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Muss man Gott mit seinem Namen anreden?

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Veröffentlicht von in Theologie verständlich · 21 März 2023
Tags: Kirchensprache

Muss man Gott mit seinem Namen anreden?
Klaus Straßburg | 21/03/2023

In unserer Volkshochschule bin ich zuständig für die Einzelveranstaltungen. Heute gab es Kuddelmuddel mit der Anfahrt und Übernachtung eines Dozenten. Ich rufe ihn an: "Guten Tag, Ursula Fuchs von der VHS Calw." Wir regeln die Sache, er fragt noch mal nach meinem Namen: "Frau Förster?" Ich muss lachen. Die Assoziation finde ich klasse, sage ich. Wir plaudern noch ein bisschen, dann verabschiedet er sich: "Vielen Dank und bis bald, liebe Frau Wolf!"

Das schilderte Ursula Fuchs in der ZEIT vom 23. Februar 2023 auf Seite 62. Ich musste laut lachen, als ich es las.

Eine solche Namensverwechslung kann man leicht nehmen. Es war ja keine Absicht. Anders wäre es schon, würde man uns absichtlich mit einem falschen Namen ansprechen – so wie einst der SPD-Politiker Herbert Wehner den Journalisten Ernst Dieter Lueg (gesprochen: Lug), den er offenbar nicht mochte: Wehner redete ihn mit "Herr Lüg" an. Lueg konterte damals am Ende des Interviews: "Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Wähner."

Noch schlimmer wäre es wohl, würde man uns mit gar keinem Namen anreden, sondern mit "Mensch". Denn wir möchten nicht einfach ein Mensch sein, sondern ein unverwechselbarer Mensch.

Ich wurde mal gefragt, warum wir Gott eigentlich nicht mit seinem Namen anreden. Im hebräischen Text des Alten Testaments stehen für den Namen Gottes die vier Buchstaben JHWH, das sogenannte Tetragramm (= vier Buchstaben). Weil das Hebräische keine Vokale kennt, ist die ursprüngliche Aussprache des Namens nicht geklärt. Man nimmt heute die Aussprache jachwe an und schreibt: Jahwe.

Aber warum sprechen wir den Namen Gottes nicht aus? Das geht auf die jüdische Tradition zurück, die aus Hochachtung vor dem heiligen Gottesnamen diesen nicht ausspricht, sondern stattdessen bei Lesungen aus der Hebräischen Bibel "Herr", "Gott" oder auch "der Name" einsetzt. "Der Name" steht dabei für die Person Gottes.

Das Ersatzwort "Herr" hat dann Eingang in die antike Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische, die sogenannte Septuaginta, gefunden, und von dort aus auch in die Übersetzung Martin Luthers ins Deutsche. Dadurch ist es bis heute so geblieben, dass unsere Übersetzungen des Alten Testaments den Namen Gottes durch ein Ersatzwort wiedergeben.

Die Bedeutung des Namens Gottes wird mit dem hebräischen Verb für "sein" (hajah) in Verbindung gebracht. Das geht auf 2Mo/Ex 3,14 zurück, wo Gott sich selbst dem Mose so vorstellt: "Ich bin, der ich bin." Auch die Übersetzung "Ich werde sein, der ich sein werde" ist möglich. Man hat das dann so interpretiert: "Ich werde für dich dasein, als der ich für dich dasein werde." Damit wurde man dem Kontext gerecht, vor allem dem rettenden Handeln Gottes, von dem in 2Mo/Ex 3,8 die Rede ist.

In der griechischen Septuaginta (der griechischen Übersetzung des Alten Testaments) übersetzte man hingegen "Ich bin der Seiende". Das war ein deutlicher Ausdruck griechischen Denkens, dem es nicht um das sich jeweilige Handeln der Götter in der Geschichte ging, sondern um das geheimnisvolle ewige Wesen der Götter im Unterschied zu allem, was sich in der Geschichte verändert und was sinnlich wahrnehmbar ist. Die alten Griechen interessierte, was Gott an sich ist, nicht, was er je und je tut.

