Kein autoritärer Gott!
Zur besonderen Art göttlicher Autorität
Klaus Straßburg | 08/05/2025
Gott und Jesus werden in der Bibel oft "Herr" genannt. Das ist eine Hoheitsbezeichnung: Es gibt "Herren" und es gibt "Knechte" – jedenfalls waren das in früheren Jahrhunderten gängige Begriffe.
Es gab eine feste Ständeordnung von "Herren" und "Knechten", von reichen Machthabern und Gutsbesitzern auf der einen Seite und armen, von ihnen abhängigen Bauern und Arbeitern auf der anderen Seite. Mit der Abhängigkeit war immer Unfreiheit verbunden.
Die Ständeordnung ist bei uns zwar abgeschafft, aber Abhängigkeitsverhältnisse gibt es immer noch. Wo diese zutage treten, werden sie meistens scharf kritisiert. Es wird als böse Übeltat angesehen, eine Machtposition auszunutzen und andere von sich abhängig zu machen. Denn persönliche Freiheit gilt uns als eins der höchsten Güter.
Die Christenheit bestand darauf: Der wahre kyrios ist keinerder römischen Machthaber, sondern der am Kreuz gestorbeneund von den Toten auferweckte Jesus
Wenn Gott als Herr und Menschen als seine Knechte bezeichnet werden, kann das eigentlich nur Widerspruch hervorrufen. Oder man verwirft gleich das Christentum als Ganzes, weil es eine längst überholte autoritäre Ordnungen fortschreibe und damit Unfreiheit und Unterdrückung den Weg ebne.
Die Kirchen sind an dieser Kritik nicht unschuldig. Denn sie haben immer wieder Gott als eine Autorität verkündigt, der man sich unterzuordnen und deren Geboten man bei Strafandrohung zu gehorchen habe. Und sie haben ihre eigene Macht darauf gestützt. Wer Gott den Gehorsam verweigerte, musste mit Sanktionen der Kirche rechnen oder gar ewige Höllenqualen fürchten. So wurde Gott in Analogie zu menschlichen Herrschern verstanden, die von ihren Untertanen bedingungslosen Gehorsam fordern.
Es lohnt jedoch, einmal genauer hinzuschauen, ob solch ein Gottesbild dem biblischen Gottesverständnis gerecht wird. Was ist eigentlich im Christentum mit dem Begriff "Herr" gemeint?
Im hebräisch verfassten Alten Testament wird Gott oft mit dem Gottesnamen JHWH, gesprochen Jachwe, benannt. Die zur Zeit Jesu gebräuchliche griechische Übersetzung des Alten Testaments hat dafür das griechische Wort kyrios, also "Herr", eingesetzt. Dem hat sich Martin Luther angeschlossen, so dass an all diesen Stellen in der Lutherbibel "HERR" steht. Im griechischen Text des Neuen Testaments wird auch Jesus als Herr (kyrios) bezeichnet.
Indem man Jesus den Titel kyrios beilegte, übertrug man die Gottesbezeichnung des Alten Testaments auf ihn. Zugleich war diese Bezeichnung eine Kritik an den römischen Kaisern, die sich ebenfalls kyrios nannten und als Götter verehrt wurden. Die Christenheit bestand darauf: Der wahre kyrios ist keiner der römischen Machthaber, sondern der am Kreuz gestorbene und von den Toten auferweckte Jesus.
Dieser Herr ist von allen weltlichen Herren deutlich unterschieden: Er herrscht nicht durch Zwangsgewalt und Unterdrückung, sondern durch seine unüberwindliche Liebe, in der er sogar sein Leben opfert – nicht nur für seine Freunde (Joh 15,13), sondern auch für diejenigen, die ihn verfolgen (Lk 23,34). Gerade durch seine Liebe, die nicht Gleiches mit Gleichem vergilt, beherrscht er das Böse und lässt nicht zu, dass es sich fortsetzt.
Gott hat Autorität, aber er ist nicht autoritär
Die Art weltlicher Herren, die durch Unterdrückung und Gewalt herrschen, lehnte Jesus ausdrücklich ab. Bei ihm und seinen Anhängern soll es diese Art des Herrschens nicht geben. Unter ihnen wird der Gang der Dinge dadurch bestimmt, dass einer dem anderen dient – bis zum Extremfall, für sie sein Leben hinzugeben (Mk 10,42-45). Ein Dienst war es auch, als Jesus seinen Jüngern die Füße wusch (Joh 13,1-17).
