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Paulus auf dem Areopag in Athen

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie mit Humor · 18 August 2025
Tags: LebenLebenssinnGlückVernunft

Paulus auf dem Areopag in Athen
Die Areopagrede über unseren Lebensgrund
Klaus Straßburg | 18/08/2025

Schwimmen zwei junge Fische ihres Wegs. Zufällig kommt ihnen ein älterer Fisch entgegen. Der nickt ihnen freundlich zu und ruft: "Hallo Jungs! Wie ist das Wasser so?" Die beiden jungen Fische schwimmen wortlos weiter. Dann guckt der eine den anderen verständnislos an und fragt: "Was zum Teufel ist Wasser?"

Ich weiß nicht, ob Paulus diese Geschichte kannte, als er mitten in Athen seine berühmte Areopagrede hielt1. In dieser Rede sagte er den Satz (Apg 17,28):

In ihm [nämlich Gott] leben wir, bewegen wir uns und sind wir.

Aber was sollte das denn bedeuten? Wir leben in Gott, so wie die Fische im Wasser?


Paulus hatte sich über die zahllosen Götzenbilder
geärgert, die in Athen herumstanden

Zunächst noch mal zurück zum Areopag: Das ist ein 115 Meter hoher Felshügel, auf dem auch der oberste Rat Athens, also deren Bundestag und Bundesverfassungsgericht in einem, tagte. Dorthin führten die Athener Philosophen den Apostel Paulus, mit dem sie ins Gespräch gekommen waren. Und weil sie so neugierig auf neue Gedanken waren, baten sie ihn, ihnen auf dem Areopag seine Theologie vorzutragen. Und Lukas, der das alles aufschrieb, fügt tatsächlich hinzu, dass die Athener Philosophen, das Bildungsbürgertum und die sich dort aufhaltenden gebildeten Fremden für nichts anderes Zeit hatten, als sich mit Neuem auseinanderzusetzen (Apg 17,18-21).

Was für ein Leben! Immer Neues hören und darüber diskutieren. Da wird es nie langweilig. Jedenfalls dann nicht, wenn es wirklich neu ist. Oft begegnet das Alte ja nur in neuem Gewand. Wie heute meistens. Aber das ist ein anderes Thema. Die Müßiggänger der Stadt ‒ natürlich nur Männer, und zwar solche, die es sich leisten konnten, andere für sich arbeiten zu lassen ‒ die Müßiggänger also hatten so viel Muße, dass sie gar nicht wussten, wohin damit. Deshalb "ergriffen" sie Paulus und führten ihn auf den Areopag, notiert Lukas.

Das klingt nicht so sehr nach Freiwilligkeit. Eher als schoben sie Paulus den Berg hoch, als dass er ihn freiwillig erklomm. Vielleicht war ihm gar nicht wohl dabei. Er war ja bekanntlich kein guter Redner (2Kor 10,10). Und nun sollte er vor all den Philosophen und anderen Gebildeten eine Rede halten und seine Theologie vorstellen. Dabei waren die doch alle Heiden! Da mag ihm die Angst im Genick gesessen haben. Aber das schreibt Lukas natürlich nicht auf.

Immerhin war es eine gewisse Ehre, von den Gelehrten der Stadt auf den Areopag geführt zu werden. Denn dort durfte bestimmt nicht jeder öffentlich sprechen. Und wahrscheinlich weil das Reden dort hohe Einsichten vermitteln sollte, musste man auch erst mal die 115 Meter hoch auf den Felsen steigen. Und das in der schweißtreibenden griechischen Hitze. Jedenfalls war man oben auch schon mal den Göttern näher als unten in der Stadt, wo sich das gemeine Volk aufhielt.

Apropos Götter. Von denen gab es ziemlich viele im alten Athen. Paulus hatte vor seiner Bergwanderung mit den Philosophen eine Sightseeing-Tour durch die Stadt gemacht und dabei sicher die Akropolis nicht ausgelassen. Und er hatte sich über die zahllosen Götzenbilder geärgert, die dort herumstanden. Das ging so weit, dass man sogar "einem unbekannten Gott" einen Tempel gebaut hatte, um ihn zu verehren (Apg 17,16.23).