Aber noch einmal gefragt: Warum sprechen wir den Namen Gottes nicht aus? Bis vor einigen Jahrzehnten noch wurde in der theologischen Literatur und in Vorlesungen oft der alttestamentliche Gottesname Jahwe benutzt. Heute findet man das kaum noch, und zwar aus Respekt vor der jüdischen Tradition, den Namen Gottes nicht auszusprechen.

Man kann das kritisieren und als Kniefall vor dem jüdischen Denken und Empfinden bezeichnen, das den Christinnen und Christen in diesem Punkt fremd ist. Ich kann verstehen, dass man den Namen Gottes in Anwesenheit von Juden aus Respekt nicht ausspricht. Unter Christen hätte ich keine Probleme damit, den Gottesnamen auszusprechen.

Wichtiger finde ich aber, dass man sich bewusst ist, an welchen Gott man glaubt. Denn dass Gott einen Namen hat, weist darauf hin, dass er sich schon zu alttestamentlichen Zeiten von anderen Göttern, die damals verehrt wurden, unterscheiden musste.

Auch heute gibt es viele Götter, die von Menschen verehrt wurden. Von den vielen "Göttern der Welt" einmal ganz abgesehen – die Verehrung Buddhas ist etwas anderes als die Verehrung Jahwes. Auch das, was der Koran über Allah sagt, entspricht in wesentlichen Punkten nicht dem, was die Bibel über Jahwe oder Jesus sagt.

Wir sind es gewohnt, Gott als "Vater" anzureden oder zu Jesus zu beten. Auch die Bezeichnung "Herr" ist uns aus den Bibelübersetzungen geläufig. Es wäre sicher eine Überforderung, von den Christinnen und Christen zu verlangen, sie sollten Gott ab sofort mit "Jahwe" ansprechen. Aber ganz allgemein und ohne nähere Bezeichnung immer nur  "Gott" zu sagen, wie es in manchen Gottesdiensten geschieht, macht den Gott, den Jesus "Vater" nannte, verwechselbar. Wir wollen schließlich auch nicht mit "Mensch" angeredet werden.

Denn es ist wichtig, sich klar zu machen, dass man als Christ an den Gott glaubt, von dessen Taten das Alte Testament erzählt und der sich in Jesus uns gezeigt hat – auch wenn man diesen Gott dann nicht bei seinem alttestamentlichen Namen nennt.


* * * * *


Foto: Heiko Dörr auf Pixabay.




6 Kommentare
2023-03-21 21:45:14
Lieber Kleos ;-)

mir ist beim Lesen deiner Gedanken aufgefallen, dass immer die menschliche Sichtweise bei der Suche nach dem Weg zum Ziel eingenommen wird. Also was Menschen, Glaubensgemeinschaften, usw. darüber denken.

Warum nicht mal die andere Seite zu Wort kommen lassen, Den über den man redet. Vielleicht hat Gott etwas selbst dazu zu sagen. Vielleicht liefert Sein Wort einen guten und wichtigen Hinweis darauf.

Vielleicht ist Ihm ja die Unterscheidbarkeit und Individualität wichtiger als man ahnt? Identitätsdiebstahl ist alles andere als ein minderschweres Verbrechen.
2023-03-22 10:28:16
Lieber Pneuma,

