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Nur wer sich auf die Wahrheit einlässt, kann sie entdecken

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie zum Weiterdenken · 8 Dezember 2022
Tags: WahrheitEntscheidungenErkenntnisVernunft

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Nur wer sich auf die Wahrheit einlässt, kann sie entdecken
Zum Denken Sören Kierkegaards (Teil 2)
Klaus Straßburg | 08/11/2022

"Was ist Wahrheit?", fragte Pontius Pilatus, nachdem Jesus darauf bestanden hatte, dass er die Wahrheit bezeuge. Die Frage bildete das Ende des Gesprächs und blieb deshalb an dieser Stelle unbeantwortet.

Deutlich ist aber, dass es eine ungemütliche Sache sein kann, die Wahrheit zu bezeugen – wie man an Jesu Leben und Sterben sieht. Und deutlich ist auch, dass nur diejenigen die Wahrheit bezeugen können, die diese Wahrheit mit Leidenschaft und Hingabe vertreten.


1. Das Subjektive ist die Wahrheit

Das war auch die Einsicht Sören Kierkegaards. Er stellte sogar fest, dass es Wahrheit für uns überhaupt nur dann gebe, wenn wir uns persönlich von einer Sache ergreifen lassen und uns dieser Sache mit ganzer Leidenschaft hingeben. Eine Sache hingegen, die uns innerlich gar nicht berührt und verwandelt, hat keine Bedeutung für uns. Sie mag objektiv wahr sein, für mich persönlich aber ist sie keine bedeutsame Wahrheit.

Eine bedeutsame Wahrheit muss mich in den Tiefen der Seele ansprechen. Alle theoretischen Wahrheiten, die das nicht tun, und mögen sie noch so richtig sein, lassen mich dagegen kalt.

Ein Beispiel dafür mag sein, dass ein Mensch auf dem Sterbebett wohl kaum über mathematischen Formeln grübeln wird. Er wird sich aber Gedanken darüber machen, worin die Bilanz seines Lebens besteht oder was denn wohl nach dem Tod kommen mag. Die Antwort auf diese Fragen, bei denen es sozusagen um Leben und Tod geht, wären für sein Dasein bedeutsame und deshalb subjektive Wahrheiten.

Das wollte Kierkegaard mit seinem oft missverstandenen Satz ausdrücken:

Die Subjektivität ist die Wahrheit. [1]

Kierkegaard meinte mit diesem Satz nicht, es gebe gar keine objektiven Wahrheiten, sondern nur das subjektive Empfinden von Wahrheit. Alles sei also relativ, und Wahrheit sei nur das, was ein Mensch jeweils für Wahrheit hält. So mögen es manche heute sehen, die Wahrheit nur für eine rein subjektive Angelegenheit halten, ohne jede Geltung über den einzelnen Menschen hinaus. Sie können sich allerdings nicht auf Kierkegaard berufen.

Kierkegaard meinte, die Wahrheit zeige sich nur im Ergriffensein von ihr und in der leidenschaftlichen Hingabe an sie. Weil viele Menschen es aber scheuen, sich auf Gedeih und Verderb an etwas hinzugeben, leben sie in einer Art Unentschlossenheit, die sich auf keine Wahrheit wirklich einlässt. Sie schließen sich gern der Meinung der Masse an, um sich nicht selbst für oder gegen etwas entscheiden zu müssen. Darum setzte Kierkegaard dem Satz "Die Subjektivität ist die Wahrheit" den anderen entgegen:

Aber die Menge ist die Unwahrheit. [2]

Der einzelne Mensch muss also eine bewusste Wahl treffen, wenn er Wahrheit erfahren will. Dann erst beginnt er im eigentlichen Sinne zu existieren. Er lässt sich nicht mehr treiben, er vegetiert nicht nur mehr oder weniger wahllos dahin.

Das gilt heute genauso wie zu Kierkegaards Zeiten. Auch wir erfahren, dass wir nur dann wirklich leben, wenn wir uns einer Sache oder einer Aufgabe voll und ganz hingeben. Nicht so, dass wir uns selbst dabei aufgeben und verlieren. Sondern wir finden uns geradezu erst dann, wenn wir uns in einer sinnvollen Aufgabe verlieren, uns ganz an sie hingeben. Das hat wohl auch Jesus mit seinen Worten gemeint (Mt 10,39):

Wer sein Leben findet, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.

Jesus wollte sagen, dass wir in seiner Nachfolge zu uns selbst finden. Außerhalb der Nachfolge meint man vielleicht, sich gefunden zu haben, in Wahrheit aber verliert man sich. Kierkegaard formulierte es zunächst ganz allgemein, unabhängig vom christlichen Glauben:

Es gilt, eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich sein kann, die Idee zu finden, für die ich leben und sterben will. [1]


2. Das Leben rückwärts verstehen und vorwärts leben

Die für mich bedeutsame, also subjektive Wahrheit kann zugleich eine objektive Wahrheit sein. Das ist dann der Fall, wenn sie auch für andere Menschen bedeutsam ist. Es ist aber keine leichte Sache, diese subjektive Wahrheit zu verstehen. Es ist ja eine Wahrheit, die meine ganze Existenz ergriffen hat. Darum komme ihr auf die Spur nur dadurch, dass ich über mein vergangenes Leben intensiv nachdenke. Ich muss mich selber verstehen, um die Wahrheit zu verstehen. Mich selber verstehen kann ich aber nur im Rückblick. Das meint der bekannte Satz Kierkegaards:

Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss. [3]

Damit formuliert Kierkegaard einen Konflikt: Wir können nur vorwärts leben, und das heißt, wir leben, ohne verstehen zu können, in welche Zukunft wir uns hineinbegeben. Vorwärts zu leben ist also unvermeidlich mit einem Risiko verbunden; es ist ein Wagnis. Erst im Rückblick können wir verstehen, was unser Leben ausgemacht hat und ob wir richtige Entscheidungen getroffen haben.

Unsere Aufgabe wäre dann zum einen, uns unseres Nicht-Wissens, also der Gefahren des Vorwärts-Lebens, bewusst zu sein und uns dennoch nicht zu scheuen, für unser Leben wesentliche Entscheidungen zu treffen. Zum anderen sollten wir alle Anstrengungen unternehmen, um rückblickend unser Leben zu verstehen, also die die Wahrheit über uns zu erkennen.

Entscheidungen zu treffen, die ein Risiko in sich bergen, ist nicht jedermanns Sache. Wir leben ungern mit einem Wagnis und möchten stattdessen möglichst alles im voraus berechnen. Ein berechenbares Leben aber gibt es nicht. Und wenn es ein solches gäbe, wäre es nichts Lebendiges, sondern etwas mathematisch Konstruiertes, eben etwas Berechnetes.

Man kann sich das Wagnis seines Lebens verschleiern, indem man sich entweder einbildet, alles im Griff zu haben, oder indem man sich von den Entscheidungen der Masse mitziehen lässt und annimmt, die Masse wird es schon richtig machen. Letzteres erleben wir heute, wenn sich Menschen nur noch in ihrer Internetblase informieren und abweichende Standpunkte gar nicht mehr wahrnehmen. Oder wenn irgendwelche Führungspersonen die Massen verführen und hinter sich bringen, weil viele Menschen gar nicht selber denken, sondern sich ihren verehrten Führern anschließen. Solche Menschen entscheiden sich nicht selber, sondern lassen andere für sich entscheiden – natürlich ohne sich dessen bewusst zu sein.

Das ist gefährlich für die Demokratie, die von eigenständig denkenden und sich engagierenden Menschen lebt. Alle Macht kann nur dann vom Volke ausgehen, wenn das Volk bzw. die Bevölkerung aktiv mitdenkt und die Politik kritisch begleitet. Das gilt auch für die Medien, vor allem Presse und Rundfunk. Wo die Medien aber nahezu einmütig Stellung beziehen, scheint der kritische Sinn verloren gegangen zu sein. Hier gilt das Wort, das oft auf den amerikanischen Autor und Journalisten Walter Lippmann zurückgeführt wird:

Wo alle das Gleiche denken, denkt niemand sehr viel.


3. Existenzielle Hingabe statt distanzierter Verstand

Es kann offenbar geschehen, dass von der Masse der Menschen nicht sehr viel gedacht wird, zugleich aber die Leitfiguren der Gesellschaft zu viel denken. Kierkegaard warf seiner Gegenwart vor, sie sei eine Zeit ohne echte Leidenschaft, ohne Ergriffenheit von einer Sache. Denn alles Ergriffensein sei erstickt unter endloser Reflexion. Die endlose Reflexion erwecke den Eindruck, dass man Verantwortung übernehme, aktiv sei und etwas tue. In Wirklichkeit aber wird über Aktivität und verantwortliches Handeln nur nachgedacht und diskutiert.

Keiner entscheidet mehr selber; man begnügt sich damit, Komitees und Komitees aufzustellen; zuletzt endet es damit, dass das ganze Zeitalter zum Komitee wird.

Überall Verstand: statt einer unbedingten Verliebung – Vernunftehe; statt eines unbedingten Gehorsams – Gehorsam aufgrund von Räsonnement; statt Wagnis – Wahrscheinlichkeit, kluge Berechnung; statt Handlung – Begebenheit. [2]

Kierkegaard war kein Feind des Verstandes. Er hat ja in seinen vielen Schriften selber versucht, das menschliche Dasein mit Hilfe seines Verstandes zu ergründen. Was er bei allem Vernunftgebrauch allerdings bei seinen Mitmenschen vermisste, war das persönliche Betroffensein von dem, was man diskutierte. Man versuchte, aus rationaler Distanz heraus Dinge zu begreifen.

Kierkegaard aber meinte: Die wesentlichen Dinge unseres Lebens, unser Dasein selbst, Leben und Tod, können wir nur verstehen, wenn wir es wagen, über uns selbst nachzudenken, wenn wir uns in die Sache, um die es geht, persönlich hineinbegeben, wenn wir nicht von außen, aus der Distanz heraus über etwas nachdenken, sondern mit Leib und Seele beteiligt sind.