Gott braucht keine Blümchen und Speisen von den Menschen

Doch seinen Ärger hat der Apostel bei seinem Aufstieg auf den Areopag offensichtlich überwunden. Vielleicht stellte er sich die Position der Athener so vor: Es gibt ja so unendlich viele Götter. Da könnten wir ja einen vergessen haben. Das wäre wirklich schlimm, weil dieser Gott uns das übel nehmen könnte. Also gehen wir mal auf Nummer sicher und setzen auch diesem unbekannten Gott ein Ehrenmal.

Gar nicht so dumm, dachte Paulus vielleicht. Und sein Verstand bekommt oben in der Höhe des Felsens frischen Wind. Etwas vom frischen Wind des Geistes Gottes war sicher auch dabei. Denn Paulus geht seine Rede ziemlich geschickt an.

Der Apostel, nun just zum Philosophen erhoben, knüpft nämlich an diesen Tempel für den unbekannten Gott an und lobt die Athener für ihre Gründlichkeit (Apg 17,22f). Das ist schon mal ein guter Anfang, den Gesprächspartnern zu schmeicheln. Schließlich hat jeder Mensch ein bisschen von Donald Trump. Und Paulus geht sogar noch weiter: Ihr seid ja wirklich ungewöhnlich fromm, lobt er die Athener. So kriegt man jeden Trumpisten klein.

Die Athener sind so fromm, dass sie sogar das verehren, was sie nicht kennen. Aber, fährt Paulus fort, Gott – wohlgemerkt Singular! – wohnt gar nicht in Tempeln, die Menschen gebaut haben. Und er braucht auch keine Blümchen oder Speisen von den Menschen. Schon gar keine Tieropfer, wie sie damals in Griechenland in Mode waren. Gott braucht unsere Zuwendung nicht (Apg 17,24f). Es ist vielmehr umgekehrt: Wir brauchen seine Zuwendung.

Denn wir haben unser Leben und alles andere von Gott bekommen. Er hat nicht nur den Himmel und die Erde erschaffen, sondern auch den Homo sapiens. Er hat die Jahreszeiten festgelegt und die natürlichen Lebensräume für uns Menschen erschaffen. Und das alles nur, damit wir eine gute Beziehung zu ihm pflegen und es uns gut geht. Denn dieser Gott liebt uns so sehr, dass er keinem von uns fern ist (Apg 17,25b-27).

Ich weiß nicht, was die Athener sich gedacht haben, als sie das hörten. Immerhin ist es ja keine schlechte Botschaft, von einem Gott zu hören, der um uns besorgt ist und um den wir nicht besorgt sein müssen. Den nicht wir versorgen müssen, sondern der uns versorgt. Den wir nicht einmal freundlich stimmen müssen, weil er so eitel ist, sondern der uns immer schon freundlich entgegenkommt.


Nicht, weil wir so gut sind, wohnt Gott in uns, sondern
wir sind gut, weil und wenn Gott in uns wohnt

Und dann sagt Paulus den entscheidenden Satz:

In ihm [nämlich diesem Gott] leben wir, bewegen wir uns und sind wir.

Damit konnten die Athener etwas anfangen. Der ihnen bekannte stoische Philosoph Dion Chrysostomus hat gemeint: Weil die Menschen "nicht ferne und nicht außerhalb des Göttlichen für sich wohnen, vielmehr von Natur aus mitten in ihm, ja sogar gemeinsamen Ursprungs mit ihm sind", können sie Gott mit ihrer Vernunft ergründen.

Das passt auch gut in unsere Zeit. Die Vernunft steht ja obenan in unserer Werteskala. Mit Hilfe unserer Vernunft können wir ergründen, was das Gute ist, meinen wir. Das Gute ist ja für uns das Göttliche. Und die meisten Menschen halten sich doch für richtig gut. Sie wissen, wie die Welt besser wird, und setzen sich dafür ein. Das gilt nicht nur für politisch Interessierte jeder Coleur, sondern auch für Technologie-Freaks. Im Silicon Valley wollten sie schon vor Jahrzehnten nichts anderes, als die Welt besser machen. Herausgekommen sind Typen wie Elon Musk und Mark Zuckerberg.

Noch besser passt in unsere Zeit, was der römische Philosoph Seneca sagte: "Gott ist dir nahe, ist mit dir, ja in dir [...]. In jedem guten Menschen [...] wohnt Gott"2. Das klingt sogar richtig christlich.

