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Kirchenkritik und Pressestreit - Kierkegaard gegen alle

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Veröffentlicht von in Theologie zum Weiterdenken · 14 Dezember 2022
Tags: KircheMachtGerichtEntscheidungenEwigkeit

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Kirchenkritik und Pressestreit – Kierkegaard gegen alle
Zum Denken Sören Kierkegaards (Teil 3)
Klaus Straßburg | 14/12/2022

Ganz Europa scheint einem totalen Bankrott entgegenzugehen.

Die gegenwärtige Zeit ist die Zeit der Verzweiflung. [1]

Diese Analyse ist nicht aus unserer Zeit, obgleich sie wohl in unsere Zeit passen würde. Es war die Gegenwartsanalyse des dänischen Theologen und Philosophen Sören Kierkegaard (1813-1855). Er sah sich selbst als einen Menschen, der unter seinem scharfen und weiten Blick verzweifeln musste:

Es gibt einen Vogel, der Regenprophet heißt, und so bin ich; wenn in der Generation ein Ungewitter anfängt, sich zusammenzuziehen, so zeigen sich solche Individuen, wie ich eines bin. [2]

Verzweiflung wurde zu Kierkegaards Lebensthema. Er fühlte sich also nicht als jemand, der allein den Durchblick hatte und den anderen überlegen war, sondern eher als ein unsäglich unter den Zuständen Leidender, der nicht anders konnte, als seine Einsichten den anderen entgegenzuschreien.

Er nahm dabei kein Blatt vor den Mund und eckte deshalb oft an. Besonders mit den Zeitungen Kopenhagens und mit der dänischen Volkskirche verdarb er es sich gehörig.


1. Der Mensch als Einzelner vor Gott

Kierkegaard sah sich mit seinem scharfen Blick gegenüber der Masse der Menschen als ein Fremder, Vereinzelter. Und er bestand darauf: Jeder einzelne Mensch wird einmal vor Gott treten und vor ihm Rechenschaft ablegen müssen. Niemand kann sich dann in der Masse verstecken. Niemand kann auf den anderen zeigen, der ihn zum Bösen verführt habe. Wer hier inmitten einer schreienden Menschenmenge mitschreit und dabei gar nicht auffällt, der wird dort als Einzelner vor Gott für jedes seiner Worte einstehen müssen:

Draußen lärmt die Menge, einer lärmt, indem er an der Spitze der Menge steht, die meisten, indem sie mit in der Menge sind; aber der Allwissende, obwohl er doch wohl trotz allem die Übersicht behalten kann, will nicht die Menge, er will den Einzelnen, nur mit dem Einzelnen will er sich einlassen, gleichgültig, ob dieser Einzelne der Hohe oder der Geringe ist, der Ausgezeichnete oder der Elende. Für sich selbst, also als Einzelner, soll jeder vor Gott treten. [3]

Wenn es auch eine ungeheure Last und Verantwortung bedeutet, solch ein Einzelner zu sein, so lebt die Gemeinschaft doch gerade von solchen Einzelnen. Denn sie richten ihr Gewissen danach aus, ob sie ihre Worte und Taten vor Gott verantworten können, und geben sich nicht bedenkenlos den Verführungen der Mächtigen oder den daraus entstehenden Massenstimmungen hin.

Kierkegaard war kein Verächter der Menschen, die gern in einer Masse lebten. Er wollte sie vielmehr aus ihrer Gefangenschaft befreien, in der sie nur Zuschauer und Masse sind, so dass sie zu eigenständigen Menschen werden, die zum Wahren und Guten finden:

Das ist mein Glaube: so viel Verwirrtes und Böses und Widerwärtiges an den Menschen sein mag, sobald sie, der Verantwortung und Reue ledig, 'Publikum', 'Menge' und dgl. werden: ebensoviel Wahres und Gutes und Liebenswertes ist an ihnen, wo man sie einzeln zu fassen bekommt. O, und in welchem Maße würden die Menschen [...] – Menschen werden und liebenswert, wenn sie Einzelne würden vor Gott! [4]

Vor diesem Hintergrund kritisierte Kierkegaard dann auch scharf das Bild, das die dänische Volkskirche seiner Zeit abgab.


