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Manifest für Frieden oder Zynismus pur?

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Veröffentlicht von Klaus Straßburg in Theologie aktuell · Donnerstag 16 Feb 2023
Tags: FriedeKriegUkrainePolitikWirklichkeitKultur

Manifest für Frieden oder Zynismus pur?
Klaus Straßburg | 16/02/2023

Ich bin unverschämt, verfolge "übelsten Nationalpazifismus" und drücke "Zynismus pur" aus – jedenfalls, wenn man dem Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München Carlo Masala glaubt. Mein unverschämter Zynismus und übelster Nationalpazifismus besteht darin, das Manifest für Frieden von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht unterschrieben zu haben. Das Manifest, das am 10.2. veröffentlicht wurde, geht davon aus, dass aus militärischen Gründen keine der beiden Kriegsparteien die jeweils andere besiegen kann. Diese Ansicht teilt auch der höchste Militär der USA, General Milley. Weil eine Weiterführung des Krieges deshalb sinnlos erscheint, fordert das Manifest, die Waffenlieferungen an die Ukraine zu stoppen und auf einen Waffenstillstand und Friedensverhandlungen hinzuarbeiten.


1. Erregungspolitik

Zu diesem Manifest hat sich Masala in der Sendung Maischberger am Dienstag geäußert. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland titelte daraufhin sehr medienwirksam, Aufmerksamkeit heischend und einseitig erregt "Zynismus pur!": Militärexperte Masala rechnet bei Maischberger mit Schwarzer-Manifest ab.

Nun, er rechnete nicht nur mit dem Manifest ab, sondern auch gleich mit allen, die es unterzeichnet haben. Mit dem Manifest abzurechnen, wäre ja in Ordnung gewesen. Jeder kann sachliche Gegenargumente gegen das Manifest vorbringen. Demokratie besteht darin, dass um den rechten Weg gerungen wird. Demokratie besteht aber nicht darin, den Andersdenkenden zu diffamieren.

Ich frage mich, woher diese erregte Aggressivität kommt. Ein Psychologe würde vielleicht sagen: Aggressiv wird der, der sich seiner Sache nicht sicher ist; der sich in die Ecke gedrängt fühlt. Das mag psychologisch richtig sein. Vielleicht ist sich Professor Masala seiner Sache ja wirklich nicht sicher. Ich könnte ihm das gar nicht übel nehmen. Denn wer kann sich seiner Sache schon sicher sein? Wer weiß schon, ob der von ihm vorgeschlagene Weg zum Ziel führen wird? Ich jedenfalls weiß es nicht – ich hoffe es nur. Ich hoffe, dass der Weg, den das Manifest beschreibt, Menschenleben rettet. Aber sicher kann ich mir dessen nicht sein.


2. Unterschriftenflut

Ich war mir nicht einmal sicher, ob es richtig ist, das Manifest zu unterschreiben oder nicht. Denn man kann sich fragen, ob so ein erneutes Statement in der Reihe der Offenen Briefe und in einer Zeit unzähliger Petitionen überhaupt etwas bringt. Man muss ja die allgemeine Unterschriftenflut nicht mitmachen. Wahrscheinlich wird über das Manifest in zwei Wochen, wenn sich der Erregungspegel wieder gelegt hat, niemand mehr reden. Warum also unterschreiben?

Außerdem bin ich keineswegs ein Fan von Alice Schwarzer oder Sahra Wagenknecht. Die beiden haben sich ja zu ganz verschiedenen Fragen geäußert. Manchem davon kann ich zustimmen, anderes muss ich vehement ablehnen. Die Frage ist: Sollte ich dann ein Manifest, das die beiden verfasst haben, unterschreiben? Mache ich mich damit nicht ihnen gleich?

Ich habe mich schließlich für das Unterschreiben entschieden. Denn ich finde es wichtig, in solch einer bedeutenden Frage öffentlich Stellung zu beziehen. Außerdem geht es mir nur um den Text des Manifestes und nicht um eine Nähe zu den Verfasserinnen. Ich unterstütze mit meiner Unterschrift ja nicht das, was Schwarzer und Wagenknecht sonst noch so von sich gegeben haben. Wenn man die Kooperation mit anderen Menschen danach beurteilen wollte, was sie jemals gesagt und getan haben, dürfte man wahrscheinlich mit keinem Menschen mehr zusammenarbeiten.