Seneca war aber kein Christ. Darum vergaß er, dass das Wohnen Gottes im Menschen nicht auf dem Gutsein dieses Menschen beruhte, sondern umgekehrt dessen Gutsein auf dem unverdienten Wohnen Gottes in ihm. Das wird leider auch heute noch weitgehend vergessen. Nicht, weil wir so gut sind, wohnt Gott in uns, sondern wir sind gut, weil und wenn Gott in uns wohnt. Man kann also eine Wahrheit auf den Kopf stellen, wenn man nur eine klitzekleine Stellschraube in die falsche Richtung dreht. Und schon wird alles falsch.

So viel zu unserer hochgelobten Vernunft, die leider ziemlich oft unvernünftig ist.

Manche Christen meinen auch, dass sich doch das ganze Weltall in Gott befinden könnte. Dann wäre Gott eine Figur, die größer ist als das Weltall. Das scheint dann wirklich räumlich gemeint zu sein. Aber dass sich das Weltall, also wir alle, im Bauch Gottes befinden, ist für mich keine frohe Botschaft. Irgendwie hat das was von Verschwörungstheorie. Denn Gott ist kein Alien, dessen Leber uns im Weltall begegnen könnte.


Leider verkündigen auch manche Christen das
Gericht Jesu Christi als Schreckensherrschaft

Paulus muss sich also etwas anderes dabei gedacht haben, als er den Athenern seine Theologie mit der Aussage vorstellte, wir lebten in Gott. Ich habe mir mal den Kontext dieser Aussage angesehen. Kontext ansehen ist immer gut. Im Kontext redet Paulus davon, dass Gott uns das Leben geschenkt und viel Gutes für uns geschaffen hat (Apg 17,25-27). Und davon, dass er über unsere Unwissenheit hinwegsieht und dass der von den Toten auferstandene Jesus Christus über die Welt richten wird (Apg 17,30f).

Letzteres hätte Paulus vielleicht besser nicht sagen sollen. Denn davon, dass jemand über sie und ihre Vernunft richten wird, wollten die gebildeten Athener nichts wissen. Vielleicht spotteten etliche auch deshalb darüber, dass da einer von den Toten auferstanden sein sollte (Apg 17,33). Ein Zombie sollte über ihren scharfen Verstand richten? Sorry, no chance.

Mit dem Gericht über die Welt ist es ja so eine Sache. Die Athener haben es als Angriff auf ihre Selbstbestimmung verstanden. Leider verkündigen auch manche Christen das Gericht Jesu Christi als Schreckensherrschaft.

Jesus ist aber kein Schreckensherrscher und kein Tyrann. Er wird vielmehr Gerechtigkeit schaffen (Apg 17,31) – also das, wonach wir uns sehnen und was uns so sehr fehlt. Das Unrecht wird beseitigt, ein für allemal. Die Opfer alles Unrechts in der Welt dürfen sich freuen. Und alle, die ihre Gottlosigkeit hinter sich lassen und sich dem Friedensrichter Jesus Christus in die Arme werfen, haben überhaupt nichts zu befürchten – auch dann nicht, wenn sie immer wieder an seinen Maßstäben scheitern.

Es kommt also immer darauf an, was man unter Gottes Gericht über die Welt versteht. Auch in diesem Fall wird alles falsch, wenn man eine Stellschraube falsch einstellt. Dann wird das Friedensgericht zur Schreckensherrschaft.

Wenn wir in dem Friedensrichter Jesus Christus leben, dann leben wir in seiner Gnade und Liebe. Das ist der Gnadenraum des Reiches Gottes. Im Raum dieser Gnade und Liebe bewegen wir uns täglich. Wir vergessen es nur immer wieder. Wir vergessen, dass uns im Raum dieser Liebe nichts letztgültig Tragisches zustoßen kann. Wir können zwar alles Irdische verlieren – und das ist viel! –, aber diese Liebe können wir nicht verlieren. Und darum auch nicht das ewige Leben. Das hat Paulus an anderer Stelle deutlich gesagt (Röm 8,35-39).


Unser Lebensgrund ist die Liebe Gottes. Es tut uns gut,
das zu erkennen und uns daran zu erinnern

Bleibt noch hinzuzufügen, dass diese unendliche Gnade und Liebe uns oft verborgen ist. Das missfällt unserer Vernunft. Sie ist zutiefst beleidigt, wenn man von ihr zu glauben verlangt, dass etwas existiert, was sie nicht sieht oder erfährt. Doch dass nur das existiert, was wir sehen, anfassen oder fühlen können, ist irgendwie eine ziemlich einseitige Sichtweise. Vielleicht sogar unreif. Siehe die beiden jungen Fische vom Anfang.

