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Ostern - Hoffnung für das vergangene Leben

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie verständlich · 19 April 2025
Tags: TodEwigkeitLebenHoffnungOstern

Ostern – Hoffnung für das vergangene Leben
Über die Zukunft der Vergangenheit
Klaus Straßburg| 19/04/2025

Vor kurzem besuchte ich eine Trauerfeier, bei der eine freie Trauerrednerin sprach. Der Rahmen der Feier war angemessen gestaltet: Blumenschmuck, Kerzen und ein schönes Foto des Verstorbenen. Auf die Orgel wurde verzichtet, stattdessen wurde, wie ich fand, passende ruhige, aber nicht kitschige Musik eingespielt.

Die Trauerrednerin gestaltete ihre Rede sehr persönlich und schilderte anschaulich einige wichtige Ereignisse aus dem Leben des Verstorbenen. Es ging ihr darum, Erinnerungen an ihn wachzurufen: an Szenen seines Lebens, aber auch an seinen Charakter, seine Menschenfreundlichkeit und Liebe. Auch ein Popsong, der dem Verstorbenen wichtig gewesen war, wurde eingespielt.


Die säkulare Trauerrede hat zum Thema die Vergangenheit der Zukunft,
die christliche die Zukunft der Vergangenheit

Mir wurde während ihrer Rede klar, was den entscheidenden Unterschied zwischen einer säkularen und einer christlichen Ansprache ausmacht: Wenn der Blick nicht auf ein Leben nach dem Tod gerichtet wird, bleibt nur die Erinnerung an das vergangene Leben. Wenn es keine Zukunft mehr gibt, bleibt nur die Vergangenheit. Die Erinnerung an den Verstorbenen soll zwar unsere Zukunft begleiten. Aber was uns da begleitet, ist immer die Vergangenheit. Die zukünftige Erinnerung ist auf die Vergangenheit beschränkt.

Ganz anders in der christlichen Ansprache: Der Blick richtet sich vor allem auf die Zukunft. Das vergangene Leben ist nicht alles. Es gibt noch etwas nach dem vergangenen Leben.

Was Christen tun, ist etwas total Ungewöhnliches: Es ist eine Umkehrung der Verhältnisse, ein atemberaubender Salto vitale. Denn Christen reden angesichts eines unwiderruflich an sein Ende gekommenen Lebens über die Zukunft dieses Lebens. Nicht über irgendeine Zukunft, sondern über eine mögliche Zukunft aller Toten, also auch über die des Verstorbenen. Dessen Vergangenheit ist dabei nicht vergessen. Sie wird vielmehr in seine mögliche Zukunft hineingenommen.

Wenn man bedenkt, dass nach säkularem Verständnis mit dem Tod jede Zukunft des Lebens abgeschnitten ist, kann man sogar sagen: Die säkulare Trauerrede hat zum Thema die Vergangenheit der Zukunft, die christliche die Zukunft der Vergangenheit.

Erinnerungen an das vergangene Leben eines Verstorbenen sind also nach christlichem Verständnis nicht ausgeklammert. Denn derjenige, der in Zukunft leben wird, ist ja kein anderer als der, der in der Vergangenheit gelebt hat. Das vergangen irdische Leben gehört zu seiner Identität. Und seine Identität, also das, was er auf Erden war, wird mit seinem Tod nicht einfach ausgelöscht.


Nach christlicher Vorstellung erfolgt eine befreiende
Reinigung des Lebens von all seinen negativen Anteilen

Dabei gilt eine wichtige Einschränkung: Nicht alles, was zum Leben des Toten gehörte, geht in die Zukunft ein. Nach christlicher Vorstellung erfolgt nach dem Tod eine befreiende Reinigung des Lebens von all seinen negativen Anteilen. Der vom Tod Erweckte wird in seinem neuen Leben nichts Negatives mehr bewirken und erleben. Das Negative wird von ihm genommen, seine schlechten Charaktereigenschaften haben keine Zukunft, ebensowenig wie das Schlechte, das er auf Erden erfahren musste.

Wäre es anders, dann würden wir negative Erlebnisse und schlechte Denk- und Verhaltensweisen mitnehmen in das ewige Leben. Das ist aber ein absurder Gedanke. Denn dann würde das Lebensfeindliche und Gottwidrige in Ewigkeit weiter sein Unwesen treiben, und es gäbe kein Leben ohne Hass, Mord und Totschlag. Die Bibel beschreibt darum das Jüngste Gericht nach dem Tod als eine Läuterung, ähnlich wie das Gold im Feuer geläutert wird: Was gut ist, bleibt erhalten; was aber nicht gut ist, verbrennt (1Kor 3,11-17).

Hier tut sich ein weiterer Unterschied auf zwischen der christlichen Trauerrede und der säkularen: Die freie Trauerrednerin hat nur von den positiven Eigenschaften des Verstorbenen gesprochen. Negatives wurde nicht erwähnt. Man hatte den Eindruck, der Verstorbene sei ein vollkommener Mensch ohne Fehl und Tadel gewesen.

