Kumbh Mela – Das größte religiöse Fest der Welt
Schuld loswerden im Hinduismus und Christentum
Klaus Straßburg | 03/02/2025
In Indien läuft gerade das größte religiöse Fest der Welt. Vom 13. Januar bis zum 16. Februar findet in der nordindischen Stadt Prayagraj das Fest "Maha Kumbh Mela" statt, das "Große Fest des Kruges". Dort, wo die heiligen Flüsse Ganges und Yamuna sowie der unterirdisch fließende mythische Fluss Saraswati zusammenfließen, werden sage und schreibe 350 bis 400 Millionen Pilgerinnen und Pilger erwartet.
An der muslimischen Pilgerfahrt nach Mekka, der Hadsch, nehmen jedes Jahr gerade mal etwa zwei Millionen Gläubige teil. Man kann sich vorstellen, was für ein Gedränge sich zur Zeit in Prayagraj abspielt. Und so kamen am 29. Januar bei einer Massenpanik mindestens 30 Menschen ums Leben.
Für viele Hindus ist es ein Lebensziel, mindestenseinmal im Leben an einem Kumbh Mela teilzunehmen
Die Vorbereitungen für dieses Fest waren enorm. Seit mehr als zwei Jahren wurde für die Pilgerinnen und Pilger auf einer Fläche von 40 Quadratkilometern eine riesige Zeltstadt aufgebaut – mit Straßen, einem Brauch- und Abwassersystem, medizinischer Versorgung, Müllentsorgung und Sicherheitsdiensten, mit 68.000 Lichtmasten, 150.000 Toiletten und Gemeinschaftsküchen, die 50.000 Menschen zugleich verpflegen können.
Ein hinduistischer Mythos erzählt, dass einst Götter und Dämonen um den Nektar der Unsterblichkeit kämpften, der sich in einem Krug befand. Im Kampf um diesen Nektar fielen vier Tropfen auf die Erde, und zwar auf die Orte Prayagraj, Haridwar, Ujjain und Nashik. Alle drei Jahre findet an einem dieser vier heiligen Orte die Kumbh Mela statt, so dass jeder Ort nur alle 12 Jahre dran ist – und zwar dann, wenn die Gestirne Jupiter, Sonne und Mond in einer bestimmten Konstellation zueinander stehen.
Die Maha Kumbh Mela, also das "Große Fest", findet nur in Prayagraj statt. In diesem Jahr hat es eine besondere Bedeutung, weil die Gestirne in einer Weise ausgerichtet sind, die es nur alle 144 Jahre gibt.
Millionen Pilgerinnen und Pilger strömen nach Prayagraj, um mehrmals im heiligen Ganges unterzutauchen. Sie glauben, sich dadurch von ihren Sünden zu reinigen und spirituelle Erlösung zu erlangen. Dadurch sollen sie der Befreiung vom Kreislauf der Wiedergeburten näherkommen. Für viele Hindus ist es daher ein Lebensziel, mindestens einmal im Leben an einem Kumbh Mela teilzunehmen.
Neben den rituellen Waschungen gibt es auch Prozessionen von heiligen Asketen und Einsiedlern, philosophische und politische Diskussionen, Einweisungen in spirituelle Lehren, Aufnahme von Schülern in hinduistische Orden sowie traditionelle Musik und Tänze. Im Jahr 2017 wurde die Kumbh Mela von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.
Der Mensch muss nichts leisten, um von Gottangenommen zu werden
Das Pilgern hat auch eine große christliche Tradition. Anlass für eine christliche Pilgerfahrt konnte zum Beispiel eine auferlegte Bußleistung sein mit dem Ziel, Ablass von Sündenstrafen zu erlangen. Oder man wollte und will durch die Pilgerfahrt einem Gebet Nachdruck verleihen, Gott für etwas danken oder einfach seinen Glauben vertiefen. Doch auch viele Teilnehmer der Kreuzzüge verstanden sich als bewaffnete Pilger, die durch die gewaltsame Vertreibung der Muslime aus dem Heiligen Land einen Ablass zu erlangen suchten.