Die wussten gar nichts von dem, was ihnen das Leben ermöglichte. So wie viele Menschen gar nicht wissen, dass sie im Gnadenraum des Reiches Gottes leben. Ihr Lebensgrund ist ihnen unbekannt. Und selbst die, die es wissen sollten, vergessen es immer wieder. Wahrscheinlich suchen wir deshalb immer neue Lebensgründe – und landen in Abgründen.

Paulus wies die Athener darauf hin, dass "das Göttliche nicht wie Gold oder Silber oder Stein oder wie ein Gebilde menschlicher Kunstfertigkeit und Erfindung sei" (Apg 17,29). Wir finden unseren Lebensgrund nicht in Reichtum, Häusern, Kunst oder Technik. All das kann unser Leben bereichern. Aber wenn es zum Zentrum unseres Lebens, und das heißt zum Gott wird, lenkt es uns in die falsche Richtung. Wieder eine falsch bediente Stellschraube ...

 
Der Hintergrund all unseres Fühlens, Denkens und Handelns ist die Liebe Gottes. Es tut uns gut, das zu erkennen und uns daran zu erinnern. Damit wir uns nicht, wie die beiden Fische, in unserem Lebensgrund bewegen, ohne ihn wahrzunehmen. Denn das wäre schon ziemlich albern. Und Gott bräuchte eine große Portion Humor, um uns dann noch als seine Partner ernst zu nehmen.

Ich bin aber überzeugt davon, dass Gott so viel Humor hat.


* * * * *


Verwendete Literatur:
Alfons Weiser: Die Apostelgeschichte. Kapitel 13-28. Ökumenischer Taschenbuchkommentar zum Neuen Testament, Band 5/2. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn / Echter Verlag. Gütersloh / Würzburg 1985.

Anmerkungen:
1 Überliefert ist die Areopagrede in der Apostelgeschichte des Lukas. Die deutsche theologische Forschung geht meist davon aus, dass Lukas die Areopagrede des Paulus selber konstruiert, Paulus sie also nie so gehalten hat. Überhaupt habe Lukas viele Teile der Apostelgeschichte als ein Ideal geschildert, das es so nicht gab. Das ist typisch für die historisch-kritische Forschung, die manchmal so kritisch ist, dass sie Selbstkritik vermissen lässt. Wie dem auch sei, ich gehe hier von der Schilderung des Lukas aus. Denn er wird sich ja etwas dabei gedacht haben und wollte uns etwas mitteilen. Ob er dabei vieles geschönt und erfunden hat oder ob sich wirklich vieles so oder so ähnlich zugetragen hat, wie er es beschreibt, wird man niemals mit Sicherheit feststellen können. Immerhin hat Lukas zu Beginn seines Evangeliums darauf hingewiesen, dass es ihm um eine zuverlässige Darstellung der Ereignisse ging (Lk 1,1-4).
2 Die letzten beiden Zitate nach Weiser: Apostelgeschichte, S. 474.

Foto: Dias12 auf Pixabay.




13 Kommentare
Johanne
2025-08-19 12:00:56
Lieber Klaus,

hier formulierst Du (!) dein Sprachduktus ist schwer lesbar!

Und dein Einstieg mit "verdammt" ruft nach dem Teufel!

Mit ihm kannst Du was bewirken?

Grüße Johanne, 19.8.25
2025-08-21 17:55:22
Hallo Klaus,

die Areopagrede hatte ich mir als Dokument des Scheiterns der christlichen Verkündigung gemerkt. Griechenland war ein Zentrum der Wissenschaft der Antike. Paulus spricht dort vor Leuten, die schon alles mögliche gehört und kritisch diskutiert haben. Als er am Ende seiner Rede von der Sensation der Auferstehung spricht und damit das vorher Gesagte bestärken will, macht er sich zum Gespött. Auf mich hat das immer wie ein Sinnbild der christlichen Verkündigung in der Moderne gewirkt.

