diskutabler Zug im Spiel des sinnlos gewordenen und in der Tiefe der Seele schon dem Tode preisgegebenen Lebens.
Der christliche Glaube leistet Widerstand gegen diese Kultur des Todes, indem er sich um Leben bekennt (1Kor 15,54b.55.57f):
Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? [...] Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus. Daher, meine geliebten Brüder [und Schwestern], seid fest, unerschütterlich, allezeit reich im Werk des Herrn, wissend, dass eure Mühe nicht vergeblich ist im Herrn.
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* Jürgen Moltmann: Das Kommen Gottes. Christliche Eschatologie. Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1995. S. 128.
** Jürgen Moltmann: Das Kommen Gottes, S. 262.
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