Sogar Jesus sagte ja, als seine Jünger ihm über einen Menschen berichteten, der zwar Gutes tat, aber kein Jünger Jesu werden wollte: "Wer nicht gegen euch ist, der ist für euch" (Lk 9,50). Jesus konnte also ausgesprochen tolerant sein gegenüber Leuten, die zwar nicht seine Jünger sein wollten, aber trotzdem an einer bestimmten Stelle Gutes taten.

Es gab mir weiterhin zu denken, dass offenbar auch AfDler das Manifest unterschreiben. Soll ich mich in die Gesellschaft von Menschen begeben, die der AfD nahestehen oder ihr sogar angehören? Ich tue das ungern. Aber ich kann nichts dafür, wenn sie in diesem Punkt denselben Standpunkt vertreten wie ich. Übrigens werden die Meinungen sehr schnell auseinandergehen, wenn man auf die Gründe dieses Standpunkts zu sprechen käme. Und mit den unterschiedlichen Gründen wird dann auch die Übereinstimmung auf ein Minimum zusammenschmelzen. Aber in der Frage von Waffenlieferungen und Verhandlungen hinsichtlich des Ukraine-Kriegs zum jetzigen Zeitpunkt sind wir möglicherweise einer Meinung. Das ist aber auch alles. Hier gilt auch wieder: Wenn ich mein Engagement danach ausrichten würde, was andere Menschen sonst noch so vertreten und tun, dann gäbe es wohl keinen, mit dem ich mich zusammentun könnte.

Vielleicht hat Masala seinen Vorwurf des "übelsten Nationalpazifismus" daher genommen, dass er an AfD-nahe Menschen dachte. Und er hat alle anderen dann gleich mit ihnen identifiziert. Ehrlich gesagt fühle ich mich von ihm überhaupt nicht angesprochen. Denn ich bin weder nationalistisch gesinnt noch absolut pazifistisch. Ich möchte einfach nur, dass das Töten in diesem Krieg und die Gefahr einer weiteren Eskalation ein Ende nehmen.


3. Zynismus

Wer das möchte, wird gern als zynisch bezeichnet. Zynismus ist der Standardvorwurf seit Beginn des Krieges an alle, die Waffenlieferungen gegenüber skeptisch sind und sich für Verhandlungen einsetzen. Aber was ist eigentlich Zynismus?

Mein uralter Fremdwörter-Duden aus dem Jahr 1974 (das war offenbar die Zeit, in der ich theologische Texte zu lesen begann), verzeichnet unter dem Stichwort "zynisch" die Definition "verletzend-spöttisch, bissig, schamlos-verletzend". Etwas deutlicher wird ein anderer Duden, nämlich das "Große Wörterbuch der deutschen Sprache" aus dem Jahr 1999: Zynismus bringt "eine gefühllose, mitleidlose, menschenverachtende Haltung zum Ausdruck [...], die besonders in bestimmten Angelegenheiten, Situationen als konträr, paradox und als jemandes Gefühle missachtend und verletzend empfunden wird" (zitiert nach Wikipedia). Man könnte das so zusammenfassen: Zynisch handelt jemand, der aus einer gefühllosen, mitleidlosen und deshalb menschenverachtenden Haltung heraus die Gefühle eines anderen schamlos missachtet und verletzt und auf diese Weise der Würde seines Mitmenschen spottet.

Aber Zynismus ist ein schillernder Begriff. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat in seinem monumentalen Werk "Kritik der zynischen Vernunft" Zynismus in einem ersten Anlauf so definiert:

Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewusstsein – das unglückliche Bewusstsein in modernisierter Form. Der Ansatz [...] artikuliert ein Unbehagen, das die moderne Welt durchtränkt sieht von kulturellen Wahnwitzigkeiten, falschen Hoffnungen und deren Enttäuschung, vom Fortschritt des Verrückten und vom Stillstand der Vernunft, von dem tiefen Riss, der durch die modernen Bewusstseine geht und der für alle Zeiten das Vernünftige und das Wirkliche, das, was man weiß, und das, was man tut, voneinander zu trennen weiß.
(S. 399; vgl. S. 37)*