Bei erneutem Lesen, angeregt durch deinen Beitrag, stelle ich fest, das schon noch ein paar Facetten mehr dabei waren. Immerhin sind einige Hörer zumindest höflich sagen, dass sie mehr hören möchten, andere gewinnt Paulus für sich.

Wie man aus dieser Rede so viel herausforschen und -predigen kann, wie es die theologische Forschung und wie du es tust, kann ich trotzdem nicht nachvollziehen.

Viele Grüße

Thomas
Michael KRÖGER
2025-08-22 09:04:51
Hallo Klaus,

ich deute deine Predigt für mich in meinem Kontext. Wir sind als Gläubige keine Abhängigen, die allein von der Gnade Gottes leben. Wir sind lebendige, Sinn suchende Wesen, die mit allen uns von Gott geschenkten Möglichkeiten dem Neuen in der Welt begegnen dürfen und können. Jeder Versuch Gott neu und im Kontext unserer Zeit zu begegnen kann nicht falsch sein - ganz im Gegenteil... Herzliche Grüße von Michael
2025-08-25 21:49:50
Hallo Thomas,

vielen Dank für deinen Kommentar. Merkwürdigerweise habe ich erst jetzt die Meldung über ihn erhalten.

Es ist richtig, dass Paulus mit seiner Botschaft von der Auferstehung Gespött geerntet hat - aber nicht nur, wie du zu recht feststellst. Auf den Spott bin ich ja auch kurz eingegangen. Wie die Rede aufgenommen wurde, habe ich aber nicht ausführlich erörtert, weil es mir darauf nicht ankam.

Der Text geht übrigens nicht auf eine Predigt zurück. Soweit ich mich erinnere, habe ich hier auf dem Blog erst ein einziges Mal einen Text veröffentlicht, der auf eine (für den Blog überarbeitete) Predigt von mir zurückging. Eine Predigt hat eine andere Zuhörerschaft, zu der ich in der Regel auch anders spreche.

Ich habe ja auch in diesem Beitrag wieder viele meiner Aussagen biblisch begründet. Ich bin aber diesmal auch etwas locker über die biblischen Aussagen hinausgegangen und habe spekuliert, was Paulus "vielleicht" gedacht hat und wie es "vielleicht" gewesen sein könnte, um die ansonsten etwas spröde Geschichte aufzulockern. Manches sollte auch nicht zu ernst genommen werden.

Das Hauptthema war aber, was es heißt, "in Gott" zu leben. Leider erklärt Paulus in seiner Predigt, so wie Lukas sie überliefert, nicht näher, was damit gemeint war. Also fangen die Theologen an, sich ihre eigenen Gedanken darüber zu machen. Was sollen sie auch sonst tun? Ich habe das auch getan und mich dabei am Kontext orientiert. Das finde ich besser, als die schwierige Formulierung einfach so ohne Erklärung stehen zu lassen.

Um konkret etwas dazu sagen zu können, was du als "überinterpretiert" empfindest, müsste ich wissen, um was es dir dabei geht. Ich habe jedenfalls, wie es für Theologen üblich ist, versucht, den biblischen Text genau, d.h Wort für Wort, zu lesen. Und ich finde es erstaunlich, was man dabei entdecken kann. Dass es dabei auch zu "Überinterpretationen" kommen kann, will ich gar nicht bestreiten.

Viele Grüße
Klaus
2025-08-25 21:53:07
Vielleicht noch eine Ergänzung: Es geht bei der Textinterpretation auch darum, die Linien des Textes auszuziehen und zu Ende zu denken, soweit das möglich ist; die Folgen, die sich daraus ergeben, zu bedenken. Damit geht man über den Text hinaus, gerade indem man an ihn anknüpft.
2025-08-25 22:15:48
Hallo Michael,

leider habe ich, und das ist sehr merkwürdig, erst jetzt die Mitteilung über deinen Kommentar erhalten. Vielen Dank dafür!