2. Die Volkskirche: Massen ohne Leidenschaft

Denn die Volkskirche verlangte keine Glaubensentscheidung von ihren Mitgliedern. Diese waren vielmehr Mitglieder der Kirche aufgrund ihres Taufscheins. So konnten sie sich zur Masse der Christinnen und Christen gehörig fühlen, ohne jemals das Wagnis des Glaubens eingegangen zu sein.

Der Glaube ist aber nach Kierkegaard nicht das Selbstverständliche, das einem der menschliche Verstand naturgemäß nahelegt. Er ist im Gegenteil das Ungewöhnliche, weil er auf das Paradox gründet, dass das Ewige zeitlich geworden ist. Dass der ewige Gott in den zeitlichen Menschen Jesus Christus eingegangen ist, ist keine Einsicht, die jemand auf dem "normalen" Weg seines Menschenlebens erlangt. Um in diesem Glauben zu leben, muss man vielmehr einen "Sprung" tun, der sich nicht durch den menschlichen Verstand nahelegt. Darum konnte Kierkegaard formulieren:

Glauben bedeutet den Verstand verlieren, um Gott zu gewinnen. [5]

Damit ist nicht gemeint, dass der Glaube ohne Verstand ist. Aber es ist gemeint, dass der Verstand den Menschen nicht direkt zum Glauben führt. Der Verstand ebnet einem Menschen nicht den Weg zum Glauben; aber der glaubende Mensch nutzt seinen Verstand, um seinen Glauben und sich selbst zu verstehen.

Kierkegaard stellt fest, dass man Gott nicht "objektiv", also für jeden nachvollziehbar nachweisen kann. Dass es einen Gott gibt, lässt sich nicht beweisen.Darum lebt der glaubende Mensch in einer objektiven Unwissenheit. Aber im Glauben kann ein Mensch gewiss werden, dass es einen Gott gibt. Dann lebt er in einer subjektiven Gewissheit, die sogar stärker sein kann als jedes "objektive" Wissen.

Weil es im christlichen Glauben um Leben und Tod geht, kann es eigentlich nur so sein, dass sich der einzelne Mensch leidenschaftlich um seine ewige Seligkeit bekümmert. In dieser Sache gibt es keinen distanzierten, innerlich unberührten Glauben. Hier gibt es nur ein Entweder – Oder. Man kann nicht ein bisschen Christ sein. Denn entweder ist Christus von den Toten auferstanden oder nicht. Hier muss vom Menschen eine Entscheidung gefällt werden, die sein ganzes Leben prägt. Ein Christentum, das sich der üblichen Gewohnheit der Masse anpasst, hat mit echtem christlichen Glauben nichts zu tun.

Mit anderen Worten: Im christlichen Glauben geht es um leidenschaftliche Ergriffenheit und persönliche Hingabe. Alles, was nur an der Oberfläche kratzt, was nur ein bisschen religiöses Gefühl oder geistvolles Reden ist, ist kein christlicher Glaube. Denn der christliche Glaube scheucht die Seele bis in ihre tiefsten Tiefen auf. Da kann es sein, dass man sich der existenziellen Verzweiflung des Menschseins stellen muss, die ihren tiefsten Grund hat in der Entfremdung von Gott, von den Mitgeschöpfen und von sich selbst.

Es geht also nicht um frommes Gefühl oder ständiges Reflektieren und Diskutieren, sondern um leidenschaftliches Berührtsein. Man wird Christ nicht durch Taufe, Konfirmation und Katechismuswissen, sondern durch eine bewusst vollzogene Wahl: Der glaubende Mensch wählt Jesus Christus als seinen Herrn.

