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Leben ohne Todesbewusstsein

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie to go · 28 August 2025

Leben ohne Todesbewusstsein
Psalm 90 und die Illusion endlosen Lebens
Klaus Straßburg | 28/08/2025

Manchmal kommt mir die Art, wie wir leben, ganz unwirklich vor. Wir planen den Tag, suchen unsere Aufgaben zu bewältigen, machen Termine, treffen Absprachen, und bei alldem haben wir keinen einzigen Gedanken daran, dass wir im nächsten Augenblick schon unser Leben aushauchen könnten. So muss es wohl sein, um überhaupt leben zu können. Aber es ist eine sehr unwirkliche Situation.

Unser Körper ist hartnäckig und widerständig, er hält viel aus. Aber er ist zugleich auch sehr zerbrechlich. Eine Kleinigkeit schon kann tödlich sein.

Es wäre sicher hinderlich für unsere Lebensgestaltung, wenn wir uns in jedem Moment vor Augen führen würden, wie bedroht unser Leben ist. Dann würden wir vielleicht des Lebens nicht mehr froh werden. Wir sollen uns aber nach dem Willen des Schöpfers unseres Lebens freuen. Paulus ruft ‒ trotz misslicher Lebenslagen ‒ immer wieder in seine Gemeinden hinein: "Freut euch!" (Röm 12,15; 15,10; 2Kor 13,11; Phil 3,1; 4,4)

Es ist aber zugleich eine gefährliche Verschleierung der Wirklichkeit, wenn die Verletzlichkeit unseres Lebens nur ein theoretischer Gedanke ist. Wir wissen alle, dass wir sterben müssen. Aber den wenigsten Menschen ist es gegeben, dieses Wissen in ihre Lebenspraxis zu integrieren. So wird der Tag weit weggeschoben. Es sind immer die anderen, die sterben.

Ich habe Menschen kennengelernt, die völlig überrascht und unvorbereitet waren, als ihre weit über 80 Jahre alte, schon gebrechliche Mutter starb. Natürlich war ihnen klar, dass dieser Tag kommen würde. Es war ihnen aber ein rein theoretischer Gedanke, der für ihre Lebenspraxis keine Bedeutung hatte. Darum traf sie der Tod völlig unvorbereitet.

So geht es wohl den meisten Menschen. Und der Gedanke an den eigenen Tod ist uns noch schwerer als der Gedanke, dass unsere Eltern sterben werden.

Unsere Zeit lässt den Gedanken an Tod und Verletzlichkeit kaum zu. Wenn man ein Ticket für ein Konzert oder einen Theaterbesuch kauft, muss man das oft schon ein Jahr vor der Veranstaltung oder noch früher tun. Ich denke dabei jedes Mal: Ich weiß doch gar nicht, in welcher Lebenssituation ich dann bin, ob mir dann überhaupt danach zumute ist, ob ich gesund bin oder überhaupt noch lebe. Es widerstrebt mir zutiefst, mich ein Jahr vorher festzulegen und so zu tun, als wäre mein Leben gesichert und als wäre ich in einem Jahr noch derselbe wie heute.

Doch die Welt verlangt das. Die Ereignisse in der Zwischenzeit, von denen wir nichts ahnen, die vergehende Zeit, die uns verändert, und der mögliche Tod ‒ all das wird einfach ausgeklammert.

Andererseits rückt uns der Tod immer näher. Apokalyptische Endzeitszenarien machen sich breit und erzeugen Ängste. Vielleicht wird gerade deshalb der Tod auf der einen Seite so massiv verdrängt, weil er uns auf der anderen Seite so stark entgegentritt.

Aber damit leben wir in einer großen Illusion. Wir, die wir so viel auf unsere Wirklichkeitserkenntnis halten, von der wir meinen, dass sie stetig voranschreite, dass die Möglichkeiten unseres Wissens grenzenlos seien ‒ wir blenden das Naheliegendste, uns alle Betreffende, nämlich die Verletzlichkeit und Begrenztheit unseres Lebens, aus.

Wir sind ein Staubkorn im Weltall. Unsere Lebenszeit ist, schon im Vergleich zur Existenz unseres Planeten, nicht mehr als ein Lidschlag. In den Augen Gottes ist es nicht anders (Ps 90,4):

Tausend Jahre sind in deinen Augen wie der gestrige Tag, denn er geht vorüber, und wie eine Wache in der Nacht.