Diese Definition klingt nun ganz anders als nach einer menschenverachtenden Missachtung der Gefühle anderer, die kein Mitleid kennt. Zynisch ist hiernach, wer zwar seine aufgeklärte Vernunft benutzt und daraus Erkenntnisse gewinnt, zugleich aber sein Handeln von dieser Vernunft und ihren Erkenntnissen abkoppelt, indem er das, was er weiß, nicht in die Wirklichkeit umsetzt. Der geschichtliche "Fortschritt des Verrückten" und "Stillstand der Vernunft" lässt Denken und Handeln eklatant auseinanderklaffen, so dass der zynische Mensch von einem zerrissenen und deshalb unglücklichen Bewusstsein geplagt ist.

Beide Definitionen könnten nun aber doch zusammenpassen. Denn ein Mensch, der nicht das tut, was er als gut und richtig für seine Mitmenschen erkannt hat, handelt ihnen gegenüber menschenverachtend und verletzt ihre Gefühle – möglicherweise aber auch mehr als das, nämlich ihr Lebensrecht.


4. Heuchelei

Die Definition des Zynismus erinnert mich an biblische Aussagen zur Heuchelei. Jesus wirft sie nach Mt 15,7-9 den religiösen Autoritäten vor:

Ihr Heuchler, trefflich hat Jesaja über euch geweissagt: "Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, doch ihr Herz ist weit weg von mir. Vergeblich aber verehren sie mich, indem sie Lehren vortragen, welche Gebote von Menschen sind."

Die zerrissene Existenz, deren Wort nicht im Einklang mit ihrem Herzen ist und die deshalb nicht das tut, was sie predigt, trifft hier die fromme Elite. Zynismus ist also keineswegs nur ein Phänomen des säkularen Menschen.

Aber nicht nur die fromme Elite ist angesprochen, sondern jeder Mensch. Jesus spricht deutliche Worte (Mt 7,3-5):

Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, des Balkens jedoch in deinem [eigenen] Auge wirst du nicht gewahr? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: "Halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen" – und siehe, in deinem [eigenen] Auge ist der Balken? Du Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann magst du zusehen, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.

Die Blindheit gegenüber dem eigenen Versagen ist groß. Der Fehler wird immer beim anderen gesucht. Man macht sich selbst etwas vor, wenn man meint, der andere wäre ein "tumper Thor", ein törichter Dummkopf, der sowieso keine Ahnung habe. Die Heuchelei heuchelt sich selbst etwas vor.

Erfrischend ehrlich ging hingegen der Apostel Paulus mit seinem eigenen Versagen um. Kaum zu glauben, was der "heilige" Paulus in Röm 7,18f schrieb:

Ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Denn das Wollen [des Guten] ist zwar bei mir vorhanden, das Vollbringen des Guten aber nicht. Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, führe ich aus.

Dazu kann ich nur sagen: Herzlichen Glückwunsch zu dieser Einsicht. Wie gut würde es unserer Welt tun, wenn mehr Menschen sie hätten; wenn uns unsere eigene Bosheit vor Augen stünde und sie nicht verdeckt wäre durch die Bosheit, die wir beim anderen zu finden meinen. Denn je böser der andere ist, desto besser stehe ich selbst da und verdecke so meine eigene Bosheit.

Aber wenn es so ist, wie komme ich dann dazu, überhaupt irgendetwas Gutes zu tun? Der Apostel kennt nur folgende Antwort (Röm 7,24):

Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leibe des Todes? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

Paulus wusste: Wir selbst schaffen es nicht. Wir leben von geschenkten Gedanken und Taten. Der Gute selbst muss bei uns einziehen, damit unser Denken und Handeln Gutes hervorbringt.


5. Kriegswahnsinn

Aber zurück zum Zynismus. Sind wir nun alle zynisch, weil Denken und Handeln bei uns auseinanderklaffen? Oder sind es nur die anderen, die Menschenleben gefährden?