"Wir sind lebendige, Sinn suchende Wesen, die mit allen uns von Gott geschenkten Möglichkeiten dem Neuen in der Welt begegnen dürfen und können. Jeder Versuch Gott neu und im Kontext unserer Zeit zu begegnen kann nicht falsch sein - ganz im Gegenteil." Dem kann ich zustimmen - aus meiner Sicht unter einer Voraussetzung und einer Ergänzung:

Jedes von uns als Begegnung mit Gott empfundenes Ereignis bedarf der Einordnung und der Überprüfung. Menschen, auch gläubige, haben schon alles Erdenkliche für eine Begegnung mit Gott gehalten - und sind bitter enttäuscht worden. Wo uns Gott begegnet, können wir nicht nach eigenem Ermessen entscheiden - auch dann nicht, wenn wir noch so gläubig sein. Das Erlebte muss vielmehr an Jesus Christus und der biblischen Botschaft von ihm gemessen werden. Wenn es diesem Maßstab entspricht, kann das Erlebte getrost als Begegnung mit Gott bezeichnet werden. Natürlich können wir uns auch über Jesus Christus und die biblische Botschaft täuschen - nobody is perfect. Aber der Versuch, an ihm bzw. ihr alles zu messen, sollte zumindest gemacht werden. Denn unser Empfinden und Denken unterliegt dem Abfall von Gott, und das kann nur durch sein Wirken in uns sozusagen "überspielt" werden.

Meine Ergänzung besteht darin, dass nicht wir Gott begegnen, sondern er uns. Oder anders gesagt: Wir begegnen Gott nur dann, wenn er uns begegnet. Auch das hängt mit dem besagten Abfall von Gott (man könnte auch sagen: Entfremdung von ihm, Ferne von ihm, ...) zusammen. Das anzuerkennen widerstrebt natürlich unserem Selbstverständnis. Aber es ist eigentlich eine Befreiung: Wir müssen Gott nicht begegnen, müssen uns nicht darum bemühen, weil er es von sich aus tut. Er ist in Jesus Christus Mensch geworden und so der Menschheit begegnet. Das impliziert eine große Gleichstellung aller Menschen, weil niemand dem anderen etwas voraus hat: Alle bedürfen es, dass Gott sich ihnen nähert. Wenn wir das bedenken, kann es nicht falsch sein, alles Unsrige zu versuchen, um ihm zu begegnen bzw. seine Begegnung mit uns zuzulassen und wahrzunehmen.

Herzliche Grüße
Klaus
2025-08-26 09:01:45
Mir ist noch ein christliches Wort eingefallen, das mich seit meiner Jugend begleitet:

"Glauben heißt, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen."

Das scheint (für den modernen Menschen, der jede Abhängigkeit verabscheut) ein Widerspruch in sich zu sein. Ich erlebe es aber so, wie das Wort sagt, weil für mich die Abhängigkeit von Gott das Leben in einer übermäßigen, unendlichen und unzerbrechlichen Liebe ist.
Michael KRÖGER
2025-08-26 17:04:19
"Wir begegnen Gott nur dann, wenn er uns begegnet."

Ist dieser Satz aus deiner Antwort so schön weil er klug ist? Oder verwechselt sich der Satz selbst mit Gott in dem dieser - wie auch immer - "enthalten" ist?
Peter Slotderdijk hat einmal gesagt, dass alle Philosophie des Explizitmachen des Impliziten sei. Aber das kann ja hier gemeint sein oder?




2025-08-26 18:25:53
Hallo Michael,

1. Ich weiß nicht, ob der Satz schön ist. Wenn er schön sein sollte, dann deshalb, weil er Gottes Liebe zu uns ausdrückt: Er läuft nicht vor uns entarteten Geschöpfen weg, sondern auf uns zu.

2. Ich glaube nicht, dass Gott in einem Satz enthalten sein kann. Bestenfalls kann Gott sich selbst in unseren unzulänglichen Sätzen kundtun. Wenn aber dieses Wunder geschieht, dann verwechselt sich der unzulängliche Satz nicht mit Gott, sondern Gott drückt sich in einem unzulänglichen Satz aus und geht insofern ohne unser Zutun in diesen Satz ein, so wie er ohne unser Zutun in den Menschen Jesus eingegangen ist.