Der liebende und dienende Mensch zahlt also im Extremfall einen hohen Preis. Jesus selbst hat diesen Preis gezahlt. Er ist bewusst den Weg der Erniedrigung gegangen, ja den Weg in den Tod. Gerade darin bestand seine Größe (Phil 2,8f).
Man kann fragen, was sein Tod gebracht hat; ob es nicht besser gewesen wäre, er hätte länger gelebt und unter den Menschen gewirkt. Christen glauben schließlich an einen allmächtigen Gott, nicht an einen machtlosen.
Doch was ist mit Allmacht gemeint? Allmacht bedeutet, dass jemand keine andere Macht neben sich duldet; dass nur er allein bestimmt, was geschieht und was nicht geschieht. Dies kann mit göttlicher Allmacht nicht gemeint sein. Denn Gott will freie Menschen, die in Freiheit entscheiden, was sie tun und was sie lassen (Gal 5,1).
Also muss die Allmacht Gottes eine andere Bedeutung haben. Eine Facette dieser Allmacht besteht darin, dass er auf die beschriebene liebevolle und dienende Weise in der Welt wirkt.
Die Autorität Gottes ist also nicht von der Art, uns zu unterdrücken und Zwang auszuüben. Es ist vielmehr eine Art von Autorität, in der er sich uns zuwendet, mit uns und für uns leidet und uns von daher zu einem veränderten Lebenswandel ruft. Es ist eine Autorität der Liebe. Gott hat Autorität, aber er ist nicht autoritär.
Denn Gott will sich nicht mit Gewalt durchsetzen. Er wirbt um unsere Zustimmung und bittet um sie (2Kor 5,20). Wenn wir ihm nicht folgen, lässt er unseren Unwillen zu. Dann müssen wir allerdings die Konsequenzen unseres Handelns tragen. Gott bewahrt uns nicht vor allem Unheil, das wir selbst anrichten.
Doch er leidet mit uns, wenn wir durch eigenes Versagen leiden (z.B.Jer 9,9; 14,17f). Und ebenso nimmt er Anteil am Leid, das wir anderen zufügen. Darum mahnt und ermutigt er uns, lebensförderliche Wege einzuschlagen. Und es kann geschehen, dass er uns schmerzliche Erfahrungen machen lässt, um uns auf Wege zu leiten, die unserem Leben und dem unserer Mitmenschen dienen.
Das ist die zweite Facette der Allmacht Gottes: Er bewahrt uns nicht vor allem Unheil, sondern lässt manches geschehen, um uns zum Umdenken und zu einem anderen Handeln zu bewegen. Damit ist aber nicht gesagt, dass alles Unheil, das uns trifft, diesem Zweck dient.
Wenn wir uns Jesus angleichen lassen, werden wir ausinnerstem Antrieb heraus das tun, was dem Leben dient
Oft wurde und wird davon gesprochen, dass Gott die Menschen bestraft, wenn sie ihm nicht gehorsam sind. Das klingt nach einem autoritären Gebieter, der alle, die sich ihm verweigern, durch Strafen gefügig machen will.
Tatsächlich gibt es biblische Geschichten, die ein solches Gottesverständnis nahezulegen scheinen. Da sind zum Beispiel die Plagen, die Gott gegen die Ägypter verhängt, weil der Pharao das Volk Israel nicht aus der Sklaverei entlassen will (2Mo/Ex 7,14-12,51). Aber auch diese Plagen sind keine Strafen, durch die das Unrecht des Pharaos gesühnt werden soll. Sie dienen vielmehr dazu, den Pharao zur Einsicht zu bewegen. Es sind also keine Strafen eines strengen Gesetzgebers, der sich Autorität verschaffen will, sondern es sind Zurechtweisungen eines sein Volk Israel Liebenden, die dazu beitragen sollen, das Leid dieses Volkes zu beenden und den Übeltäter zum Einlenken zu bewegen.
Eine dritte Facette der Allmacht Gottes besteht also darin, dass er die Weltgeschichte in Richtungen lenkt, die zum Guten führen.
Die Frage ist nur: Wollen wir uns von der guten Macht Gottes auf lebensfreundliche Wege leiten lassen? Wir müssen es nicht! Wir können selbst über unsere Lebensweise entscheiden.