Da schließt man sich nicht einfach an: weder einer frommen Gemeinschaft noch einem christlichen Brauchtum oder einer christlich geprägte Gesellschaft. Sondern diesen Schritt muss der Einzelne für sich selbst in voller Verantwortung tun. Christinnen und Christen sind kein konsumierendes Publikum, weder im Gottesdienst noch andernorts als Mitglieder der Kirche, sondern sie sind verantwortliche, wählende, sich entscheidende Einzelne.

Was Kierkegaard an der dänischen Volkskirche seiner Zeit kritisierte, kann man auch auf die deutschen Volkskirchen der Gegenwart beziehen. Denn auch hier wird man als Christ oder Christin behandelt, wenn man getauft ist. Nach dem tatsächlichen Glauben wird nicht gefragt. So entsteht der Eindruck, dass alle, die getauft sind, Christen sind. Manche fühlen sich auch als Christen; andere sind zwar getauft und vielleicht sogar Mitglied einer Kirche, bezeichnen sich selbst aber gar nicht als Christen.

Die Volkskirchen vermitteln ihren Mitgliedern in der Regel nicht, dass zum Christsein eine Glaubensentscheidung gehört, dass es also sozusagen ein Entweder – Oder gibt. Es wird den Kirchenmitgliedern nicht nahegelegt, den christlichen Glauben als eine Herausforderung zu verstehen, der sich jeder einzelne Mensch stellen muss. Es wird nicht deutlich gemacht, dass diejenigen, die zur Masse der Kirchenmitglieder gehören, durch diese formale Zugehörigkeit noch keine Christen sind.

Noch weniger machen die Volkskirchen klar, dass der christliche Glaube immer auch mit einer Infragestellung der eigenen Person und des ganzen menschlichen Daseins einhergeht – eine Infragestellung, die durchaus die Form der Verzweiflung annehmen kann, wie es bei Kierkegaard der Fall war.

So hat uns Kierkegaard auch für unsere gegenwärtige kirchliche Praxis Einiges zu sagen. Aber seine Aktualität geht über den kirchlichen Bereich hinaus. Denn Kierkegaard hat auch die Presse, das wichtigste Medium seiner Zeit, aufs Schärfste kritisiert.


3. Eine Presse, die ihre Macht missbraucht

Kierkegaard legte sich mit einer bedeutenden Satire-Zeitschrift an. Ihm missfiel, dass dieses Blatt sich durch seine Beiträge und Karikaturen über Menschen lustig machte und sie dem allgemeinen Gespött preisgab. Kierkegaard fand das menschenverachtend. Und er fand, dass alle, die die Zeitschrift lasen, an dieser Menschenverachtung teilhatten.

Als Kierkegaard sich mit dieser Zeitschrift anlegte, spielte diese ihre ganze Macht aus. Kierkegaard wurde mit Artikeln und Karikaturen verunglimpft – und wurde zur Witzfigur in Kopenhagen. Kinder riefen ihm nach, Erwachsene schauten ihn verächtlich an, sogar beim Besuch des Gottesdienstes. Es kam so weit, dass Kierkegaard eine ganze Weile seine geliebten Spaziergänge in Kopenhagen unterbrechen musste.

Wie bitter das für Kierkegaard war, zeigen seine Tagebucheinträge:

Die Presse ist es eigentlich, die alle Persönlichkeit zunichte macht; weil ein feiger Lump verborgen dasitzen und für Tausende drucken und schreiben kann. Alles persönliche Auftreten und alle persönliche Macht muß daran scheitern. [6]

Was tut nun die Zeitungspresse? Alles, was sie mitteilt (der Gegenstand ist gleichgültig, Politik, Kritik usw.), teilt sie derart mit, als sei es immer die Menge, die Mehrzahl usw., die Bescheid wüsste. Schau, deshalb ist die Zeitungspresse die gefährlichste Gedankenverdrehung, die je aufgekommen ist. Man klagt darüber, dass zuweilen ein einzelner unwahrer Artikel in einem Blatt steht – ach, was für eine Nebensächlichkeit; nein, die ganze wesentliche Form dieser Mitteilung ist ein Betrug. [7]

Kierkegaard musste am eigenen Leib erfahren, wie die Presse einem Menschen seine Würde rauben kann. Keiner hatte eine Chance, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Die Macht der Zeitungen war einfach zu groß. Bei alledem war es damals auch noch üblich, dass die Journalisten anonym schrieben, so dass man seinen Gegner nicht kannte.