3. Keine Philosophie, Theologie oder sonstige menschliche Tat kann das Implizite explizit machen, sondern allein Gott selbst, insofern er der allem Sein Implizite immer schon ist und sich durch alles Sein explizit machen kann, sofern er es will.
2025-08-28 18:28:08
Hallo Klaus,

in Vers 22-31, also gerade einmal neun Bibelversen, beschreibt Lukas die eigentliche Rede des Paulus. Ich lese hier eine sehr jüdisch geprägte Predigt. Es ist ein Gott. Von diesem Gott sollen keine Bildnisse gemacht werden (Vgl. 2. Mose 20, 2-5). Ausgehend von dem einen Menschen (Apg 17,26), gemeint sein wird Adam, hat dieser Gott das ganze Menschengeschlecht gemacht. Im Großen und Ganzen liegt alles fest (Vers 26, 28, 31), wenn auch nicht so lückenlos determiniert wie z. B. in Psalm 139. Die Hörer sind von jeher aufgerufen, diesen Gott zu suchen (V. 27). Die Zeit der Unwissenheit, also bis zum Zeitpunkt der Rede, wird aber nicht angerechnet (V.30). Was intern feststeht, ist der Tag des Gerichts (V. 31). Bis dahin ist Zeit, Gott zu suchen und Buße zu tun.

Und ganz am Ende in Vers 31 kommt das Neue, da wird es christlich. Genau wie vorher der Unbekannte Gott mit Jahwe besetzt wurde, wird jetzt der jüdische Messias mit Jesus besetzt; der Name wurde im Vorfeld (Vers 18) von Lukas genannt. Seine Auferstehung dient als Legitimation. Er wird als Mann bezeichnet, also eineindeutig als Mensch. Die Trinitätslehre entstand erst später; davon abgesehen hätte Paulus hier ein argumentatives Eigentor geschossen, wenn er Jesus als „ganz Mensch und ganz Gott“ o. ä. beschrieben hätte. Darüber hinaus erfährt man nur, dass dieser auserwählte Mann als ein gerechter Richter beschrieben wird. Von Milde oder Gnade ist nicht die Rede.

Ich habe die neun Verse einmal probeweise vorgelesen und die Zeit gestoppt. Ohne Eile sind es deutlich weniger als drei Minuten. Eine kurze Ansprache, die sich an Nichtchristen richtet und sie interessieren und motivieren soll. Mehr ist es nicht, und dafür ist es gut.

Viele Grüße

Thomas
2025-08-28 22:35:50
Hallo Thomas,

danke für deine eingehende Analyse der Predigt, wie Lukas sie überliefert. Es ist tatsächlich eine jüdisch geprägte Rede, denn Paulus war ja Jude. Christlich wird es, wie du schreibst, erst mit der Person Jesu Christi. Das ist es, was uns bis heute vom Judentum unterscheidet.

Natürlich spricht Paulus nicht von "ganz Mensch und ganz Gott" oder anderen, noch weit komplizierteren Formulierungen, die man später fand, um das Verhältnis zwischen dem einen Gott und dem Menschen Jesus zu beschreiben. Die Trinitätslehre als ausgeführte, komplexe Lehre entstand ja wirklich, wie du schreibst, erst später. Mit den Lehrformulierungen hat man versucht, das Verhältnis zwischen Gott und Jesus zu verstehen. Und die enge Zusammengehörigkeit von Gott und Jesus lässt sich schon in sehr frühen Texten des Urchristentums nachweisen, z.B. in Phil 2,6-10, eine Passage, die Paulus aus dem frühen Christentum übernommen und in seinen Brief eingebaut hat. Jesu Gleichheit mit Gott kommt darin schon zum Ausdruck. Es gibt noch andere ähnliche Texte.

Die in den ersten drei Jahrhunderten entwickelte Trinitätslehre stellte sich Jesus in zwei "Naturen" vor. Man verstand darunter so etwas wie Wesenheiten: Er hatte ein göttliches und ein menschliches Wesen. Das waren die damaligen Denkweisen, die man auf Jesus anwandte.

Heute wird die Trinität in der Theologie meist nicht mehr so gedacht, sondern sie wird in Relationen vorgestellt, z.B. in der Liebesrelation zwischen Gott und Jesus, in der beide miteinander eins waren. Jede Zeit hat ihre eigenen Verstehenskategorien. Im Grunde geht es darum, dass in Jesus wirklich Gott erschienen ist, sich offenbart hat, so dass ausgeschlossen ist, dass es irgendeine spätere Offenbarung Gottes gibt, die der in Jesus gleichgeordnet oder sogar übergeordnet werden kann.