ich glaube, wir sind uns ganz einig über das, was du im letzten Absatz schreibst. Ich habe ja betont, wie wichtig die Unterscheidbarkeit Gottes von anderen Göttern ist. Insofern habe ich "die andere Seite" zu Wort kommen lassen. Dass es dennoch eine Überforderung von Menschen sein kann, einen Brauch, der sich ihnen über Jahrhunderte hin eingeprägt hat, zu verändern, ist, denke ich, verständlich. Ich würde aber nicht zögern, diesen Brauch zu verändern, wenn ich ihn für unbedingt notwendig hielte. Aber man kann doch den wahren Gott nicht nur mit dem Wort "Jahwe" anbeten, sondern auch mit den Worten "Herr", "Vater", "Allmächtiger", "Gott" oder "Jesus", ohne ihn dabei mit einem anderen Gott zu verwechseln. Alle diese Worte werden ja auch in der Bibel zur Beschreibung Gottes benutzt. Wenn wir sie auch benutzen, ist das also biblisch und ist kein Identitätsdiebstahl. Oder bist du der Meinung, dass wir nur dann an den wahren Gott glauben, wenn wir ihn mit "Jahwe" anreden, und alle, die das nicht tun, nicht an ihn glauben?

Wie du vielleicht weißt, geht es vielen Christinnen und Christen schon zu weit, den Gottesnamen Jahwe überhaupt zu benutzen - auszusprechen oder aufzuschreiben. Ich gehe also durchaus über das hinaus, "was Menschen, Glaubensgemeinschaften usw. darüber denken."

Es sei niemandem genommen, Gott mit "Jahwe" anzureden. Es sei aber auch niemandem unterstellt, ihn mit anderen Göttern gleichzusetzen, wenn jemand das nicht tut.

Wen meinst du eigentlich mit "Kleos"? 😕
2023-03-23 12:13:38
Hallo Klaus,

die Zurückhaltung des Judentums im Hinblick auf die Nennung des Gottesnamens halte ich für weise und sie ist mir sehr sympathisch. Ich halte sie auch für eine angemessene Interpretation des bei uns so genannten zweiten Gebots.

Im Konfirmandenunterricht habe dazu noch die alte Lutherübersetzung mit Luthers Erklärung im Kleinen Katechismus auswendig gelernt:

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnützlich führen (...).

Was ist das?

Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir bei seinem Namen nicht fluchen, schwören, zaubern, lügen oder trügen, sondern ihn in allen Nöten anrufen, beten, loben und danken.

Ich bin heute der Meinung, dass Luther es sich hier viel zu leicht macht. Die Elberfelder Übersetzung lautet: "Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht zu Nichtigem aussprechen (...)". Sie führt für mich schon eher an den richtigen Punkt.

Da wir alle letztlich nicht wirklich etwas über Gott wissen, unser vermeintliches Wissen über Gott letztlich nichtig ist und bleibt - es bleibt ein Glauben -, sollten wir hier vorsichtiger sein. Mein ganz persönlicher Eindruck ist, dass in der Kirche selbst gegen kein Gebot häufiger verstoßen wird als dieses zweite.

Viele Grüße

Thomas
2023-03-23 16:10:14
Hallo Klaus

"Kleos" sollte folgenden Gedanken vermitteln:
Auch wenn ich nur deine Konsonanten kennen würde, so wäre "Kleos" klarer als die milliardenfache Bezeichnung "Mensch".
Ich denke, die Benutzung des ausdrücklichen Namens, wie auch immer die Aussprache und die Aussprache sein, mag, ist besonders gegenüber Anders-Gläubigen und Nicht-Christen wichtig, damit keine Missverständnisse und Vermischungen passieren.
Alle relativen (Vater, ...) und titulierenden (Herr, ...) Bezeichnungen machen eher Sinn unter Christen, unter ihresgleichen, da sich die Definition in der Bibel als das Wort Gottes verwurzelt.

Aber wie gesagt, interessanter ist der Aspekt, wie Gott über die Benutzung und Benutzungs-Unterlassung denkt und empfindet. Da müsste ich mich noch intensiver damit beschäftigen, besonders bei der Betrachtung aller Gegensätze und Pole die sich damit ergeben.
Schließlich sind Unterlassungssünden auch kein Kavaliersdelikt.