Merkwürdigerweise wird der Zynismusvorwurf nur denen gemacht, die Waffenlieferungen im Ukraine-Krieg ablehnen und Verhandlungen fordern. Dass den Befürwortern von Waffenlieferungen, die Verhandlungen ablehnen, Zynismus vorgeworfen wird, habe ich noch nicht gehört.**

Carlo Masala hat die gegenwärtige Kriegslage grausam beschrieben. Es gibt hohe "Verluste" (gemeint sind getötete Menschen). Der Experte sagte wörtlich:

Bachmut ist ein Fleischwolf, für beide Seiten. Die Strategie ist, so viele Kämpfer der anderen Seite zu töten wie möglich.

Ein Fleischwolf also. Eine kleine nützliche Maschine, die Fleisch mundgerecht zerkleinert. Das Ziel ist, so viele Kämpfer (also Menschen) wie möglich durch diese Maschine zu ziehen. Das ist die Kriegslage.

Ich bin Masala dankbar für diese offene Beschreibung – vom Bild des Fleischwolfs einmal abgesehen, das vielleicht doch etwas verharmlosend ist. Sagen wir doch deutlich: Menschen werden gerade zuhauf dahingeschlachtet, meist junge Menschen. Die einen, die vorher normale junge Menschen waren, werden zu Killern gemacht, die oft ihr Leben lang darunter leiden werden. Die anderen verlieren ihr Leben sofort und endgültig. So also ist Krieg. Dennoch will Masala diesen Krieg fortsetzen und befürwortet Waffenlieferungen an die Ukraine, weil er eine diplomatische Lösung gegenwärtig für unwahrscheinlich hält. Erst wenn Russland in die Defensive gedrängt sei, könne man über einen Waffenstillstand verhandeln.

Masala mag ja sogar recht haben. Vielleicht würde Putin gegenwärtig nicht verhandeln. Ich weiß es nicht. Er weiß es aber auch nicht. Es wurde nämlich noch nicht ernsthaft versucht. Denn Putin unter den Bedingungen des Westens zu Verhandlungen zu bewegen, ist kein ernsthafter Versuch.

Man könnte es nun zynisch nennen, den Krieg weiterzuführen, ohne ernsthaft zu versuchen, einen Dialog anzustoßen. Ich will das aber nicht tun. Denn gegenseitige Vorwürfe helfen nicht weiter. Ich setze voraus, dass Masala genauso wie ich Frieden will.

Anders wäre es nur, wenn Masala den Krieg aus machtpolitischen Erwägungen fortsetzen wollte. Ich will ihm das nicht unterstellen. Es erscheint mir aber für die westliche Politik nicht unwahrscheinlich. Denn es leuchtet mir nicht ein, dass es ihr darum geht, der Ukraine zu helfen, wie immer vorgegeben wird. Wenn es darum ginge, müsste man auch anderen Ländern, in denen Krieg herrscht, helfen. Man müsste den Kurden helfen, die von der Türkei bombardiert werden. Darum denke ich, dass man nicht der Ukraine, sondern sich selbst helfen will: Man will das Vordringen Russlands verhindern. Das sind keine Hilfeleistungen, sondern machtpolitische Erwägungen. Die werden natürlich von niemandem zugegeben. Aber man muss wissen, dass es in der internationalen Politik – ich will es vorsichtig sagen: fast immer um nationale Interessen geht und nicht um Barmherzigkeit für Notleidende.


6. Militärzynismus

nationale Interessen aber werden durch Kriege durchgesetzt – zumindest muss man bereit dazu sein, Krieg zu führen. Insofern könnte man die gegenwärtige Lage als Militärzynismus bezeichnen. Den Begriff habe ich bei Sloterdijk kennengelernt. Weil seine Beschreibung, obwohl vor 40 Jahren erschienen, erschreckend aktuell ist, sei er zum Schluss noch dreimal zitiert:

Der Militärzynismus kann auftauchen, wenn die kriegspsychologische Entwicklung der drei männlichen Kampfcharaktere in einer Gesellschaft deutliche Umrisse gewonnen hat: man unterscheidet dann die Typen des Helden, des Zögerers und des Feiglings. [...] Eine eindeutige Werthierarchie wird errichtet, an deren Spitze der Held steht; wie er sollten im Grunde alle sein; Heldentum wird als Leitstern von den Männern einer Kampfzivilisation verinnerlicht.
(S. 404)