Gott will allerdings unsere Gesinnung verändern und unserem Wollen und Wirken eine neue Richtung geben, die uns und anderen gut tut (Phil 2,13). Er will unser Herz erneuern, damit es sich dem Guten zuwendet (Hes/Ez 36,26). Ob wir uns darauf einlassen, ist unsere freie Entscheidung. Wenn wir uns Jesus angleichen lassen (Röm 8,29), werden wir aus innerstem Antrieb heraus das tun, was dem Leben dient – unserem eigenen und dem unserer Mitmenschen.
Im christlichen Glauben werden wir zu nichts gezwungen. Wir müssen nichts, sondern können alles aus freier Entscheidung tun. Wir müssen unser Leben nicht gewaltsam verändern oder ständig nach Geboten und Verboten fragen. Wenn wir aber Gott in uns wirken lassen und nach Gottes Willen fragen, verändern wir uns von innen heraus ‒ intrinsisch motiviert, wie man heute sagt. Denn Gott selbst verändert unser Innerstes so, dass es dem Leben dient.
Die Frage ist immer wieder nur, ob wir das wollen; ob wir unser eigener Herr sein wollen oder dem Herrn dienen, der für uns durchs Feuer gegangen ist ‒ in den Tod am Kreuz. Knecht dieses Herrn zu sein ist keine Erniedrigung, sondern eine Befreiung und eine Ehre. Eine Unterwerfung ist damit nicht verbunden ‒ es sei denn, man hält es für unterwürfig, sich auf einen lebensbejahenden und lebensförderlichen Weg zu begeben.
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Foto: Roger Casco auf Pixabay.

in einer Gedenkfeier zum heutigen 80. Jahrestag des Kriegsendes haben wir eine musikalische Interpretation zu Marc Chagalls Gemälde "Die Opferung Isaaks" gespielt. Die biblische Geschichte der Opferung Isaaks durch seinen Vater Abrahams ist ein Paradebeispiel für den autoritären Gott. Der Mensch Abraham gehorcht dieser Autorität.
Auch der Mensch Jesus unterwirft sich dieser Autorität: "Doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst".
Viele Grüße
Thomas
Hallo Thomas,
für die "Opferung Isaaks" gibt es unzählige Interpretationen. Man kann die Geschichte so verstehen, dass Gott das Vertrauen Abrahams in seine Verheißung prüft; denn mit dem Tod Isaaks wäre ja die Sohnesverheißung in Frage gestellt, deren Erfüllung wegen des hohen Alters Saras schon schwierig genug erschien. Oder auf uns bezogen: Vertrauen wir Gott, auch wenn er seinen Verheißungen scheinbar Widersprechendes von uns verlangt? Es geht also nicht um eine autoritäre Machtausübung Gottes, der irgendetwas befiehlt, dem der Mensch dann gehorchen muss, sondern darum, ob Abraham seine Vertrauenswürdigkeit anerkennt (bzw. ob wir sie anerkennen); ob er anerkennt, dass Gott zu seinen Verheißungen steht und insofern im positiven Sinne Autorität hat (nicht im negativen Sinne autoritär ist).
Dasselbe gilt für Jesu Satz "Doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst." Es geht um das Vertrauen Jesu, dass sein himmlischer Vater es gut mit ihm (und der Menschheit) meint, und zwar auch dann, wenn er ihn den Weg des Leidens und Sterbens gehen lässt. Auch hier ist Gott ja kein Machthaber, der seinen Willen durchsetzen will, sondern der seinen Sohn liebende Vater, der weiß, dass Jesu Weg der Liebe durch das Leiden und Sterben führen muss, und dem schließt sich Jesus an - nicht widerstrebend und gezwungenermaßen sich dem Befehl eines Stärkeren ergebend, sondern, wenn auch Leid und Tod scheuend, dem Liebesgebot dienend und dem Vater vertrauend. Es ist ja ein Unterschied, ob ich mich widerwillig der Macht eines Stärkeren beuge, oder ob ich mich dem guten Willen eines anderen, dessen Einsicht und Liebe ich vertraue, anschließe, auch wenn es mir schwerfällt.
Viele Grüße
Klaus
"Heiliger Gott,
Heiliger Starker,
Heiliger Unsterblicher
erbarme Dich unser."
Das ist die natürliche Beziehung zwischen Herr und Knecht, Schöpfer und Geschöpf. Auch die Juden haben schon den Gottesnamen durch "Adonai" ersetzt, also Herr im Majestätsplural.