Doch so einen Menschen gibt es nicht. Jeder Mensch vereint in sich positive und negative Eigenschaften, und jeder tut Gutes und Böses, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Die christliche Zukunftsvorstellung kann damit umgehen. Denn sie weiß um die Vergebung des Bösen. Und sie weiß darum, dass das Negative den Verstorbenen, wenn ihm das ewige Leben geschenkt wird, nicht mehr begleiten und niemanden mehr belasten wird.

Ich habe im Vorangehenden immer von einer möglichen Zukunft und einem möglichen zukünftigen Leben gesprochen. Das habe ich bewusst getan. Denn ob es dieses Leben für einen Verstorbenen geben wird, entscheiden nicht wir Menschen, sondern Gott allein. Auch ob ein Mensch wirklich für diese christliche Zukunft offen ist oder nicht, können wir nicht beurteilen. Darum bleibt uns nur, die Entscheidung darüber, ob ein Mensch nach seinem Tod eine Zukunft hat, Gott zu überlassen.


Wir sind Gott so wertvoll, dass er uns in Ewigkeit bei sich haben will

Das menschliche Leben wird im christlichen Glauben nicht abgewertet. Im Gegenteil! Es wird überaus ernst genommen. Denn es ist ein Geschenk Gottes an jeden Menschen – ein Geschenk, das mit dem Tod eben nicht enden soll. Insofern nimmt der Glaube an ein ewiges Leben das irdische Leben ernster als der Glaube, dass das irdische Leben mit dem Tod ins Nichts versinkt.

Zwar ist das irdische Leben nach christlichem Verständnis nicht das letzte. Darin besteht seine Relativität. Wenn das irdische, vergängliche Leben für uns das einzige ist, müssen wir es für das Wertvollste halten, was es gibt und geben wird. Wenn wir aber darauf vertrauen, dass es ein zukünftiges unvergängliches und gereinigtes Leben gibt, wird uns klar, wie unvollkommen, bedingt und relativ unser irdisches Leben ist. Es kann dann nicht mehr das Wichtigste für uns sein, das wir um jeden Preis vor dem Tod bewahren müssen, auch wenn es auf Kosten anderer geht. Darum tut es uns gut, die Wichtigkeit des irdischen Lebens zu relativieren.

Die Jünger Jesu hatten nach seinem Tod alle Hoffnung auf ein besseres Leben verloren. Alle Erwartungen an die Zukunft waren mit Jesu Tod zusammengebrochen. Erst die Erfahrung seiner Auferstehung von den Toten hat ihnen die Hoffnung zurückgegeben: So wie der am Kreuz Gestorbene eine Zukunft hatte, so werden auch die ihm Folgenden nach ihrem Tod eine Zukunft haben. Diese Erfahrung, die wir zu Ostern feiern, war der Beginn des christlichen Glaubens.

Es ist auch heute noch so wie zur Zeit Jesu: Wenn wir nur auf unser irdisches Leben blicken, müssen wir es bitterernst nehmen. Dann bricht mit dem Tod alles zusammen. Wir können vor dem Tod nur Angst haben oder ihm bestenfalls mit Gleichmut begegnen, als sei unser Leben eben nicht wert, endlos weiterzugehen. Damit aber wird unser irdisches Leben abgewertet.

Denn nach Gottes Willen soll unser irdisches Leben nicht einfach dem Vergehen überlassen sein. Wir sind Gott so wertvoll, dass er uns in Ewigkeit bei sich haben will. Er will uns nicht dem Nichts überlassen. Das nimmt uns zwar nicht die Angst vor dem Sterben, aber die Angst vor dem Tod. Je fester wir an eine herrliche Zukunft nach dem Tod glauben, desto mehr wird uns diese Angst genommen.

Der Apostel Paulus lebte in diesem Glauben. Er konnte sein Sterben sogar als einen Gewinn betrachten, und er hatte das Verlangen, sein irdisches Leben zu verlassen und bei Christus zu sein (Phil 1,21.23).

Solches Verlangen müssen wir nicht haben. Aber ich wünsche mir einen Glauben, in dem ich dem Tod getrost und ohne Angst entgegengehen kann, weil ich fest darauf vertraue, dass ich auch nach dem Tod eine Zukunft habe.


* * * * *


Foto: Wolfgang Eckert auf Pixabay.




6 Kommentare
Michael Kröger
2025-04-20 21:53:13
"Der Blick richtet sich vor allem auf die Zukunft. Das vergangene Leben ist nicht alles. Es gibt noch etwas nach dem vergangenen Leben."

Diese These möchte ich relativieren; haben wir Christen nicht auch und besonders eine lebendige Gegenwart, deren gegenwärtige ! Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft sind? Ich lebe jetzt und ich erinnere mich jetzt an Gegenwarten, die einst gegenwärtig waren und immer noch gegenwärtig sind. Wenn ich - jetzt ! - derartig intensiv in der Gegenwart lebe, fällt es mir schwer mein aktuelles Leben aus der Perspektive einer
unwahrscheinlichen, künftigen Zukunft, einer Zeit nach meinem Leben, zu betrachten ....