Was die von Lukas überlieferte Paulus-Predigt betrifft, gehe ich wie bei allen Bibeltexten davon aus, dass sie nicht unbedingt exakt jedes Wort wiedergeben, wie es gesprochen wurde, oder jedes Ereignis, wie es ganz genau gewesen ist. Ich glaube aber, dass sie den Geist der Worte wiedergeben und die Grundzüge des Ereignisses. Ich vertrete also keinen fundamentalistischen Standpunkt, für den jedes Wort exakt den Tatsachen entspricht, sonst ist es nicht Wort Gottes. Schon Luther meinte, dass wir nicht an den Buchstaben glauben, sondern an den Geist. So könnte es durchaus sein, dass Lukas nur das Wesentliche der Paulus-Predigt wiedergegeben hat, sozusagen eine Zusammenfassung. Diese Zusammenfassung kann man dann für unsere Zeit konkretisieren, ohne dass jedes Wort wirklich so gesprochen worden sein muss. Das gilt für alle Bibeltexte: Ihr Wert liegt nicht darin, dass alles wortwörtlich so geschehen und gesagt sein muss, sondern dass Gott durch den Geist dieser Texte heute zu uns sprechen will. Fundamentalisten sehen das natürlich ganz anders.

Viele Grüße
Klaus
2025-08-30 13:04:10
Hallo Klaus,

danke für deine Anmerkungen zur Trinitätslehre. Von dem Ansatz einer relationalen Deutung hatte ich bisher in dieser Hinsicht noch nichts gehört. Von wem ist denn der, und wie weit ist er anerkannt? Ganz oberflächlich betrachtet, würde ich sagen, dass es nicht viel ändert, wenn man die Subjekte oder Objekte in dieser Lehre ganz oder teilweise durch Relationen ersetzt. Die rein logischen Probleme dürften die gleichen bleiben.

Mir ist klar, dass das schon vom eigentlich Inhalt deines ursprünglichen Beitrags weg führt. Über einen Hinweis auf die Quelle freue ich mich trotzdem.

Viele Grüße

Thomas
2025-08-30 20:20:52
Hallo Thomas,

in der griechisch geprägten Antike und im Mittelalter fragte man nach dem Wesen einer Sache oder Person. Von daher versuchte man Jesus so zu verstehen, dass er einerseits wesenhaft Gott und andererseits wesenhaft Mensch sei. Seit Beginn der Neuzeit hat sich die Fragestellung nach den Relationen einer Sache oder einer Person hin verschoben. Wer jemand ist, lässt sich nur verstehen, wenn man die Beziehungen, in denen er steht, berücksichtigt. Was ein Mensch ist, erschließt sich nur gegenüber dem, was nicht Mensch ist. So versucht man heute auch theologisch, Jesus von seiner Beziehung zu Gott und Gottes zu ihm her zu verstehen. Das liegt auch biblisch näher, als ihn von seinem (in sich ruhenden, von allem anderen abgegrenzten) Wesen, seiner "Natur" her zu deuten. Die Einheit Jesu mit Gott wird im Johannesevangelium oft mit einem gegenseitigen In-Sein beschrieben (der Vater im Sohn, der Sohn im Vater). Im 1. Johannesbrief heißt es zweimal, Gott sei Liebe; Liebe gibt es aber nur im Miteinander von mindestens Zweien. Ich finde, in der Liebe Jesu zu Gott und Gottes zu Jesus kann man gut deren Einheit verstehen. Jedenfalls ist mir der Gedanke der (vollkommenen) Liebe hierbei eine große Hilfe. Jesus redet das, was der Vater ihm gesagt hat, weil er in vollkommener Liebe mit ihm verbunden ist. Aus demselben Grund erlebt Gott das, was Jesus erlebt. Ein (sicher unvollkommenes) Gleichnis dafür ist die tiefe Liebe zweier Menschen zueinander, die in menschlich unzulänglicher Weise fühlen, erleben und äußern, was der jeweils andere fühlt, erlebt und äußert.

Wie sich diese Vorstellung entwickelt und wer sie zuerst beschrieben hat, weiß ich nicht. Mir ist sie deutlich bei dem Theologen Jürgen Moltmann begegnet (er nennt sie soziale Trinitätslehre). Ich denke aber, man kann sie ähnlich auch bei Karl Barth und anderen finden. Soweit ich sehe, wird eine Trinitätslehre, die sich nur auf das jeweilige Wesen Jesu und Gottes konzentriert, heute kaum noch vertreten. Wie gesagt, die Denkkategorien haben sich entscheidend verändert, und mit ihnen auch das theologische Denken.

Viele Grüße
Klaus
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