Kierkegaard kritisierte die Macht der Presse, die so tut, als verbreite sie die Mehrheitsmeinung, die sich ja nicht irren könne. Er kritisierte zugleich die Leserinnen und Leser, die sich dieser angeblichen Mehrheitsmeinung anschlossen. Hier wird der einzelne Mensch zum "Publikum". Er gehört zur Masse der Zuschauer, die sich nicht entscheiden und eine eigene Meinung vertreten, sondern das, was man ihnen vorsetzt, nur fraglos übernehmen. Diese Verführung durch die Presse, diese "Gedankenverdrehung", hält Kierkegaard für gefährlich.

Die Presse zur Zeit Kierkegaards lässt sich nicht einfach mit der heutigen Medienlandschaft vergleichen. Gleichwohl ist die Macht der Medien auch heute groß – wohl noch größer als zu Kierkegaards Zeiten. Die Medien können auch heute das Leben von Menschen zerstören. Sie können Falschmeldungen verbreiten und Massen verführen. Sie können eine höchst einseitige Sicht der Wirklichkeit darstellen. Das kann zum Beispiel im politischen Bereich schlimme Konsequenzen nach sich ziehen. Denn durch einseitige Wahrnehmungen werden Menschen dazu verleitet, einseitige und damit falsche Entscheidungen zu treffen. Die Verantwortung von Journalistinnen und Journalisten ist enorm groß und wird leider auch heute nicht immer angemessen wahrgenommen.

Für die Demokratie ist es gefährlich, wenn Menschen durch Fake News verführt und durch einseitige oder falsche Informationen in ihrer Meinungsbildung beeinflusst werden. Denn die Demokratie lebt von engagierten und informierten Menschen. Die Medien spielen für das Informationsbedürfnis der Menschen eine entscheidende Rolle. Wenn sie aber statt Information Einseitigkeiten oder Halbwahrheiten verbreiten, schaden sie der Demokratie. Jeder Machtmissbrauch der Medien ist daher eine Gefahr nicht nur für einzelne Menschen, sondern für die ganze Gesellschaft und den Staat.


4. Kritik an Kierkegaards Denken

Kierkegaards Denken bestand nicht aus Theorien, die er sich am Schreibtisch ausgedacht hatte. Es war vielmehr von seiner psychischen Konstitution und seinen Lebenserfahrungen geprägt. Es war ein Denken, das aus der Existenz eines Einzelnen heraus geboren wurde.

Diese Subjektivität macht Kierkegaards Denken angreifbar. Einerseits ist es nicht falsch, dass nur die Subjektivität Wahrheit hervorbringt, nur der einzelne mit Gottes Geist begabte Mensch also der Wahrheit Gottes gewahr werden kann. Andererseits darf man die Subjektivität nicht zum Grund der Wahrheit machen. Der glaubende Mensch bedarf der Anleitung und Korrektur durch die anderen Glaubenden. Die Wahrheit drückt sich in der Gemeinschaft der Glaubenden aus. Letztlich aber gründet sie immer in Gott, nicht im Menschen.

In diesem Sinne hat evangelische Theologe Karl Barth Kierkegaard kritisiert, obwohl er sich auch oft auf ihn bezogen hat [8]. Barth hat bemängelt, dass Kierkegaard in seiner Formulierung des christlichen Glaubens doch sehr um sich selber kreise. Er hat sich mit seiner seelischen Konstitution und seinen Erfahrungen doch wohl zu ernst genommen. Kein Mensch sollte seinen Glauben allein auf sich selber bauen, auch nicht auf die innigsten Gefühle und ergreifendsten Erfahrungen. Denn Grund des Glaubens ist Gott selbst.