Die von Sloterdijk benannten drei Typen des Helden, des Zögerers und des Feiglings haben mich lebhaft an die Gegenwart erinnert. Der Held begegnet mir täglich im Fernsehen in Gestalt des ukrainischen Präsidenten Selenskyj. Der gelernte Schauspieler inszeniert sich selbst perfekt in der Rolle des mutigen und für sein Volk kämpfenden Helden. Der Zögerer begegnet mir in der Person von Bundeskanzler Scholz. Sein Zögern wurde ihm ja mehrfach vorgeworfen. Die Feiglinge werden durch jene repräsentiert, die den Krieg möglichst schnell beenden wollen. Sie werden gern diffamiert und beschimpft, weil sie der Ukraine angeblich die Hilfe versagen. Angst sei ein schlechter Ratgeber, fügt man hinzu. Dazu ein Satz von Sloterdijk:

Die Flucht ist älter als der Angriff, sagt die anthropologische Forschung.
(S. 403)

Anthropologie ist die Wissenschaft vom Menschen und seiner Entwicklung. Die Flucht war offenbar in der Entwicklungsgeschichte des Menschen vor dem Angriff da, als natürliche Reaktion des Menschen auf eine drohende Gefahr. Das leuchtet mir ein.

Sloterdijk diagnostizierte mitten im Kalten Krieg eine allgemeine Kultur des Militärzynismus. Besonders erschreckend finde ich folgende Sätze Sloterdijks, die mir auf unheimliche Weise den gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft widerspiegeln – ein Zustand, der in kürzester Zeit entstanden ist, die in Jahrzehnten mühsam errungene Ost-West-Annäherung komplett zerstört und den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges in nichts nachsteht:

Die moderne Politik hat uns daran gewöhnt, eine gigantische folie à deux (Wahn zu zweit) für den Inbegriff des Realitätsbewusstseins zu halten. Die Art und Weise, wie zwei oder mehr Machtgrößen sich gegenseitig, in ausgeklügelter Interaktion, verrückt machen, liefert dem Menschen unserer Zeit sein Modell von Wirklichkeit. Wer immer an die heutige Gesellschaft, wie sie ist, sich anpasst, passt sich in letzter Instanz an diesen paranoiden Realismus an. Und weil es wohl niemanden gibt, der dies nicht wenigstens unterschwellig und in einer "hellen Stunde" begreift, ist jedermann verstrickt in den modernen Militärzynismus – wenn er ihm nicht ausdrücklich und bewusst widersteht. Wer widersteht, muss es sich heute und wohl noch eine ganze Weile gefallen lassen, als Träumer diffamiert zu werden, als jemand, der, vielleicht ja von guten Absichten ("Bergpredigt") geleitet, eine Flucht aus der Wirklichkeit angetreten habe. Doch ist es nicht wahr. Der Begriff Wirklichkeit wird, wie kein anderer, falsch gebraucht. Wir müssen erst aus der systemgewordenen Paranoia unserer Alltagswelten in die Wirklichkeit fliehen.
(S. 420)

An eine kollektive Paranoia habe ich in den letzten Monaten öfter denken müssen. Wie schwer es ist, dieser zu widerstehen, wird klar, wenn man sich die mediale Dauerbeeinflussung vor Augen führt. Wer es dennoch schafft, ihr zu widerstehen, wird in der Regel diffamiert.

Was bleibt? Laut Sloterdijk eine Flucht aus der Alltagsparanoia in die Wirklichkeit. Aber was ist die Wirklichkeit?

Für mich ist es die Wirklichkeit des Reiches Gottes. Es ist ein Friedensreich, das bereits hier und da anbrechen kann, aber noch nicht immer und überall verwirklicht ist. Dennoch ist dieses Reich da. Aber kein noch so gutes Manifest kann dieses Friedensreich herbeiführen. Kein Krieg kann es durchsetzen und kein pazifistisches Engagement. Denn das Reich Gottes sucht sich seine Bewohner.

Wer zum Reich Gottes gerufen wird, kann eintreten. Die Tür steht offen, der Eintritt ist frei. Wer eintritt, wird verändert: Der Menschenverächter wird zum Menschenfreund, der Zyniker zum Beschenkten – beschenkt mit guten Gedanken und Taten. Er wird nicht vollkommen sein, wird Fehler machen, rückfällig werden, sich irren. Aber er wird auf eine Spur gesetzt, der er folgt, wenn er das Reich nicht wieder verlässt. Dieses Reich Gottes ist die Wirklichkeit, die nicht durch Angst oder Wahn verzerrt ist. Wer in ihr lebt, ist der wahre Realist.