2023-03-23 16:24:15
Hallo Thomas,

danke für deine Stellungnahme. Wenn Jüdinnen und Juden beim Aussprechen des Gottesnamens "Jahwe" zurückhaltend sind, sei ihnen das unbenommen. Ich halte es, wie ich im Artikel dargestellt habe, nicht für entscheidend, wie man Gott anspricht. Dass ein Aussprechen des Gottesnamens "Jahwe" im 2. Gebot verboten wird, sehe ich nicht.

Meine Elberfelder Übersetzung von Dtn 5,11 "Du sollst den Namen des HERRN (=Jahwes), deines Gottes, nicht zu Nichtigem aussprechen" enthält noch die Anmerkung "oder zu Falschem; oder zu Lügenhaftem". Das hebräische Wort, das dort steht, bedeutet nach dem Lexikon "das Gehaltlose, Eitle, ein Nichts", und das Lexikon schlägt für Dtn 5,11 und Ex 20,7 vor "lügenhaft; aber vielleicht eher: frevelhaft". Eine andere Übersetzung, die ich habe, hat das Wort "Trug". Es geht also darum, dass der Gottesname nicht für Falsches, Trügerisches, Lügenhaftes und damit Nichtiges missbraucht wird. Ein Beispiel dafür ist für mich, dass die deutschen Soldaten im 1. Weltkrieg auf ihren Koppelschlössern die Worte "Gott mit uns" eingraviert hatten. Da der Name Gottes im AT auch immer Gott selbst bezeichnet, würde ich auch das als Beispiel nehmen: Donald Trump stellt sich mit Bibel vor die Fotografen, um zu zeigen, wie gläubig er sei oder dass er eine christliche Politik betreibe. Er hat zwar den Gottesnamen nicht ausgesprochen, er hat ihn aber dennoch für seine Zwecke missbraucht.

Dass wir alle letztlich nicht wirklich etwas über Gott wissen, würde ich so nicht sagen, weil mir dann der Sinn von Offenbarung verloren ginge. Mit dem Terminus "Glauben" ist auch nicht das Gegenteil von Wissen gemeint, sondern die hebräischen und griechischen Wörter, die in unseren Bibeln mit "glauben" übersetzt sind, meinen "vertrauen, treu sein" im Sinne von "Ich glaube an meine Schwester", d.h. ich vertraue ihr und stehe treu zu ihr. Das ist etwas ganz anderes als "Ich weiß etwas über ...". Insofern liegt hier schon von den Übersetzungen her ein Problem vor, weil sich die Wortbedeutung von "glauben" verändert hat im Sinne eines "Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube ...".

Natürlich ist immer Vorsicht bei allen Aussagen über Gott geboten, und man muss immer bereit sein, sich zu revidieren, darf vor allem nicht davon ausgehen, dass man die absolute Wahrheit besitze. Aber das bedeutet nicht, alle Aussagen über Gott grundsätzlich für zweifelhaft zu halten.

Viele Grüße
Klaus
2023-03-23 16:35:45
Hallo Pneuma,

danke für die Erläuterung. Ich kann deine Argumente gut nachvollziehen, was das Vermeiden von Unklarheiten, Missverständnissen und Vermischungen betrifft. Um das zu vermeiden, hilft vielleicht am besten, daran zu erinnern, dass Christen an Jesus Christus glauben. Daraus ergeben sich auch spezifische Aussagen über Gott. An Jesus Christus als "Ebenbild Gottes" scheiden sich meistens die Geister. In Gottesdiensten immer nur von "Gott" zu sprechen, deutet eigentlich darauf hin, dass man das christliche Gottesverständnis nicht vom jüdischen und muslimischen unterscheiden möchte. Das halte ich für fatal.

Ich finde auch folgende Formulierung hilfreich: "Ich glaube an den Gott, dessen Handeln in den Schriften des Alten und Neuen Testaments beschrieben ist." Das ist natürlich zu lang für einen Gottesnamen, aber es wird darin deutlich, dass die eigene Gottesvorstellung sich von dem in anderen heiligen Schriften beschriebenen Gott unterscheidet.

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