Damit hängt zusammen, dass Christinnen und Christen in die Gemeinde gehören. Sie sind keine Einzelnen, die sich erst nachträglich für eine Gemeindezugehörigkeit entscheiden. Barth meint, der einzelne Mensch werde immer von Gott in die Gemeinde gerufen, die der Leib Christi ist (Eph 1,22f). Als Teil dieses Leibes soll der Einzelne Christus dienen [9].

In Kierkegaards Denken hingegen steht der einzelne Mensch im Mittelpunkt. Kierkegaard erlebte sich ja selbst als einsamer Wanderer in der dänischen Gesellschaft. Von seinem Standpunkt außerhalb jeder Gemeinde konnte er die dänische Volkskirche vehement kritisieren. Wahrscheinlich hätte er mit seiner harten Kritik auch in keiner Gemeinde Fuß fassen können.

Insofern kann es geradezu notwendig sein, dass es Menschen gibt, die keinen Platz in den traditionellen Kirchen finden, weil sie gerade diese Kirchen von Grund auf in Frage stellen. Mit Martin Luther war es nicht anders. Dennoch ist es ratsam, dass auch diese Einzelnen sich durch Freunde in Frage stellen und korrigieren lassen, um nicht in eine Einseitigkeit zu verfallen, die der Wahrheit Gottes auch wieder nicht gerecht wird.

Ich möchte außerdem betonen, dass für den christlichen Glauben Schwermut und Verzweiflung nicht charakteristisch sind. Charakteristisch für den christlichen Glauben sind vielmehr Freude und Hoffnung. Kierkegaard selbst hat das auch so gesehen. Schwermut und Verzweiflung können, sie müssen aber nicht ein Durchgangsstadium zum christlichen Glauben sein. Sie können einen Menschen zum Glauben hinführen, wie es bei Kierkegaard der Fall war.

In diesem Sinne war Kierkegaards Schwermut für ihn ein Glück. Er hat es selbst so beschrieben:

Es ist doch ein Glück für mich, dass ich so schwermütig war. [5]


5. Kierkegaards Freude und Hoffnung am Lebensende

Kierkegaards Leben war wohl ein Kampf: mit seiner Schwermut, mit seiner Kirche und mit der Kopenhagener Presse. Befreit wurde er von diesem Kampf erst durch seinen frühen Tod mit 42 Jahren im Jahre 1855. Folgendes wird von seinem Sterben erzählt:

Kierkegaards Neffe Troels Lund berichtet von seinem letzten Besuch bei Kierkegaard am Sterbebett, dass der Sterbende ihm zugeflüstert habe: "Ich danke Dir Troels, dass Du zu mir kamst, lebe wohl!" Und diese Worte [...] wurden von einem Blick begleitet, "desgleichen ich später nie gesehen habe. Kierkegaard strahlte mit einem erhabenen, verklärten, seligen Glanz, so dass er mir schien, das ganze Zimmer zu erleuchten. Alles war in dem Lichtquell dieser Augen gesammelt: innige Liebe, selige, aufgelöste Wehmut, durchschauende Klarheit und ein scherzendes Lächeln. Mir war's als eine himmlische Offenbarung, ein Herausströmen von der einen Seele zu der anderen, ein Segen, der neuen Mut, neue Kraft und Verpflichtung mir einflößte. [10]

Dieser Bericht spiegelt das subjektive Erleben von Kierkegaards Neffen. Er zeigt aber, dass der Tod für Kierkegaard offensichtlich keinen Schrecken hatte. Im Gegenteil, er schien ihm wie eine Erlösung zu sein: Endlich hatte die Schwermut ein Ende. Endlich fand seine Seele Ruhe. Der in diesem Frieden Sterbende gab dem Besucher Kraft und Lebensmut. So kann auch ein schweres Leben, wenn Gott ihm ein Ende setzt, das Ziel der Freude und Glückseligkeit erreichen.