4. Die Gefahr der Vermassung

Das pure Nachdenken ohne innere Beteiligung führt nach Kierkegaard nicht zur Wahrheit, sondern zum unverbindlichen "Geschwätz", zum alltäglichen bedeutungslosen "Gerede". Wenn die Menschen sich diesem Gerede hingeben, werden sie zu einer anonymen Masse, in der sich keiner mehr in einem tieferen Sinn von den anderen unterscheidet. Denn keiner trifft dann in den wesentlichen Dingen eine persönliche Entscheidung. Keiner wird er selber, sondern er geht unter in einer großen "Öffentlichkeit", in einem "Publikum", in dem alle Zuschauer sind, die nur noch irgendetwas wahrnehmen, ohne in der Tiefe ihrer Existenz davon berührt zu sein.

Hier gewinnt der einzelne Mensch an Bedeutung, von dem Kierkegaard so oft spricht. Der Einzelne ist derjenige, der nicht in der konformen Masse untergeht, sondern er selbst ist bzw. immer wieder wird. Dieser Einzelne hat den anderen nichts voraus, er gehört keiner Elite an. Er fühlt sich nicht besser als die anderen, sondern muss, wie alle anderen auch, immer wieder neu um seine Unabhängigkeit von den Stimmungen der Masse ringen. Es ist kein Zuckerschlecken, als Einzelner in der Masse zu leben. Es kann sogar eine Qual sein, weil man sich nicht verstanden fühlt. Man lebt ja dann als ein einsamer Fremder in der großen anonymen "Öffentlichkeit".

Wer gelernt hat, dass es nichts Entsetzlicheres gibt, denn als der Einzelne zu existieren, der wird sich nicht scheuen, zu sagen, dass dies das Größte ist. [2]

Man muss es lernen, als Einzelner zu leben, um dem "Publikumsgeschmack" zu entgehen und eigenständig zu entscheiden – man könnte auch philosophisch sagen: um ein Selbst zu werden. Das ist zwar schwer, aber nach Kierkegaard "das Größte". Es ist also aller Mühe wert.

Denn wenn es diese Einzelnen nicht gibt, wenn alle das Wagnis der verantwortlichen Entscheidung scheuen, weil sie lieber für ein oberflächliches Vergnügen leben wollen und das Dasein in seiner Tiefe gar nicht mehr ernst nehmen, dann steuert die Gesellschaft nach Kierkegaards Überzeugung auf den Abgrund zu. Der Theologe Christian Möller hat ein treffendes Beispiel Kierkegaards nacherzählt:

In einem Zirkus bricht in den Kulissen Feuer aus; der Clown wird auf die Bühne geschickt, um das Publikum zu warnen. "Feuer!", rief er immer wieder, "Feuer!" Doch je lauter und verzweifelter der Clown rief, desto begeisterter klatschte das Publikum und lachte über den Spaß, der in Wahrheit bitterer Ernst war. Kierkegaard zieht aus diesem Gleichnis den Schluss: "Ebenso denk ich, wird die Welt zu Grunde gehn unter dem allgemeinen Jubel von witzigen Köpfen, die glauben, es sei alles nur ein 'Witz'". [4]

Das Leben aber ist kein Witz und auch kein Spaß. Es ist Ernst. Und nur wer es ernst nimmt, lebt wirklich: Er stellt sich der Frage, was Dasein eigentlich ist. Er leidet verzweifelt darunter, keine Antwort zu haben und kann doch nicht aufhören, nach Antworten zu suchen. Er geht schließlich das Wagnis ein, wesentliche Entscheidungen über sein Dasein zu treffen, auch wenn er damit allein dasteht. So übernimmt er Verantwortung für sich selbst und für die Welt.

Kierkegaard war ein scharfer Kritiker der dänischen Gesellschaft seiner Zeit. Seine Gedanken wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in umfassender Weise aufgegriffen und weitergedacht. Sie haben auch heute noch Bedeutung. Was sie uns heute für das öffentliche Leben und die Kirchen zu sagen haben, möchte ich demnächst in einem dritten Beitrag über das Denken Sören Kierkegaards darstellen.




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Quellennachweise:
  • Christian Möller: Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Einführung in Denken und Glauben Sören Aaby Kierkegaards (1813-1855) oder: Wie Brüche im Leben zu Umbrüchen im Denken werden. Pfälzisches Pfarrerblatt. Alle Quellenangaben nach der dort verfügbaren PDF-Datei. [3] S. 11, dort zitiert nach Haecker: Tagebücher, S. 157; [4] S. 2, dort zitiert nach Kierkegaard: Entweder – Oder, 1. Teil, 5. Aufl. Düsseldorf 1964, S. 32f.
  • Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe. 34 große Philosophen in Alltag und Denken. © Nymphenburger Verlagsbuchhandlung, München 1966. Ausgabe des Deutschen Taschenbuch Verlags, München 1975. [1] Zitiert nach S. 233; bei Weischedel keine weiteren Quellennachweise; [2] zitiert nach S. 236. Alle Zitate orthographisch angepasst an die Neue Deutsche Rechtschreibung.

Foto: MUHAMAD ZUL AZIMI BIN ABDUL RAZAK auf Pixabay.





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