Der vergangene Tag entzieht sich mehr und mehr unserer Erinnerung, entfernt sich, wird immer kürzer und verschwindet schließlich im Grau des Nebels. So sind tausend Jahre in den Augen des ewigen Gottes. Was ist dann unser Leben?

Es ist bemerkenswert, dass der Psalm nicht in Resignation und Hoffnungslosigkeit endet. Der bekannteste Vers des Psalms lautet ja in der Lutherübersetzung so (Ps 90,12):

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Wörtlich übersetzt heißt es:

Lehre uns unsere Tage zählen, dass wir dem Herzen Weisheit zukommen lassen.

Wer seine Tage zählt, weiß um ihr Ende, auch wenn er den letzten Tag nicht kennt. Aber er lebt nicht in der Illusion der Endlosigkeit. Dass das Wissen um die eigene Sterblichkeit nicht nur ein theoretischer Gedanke ist, sondern in das Leben Eingang findet und so auch die Lebenspraxis bestimmt, das macht die Weisheit des Herzens aus. Ein im Herzen weiser Mensch, dem seine Endlichkeit vor Augen ist, fühlt, denkt und handelt anders.

Das schließt die Lebensfreude nicht aus, sondern ein. Die Freude entzündet sich an der Gnade Gottes, der sich über die erbarmt, die nichts sind, wie ein Sandkorn im Wüstensturm (Ps 90,14):

Sättige uns am Morgen mit deiner Gnade, dass wir jubeln und uns freuen an all unseren Tagen.

Die Flucht vor dem Tod führt in ein unwirkliches Leben und in eine unterschwellige Angst, die sich in Aggressionen ausdrücken kann. Denn das verdrängte Wissen darum, dass der Tod uns irgendwann einholt, lässt sich nicht abschütteln.

Wenn wir uns hingegen ehrlich dem Tod stellen, führt uns dies zur Gnade Gottes. Denn wer nichts hat, greift nach allem, was ihm geboten wird. Wer dem Tod entgegeneilt und sich dessen bewusst ist, ergreift freudig das Leben aus Gottes Hand.

Es ist uns bestimmt, im wirklichen Leben zu existieren. Dazu gehört das praktische Wissen um den Tod und um das uns angebotene Leben. In diesem Wissen ruhen Freiheit und Freude ‒ auch dann, wenn der Tod sich naht. Dann, so Gott will und uns beschenkt, sogar in besonders starker Weise.


* * * * *


Foto: M auf Pixabay.




5 Kommentare
Johanne
2025-09-01 11:36:37
Lieber Klaus,

wer über Bibelworte Nachdenkt kann Christus finden!

Mit ihm erhälst Du das ewige Leben UND LEITUNG DEINES LEBENS DURCH GOTT!

Dann lebst Du nicht mehr auf der schiefen Ebene, die Berge und ohne Täler nimmt er fort!

Grüße Johanne, 1.9.25
Johanne
2025-09-01 11:39:35
Du hast dich in der Jahreszeit vertan, erst im November ist Totensonntag!
Johanne
2025-09-01 11:42:32
Sorry, es muss heißen: DIE BERGE UND TÄLER NIMMT ER FORT!

Johanne, 1.9.25
2025-09-02 08:36:31
Hallo Klaus,

Psalm 90,12 gehört zu meinem kleinen Repertoire der Bibelverse, die ich auswendig kenne, in Lutherübersetzung. Danke für den Hinweis, dass diese Übersetzung doch recht frei ist. Gut finde ich sie trotzdem.

Der Gedanke an meinen eigenen Tod erschreckt mich nicht oder zumindest nur wenig, viel mehr der an ein langes Leiden vorher. Oder der an das Sterben lieber Menschen.

Aber was kann ich tun, um das Wissen um die Sterblichkeit in mein Leben zu integrieren. Ein ordentliches Testament machen? Ist erledigt. Alte Verwandte und Bekannte besuchen und mit ihnen wichtige Dinge besprechen, bevor man keine Chance mehr dazu hat. Mache ich seit einiger Zeit, und mehrmals war es gerade noch rechtzeitig. Gleichzeitig möchte ich mir nicht den Ruf eines schlechten Vorboten erwerben. Eine neudeutsch "Bucket list" genannte Liste dessen erstellen, was ich noch tun, sehen oder erleben möchte, bevor ich tot, zu alt, zu gebrechlich oder zu arm dafür bin? Ja, schon, aber einerseits wird diese Liste immer länger, wenn ich damit anfange. Andererseits könnte ich sie auch sehr kurz halten, weil ich ein gutes Leben hatte und mich nicht beschweren kann. Wieder andererseits ständen dort Dinge oder Ereignisse drauf, die ich nicht aktiv angehen kann, z. B. dass ich gern Enkelkinder hätte.