Die Reformatoren wandten sich dagegen, dass das Pilgern mit Bußleistungen verbunden wurde, um Ablass von Sündenstrafen zu erlangen. Der protestantische Glaube kennt auch keine an sich heiligen Orte oder Flüsse. Heilig ist nur Gott allein und das, worauf er seine Heiligkeit überträgt (Hos 11,9; Lev 22,32b; 1Mo/Gen 2,3). In diesem Sinne kann das Neue Testament auch die gläubigen Christinnen und Christen als Heilige bezeichnen: Sie sind nicht aus sich selbst heraus heilig, sondern sind von Gott mit seinem heiligen Geist beschenkt und dadurch geheiligt (1Thess 1,6; 5,23).
Ebenso wendet sich der protestantische Glaube gegen alles, was nach einer Selbsterlösung des Menschen durch seine eigenen Taten aussehen könnte. Der Mensch muss nicht pilgern, um sich selbst von Sünden zu reinigen oder Erlösung zu erlangen. Er muss überhaupt nichts leisten, um von Gott angenommen zu werden. Darin gründet die ungeheure Freiheit des christlichen Glaubens: Die Erlösung wird dem Menschen geschenkt, ohne dass er dafür etwas tun muss – weil er zu seiner Erlösung gar nichts beitragen kann (1Kor 12,3b; 2Kor 3,4-6 ;Eph 2,8-10).
Was nicht bedeutet, dass der von seiner Einbindung in die destruktiven Strukturen der Welt befreite Mensch so weiterlebt, als wäre nichts geschehen. Die Kausalität ist hier entscheidend: Nicht das Handeln des Menschen ist die Ursache dafür, dass er von Gott erlöst wird; sondern Gottes erlösendes Handeln, das sich in Jesus Christus vollzogen hat, ist die Ursache dafür, dass der Mensch seinen Lebenswandel ändert.
Nötig ist nur, die Erlösung an sich geschehen zu lassen
Der von Gott erlöste Mensch wird also, sofern er diese seine Befreiung annimmt, an Jesus Christus glauben – an den Gott Gleichen, der Gottes Liebe zu allen Menschen und sein Leiden unter ihnen gelebt und offenbart hat. Der befreite Mensch wird sodann seinen zerstörerischen Lebenswandel bereuen und von seinen lebensfeindlichen Wegen umkehren. Und er wird das Ziel anpeilen, das Gott für ihn bestimmt hat: ein unvergängliches, glückliches Leben an der Seite Gottes.
Zu dieser Erlösung sind keine Pilgerfahrten nötig. Nötig ist nur, die Erlösung an sich geschehen zu lassen.
Das ist der Unterschied zu aller falsch verstandenen menschlichen Religiosität – und zu einem falsch verstandenen Christentum. Denn auch der christliche Mensch ist vor Selbsterlösungsphantasien nicht gefeit (Gal 5,1f.6).
Der religiöse Mensch macht sich Arbeit mit der Befreiung von seinen Sünden. Der christliche Gott aber sagt zum Menschen (Jes 43,24b.25):
Du hast mir Arbeit gemacht mit deinen Sünden,du hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten.Ich, ich bin es, der deine Missetaten tilgt um meinetwillen,und deiner Sünden werde ich nie mehr gedenken.
Darum können auch das größte christliche Fest und jede christliche Pilgerfahrt nur dankbare Vergegenwärtigungen des erlösenden Handelns Gottes sein, das uns immer vorausgeht.
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Quellen:
- https://de.wikipedia.org/wiki/Pilger
- https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzzug
- https://www.tagesschau.de/ausland/asien/indien-kumbh-mela-fest-100.html
- https://www.religionen-entdecken.de/lexikon/k/kumbh-mela
- https://www.indienaktuell.de/tourismus/kumbh-mela-das-groesste-spirituelle-fest-der-welt-713169
- https://www.indien-special-tours.de/indien-blog/indien-kumbh-mela-reise
Foto: Rajesh Balouria auf Pixabay.

danke für diese vergleichende Darstellung. Aufnahmen von dem Kumbh Mela hatte ich auch schon gesehen und erfahren, dass das Baden im Ganges und den Nebenflüssen zu diesem speziellen Zeitpunkt von Sünden befreien soll.
Ich definiere mich nicht in dem Maße über meine Sünden, als dass mir solche Rituale viel bedeuten könnten, in welcher Religion auch immer. Schon als Konfirmand fand ich die rituelle Selbstbezichtigung im Beichtgebet ("Ich armer, sündiger Mensch..."), das wir auswendig lernen mussten, befremdlich. Dass dann gleich anschließend mit der Lossprechungsformel alles wieder vom Tisch sein sollte, machte es nicht besser.