Dass Kierkegaard trotz aller Schwermut die Hoffnung auf ein solches Ziel nicht verloren hat, zeigen auch die Verse, die er für seinen eigenen Grabstein bestimmt hat. Sie stammen aus einem Lied des dänischen Bischofs Hans Adolph Brorson:

Noch eine kleine Zeit, dann ist's gewonnen,
dann ist der ganze Streit ins Nichts zerronnen:
Im Rosensaal darf ich ohn' Unterbrechen
auf ewig, ewiglich mit Jesus sprechen. [11]

Der Streit und Kampf dieses Lebens, der uns so oft zusetzt und uns in seinen Bann zieht, ist eigentlich ein Nichts – das wird am Ende offenbar werden, wenn "der ganze Streit ins Nichts zerronnen" ist.

Und all die unbeantworteten Fragen, all das Unverstandene, all das unbegreifliche Leid unseres Lebens wird dann offenbar werden als etwas, was nicht ein blindes Schicksal über uns verfügt hat. Es wird vielmehr als etwas erscheinen, was von Gott her zu uns kommt: Was uns trifft, wurde zuvor von Jesus, von Gott selbst mit seinen Händen gewogen – und als nicht zu schwer für uns befunden. Und im Gespräch mit Jesus werden alle Fragen, die geblieben sind, beantwortet werden.

Das sind nur Bilder für das, was die Glaubenden nach ihrem Tod erwartet. Wir können ja nicht anders als in Bildern darüber reden. Aber diese Bilder drücken die Realität aus, die auf uns zukommt. Darum sind sie viel mehr als nur Bilder.

Ich finde es tröstlich, dass ein geplagter Mensch wie Sören Kierkegaard am Ende seines Lebens ein seliges Sterben erleben durfte und dass er mit Zuversicht und Vorfreude dem ewigen Leben entgegensehen konnte. Das mag uns eine Hoffnung sein für unser eigenes Sterben: Was wir vorher so oft fürchten, mag dann ein Segen für uns sein.




* * * * *


Quellennachweise:
  • Barth, Karl: Die Kirchliche Dogmatik. Band IV,1. Theologischer Verlag Zürich, 5. Aufl. 1986. [8] S. 828; [9] S. 769.
  • Jostein Gaarder: Sofies Welt. Roman über die Geschichte der Philosophie. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Carl Hanser Verlag, München / Wien 1993. S. 438-453.
  • Christian Möller: Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Einführung in Denken und Glauben Sören Aaby Kierkegaards (1813-1855) oder: Wie Brüche im Leben zu Umbrüchen im Denken werden. Pfälzisches Pfarrerblatt (http://pfarrerblatt.de/prof-dr-christian-moeller/das-leben-wird-vorwaerts-gelebt-und-rueckwaerts-verstanden/). Alle Quellenangaben nach der dort verfügbaren PDF-Datei. [3] S. 8, dort ohne weiteren Quellennachweis; [4] S. 8, dort zitiert nach Haecker: Tagebücher, S. 9; [6] S. 8, dort zitiert nach "Tagebücher II, S. 58"; [7] S. 8, dort zitiert nach "Tagebücher II, S. 137"; [10] S. 11, dort zitiert nach Eduard Geismar: Sören Kierkegaard. Seine Lebensentwicklung und seine Wirksamkeit als Schriftsteller, Göttingen 1929, S. 634; [11] S. 10 und außerdem Helmut Thielicke: Ich glaube. Das Bekenntnis der Christen. Quell-Verlag, Stuttgart 1965, S. 187.
  • Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe. 34 große Philosophen in Alltag und Denken. © Nymphenburger Verlagsbuchhandlung, München 1966. Ausgabe des Deutschen Taschenbuch Verlags, München 1975. [1] Beide Zitate S. 235, orthographisch angepasst an die Neue Deutsche Rechtschreibung; bei Weischedel keine weiteren Quellennachweise; [2] S. 235f; [5] S. 237.

Foto: Gerd Altmann auf Pixabay.





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