Und welche Lebenserwartung soll ich eigentlich ansetzen, um meine materielle Versorgung und die meiner Ehefrau zu planen? Die gesetzliche Rente wird nicht reichen, schon gar nicht, wenn Pflegekosten hinzukommen. Wir haben zusätzlich privat vorgesorgt, aber wieviel sollen wir davon jährlich verbrauchen? Ist es sinnvoll, die aktuelle durchschnittliche Lebenserwartung zu Grunde zu legen. Und dann wird man älter und endet im materiellen Elend?

Das sind Fragen eines teilweise modernen Menschen, mit einem Hauch von Luxusproblem, ich weiß. Die biblische Lebenserwartung war eine andere, 70-80 Jahre (Psalm 90,10). Dass wir Menschen diese durch bessere Medizin selbst erhöht haben, schafft neue Probleme.

Viele Grüße

Thomas
2025-09-02 10:54:01
Hallo Klaus,

danke für deine sehr lebenspraktischen und auf das Diesseits bezogenen Erwägungen. Das kommt bei christlichen Gedanken über den Tod wohl oft zu kurz, auch bei mir.

Was du im zweiten Absatz beschreibst, empfinde ich genauso. Auch den dritten Absatz kann ich gut nachvollziehen. Bezüglich Testament und Verwandtenbesuche bist du schon weiter als ich.

Das mit der Bucket List finde ich verständlich, aber auch, dass sie wahrscheinlich kein Ende finden wird. Wenn ich in die Bücher "100 Orte, die Sie gesehen haben sollten" usw. schaue, denke ich jedes Mal: Das klingt alles schön, aber das Bild ist verlockender als die Wirklichkeit. Natürlich gibt es reizvolle Orte in der Welt, aber wir haben keine Chance, sie alle aufzusuchen - vom damit verbundenen CO2-Ausstoß mal ganz zu schweigen. Ich sage mir dann immer: Es gibt allein in Deutschland noch so viele Orte, die sehenswert sind und die ich noch nicht kenne, dass selbst diese alle zu besuchen eine Herausforderung ist und für mich in Aktivismus ausarten würde. Ich reise zwar gern und auch nicht wenig, aber es soll nicht mein Lebensziel werden. Wichtiger noch sind mir Kontakte und gute Gespräche, darum pflege ich bis heute meine Kindheits- und Jugendfreundschaften sowie auch spätere Freundschaften. Alles in allem werden wir nie all das schaffen, was wir noch gern erlebt hätten, weil die Liste, wie du sagst, immer länger wird und immer länger sein wird als die Zeit, die wir noch haben. Einer meiner Onkel, der über 90 wurde, sagte noch im hohen Alter mit Bezug auf den Tod: "Es ist immer zu früh." Das ist wohl nicht ganz falsch. Ich versuche aber, mich so gut es geht darauf einzustellen, dass ich irgendwann sagen kann: "Es ist jetzt gut."

Auch was du zur materiellen Versorgung im Alter schreibst, sind wichtige Fragen. Es ist gut, wenn man das bevorstehende Ende nicht verdrängt und sich diesen Fragen stellt. Andererseits spielen viele Unwägbarkeiten dabei eine Rolle, wie du ja auch schreibst. Man könnte noch hinzufügen, dass Krieg oder ein Zusammenbruch des Finanzsystems alle Planungen über den Haufen werfen können. Wir leben also auch bezüglich unserer materiellen Absicherung letztlich im Ungewissen. Das heißt nicht, dass man das Seine nicht tun sollte, aber man muss auch hier die Relativität all unserer Bemühungen sehen. Zuletzt sind wir dann doch in Gottes Hand und müssen ihn um ein gesegnetes Alter bitten. Das ist besonders für jene wichtig, die an eine materielle Absicherung aus Mangel an Masse gar nicht denken können.

Danke nochmal dafür, dass du diese wichtigen Fragen aufgeworfen hast. Es sind Fragen einerseits an die Lebenspraxis, andererseits auch an den Sozialstaat, also ganz diesseitige Fragen christlicher Existenz, aber auch christlicher Sozialethik. Leider hört man dazu von den Kirchen (und bis jetzt auch auf diesem Blog) wenig.

Viele Grüße
Klaus
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