2025-04-21 10:35:10
Hallo Michael,

ich stimme dir zu darin, dass wir auch eine lebendige Gegenwart haben. Das habe ich in meinem Artikel auch nicht ausgeschlossen. Ich habe mich allerdings vor allem auf die Erinnerungen bezogen, die unsere Gegenwart prägen - so, wie es die freie Trauerrednerin tat. Die Gegenwart ist ja nur ein Augenblick, der im nächsten Moment schon Vergangenheit ist. Jede Gegenwart lebt in uns weiter im Modus der Vergangenheit. Jede Gegenwart hat, wie du schreibst, ihre unausgeschöpften Möglichkeiten, die aber irgendwann der Vergangenheit anheimfallen werden.

Das intensive Leben in der Gegenwart, von dem du sprichst, will ich keineswegs abwerten. Ich denke aber, dass diese intensiv gelebte Gegenwart, wenn sie alles ist, was ich erlebe, doch eine sehr flüchtige Gestalt des Lebens ist. Der Augenblick, zu dem man sagen kann "Verweile doch, du bist so schön", bietet keinen festen Boden, auf dem man stehen kann - denn er verweilt eben nicht. Ich möchte mein Leben aber nicht auf Flüchtiges gründen. Deshalb ist mir die Perspektive aus einer verheißenen, beständigen und für mich nicht unwahrscheinlichen, sondern gewissen Zukunft so wichtig. Nur das Beständige bietet Halt - ein Beständiges, in dem jede Vergangenheit und Gegenwart in gereinigter Weise aufbewahrt ist.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich deine Anmerkung richtig verstanden und ihr gerecht geworden bin. Wenn nicht, hilf mir ein wenig auf die Sprünge. 😅
2025-04-23 10:30:19
Hallo Klaus,

wenn ich das so lese, möchte ich für meine Beerdigungsrede lieber einen freien Trauerredner.

Oder ich lege noch schriftlich fest, dass hinterher im kleinen Kreis einer meiner engsten Angehörigen das Gedicht "Also wat nu, ja oder ja" von Kurt Tucholsky rezitiert. Ich kann es auswendig, und jeder dieser Angehörigen hat es schon einmal von mir gehört.

Meine persönliche Spekulation sieht ja so aus, dass ich mit dem Tod die zeitliche Ebene verlasse. Das Zeitliche segne, um es mit einer altmodischen Redewendung zu beschreiben. Der Begriff Zukunft würde dann schlicht in bezug auf mich keinen Sinn mehr ergeben. Zukunft ist eine Sache der Lebenden, des Lebens.

Viele Grüße

Thomas

2025-04-23 11:18:11
Hallo Thomas,

nun ist offensichtlich das Verlassen der zeitlichen Ebene etwas Zukünftiges, oder? "Zukunft ist eine Sache der Lebenden", wie du ganz richtig vermerkst. Und wenn du als Lebender über das Verlassen der zeitlichen Ebene spekulierst, dann machst du dir Gedanken über die Zukunft. In diesem Sinn habe ich auch über die Zukunft gesprochen.

Wenn du dich aber daran stoßen solltest, dass ich diese Zukunft nicht im Nebulösen gelassen habe, so dass man sich alles mögliche Angenehme oder Unangenehme dabei denken oder die Zukunft auf die Erinnerung an die Vergangenheit reduzieren kann, dann wünsche ich deinen Hinterbliebenen viel Trost durch die Erinnerungen an dich, die dann aber in nicht allzu langer Zeit keine Zukunft mehr haben werden.😉

Viele Grüße
Klaus
2025-04-25 08:16:02
Hallo Klaus,

"daran stoßen" ist zu viel gesagt. Und bestimmt sind tröstliche Phantasien manchmal besser als gar nichts. Die künstlerische Freiheit sollte hierbei aber ihre Grenze kennen, die je nach Ernst der Lage an unterschiedlichen Stellen liegt.

Ich habe mir vor langer Zeit schon einen Satz von Bonhoeffer notiert, den ich bis heute gut finde: "ich möchte von Gott nicht an den Grenzen, sondern in der Mitte, nicht in den Schwächen, sondern in der Kraft, nicht also bei Tod und Schuld, sondern im Leben und im Guten des Menschen sprechen. An den Grenzen scheint es mir besser, zu schweigen und das Unlösbare ungelöst zu lassen."

Viele Grüße
Thomas
2025-04-25 10:03:23
Hallo Thomas,

da gebe ich dir im Wesentlichen recht. Allerdings wird auch Bonhoeffer nicht gemeint haben, dass wir "bei Tod und Schuld" gar nicht von Gott sprechen können. Sicher hat alles Sprechen von Gott seine Grenzen, wie ich ja auch selber immer wieder betone. Die Frage ist aber, wo man die Grenze setzt. Es gibt bzgl. des Redens von Gott ein "zu viel", aber auch ein "zu wenig". Ich würde diese Frage für mich so beantworten, dass ich nicht hinter den in der Bibel gemachten Aussagen zurückbleiben möchte. Das würde ich für zu "ängstlich" halten - auch wenn es immer eine Gratwanderung bleibt, wenn man bis an die Grenze zu gehen versucht.

Viele Grüße
Klaus
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