In der heutigen Tageslosung ist auch die sündige Veranlagung des Menschen ein Thema: "das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf" (1. Mose 8,21). Ich frage mich inzwischen, warum es diese Veranlagung gibt, ebenso wie eine zum Guten übrigens, und wozu es sie gibt. Offensichtlich hat sie sich evolutionär durchgesetzt, und der Mensch wäre nicht Mensch ohne sie.
Viele Grüße
Thomas
mir geht es ähnlich wie dir, was Rituale angeht. Deshalb sprechen mich auch das Beichtgebet und die Lossprechung im Gottesdienst nicht besonders an. Anderen Christen geht es aber diesbezüglich anders.
Es ist sicher nicht erstrebenswert, sich maßgeblich über seine Sünden zu definieren. Wenn schon, dann über die Vergebung aller Schuld. Denn dass wir als Menschen schuldig werden an anderen Menschen, ist, denke ich, für die meisten eine Grunderfahrung. Man kann diese Erfahrung natürlich verdrängen und sich für seine eigenen Verfehlungen unempfindlich machen. Und das geschieht wohl auch in großem Ausmaß - bei uns allen. Jesu Gleichnis vom Splitter und Balken spricht ja Bände. Von daher könnte ich für mich sagen: Ich verstehe mich als trotz aller Verfehlungen von Gott Geliebten, was die Schuldvergebung impliziert.
Du versuchst, der Veranlagung zum Guten und Schlechten empirisch auf den Grund zu gehen, über die Evolutionstheorie. Das kann man machen, und man wird dann wahrscheinlich etliche Überlegungen darüber finden, was das "Gute" und "Schlechte" uns jeweils nützt (Zusammenarbeit ist erfolgreicher als Einzelkämpfertum, den Gegner ausschalten verschafft ein erleichterndes Gefühl und sichert das eigene Überleben etc.). Jesu Ethik nimmt aber offensichtlich eine andere Perspektive ein und stellt die Frage, was dem Anderen jeweils nützt.
Das geht dann so weit, dass das, was dem Anderen nützt, zu meiner eigenen "Glückseligkeit" beiträgt (siehe z.B. die Seligpreisungen) - auch dann, wenn ich, vordergründig betrachtet, den Kürzeren ziehe. Ich finde, in einer Welt, in der der Eigennutzen sehr stark im Vordergrund steht, ist das als Ergänzung der empirischen Fragestellung (deren Antworten dadurch ja nicht falsch werden, aber eine andere Ebene betreffen) erwägenswert.
Viele Grüße
Klaus
um beim Thema zu bleiben: auch bei Jesus spielt das Thema Schuld und Vergebung eine große Rolle. Ich denke z. B. an die Episode, wo man ihm den Gelähmten durch das Dach herunterlässt. Jesus vergibt ihm seine Sünden. Ich vermute, dass das keineswegs das Hauptanliegen des Gelähmten war. Sein Glück ist aber, dass sich die Schriftgelehrten empören, weil Jesus damit ihrer Meinung nach Gott gelästert hat. Jesus heilt dann den Gelähmten als Demonstration seiner Macht und um es den Schriftgelehrten zu zeigen, die er sich damit aber nicht zu Freunden macht.
Auch im zentralen Gebet der Christen, dem Vaterunser, hat die Bitte nach Vergebung der Schuld ihren Platz, anders als die gute Tat für den Nächsten, die nur indirekt vorkommt ("wie auch wir vergeben unseren Schuldigern"), und auch die bezogen auf Schuld und Vergebung.
Das Wissen um die eigene Schuld halte ich auch durchaus für wichtig, um nicht in Selbstgerechtigkeit zu verfallen. Es ist nur die Frage, wie man glaubwürdig und sinnstiftend damit umgeht.
Viele Grüße
Thomas
danke für deine Ergänzungen zum Thema Schuld und Vergebung. Mir fällt dazu ein: Glaubwürdig mit dem Wissen um die eigene Schuld umzugehen, könnte auch bedeuten, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, sondern auch mit Humor zu betrachen. Und sinnstiftend könnte es sein, nicht resigniert oder leutselig bei seiner Schuld zu verharren, sondern sich fehlerfreunlich und betend darum zu bemühen, den Schuldhaufen nicht unnötig anwachsen zu lassen. 😊
Viele Grüße
Klaus