* * * * *


*   Alle Sloterdijk-Zitate aus: Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft. 2 Bände. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main
     1983. Orthographisch angepasst an die neue deutsche Rechtschreibung.
** Ergänzung am 27.02.2023: Inzwischen habe ich den Zynismus-Vorwurf auch schon mehrfach aus dem Munde derer gehört,
     die Verhandlungen fordern und Waffenlieferungen ablehnen.

Fotografik: Gerd Altmann auf Pixabay.




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Rezensionen
Freitag 17 Feb 2023
Hallo Klaus,

das Manifest hatte ich gelesen, bevor du deinen letzten Beitrag in diesem Blog geschrieben hattest, über den wir ausführlich diskutiert haben. Noch genauer gesagt, ich hatte vorher Einiges an Polemik über das Schwarzer/Wagenknecht-Papier mitbekommen und dann lesen wollen, worum es eigentlich geht. Ich fand das Papier nicht furchtbar schlimm, aber doch so falsch in seinen Bewertungen, Schuld- und Verantwortungszuweisungen, dass ich es nicht unterschreiben wollte.

Dass Carlo Masala jetzt auch noch mal ein solches Fass aufmacht, halte ich ebenfalls für falsch. Putin freut sich, wenn sich die deutsche Öffentlichkeit auf viel zu hohem Aufregungsniveau streitet. Putin, der hemmungs- und grenzenlos lügt und manipuliert, der sich weder an Völkerrecht noch an Verträge noch an Absprachen hält, solange sie nicht in dem Moment seinen Interessen dienen.

Es muss klar sein, wer der Gegner ist.

Viele Grüße

Thomas
Freitag 17 Feb 2023
Hallo Thomas,

ich denke nicht im Freund/Feind- oder Freund/Gegner-Schema, sondern frage nach der Verantwortlichkeit für Krieg und Frieden. Diese Verantwortlichkeit sehe ich bei allen Beteiligten, also auf beiden Seiten. Natürlich ist Putin der Angreifer und damit der Hauptverantwortliche. Aber der Westen kann sich als Beteiligter am Krieg nicht aus der Verantwortung stehlen, besonders dann nicht, wenn man die Vorgeschichte der letzten Jahrzehnte mitbedenkt. Darum wird ja auch gern so getan, als habe die Krise erst am 24.2.22 oder frühestens 2014 begonnen. Alles, was davor war, wird ausgeblendet - ganz anders als zum Beispiel im Buch "Nationale Interessen" von Klaus von Dohnanyi.

Paulus durchbricht das Freund/Feind-Schema: "Segnet, die euch verfolgen, segnet, und verflucht nicht!" "Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes. [...] Vielmehr, wenn dein Feind hungert, so speise ihn; wenn er dürstet, so tränke ihn" (Röm 12,14.19f). Ich will damit nicht einer Wehrlosigkeit das Wort reden, aber einer Haltung des Aufeinander-Zugehens, soweit es möglich ist (!): "Ist es möglich, soviel an euch liegt, haltet mit allen Menschen Frieden!" (V 18).

Im Zusammenhang mit dem Manifest frage ich mich vor allem, woher eigentlich diese Aggressivität kommt, die den Befürwortern von Verhandlungen regelmäßig entgegengebracht wird. Kannst du dir das erklären? Masala hätte ja sachlich auf das Manifest eingehen können, das wäre vollkommen in Ord...
Samstag 18 Feb 2023
Hallo Klaus,

ein Masala-Erklärer bin ich auf keinen Fall. Aber ich beobachte, dass sich in den vergangenen Jahren der politische Diskussionsstil vergröbert hat, auf allen Seiten. Besonders deutlich sehe ich das an der Art und Weise, wie Trump und Johnson sich aufgeführt haben. Früher wäre das meiner Meinung nach für amerikanische Präsidenten oder britische Premierminister nicht drin gewesen. Manchmal habe ich den Eindruck, man muss heute laut und schrill sein, um gehört zu werden.

