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Martin Luther King in Berlin

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Martin Luther King in Berlin
Klaus Straßburg | 12/03/2022

Als ich vor einigen Monaten durch Berlin Mitte schlenderte, ich weiß gar nicht mehr, mit welchem Ziel, fiel mein Blick auf eine Schautafel, die an einer Querstraße angebracht war, einer engen Gasse, an deren Ende sich diese Kirche erhob und alle Häuserfronten überragte. Die Schautafel zeigte ein Bild Martin Luther Kings und darunter folgende Inschrift:

Martin Luther King jr. predigte am Abend des 13. September 1964 in dieser Kirche.

Der afroamerikanische Menschenrechtler und Baptistenpastor hatte bei einem Besuch West-Berlins darauf bestanden, auch Ost-Berlin zu besuchen, und mahnte:

„Auf beiden Seiten der Mauer leben Gottes Kinder, und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen."

Die Gemeinde antwortete mit dem Gospel: „Let my people go." ["Lass mein Volk ziehen." Mit diesen Worten forderte Mose den Pharao von Ägypten auf, das Volk Israel aus der Sklaverei zu entlassen; siehe z.B. Ex/2Mo 5,1.]

Der damalige Generalsuperintendent Gerhard Schmitt hatte Dr. King zunächst in die Marienkirche und anschließend hier in die Sophienkirche eingeladen. Beide Gottesdienste waren restlos überfüllt, obwohl Kings Besuch in Ost-Berlin nicht öffentlich bekannt gemacht wurde.

Martin Luther King war der erste Bürgerrechtler aus den USA, der in die DDR kam und den zunehmend isolierten Menschen Mut machte:

„Wo Menschen die Mauern der Feinschaft abbrechen, die sie von ihren Brüdern trennen, da vollendet Christus sein Amt der Versöhnung."

Im selben Jahr erhielt King den Friedensnobelpreis für seinen Kampf gegen den Rassismus. Am 4 April 1968 wurde er erschossen.

Eine zweite Schautafel erläuterte, dass Martin Luther King nach seinem Aufenthalt in Westberlin überraschend für die DDR-Behörden nach Ostberlin kam und dort ohne vorherige Ankündigung in der Marienkirche predigte. Der Ansturm war so groß, dass über 1.000 Menschen keinen Einlass in die völlig überfüllte Kirche fanden und deshalb draußen standen. So wurde kurzfristig ein zweiter Gottesdienst in der Sophienkirche organisiert, wo King dieselbe Predigt noch einmal hielt.

Ein weiterer Auszug aus der Predigt wird zitiert:

„So wie wir der Beweis dafür sind, dass verschiedene Rassen trotz ihrer Unterschiede zusammenleben können, so erprobt ihr die Möglichkeit, dass zwei Ideologien, die um die Weltherrschaft konkurrieren, zusammen existieren können. Wenn es überhaupt Menschen auf der Erde gibt, die dies aufgrund ihres Schicksals verstehen, dann sind es die Einwohner von Ost- und West-Berlin."



Martin Luther King erkannte, dass alle Menschen Gottes Kinder sind. Mauern und Grenzen, die Trennungen vollziehen, sind menschengemacht. Sie entsprechen nicht dem Willen Gottes. Denn vor Gott sind alle Menschen gleichermaßen seine geliebten Kinder – und damit sind sie alle Schwestern und Brüder.

Alle Versuche, Menschen gegeneinander aufzuhetzen und Spaltungen hervorzurufen, können nichts an der Tatsache ändern, dass sie Schwestern und Brüder sind.

Das heißt gerade heute: Wo Menschen aufeinander schießen, töten sie ihre Schwestern und Brüder. Wo hingegen „Menschen die Mauern der Feinschaft abbrechen", dort geschieht Versöhnung – aber nicht einfach eine Versöhnung unter Menschen, sondern die Versöhnung, die eine Folge der Versöhnung aller Menschen mit Gott ist. Diese Versöhnung hat Christus vollzogen. Er versöhnte nicht einige auserwählte oder glaubende Menschen mit Gott, sondern die ganze Welt (2Kor 5,19).



Bemerkenswert ist, dass King von zwei Ideologien spricht, „die um die Weltherrschaft konkurrieren" – die Ideologie des Kommunismus und die des Kapitalismus. Unterschiedliche Wirtschaftsysteme und politische Systeme können nebeneinander existieren. Was aber nur schwerlich nebeneinander existieren kann, ist das Streben verschiedener Staaten nach einer Ausdehnung des eigenen Herrschaftsbereichs – der Imperialismus.

Der Imperialismus zeugt von der Gottlosigkeit der Menschen. Denn er will Macht über seine Schwestern und Brüder erlangen und widerspricht damit der Versöhnung, die durch Jesus Christus geschehen ist.

Martin Luther King sah, dass nicht nur der Ostblock imperialistische Ansprüche hatte, sondern auch die westlichen Staaten. Auch heute versuchen Großmächte und Bündnisse, ihren Machtbereich zu vergrößern. Das wird natürlich von keiner Seite zugegeben. Jede Seite reklamiert für sich selbst, keine imperialistischen Absichten zu haben, und bezeichnet die jeweils andere Weltanschauung als gefährliche Ideologie. So ist es heute wie damals, als Martin Luther King sprach. Doch es gibt viele Belege dafür, dass Großmächte und Bündnisse auch heute noch imperialistisch handeln und ihren Machtbereich auszudehnen versuchen.

Nur die Ehrlichkeit gegenüber uns selbst kann uns vor solchem Fehlverhalten bewahren. Darum sagte Jesus: „Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?" (Mt 7,3; Lk 6,41) Das gilt auch im Verhältnis der Staaten zueinander. Zur Feindesliebe (Lk 6,35) und zur Ehrlichkeit, die über den anderen nicht ungerecht urteilt (Mt 7,1; Lk 6,37), gehört auch, den eigenen Staat kritisch in den Blick zu nehmen.

Der Baptistenpastor aus den Vereinigten Staaten tat das: Er war in seinem Land ein Streiter für Gerechtigkeit, die den Schwarzen widerfahren sollte. Er wollte ungerechte und einseitige Sichtweisen abbauen. Das geht nur, wenn man den Balken im eigenen Auge wahrnimmt.

Martin Luther King wurde nur 39 Jahre alt. Er wurde mutmaßlich von einem amerikanischen Rassisten erschossen. Doch seine Stimme wird noch heute gehört – von allen, die sie hören wollen.








2 Kommentare
2022-03-13 12:31:49
Hallo Klaus,

danke für den Hinweis auf diese Episode im geteilten Berlin. Kannte ich noch nicht. Die Mauer stand damals gerade drei Jahre! Aber klar, King war amerikanischer Staatsbürger und er war prominent, und Kirche auch Verbindungen und einen gewissen Sonderstatus.

Sehr bemerkenswert, trotzdem.

Viele Grüße

Thomas
2022-03-13 19:13:00
Hallo Thomas,

mir war die Geschichte auch nicht bekannt, und ich war froh, so ganz unerwartet in
Berlin am Ort ihres Geschehens zu stehen und sogar ein paar Fotos machen zu können. Berlin ist halt immer wieder überraschend.

Viele Grüße
Klaus

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