Inhaltlich wird oft mit Angriffen auf die Person, Tu-quoque-Scheinargumenten, Whataboutism, falschen Gleichsetzungen, Schwerpunktverschiebungen und Ähnlichem gearbeitet. Das gilt in der Auseinandersetzung, um die es hier geht, sowohl für Wagenknecht/Schwarzer als auch für Masala.

Darauf darf man sich schlicht nicht einlassen, oder man muss es beim Namen nennen und dann zur Sache zurückkehren. Wie geschrieben, nehmen Wagenknecht/Schwarzer eine Schwerpunktverschiebung vor. Putin wird zwar zunächst in einem Satz knapp als Hauptschuldiger genannt, aber danach geht es überwiegend darum, was Selenskij will und was der Westen tun könnte und sollte und inwieweit man ihnen vielleicht auch eine Schuld zuweisen könnte.

Bei Masala ist es ähnlich. Er haut ein paar Begriffe wie Zynismus und Nationalpazifismus raus. Man darf meiner Meinung nach nicht den Fehler machen, sich darauf zu stürzen und sich damit eine Weile zu beschäftigen wie ein Hund mit einem hingeworfenen Putzl...
Samstag 18 Feb 2023
Hallo Thomas,

danke für deine Stellungnahme. Dass der Ton rauher geworden ist, habe ich auch schon oft gedacht. Dann habe ich mich aber wieder an zwei Politiker meiner Jugendzeit erinnert, Franz Josef Strauß und Herbert Wehner, die verbal auch nicht von schlechten Eltern waren. Ich erinnere mich an Straußens Rede von "Ratten" und "Schmeißfliegen", bezogen auf Anhänger der Friedensbewegung. Auch das Verdikt "nützliche Idioten Moskaus" war damals oft zu hören. Also gab es die aggressive und diffamierende Rede auch schon damals. Danach kam dann wohl eine etwas ruhigere Zeit, aber die scheint nun auch vorbei zu sein. Wahrscheinlich tragen die sog. sozialen Medien das ihre dazu bei. Die Kriegssituation lässt nun offensichtlich die menschliche Aggressivität nicht nur auf dem militärischen Schlachtfeld ans Licht kommen, sondern auch auf dem politischen. In Stresssituationen zeigt der Mensch oft ein Gesicht, das nicht das schönste ist. Von den Befürwortern von Waffenstillstandsverhandlungen habe ich das aber, wie gesagt, noch nicht beobachtet.

Ich finde auch nicht, dass Schwarzer/Wagenknecht eine Schwerpunktverschiebung vorgenommen haben, aber sie haben eine andere Schwerpunktsetzung. Und das finde ich legitim. Legitim ist es auch, dass sie sich als Deutsche mit ihrem Manifest an den Bundeskanzler wenden und nicht an Putin und dass sie Argumente für ihre Forderungen an die deutsche Politik vortragen und nicht für die Verurteilung des russischen Angriffs...
Samstag 18 Feb 2023
Hallo Klaus,

was hältst du davon?

https://www.tagesspiegel.de/meinung/die-missachtung-der-ukrainer-aus-wagenknechts-und-schwarzers-forderung-spricht-der-vergnugte-ton-der-bevormundung-9333587.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Eine feinere Kritik des Wagenknecht/Schwarzer-Manifests. "Ausgerechnet Teile der deutschen Linken ignorieren eine zentrale Lehre des 20. Jahrhunderts: keine Forderungen über von Unrecht betroffene Gruppen hinweg."

Viele Grüße

Thomas
Samstag 18 Feb 2023
Hallo Thomas,

ich würde den Artikel gern lesen, möchte aber nicht dafür zahlen und auch kein Werbetracking zulassen. Wenn du mir den Text in ein Word-Dokument kopierst (ohne Rücksicht auf die Formatierung) und per E-Mail schickst, könnte ich ihn lesen.

Zu deinem Zitat kann ich nur sagen: Das Manifest stellt keine Forderungen an Selenskyj oder die Ukraine. Die Ukraine kann frei entscheiden, was sie tun will. Gerade deshalb besteht aber für diejenigen, die sie unterstützen, eine Verantwortung dafür, was mit der Unterstützung geschieht. Das ist auch der Leitgedanke, wenn die Bundesrepublik darüber entscheidet, wem sie wann Waffen liefert und wem nicht. Wenn die Ukraine Langstreckenraketen fordert, wie kürzlich geschehen, muss der Lieferant wissen, was mit diesen geschehen soll. Soll z.B. Moskau angegriffen werden? Oder soll das Hinterland angegriffen werden, um den russischen Nachschub zu blockieren? Welche Folgen könnte das für eine Ausweitung des Krieges haben? Diese Fragen sollte sich der Waffenlieferant beantworten. Er könnte dazu auch die Ukraine konsultieren, aber eine Antwort muss er letztlich als der Verantwortliche für das, was mit seinen Waffen geschieht, selber geben. Das ist keine Forderung über die von Unrecht betroffene Ukraine hinweg (wie gesagt: Die Ukraine entscheidet frei - aber eben auch über die Verwendung deutscher Waffen), sondern das ist die Wahrnehmung der Verantwortung dessen, der die von Unrecht betroffene Ukraine unterstütze...
Samstag 18 Feb 2023
Hallo Klaus,

vorhin habe die den Wortlaut des Tagesspiegel-Kommentars noch einmal per Mail geschickt.

Viele Grüße

Thomas
Sonntag 19 Feb 2023
Hallo Thomas,

danke für die Zusendung des Kommentars aus dem "Tagesspiegel". Der Autor führt drei historische Beispiele an, in denen Länder über das Schicksal eines Staates entschieden, ohne diesen an der Entscheidung zu beteiligen. Ich kenne die genauen historischen Hintergründe und Vorgeschichten dieser Beispiele nicht und kann deshalb zu ihnen auch nichts sagen. Meine Meinung ist jedoch nicht, dass über das Schicksal der Ukraine von außen entschieden werden soll; dass man die Ukraine sozusagen an Russland ausliefert, wie der Autor des Kommentars anzunehmen scheint. Man kann das eigentlich nur dann dem Manifest von Schwarzer und Wagenknecht vorwerfen, wenn man davon ausgeht, dass zuerst alle Waffenlieferungen eingestellt werden und danach versucht wird, Verhandlungen zu führen, die aber zu keinem Erfolg führen. Davon aber steht im Manifest nichts. Ich gehe davon aus, dass gemeint ist, die versprochenen Waffen zu liefern und parallel dazu Verhandlungen zu beginnen, an denen die Ukraine beteiligt ist. Natürlich wird man dabei Kompromisse machen müssen, das ist der Sinnt von Verhandlungen. Wenn man das ablehnt, ist man nicht verhandlungsfähig. Dann bleibt nur eine militärische "Lösung", das heißt weitere Hunderttausende Tote und am Ende Sieg, Niederlage oder - Verhandlungen.

Ich halte die angeführten Beispiele auch für nicht treffend. Denn in ihnen entschieden Staaten über das Schicksal eines anderen Staates, ohne diesen in irgendeiner Form zu unter...
Sonntag 19 Feb 2023
Hallo Klaus,

du hast das dieses Manifest mit unterschrieben, ich habe es nicht für unterschriftsfähig gehalten und sehe auch keine Grund, meine Position zu ändern. Mir tun die russischen Soldaten, die in der Ukraine verheizt werden, ebenso leid wie ihre ukrainischen Kontrahenten. Es gibt nicht nur Tauben hier und Falken da.

Vor mir aus können wir es dabei belassen.

Viele Grüße

Thomas
Montag 20 Feb 2023
Hallo Thomas,

ja, ich denke auch, wir haben dazu alles gesagt. Danke für den instruktiven Austausch!

Viele Grüße
Klaus
Donnerstag 23 Feb 2023
Hallo Klaus,

heute in der ZEIT steht ein sehr interessantes Gespräch zwischen Petra Bahr und Margot Käßmann, die unterschiedliche Sichten zum Krieg in der Ukraine diskutieren. Unsere gegenseitigen Standpunkte finde ich zum Teil darin wieder.

Viele Grüße

Thomas
Donnerstag 23 Feb 2023
Hallo Thomas,

danke für den Hinweis. Ich werde mir den Artikel in der ZEIT mal ansehen.

Viele Grüße
Klaus
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